Nr. 289 Erster Blatt
179. Jahrgang
Dienstag, 10. Dezember 1929
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Die Wahlen in Thüringen und Bayern.
2m Grunde haben die bayerischen Gemeinde- und die thüringifchenLand- tagSwahlen so ungefähr alle Erfahrungen bestätigt, die wir während der letzten vier Wochen bei den Kommunalwahlen in Preußen und Hessen und den Landtagswahlen in Baden gemacht haben. „Hitler frißt Hugenberg" — die Presse der Linken hat sich dieses Schlagwort seither weidlich an den Schuhsohlen abgelaufen, und sie wendet es in den Fällen Bayern und Thüringen noch einmal an. Man kann ihr nun leider nicht so ganz unrecht geben, wenn sie behauptet, daß die Erfolge der Nationalsozialisten zum guten Teile zu La st en der Deutsch- n a H o n a l c n Dolkspartei gehen. Gerade in Thüringen ist doch aber nicht zu verkennen, daß auch die bürgerliche Mitte Ber- luste erlitten hat, wenn ihr Ausmaß auch geringer ist als das der Deutschnationalen. 3m ganzen muß man von einer Verschiebung des Schwerpunkts auf der Rechten sprechen, und niemand wird leugnen wollen, daß diese Erscheinung mit auf die Politik des Reichsausschusses für das deutsche Volksbegehren zurück- zusühren ist, von dem wir schon bei Beginn seiner Aktion sagen mußten, daß er durchaus das Gesicht seiner radikal st en Strömung trägt.
Dio Ergebnisse der bayrischen Gemeindewahlen Mfcn sich natürlich schwerer analysieren als die Stimmziffern aus Thüringen, weil innerhalb der Kommunen regelmäßig örtliche Momente sehr stark mitsprechen. Auch hier gibt es aber Ergebnisse, die politisch ganz eindeutig sind und bei allen, die ernsthaft arbeiten wollen, schwere Bedenken erwecken müssen. Wir erinnern an das Coburger R e s ul lat, wo es den Nationalsozialisten gelungen isc, ihre absolute Mehrheit im Stadtrat zu behaupten, so daß sie dort eine Gemeindepolitik treiben können, tve kaum in Einklang mit den allgemeinen Staatsersordernissen zu bringen ist. In Pirmasens, wo die Hitlerbewegung offenbar vor allem ihre wirtschaflssozialistifche Frontstellung herausge- kehrt hat, konnte sie die stärkste Partei des SIadtrats werden. Auch aus der übrigen Pfalz liegen ähnliche Meldungen vor, die olle nur be weisen, wie skrupellos der Nationalsozialismus die bedrängte Wirtschaftslage des besetzten Gebietes für feine politische Agitation nutzbar gemacht hat. Hier sind denn aud) feine Erfolge wohl im wesentlichen zu Lasten der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei erzielt worden, während in der anderen Hochburg des bayrischen Nationalsozialismus, in Dberfranfen, die Deutschnationalen die Zeche haben bezahlen müssen.
21m durchsichtigsten und im Hinblick auf seine politischen Konsequenzen am leichtesten auszu- deuten ist aber noch das Thüringer Landtagswahlergebnis. Hier ist nicht zu übersehen, daß die Sozialdemokratie gegenüber öen Reichstagswahlen vom Vorjahre ein Minus von rund 90 000 Stimmen zu verzeichnen hat, dessen Bedeutung auch dadurch nicht geringer wird, daß sie gegenüber den thüringischen Landtagswahlen von 1927 noch etwa dreitausend Stimmen mehr herausholen konnte. 'Denn wäh- reird sich die Zahl der sozialdemokratischen Wähler seit 1928 vermindert hat, ist es der Landvolkpartei gelungen, dagegen noch 7000 Stimmen mehr zu mobilisieren. Äehnliches ist bei der Wirtschastspartci der Fall, und am sinnfälligsten ist der Zuwachs an Wählern bei den R a t i o n a l s o z i a l i st e n, die 1927 in Thüringen etwa 28 000 Stimmen, im darauffolgenden Jahre etwas über 30 000 und jetzt mehr als 90 000 Wahlzettel auf sich vereinigen konnten. Demgegenüber stehen bei den De utschnationalen Verluste, die etwa 30 v. H. ausmachen, bei der V o l k s p a r t e i ein Stimmenschwund von nahezu 20 v. H. Allerdings ist hierzu au bemerken, daß bei den letzten thüringischen Land« tagswahlen die Deutschnationalen, die Landvolkpartei, die Deutsche Volkspartei und das Zentrum eine Einheitsliste präsentiert hatten, so daß die Stimmen des Zentrums, diesmal rund 10 000, nicht unter den Tisch fielen, fonöcm der Wahlgemeinschaft zu einer ausreichenden Vertretung im thüringischen Landtag verhelfen konnte, mit deren Hilfe es den vier Parteien gelang, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen.
Man muß sich nun fragen, ob die thüringischen Wahlen an der politischen Dynamik des Landes Wesentliches geändert haben. Wir sind nicht der Lieberzeugung, daß das thüringische Parlament regierungsfähiger geworden ist. Theoretisch läßt sich zwar unter Einbeziehung der Rationalsozialistcn eine knappe bürgerliche Mehrheit errechnen, die stimmenmäßig etwa 50 000 betragen dürste, der Mandatsziffer nach aber kaum mehr als vier bis fünf, da die Demokraten ihrer ganzen bisherigen Haltung nach für eine solche bürgerliche Einheitsfront kaum zu haben sein werden. Es darf auch nicht übersehen werden, daß die Einbeziehung der Rationalsozialisten von vornherein eine wesentliche B e l a st u n g bedeuten würde, und daß die Arbeitsfähigkeit einer derartigen Regierung von vornherein dadurch in Frage gestellt wäre, daß die Leute Hitlers jederzeit den Anordnungen ihres unverantwortlichen Führers unterstehen. Man mühte sonach also vielleicht doch wieder an eine „Große Koalition" denken, obwohl hier angesichts der außerordentlich radikalen Tendenz in der thüringischen Sozialdemokratie die Schwierigkeiten nicht minder groß wären. Bleibt endlich ein bürgerliches Minderheitskabinett, das entweder von der Deutschen Dolkspartei oder den Rational
sozialisten stillschweigend toleriert würde. Wir wissen aber hinreichend, daß mit derartigen Minderheitsregierungen unter schwierigen politischen Verhältnissen nicht viel anzufangen ist. wenn nicht an ihrer Spitze eine politische Persönlichkeit von überragendem Format steht. Das Wahlresultat des letzten Sonntags hat also das thüringische Koalitionsrätsel u n g e l ö st gelassen.
Das deutsche Volk ist von einem tie'en Mißtrauen erfüllt gegen das heutige System einer Regierung, deren Llnfähigkeit zur Meisterung der lebenswichtigen politischen Au gaben es fühlt. Wenn heute i.n.ner zahlreichere Wählermassen sich dem politischen Radikalismus zuwenden, dann spricht daraus die Sehnsucht nach einer politischen Führung, die sich unabhängig macht von dem Getriebe der Parteien und Interessentengruppen. Es geht durch das ganze Volk eine tiefe Sehnsucht nach einer wirklichen Führung, die die Verbundenheit des einzelnen mit dem Staat wieder her
stellt, jene Verbundenheit, die heute nicht vorhanden ist, weil der einzelne den Staat immer nur durch die Vermittlung der Partei oder In- teressentengruppe zu sehen in der Lage ist. Lieber- all ist die Erkenntnis lebendig geworden, daß die gegenwärtige gefahrdrohende Entwicklung in Deutschland ganze Entschlüsse erfordert, die nur von verantwortungsbewußlen Einzelpersönlichkeiten. nicht aber von anonymen Kommissionen gefaßt werden können. Deshalb richtet sich der Spruch der Wählerschaft in Thüringen und Bayern als Warnung an alle, die für die Aufrechterhaltung des jetzigen politischen Betriebes verantwortlich sind. Die Geduld des Volkes ist erschöpft. Der Llnwille der 'Wählerschaft sucht sich Lust zu machen durch die Abwanderung zum Radikalismus. Die Stunde erheischt aber eine Zusammenfassung aller staatsbür- gerlichen Kräfte zu einheitlicher kraftvoller Führung.
Die Regierungserklärung auf Donnerstag verschoben. Einigung des Reichskabineits über das Jinanzproqramm Hilferdings.
Berlin, 9. Dez. (privat.) Das Reichskabinett trat zur Beratung über das Finanzprogramm und die bevorstehende Regierungserklärung zusammen. Ls unterbrach die Sitzung in den Mittagsstunden, zumal der Reichskanzler und eine Reihe weiterer Minister an dem vom Reichspräsidenten zu Ehren von Runtius Pacelli veranstalteten Abschiedsbankett tcilnahmen. wie der „vorwärts" meldet, endete die Sitzung des Kabinetts eine halbe Stunde nach Mitternacht mit der Annahme einer Erklä - r u n g, die etwa fünf bis sechs Schreibmaschinenseiten umfaßt und in ihrem Inhalt inder Hauptsache den Entwürfen hllferdings entspricht. — Die Regierung will sich geschlossen hinter diese Erklärung stellen, die ein fi o m p r o - m i ß darstellt und zwischen Regierung und Regierungsparteien jedenfalls noch z u lebhaften Besprechungen Anlaß geben wird. Ob die „Konkordienformel" gefunden ist, steht also noch dahin. — Die Erklärung der Reichsregierung wird, wie wir von unterrichteter Seite erfahren, erst am Donnerstag im Reichstag abgegeben, und zwar auf Wunsch der Partei- führ er, die erst morgen um 11 Ahr von der Regierung orientiert werden können und Zeil zu haben wünschet,, mit ihren Parteien zu verhandeln. — Der Sozialdemokratische Pressedienst schreibt, daß über die vorhandenen Gegensätze in der Frage der Fi-
nanzresorm bisher noch keine Verhandlungen zwischen den par'eien und der Regierung stattgesunden hätten und daß sich noch keine Verständigung angebahnt hätte. Darin sieht der Sozialdemokratische Pressedienst eine sehr große Schwierigkeit, da über so schwerwiegende Fragen, wie sie durch das neue Finanzprogramm aufgeworfen würden, in wenigen Stunden keine Verständigung unter den Regierungsparteien gefunden werden könne. Man brauche nur an das Un- annchmbar zu denken, das die Bayerische Volkspartei der geplanten Blerfleuer- erhöhung entgegengesetzt habe. Auch die Sozialdemokratie lehne das Regierungsprogramm in einzelnen Teilen ab. vor allem aber gingen öle Forderungen der Demokraten und gar der Deulschen volkspartej soweit überöie vorschlägeder Regierung hinaus, daß man es für unmöglich halte, daß die Reichsregierung bereits im jetzigen Stadium eine ins einzelne gehende Darstellung der künftigen Fmanzresonn geben könne. Ebensowenig könnten die Parteien durch ein Vertrauensvotum diese Absichten der Reichsregierung billigen und sich auf sie verpflichten. — Der „Börsenkurier" rechnet damit, daß infolge der großen Gegensätze zwischen den Regierungsparteien die Kanzlererklärung e r st am Freitag erfolgen werde.
Abschied des Rvntius Pacelli von Berlin.
Berlin, 9. Dez. (WTB.) Reichspräsident v. Hindenburg empfing am heutigen Vormittag den apostolischen Runtius Monsi- gnore P a c e l l i zur Entgegennahme seines Ab- berufungsschreibens. Der Runtius war von dem Chef des Protokolls, Gras T a t t e n ba ch, im Wagen des Herrn Reichspräsidenten abgeholt worden: bei der Einfahrt in den Hof des Reichspräsidentenpalais erwies eine Ehrenwache die üblichen Ehrenbezeugungen durch Präscnti'eren des Gewehrs unö Schlagen des Präsentiermarsches. An dem Empfang nahmen außer der Umgebung des Reichspräsidenten der Reichsminister des Auswärtigen, Dr. C u r t i u s , sowie Staatssekretär Dr. von Schubert teil.
Der Nuntius
erklärte il a.: „Herr Reichspräsident! Rach langen, ereignisreichen, für Kirche und Staat hoch bedeutsamen Jahren schlägt für mich die Abschiedsstunde von Deutschland. Der Wille meines erhabenen Souveräns, Seiner Heiligkeit des Papstes Pius XI. ruft mich zurück in die Ewige Stadt.
Als ich vor langen Jahren zum erstenmal den Fuß auf deutschen Boden setzte, stand Europa unter dem düsteren Zeichen des Krieges. Heute, wo ich, dem Rufe Seiner Heiligkeit fokjcnb, meine Schritte nach der Tiberstadt zurücklenke, kann ich es tun in dem erhebenden Bewußtsein. daß trotz aller Hemmungen und Schwierigkeiten das Verständnis für die hehre Sache des Friedens bei allen Völkern fühlbare Fortschritte gemacht hat. Wenn Deutschland in diesem Ringen um die steigende 'Verwirklichung des Friedensund Verständigungsgedankens heute bereits beachtenswerte und unleugbare Erfolge zu verzeichnen hat, so weih die Welt, in welch starlem Vlahe diese erfreuliche, durch die weitblickende Staatskunst früherer Führer von langem her grundgelegte und vorbereilete Weiterentwicklung in ihrem j^ftigen Stadium der abgeklärten Weisheit Eurer Exzellenz zu verdanken ist. wie auch der bis zum Tode gewährten Hingabe desjenigen, den in dieser Stunde vermissen zu müssen, mir aufrichtiger Schmerz ist. 2ch möchte von dieser Stelle nicht scheiden, ohne des verstorbenen Herrn Reichsauhenministers Dr, Stresemann in Trauer gedacht zu haben."
Der Herr Reichspräsident erwiderte u.a.: „Herr Nuntius! Ich habe die Ehre, aus den Händen Eurer Exzellenz das Schreiben entgegenzunehmen, wodurch Seine Heiligkeit der Papst Sie von Ih.em Posten als apostolischer Nuntius In Berlin abberuft, um Ihnen die hohe Würde des Kardinalrates zu verleihen. Neun Jahre find vergangen, seitdem mein Borgänger Eure Exzellenz hier als den ersten bei der Reichsregierung beglaubigten Botschafter willkommen hieß. Es war die fchicksälschwere Zeit, als die Arbeit des Wiederaufbaues und die Bemühungen um einen wahren Frieden einfetzten. Sie haben alle Phasen dieses Ringens inmitten des deutschen Volkes durchgeinacht und dieses auf seinem schweren Weg allezeit mit aufrichtiger Anteilnahme begleitet. Wenn die Verständigungsbereitschaft allmählich an Boden gewinnt, fo ist dies nicht zuletzt dein unermüdlichen Wirken Ihres erhabenen Souveräns zu verdanken, der keine Gelegenheit unbenutzt läßt, um seinerseits zum Frieden zu mahnen. Aber auch was Eure Exzellenz während Ihrer hiesigen Tätigkeit an vorbildlicher Friedensarbeit ge leistet haben, wird Ihnen unvergessen bleiben wie aUes, was Sie für die Erhaltung und Festigung der freundschafllichen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland getan haben.'
21n den Empfang schloß sich eine längere U n - terhaltung, die von besonderer Herzlichkeit getragen war und in deren Verlauf der Herr Reichspräsident dem Nuntius f e i n B i l d zur p e r j ö n- lichen Erinnerung überreichte. Bei seiner Abfahrt wurden dem Kirchenfürsten die gleichen militärischen Ehrenbezeugungen wie bei seiner Anfahrt erwiesen.
Abschiedsfrühstück beim Reichspräsidenten.
Ein Trinkspruch des scheidenden Nuntius.
Berlin, 9. Dez. (WB.) Der Reichspräsident gab heute zu Ehren des scheidenden apostolischen Runtius Monsigiwre P a c e l l i ein Frühstück, an dem unter anderen teilnahmen: ber Reichskanzler, die Reichsminister Dr. Curtius, Dr. Wirth, Dr. S ch ä t° zel, v. Guerard und Dr. Stegerwald, der preußische Ministerpräsident Dr. h. c. r a u n und vtaatsminister Dr. Becker, die Staats
sekretäre v.Schubert, Dr.Pünder und Shx Meißner, Bischof D. Schreiber, der französische Botschafter de Margeri e, der spanische 'Botschafter Dr. Espinosa de los Monteros. Während des Essens erhob sich der Reichspräsident zu einem Trinkspruch, in welchem er feinem Bedauern über das Scheiden des Runtius Ausdruck gab und ihm gesegnete Weiterarbeit in seinem neuen Hoheit Amte wünschte. Runtius Pacelli dankte und schilderte dann mit folgenden Worten seine Verehrung für den Reichspräsidenten: „Herr Reichspräsident! Rach- dem ich bereits heute morgen durch Aeberreichung meines Abberusungsschreibeits die Beendigung meiner Mission in Deutschland Ihnen amtlich zur Kenntnis gebracht habe, ist es mir ein Herzensbedürfnis, in Erwiderung Ihrer huldvollen Worte, die Sie soeben an mich zu richten die große Güte hatten, Ihnen auch in diesem erlauchten Kreise zum Ausdruck zu bringen, m i t welch aufrichtigen Gefühlen der Verehrung ich von Ihrer erhabenen Person scheide. In bewundernswerter Gei st es- und Körperfrische, an der das Alter feine Macht verloren zu haben scheint, meistem Eure Exzellenz Ihr schweres Amt, welches das Vertrauen Ihres Volkes auf Ihre Schultern gelegt hat. I n männlichem ötarlmut und vorbildlichem Gottvertrauen gehen Sie den Ihnen von Weisheit und Mäßigung gezeichneten Weg, der ein Weg des Friedens und der Versöhnung ist. In der frohen Hoffnung, daß auf diesem Wege Deutschland und der Menschheit segensreiche "rächte des wahren und gerechten Friedens reifen mögen, gilt mein Glas und mein letzter Abschiedswunsch Ihnen, Herr Reichspräfideitt, und dem Ihrer Führung anvertrauten Lande und Volke."
Die bayrischen Titel verfassungswidrig.
Entscheidung des LtaatsgcrichtshofS.
Leipzig, 9. Dez. (WB.) Vor dem Staats- gerichtshof für das Deutsche Reich unter dem Vorsitz des Reichsgerichtspräsidenten Dr. B u m t c wurde heute die Anfechtung der Praxis der T i t e l v e r l c i h u n g e n in Bayern durch das Reich verhandelt. Rach Artikel 109, Abs. 4 der Reichsverfaffung dürfen Titel nur verliehen werden, wenn sic ein Amt oder einen Beruf bezeichnen. Das Reichsministerium des Innern beantragt zu entscheiden, daß die Verleihung von Ehrentiteln, die die bayerische Staatsregierung vornimmt, mit dieser B e - st i m m u n g nicht vereinbar ist. Bayern stellt sich auf den Standpunkt, daß die verliehenen Titel den Erfordernissen der Reichs- versassung durchaus entsprechen, erklärt den. Antrag des Reiches für unzulässig, da nach Artikel 15 der Reichsverfassung die Reichsregierung zunächst eineformullerteMän- g e l r ü g c an die bayerische Staatsregierung hätte richten müssen und bestreitet der Reichs- regievung das Recht, den Staatsgerichtshof gemäß Artikel 19, Absatz 1, in dieser Frage an- zurusen, da es sich um keinen Streit um geltend gemachtes und umstrittenes Recht handele. Der Reichsregierung liege der Rachweis ob, daß d i e einzelnen beanstandeten Titel nicht ein Amt oder einen Beruf bezeichnen.
Nach einer lebhaften und ausgedehnten Aus spräche der Vertreter der Parteien verkündete der Staatsgerichtshof um 9 Uhr folgende Entschei. düng:
Die Verleihung von Titeln zur Aliszeichnung einzelner beamteter oder nichtbeamteter Personen (Ehrentitel) ist mit Artikel 109 Absatz 4 der Reichs- Verfassung unvereinbar. Zur Begründung für die Entsltxeidung des Staatsgerichtshofes führte der Vorsitzende, Reichsgerichtsprafident Dr. B u m k e, u. a. folgendes aus:
Der Staatsgerichtshof hat erwogen, daß das Wort „Verleihen" von Titeln sowohl im engeren Sinne einer besonderen Verleihung gebraucht wird, wie auch in einem weiteren Sinne, nämlich in dem Sinne, daß die Verleihung einen integrierenden Bestandteil ber Uebertragung e i n es A mtes oder der Zulassung zu einem Berufe bilbet. Für den Staatsgerichtshof kommt ferner in Betracht, daß es in Artikel 109 Absatz 4 heißt, Titel dürfen nur verliehen werden, wenn sie ein Amt oder einen Beruf bezeichnen. Der Staatsgerichtshof kann sich nicht der Auffassung anichließen, daß dieses Erfordernis schon bann erfüllt sei, wenn ber Wortsinn diesesTitels in Irgendeiner Beziehung ; u dem Amte ober z u dem Berufe steht, sei es durch historische Bindungen oder Prägung bestimmter Ausdrücke im Dolksmund, wie Iustizrat für Rechtsanwälte, Sanitätsrat für einen Arzt, sondern ber Staatsgerichtshof ist der Meinung, baß hier mehr gefordert werden muß, und daß dieser Titel das Amt oder den Be- ruf ein für allemal zu bezeichnen hat.
Der Volksentscheid.
Ein Aufruf des Präsidiums des Reichs- ausfchusses.
Berlin, 9.Dez. (TU.-Funkfpruch.) Das Prä- fibium des R e i ch s a u s s ch u f se s für das De utsche Volksbegehren hat in feiner Styling am Montag einstimmig beschlossen, einen "Ufruf zu erlassen, in dem es u. a. heißt:
„Volk gegen Reichstag! Die regierende Mehrheit des Deutschen Reichstages hat bas Freiheitsgesetz a b g e 1 e h n t. Parlamentarische Minister haben einen Sieg ber nationalen Front schon beim Volksbegehren als aussichtslos bezeichnet. Trotzdem


