Ausgabe 
10.9.1929
 
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Nr. 2\2 Zweites Blatt

Zubilaumstagung des Deutschen Vuchdruckerveretns.

WSR. Mainz. 9. Sept. Der Deutsche Duchdruckerverein hält in den Tagen vom 7. bis 10. September in der Gutenbergsladt, in der vor sechzig Jahren seine Gründung erfolgte, seine diesjährige Hauptversammlung ab.

Qlm Samstagabend wurde die Tagung durch einen Festakt int Akademiesaal des Kurfürst­lichen Schlosses feierlich eröffnet. Aamens des Hauptvorslandes des Deutschen Duchdruckerver- eins widmete der Vorsitzende Z i ck f e l d (Oster- Wiek) der stattlichen Versammlung herzliche Ve- grühungsworte. Der Redner gab dann einen kur­zen ileberblid über die tigkeit des Ver­eins in den letzten zehn Jahren. Wie ein roter Faden ziehe sich der Wille zur sozialen Verständigung mit der Gehilfenschaft durch die Geschichte des Vereins. Der Verein, der bei der Gründung 416 Mitglieder zählte, weise nun einen Mitgliederbestand von rund 6300 auf, bei denen etwa 80 Prozent der gesamten Arbeiter­schaft des Duchdruckgewerbes beschäftigt seien. Der Kampf gegen das Schleuderun­wesen. das das Vuchdruckgewerbe in seinen Grundfesten erschüttere, habe nur dann Erfolg, wenn der Gemeinschaftsgedanke auch auf diesem Gebiet voll zur Geltung komme. Oberbürger­meister Dr. K ü l b (Mainz) überbrachte sodann die Glückwünsche und Grüße der Stadt, die sich mit unbestreitbarem Recht rühmen könne, Wiege der Duchdruckkunst zu sein. Er übermittelte auch als Vorsitzender der Gutenberggesell- schäft dem Verein herzliche Glückwünsche und teilte unter Überreichung eines Exemplars mit, daß die Gesellschaft als Zeichen ihrer Hoch- schähung das diesjährige Gutenberg-Jahrbuch dem Deutschen Vuchdruckerverein zugeeignet habe. Aamens der hessischen Staatsregierung über­brachte hierauf der hessische Minister für Arbeit und Wirtschaft, Korell, Grüße und Glück­wünsche. Er beglückwünschte den Verein beson­ders zu seinem Bestreben, durch Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern das Gedeihen des Buchdruckgewerbes zu fördern. Er sagte als Wirtschaftsminister dem Verein volle Unterstützung in seinen berechtigten Forderungen auf einen angemessenen Preistarif zu. Er begrüße cs daß der Verein durch entsprechende Selbst­bild die Schleuderbetriebe ausschalte. Weitere Grüße überbrachten Ae v e n - Du m o n t (Köln) namens des Vereins Deutscher Zeitungsverleger, Schöler (Wien) im Auftrage des Hauptver- bandcs der Buchdruckereibesiher Oesterreichs und Kommerzienrat Scholz (Mainz) namens der Industrie- und ^Handelskammer sowie der Hand­werkskammer. 1 Aach Dankesworten des Vor­sitzenden hielt sodann Prof. Kautzsch (Frank­furt a. M.) einen Festvortrag über die ersten Mainzer Drucker. Die Tagungsteilnehmer ver­sammelte.^ sich hierauf zu einem Degrüßungs- abend des Kreises III des Deutschen Buchdrucker- Vereins in der Stadthalle, wobei der Vorsitzende des Kreises, August Philipp O st e r r i e t h (Frankfurt a. M.) die Gäste herzlich willkommen hieß.

Der geschäftliche Teil der Tagung begann am Sonntag in der Mainzer Stadthalle mit einem Vortrag von Professor Götz Brieh von der Technischen Hochschule Charlottenburg über das ThemasW i r t s ch a f t s f r a g e n des Buch­druckgewerbes im Rahmen der Ge­samtwirtschaf t." Der Redner setzte wich­tige Probleme des Vuchdruckgewerbes in Paral­lele mit ähnlichen Vorgängen in der Gesamt­wirtschaft und ging auf die in den ungünstigen Preis- und Wettbewerbsverhältnissen begrün-

Dämonen der Zeit.

Vornan von Arthur Brausewetter.

26 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Wir Hutten Besuch: Herrn v. Donin auf Klesch- kau, unseren nächsten Aachbar. Fräulein Bar­bara hatte manchmal von ihm gesprochen, und ich war gespannt, ihn kennenzulernen. Er hat ein fcharsgezeichnetes, ausdrucksvolles Gesicht und eine kühle, vornehm abwägende Art, in der er sich mit Barbara berührt.---

Die Herrschaften sind verreist. Beide. Es heißt, zu ihrer Erholung. Ich glaube nicht daran. Zu­mindest wird diese recht kurz kommen.

Ich bin mit dem gnädigen Fräulein allein. Wir essen zu zweien und sind auch vor und nach den Mahlzeiten zusammen. Obwohl wir uns dann über alles Mögliche unterhalten, bleibt unser Ge­spräch immer in den herkömmlichen Bahnen. Aäher bin ich ihr jedenfalls nicht gekommen. Sie wahrt nach wie vor ihreherrschaftliche" Zu­rückhaltung. und nur dann und wann klingt ein Etwas aus ihren Worten, aus dem ich fast annehmen möchte, daß sie einen anderen Geist empfangen hätte, als ihre Eltern.

Gestern nach dem Kaffee fragte sie mich, ob ich Zeit hätte, einmal mit ihr in die Wirtschaft zu fahren, sie hätte die Felder lange nicht gesehen und mochte auch dem Vater aus eigener An­schauung berichten.

Aatürlich sagte ich zu und lieh den Selbstfahrer anspannen, weil ich weiß, daß sie stets kutschiert.

Es war ein wundervoller Julinachmittag. Die Sonne stand wie eine strahlende Königin am paradiesisch blauen Himmel und hielt segnende Hände über die fruchtstrotzenden Aecker und das 'Goldmeer des Getreides.

Die Blätter der den Weg einsäumenden Bäume flimmerten in weicher Helle, und Stare schweb­ten wie ein dünner Wolkenstreif in der durch­sichtig klaren Luft. Ein leichter Wind wiegte die schweren Aehren, und von den Wiesen drang würziger Dust zu uns herüber. Es war ein Tag des Lichtes und des Glanzes.

Straff und schweigend sah Fräulein Barbara auf ihrem Kutschersitze, als gehörte ihre Auf­merksamkeit allein den beiden Falben, die seit der Abreise der Herrschaft nichts zu tun hatten und so scharf in den Zügeln gingen, daß ich den Augenblick erwartete, in dem sie mir die Leine geben würde. Aber sie tat es nicht, und wußte mit weicher und zugleich fester Hand dem Ueber- mut der jungen Tiere zu steuern. Aur ab und zu nickte sie kurz zu meinen kurzen Bemerkungen oder Hinweisen auf die Felder mit dem Kopfe, und ich merkte, daß sie ein gutes Auge für alles uip sie her hatte.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 10. September (929

Nansen über die Polarexpediiion desGraf Zeppeiin".

Professor Frithjof Aansen, der sich auf der Durchreise nach Genf zur Dolkerbundsversamm- lung in Berlin befand, hat sich in den wenigen Stunden seines Aufenthaltes sehr eingehend mit den Herren der Aero-Arktik über die Vorbe­reitungen der Zeppelin-Polarexpedition im näch­sten Sommer unterhalten. Frithjof Aansen äu­ßerte sich über die Zeppelin-Polarexpedition, an der er führend mitwirken wird, wie folgt: Der Start des .Graf Zeppelin" erfolgt im näch­sten Jahre im April zunächst zu mehreren wissenschaftlichen Beobachtungs­fahrten nach der Arktis, die naturgemäß nur als Vorbereitungen gedacht sind zu dem gesamten Arbeits- und Forschungsprogramm der Aero- Arktik, die eine ständige Ueberwachung der Arktis, die Aufstellung und Unterhal­tung ortsfester Funkstationen, die in täglicher Verbindung mit dem synoptischen Aeh der Aord- halbkugel stehen, vorsieht.

Die Zeppelin-Polarexpedition will bei ihren ersten Fahrten in der Hauptsache ozeanographi­sche, erdmagnetische, ärologische und andere wissenschaftliche Beobachtungen machen, die ja auch von eminent wichtiger praktischer Bedeu­tung sind. Es ist bekannt, daß die moderne Me­teorologie nachgewiesen hat, daß die Witte­rung der gesamten gemäßigten Zone unserer Halbkugel dauernd von der Lage der sogenannten Polarfront beherrscht wird, und daß es daher erforderlich ist, die Polar­gegend ständig zu beobachten und diese Beobachtungen an die Wetterzen^ralen unserer Breiten weiterzuaeben. Dann sollen geographische Feststellungen schlecht bekannter und vielleicht völlig neuer Länder und Inseln gemacht und die Grenzlinie zwischen dem unter­seeischen Kontinentalrand und der

T i e f s e e mittels eines neuartigen Echolotes bestimmt werden. Schließlich soll die Grenzhöhe und die Uebergangsart zwischen Troposphäre und Stratosphäre nach einer neuartigen Methode festgestellt werden.

Der Start erfolgt im nördlichsten Aorwegen in Tromsoe , wo ein Ankermast errichtet wird und die Fahrt geht dann entlang der ameri­kanischen Seite des Polarbeckens nach Fair- banks in Alaska, wo ebenfalls ein Ankermast aufgestellt wird. Dort soll ein Stützpunkt er­richtet werden. Aach mehreren Ruhetagen wird dann der Vorstoß in die innere Ark - t i s erfolgen. Aansen hofft, daß an einer gün­stigen Stelle gelandet werden kann, um Tie­fenlotungen usw. vorzunehmen. Später geht es wieder zurück nach Fairbanls und von dort entlang der asiatischen Seite der Arktis wieder nach Tromsoe. Für die gesamte Strecke, die etwa 18 000 Kilometer ausmacht, ist eine Fahrdauer einschließlich der Ruhepausen von 18 bis 25 Tagen veranschlagt. Professor Aansen weist dar­auf hin, daß selbstverständlich eine voll­ständige Polarausrüstung wie Schlit­ten, Kajals, Polarhunde, transportable Radio­stationen, Waffen und Lebensrnittel für 90 Tage mitgenommen werden, damit im Falle eines Unglücks der Rückmarsch in größeren oder kleineren Gruppen über das Packeis nach aus­gewählten Punkten des Festlandes angetreten werden kann. Da indessen die meteorologischen Bedingungen zur Zeit der Expedition außer­ordentlich günstig sind, und es in dieser Jahres­zeit keinen Sturm und wenig Wind gibt, und zudem die Temperaturen immer gleichbleibend, Tage und Rächte hell sind, gibt Aansen der Hoffnung Ausdruck, daß die ganze Expedition wunschgemäß verläuft.

deten geschäftlichen Schwierigkeiten der Buch­druckereibesitzer ein.

Generaldirektor Dr. Woelck-Berlin nahm Stellung zu den aktuellen Fragen der Sozialpolitik, insbesondere zur Reform der Arbeitslosenversicherung und den Gesetzentwürfen eines Arbeitsschuhgesetzes und des Bevufsaus» bildungsgesehes. Cs wurde eine Entschlie­ßung angenommen, in der ein A b b a u der Steuern, eine maßvollere Sozial­politik und eine schnelle Reform der Arbeits­losenversicherung, die Rücksicht nimmt auf das Wohl der Gesamtheit, gefordert wurde.

Hofrat Weber (Leipzig) sprach überW iri­sch a f ts a m t und Normenausschu ß". Di­rektor Sturm (Leipzig) hielt einen Vortrag über Die Preisgestaltung im Buchdruck- geroerbe und die bisherigen Erfolge der Kollegialabkomme n". 3m Anschluß daran wurde folgende Entschließung ange­nommen:Die Aussprache über die Lage des Buch­druckgewerbes auf der Zubiläumstagung des Deut­schen Buchdruckervereins in Mainz hat ergeben, daß die wirtschaftliche Not im Buchdruck­gewerbe bedrohlich st e Formen ange­nommen hat. Zeigen die Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden für die Lebensnotwendigkeiten des Druckgewerbes nicht in letzter Minute das not­wendige Verständnis, so ist eine wesentliche Ein­schränkung in den Betrieben und damit eine noch größere Zahl der Arbeitslosen im Druckgewerbe die unausbleibliche Folge. Don der Reichsregie­rung, den Länderregierungen und Parlamenten wird gefordert, daß mit der Gründung und Ver­

größerung der Regiebetriebe Schluß ge­macht wird und daß die bestehenden unwirtschaft­lich arbeitenden abgebaut werden. Weiter wird er­wartet, daß, wie wiederholt gefordert ist, endlich die letzte Erhöhung des Portos für Drucksachen rückgängig gemacht wird. Diese Portoerhöhung belastet das Druckgewerbe doppelt und schädigt es aufs empfindlichste, weil der Ver­brauch von Drucksachen durch diese Portoerhöhung erheblich zurückgegangen ist und außerdem viel Druckaufträge zwecks Portoersparnis an Druckereien im Ausland vergeben werden."

Am Sonntagabend vereinten sich die Teilnehmer an der Iubiläumstagung zu einem Festessen im großen Saal der Stadthalle, wobei der stellvertre­tende Vorsitzende des Deutschen Buchdruckervereins Worte der Begrüßung sprach und zugleich dem Dank an die Stadt Mainz für die gastliche Auf­nahme Ausdruck gab. Sein Hoch galt dem deut­schen Vaterland und dem Wunsche, daß das Rhein­land bald volle Freiheit genießen möge. Oberbür­germeister Dr. Külb begrüßte auch hier die Er­schienenen. Er wies darauf hin, daß Mainz und ganz Deutschland mit Recht stolz auf die einzigartige Erfindung Gutenbergs seien. Hätte Welschland die­sen Fund gemacht, des Rühmens wär kein Ende. Nun hat ein Deutscher diese Kunst erdacht, drum wird es nicht gegönnet. Die einzige Waffe, die uns geblieben sei, sei die Waffe des Geistes. Sie fei mit Erfolg geführt worden, da in absehbarer Zeit das Rheinland frei werde. Sein Hoch galt dem Buch­druckerverein. Musikalische und künstlerische Darbie­tungen umrahmten den stimmungsvollen Abend.

Dann war es ihr gelungen, die Pferde zu einer ganz ruhigen Gangart zu bekommen. Wir fuhren im Schritt auf einem schmalen Wege da­hin, an dem zur Rechten ein Schlag Roggen, der morgen gemäht werden sollte, zur Linken ein Weizenfeld mit dichten Halmen und prall- dicken Aehren bis an den Horizont sich breitete.

Mit einemmal hielt sie den Wagen an und sagte:Gibt es nun wohl auf der ganzen Welt etwas Schöneres und Größeres als dies hier? Unb verstehen Sie, daß über all diesem Wachsen und Leuchten für mich immer eine tiefe Trau­rigkeit liegt, und daß ich deshalb so fetten in die Felder fahre?"

Ob ich es verstehe! Und mir war, als wären sich in dieser Sekunde nicht nur unsere Blicke, sondern unsere Seelen begegnet.

Ja, ich weih es," fuhr sie fort, die Pferde zu einem leichten Trabe antreibend.Sie fühlen in diesen Dingen wie ich. Sie haben ein Herz für dieses Land, das uns sein Bestes gibt, und dem man mit so wenig Liebe dafür begegnet

Die Falben gingen, in der Meinung, daß man sie in den ersehnten Stall-zurücklenkte, schär­fer in den Zügeln. Sie ließ sie ausgreifen. Aber dicht vor dem Wege, der zum Gutshof abbog, nahm sie die Leine kürzer und sagte:Haben Sie noch Zeit und Lust? Dann konnten wir ein wenig in den Wald fahren."

Es war eine ganze Strecke bis zum Walde, der, in dunstige Schleier gehüllt, wie ein blau- schwarzer Schatten hinter Feldern und Aeckern sich breitete. Aber wir hatten sie bald durch­messen, glitten zwischen silbern leuchtenden Dir­ken und kupfernen, steilragenden Tannenstämmen dahin und blickten durch ihr labyrinthisches Ge­wirr in geheimnisvoll dämmernde Kiefern. Eine Stille, wie sie auf der ganzen Welt nicht mehr zu finden ist, umgab uns. Die Pferde, um ihre schöne Stallhoffnung betrogen, für die ihnen die Schönheit des Waldes wenig Entgelt zu bieten schien, stelzten auf den ausgefcchrenen, mit mancher Daumschwelle versehenen Wegen in trägem, mißmutigem Schritt. Aichts horte man als ihr Schnaufen und Pusten, das Knacken eines trockenen Zweiges, den ihr Huf zertrat, oder das Knirschen des Ledergeschirrs. Hier und da sahen wir zwischen dem dunklen Grün ein Reh, das uns, greifbar nahe, anäugte, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Früher war es wohl anders," nahm sie das Gespräch auf, als hatte sie die ganze Zeit hin- durch nur diese eine Angelegenheit beschäftigt, da hatte der Vater nur Sinn und Gedanken für fein Land. Ich erinnere mich noch ganz genau der Zeit, wo er gleich nach dem Frühstück auf feinen Fuchs stieg und erst, wenn der Mittag eingeläutet wurde, mit den Jnstleuten und Ge­spannen nach Hause kam. Dann fuhr er nach dem Vesper mit der Mutter und manchmal auch

mit mir, auf feinem gelblackierten Einspänner wieder in die Wirtschaft und blieb bis zum Son­nenuntergang draußen. Da horten Sie auch bei den Mahlzeiten, an denen der Inspektor teil­nahm, von nichts anderem als von Sommer­und Wintersaat, von Roggen, Hafer und Rüben, so daß es einem wirklich manchmal über werden konnte. Jetzt ist es der neue Geist, dem er sich verschrieben hat"

Er ist eben ein kluger und weitschauender Mann, der seine Zeit beim Schopfe zu packen weiß und sie sich untertan macht."

Gewiß. Dafür ist aber auch alle Behaglichkeit aus dem Tannenwalde und unserem Hause ge­flohen, und Sie ahnen vielleicht nicht, wie oft ich diesen Geist verflucht habe und mich weit weg von hier gewünscht irgendwohin, wo man auch von etwas anderem spricht als von Kunjunkturen und Devisen und Aktien."

ilnb doch, glaube ich, würden Sie sich in kleine Verhältnisse heute nicht mehr zu schicken wissen... gerade sie nicht."

Warum meinen Sie: gerade ich nicht?"

Run, weil man Ihnen das anmerkt, Ihrer ganzen Art und Ihrem Auftreten."

Ich glaubte, sie würde mich zurechtweisen, mir erregt oder wenigstens ablehnend antworten. Sie dachte nicht daran.

Sie haben recht," sagte sie, indem sie die Augen ü^cr die schweißdampfenden Pferde fort in die Tiefe des sich endlos streckenden Waldes schweifen ließ,das könnte ich nicht.. und wollte ich auch gar nicht mehr."

Doch Sie meinten es eben, wandte ich einigermaßen verwundert ein.

Gewiß... daß sind wohl so Träume und dumpfe Sehnsüchte"

Aber wenn man es nun müßte?

Wie Eie gemußt haben?"

Alnö auch heute noch muß."

Das stelle ich mir sehr schwer vor... und sehr traurig. Ich glaube, ich sagte Ihnen etwas Aehnliches schon einmal."

Die Sonne sank tiefer, griff mit feurigen Händen durch das immer dichter und geheim­nisvoller werdende Dunkel, lieh alles um mich her erglühen und erbeben. Die Pferde gingen noch langsamer. Hier und da fang ein Vogel, rief ein Pirol.

Wir sind uns heute nähergekommen, als Menschen, die tagein, tagaus miteinander zu­sammen sind, näher vielleicht als es für uns beide gut ist."

Ihre letzten Worte waren nur ein Hauch, ich spürte, wie sie ihre Hand mir zu entziehen suchte.

_ Ruhig wie zwei Lämmer schritten die Falben über knackende Zweige und holprige Daum­wurzeln.

Wir hatten hen Wald verlassen und die

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 10. September 1929.

Selbstanschlußbetrieb im Ortsfernsprechnetz Gießen.

Vom Gießener Telegraphenamt wird uns ge­schrieben:

Wie beim Selbstanschlußamt täglich festgestellt wird und hauptsächlich aus Klagen der Fernsprech­teilnehmer zu erkennen ist, unterlaufen vielen, die den Fernsprecher benutzen, beim Wählen von An­schlußnummern sehr oft Fehler Die gewünschten Sprechverbindungen werden infolgedessen nicht her- gestellt, oder cs entstehen Falschverbindungen, durch die andere Teilnehmer belästigt werden. Die selbst­verständliche Folge ist Aerger und Verdruß auf beiden Seiten, besonders beim irrtümlich angeru« fenen Teilnehmer.

Leider werden Mängel aller Art immer zuerst beim andern in diesem Falle beimAmt" gesucht, statt bei sich selbst. Deshalb beachte man die nachstehenden Winke und helfe selbst mit in der Belehrung anderer, die am Fernsprechapparat we­niger geübt sind.

1. Erst Hörer abnehmen, dann wählen.

2. An der Nummernscheibe Anschlußnummern wählen, wie sie geschrieben stehen, nicht, wie man sie spricht. Am besten ist, wenn man die zu wähl?nde Nummer aufschreibt oder aus dem neuen Fernsprcchbuch abliest oder die Ziffern, wie sie geschrieben stehen, in Gedanken vor sich hersagt

3. Beim Wählen den Finger in die betreffende Oeffnung der Nummernscheibe f e ft einstecken und bis an den Anschlag drehen. 3st der Finger von der Nummernscheibc ab gerutscht, dann Hörer einhängen und von neuem mit Wählen anfangen.

4. Merkt man während des Wählvorganges, daß man falsch gewählt hat, dann Hörer einhängen und von neuem mit Wählen anfangen.

5. Hat man falsch gewählt, und merkt man den Irrtum erst, wenn der fälschlich angerufene Teilnehmer sich meldet, dann hänge man nicht stillschweigend ein, sondern entschuldige sich ob des Versehens, damit der Angerufene weiß, was los ist.

6. Ertönt nach dem Wählen einer Nummer das Freizeichen, dann warte man ruhig, bis der Gewählte sich meldet. A u f keinen Fall nochmaliges Wählen, ohne vorher den Hörer eingehängt zu haben.

7. Ueberhaupt muß vor Beginn des Wählens der Hörer immer auf der Gabel gelegen oder am Haken gehängt haben.

8. Alle alten Teilnehmerverzeichnisse, in denen die Gießener Teilnehmer mit ihren früheren Anschlußnummern aufgeführt sind, beseitigen und Anschlußnummern im neuen amtlichen Fernsprechbuch nachsehen. Anschlußnummern unter 2000 gibt es hier nicht mehr.

Naucht jetzt nicht im Walde!

Zu dem am Sonntag im Stadtwalde vorgekom­menen Waldbrand, der bei nicht recht­zeitigem energischen Eingreifen der städtischen Feuerwehr verhängnisvollen Umfang hätte an­nehmen können, wird uns von zuständiger Stelle folgendes 'mitgeteilt:

Der Drand ist zweifellos dadurch entstanden, daß von Besuchern des Waldes trotz strengem gesetzlichem Verbot in unverantwort­licher, leichtsinniger Weife beim Lagern im Walde ein Feuer ange- zündet und beim Verlassen des Plat­zes auch noch ganz ungenügend aus- gelöscht worden ist. Es handelt sich dabei

Chaussee erreicht. Mit einer schnellen Bewegung nahm sie die Hand aus der meinen, straffte die Leine, hob die Peitsche und lieh sie durch die Luft sausen. In rasender Fahrt zogen die Falben, des winkenden Stalles jetzt gewiß, das leichte Gefährt durch den dämmernden Abend.

*

Die Herrschaft ist zurückgekehrt. Herr Holl­wede hat mir zwar seine Befriedigung über meine Geschäftsführung ausgesprochen und mir zum Zeichen seiner Anerkennung eine kostbare Perle als Schlipsnadel verliehen, aber ich habe den Eindruck, als hätte ich' ihm nicht genug ge­wagt und gewonnen. Mir liegen derartige Ge­schäfte nicht, am allerwenigsten mit fremdem Gelde, und ich bin entschlossen, zu handeln, wie ich es muß.

Heute hatte ich die entscheidende Unterredung mit Herrn Hollwede. Ich hatte sie lange genug hinausgeschoben. Ich erklärte ihm, daß ich nur in seinem Betriebe sein konnte, wenn er mich von der Führung der Geschäfte und Bücher entbinden und mir die Leitung seiner Landwirt­schaft anvertrauen wollte, für die ich eine größere Liebe und wohl auch die notwendige Fähigkeit mitbrächte.

Er erwiderte etwas von romantischer Grille, suchte mich durch eine Verdoppelung des Ge­haltes zu ködern und sagte, als dies nicht ver­schlug, daß er sich die Sache überlegen würde.

*

Herr Hollwede hat sich die Sache überlegt: Ich bin seit sechs Wochen Gutsinspektor in Tannenwalde. Der junge Beamte, der sich als unfähig erwies, ist gegangen, und mit dem Kämmerer komme ich sehr gut aus. Ich habe mein Amt in der schwersten Zeit angetreten: in der Ernte, und habe soviel zu tun, daß ich nur ab und zu zur Weiterführung dieser Blätter gelange. Es geschieht in meinem Tag für Tag in derselben Regelmäßigkeit dahinfließenden Leben auch wenig nur ein Ereignis gab es: der Kämmerer feierte feinen siebzigsten Geburts­tag. Man muh es Herrn Hollwede lassen, daß er für so etwas Sinn und Pietät hat. Das ganze Gut beging den Tag, der mit der Ernte­feier zusammengelegt war.

Zum Mittagessen hatte mich der Kämmerer in seine Wohnung geladen; ich war außer einigem Verwandten der einzige Gast. Der Alte thronte neben feiner Frau, die ein schwarzseidenes Kleid Don altmodischem Schnitt trug, auf seinem, mit einem Blumenkranz umwundenen Sessel, in der Mitte der einfach gedeckten Tafel, und es war ein ergreifendes Bild, als er aufstand, die brau­nen, durcharbeiteten Hände faltete und ein länge* reg, freies Tischgebet sprach, in dem er Gott für allen seiner Tätigkeit und seinem Hause erwie­senen Segen dankte und weiter um seinen Bei­stand bat | (Fortsetzung folgt.)