Ausgabe 
10.6.1929
 
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trennen, aber nicht einmal zahlreiche Wasser­güsse konnten die Wut der Tiere abkühlen. Da es sich um ein altes, zur Zucht nicht geeignetes Weibchen handelt, ist der materielle Verlust nicht sehr groß.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Dießen, den 10. 3uni 1929.

Reiterliche Vorführungen in Gießen.

Es ist verwunderlich, daß in der heutigen Zeit, in der sämtliche Sportarten von allen Schichten der Bevölkerung mit der größten Hingabe gepflegt wer­den, ein Sport wie der Reitsport scheinbar immer mehr zurücktritt, obwohl er traditionell die größte Berechtigung hat und bei seiner individuellen Eigenart wie kein anderer dem abgehetzten moder­nen Menschen in mannigfaltigster Weise zahllose Genüsse zu bereiten vermag. Der Grund hierfür ist wohl der Umstand, daß er immer wieder als zu teuer verschrien wird. Wie irrig diese Ansicht ist, zeigten die zahlreichen, zum Teil neu eröffneten Reit- institute in vielen deutschen Städten, die cs auch dem über bescheidenere Mittel verfügenden Staats­bürger ermöglichen, seine Erholung auf dem Rücken eines Pferdes zu suchen.

Daß dieser edle Sport auch in Gießen noch nicht ganz von der Bildfläche verschwunden ist, be­weisen die reiterlichen Vorführungen, die dieser Tage vom Ausschuß zur Förderung des Reit­sports in Gießen in dec hiesigen Universitäts- Reitbahn veranstaltet wurden. Herrlichster Sonnen­schein begünstigte die Darbietungen, die durch die Kapelle Topp eine sich gut anpassende Begleitung fanden. Es war nur ein ganz internes Fest zugun­sten der Instandhaltung der hiesigen offenen Reit­bahn. Trotzdem und trog der sehr knapp bemessenen Dorbereitungszeit konnten sich die Vorführungen in jeder Beziehung sehen lassen. Einem einleitenden Paarreiten folgte eine Abteilung für Jugendliche, die besonders gefiel und zeigte, daß auch die jungen und ganz jungen Gießener Reiter und Reite­rinnen bereits im Sattel zu sitzen verstehen. Die darauf folgende, von vier Damen und vier Herren gerittene Quadrille vermochte durchaus mit Qua­drillen zu konkurrieren, die an größeren Plätzen und bei größeren Turnieren geritten werden. Besondere Anerkennung fand ferner eine von zwei Damen und zwei Herren gerittene Fahrschule. Sie bewies, daß auch die höher« Reitkunst in Gießen in vielseitiger Weise gepflegt wird. Den Abschluß der Darbietungen bildet« ein über sieben Hinder­nisse gerittenes Springen, das ebenfalls wohlver­dienten Beifall fand. Alles in allem, ein wohlgelun- aenes Fest, und für die zahlreich erschienenen Freunde des Reitsports ein großer Genuß.

Abgesehen von der Anerkennung, die den Reite­rinnen und Reitern gebührt, ist dem Universitäts- Reitl«hrer S ch ö m b s besonderer Donk abzustallen, da der Erfolg des Tages hauptsächlich der großen Mühe zu verdanken ist, die er sich mit der Ausbil­dung seinör Schüler von jeher in verständnisvollster Weise gegeben hat. Hoffenllich hat die Veranstaltung dazu beigetragen, das Interesse für den Reitsport auch in Gießen etwas mehr zu wecken und ihm neue Freunde zu gewinnen, damll unsere Universitäts­stadt auch fernerhin anderen deutschen Univer itäts- städten in reiterlicher Beziehung nicht nachzu tehen -braucht. Liegen doch in Gießen die Voraussetzungen hierfür besonders günstig, da das hiesige Reitinstillit nicht nur mit größtem Verständnis geleitet wird, sondern auch über ein im Verhältnis zu anderen Städten ausgezeichnetes Pferdematerial verfügt.

Dr. Kz.

Daten für Dienstag, 11. Juni.

Sonnenaufgang 3,44 Ahr, Sonnenuntergang 20,15 Ahr. Mondaufgang 7,46 Ahr, Mond­untergang 7.46 Ahr.

Oer Sohn des Vesuvs.

Von Gustav W. Eberlein, Vom.

Neapel, Anfang Juni.

Ein Springbrunnen, kleiner Spritzkegel inmitten eines weiten Beckens, so sieht der Vesuv so weit er sich überhaupt auf Vergleiche einläßt aus. Man kann natürlich auch Höllenschlund oder Jn- fernorachen oder sonst eine danteske Bezeichnung gebrauchen, aber darunter sich das Richtige vorzu­stellen, ist für den vulkanischen Laien schwer. Denkt er sich dagegen eine fünfhundert bis siebenhundert Meter breite, ziemlich kreisrunde und etwa kirch­turmtiefe Schale, so hat er schon den Krater. Und inmitten der Schale steht, kirchturmhoch, die Spritz- oorrichtung. Sie sieht schwarz und gefährlich aus wie ein Kohlenmeiler, nur viel schlanker, und ar­beitet ohne Unterlaß. Wer gebildet ist, spricht von einem Kegel, im Neapolitaner Volksmund heißt der Auswuchs treffender der kleine Vesuv oder der Sohn des Vesuvs.

Das Kraterbecken ist in der Regel ganz trocken, denn, nun kommt die erste Abweichung vom Spring­brunnen, der Sohn des Vesuvs hält es nach Väter­art mit dem Feuerspeien. Was er so ausspuckt, alle fünf Sekunden macht es Bummwummbumbumm, ein Geräusch, das manchem Zeitgenossen vom Kriege her vertraut ist, das kullert glühend, aber erstaunlich rasch verlöschend den Kegel herunter und erstarrt auf der Stelle. Manchmal ist der Sohn so spuckfaul, daß die Fremden im Gedanken an den staunenden Stammtisch ihre Angst bezwingen und sich von dem Führer an die höllische Esse hinschlep- pen lassen. Jetzt ist der Augenblick gekommen: der Jnfernodiener zeigt ihnen einen in Lava einge­schmolzenen Soldo, steckt dafür fünf Lire ein und rat überflüssigerweise dem tollkühnen Eindringling, zu Hause zu sagen, er selbst, Lehmann aus Biebe­rach, Hopfli aus Bümpliz, habe die Kupfermünze in das Magma eingedrückt. Und federkundige Leute setzen sich hin und schreiben ein Feuilleton: Im Krater des Vesuvs. Huch wie gruselig!

Eines schönen Sonntagnachmittags habe ich eine ganje Schulklasse um den Sohn des Vesuvs oer- O nein, hier unten geht es geologisch etwas leb- taten sie? Krabbelten an ihm hinauf wie am guten Opapa und rutschten ihm den Buckel hinunter. So etwas schickt sich natürlich nicht für staunende Stammtische.

Es ist aber eine historische Tatsache, daß in dem Kraterbecken gelegentlich auch die Kühe weideten, chie liuf dem jetzt auch wieder ausgegrabenen Forum in Rom. Und das nicht etwa in prähistorischer Zeit. O nein, hier unten geht es geologisch in etwas leb­hafter zu als beispielsweise in den längst verkalkten Alpen. Da steht in der Nähe, auf der anderen Seite von Neapel, der 139 Meter hohe Monte Nuooo, der konnte etwas erzählen. Am 29. September 1538 wußte fein Mensch etwas von ihm, am 30. Sep­tember, über Nacht geboren, gehörte er auf einmal zur Geographie und sogar zu ihren Merkwürdig­keiten.

1864: der Komponist Richard Strauß in Mün­chen geboren; 1921: der Geograph Wilhelm Sievers in Gießen gestorben (geboren 1880).

** Die Ortssatzungen über die Stra- ßenreinigungs- und Müllabfuhr-Ge­bühren sind von der Stadtverwaltung im An­zeigenteil unserer vorigen Samstagausgabe bekannt- gegeben worden. Die Interessenten seien auf diese wichtige Veröffentlichung besonders hingewiesen.

** Schulpersonalien. Ernannt wurden: der Lehrer Gustav Paul zu Geilshausen zum Lehrer an der Volksschule in Trohe; der Schulamts­anwärter Wilhelm Horn aus Friedberg-Fauerbach zum Lehrer an der Volksschule zu Eckartsborn, Kreis Büdingen; der Schulamtsanwärter Jakob Baußmann aus Neu-Bamberg, Kreis Alzey, zum Lehrer an der Volksschule zu Fauerbach, Kreis Büdingen.

** Ein Achtzigjähriger. Morgen, ernt 11. 3uni, wird der frühere Buchbinder- meister Conrad Steinhäuser, Wetzlarer Weg 55 wohnhaft, 80 Jahre alt. Bereits im Dezember 1926 konnte er mit seiner jetzt 81- jährigen Gattin die goldene Hochzeit feiern. Als 15jähriger Junge trat C. Steinhäuser in eine hiesige Buchbinderei als Lehrling ein. Aach drei­jähriger Militärdienstzeit und mehrjährigem Aufenthalt in der Fremde übernahm er am 1. April 1875 die feit dem Jahre 1830 bestehende Buchbinderei seines Lehrmeisters, die er bis 1902 inne hatte. Von da an ging das Geschäft auf seinen Sohn Heinrich über, der es noch heute führt. Im nächsten Jahre kann also dieses Ge­schäft sein lOOjähriges Bestehen feiern. Möge dem I Achtzigjährigen noch ein langer und gesegneter Lebensabend beschieden sein.

* Der Fackelzug der V.D.A. - I u g e n d am Samstagabend war von großem Wetterglück begünstigt; er schlängelte sich sozusagen zwischen zwei starken Aegenfronten hindurch. Denn vor seinem Beginn brachte ein Gewitter bis gegen 20 Ahr starke Regenmengen und bald nach &em Abschluß der Kundgebung setzte der Regen mit wiederholten kräftigen Aiederschlägen erneut ein. Während des Marsches der Hunderte von Fackeln tragenden Kinder blieb es erfreulicherweise im großen und ganzen von oben her trocken, so daß die Veranstaltung in der vorgesehenen Form zur Geltung kommen konnte. Der Aufmarsch der von zwei Musikkapellen geleiteten V.D.A-Jugend sand überall die verdiente shmpathievolle Beach­tung; das Gymnasium hatte seinen Wimpelträger hoch zu Roß an die Spitze der Gruppe gesetzt. Sämtliche Schulen, und zwar die höheren wie auch die Volksschulen, waren in dem Zuge in erfreulicher Weise stark vertreten. Aus Oswalds* garten hielt nach dem Zusammenwerfen der Fackeln Studienrat Dr. König eine kurze An­sprache an die Jugend, und mit dem Gesänge des Deutschlandliedes fand dann die Kundgebung ihren Abschluß.

Geschäftshausneubau. Die untere Bahnhofstraße hat durch den Aeubau der Leder­fabrik und -Handlung Carl Becker II. eine bemerkenswerte Verschönerung erfahren. An Stelle des früheren, seit 1848 bestandenen Hauses, das nicht mehr in das Straßenbild paßte und außerdem auch über die Baufluchtlinie hinaus in den Bürgersteig hineinragte, ist ein inodernes Haus geschaffen worden, das sowohl in seinem Aeuheren, wie auch in der Raumverteilung den Gesichtspunkten neuzeitlicher Zweckmäßigkeit ent­spricht. Mit dem Bau wurde im August vorigen Jahres begonnen, jedoch konnte er infolge des starken Frostes, der die Bautätigkeit außerordent­lich schwierig gestaltete und die Arbeiten nur langsam vorwärtskommen ließ, erst später als beabsichtigt, vollendet werden. Morgen will ihn nun der Besitzer seiner geschäftlichen Bestimmung

Solche Anomalien liebt nun auch der Vesuv. Wie die Schulschlingel am Sonntagnachmitatg, so treibt er während seiner Geschichtsstunde, die ein paar Zeitalter währt, Allotria. Füllt sein Krater­becken auf, läßt es im ungeeignetsten Augenblick ab, spuckt das Observatorium weg, fingert in der Cook- bahn herum, gerät ins Wachsen und bezeigt über­haupt eine lümmelhafte Haltung. Aber die Wissen­schaftler sind hingerissen von seinem Ungestüm und die Dichter sehen erschauernd die Erde dicht neben ihren Lackschuhen gebären. So nahe ist man dem Urgeheimnis, so nahe dem keuchenden Atem der Ewigkeit! Noch wogt das Kosmos, noch ist ein Planet im Bilden und Umbilden begriffen.

^Pre/Tegeogrdphie TP'<

Somma

Kertul

Ausbruch des Vesuv, Juni 1$29.

1 Torre .del Greco

TOrre Annunziata

Neapel

Ausbreitung der Lpva- ströme, t

Der Vesuv hat über Nacht seinen Sohn ermordet.

Es war eine jener unsagbaren Golfnächte, in denen man schon auf treibendem Boote den großen Zusammenhängen auf die Spur zu kommen ver­meint. Der Vulkan schien unter plötzlichem Grollen zurückweichen zu wollen, es war, als ziehe er die Brust ein zu einem ungeheuerlichen Atemstoß ... dann flammte fein Pinienschirm in einer von unten kommenden Beleuchtung auf, die Berge ringsum trugen eine rosige Gloriole ... wir kehrten seltsam beengt und doch aufgerüttelt um, dem Ufer zu. Am nächsten Morgen mit dem ersten Zug los, hinauf.

Am Observatorium angekommen, das seit dem Einsturz des Kraterrandes ziemlich tief liegt, wäh­rend man die Ruine des alten, von der Lava des Jahres 1906 zerstörten Gebäudes wie eine Kulisse in der Höhe hängen sieht, sagte man uns, es be­stehe vorerst keine Gefahr, da das Kraterbecken noch nicht ganz aufgefüllt fei. Erst mit dem Ueberstießen kommt das Verderben. Natürlich hält sich der Vesuv nicht immer an die Vorschrift, es geschieht zuweilen, daß sich, wie im vorigen Jahre am Aetna, eine Wunde in seiner Flanke öffnet, Professor Malta- dra, der tapfere Beobachter, will jedoch von sol­chen Ungehörigkeiten diesmal nichts wissen. Das Becken, so sagt er, ist jetzt eben gegen Osten zu, an feiner flachsten Stelle voll, und es fragt sich nur, wo die abfließende Lava Halt macht.

^agen sich auch die Leute, auf die sie zu­fließt. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn man so in die Schußrichtung schaut. Die weißen Häuser von Ottajano und Terzigno dünken mich

übergeben. Ein geräumiger Laben mit einem Schaufenster nach der Bahnhofstraße und drei Schaufenstern nach der Mühlstrahe zu, wird das neben der Lederfabrik betriebene Detailgeschäft aufnehmen. Reben den Geschäftshauszwecken sind in dem Hause auch noch mehrere Wohnungen entstanden. Die gesamten Arbeiten an dem Dau, der nach einem Entwurf und unter Leitung des Architekten Philipp Aicolaus errichtet wurde, sind von hiesigen Geschäftsleuten bzw. Handwerkern ausgeführt worden.

**50er = 21II ee 18 64/1 9 1 4." Die Fünf­ziger-Vereinigung 1864/1914 hatte aus Anlaß der 50. Geburtstagsfeier im Jahre 1914 eine Reihe Lindenbäume von der Licher Straße neben der linken Seite des Eisenbahndammes der Strecke GießenFulda nach dem Waldessaum am Univer­sitäts-Sportplatz zu angepflanzt. Im Laufe der Jahre hat der größte Teil der Bäume eine recht ansehnliche Größe erreicht, während eine Anzahl Bäume leider eingegangen sind, die aber wieder er­gänzt werden sollen. Um der Allee einen Abschluß Zu verleihen, wurde dieser Tage am Waldessäume ein etwa 1,50 Meter hoher und 0,70 Meter breiter Gedenk st ein aus grauem Muschelkalk mit der Inschrift50er-Allee 1864/1914" errichtet. Neben dem Gedenkstein ist auf der linken Seite eine Ruhe­bank aufgestellt. Anläßlich der 65. Geburtstagsfeier der Altersvereinigung 1864/1914 in diesem Jahre wurde gestern morgen 10.30 Uhr der Gedenkstein durch eine schlichteFeier eingeweiht. Geh. Medizinal­rat Professor Dr. Sommer vollzog den Weiheakt mit einer Ansprache an die erschienenen Alters­kollegen. Er verbreitete sich über die großen ge­schichtlichen Geschehnisse in der Zeit vom Jahre 1864 bis zum heutigen Tage und bezeichnete als wichtigste Aufgabe der Gegenwart den Wieder­aufbau des deutschen Vaterlandes. Der Redner dankte den Allerskollegen Haggenmüller, La unspach, Seimborn und allen, die sich um die Errichtung des Gedenksteines verdient gemacht haben. Universitäts-Sportplatz und50er - Allee 1864/1914" seien als ein Ganzes zu betrachten. Der Jahrgang 1864 sei sehr lebensfähig und stämmig, denn von 100 Mitgliedern bei der Gründung feien Zur Zeit noch 38 am Leben, von denen sich noch recht viele einer großen körperlichen und geistigen Rüstigkeit erfreuen. Die Ansprache schloß mit einem dreifachen Hoch auf die Allersvereinigung. Hieraus wurden mehrere Lichtbildaufnahmen vorgenommen.

** Altersvereinigung 1869/1919. Dem alten Gießener Brauch folgend, der ohne Un­terschied des Standes, der Partei oder Konfession alle Atterskollegen vom 50. Lebensjahre ab zu ge­meinschaftlichem Tun vereint, hatte sich wie man uns berichtet die Attersvereinigung 1869/1919 wieder zusammengefunden, um die Feier ihres 60. Geburtstages gemeinsam zu begehen. Den Auf­takt der Feier bildete ein Herrenkommers am Sams­tagabend, der imHessischen Hof" stattfand und mit einem Essen verbunden war. Dem Rufe des Vor­standes folgend, hatte sich eine stattliche Schar Alterskollegen, auch mehrere von auswärts, einge­funden, so daß der Raum schier zu eng für alle war. Trotzdem herrschte eine überaus fröhliche Stimmung unter den Jubilaren. Allen Teilnehmern blitzte die Freude des Wiedersehens aus den Augen, und gar manche schöne Erinnerung aus der Jugend­zeit wurde wieder aufgefrischt. Bei Musik, Anspra­chen, gemeinschaftlichen Liedern und Vorträgen hei­terer Art verflossen rasch die Stunden, und bei guter Zeit trennte man sich, um andern Tages neu ge­stärkt die Familienfeier zu begehen. Diese Veran­staltung, die im festlich mit Fahnen und Wimpeln geschmückten Saale des Philosophenwaldes ftattfani), erfreute sich eines überaus guten Besuchs und wurde mit einem gemeinschaftlichen Kaffee einge­leitet. Den Glanzpunkt der reichhaltigen Vortrags­folge, die von vorzüglich gespielten Musikstücken der Kapelle Weller umrahmt war, bildeten nach der

heute Diel näher als sonst, der Abhang des Vul­kans, diese verteufelte schiefe Ebene steiler denn je. Das jagt nur so hinunter, das überstürzt sich in Kaskaden. Dazu dieses unaufhörliche Gepolter, die­ses infame Krachen und Knacken wie von mahlen­den Kiefern, das Aufblitzen aus einem scheinbar einzigen Geschützmaul wie beim Trommelfeuer, und vor allem die unheimliche Nachgiebigkeit des Bodens unter den Füßen!

Man muß auch feinen inneren Menschen festhal­ten, um beobachten zu können. Denn hier oben ist man nicht nur dem Wettgeist, sondern auch dem Ungewissen näher als jüngst in Sizilien, wo man ja die Lava nicht an ihrem Ausgangspunkt, sondern auf ihrer Endbahn, nicht ihren Absprung, sondern nur ihr Eintreffen sah. Dort schob sie sich langsam, ganz langsam, Zeit genug, um zu photographieren, vorwärts, sah wie ein kriechender Sack aus, hier zieht sie reißend und weißglühend ab wie der flüssige Stahl beim Tiegelguß. Erst die Bewohner drunten in den Dörfchen sehen sie wieder so: in sacco. Der Sack bildet sich beim ersten Hindernis, sowie die Ge­schwindigkeit nachläßt.

Hindernisse sind gottlob vorhanden. Vor allem die erstarrten, schwer beschreibbaren, anFelsen­meere" erinnernden Gebilde der alten Lavabette, dann das Gehölz vor Terzigno, das allerdings schon in Flammen aufgeht. Von oben sieht es nur wie Ginster aus, der etwas von einer funkensprühenden Lokomotive abbekommen hat. Dahinter liegt das Volk nun wohl auf den Knien, es schleppt seine Madonnenstatuen und heiligen Reliquien heran, pflanzt sie unmittelbar vor dem stinkenden Sack auf. Er ist nur dreißig Meter breit und kaum hoher als ein Pferd.

Das feinen Namen verdienende Höllental be­nützend, hat sich der Hauptstrom in Awei Arme ge­gabelt, die weit auseinanderklaffen. Nahrung emp­fängt er unaufhörlich aus dem Sohn des Vesuvs, dem figlio sagt der Professor. Aber ich kann den feurigen Kerl nicht sehen, Professors! Ist auch nicht mehr da, sagt er. Alsdann? fragt ein öfter» reichischer Kollege.

Nun, der Sohn ist beiläufig geplatzt. Damit fing die Sache überhaupt an. Der Sohn spaltete sich vom Scheitel bis zur Sohle wie jener Mameluck im Syrerland. Da somit die wohltätige Bremse des kegelförmigen Zuschnittes fehlt, schießt jetzt aus dem Innern des alten Kraters hemmungslos der ganze lang zurückgehattene Groll heraus. Der Sohn ist nur noch theoretisch, sozusagen wisfenschaftlich vor­handen, materiell betrachtet als ein kümmerlicher schwarzer Rest, für unsere Laienaugen überhaupt nicht mehr. Der Alte hat ihn umgebracht.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten oder, da der Ve­suv unberechenbare Launen hat, drei bis fünf. Ent­weder füllt sich das ganze Kraterbecken und die Spitze des Berges wird damit wieder massiv, oder es läuft aus und gibt damit dem Allen die Mög­lichkeit, einen neuen figlio an der gleichen oder einer besser geeigneten Stelle aufzubauen. Wenn er nicht überhaupt den Kops verliert, was auch schon vorgekommen ist. Dann müßte eben in den Geographiebüchern die von 1223 bereits auf 1186

Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, Photograph Zimmer, die Gesangsoorträge des Opernsängers Gottlieb Groß vom Opernhaus Graz mit der fein- finnigen Begleitung des Herrn Kinzenbach jr. Der Sänger, der über einen prächtigen, wohlklin- genben Bariton verfügt, mußte sich zu verschiedenen Zugaben verstehen. Auch zwei Solotänze, von Frl. Ca stein sehr wirkungsvoll ausgeführt, mußten auf lebhaftes Verlangen wiederholt werden. Ge­meinschaftliche Lieder, deren Inhalt sich auf das Fest bezog, trugen wesentlich zur Hebung der frohen Stimmung bei, die ihren Höhepunkt bei der Rede des Altersgenossen Valentin Frey, der in humor­voller Weise die Frauen feierte, erreichte. Den Be­schluß der schönen Feier machte der Tanz, bei dem man noch manchen Jubilar wacker am Wirken sah.

"Die GießenerRuder-Gesellschaft 18 7 7 hat im Herbst vorigen Jahres auf ihrem Platze an der Lahn eine neue massiv'e Dootshalle errichtet, um auch dem Paddelsport, der sich in cen letzten Jahren zu großer Blüte entwickelt hat, ein Heim zu bieten. Die schmucke Halle fügt sich mit ihrem roten Ziegeldach unter dem Grün der Bäume gut in die Umgebung ein und trägt . vom Wasser aus gesehen sehr zur Belebung des durch den Bahndamm dort etwas öden Ufer* bildes bei. Die Halle bietet in ihrer praktischen Anordnung einer Reihe von Paddelbooten, so­wohl den schwereren Holz-, als auch den leichten Faltbooten, Raum; sie wird sicherlich dazu bei­tragen, dem Paddelsport neue Freunde zu den vielen alten zu gewinnen. Sie alle suchen und finden auf dem Wasser auf kürzeren und längeren Fahrten Erholung und Ausspannung von der Berufsarbeit, und neue Kraft. Und stets sind sie wieder angezogen von dem herrlichen Land* schaftsbild, das Berge und Burgen mit den Sil* houetten der alten Bäume davor am Ad end* Himmel bieten. Längst hat der Rudersport, zuerst etwas verächtlich auf die Paddelei blickend, ihren Wert anerkannt, und friedlich grüßen sich jetzt Ruderer und Paddler auf dem Wasser in dem Bewußtsein, daß sie beide an einem hohen Ziel arbeiten: der Kräftigung und 'Förderung der Gesundheit unseres Volkes. So kann auch ein Ruderverein zum ernsthaften Förderer des Pad* delsportes werden, wie es die Gießener Ruder* Gesellschaft, gleichsam mit zahlreichen anderen Vereinen des Deutschen Ruderverbandes, jetzt tut, ohne dabei ihren eigentlichen Zweck, die Pflege der Ruderei und des Rennsportes, zu vernachlässigen.

** Auftrieb zum heutigen Frankfur­ter Schlachtoiehmarkt: 73 Bullen, 260 Ochsen, 501 Kühe, 310 Färsen, 577 Kälber, 82 Schafe, 3853 Schweine.

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

Y Mainzlar, 9. Juni. Die Bautätig* leit in unserer Gemeinde liegt im Vergleich zum Vorjahr vollständig danieder. Durch die nachträgliche Gewährung von Zuschüssen tour* den im vergangenen Jahre sieben Wohn* Häuser errichtet, die teilweise bis zum Eintritt des Winters bezugsfertig wurden. Außer cini* gen Um* und Anbauten wird in diesem Jahre vorläufig nur ein Wohnhaus gebaut, und ein weiteres wird begonnen werden können, falls dieses Vorhaben vom Staate bevorschußt wird. Höchstwahrscheinlich wird unserer Gemeinde noch ein weiteres verbilligtes Darlehen überwiesen werden können. Mit Eintritt der Regenperiode ist man bei uns eifrig mit dem Setzen der Dickwurzpflanzen beschäftigt. Sehr viel Schaden hat hier der Drahtwurm an der jungen Hafersaat angerichtet. Ganze Aecker muß­ten umgepslügt und neu bestellt werden. Da cs für ein Walzen der Aecker schon vielfach zu spät "noaiHnBDKBBBaniii iitj-ivqm zurückgegangene Hohe noch mehr herabgeschraubt werden. Nach dem Programm des Observatoriums kommt allerdings ein Abbau nicht in Frage.

Kurz, die Sache ist unübersichtlich. Niemand weiß, was die Erde mit uns hier vorhat. In Torre An­nunziata sieht man Soldaten auf Lastkraftwagen springen, die Circumvesuviana rüstet Sonderzüge aus für etwaige Hilfeleistung, die Fremden am Kai in Neapel lassen den verdächtigen Berg nicht mehr aus dem Feldstecher.

Sicher ift nur, daß kein Zorngepotter unseren wackeren Professor Malladra zum Weichen bringen kann. Für ihn heißt es: Der Sohn ist tot, es lebe der Sohn!

Gartenrestaurant.

Es ist erschreckend: man hockt schon wieder draußen und nicht mehr in der Wirtsstube. Wieder steigt das schöne, alte Dach in sanfter Schräge an. Der große Baum steht mit seinem Elefantenbein mitten im Hof. Ein junges Mäd* chen boxt mir vor Freude eins auf den Bizeps. Sie ist schlank und hat lyrische Augen, in denen der Trieb zum Kinnhaken glänzt. Ringsum Theaterdekorationen des lieben Gottes, zarte Vorhänge des Frühlings, tänzerische grüne Röckchen, vom Winde bewegt, dem großen Musi* kanten. Auf der Hoftür eiserne Zahnstocher. Je höher man in den großen Baum hineinguckt, um so endloser sind die grünen Treppen; Barock, und Biedermeier. Don unten beleuchtet durch elek* trische Glühbirnen. Geheimnisvoll die Perspekttve der langen, leeren Holztische. Stille Bänke da­vor. Einer sitzt daran, der Handläse kaut. Er hat ein gutes Gesicht. Er kaut ihn gut. Eben schmilzt ihm die Butter um den Eckzahn. Auf dem Wirtstisch die ständige Bewegung des im eisernen Ständer balancierenden Kruges, aus dem Apfelwein fließt wie ein nie versiegender Berg­strom. Ich gucke ganz hoch. Der Mond ist wie ein silberner Türkensäbel in den Baum geworfen. Der Mann mit dem Handkäse hat aufgehört zu kauen. Die edlen Raturgaben haben ihn ver­geistigt. Er denkt an einen Vers aus Schillers Glocke. Der große Hof ist frühlingshaft dunkel um diese neunte Abendstunde. Einige Gäste haben sich angesunden, wie die ersten Vögel, die aus dem Süden gekommen sind. Genau so war es im vergangenen Jahr! Oh, über diese Anknüpfung an das Gewesene. Man weiß es nicht mehr, daß Monate über Monate dazwischen liegen. And plötzlich erscheint alles unwirklich. Man fragt sich, ob es nicht ganz gleichgültig fei, ob einer Fuß, Müller oder Rindfleisch heiße. Man möchte ihn anreden und nur sagen:Tla, Mensch! Prost, mein Lieber. Ra wie? Auf dein Wohl, du himmlischer Saukopf." Der Ober läuft hin und her und hat auf bleiernen Schüsseln gefüllte Gläser, in denen die bernsteingefärbte Flüssig­keit bis zum Rande emporsteigt. Die ersten Gäste trinken nach und nach jedem grünen Blättchen zu. maxing. i