Hr. 158 Zweiter Blatt
England und Ostafrika
Man darf darauf gespannt sein, wie sich die eue englische Regierung lac* onalds zu dem von ihrer Vorgängerin auf* -roorfenen Problem der Errichtung einer neuen cminion in Ostafrika durch Verschmelzung ■r drei Territorien Kenha, Uganda und Tcm- nijifa verhallen wird. Der im Kabinett dafür sonders zuständige Lord P a h f i e l d wird sehr bild Gelegenheit finden, seine politische und di- ycmatische Geschicklichkeit in vollem Arnfcmg zu ^weisen.
3n letzter Zeit ist die englische Regierung, 6 h. die konservative Regierung V a l d w i n s, i dieser Angelegenheit sehr behutsam vorgegan- frn, nachdem sie sich durch die unverblümte Dar- [fOimg ihrer weitreichenden Pläne erhebliche Kri- 1E und besonders einen scharfen Protest bei deutschen Regierung zugezogen hatte. ■5cü allmählich berühmt gewordene Vorschlag des ^Iton-Voung-Komitees lief bekanntlich darauf hnaus, die genannten drei Territorien, von de- 3un Tanganjika unser altes Deutsch-Ost- «lirika umfaht, in ein selbständiges Staatsgebiet unter einem britischen Ge- Zfiolgvuverneur zusammenzuschweihen. Das Äirde nicht mehr und nicht weniger als die Ein- ixrleibung des Mandatsgebiets Tanganjika in M britische Weltreich bedeuten, zwar auf einem Laloeg und etwas verschleiert, aber eben doch die verleibung. Die Errichtung einer Dominion rocht diese mit ihrem gesamten Gebiet zu einem inte- gierenden Bestandteil des britischen Weltreiches, uii) damit geht der Charakter des Mandatsgebietes verloren, auch wenn die biitische Regierung versucht, diese offenbare Dsr- kyung des Völkerbundsstatuts durch die Erklärung zu beschönigen, das Mandatsgebiet solle mir verwaltungsrechtlich und verwaltungstech- mlch mit den Rachbargebieten vereinigt werden. nicht aber staatsrechtlich. Wie unbequem hr Protest der deutschen Reichsregierung gegen hrartige Pläne der vorigen Regierung w . ging aus der gereizten Antwort hervor, die Asien Chamberlain auf eine diesbezügl,., 2nfrage im englischen Unterhaus über etwaige 2nfprüche Deutschlands auf das Kolonialmandat acb. Sn einer Sitzung der Mandatskommission b8 Völkerbundes in Genf, in der die britishen Pläne ebenfalls zur Sprache gebracht tour- Ihn, bestritt der englische Vertreter gleichfalls
Einverleibungsabsichten.
Man weih jedoch, dah englische Regierungen, -ohne Anterschied der Partei, Kolonialpläne mit großer Beharrlichkeit und gegebenenfalls auch flit großer Vorsicht zu verfolgen pflegen, und es M)t daher für uns, sehr auf der Hut zu fein, um gegen alles gewappnet sein. Einer Assührung des Gedankens, der im Hiltonschen T.richt niedergelegt ist, müssen wir uns mit allen Mitteln widersetzen, denn er würde die Ausgabe des uns sogar im Dersail- Ir Vertrag zugestandenen Rechts auf Wahrung des Mandatscharak- trs unserer ehemaligen Kolonien Meuten. Für die englische Art, derartige Pläne 4i betreiben, wenn sich Schwierigkeiten in den T:g stellen, ist ein Vorkommnis dec letzten Tage wf/t interessant. Der englische Thronfolger nahm an einem Zweckessen der Ost afrikanisch en Gesell- stefl teil, bei dem auch Lord P a h f i e l d selbst- MlstLndlich nicht fehlte. Die neue Regierung war a> vertreten und hat somit auch nach englischer ■Evfloßenheit ihr Einverständnis mit den dabei ^altenen Reden erklärt. Der Prinz von 'Tales hielt dabei selbst eine Ansprache, in der er auf das „verwickelte und heikle Problem der -ftilunft der ostafrikanischen Besitzungen" Bezug Whm. Die „Times" behandelt dieses „verwickelte irb heikle Problem" unter Bezugnahme auf Än Hilton-Voungschen Bericht, offenbar offiziös, Aichfalls sehr vorsichtig und zurückhaltend in
Kaliber 28.
Erinnerung an einen Onkel.
Von Herbert von Hoerner.
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ki« besten Onkels waren die alten Junggesellen.
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Wgelei im Sommer. Keine Angelrute war so,
<r sie aus dem berühmten Spezialgeschäft be- V» chon gut genug. Sie mußte noch verbessert "’Mm. Besonders auf die Ringe, die von der Rolle mir @riff bis zur Spitze die Schnur führen, wurde 3i°:( Sorgfalt verwandt. Und die Schnüre und die Haken!
„l'ov seiner Angelausrüstung hatte der Onkel süt schriftliches Verzeichnis angefertigt, damit er, "Dtiu er zum Angeln ausging, zu Haufe nichts ver- In diesem Verzeichnis fehlte auch „eine richtet Streichhölzer" nicht — zum Rauchen.
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Das ein richtiger Onkel ist — ob das heutzutage iDii Linder, die jungen Bengels noch wissen? Zu innerem Hause, unserer Kinderwelt gehörten die IDrieis.. Ein Sommer auf dem Lande ohne Onkel, «»hie einen oder mehrere zugleich, wäre kein rich- ||r Sommer gewesen. Der eine verbrachte regel- »chißi.g seinen Urlaub bei uns. Das war der, der so ggciie angelte.
ki» Onkel ist ein Mensch, der Zeit hat. Wer hat ysikiiziiitage noch Zeit? Er gibt sich mit uns ab, er uns, er wird in vielen Dingen unser Lehr- nmdft er. Man hat nicht übermäßig viel Respekt vor ii§r., aber er imponiert. Nachher, wenn wir selber
iltii schon erwachsen sind, ist er derjenige, den man Sa"tU>» ol.p?u inpen kann. Er sagt nicht alles weiter. Man gsskver Boom ihm Geheimnisse anvertrauen. Der Onkel ist
i einmal jung gewesen.
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werde» au ü(;5 jch 15 Jahre alt wurde, bekam ich zum Ge-
ßliirtstag ein Schrotgewehr. Bis dahin hqtte ich nur l9^ihenben eüü Lustbüchse geführt, mit der ich Spatzen schoß. "ver-aM-'K OSing erwachsen ist man mit 15 Jahren noch nicht, .'rLjatitn. uun) es war auch keine ganz erwachsene Flinte: IStiEer 28. Das ist ein sehr kleines Kaliber. Für »WM nra'i) a&er bedeutete das Geschenk, daß ich nun auf-
ritienb®'- ?:':et0 mmcn lvar unter die waffentragenden Man-
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| 0 ' "rlte Wild, das ich mit meiner Flinte er-
U I I Bi U' roar Eine Mittelschnepfe. Sie stand hochbeinig yr 1 h iirni Qras am Ufer des Teiches und büßte es mit (I I OjnOnfl ükn Leben, daß sie den heranschleichenden Jäger AL)» hluvUU' acjü 'ein Gewehr offenbar nicht ernst nahm. Statt TMj) dem Schüsse wegzufliegen, wie ich wohl er- V guli, inrltf hatte, blieb sie liegen — tot.
ajiittn>0®'oi/ Ubt- l|u jener Zeit war auch wieder jener Onkel, der r - WÄWII gerne angelte, bei uns zu Gast. Sein Bart war «oiI5bo^, ibctiils noch nicht weiß, nur grau.
•' hn Onkel war in allen Dingen sehr genau. Den
W> MM Winter über trieb er Vorbereitungen für
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberhessen)
Dienstag, 9. M 1929
einem Leitartikel. Sie spricht darin nur von dem Wunsch, die drei Territorien enger zu vereinigen, und von einiger Opposition im Kenya-Terri- tvrium, die eine gewisse Enttäuschung gebracht habe, lieber das Tanganjika-Gebiet schweigt sich die „Times" vorsichtiger Weife gänzlich aus. Arn der Kritik an dem Bericht zu begegnen, ist vor einigen Monaten der llmterstaatssekretäm Sir Samuel Wilson, dec also noch dem vorigen Kabinett angehörte, nach OÄafrika zur weiteren Prüfung und Derichteüsvattung gesandt worden, und er weilt zur Zeit noch dort.
Don seinem Bericht wird viel für die weitere Entwicklung Ostasrckas abhängen. Die „Times" deutet an, dah sich zwar noch nicht übersehen lasse, was für Vorschläge Sir Samuel machen werde, ehe er zurückgekehrt sei, aber es könne jetzt schon gesagt werden, dah ziemlich weitgehendes Einverständnis über die Einsetzung eines Generalgouverneurs mit umfassenden Vollmachten vorhanden sei. Don dessen Befugnissen sowohl, wie von dessen persönlichen Eigenschaften, also von der Wahl der richtigen Persönlichkeit, werde die Lösung jenes „verwickellen und heiklen Pro
blems" bedingt sein. Sn gutes Deutsch überseht heißt das natürlich, daß sich die neue Regierung die Entscheidung vorbehält und nach der Rückkehr des llnterstaatssekretärs einen Bericht veröffentlichen lassen wird, der ihren Ansichten entspricht, aber auch den Derhältnissen, die jener vorgefunden hat. Auch Macdonald wird in Ostafrika eine rein englische Politik treiben. Wir müssen also nach wie vor unsere Sn- teressen in Ostafrika mit größter Aufmerksamkeit wahren und die Entwicklung der Dinge sorgi fällig verfolgen.
30. Verbandsschießen von Vaden, Mtelrhein nnd Pfalz.
Der zweite Tag des 30. Derbandsschie- ßens verlies in programmähiger Weise. Während des ganzen Tages herrschte auf den Schiehstän- den eine recht rege Betätigung, wobei sehr gute Resultate erzielt wurden. Für den Abend war in der Dolkshalle ein
Ehrenabend für Gäste aus dem besetzten Gebiet uno von der Saar vorgesehen. Bereits um 8 Uhr war die Volks- Halle dicht besetzt: die Besucherzahl dürfte über 3200 betragen haben. Anwesend waren u. a. die Spitzen der Behörden: Oberregierungsrat Dr. Heß für die Provinz Oberhessen, ^Bürgermeister Dr. S e i b für die Stadt Gießen, für die Landesuniversität Ee. Magnifizenz der Rektor Professor Dr. Herzog und als Vertreter des Kommandeurs des Giehener ReichsweHr-Dataillons Hauptmann H 0 h f e l d.
Der Abend wurde eingeleitet duirch schneidig gespielte Musikvorträge der Reick/sv chrkapelle unter Leitung des Obermusikmeisters L ö b e r.
Als erster Redner des Abends begrüßte
Rechtsanwalt Albrecht
die so zahlreich erschienenen Schüh>rnbrüder und Festgäste und führte u. a. folgendes aus:
Der Herr erste Vorsitzende L>es Gießener Schützenvereins hat mich beauftragst, ihn heute abend zu vertreten, um Sie zu begrüßen. Den Auftrag erfülle ich gern. Wir siick) heute an dem zweiten Tage des 30. Derbandsschietzens. Wir sind noch an dem aufsteigenllen Ast der Kurve, und wir hoffen, daß dis Tage des Schießens, des Sportes die Schützenö-rüder immer näher zusammenführt, die hier zufammengeeilt sind aus allen Gegenden unseres Derbands- bezirks, und daß auch der Kontakt mit der Gießener Bevölkerung immer inniger werde. Sch freue mich deshalb, dah am heutigen Abend, der ja in erster Linie wohl auch der Gemütlichkeit gewidmet ist, eine stattliche Zahl sich hier eingefunden hat.
Die Zeiten sind ernst geworden. Der Rhein hat wohl noch seine Anziehungskraft für uns, aber es blutet uns das Herz, wenn wir an die fröhlichen Stunden denken, die wüc vor dem Kriege am Rhein verlebt haben. Der Rhein ist nicht frei. Der Rhein ist politisch nichss mehr der deutsche Strom. An dem Rhein geht der Fremde einher und nicht nur, daß er befiehlt, nicht nur daß er unsere deutschen Landsleute einengt, nein, es ist schlimmer, in schn öder Weise schikaniert er unsere deutschen Volksgenossen dort. Wir begreifen und fühlen mit ihnen, wenn wir es auch nicht aussprechen. Wir Schützenbrüder schauen uns ins Auge und wissen dann, wie es ihnen ums Herz ist. Und so freuen wir uns, daß gerade aus dem besetzten Gebiet so zahlreiche Schützen hierhergekommen sind aus dem Rheingebict, den besetzten Teilen von Baden, aus der Pfalz und nicht zuletzt auch, von der Saar. Seien Sie uns herzlichst toMkommen! Freuen Sie sich hier mit uns und schv.tieln Sie,
Alles, was er mitnahm, war bequem zum Tragen eingerichtet und hatte feinen beftimmten Platz an ihm, ob es nun an ihm hing ober in einer feiner vielen Taschen steckte. Die Angelruten und den Köcher geschultert und von allen Seiten mit Korb und Dosen und Taschen behangen, so zog er aus — eine malerische Gestalt. Sein Hut und Rock, Hose und Stiefel waren jahrelang getragen und jahrelang geschont. Jäger und Fischer lieben es nicht, neue Sachen anzuhaben. Kam er zurück und war der Abend kühl, bann legte er statt eines Mantels ein Ploib um bie Schultern. Beim Angeln saß er barauf. Das Plaib gehörte zu ihm. Er war eine herrliche Erscheinung.
Der Onkel httte in allem seine Gewohnheiten. Etwas Bcsonberes war ber Fischgesang. Der Text bazu lautete: „Teremtemtem, teremtemkm". Der wurde aber nur gesungen, wenn ein größerer Fisch glücklich gefangen war. Für kleine Fische wurde nicht gesungen Unb sonst war Gesang beim Angeln nicht beliebt. Auch unnötiges Plaubern f.chätzte er nicht. Man war bei einer Sache ganz. Surum sah er es auch nicht gern, wenn ich zum Angeln noch bas Gewehr mitnahm. Entweder — oberI lieber« Haupt ging er wahrscheinlich am liebstem allein. Aber weil er ein guter Onkel war, nahm er mich boch recht häi sig mit, auch mit ber Flinte. Was ich von ber Kunst" bes Angelns weiß, verbaute icy ihm.
Wir angelten im Teich, vom Ufer aus», unweit ber Stelle, wo ich bie Mittelschnepfe schv-ß. Dort bissen bie Schleien. Aber öfter angelten wir im See, vom Boot aus. Dort gab es bie interessanteren Fische. Unb jedes Stück bes Sees beftam von uns einen Namen nach einem guten Fang, ben wir an der Stelle gemacht hatten: Die Hechtfpitze, bie Barschkuhle, bie Radauenbucht. Der Onkel -erforschte jebe Tiefe mit seinem Lot unb stellte bcpiach ben Schwimmer ein. Aber ber Appetit bes Fisiches richtete sich weniger nach ber Kunst bes Angsters als nach ber Gunst bes Wetters. Alle Tage i|t Fischtag, aber nicht alle Tage Fangtag. Des Onkels Laune war an den Fangtagen besser.
*
Einmal am Nachmittag war ber Onkel allein fortgegangen. Jch sollte ihn am Abenb abholen. Wir wollten bann noch zusammen eine Bootfcihrt mit ber Schleppangel machen.
Jch nahm also keine Angel, nur mein Gewehr mit.
Als ich an ben See kam, befanb sich dtz r Onkel weit braußen mit dem Boot, in der Nirhe ber Hechtspitze. Jch rief. Er hatte mich sicherlich gehört, traf aber keine Anstalten, ans Ufer zu rudern, um mich ins Boot aufzunehmen.
Nachbem ich also längere Zeit vergeblich gerufen hatte, beschloß ich, um die Bucht bes Sees herum
sei es auch nur auf Tage, den Gedanken, dah die Heimt noch unter fremden Ketten leidet, ab.
Richt die Zahl der Worte, sondern das Herz, aus dem die Worte gebracht werden, machen es aus, und seien Sie überzeugt, unser Herz ist voll und schlägt heftig für Sie alle, Schühen- brüder, und namentlich für die Schützenbrüder aus dem besetzten Gebiet. Und daß wir zusammengehören, das wollen wir nachher bekräftigen in dem Lied, das Sie zu Hause nicht singen dürfen. Und nun, meine lieben Schützenbrüder und Einwohner von Gießen, erheben Sie die Gläser und rufen Sie laut mit mir: Das deutsche Schühenwesen, dir hierhrrgeeilten Gäste und namentlich unsere Gäste aus dem besetzten Gebiet, sie leben hoch!
Sm Anschluß hieran wurde die erste Strophe des Liedes „Es braust ein Ruf tote Donner hall" gemeinsam gesungen.
Zur Verschönerung des Abends hatten sich die Gießener Gesangvereine zu einem Massenchor zusammengeschlossen, der unter der zielbetoußten Leitung sxines Dirigenten, Gau- Ehormcisters Albert Kasten, nach dem deutschen Sängergruh den Mozartschen Chor „Weihe des Gesanges" und danach den Chor „Bleib deutsch, du herrlich Land am Rhein" exakt und wirkungsvoll zum Vortrag brachte. Richt endenwollender Beifall belohnte die Sänger für ihre Darbietungen.
Als Vertreter der Stadt Gießen ergriff darauf
Bürgermeister Dr. Se;b
das Wort und führte etwa folgendes aus:
Sm Rainen der Stadt Gießen und ihrer Dürgerschaft heiße ich Sie auf das herzlichste willkommen. And allen ist es eine hohe Freude und Genugtuung, unsere verehrten Schützen aus dem besetzten Gebiet hier begrüßen und ihnen einen Ehrenabend bereiten zu dürfen und damit zugleich einen kleinen Teil unserer Dankesschuld abtragen zu können. Stolz und Wehmut erfüllen uns, wenn wir daran denken, was unsere Brüder und Schwestern im besetzten Gebiet in den letzten zehn Sahren für unser gemeinsames Vaterland geleistet haben, wenn wir aber auch daran denken, was sie an Gewalttätigkeiten und Unterdrückung erdulden mußten. Lassen wir uns die Ereignisse der letzten zehn Sabre an unserem geistigen Auge vorüberziehen.
Zehn lange Sabre bat die Besatzung gedauert. Bei aller gebotenen Vorsicht und begründetem Mißtrauen dürfen wir jetzt woßl hoffen, dah ihre Tage gezählt und daß unseren Brüdern und Schwestern aus der Finsternis der Besatzung bald wieder scheint das Licht der Freiheit. Seien wir stets dessen eingedenk, daß wir alle Brüder unb Schwestern, daß wir alle Kinder eines großen gemeinsamen einzigen Vaterlandes sind. Denn unsere Einigkeit ist das wertvollste Unterpfand unb baä sicherste Glück für Deutschlands Größe unb Freiheit. Mit ehernen Lettern wollen wir die trefflichen Worte des deutschen Dichters der Freiheit in unsere Herzen schreiben: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern in
keiner Rot uns trennen und Gefahr." Lassen Sie uns heute in dieser feierlichen Stunde ewig unb unverbrüchlich geloben: wenn es um unser Vaterland geht, dann wollen wir nicht kennen! Stand unb Rang, dann wollen wir nicht kennen Partei unb Religion, dann wollen wir nichts anderes sein als gute Deutsche, wert eines großen Vaterlandes.
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sch glaube, wir können dieses Gelöbnis nicht besser bekunden, als dah wir unseres Vaterlandes gedenken. Sch darf Sie daher bitten, sich zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf: Unser geliebtes deutsches Vaterland, es lebe hoch!
Sm Anschluß daran wurde die erste Strophe: des Deutschlandliedes gelungen.
Der
Vorsitzende des Deutschen Schützen- Hundes, Lorenz, Nürnberg
überbrachte bie Glückwünsche des Deutschen Schützenbundes. Aus feiner Ansprache ist folgendes zu erwähnen:
Für die warmen Begrühungsworte des ersten Vorsitzenden, Herrn R i c 0 l a u s , durch seine Vertretung, danke ich aufs herzlichste im Ramen des Deutschen Schützenbundes unb überbringe ihm herzliche Glückwünsche zu seinem 30. Der- bandsschießen Baden, Mittelrhein unb Pfalz in Gießen unb wünsche ihm, daß es gut unb erfolgreich verlaufen möge.
Werte Kameraden! Es gereicht mir zur besonderen Freude, an dem (Sjrenabenb Shrer Begrüßungsfeier der Kameraden des besetzten Gebietes hier in Gießen teilnehmen zu können, unb ich entbiete Shnen allen treudeutschen Schühen- gruß. 15 Sahre sind bereits vergangen, daß durch Krieg und Besetzung in den besetzten Gebieten fein deutsches Schießen stattfinden konnte. Der Schießsport wurde dadurch vollständig lahmgelegt. Auch blieben die wiederholten Bemühungen des Deutschen Schützenbundes, Erleichterungen zu schassen, erfolglos.
Die dunklen Wolken am politischen Himmel beginnen sich zu lichten und in nicht allzuferner Zeit wird die Befreiungsstunde von der Besatzung für Euch schlagen. Bereitet Euch vor, um ben Schießsport aufzunehmen, spart unb werbt jetzt schon, die brachgelegenen Schießstätten in- standsehen zu können, sorgt, daß Eure Vereine zu neuer Tatkraft sich zusammenfinden und behaupten können, daß die Schießstätten Pflegestät>- ten werden des Schießsports und unserer Tradition.
Meine Kameraden! Sn einem Sahr feiern wir das 19. Deutsche Dundesschießen in Köln. Mögen bis dahin die Glocken von Stadt zu Stadt, von Dors zu Dorf die Stunde der Befreiung des besetzten Gebietes und die Wiedervereinigung mit der Saar uns verkündet haben, um in ungetrübter Freude das 19. Bundesschießen feiern zu können. Dcrs ist mein Wunsch und der des gesamten Deutschen Schützenbundes.
Sch ersuche Sie, verehrte Anwesende, mit mir einzustimmen unb ein Hoch auszubringen auf
zugehen, um in seine Nähe zu kommen. Jch mußte ein Stück zurück, unb bann burch ben Walb, ber hier an steilem Hang bis an ben See wuchs. Die Ranbbäume ftanben mit ihren Wurzeln im Wasser — Ellern, bie so nassen Stanb lieben. Hoher hinauf wuchsen Kiefern, Fichten unb Eichen. Der Psab, nur von Hirten unb Schafen eingetreten, war schmal, unb machte viele kleine Windungen über Wurzeln unb zwischen ben Haselnußsträuchern. Durch bichtes Laubwerk schimmerte ber See.
Da erblickte ich auf einem Ast, bunfel gegen bas helle Wasser, einen dicken Vogel. Ich erkannte nicht was es war. Es ist nicht weidmännisch, auf ein Wild zu schießen, bas man nicht erkannt hat. Aber bie Fline, Kaliber 28, war ja auch nochch nicht ganz erwachsen. Also schoß ich.
Ob ber Vogel fiel ober fortflog, weiß ich nicht. Denn gleich nach bem Schuß ertönte vom See her ein Schrei. Der Onkel war es, ber schrie. Vielmehr, er schimpfte, schimpfte fürchterlich. —
„Bist bu verrückt geworben?'.
Ich erschrak so, baß ich bas Gewehr fortroarf unb gleich ans Wasser sprang, um zu sehen, was geschehen sei.
Was war geschehen? — Der Onkel hatte ben Platz an ber Hechtspitze verlassen unb war, ohne daß ich sein Rubern gehört hatte, in bie Nähe bes Walbusers gelangt. Vielleicht hatte er nach mir gesucht, wo ich geblieben sei. — Plötzlich wird er vom Walde her beschossen.
Es stellte sich heraus, baß bas Unglück nicht sehr groß war. Drei Schrotkörner hatten ihn am Arm getroffen, waren aber burch ben bicken wollenen Stoff bes Rockes nicht hinburchgegangen. Jch bekam, nachbem mir uns am Ufer vereinigt hatten, noch einiges zu Horen. Dann holte ich mein weggeworfenes Gewehr, unb wir gingen, nicht sehr gesprächig, zusammen nach Hause. Daß er einen kleinen Hecht heimbrachte, milberte seinen Grimm.
Am Abenb zeigte er mir mit vorwurfsvollem Blick auf seinem nackten Arm brei blaue Flecken.
Es verstaub sich fast von selbst — aber ich war ihm boch sehr dankbar —, baß er zu Hause nichts von biesem Vorfall sagte. Aber bas Eigentliche kam erst noch.
Der Sommer war vorüber. Wir hatten längst wieber unser Winterquartter in ber Stabt, in ber auch ber Onkel lebte, bezogen. Da bestellte er mich eines Tages zu sich. Jch dachte: was will denn ber Onkel mir erzählen, ober will er mir etwas schenken?
Er machte ein feierliches Gesicht unb 'eine längere Einleitung, von ber ich nichts begriff. Unb bann fragte er mich: ob ich bamals absichtlich auf ihn geschossen hätte.
Jch war bestürzt. Wie er barauf käme? Was mich benn hätte veranlassen sollen, auf ihn zu schießen?
Er meinte, ich sei vielleicht beleibigt gewesen, weil er auf mein Rufen nicht gekommen sei — wo es boch abgemacht war, baß wir zusammen noch mit ber Schleppangel fahren wollten. Unb ba sei ich vielleicht so wütenb geworben, unb aus Rache ...
„Onkel", rief ich, „wenn bu mir zutraust, daß ich absichtlich auf dich schieße, warum traust bu mir benn jetzt zu, baß ich dir bie Wahrheit sage?"
„Das ist etwas anberes", sagte er. „Daß bu auf mich schießt, kann ich bir zutrauen. Aber, dah bu mich oelügft — niemals! Drei Monate hat ber Ge- bante mich gequält. Jch Halts nicht länger aus. Gib mir bein Ehrenwort!"
Jch gab es ihm. Wir weinten beide.
Unb bamit war benn bie Sache wirklich erlebigt.
Hauser läßt sich nichts weiswachen.
Von Hanü Niebau.
Münch erzählt gern. Hauser hört gern zu. Münch lügt gern ein bißchen. Hauser merkt so was nicht.
Erzählt da also Münch: Gestern habe ich eine tolle Sache erlebt. Ich steige in die Straßenbahn, Linie sieben. Auf dem Perron steht ein Herr mit muskulösen Armen. Der Herr hat einen Disput mit bem Schaffner. Der Schaffner wird grob. Da faßt der Herr ihn so ein bißchen an den Oberarm, unb im selben Augenblick sitzt ber Schaffner in der Schaufensterscheibe von Kuks & Co.
Der Wagen fährt weiter. Die Fahrgäste laufen kalkweiß an. An der Haltestelle springt jemand ab, brüllt nach einem Schupo. Der Schupo kommt. Unb sitzt alsbald in der Schaufensterscheibe von Schnupf & Sohn.
„Donnerwetter!" staunt Hauser.
„Jawohl", fährt Münch fort. „Die Sache geht also weiter. In ben nächsten zehn Minuten sitzen fünfunddreißig Personen in den Schaufenstern ber Königstrahe. Das Überfallkommando wird alarmiert. die Feuerwehr wird alarmiert. Aber der muskulöse Herr fängt jetzt allmählich an, wütend zu werden. Die Menschen fliegen nur so von der Straßenbahn. Maschinengewehre sausen über die Häuserdächer. Ein Lastautomobil geht durch einen Faustschlag in Trümmer. Eine Dampfspritze zerquetscht der Kerl in der bloßen Hand, und schließlich fängt er an, das Pflaster der Königstraße aufzureihen und mit den Kopfsteinen wirft er.. “
„Haha", unterbricht da Hauser, „daß ich nicht lache! Jetzt fängst bu aber an zu lügen!“
„Ich unb lügen?“ entrüstet sich Münch, „erlaube mal, wieso?"
„Ra", sagt Hauser und bas Lächeln bes Wis- fenben spielt um seinen Mund, „bie Königstrahe ist doch asphaltiert."


