Samstag, 9 März 1929
Gketzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 58 viertes Blatt
Zur Reform des ehelichen Güterrechis.
Von Dr. Eva Wendorff.
Der Reichstag hat eine Anzahl wichtiger ®c- sehesanträge vor gesunden, die teilweise aus der vorigen Schungspetiode stammen. Einige dieser Gesetzentwürfe haben bereits in letzter Zcät die Oefsentlichleit in hohem Grade beschäftigt, so daß das Schicksal dieser Anträge von einem großen Publikum mit lebhaftem Lnteresse verfolgt werden wird. Bei der Frauenwelt werden die Reformbestrebungen auf dem Gebiet des Cher-echtes besonders reger Anteilnahme begegn-rn. Die g«- plante Reform des Scheidungsrechtes namentlich würde, wenn sie zur Durchführung gelangte, eine Anpassung des Gesetzes an die gesellschaftlichen und sozialen Verschiebungen des letzten Jahrzehnts mit sich bringen, und «damit würden manch« unhaltbaren Zustände der heutigen Scheidungspraxis beseitigt werden. Mit der geplanten Reu- ordnung des Ehescheidungsrechtes geht eine andere Vorlage Hand in Hand, die nicht nur an sich, rein sachlich betrachtet, als geboten erscheint, sondern die unter Umständen als Ergänzung der Scheidungsreform notwendig werden könnte. Es ist dies die Reform des ehelichen G ü t e r r e ch t e s.
Das BGB. in seiner heutigen Fassung regelt durch den § 1363 in grundlegender Weise die Vermögenslage der Chesrau. Di-efer Paragraph lautet: „Das Vermögen der Frau wird durch die Eheschließung der Verwaltung und Nutznießung des Mannes unterworfen." Welches sind nun die faktischen Folgen dieser rechtlichen Regelung? Einmal darf nicht übersehen werden, dag diese Bestimmung schon vor der Eheschließung selbst, bei der Gattenwahl, eine ganz entscheidende, ja, gelegentlich die ausschlaggebende Bedeutung gewinnen kann. Der Mann nämlich, der aus der Suche nach einer „guten Partie" ist, wird sich klar darüber sein, welche Vollmachtstellung ihm das Gesetz gewährt. Er weiß, daß er mit der Heirat ohne weiteres — sofern fein Ehevertrag geschlossen wird, was heute noch in den seltensten Fällen geschieht I — der Verwalter und Rutz- nießer des eingebrachten Vermögens s-riner Frau wird. Dadurch wird nur allzu leicht bei der Gattenwahl der Blick des Mannes getrübt: er glaubt, über di« idealen Anforderungen und seelischen Grundlagen des Chebundes leichter hinwegsehen zu können und wird vielleicht in nicht seltenen Fällen «in ihm sympathisches Mädchen, das gut zu ihm paßt, doch nicht zur Gattin wählen, — weil sie kein Vermögen hat. Eine andere aber besitzt das Geld, durch das er den nötigen Kredit für sein Unternehmen, das Kapital für etwaige Vergrößerungen oder die Grundlage für eine ganz neue Existenz gleichsam mühelos gewinnt. Ein Mann mutz schon sehr ideal veranlagt fein, um einer solchen Lockung zu widerstehen.
3n der Che selbst macht ihn das Gesetz gleichsam zum Vormund seiner Frau. Sie selbst hat kein Vers iigungs recht über ihr eingebrachtes Gut: will sie ihr Kapital irgendwie flüssig machen, so bedarf sie dazu der Bevollmächtigung durch den Ehemann. 3a, das Gesetz geht in der konsequenten Durchführung seiner grundlegenden Bestimmung so weit, zu verfügen, daß die Rechtsgeschäfte der Frau, in denen sie Über Teile ihres eing.'brahten Gutes
Geschichten ans aller Welt.
Ein staatliches Hemd gestohlen.
(r) Wien.
Martin Obermeier verbüßte im Staatsgefängnis zu Graz seine Freiheitsstrafe. Mag sein, datz ihm die Verpflegung nicht zusagte, vielleicht konnte er die etwas schwüle Luft des Kittchens nicht vertragen: jedenfalls rückte der Einbrecher «in-rs Tages aus, ohne sich hierzu erst die Einwilligung seiner staatlichen Gastgeber zu holen. Die steckbriefliche Verfolgung blieb ergebnislos, dagegen kam bald ein sauberes Paket an die Adresse der Gefängnisverwaltung: Martin schickte sein« Sträflingsjacke mit der stichhaltigen Begründung zurück, datz er sie vorläufig nicht benötige! — Wenn» da einer glaubt, die Verwaltung wäre von so diel Aufmerksamkeit gerührt gewesen, irrt er sich aber gewaltig. 3m Gegenteil: die unersättlichen Leut-.» nahmen es dem ausgebrochenen Einbrecher übel, daß er die ebenfalls dem Staate gehörend-» — Unterwäsche nicht mit abgeliefert hatte. Die Staatsanwaltschaft erhob allen Ernstes gegen Obermeier die Anklage wegen Unterschlagung. Allerdings in seiner Abwesenheit, denn vorläufig lieh sich der Mann, der Deutschösterreich um ein Hemd und eine Unterhose ärmer gemacht hat, nicht erwischen.
Die entführten Revisoren.
(s) Warschau.
3an Meisner, der Filialleiter der polnischen Kooperativbank in Kalisch, war nicht gerade angenehm überrascht von der Mitteilung, daß zwei Herren aus Warschau kommen würden, um die Kassenbücher einer gründlichen Revision zu unterziehen. 3n den Kassenbüchern herrschte nämlich eine mehr als „polnische Wirtschaft". Zu gut deutsch fehlten größere Beträge, die der tüchtige Filialleiter für seine eigenen Zwecke verbraucht hatte. An eine Deckung des Fehlbetrages war in der kurzen Zeit nicht zu denken, die peinliche Situation konnte, wenn überhaupt, nur auf eine andere Weise gerettet werden. — Die beiden Revisoren waren aber am nächsten Tage angenehm überrascht: Direktor Meisner holte sie mit seinem Sechssitzer persönlich von der Bahn ab, und fuhr die Gäste mit einer Höchstgeschwin- digkeit — nicht etwa nach der Bank, sondern außerhalb der Stadt. 3nmitten eines verschnei-
ten, weltverlassenen Wäldchens bat er die Herren höflich aber energisch, auszusteigen, wobei er seinen Worten mit einem Revolver den nötigen Rachdruck verlieh. Erst gegen Abend gelang es den Revisoren, Kalisch wieder zu erreichen. Zwischendurch erleichtert« der tüchtige Direktor die Kasse um den Rest und verschwand auf Rimmer- wiedersehen: die Arbeit der Revisoren beschränkte sich auf die Feststellung, daß kein einziger Zloty mehr vorhanden war.
Der Ferkel-Expreß.
(w) Amste r d am.
Zu den vielen Linien, die die Königlich Holländisch« Paketfahrtgesellschaft im Stillen Ozean betreibt, gehört auch der f»genannte Ferkel- Baby-Expreß, der den Transport von kleinen Spanferkeln von der 3nsel Bali nach Singapore versieht. Da die kleinen Tierchen während der Ueberfahrt einer besonderen Betreuung bedürfen, die Mohammedaner eine sonderbare Abneigung gegen alles an den Tag legen, was mit Schweinefleisch irgendwie zu tun hat, sah sich die Schiffahrtsgesellschaft gezwungen, chinesische Stewards in Dienst zu stellen, denen sie den anmutigen Titel „Ferkelkuli" verlieh.
Roch vor kurzem wurde an diese Ferkelkulis ein Tagesbefehl herausgegeben, um ihnen nochmals ans Herz zu legen, ihre Gäste besonders zuvorkommend und aufmerksam zu behandeln. Man gab ihnen außer ihrem Lohn eine Rückfahrkarte nach Bali, um der „Nurse" die Möglichkeit zu geben, in die Heimat und zu neuem Dienst zurückzukehren. Der Chinese ist aber bekanntlich ein ganz flinker Bursche, und so haben es die Ferkelkulis verstanden, bei ihrem Beruf das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. 3eder Chinese in Dali, den die große Stadt Singapore anzieht, der das Geld zur Ueberfahrt aber nicht auftreiben kann, läßt sich nun in Bali als Ferkelkuli einstellen, reist auf diese Weise als „Rurse" nach Singapore und verkauft dort seine Rückfahrkarte, um selbst in der Menge unterzutauchen. So bekommt die Königliche Paketfahrtgesellschaft für ihre Bemühungen und die Pflege, die sie den kleinen Schweinchen angedeihen läßt, jedesmal noch einen Gratispassagier nach Bali mit, der bestimmt nicht die Absicht hat, sich als Ferkelkuli anwerben zu lassen.
verfügt, ungültig sind, — sofern nicht der Gatte nachträglich seine Genehmigung zu diesen Abmachungen erteilt!
Endlich wirkt sich die heutige gesetzliche Rege- lung im Falle einer Scheidung sehr ungünstig aus. Es kann nämlich die Möglichkeit ein tret en, daß der Mann kraft seiner Verfügungsmacht während der Che das Vermögen seiner Frau aufbraucht oder verliert-, und daß nach der Scheidung die Frau vollständig mittellos dasteht ohne einen Anspruch aus Schadenersatz. Es besteht zwar die Unterhal- tungspflicht des schuldig geschiedenen Mannes ihr gegenüber, doch nur insoweit, als der Mann nicht durch die Verpflichtungen seiner etwaigen neuen Familie gegenüber bereits überlastet ist.
Die Reform des Gesetzes geht nun Darauf aus, eine Bestimmung zu schaffen, daß Ver- waltungs- und Ruhnießnngsrecht des Ehemannes nur dann in Kraft treten, wenn dies aus
drücklich in einem besonderen Vertrag abgemacht worden ist. 3st ein solches Abkommen nicht getroffen worden, sov «tbl«ibt die Frau im uneingeschränkten Besitz ihrer Vermögensrechte.
Die Vorteile, die sich aus dieser Reuregelung ergeben würden, betreffen die Eheschließung, die Eheführung und — gegebenenfalls die Ehescheidung — in gleicher Weise. Zunächst liegt es aus der Hand, daß die Motiv« der Gattenwahl eine gewisse Verschiebung erfahren würden. Wenn der Mann sich nicht ohne weiteres durch die Eheschließung mit der Verfügungsmacht über das Vermögen der Frau ausgestattet weiß, wird ihn die Unsicherheit des materiellen Besitzes viel häufiger von einer Geldheirat abhalten als es heute geschieht: er wird also leichter geneigt sein, die idealen Forderungen für die Eheschließung in den Vordergrund zu rücken. Don einer solchen Zurückdrängung des materiellen Motivs bei der
Eheschliehung kann schon ein Faktor zur Gesundung der schwer bedrohten Ehe-3nstitution übet« Haupt erhofft werden!
Die Eheführung selb st kann durch eine gewisse finanzielle Selbständigkeit der Frau nur günstig beeinflußt werden. Die Auffassung des Gesetzes, die der Frau in dem Manne gleichsam einen Vormund gibt, entspricht nicht mehr der inzwischen vollzogenen Emanzipation. Die Diskre- panz zwischen der überlieferten Bestimmung und den tatsächlichen Verhältnissen muß zu schweren Konflikten führen, namentlich in solchen Ehen, in denen die Frau vor der Ehe durch eigene Arbeit und selbständig« Vermögensverwaltung vollständig unabhängig dastand. Das amerikanische Ge- setz trägt dieser sozialen Tatsache Rechnung und läßt der Ehefrau die ungeschmälerte Derfügungs- freiheit über ihr eingebrachteS Gut. Auch bei uns würde sich eine entsprechend« Bestimmung zum Heil« der ehelichen Gemeinschaft -auswirken.
Für den Fall der Scheidung endlich würde eventuell die gesetzliche Neuregelung der Vermögenslage der Ehefrau von ganz ausschlaggebender Bedeutung werden können. Neuerdings sind Bestrebungen im Gange, die die Unterhal- tungspflicht euch des schuldig geschiedenen Ehemannes seiner früheren Frau gegenüber aufhrben wollen. Diese Bestrebungen haben ihren realen Grund in dec Erwerbsfähigkeit der modernen Frau, ihren idealen in der Voraussetzung, datz die Frau als Persönlichkeit entwürdigt wird, wenn sie von einem Mann«, mit dem sie keine Gem:inschasi mehr hat, gleichsam „ausgehalten" wird. Eine Regelung der Bestimmungen über die Unterhai- tungspflicht nun würde sehr erleichtert werden, wenn zunächst einmal diejenigen Frauen, die bei Eingehen Der Ehe Vermögen besessen haben, im uneingeschränkten Besitz ihrer Rechte geblieben sind. Dann wäre für Diese auch nach der Scheidung Die Versorgungsfrage mit leichterer Müh? geregelt.
Alles in allem zeigt sich die Reformbedürftig- feit Des heutigen Gesetzes — sowohl mit Rücksicht auf Die gegenwärtig bestehenden Mißstände toi? in Erwägung Der Vorteile, die von einer Neuregelung erwartet werden können.
Wirtschaft.
Wochenbericht
vom Frankfurter Effektenmarkt.
Die zum Schluß Der vergangenen Woche einge- treten« freundlichere Stimmung hielt zunächst an, und Die Deckungskäufe Der Kultur setzten sich fort. VerschieDentlich tourDen auch, allerdings in geringem Umfange, nach Der LiquiDation, einige neue Engagements eingegangen. 3m allgemeinen blieb Die U m s a tz t ä t i g ke i t minimal. Eine Sonderbewegung entwickelte sich in den lange Zeit vernachlässigten Automobilaktien. Die Kleyerakiie wurde plötzlich in größeren Posten verlangt, wobei die Nachfrage hauptsächlich von Berlin ausging, während Der Frankfurter Platz eher als Abgeber auftrat. Man war sich über Den Ursprung Dieser Käufe nicht ganz im klaren. Von Berlin verlautete, Daß es sich um Ausland- taufe hanDle im Zusammenhang mit Den angeblich ziemlich weit geDiehenen Besprechungen zwischen Opel unD General Motors. 3n hiesigen Bankkreisen wurde Dagegen Die Meinung vertreten, daß anscheinend größere Baissepositionen abgeDedt worDen seien. 3rgendwelche AenDerung
Und ihre Taten
Werdau.
(Schluß.)
' „Am 24. April.
folgen ihnen nach . . . Bor habe ich Nachricht bekommen
Nur nichts bereuen!"
„Am gleichen Tage.
Gott sei Lob und Dank — „Alterte" ist abgereift —, Der Mensch war mir unheimlich. 3a, unheimlich, das ist Das richtige Wort. 3rgenD etwas hat Der gespannt gehabt . . .! Am Vormittag kam der Niki Pemegg, plauschte über dies und jenes, — natürlich auch von der Pensionierung Des alten Forstmeisters Lechpointiwr, und daß ein LanDsmann von mir an seine Stelle kommen wird — hat aber Den Namen nit gewußt... 3ch werde weiter sehen . .
„Terofal in der Oed, am 23. 3uni 1903.
Sind wir also wieder daheim. Was bin ich doch für ein Tschaperl gewesen, hab' mir Ge- Danken gemacht um nichts und toieDer nichts. Der Herr von Mansar rührt und regt sich nicht, fett ich seinen Brief unbeantwortet ließ, nicht einmal zu freundnachbarlichem Besuch war er bei uns. . . desto besser."
„Eine Woche Danach.
Wenn man nur etwas beruft . . .1 Wie ich beut' im Seekar birsch, hör' ich wie über mir Steine abgehen, blicke auf und . . . „Guten Tag, Frau Baronin!" G'rad' auf Der Grenzschneid steht Der Oberförster von Mansar, keine bunbert Meter entfernt, steigt langsam ab: „Nun sehen wir uns also doch noch einmal wieder — dacht schon, Sie hätten mich vergessen . . ." Mit aller Willenskraft reih ich mich zusammen: „®uten Tag, Herr von Mansar. das liegt nur an 3hnen — Sie hätten ja bei uns Besuch machen können!' „Wirklich? Aber mir ist ein Zusammentreffen ohne Zeugen lieber und . . . feit vier Wochen bin ich hier Droben an Der Grenze, jeden Tag, habe gewartet..." — „Gewartet?" . . . „Auf dich!" „Herr von Mansar!!" Alles Blut schießt mir zum Herzen: „3ch bitte . . . verlassen Sie mich ... auf Der Stelle!" Er lächelte nur: „Ganz, wie Hir befehlen, Frau Baronin, ich werde also Den
Das große Grauen.
Roman von H. A. von Byern.
Urheber-Rechtsschutz Durch Verlag Oskar Meister,
ein paar Sekunden habe ich Nachricht betmnmen von ihm . . . Dem anDcren . . . Eigentlich gar nichts, worüber ich hätf erschrecket: müssen, nur wenige Zeilen: „Gnädige Frau! Vielleicht interessiert es Sie, daß ein alter Freund — so Darf ich mich doch auch heute noch nennen, nicht toapr f — in 3hre Nähe kommt. Aus mein wiederholtes Ansuchen hin bin ich vom 1. April ab in das ärarisch« Terofal verseht worden, treffe am 2d ein und — hoffe auf recht gute Nachbarschaft falls Sie sich meiner überhaupt noch erinnern sollten. Mit ergebenstem Handkuß — Sandor von Mansar." - Also doch! - Doch! Stunt er war mir's, als müßte die alte Schuld noch einmal Sühne fordern . . . Schuld?! Sühne?
schuldigen Antrittsbesuch nachholen und 3hrern Herrn Gemahl eine kleine Geschichte erzählen... von einer jungen Dame, die aus dem kaiserlich- königlichen Leibgehege einen kapitalen Sech- zehnender wilderte, Die ihr Wort gab . . .''Hell auf hab' ich gelacht: „Meinen Sie, daß 3hnen mein Mann solche Räubergeschichten glaubt?" — WieDer dieses infame niederträchtige Lächeln. „Vielleicht doch, ich habe einen Zeugen, meinen ehemaligen Kutscher, er ist mir hierher gefolgt und . . . wollen Sie sich vielleicht mal dies Bildchen ansehen?" Aus seiner 3oppentasche holt et einen Umschlag, nimmt eine Photographie heraus: „Sie können es zum Andenken behalten — ich habe noch mehrere Abzüge . . .“ Rot und schwarz wird mir vor Den Augen, mechanisch greife ich nach dem Lichtbild . . . Gott im Himmel, Da stehe ich neben dem Hirsch, stehe auf der Zanowiczwiese, jedes Kind würde Die Kanzel toieDererlennen . . . „Wann . . . wann haben Sie Das ausgenommen?!" frag ich atemlos. „Damals, in einem unbewachten Augenblick." — „Und wissen Sie auch, daß es 3hnen Die Uniform kosten kann?!" „Mir?" Er lacht, Daß Die festen, Weißen Zähne wie das Gebiß eines Raubtieres schimmern. „Mir?! 3a, glauben Sie Denn, Daß mein Leben noch Wert hat?!" ... Es ist mir, als drehte sich alles um mich im Kreise . . . nur jetzt Die Besinnung behalten: „Herr von Mansar . . . was wollen Sie von mir?" — „Nichts . . . vorerst nichts . . . das weitere findet sich Wohl . . . Habe Die Ehre, Frau Baronin!" Und ist weg- gegangen, hat mich stehen lassen, ist gegangen, ohne sich noch einmal umzufchauen . . ?'
„Terofal in der Oed, am 20.3uli 1903.
Vier Wochen lang hab' ich Ruh' gehabt. Dann kommt heut früh mit Der Post ein Brief, Der Vinzenz war Gott sei Dank nicht zugegen . . . Poststempel fehlt, Der alte Bote steckt ihn mir zu . . . „3ch soll gleich Antwort bringen!“ . . . Wie Blei lag mir's in Den Gliedern als ich Den Umschlag aufreifje, bloß zwei Zeilen, flüchtig hin- gekrihelt: „Erwarte Dich heute nacht um zwei Uhr im Terofaler Park an Der Westmauer, Dort wo Die Steinbank steht. Habe Dir Wichtiges zu sagen. S. v. M." Der Unverschämte!! Aber Dann kommt Die kühle Ueberlegung . . . könnt' ja fein, Daß Die Sache mit Geld aus Der Welt zu schaffen ist. . . mein halbes Vermögen gab' ich hin, ober ... am End' ist er gar verseht worden ... Es ist gut, ich werde gehen . . ."
„Einen Tag später.
3n mir brennt die Scham . . . Es ist aus, alles aus . . . „Dich will ich . . . Dich! 3ch hab« ein Recht auf dich!!" Das waren seine Worte, und Dann ein heißes, leidenschaftliches Gestammel: „Du . . . Du. . . ich vergehe vor Sehnsucht nach Dir ..." — „Herr von Mansar!! 3ch bin . . . verheiratetII" Er stiert mich an ... „So mach' Dich frei, oder — dein Mann weih ja nichts, wird nichts entbehren." Mit afler Kraft stoße ich ihn zurück, jage Den schmalen, Kiesweg entlang, höre hinter mir seinen keuchenden Atem . . . Und stehe Dann in meinem Zimmer, kann mich kaum noch auf Den Füßen halten . . . Also Das will
er . . . das ... Den Treubruch . . . lieber mein Leben!"
„Am 10. Oktober 1903.
Grundgütiger Gott im Himmel, kann Denn eine Schuld so schwer gestraft werden?! Müssen auch Unschuldige leiden?! — Noch zweimal habe ich Den Sandor von Mansar wiedergesehen, habe mich aus Dem Haus geschlichen tote eine Diebin, bin gegangen, weil ... weil ich es nit ertragen könnt', wenn Der Vinzenz Die Wahrheit erführe, weil ich noch immer gehofft habe. Der ... Der andere würde mich freigeben ... umsonst! Eher hätt' ein Stein Erbarmen! Und beide Male hat mein Mann mich bei Der Heimkehr überrascht. ... Lügen hab' ich müssen und — schweigen. Schweigen auch Darüber, Daß ich Dem Herrn von Mansar eine Pistole vor Die Brust gehalten habe, als er mich zwingen wollte ... zwingen mit Gewalt. — Mit einem Fluch hat er mich freigegeben. „Das zahlst Du mir — Das und Die alte Schuld — ich lasse Dir Die Wahl, wenn ich ihn treffe, ihn, Der Dich mir genommen hat, Dann schieß' ich ihn nieDer. ...“ Die Leut' reden schon Darüber, haben mich gesehen nachts, sagen ich fei ein Werwolf. ... Nur einer kann helfen, einer, zu Dem ich Vertrauen hab' ... obwohl ich ihn fürchte ... Das Telegramm ist befördert — jetzt gibt es kein „Zurück" mehr. Und Das ist gut so. ... Bis zum 18. Oktober hat mir Der SanDor von Mansar Frist gegeben ... eine Galgenfrist, aber Doch ein Aufschub. ...“
„Zwei Tage Danach.
Nun bin ich ruhiger ... der Freund Des Vinzenz ist Da ... natürlich, die beiden halten zusammen wie Die Kletten, und — mein Hilferuf war ja Dringlich genug! Es kommt alles zusammen. Wohl hundertmal hab' ich Den Vinzenz gebeten, daß wir reifen wollen, hab' ein Märchen erfunden, ich müsse in Kis-Crdö nach Dem Rechten sehen — vergeblich. Wie eine Krankheit ist Das über meinen Mann gekommen. Keine ruhige Minute hat er mehr, ist ganze Tage, halbe Nächte lang Draußen im Revier, des geheimnisvollen Wilderers halber und wegen Dem „Bauernschreck". Soll ein zugewechfelter Wolf sein oDer ein HunD — was weih ich. Aber Den WildDieb glaubte ich zu kennen. ... UnD in mir ist eine zitternDe Angst, ein grauendes Bangen ... wenn Dem Vinzenz etwas geschieht, wenn ... wenn Der andere ihn aus Dem Hinterhalt niederschieht, Dann bin ich Die SchulDige ... bin eine Mör- Derin. ..
„Am 13. Oktober.
Gott im Himmel, ich danke dir! Danke dir! Hat mich mein Vertrauen in Den FreunD meines Mannes Doch nicht getrogen! Der Vinzenz will abreifen ... am 20., zwei Tage nach Der Frist, Die mir der Sandor von Mansar gegeben hat. Aber Darum ist mir nit bang', werd' ihn schon Hinhalten, und er ist wieder der Betrogene ... gtaD wie Damals! — Ganz ausgewechselt ist mein Mann, geht nit mehr ins Revier, rührt keinen Wein, keine Spirituosen mehr an.
„3 Hab s Dem „Alterle" versprochen," hat er mir anvertraut: „Du, Der hat mir aber scharf ins G'wiss'n g'red't. ..." 3st schon recht wenn selbst
meine Bitten nichts mehr helfen, muß halt grö- b'res Geschütz anfahren. ... Der „Bauernschreck" lebt immer noch und Der geheimnisvolle WilDerer treibt nach wie vor sein Unwesen. — Heimlich hab' ich mit Dem 3ackl gesprochen: TausenD Gul- Den Belohnung, wenn er oDer Der Franzi Den Lumpen abliefern, aber nit lebend. ... Tote können nichts mehr ausplaudern, und geht ja auch alles mit rechten Dingen zu: im G'birg' gilt nur ein Gesetz: „Der G'schwind're — Der G'sünd're." Einmal muh es zu einem Zusammenstoß kommen, unD Dann ... bin ich frei ... frei! Wenn nur Der Vinzenz nit so arg mit Den Nerven herunten wär' ... na. Das ist Die geringste Sorge, fein „Alterle" wird auch Da Die rechte Arznei zu ftnDen wissen.
„Schloß Terofal in Der Oed, am 18. Oktober 1903.
Und nun hab' ich doch wieder einen Brief bekommen von Sandor von Mansar. ... Aus Dem Fenstersims hat Das Schreiben gelegen in Der Früh', unD draußen im Schnee sah man noch Die Fußspuren. ... SinD nur wenige Zeilen gewesen: „Erwarte Dich um elf Uhr an Der Steinbank, muß Dich noch einmal sehen und sprechen oder ..." Das soll eine Drohung sein! Also nun grab nit, hat ja auch keinen Zweck, übermorgen reifen wir und ... jetzt hab' ich Den Mut gefunDen, in Kis-Erdö werDe ich Dem Vinzenz alles sagen, Dann mag kommen, was Da will, lieber ein EnDe mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!"
„Am selbigen Abend.
Die beiden Herren sind mit Dem 3ackl noch einmal ins Revier gegangen zum Ansitz auf Den sagenhaften „Bauernschreck". Wenn sie nut erst wieder Daheim wären! 3mmer ist mir's als müßt' beut’ noch irgenb etwas geschehen. ... Eine Unrast ist in mir, ein Bangen, weiß selbst nit warum. — 3m Zimmer ist's unerträglich warm, habe das Fenster geöffnet unD lasse mir Die heiße Stirn von Der kalten, herben Schneelast kühlen. Droben hebt Die Turmuhr aus, ein Viertel nach elf ... nun hat Der SanDor von Mansar umsonst gewartet —“
Hier brach die Schrift ab, ein langer, schräger Strich, quer über Die ganze Seite, so als fei Der Schreiberin Die Feder ausgeglitten und darunter ein winziger roter Punkt — Blut.
Regungslos saß ich und starrte in dos Kaminfeuer. Graue Asche lag auf Den matt glimmenDcn Scheiten, trübe flackerte Die Lampe, zuckte noch einmal und erlosch Dann. ... Mit einer scheuen, fast zärtlichen Bewegung strich ich über Das weiche, kühle Leder des Einbandes hin ... Die Beichte einer Toten unD ... eine Rechtfertigung.
Draußen auf Dem Hofe knarrte ein Pumpenschwengel. leise, ganz leise zirpten Die Heimchen hinter bet Verschalung Des Kamins. ... 3ch blickte auf. Gen Osten wurde es hell, opalisierendes Dämmerlicht säumte Den Horizont, ging über in einen zart rosa getönten Schein, und nun schossen funtelnbe, flammenöe Strahlengarben empor. tauchten alles in ein Meer voll Licht und Glanz. ...
Der neue Tag wat erwacht. ...
— Ende. — v


