Oie Liebe derBrigiita Hottermarin
Romern von Elisabeth Ney.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).
2 Fortsetzung Nachdruck verbalen.
„Evelyn, du weißt recht gut, daß ich ihm daS Gift nur gab, als ich wußte, daß er ein verlorener Mensch war. Ich gab es ihm auf seine tagelangen Bitten hin. Ich vermochte in die flachenden, verängstigten Augen dieses Armen nicht mehr zu sehen. Sie verfolgten mich stündlich. Tag und Rächt. Ich hörte seine heiseren, flehenden Schreie auch dann, wenn ich nicht in seiner Rühe weilte. Es waren für mich harte Kämpfe zwischen Pflicht und Menschlichkeit, bis ich endlich nachgab: und heute bekenne ich es frei und offen, ja. ich bin der Mörder Erich B.'essens, er starb von dem Gift, das ich ihm zu seiner Erlösung gab. Gott wird mir verzeihen!"
Ich aber kann dir nie. niemals verzeihen: Geh', geh', du Mörder! Damit du es weißt. Brigitta wird noch heute abend Doktor Bcilingers Braut, und du selbst wirst unseren Gästen diese Verlobung verkünden. Ich habe bereits einen energischen Riegel gegen eine etwaige Weigerung deinerseits vorgeschoben. Ein kurzes Telephongespräch mit der Baronin von Ballin genügte. Du weißt, diese Frau versteht es meisterhaft, Reuigleiten selbst in Hamburg binnen weniger Stunden zu verbreiten. Wir empfangen also vorbereitete Gäste: auch das Personal ist bereits verständigt." ,
..And Brigitta, fragtest du nicht nach ihr?
„Sie bleibt am besten ahnungslos."
..Ist sie nicht dein Kind, ebenso wie Isa? Weshalb machst du einen solchen Unterschied zwischen deinen Kindern? Ilie, glaube ich, würdest du Isa so verschachern."
,.2sa, nein, niemals: aber Brigitta hasse ich, denn sie ist dein Kind."
„Mein Kind? Evelyn, ist das nicht auch Isa?"
„Rein, nein, damit du cs endlich weißt, was brauche ich noch Rücksichten zu nehmen?! Isa ist nicht dein Kind. ..."
„So hast du mich betrogen, Schamlose?"
„Betrogen, nun ja. Ist es so schlimm, wenn man einen Mörder betrügt?"
„Evelyn!" Stöhnend, todeswund brach es aus Hollermanns Brust. Da kloppte die Tür. Frau Eve hn war verschwunden.
..Isa nicht mein Kind? Brigitta, arme, kleine Brigitta!", so schluchzte der alte Mann, der über Rächt, olles, selbst fein Weib, an das et felsenfest geglaubt, verloren hatte, qualvoll auf.
ttr. 58 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 9. März 1929
Reichsgesundheitsfürsorge.
Kur Bekämpfung der Volkskrankheiten und zur Hebung der Volksgesundheit sind vom Reichs- arbeityininifterium am 27. Februar „Richtlinien überGesundheitsfürsorge in der versicherten Bevölkerung" erlassen worden. Die Richtlinien bestimmen, daß sich die Bersiche- rungsträger untereinander und mit den -trägem der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege, mit den staatlichen und kommunalen Gesundheitsbehörden mit der Aerzteschaft und anderen beteiligten Stellen in Arbeitsgemeinschaften, Zweckverbanden uno dgl. oerbrnden. Es soll dadurch eine umfassende und planmäßige, und möglichst wirksame Gesund- baisfüriorge erreicht, die Ausgaben für unnötige Doppelleistungen vermieden, Mittel zur Steigerung d. notwendigen Leistungen freigemacht und die G.sundheitsfürsorge einfacher und wirtschaftlicher gestaltet werden.
Die Richlltnien enthalten besondere Vorschriften üb.-r die Gesundheitsfürsorge für tuberkulöse und fi e ^'chlechtskranke Versicherte. Versicherte im Ginne Ur Inta,Hinten sind bei tuberkulösen Erkrankungen die ^„'onen, die gegen Krank- beit. Invalidität oder Berufsunjähigkclt versid-ert s^«!"ßlich Ehegatte. Kinder, Witwe (Wit-
v “viii.?. rtn Versicherten. Es gehören auch die _ "T m>. . ? mis der Inva«
liden-, Angestellte..- . knappschusv; V'^-be-
rung dazu. Bei Geschlechtskranken umiu»l die Fürsorge die gegen Kran heit versicherten Personen einschl. Ehegatten und Kinder. Als L eist u n g e n sind vorgesehen: ärztliche Behandlung, Versorgung mit Arznei- und anderen Heilmitteln, Kur und Verpflegung in einer Anstalt, bei Tuberkulose außerdem Aufenthalt in einer Erholungsstätte, Gewährung von Hauspflege, Anwendung der Gasbrust und die Abgabe von Nahrungs- m.tteln und Stärkemitteln. Rach Beendigung einer Anstaltspflege soll der Zustand des Kranken nach Maßgabe örzUichen Rates weiter beobachtet und die erforderliche Nachbehandlung gewährt werden.
Als weitere Maßnahmen kommen in Betracht: a) für Tuberkulöse: Verbesserung der Ernährung, Kleidung, Wohnung, des Hausrats, Entseuchung der Wohnung, Berufsfürsorge, Einr.chtung neuer und Forderung bereits bestehender Tuberku- löse-Fürsorgestellen, Heil- und Genesungsanstalten, von Anstalten zur Unterbringung schwercranter Tuberkulöser, sowie von Erholungsstätten, Aufklärung über die Tuberkulose, ihre Verhütung und Bekämpfung, Betreuung gesundheitlich Gefährdeter, Unterstützung von Einrichtungen, die der Leibesübung dienen und die gc'undhe.tliche Lebenshaltung bessern, ferner bevorzugte Darlehnsgewährung für Woh- nungsbauten. b) Bezüglich der Geschlechts- krankheiten: Einrichtung neuer und Unterstützung bereits bestehender Beratungsstellen, Auf- Harting über diese Krankheiten, ihre Verhütung und Bekämpfung. Bei Geschlechtskranken ist. auch Vorsorge getroffen, daß für solche Kranke, welche glauben, ohne Nachteil für ihre Person der Krankenkasse ihr Leiden nicht offenbaren zu können, die Fürsorge- maßnahmestcllen von der sonst zuständigen Kranken- lasse in solchem Falle von der Landesversicherungs- a> stakt durchaeführt werden.
us den Richtlinien können rechtliche Ansprüche nicht hergeleitet werden. Es handelt sich also um freiwillige Leistungen. Anderweitige An- spräche auf Versicherungsleistungen, die Verpflichtung des Re.ches (für Kriegsbeschädigte), der Fürsorge- verbände und etwaiger sonstiger Stellen zur Betreuung tuberlulöser und geschlechtskranker Versicherter bleiben unberührt.
Die Richtlinien treten am 1. April in Kraft. E.e werden sicherlich dazu beitragen, die Volks- cpsundung wesentlich zu fördern.
Ein Stiefkind unter den Nahrungsmitteln. Dr. med. Kayser schreibt in der „Deutschen Korrespondenz für Gesundheitswesen und Sozialversicherung" :
„Zur Ernährung dos deutschen Bolles müssen alljährlich für 3,8 Milliarden Reichsmark Cc- bensmittel aus dem Auslande eingeführt werden. Ein guter Teil dieses Geldes könnte aber im Lande bleiben und damit unserer Bevölkerung in anderer Form zugute kommen, wenn wir ein Erzeugnis des Meeres, die Seefische, für Zwecke der Ernährung in weit größerem Umfange ausnuhen wollten, als bisher. Würden im Iahre auch nur 10 Pfund Seefische auf den Kovf der Bevölkerung mehr verzehrt, so ließe sich dadurch eine Stärkung unserer Dolkswirtschaft um eltoa 240 Millionen Mark erzielen, unter der Boraussehung, daß die Minderung der ausländischen Einfuhr mit dem Gegenwert von 40 Pf. pro Pfund eingesetzt wird. Der Engländer ißt im Durchschnitt pro Kops und Iahr bei etwa gleichem Berbrauch an Fleisch im ganzen etwa 50 Pfund Fisch, der Deutsche dagegen nur 17 Psund. Darum ist die Propaganda für gesteigerten S e e f i s ch v e r b r a u ch eine national An illegenheit und von hoher Volks- wirtschaftliche. Bedeutung." w
Mit diesen Ausführungen leitete der Reichs- er. -^Minister Dietrich eine vom Ausschuß fui ^./■'■^brobaganöa veranstaltete Tagung ein. Seine Ausführungen wurden unterstützt und ergänzt durch ein Referat von Regierungsrat C i ch e l b a u m , der auf die Leistungen und Leistungsmöglichkeiten der deutschen Hochseefischerei hinwies. Der Transport der Seefische von der See bis zum Kochtopf ist in mustergültiger und hygienisch einwandfreier Weise geregelt. Die deutsche Hochseefischereiflotte ist imstande, einen weit größeren Verbrauch zu decken, da zur Zeit ihre Leistungsfähigkeit bei weitem nicht voll ausgenuht ist.
Daß die Seefischkost für den gesunden und kranken Menschen aber auch von hohem gesundheitlichem Wert ist, zeigte Pros. Dr. med. Gud- zent in einem Vortrag „Lieber den Wert der Seefische für die Ernährung und Gesundheit des deutschen Volkes". Er rühmte darin ganz besonders den Seefisch wegen seines Gehaltes an vollwertigen "Nährstoffen, insbesondere auch wegen seines Reichtums an Vitaminen und an Iod. und wies als besondere Empfehlung für die Seefischkost auf deren leichte Verdaulichkeit hin.
In einem Film, betitelt „Das wöchentliche Fischgericht" wurden die Hausfrauen schließlich noch über die zweckmäßige und abwechslungsreiche Zubereitung der Seefische in anregender Weise belehrt.
Ter vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ins Geben gerufene Ausschuß für Seefifchprovaganda bemüht sich, auf jede Weise Behörden und Volk von der Wichtigkeit der Seefischkost zu überzeugen und den gesteigerten Verkehr anzuregen. Möge dieser Tätigkeit zum Wohle unseres gesamten Volkes ein recht durchschlagender Erfolg beschieden sein. O.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
00 Klein-Linden, 8. März. In der Wirt- schall von Fritz Hinterlang sprach in öffentlicher Versammlung Landwirtfchaftsrat Dr. Lehr von Landwirtschallsamt Lich über „Rassenzucht in der Rindviehhaltung"". Er berührte dabei Pflege, Fütterung und Rentabilitälsgestaltung unserer
Es dämmerte bereits, als er sich endlich wieder- fand.
Mühsam richtete er sich auf und blickte wie suchend um sich.
Was sollte er noch hier?
War nicht alles, alles aus, vorbei?
Aber, wenn er jetzt aus diesem Leben ging, sah es nicht aus wie das Bekenntnis seiner Schuld? Mußte er nicht viel eher stark bleiben, um endlich der Welt die Augen zu offnen, um ihr zuzurufen: Kommt und seht das Menschenelend! Ist es nicht recht, daß ich zum Mörder wurde? Wer wagt es, mich zu verdammen?
Da ober kroch es wie unendliches Grauen durch seine Gedanken, und mit einem Male kannte er die Antwort dieser Menschen.
„Es ist ein Irrsinniger, schützt uns vor ihm, sperrt ihn ein, damit wir vor diesem Menschen sicher sind! Solange ein Mensch atmet, ist Hoffnung. Kein Arzt kann ermessen, ob nicht doch eine Besserung eintreten wird!"
Der alte Arzt lachte hart und gequält auf.
Unheimlich klang dieses Lachen durch die Stille des kleinen Zimmers.
Ha, ha, gestern wurde er zum Mörder, und heute verschacherte er seine Tochter an einen jener gewissenlosen Pflichtenmenschen, der Menschenliebe nicht kannte.
Langsam versteh der Geheimrat das Boudoir und schleppte sich nach seinem Arbeitszimmer.
Unterwegs schlüpfte Isa an ihm vorüber: Isa, die er zärtlich liebte und die, wie er nun wußte, nicht seine Tochter war.
Sah sie ihn nicht scheu, beinah bösartig von der Seite an? Wich sie nicht wie vor einem Aussätzigen zurück?
Er starrte ihr nach wie einer Erscheinung.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter.
Er fuhr erschrocken zusammen.
Vor ihm stand Brigitta. Iung, schön und lieblich, jetzt mit ängstlich fragendem Blick.
„Was ist dir, Väterchen, du erschrickst ja wie vor einem Gespenst?" rief sie erstaunt aus.
„Ich. ich hatte dich nicht kommen hören," murmelte der Geheimrat, sich abwendend.
„In einer Stunde •fommen die Gäste, Väterchen, und du bist rwch nicht umgezogen!"
„In einer Stunde, ja, ganz recht," entgegnete Hollermann mit schwerer Zunge.
„Brigitta, mein Kind," sagte er dann plötzlich, sich zusammenreihend.
„Was willst du, lieber Pa?"
„Ich wi.l dich nur etwas fragen.“
„Tu' das, du siehst ja ganz feierlich aus."
„Wenn nun heute einer tarne und um die Hand meiner lieben Aelle st en anhelte, was sollte ich diesem wohl zur Antwort geben?“
Brigitta Hoileymann errötete leicht und wandte den Blick scheu zur Seite.
Rindviehzucht. Leider war der Vortrag trotz seiner Wichtigseit für untere Landwirte nur verhältnismäßig schlecht besucht.
Cj e o 11 a r, 8. -Uiärz. bn diesem Iahre werden es 10 Iahre, daß die Sängervereinigung Lollar als solche besteht, die bald nach Kriegsende durch die Verschmelzung der bis dahin bestehenden Ve.eine „Männcrgesangverein „Germania" und Gesangv.rein „Liedertafel" entstanden ist. Hm die Erinnerung an das Ereignis der Verschmelzung wachz.hallm, v:ransta t:t die ©ängerocrcinigur.g am 6. und 7. Iuli eine Feier. Die für die Vorbereitung des Festes erforderlichen Ausschüsse haben in diesen Tagen mit ihren Arbeiten begonnen.
• Lollar, 9. März. Gestern nachmittag v c r- u n g l ü d t e in dem Betriebe der hiesigen Main- Weser-Hütte der 20 Iahre alte Arbeiter Ernst Becker aus Wieseck dadurch, daß ein Wagen mit ©urteilen umkippte und dem jungen Manne auf beide Deine fiel. Der Bedauernswerte erlitt dadurch am rechten Fuß einen Knöchelbruch und am linken Bein einen komplizierten Hnterfdjenfelbrudj. Rach erster Hilfeleistung im Werl wurde er von der Gießener Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz der Chirurgischen Klinik in Gießen zup.esükjrt.
ch Staufenberg, 8. März. Gestern nachmittag konnte man hier eine Schar S ch n ecgänse beobachten, als sie in nordöstlicher Richtung, zwischen hier und dem benachbarten Dorfe Mainzlar, die Gegend überflog. Es waren zwanzig Stück, ihre Flugweise die bekannte „Einsform".
D a ’.i b r i n a e n, 8. März. Eine große Rutz- und Brennholzversteigerung aus den staatlichen Wäldern der Försterei Alten- Buseck fand hier statt. Aus den benachbarten Orten Alten-Buseck, Treis, Mainz'ar und Climbach waren die Holzsuchenden in großer Zahl erschienen. Trotz sehr starken Angebotes bewegten sich die Preise durchschnittlich 10 bis 20 Proz. über den vorjährigen Dersteigerungsgeboten. Maßgebend hierfür dürfe wohl sein, daß in den meisten Haushaltungen infolge des strengen, anhaltenden Winters die Holzvorräte fast vollstän- big ausgebraucht sind. Man bezah te: je 2 Raummeter Buchenscheitholz 29 bis 35 Mk., Buchenknüppel 25 bis 28 Mk., Eichenknüppel 16 bis 20 Mk., Hainbuchenknüppel 21 bis 23 Mk., Kiefernknüppel 20 bis 22 Mk.: Duchenreisig l.Kl. 20 bis 25 Mk. je 10 Raummeter, Eichenknüppel- reifer je 5 Raummeter bis 7 Mk., Buchenreiser 2. Klasse 18 bis 20 Mk., Eichenreiser derselben Klasse je 10 Raummeter 8 bis 10 Mk., Fichtenschichthaufen je nach Qualität 10 bis 15 Mk., Buchenreiser 3. Klasse je 10 Raummeter 15 bis 18 Mk., Eichen- und Fichtenreisig 3. Klasse 5 bis 8 Mk. je 10 Raummeter. Für Bucher stöcke wurden verhältnismäßig hohe Preise b zh t, ebenso für Eichenstöcke, die mitunter je Doppeiraumrneter auf 12 bis 16 Mark kamen.
• Watzenborn-Steinberg. 8. März. Die hiesige Arbeiter-Sam ariterkolonne veranstaltete einen Lichtbildervortrag über die Tuberkulose. Der Vortragende, Dr. Fabel, gab seinen Zuhörern in zweieinhalbstündigem Vorträge sehr wertvolle Aufklä- rungen über die Ge,ähren dieser Krankheit und über die geeigneten Vorbeugungsmaßnahmen.
Kreis Friedberg.
* Friedberg, 8. März. Eine Versammlung ehemaliger Obstbauschüler sand dieser Tage unter der Leitung des Obstbautech- niters i.R. Billasch (Friedberg) hier statt. Rach den Degrüßungsworlen des Versammlungsleiters wurde zunächst die Dorstandswahl vorgenommen, bei der der Versammlungsleiter einstimmig zum ersten Vorsitzenden, der Provinzial- baumtoart L. Horn (Friedberg- Fauerbach) zum
„Run, wie steht es, Kind?" forschte der Vater herzklopfend.
„Ich weih, wer es ist, Pa," sagte sie jetzt beinah beschämt. „Er hat noch nicht mit mir ge- sprachen, aber ich freue mich, daß du mein Herzensgeheimnis kennst. Sag' ihm, daß ich ihn liebe. Du selbst, lieber Pa, wirst Wohl nicht böse sein, wenn ich deinen Assistenten gern habe. So viel ich von dir weih, berechtigt er zu allen Hoffnungen, ein tüchtiger Arzt unter deiner Leitung zu werden."
„So — so. sagtest du nichts nein, "Brigitta, so habe ich mich umsonst gequält?" rief Dern- hard Hollermann fassungslos aus.
„Rein, Herzensväterchen, ich sage nicht nein. (Sott, ich bin ja so über alle Maßen glücklich!" tief "Brigitta Hollermann jubelnd aus, und den Vater noch rasch auf den Mund küssend, war sie im nächsten Moment verschwunden.
Hllflos starrte er ihr nach.
Was war das? Brigitta liebte diesen Bei» linger, und noch gestern glaubte er deutlich ihre Abneigung gec.cn diesen Mann aus ihrem Munde zu hören. Wie kam es, daß sie ihren Sinn so schnell geändert hatte?
Sollte seine Frau —? Rein, es war unmöglich, daß sich Brigitta für ihn opfern wollte, dazu hatte ihr soeben das Glück nur zu strahlend aus den Augen geleuchtet.
Brigitta liebte Dok.or Fritz Bellinger, dann — dann war ja alles, alles gut. und niemals brauchte er seine Tochter zu verschachern.
„Herr Gott, ich danke dir," seufzte er erleichtert auf, „so bleibt mir wenigstens das Schlimmste erspart."
Geheimrat Hollermann ging festeren Schrittes nach seinem Schlafzimmer, um sich für die Gesellschaft umzuklciden.
Wenn er auch alles verloren hatte, vor allem die Frau, die ihm bisher sein Lebensglück bedeutete, so brauchte er doch wenigstens nicht zum Schurken an seinem Kinde zu werden.
Die heutige Gesellschaft sollte ihm den Leid- gezeichneten nicht ansehen.
Brigitta sollte einen frohen Verlobungsabend haben, ihretwegen wollte er die letzte Kraft zusammenreihen.
Plötzlich taumelte er und sank mit schmerzlich verzogener Miene, zum Herzen greifend, auf das Sofa nieder.
Seine G.ieder erstarrten, kalter Schweiß preßte sich aus seinen Poren. ...
Der schwere Herzanfall ging vorüber, aber er fühlte sich unfagäar matt und vermochte sich nur mühsam aufzurichten, ilnb nun tat Geheimrat Hollermann zum ersten Male das, was er noch nie nötig gchabt hatte: er machte sich eine Morphiuminjektion.
; ehn Minuten später war er ein ganz anderer Mensch.
zweiten Vorsitzenden und Gg. Drück (Oberros- bach) zum Rechner gewählt wurde. Als "Beisitzer gehören dem Vorstand noch an Bernhardt (Griedel) und Weitzel (Bönstadt). Hieraus hielt Gartenbailinspektor R e n t s ch von der Lehr- anstalt für Obstbau und Landwirtschaft in Fried- berg einen Vortrag über das Thema „Wie kann der Baumwärter sein Arbeitsgebiet erweitern?" Die Darlegungen des Redners wurden mit lebhaftem Interesse auf genommen und hatten eine rege Aussprache zur Folge. Als Ort der nächsten Versammlung wurde Oberrosbach bestimmt.
• Bad-Rauheim. 8. März. Die hiesige Ortsgruppe der Deutschnationalen V o l k s p a r t e i hiell dieser Tage chre 10. Haupt- Versammlung ab. Rechtsanwalt und Rotar Dr. Brücher gedachte zunächst der int verflossenen Iahre verstorbenen Mitglieder und erstattete sodann den Jahresbericht, in dessen Rahmen er u. a. über die gegenwärtige politische Lage sprach. Er gab der Tieberzeugung Ausdruck, daß die von den Deutschnationalen vertretene politische Ansicht sich immer mehr durchsetzen und unser Volk zur Gesundung und zu neuem Aufstieg befähigen werde. Den Kassenbericht ermattete der Rechner Leinkauf: ihm wurde nach Rechnungsprüfung Entlastung erteilt, lieber die Arbeit der deutschnationalen Stadtverordneten» fraktion berichtete Siadtv. Leinkauf, der sich dabei mit den wichtigsten kommunalpolitischen Fragen beschäftigte. 11. a. begrüßte er mit Genugtuung, daß das schon lange geplante Ehrenmal für die Gefallenen in Bälde in Angriff genommen werde. Bei der Vorstandswahl wurden einige turnusmäßig auSscheide.rde Mitglieder wiedergewähll und zwei Herren neu in den Vorstand cnffanM; der bisherige 1. Vorsitzende und Gründer der Ortsgruppe, Prof. Weber, halte sein Amt wegen beruflicher Ucberlaftung nieöergelegt, an seine Stelle wurde Rechtsanwalt Dr. Brücher einstimmig zum Vorsitzenden gewählt. Pros. Weber wurde in Anerkennung seiner Verdienste um die Ortsgruppe zu deren Ehrenvorsitzenden ernannt.
A Reichelsheim, 8. März. Die strenge Februarkälte hat auch das etwa 70 Zentimeter Durchmesser fassende Leitungsrohr der Frankfurter Wasserleitung, die von den Quellen des Wasserwerkes Inheiden gespeist wird, und durch die Horloff gelegt ist, zum Auf frieren gebracht. Gegenwärtig ist die Firma Holz- mann (Frankfurt a. M.) mit der Ausbesserung des Stranges beschäftigt. Die Arbeiten gestalten sich durch das Eindämmen der Horloff schwie- rig und werden längere Zeit in Anspruch nehmen.
Kreis Büdingen.
nd. Ridda, 8. März. In unserem Kirchspiel betrug die Gesamtsumme aller Liebesgaben im verflossenen Iahr 7658 Mk. bei 3392 evangelischen Einwohnern, demnach auf den Kopf 2,26 Mark.
Kreis Schotten.
□ Laubach, 8. März. Die jüngste Brenn» ho^zversteigerung im Laubacher Stadtwald aus den Distrikten „Rarnsberg". „Rother Stahl" (Rudelstall), „Einfirste" brachte ungewöhnlich hohe Preise. Die Holzvorräte der Bewohner sind fast erschöpft, und das Holz sitzt sehr bequem zum Abfahren an nahegelegenen Forstorten. Es kamen im Durchschnitt das Raummeter Scheller auf 15 bis 16 Mk.. Knüppel 12 bis 13 Ml.. Stocke 11 bis 12 Mk., 4 Meter Reiser 9 bis 10 Mk. — Aus dem Jahresbericht des ersten Kommandanten Landw. Hch. Schmidt, in der Hauptversammlung dec hiesigen Freiwilligen Feuerwehr ersieht man, daß die Wehr sich in gedeihlicher Entwicklung befindet. Die Feuerwehr hat gegenwärtig eine Stärke von 147 ordentlichen und 38 auherordent-
Elaftisch, verjüngt, kleidete er sich um. "Brigitta, der einzige Mensch, der ihm geblieben war, sollte glücklich sein. Erst morgen wollte er mit seinen Widersachern abrechnen!
Brigitta Hollermann stand zu dieser Zeit vor dem großen Ankleidespiegel ihres eleganten Mädchenzimmers und lächelte glücklich verträumt ihrem entzückenden Spiegelbild entgegen. Im Frohgefühl ihres schneeweißen, zarten Körpers dehnte sie die schlanken Glieder.
Soeben war die alte Dienerin Hanna damit beschäftigt, ihr die kleinen Brokatschuhe über die zierlichen Füßchen zu ziehen, als aus dem Reben- zimmer, zu dem Die Tür nur angelehnt war, klägliche Rufe Isa Hollermanns erklangen:
„Hanna, wo steckst du nur so lange, Brigitta kann doch sehr gut allein fertig werden. So komm doch endlich und hilf mir, da ist doch wahrhaftig eine Rosette von meinem Kleid abgetrennt!“
„Geh' nur, Hanna," sagte Brigitta lächelnd, „sonst tobt Isa erst wieder und zerzaust womöglich ihr hübsches Kleid. Ich werde auch allein noch bequem fertig.“
Die Alte verschwand ellig, und Brigitta war allein.
Gedankenverloren ließ sie jetzt die unendlich seine, goldgestickte Seidenrobe über ihren schlanken Körper fallen, dann trat sie, von ihrem Anblick bezaubert, ein wenig vom Spiegel zurück. Wie eine junge Königin sah sie aus.
Das blonde Lockenhaar, das sich schlicht, in natürlichem (Seringel um die schneeweißen Schläfen schmiegte, endete in dem feinen, schmalen Racken in einem tiefen Knoten.
Sie bot ein beinah erschütterndes Bild von Anmut und Schönheit.
Völlig versunken starrte Brigitta Hollermann auf ihr Spiegelbild.
Ob sie ihm, dem einzig Geliebten, heute so gefallen würde?
„3a, ja,“ jubelte es in ihr, und hold erglühend schlug sie die Hände vor das Gesicht.
Unbemerkt kehrte die alle Hanna, die Isas hitziges Gemüt besänftigt hatte, in Brigittas Zimmer zurück.
Wie von einem Wunder geblendet, blieb sie jedoch an der Tür stehen und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, indem sie rief:
„Wie schön, wie wunderschön das gnädige Fräulein heute aussieht! Wie eine richtige Mär chenprinzeß! Gerade hab' ich gedacht, daß es wohl nichts Schöneres als das gnädige Fräulein Isa geben könne: aber jetzt weiß ich, daß das Fräulein Brigitta tausendmal schöner ist! Ich kann mich gar nicht satt sehen. 3a, ja. das ist eben das Glück, das aus den Augen strahlt"
„Das Glück, Hanna, wie meinst du das?"
I (Fortsetzung folgt.)


