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Samstag, 9. März 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Ur. 58 Zweites Blatt

Staatsführung.

Don Gottfried Reinhold Treviranus, M. d.R.

Wer sich der historischen Bedingtheit des deut­schen Menschen bewußt ist, wird bewahrt bleiben vor einem Wolkenflug der Einfälle und Gedanken über die Entwicklung des deutschen Staates. Niemand wird dem typischen Deutschen mit ratio­nellen Erwägungen eine unitarische Form für die Dauer aufreden oder aufzwingen können. Ge­wiß gibt cs revolutionäre Neben, lautes Murren an der Bieroank. Aber man muh schon etwas tiefer hineinhorchcn in unser Volk, um sich vor Traumbildern zu hüten. Den deutschen Stämmen liegt weder eine Vergötterung von Menschen, lwch der Begriff von Staat und Nation im Stute. Sn Deutschland ist darum kein Naum für einen Faszismus.

Wie stehen die Dinge heute? Wir haben auch jetzt die Souveränität eines bureau- kratlschen Absolutismus, einer Bureau- kratie, die hinter der Kulisse der Parlamente regiert. Minister kommen und gehen und werden wie die Volksvertreter von der Bureaukratie so intensiv beschäftigt, daß zu einem politischen,Re- giment schon allein die Zeit fehlt. Wir sind von einer verfassungspolitischen Befriedung un­terer Nation weit entfernt, aber auch nicht zu­letzt in der Freiheit des politischen Handelns beschränkt.

Können wir unter diesen Hmständen die Hoff­nung haben, daß mit einem anderen Absolutis­mus, einer persönlichen Diktatur die Aufgabe, Landfrieden zu schaffen, erfüllt wird? Wir wol- len ganz davon absehen, ob eine Diktatur nicht Degbereitung für den endgültigen Sieg des So­zialismus in Deutschland fern würde. Wir neigen dazu, jedes System, jede Organisation, jedes In- Itrument zum Selbstzweck werden zu lassen. Sitzt uns nicht der Kompetenzstreit, der Ressortgeist in Fleisch und Blut, wenn wir uns ehrlich prüfen? Der Deutsche ist durchaus abgeneigt, einem Füh­rer unbeschränkte Vollmacht zu geben. Er drängt zur Selbstverwaltung, will Auffassungen unb Beschlüsse der Führer begründet sehen. Das erkannt zu haben, bleibt das unvergängliche Verdienst des Freiherrn von Stein. Gerade der konservative Deutsche, der eine organische Gliede­rung fordert, ist dem Zentralismus und Hnitaris- mus, aus verfälschten liberalen Ideen geboren, im Innersten abhold. Unö wenn in der Verbitte­rung über die Verelendung des Volkes und der Wirtschaft der Nuf nach Remedur in ehrlicher Leidenschaft ertönt, so wünscht er keine schematische Diktatur, keinen Zentralismus, sondern Anerken­nung des eigentlichen deutschen Führerprinzips: die Klarstellung der Verantwort­lichkeit der Führer. Er sieht im gegen- j »artigen System keine Möglichkeit für politische Menschen, wahre Verantwortung zu übernehmen, | »eil unter der falschen Souveränität anonymer Millionen kein Führer Zeit und Platz für ein | Negieren findet. Das Behelfsmittel des Art.165 ! der Ncichsverfassung mit dem Torso eines Gut- j achterparlaments im Reichswirtschaftsrat geht an Dem Kernproblem vorbei. Der richtige Instinkt treibt wachsende Volkskreise zu der Forderung, -em Absolutismus des Massenparlaments, das von der Bureaukratie als Deckmantel benutzt wird, als Gegengewicht eine Vertretung der bodenständigen Führer gegenüber» au ft eilen. Ein Senat, eine Erste Kammer »bet Staatenhaus muß natürlich mehr als gut- «chtliche Tätigkeit haben. Eine Beteiligung von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern hat nur bann Zweck, wenn diese guten Willens sind, die natürliche Kameradschaft des Berufs über partei­politische Beziehungen oder Verbundenheit zur Geltung kommen zu lassen. Daß die Träger der -Kultur, die Vertreter geistigen Schaffens mehr 5u sagen haben müßten als in einer dritten Abteilung des vorläufigen Neichswirtschaftsrates, Darüber dürfte ebenfalls kein Zweifel bestehen, »enn man willens ist, statt eines Mehr an neuen Gutachten oder Instanzen einen Ausdruck 3j organischen Lebens unseres Volkes zu finden.

Die nationale Bewegung ist der Aus- 11 u 3 des letzten Restes deutscher Selbstherrlichkeit.

Zeitungshändler in Neuyork.

Don Peter Prior.

Ich sah in Hoboken gegenüber dem Bureau des Norddeutschen Lloyd und frühstückte. Es gab in Dem Lokal einen ganz ausgezeichneten Frühstücks- lisch: Gulasch, Austernsuppe, umsonst! Nur das sBier und der Schnaps mußten bezahlt werden.

Nempi passati! Jetzt ist's vorbei.

Da kam ein Bekannter daher, mit dem ich öfter einmal imWeihen Rössel", einem deut­schen Lokal in Neuyork, Tarock gespielt hatte.

Ha!" rief er.Du bist mein Mann! Ich fahre morgen nachIuropp" und werde dir meinen Zeitungsstand überlassen. Zahlst na, wieviel denn? eine Flasche Wein, und bist Besitzer des besten Zeitungsstandes Neuyorks, Ecke 3. Avenue, 73. Street. Hast keine Sorgen: das Geschäft geht von selbst! Eingeschlagen?"

Ich überlegte eine Minute, und schlug ein. Wir fuhren zusammen hinüber nach Neuyork, gingen aus die dem Stand meines Freundes zunächst gelegene Polizeiwache, wo der Stand notiert war. Ich bezahlte einen Dollar Heber» nahmegeaühr, bekam einen Ausweis und war 1 Zeitungshändler.

DasGeschäft" selbst bestand aus einem wacke­ligen Tisch, der notdürftig mit Draht an einem bfeiler der Hochbahn befestigt war, damit er nicht umfiel. Gleich neben ihm ging die Treppe

i einer Station hoch, und dieser Hmftanb war s, der den Stand wertvoll machte. Gegenüber jon ihm befand sich eine nette Bar.

Ich bezahlte eine Flasche Wein, und noch eine. Drüben am Stande waltete der Sohn des frühe- acn Besitzers seines Amtes. Er las Zeitungen. Die Leute kamen unb gingen, nahmen ihr Blatt, toarfen einen oder zwei Cent hin und ver- * schwanden. Der Junge sah gar nicht auf.

Mein Freund weihte mich noch in die Ge­schäftstricks unb Geheimnisse des Handwerks ein, , unö wir schieden brüderlich. Es war ein unge­schriebenes Gesetz in Neuyork. daß derartige Stände an der Straße, besonders Zeitungsstände, nicht verkauft werden durften. Sie muhten um­sonst abgegeben werden, weil sie sich direkt auf ; ter Straße befanden. Anders mit den Zeitungs- siänden in den Hausfluren. Die wurden oft feuer verkauft. Man traf oft in den Straßen

Sie kann nicht ander- al- in Gegnerschaft zur heutigen Verlagerung des Staatsaufbaues stehen, weil sie die Nation in die Mitte des Staates stellen muh. Dies Ziel könnte eine große Klam­mer um die vielverzweigten Teile geben, die in Bünden, Verbänden, Parteien und Gruppen auch heute noch trotz zehnjährigen politischen Anschauungsunterrichts ohne das ganz tlarc Bewußtsein der gemeinsamen Aufgabe:Kampf für die Befreiung und Befriedung der Nation" um» und gegeneinander gehen. Aus dieser Hn- klarheit des letzten Zieles stammen die ungleichen und zu Zeiten wechselnden Parolen.Hinein in den Staat" war ebenso schief gesehen wieHaß gegen den Staat". Hah macht ebenso blind wie materielle Sorge um den Tag.

Durch die Zersplitterung der nationalen Front ist der Kampf des letzten Jahrzehntes um die Nation in den Anfängen steckengeblieben. Der äußere Druck der Wirtschaftslage hat hier und dort neue Sonderungsgelüste an die Oberfläche getragen. Im Landvolk wie im gewerblichen Mittelstand hat man wechselnde Hoffnungen auf parlamentarische Aktionen und Regierungsbeteili­gungen gesetzt.

Die Partcibildungen der nationalen Opposition haben auf dem parlamentarischen Kampffeld un­ter dem geltenden Gesetz der Zahl nicht die Mög­lichkeit gehabt, Hoffnungen unb Wünsche ihrer Wähler zu crfütlen. Auch sie haben sich nicht freihalten können von psychologischen Fehlern der Massenpropaganda, aber sie unterlagen dem Ge­setz der Zwiespältigkeit unb einer baraus reful- tierenben Hnsicherheit, bah sie nicht Opposition um jeben Preis machen konnten, obschon sie bas herrschende System verneinen muhten. Die Hn» Zufriedenheit im Lande wirkte sich bei diesen Parteien in einer Verflüchtigung des Fluidums aus, das über die Kerntruppen der eingeschriebe­nen Mitglieder hinaus das Geheimnis der poli­tischen Anziehungskraft der Parteien wie Bünde ausmacht. Auf die Programmatik kommt es am wenigsten an. Eine Geschlossenheit der Auffassung über die zweckmäßigste Methode, über notwendige Entwicklungen wird schon im kleinen Kreise bei der ererbten deutschen Freude an eigener Indi­vidualität schwer zu erreichen sein. Jede Füh­rung steht darum immer vor neuen Entscheidun­gen, wie weit man der notwendigen Freiheit der Gedanken unb Einfälle Raum lassen muß ober darf, ohne eine der Voraussetzungen des Magne­tismus auf andere, die Geschlossenheit der Kern­truppe, aufs Spiel zu sehen. Andererseits muh jede Führung Sorge tragen, dah eine Verbindung zu anderen Parteien, mit denen für die Durch­setzung nationaler Arbeit gerechnet werden muh, vorhanden ist oder hergestellt werden kann, ob­schon gerade die Nachbarparteien als Wettbewer­ber im Kampf um die Stimmen oft wenig lie­benswert erscheinen. Diese Aufgabe ist um so schwieriger, weil viele mihtrauisch meinen, es werde ihnen zugemutet, Grundsätzliches preiszu­geben, wenn man anstrebt, die Oppositionssront zu verbreitern. Herr von Heydebrand wußte, wes­halb er zuzeiten erklärte, daß man sich nicht dar­auf beschränken dürfe, konservative Männer in einer Partei zu sammeln, sondern daß man sie auch in den anderen Parteien suchen und unter­stützen müsse.

Ist überhaupt unter deutschen Verhältnissen ein Kampf um die Alleingültigkeit oder Mehrheits­herrschaft einer Partei praktisch aussichtsreich? Die Geschichte unseres Volkes spricht ebenso da­gegen wie die Erfahrungen der letzten zehn Jahre. Damit gewinnt die Frage nach der Aufgabentei­lung zwischen Parteien und nationalen Verbän­den für uns entscheidende Bedeutung. Jedes taktische Zusammenspiel wird von der persönlichen Stellung der Führer zueinander abhängen. Ein unvermeidlicher Organisationssanatismu; darf die Führer nicht hindern, sich über die Begrenzung der Erfolgsmöglichkeiten und die Abgrenzung der Tätigkeit einig zu werden. Die Bünde sind der Jungbrunnen für die Parteien. Nehmen sie selbst Partei, so verlieren sie die Qualifikation, das Gewissen der nationalen Opposition zu sein. Wer­den sie dieser großen Aufgabe gerecht, dann hin­dern sie die Schädigung der gesamten Bewegung durch den naturgegebenen häuslichen Wettbewerb

verschiedener Parteien. Eie grben Wertmesser für die Bewertung der nationalen Arbeit, fangen Enttäuschte auf, verhindern Erschlaffung der Wi­derstandskraft bei den Massen, die des Tageshan­dels überdrüssig aus der Arena zu flüchten ge­neigt sind. Sie vermögen zum anderen zu ver­hindern, dah aus der Tagesverärgerung der Par­teien miteinander eine Schwächung der Zukunfts­arbeit erwächst. Hnd zum dritten: sie können der nachwachsenben Jugend nichts Besseres ge­ben, als ihr den Sinn der Verantwortlichkeit für die nationale Zukunft klarzumachen unb zu er­halten.

Diktatoren kommen im allgemeinen, ohne daß sie gerufen werben. Sie brauchen das Vertrauen der zu Betreuenden im deutschen Volke notwen­diger als irgend etwas anderes, weil es die ein­zige Mach', ist, auf die sie sich stützen können. Ernst Moritz Arndt hat 1815 in seinenPhanta­

sien zur Berichtigung der Hrteile über künftige deutsche Verfassungen" unserem Volke gesagt:

Nicht durch Verfassungen und Gesetze, auf Pergament und Papier geschrieben, nicht durch Ministerbefehle, nicht durch Siege und Nieder- lagen wird die Geschichte der Völker entschieden, nein, durch die ungeschriebenen und unbeschreib­lichen Gesetze im Innersten der Herzen, durch die Befehle, welche stolze Seelen ihnen selbst geben, durch die Siege, die der geistige Mut täglich er­fechten muß."

Was wir heute brauchen, ist nichts anderes: das Vertrauen einer Führerschaft lebendiger Deutscher, die ihr Leben richtig leben, zueinan­der und zu Führern, die einander deS Vertrauens für wert halten. Es ist die Frage, ob solche un­abhängigen Deutschen heute in unserem Volke zum Regieren kommen können: Damit aber beant­wortet sich die Frage nach der deutschen Zukunft!

Hoovers Friedensbotschaft.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr.Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. D.

Nun hat man ja am 3. März in Brüssel einen Mann verhaftet, der gestanden hat, die vom Ht red) ter Tageblatt" veröffentlichten Dokumente gefälscht zu haben. In Frank­reich wie in Belgien sitzt man auf hohem Pferde und läßt es nicht an scharfen Bemerkungen gegen Holland und natürlich auch nicht an den üblichen tendenziösen Spitzen gegen Deutschland fehlen, und tut dabei, als sei damit die ganze Affäre als Fälschung nachgewiesen und erledigt. Indes wird kein Unbefangener der Meinung fein, daß die Sache vollständig geklärt fei. Es ist auch durchaus nicht Leichtgläubigkeit gewesen, wenn man überall sofort bereit war, den Inhalt der Dokumente für wahr zu nehmen. In Amster­dam hat der belgische Sozialist Huhsmans ver­sucht, in einer Versammlung holländischer Sozia­listen die große Unruhe zu besänftigen, die in ganz Holland aus der Sache entstanden ist. Da hat man ihm aus der Versammlung zugerufen, daß man dann überhaupt Schluß machen solle mit der belgisch-französischen Militärkon­vention!

Das ist ein sehr richtiges Gefühl. Daß diese Konvention von 19 20 besteht, wird nir­gends bestritten. Dah über sie und ihre praktische Durchführung im Falle der Anwendung d i c beteiligten General st äbe mitein­ander sprechen und auch Abreden für alle Fälle festlegen, das ist doch in sich so wahr­scheinlich, daß selbst der vollkommene Beweis einer Fälschung, der wie gesagt durchaus noch nicht ganz erbracht ist, die aus der Verbindung Frankreichs mit Belgien und mit seinen anderen Anhängern in Curcpa hcrvcrg.h n'.e dauernde Beunruhigung des europäischen Friedens nicht aufzuheben vermag. Und dieser Zustand ist es schließlich, der in einem so unlös­baren Widerspruch zu alledem steht, was nach außen mit der Miene des Friedenswillens in Genf betrieben wird.

*

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten, Hoover, hat in den üblichen Formen am 4. März sein Amt angetreten. Die Geschichte wird seinem Vorgänger C o o 1 i d g e, der ja durch einen Zufall den Tod des vorherigen Präsidenten 1923 in seine Stellung gekommen ist, vermutlich gerechter werden, als es die Gegen­wart tut, der er als ein wortkarger, einfacher, wenig bedeutender Mann erschien. Blickt man auf die 5 Jahre und 7 Monate im ganzen zurück, in denen Coolidge seines Amtes gewaltet hat, so sind die Erfolge und die Ergebnisse seiner Präsidentschaft nicht ganz gering. An erster Stelle steht die Säuberung der Zentralregie­rung von all den Skandalen, die aus der Zeit seines Vorgängers herübergekommen waren. In feine Regierungszeit fällt ferner die Ordnung der alliierten Schulden durch die be­

kannte Reihe der Abkommen, in denen Amerika zwar auf feinem Schein bestand, aber wenn der Schein anerkannt wurde, gleich mit einem er­heblichen Nachlaß der Schulden einsehte. Dem Nachfolger hinterlassen hat er den letzten Ab­schluß dieser ganzen Aktion mit Frankreich, das sich immer noch gegen die Ratifikation seines Schuldenabkommens sträubt. Dann ist gleichfalls unter Coolidge endlich die Freigabe des deutschen Eigentums in Amerika erfolgt. Außenpolitische Aktiva für ihn sind: China und der K e 11 o g g p a k t. Hngelöft geblieben ist das Problem der Beziehungen zu England und zu Rußland. Ein Passivum ist eigentlich nur das Verhalten gegenüber Lateiname­rika insonderheit zu Nikaragua und zu Mexiko. In dieser Beziehung ist die Präsidentschaftszeit Coolidges kein Ruhmesblatt, ist er gegen Ein­flüsse von außen nicht so widerstandskräftig ge­wesen, wie sonst. Daß sich das Verhältnis zu England so sichtbar verschlechtert hat, das ist nicht seine Schuld, sondern in vollem Maße die Schuld der englischen Regierung.

Europa im ganzen sagt natürlich im Augen­blicke des Wechsels, daß die Politik des amerika­nischen Präsidenten in diesen fünf Jahren gegen­über dem europäischen Problem passiver, zurück­haltender, lethargischer war, als es Europa recht war. Aber auch da sieht die Sache in Ruhe be­trachtet etwas anders aus. Mit dem Namen Coolidge ist verbunden der Versuch, Amerika i n den Weltschiedsgerichts Hof in den Haag zu bringen, der auch ohne die Schuld von Coolidge scheiterte: weiter die Seeabrüstungs­konferenz von 1927, an deren Mißlingen er ebenfalls nicht schuld war: sodann der Dawes» p l a n und der Kellogg»Pakt. Man kann nicht behaupten, dah Europa im ganzen, d. h. die in ihm maßgebenden Sieger des Weltkrieges den Gedanken und Absichten der amerikanischen Politik in diesen Jahren Coolidges besonders ent­gegengekommen wären. Wenn er selbst nicht wei­terging. so lag das daran, daß seine öffent­liche Meinung durchaus nicht weitergehen wollte, dah sie ihn zurückhielt und hemmte. Hnd: die eigentliche Bedeutung des jetzt zurückgetrete- nen amerikanischen Präsidenten liegt darin, daß sie absolut dem Durchschnitt des amerikanischen Volkes entsprach, daß er genau das verkörperte, was der durchschnittliche Bürger der Vereinigten Staaten denkt, wünscht und will. Eine Führer­natur die darüberhinaus das Volk mitreibt ist Coolidge nicht gewesen. Aber was er war und ist, stellt mit feinem starken Rechtsgefühl, seiner puritanischen Sauberkeit und natürlich auch Ein­seitigkeit ganz gute Seiten des amerikanischen Volkes und gute Heberlieferungen in ihm dar. Wir denken, dah die Geschichte nicht mit Be­wunderung und Begeisterung aber mit Re­spekt von diesem Präsidenten sprechen wird.

Neuyorks verlassene Zeitungsstände, deren Be­sitzer irgend etwas anderes angefangen hatten und ihren Tisch einfach stehen liehen. Bald hatte sich ein anderer Händler auf ihm eingenistet, wenn man den Tisch mittlerweile nicht gestohlen oder der frühere Händler ihn nicht mitgenommen hatte.

Arn nächsten Tage begann mein Geschäft. Früh, gegen vier Hhr, war ich auf dem Posten. Leer war der Tisch: der Junge hatte das letzte Ma­gazin mitgenommen, obwohl ihm der Vater auf die Seele gebunden hatte, mit wenigstens einige Zeitungen zurückzulassen.

Aber da kam schon der Wagen der Staats­zeitung.Na, Landsmann!" rief eine Stimme. Wieviel?"Zweihundert!" lautete meine Antwort. Ein Paket mit Zeitungen, frisch nach Druckerschwärze riechend, flog auf die Strahe. Eine Hand streckte sich aus, die das Geld in Empfang nahm, und fort ging der Wagen zum nächsten Stand.

Hnd so kam derNeuyork Herald", dieSun- dah Times", ein chinesisches und japanisches Blatt, eine tschechische und eine ungarische Zeitung, drei andere deutsche Tageszeitungen. Sie alle warfen ihre Ballen und Paketchen herab und strichen das Geld ein. Natürlich gehörte auch zu einem solchen Hnternehmen, wie ich es hatte, ein ganz klein wenig Handgeld. Aber fünf bis sechs Dol­lar genügten zum Anfang.

Hin 4.30 Hhr begann das Geschäft. Die Blätter gingen reihend weg.Nanu! Wo ist denn Karlchen?" fragte einmal eine Stimme nach dem alten Besitzer. Aber ich kam gar nicht dazu, eine Antwort zu geben; der Frager wartete näm­lich nicht eine Sekunde. Karlchen war fort, basta! Bis die Vormittags-, Mittags- und Nachmillags- ausgaben der Zeitungen kamen, war mein Stand schon ausverkaust. Das Geschäft rih nicht ab. Cs war ja nur ein Pfenniggeschäft: aber es waren Tage darunter, an denen ich für 35 Dollar Lei­tungen und Zeitschriften absehte. Dos bedeutete einen Gewinn von zehn bis fünfzehn Dollar, von dem ich, außer den obligaten Kognaks für die Polizisten, keinen Cent an Steuer zu ent­richten brauchte. Die war in den Zeitungen ein­begriffen.

Bei schlechtem Wetter ging das Geschäft lang­samer. Ich setzte mich dann in die Dar und sah hinter den Spiegelscheiben zu, wie meine

Kunden sich selbst bedienten Ich habe nie be­merkt. dah jemand eine Zeitung wegnohm. ohne das Geld dafür hinzulegen. Ja. sogar das Wech­seln besorgten die Leute selbst.

Als der Winter kam, wurde mir die Sache ungemütlich. Ich war noch nicht lange genug im Lande, um den furchtbaren Hnbilden eines amerikanischen Winters gewachsen zu fein. Hnd ich schenkte meinen Stand einem deutschen Buch­drucker, borgte ihm auch noch das Anlagekapi­tal dazu, das er mir prompt zurückgezahlt hat. Hoffentlich ist er heute schon Millionär.

Chinesisches Festessen.

Das alte China ist dem Untergang geweiht, und damit wird auch so manches verschwinden, was die feinste Blüte dieser uralten Kultur be­deutet hat. Wenn wir jetzt die unbegreiflichen Schönheiten betrachten, die auf der chinesischen Kunstausstellung in Berlin zu sehen sind, so ahnen wir. dah eine solche Vollendung des ästhetischen Ee chmacks nur einem Volk beschieden war, das auch in dem rein sinnlichen Geschmack eine außerordentlich? Verfeinerung erreicht hatte. Der beste Beweis für diese Feinheit des alt­chinesischen Geschmack.inns ist d.e chmesi'che Koch­kunst, von der wir meist nur allerlei Seltsames und Kurioses erfahren, während sie doch in jahr­tausendelanger Entwicklung einen Höhepunkt kuli­narischer Veredlung erreicht hat. Einen Hymnus auf dieses Feinschmeckerparadies des alten China enthält die Schilderung eines Gastmahls, die ein Mitarbeiter derOstasiatifchen Rundschau" bietet. Er nahm in Peking an einem Essen teil, das der Koch d es Kaisers Kuang-Hsü bereitet hatte. Den Auftakt dieser Ce'chmackssymphonie bildeten feine kalte Sachen, die gleichsam dasStimmen der Instrumente" darstellten. Die Rervensibern wer­den dadurch in schwingende Erregung versetzt, um dem Reiz des Kommenden gewachsen zu sein. Der erste Gang, das L llegro. brachte Schwalben­nester:Es ist der hell?, sch cinjige, an der Lust erhärtende Speichel, oen die Salanganen an die Wände stiller Meeresklüfte kleben, um ihre Nester zu bilden. Ein Gewirr hrllsilbrig zarter Fasern, so schwimmt es in golden klarer Ge­flügelbrühe. Wer Glück hat. findet vielleicht, wenn kein Haar, so doch ein Federchen in dieser Suppe, ein Zeichen der Echtheit. Einige zarte Gemüse­

blättchen. leicht rötliche, hellgrüne, gaukeln in der Flut. Man löffelt vorsichtig, man schlürft, man läht diese luftigen Gebilde auf der Zunge zerfließen, es ist die Berührung weicher Vogel» schwingen." Darm folgt ein Krebsragout auf Schnitten von geröstetem Weißbrot, der nächste Gang bringt Wasserkastanien mit Champignons: Cs sind die Knollen von Wasserpflanzen, milch­weiß, mit violetten Tönungen, saftig und doch zart, und diese Wasserfrische haltenden Nüsse durchmischt mit Edelpilzen und ihrem Dodenhauch. Cs ist. als genösse man am Rande des Garten­weihers das Fächeln des Sommerwindes." Dann wird etwas Festeres aufgetischt, ein Auflauf von Huhn und Ei. und danach kommt eine Schale Mandelmilch:Die bittere Süße loscht die Er­innerung an alled, was wir bisher empfunden, sie legt sich als Dämpfung auf die noch schwingen­den Saiten. Hnd zugleich macht sich die pharma­kologische Wirkung der Blausäure geltend, die sie enthält: die Schleimhaut wird neu gereizt, die Organe werden aufnahmebereit gemacht für den zweiten, den langsamen Satz." Dieser besteht in gebackener Ente mit kleinen Kuchen. Die Ente ist nur ganz kurz am Spieß geröstet, und die knuspri­gen Stückchen werden in den dünnen Mehlfladen gehüllt zur fertigen Pastete. Dann folgt wieder etwas ganz Leichtes: Kürbis mit 2unte. Zur Herstellung dieses Gerichts hat der Koch allein zwei Stunden gebraucht und nie werden wir er­fahren. was er in dieser Zeit mit dem Kürbis gemacht hat, dessen zartes Gewebe wie ein Dust auf der Zunge zergeht. Die Tintenfischeier, die nun gereicht werden, sindkleine runde Scheib­chen, die wie Goldmünzen, dicht gedrängt, in der Brühe schwimmen". Hnd an sie schließt sich ein Aepfelgericht, das nicht wie bei unsAepfel im Schlafrock", sondernAepfel im Staatsge­wand" heißen müßte. Nun drängt alles zum Finale, denn bisher gab es nur Vorspeisen. Das Essen besteht aus Reis. Die Diener setzen Teller mit gepickellen Gemüsen: nach soviel Leckerem will man etwas Herzhaftes. Scharfes auf der Zunge haben. Der Reis bringt das erlesenste Korn von südlichen Lagen, zu weißen Flocken Tausch nee verkocht, darüber schimmert die perl« graugoldene Brühe. Der Hausherr nötigt: man nimmt noch eine Schale. Dann:Zahnstocher. Mundwasser, heiße Tücher, .Zigaretten, und man erhebt sich, nicht ganz leicht, zum Tee am be­nachbarten Tisch."