Ausgabe 
9.2.1929
 
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Rr 51 viertes Blatt

Gießener Wohlfahrtsarbeit im Jahre 1928.

Der Etat des Wohlfahrtsamtes ist der größte Dosten in unserem städtischen Haushalt. Für das Äerwaltungsjahc 1923/29 wurden zur Wohl- lahr.spflege von den Stadtverordneten rund 930 000 Mk. bewilligt. Wenn daS auch 100 000 Mark weniger sind a s im vorhergehenden Wirt- schajts.ahre, so ist di« e Ausgabe doch immer noch a.S ein eindrucksvoller Beleg für den guten Dillen der maßgebenden städii,'ch«i Stellen zur Linderung dec Notlage unlerer hilfsbedürftigen Mitbürger anzuiprechen. Daß in der Dohl- fahr spflege außerordentliche K.a tanstrengungen gemacht werden müssen, kann von niemand bo- Iritten werden, der s.ch die beklagenswerte'n ^eitumstände vergegenwärtigt und daran denkt, daß so oic.« Bürger in bittere Not gekommen sind, die leibst eine solche Entwicklung ihres Lebensweges nie für möglich gehalten haben. Dieses Gev.et wird auch in Zukunft ein Haupt- »rbeits.e.d der Stadt sein müssen. Dabei dars .aber nicht vergessen werden, daß di-e Frage der Kostendeckung in anderer Wer>e a.S bisher zu regeln ist. Reich und Länder müssen in Zukunft weit stärker als jetzt zur Finanzierung dieses not­wendigen Hi.fswecies beitragen, ganz besonders des Reich, aus dessen Gesetzgebung der größte Tell der Fürsorgearbeit beruht.

Wenn wir uns em rechtes Bild von der Be­deutung di« er städtischen Tätigkeit machen wol­len. jo ist es notwendig, den Umfang der Arbeit "«nnenzulernen. Ein Rüctblick auf die Wohl- sahrtsarbeit im Jahre 1928 bringt uns hier reichen Aufsch.uh, der sicherlich allen Mit­bürgern wertvoll fein wird.

Für Zwecke der W i n t e r v e r s o r g u n g Hilfsbedürftiger hat die Stadtverordnc- ten-Vcrsammlung Ende November v. 3. einen Kredit von 25 030 Mk. bewilligt. Wie in frühe­ren Jahren, erhalten auch für den Winter 1928/29 die Sozialrentner. Kleinrentner. Kriegsbeschä­digten, Kriegerhinterbliebenen, Empfänger einer Sltemrcnle. Empfänger der Arbeitslosen- und Krifcnunterstützung und verschämte Arme Zu­schüsse zur Beschaffung von Brennstossen. Diese Zuschüsse sind nach dem Zami.ienstand festgesetzt, sic sind für die Zeit vom 1. November 1923 bis 30. April 1929 vorgesehen. Für die diesjährige Versorgung kommen in Betracht: 260 Parteien Kleinrentner, 470 Parteien Sozialrentner, 240 Parteien Kriegsbeschädigte und Kriegerhinter­bliebene. 80 Parteien Kriegselterngeldempfänger, 183 Parteien Empfänger der Arbeitslosenunter- -ützuntz. 40 Parteien Empfänger der Krisen- unterstuyung, 60 Parteien verschämte Arme. Für ble Empfänger der allgemeinen Fürsorge Ortsarme wird die gleiche Beihilfe aewährt, bte Aufwendungen gehen jedoch zu Lasten der voranschlagSmäßigen Mittel.

Die Krtegsopferversorgung beschäf- : ttgle die Abteilung Kriegersürsorgeamt auch im Zähre 1928 in ho nein Maße. 3m Kalenderjahr *928 wurde Zusatzrente gezahlt an 859 Kriegsbeschädigte (Monatsdurchschnitt 72), 1536 Kinder von Kriegsbeschädigten (Monatsdurch­schnitt 132), 1833 Kriegerwitwen (152), 1036 Kiiegereltern (86). 3093 Halbwaisen (258), 360 Vollwaisen (30), 131 Witwen- und Waisenbei- HNeemp'änger (10). Dec auSgezahIte Betrag beläuft sich für das Kalenderjahr 1928 aus 145 353 60 Mk. (Monatsdurchschnitt 12 112.80 Mk.). Die Zusatzrenten werden in voller Höhe vom Tcich ersetzt. Der Aufwand deS Bezirks- MsLrforgeverbandes Im 3ahre 1928 beläuft ' sich für 1263 Parteien (Monatsdurchschnitt 105) U auf 32 907,87 Mk. (Monatsdurchschnitt 2742.32 Wart). Bon dem Aufwand des BezirlSsürsorge- herbanöcß ersetzt der Staat die Hälfte.

3n der Kapitalrentnerfürsorge be- sa.ii den sich im verslosse^n 3ahre 3131 Parteien (Monatsdurchschnitt 235* 837 Zuschlagsempfän- ger (74). 322 Anstaltsinsassen (27); Gesamtzahl

Gi Heuer GtaSttheater.

Avctte und ihre Frcundc".

Die Vvette'Operette. die soeben in Frankfurt einen guten Preniiörenersolg hatte, kam gerade recht zum Fasching nach Gieren: ein munteres vlück voll Stimmung und Laune, das auch bei « feinen Weg machen wird.

Die Handlung: von Oesterreicher und 6 l c r f ; aufgebaut auf dem Librettomotiv. daß ber Hauptsreund und gewisferrnatzen erste Lieb­haber der Tänzerin Vvette, der sich aus un- bsgre-islichen Gründen Hals über Kops in Krieg wud Politik stürzen muh. einem Kameraden die verlassene Liebstezur Bewachung" während fei­ner Abwesenheit anvertraut.

Man kann sich ja denken, wie das ausgeht. lEfti) man muh den Librettisten zugeben, dah H« es geschickt gefingert haben. Der Mittelakt Ift bühnenmäßig sehr wirksam. Es reicht sogar Mch, was selten geworden ist. für den dritten ans. And der erste wird durch das Neben- m.Dtin. dah Vvette an einem Theater beschäf­tigt ist. blendend in Szene gesetzt.

Theater auf dem Theater besonders von ter Rückseite aus gesehen ist eine uralte, öfter nie versagende Spekulation aufs Publi- hsm. Tie Regie von Adolf Wiesner, der eLn gutes Tempo vorlegt und eine stattliche Ausstattung n.llspiclen läßt, entfesselt hier mit Auf tritt und Abgang in> Bor,)angziehen und großem Palaver und vielem Drumherum ritten Merdsbekrieb. Ein hübscher Einfall war auch der Kapellmcisterwechsel, der sich Aur Freud« aEler Anwesenden gleich im Parkett abspielte.

Tie Music: von Michael Krausz; ziem­lich konvenüonell, wenig ideenreich, am besten brt Mittelakt, der überhaupt die ganze Operette trägt; da gibt es ein paar hiibscye Tänze und Lieder, die sich einprägen. Unö es ist aller S|ren wert. daß das Orchester (von Kurt Harder sauber und schmif ig dirigiert) so­gar im dritten Akt noch etwas zu sagen hat.

Lie führende Herrenrolle dcä Ri.tmeisters Marlo, der das Amt des Anstandswauwaus ;ir übernehmen hatt. aber zuletzt und also am beiten lacht und schließlich als endgültigerster" Liebhaber der Dvette belohnt wird, wurde von Robert Nästelberger. Dien, ir.it gc- kfynadDofien und gepfleg'en Mitteln gezielt und - gelegentlich mit fast opernmäßiger Entfal­tung gesungen.

neben ihm machte Haindorff, der blonde ®iaf Roman, eine aute Fiaur. Gustav Rothe-

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, i". zedruar 1929

4333 (Monatsdurchschnitt 336). Der Betrag der Aufwendungen beläuft sich auf 165 914,60 Mk. (Monatsdurchschnitt 13 826.20 Mk.).

Die Soziatrentnerfürsorge kam im Jahr« 1928 zugute 6323 Parteien (Monatsdurch­schnitt 527). 2509 Zu;chlaasempfän ern (209), 5c0 Anstaltsinsassen (43); Gesamtzahl 9402 (Monats­durchschnitt 784). Die Höhe der Aufwendungen beträgt 226 525,53 Mk. (Monatsdurchschnitt 18 902.13 Mk.).

Die Gesamtzahl der 613 Ende deS Kalender­jahres 1928 geführten Vormundschaften (einschl. Pflegschaften) vom Jahre 1912 ab beträgt 2535. Beendet ober abgegeben würben in der Zwischenzeit 1732, so dah am Ende des Kalenderjahres 1923 noch 853 Vormundschaften (einschl. Pflegschallen) verbleibew 3m Kalender­jahr 1928 wurden in Gießen 221 Kinder unehelich geboren. Auf Grund des ReichSgesetzes für Zugendwohl fahrt wurde das 3u e.iöamt Vor­mund über diese Kinder. An Zahlungen für die unter der Dormundschall des Jugendamts st.hen- dcn Mündel gingen im Kalenderjahr 1928 ins­gesamt 80 922.75 Mark ein. Hiervon kamen für die Mündel und Pflegebesohlen.n zur Auszah­lung 64 578.68 Mk. Der Rest mit 16 332,17 Mk. wurde für sie verzinslich angelegt. Insgesamt sind seit Befestigung der Währung bis Ende deS Kalenderjah.es 1928 60 657.02 Mk. für die Mün­del und Pflegebefohlenen verzinslich angelegt worden. Unter Fürsorgeerziehung stan­den Ende 1923 128 Jungen und 91 Mädchen, ins­gesamt also 219 Zöglinge (im Vorjahre 218). Die Unterbringung der Fürsor .ezöglinge verursachte im Rechnungsjahr 1927 42u29.71 Mk. Kosten. Von dem Minister des Innern wurden hiervon ersetzt 12 873,32 Mk.. so daß noch 29 156,39 Mk. verbleiben, die auS Mitteln der Stadt auszu­bringen sind. Im Rechnungsjahr 1926 betrug der Zuschuß der Stadt 3J 913.19 QET. In früheren Jahren wurden von dem Minister des Innern 50 Prozent der Aufwendungen ersetzt. In letzter

Zeit beträgt der Ersatz nur noch 30 Proz. Don den Zöglingen und Mündeln sind untergebracht auf dem Land« in Oberhessen (ausschließnch Gießen) in folgenden kirchlich m Dekanaten Als­feld 17, Büdingen 2, Frienberg 2, Gießen 7, Grünberg 61, Hungen 2, Lauterbach 41. Nidda 1. Schotten 12. insgesamt 145. Von den Zöglingen und Mündeln sind In Anstalten und He.men 72 untergebracht. Hierin sind auch die m Hllmen untergebrach.en Säuglinge enthalten. 3m Ka­lenderjahr 1928 wurden 73 Unterhaltsklagen gegen Väter von unehelichen Kindern und säu­mige Väter ehelicher Kinder erhoben. Dem Klage­antrag wurde stattgegeben in 52 Fällen. Drei Klagen kamen zur Abweisung. 18 Klagen schwe­ben noch. An ForderungSpsäi'.dun, en wurden aus Veranlassung des Jugendamts 57 vorgenommcn. Wochenfürsorge wurde im abgetan,enen Kalen­derjahr in 46 Fällen gewährt. Die Gesamtauf- Wendungen betrugen 476930 Mk. Das Jugend­amt wurde aLß Gemeindewaisenrat im Kalender­jahr 1928 in 252 Fällen beschäftigt.

Die Kinder - Erholung ssürforge kam im I hre 1928 ists esam 25j Ki de n zugu e. Davon erhi-ellen 67 Kinder Solbäder in Bad- Nauheim, 151 Kinder Seebäder (140 in Arendsee- DrunShaupten, 11 in Göhren auf Rügen). 33 Kinder Erholungskuren (31 in Lindenfels, je 1 in GänSfurth L Thür, und Jugenheim a. Dergstr.), 5 Kinder Heilstättenkuren (3 in Win'erkasten, 1 in Rappenau. 1 in Frankfurt (Friedrichsheim). An der Kinderspeisung nahmen in dm Volksschulen teil im Sommer 793 Kinder, im Winter 797; jedes Kind erhielt täglich l/6 Liter Vorzugsmilch in Fläschchen und ein Brötchen zu 50 Gramm; in der Kinderbewahranstalt im Sommer 120. im Winter 130 Kinder, von denen jedes täglich l/6 Liter Vorzugsmilch in Fläschchen erhielt; im Dolkskindergar.'en im Sommer und Winter je 5 Kinder mit je täglich i/8 Liter Voll­milch.

(Ein Schlußartikel folgt.)

Mare Amaro.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom, Februar 1929.

Die Brücke über die Adria ist, wie ich es bei der festlichen Einweihung vor fünf Jahren vor- aussagle. eingestürzt. Mit welcher Feierlichkeit wurde am 27. Januar 1924 im Siegeßsaal des zum Nationalheiligtum erhobenen, vor wenigen Jahren noch österreichisch gewesenen Palazzo Ve­nezia d t e Urkunde über den ewigen Adriafrieden unterzeichnet! Wie Dom- glocken dröhnten die italienischen Zeitungen. .Und ist vielleicht nicht ohne tiefe historische und moralische Bedeutung, daß heute, hier in Rom. der ehrwürdige Minister deS stolzen Serbiens, daß den Krieg gegen Oesterreich eröffnete (laß manß vor Tisch nicht anders?) und der junge Minister des unbesiegten Italiens, daß diesen Krieg mit dem Sieg seiner Waffen beendigte, einen Friedens- und Freundschastsbun) schließen, als wahres und logisches Ergebnis der für das gleiche Ziel geschlagenen gemeinsamen Schlacht, heißt der Zerstörung des beiden Ländern gleich feindlichen Habsburgenelches."

Und heute? Zwei trockene amtliche Zeilen, daß der Bundeßvertrag abgelaufen sei und nicht erneuert werde. Das .stolze Ser­bien" hat im Laufe eineß Lustrumß in der ita­lienischen Presse wunderliche Metamorphosen durchlaufen, biß man schließlich in Rom nicht mehr von einem Reiche S. H. S., sondern von einem Balkanstaat S. O. ©. sprach. Mehr wie einmal zogen die italienischen Studenten vor seine Gesandtschaft und schwenkten die dalmatische Fahne. Die Farben der Wirklichkeit, während der Adriapakt mit dem Resedagrün der Verlieb­ten geschrieben worden war. Wie es zu dieser unnatürlichen Ehe kam. das sickerte allerdings

Carey, äußerst munter und aufgekratzt, und Karl Reul, der sich .auf jung" geschminkt hatte und wie Johannes Riemann aussah, sorgten für die komischen Pointen (die manchmal ziemlich star­ker Tabak waren, aber zum Glück nicht überall verstanden wurden).

Lydia Petry als Vvette war vorzüglich in Form, sah sehr gut aus und führte einen be­stechenden Toi'.ettenwechsel vor. Ly Ottmar spielte höchst animiert die zweite Geige und sang im ersten Akt ein recht unverschämtes Chanson.

Das Haus war in angeteg'.er Stimmung und sparte nicht mit Beifall; ein hübscher Erfolg.

Dr. Th.

Datt-Dorspisl.

Don Julius Kreis.

Im Milchlaül der Frau Veronika Stangl- hofer gt seit Faschingsaniang ein Pappdeckel­schild: Maslen-Dat.ohb.-Ve.lei^anstalt. Kostime, Frack und Domino zu kullanten Preisen. lieber eine wackelige Stiege hinauf geht es in em klei­nes. niederes Zimmer. Da riecht's nach Kampfer, Petro «um. Schmierseife, Mal ka,fee, Katzen, Deilchenparsun und Limburger. Ein Sonnenstrahl legt einen breiten, flimmernden und leuchtenden Staubbalken durch den Raum und auf einem langen Tisch ausgebre.tet liegen dieKostime" in funke nder, farbiger Herrlichkeit. Ern dicker ?;rauer Kater hat sich's gerade aus einem Rokoko- ostüm wieder bequem gemacht und kuschelt sich woh ig hinein voll katerhafter Träume von amou­rösen Rokokoavenküren mit Leinen süßen Mar­quisen und verwegenen Kavalieren.

Kater! Das Mieder trug gestern die süße kleine Marquise Stasi Vorbogner, Kocher! beim Kammer ienrat Ma erbach Stasi Dorbogner, einen Meter und siebzig hoch, einen Zentner sech ig schwer. indem sie gestern auf der Rr- dvwte war als Roggogo. denn daS Roggvgo hat ihr da.na.s am gnädigen Fräui'n so gut ge­fallen, daß sie sicy gr agt hat: Stasi, so geyst auch! Lind weil auch ge.ade ihre weißen Span­genschuh so gut 6a,u gepaßt Haven, und der Straußfed«.sächer, den sie an Weihnachten im G ückshasen gewonnen hat. 3vr Schorschi freilich ist ©cajbua gelommen, nicht als seidener Kavalier, aber da ür ist auchWaschgra". und in derT.a-en Gans" ist es bei den Kostüm­festen nicht so streng wie anderwärts wo man sich sogar im Stil der Zeit scyneuzen soll. Die Stasi hat sich als Rokoko-Dame glänzend bewährt. Das

bald durch, denn damals gab In Italien noch keine Einheitspreise und Einheitspolitik. Wit einer diplomatischen Offenherzigkeit, wie f.e heute nicht mehr denkbar wäre, erzählte der politische Sekretär der faszistischen Partei, der Abgeordnete Giunta. in einer großen Rede in Neapel, w i e man mit Jugoslawien gesprochen habe. Mussolini habe, alß er die Verhandlungen mit Belgrad be­gann, drei Armeekorps und starke Ar­tillerie an der Grenze massiert, wäh­rend hunderttausend Faszisten bereitstanden, auf ein Zeichen von ihm loszugehen. Donnernder Beifall. Belgrad, baß offenbar auß der Geschichte gelernt hatte, an wartete daher auf die entschei­dende Frage anöerß alß Carthago.

Auch diesmal soll Rom gewesen fein, baß sich sinster in die Toga hüllte. Mussolini habe, so heißt, die von König Alexander angebotene Erneuerung beß Vertrages rundweg abge­schlagen. Das klingt durchaus glaubhaft, denn entspricht seiner Natur, reinen Tisch zu ma­chen. Waß sollen ihm Archivgebilde, die nach Genf riechen? Waß Potemkinsche Dörfer an ber Adria? So weit und so lange noch ein Einver­nehmen mit dem Nachbarn dort möglich ist. kann nur durch neue ehrlichere, fachttcher gefaßte Vereinbarungen gesichert werden.

ilnb zu einem solchen Notbehelf wird ver­mutlich auch bald kommen. Die italienischen Lei­tungen finden natürlich auch den jetzigen ver­tragslosen Zustand genau so selbstverständlich und verheißungsvoll wie vor fünf Jahren den Frie­dens- und FreundfchastSpakt.(33 wäre traurig bestellt um die Freundschaft und den Frieden zwi­schen den beiden Ländern, wenn er nur durch amtlich gestempelte Papiere garantiert sein

bißchen Grazie, daß vielleicht noch sehlte, wurde ausgeglichen durch stramme Haltung und wenn dis Taille nicht gar so eng gewesen wäre, dann hätte die Stasi ein ungetrübtes Fest gehabt. Der Schorschi hat ihr alleweil die aufgesprun­genen Druckknöpfe am Rücken wieder zumachen müssen, ilnb nur baß hat hin und wieder den Schwung der Festesfreude ein bißchen gehemmt. Druck net a so! hat die Stasi immer wieder beimFrahsä-"Dreher sagen müssen. Meine Knöpf. Schorschi! Druck net a so!

Hat's Eahna gia.Tn, Fräul'n Stasi?" fragt die Frau Stanglhofer.

Großartig war'sl" sagt die Stasi.Einfach großartig. Geht ha t nix an schön's Kostüm. Der Soßflecken war fei fcho drin. Frau Stanglhofer. Net. daß mpana, i war a fol Aber dös woah i, daß ich de nächste Mol a weiße Peruckn ausfetz da,ua! Mir allaweil beim Tanzen der weiß« Zopf aufganga."

..Do, Wenns an mir net verlorn Ham", sagt die Frau Stanglhofer.alß wias neufi an Zimmersäulein von der Frau Kurbichler ganga . Nacha hat'o d' Musi ausblasn müassn, D'ama ch!"

Das Wassermadl vom CafS Greibl erscheint. ..Sie. Frau Stanglhofer. i brauchat was 3n- dilch's Ham 'S nix? Wissen 'S. t geh am Montag als Maharadschin, und a bißl was sollt ma ha.t doch oziagn."

Die Rolerl rollt ihre schwarzen Augen schon ganz hindvstanisch. und wenn's an ihr liegt: lie will den Münchner Faschingsmännern den Untergang des Avendlandes so angenehm wie mag.ich machen. Di« unermüdliche und findige Frau Stanglhofer hat schon waß für'ß Roserl. Sie bringt eine rote Zuavenhose, einen Schleier und einen Turban her, dazu einen braunen Meraner Janker.So, Fräul'n Roserl. Dös ziagn Sie o da toemß d' Mannsbilder ganz narrisch macha in dem Kostim!"An Reiher g'hörat halt auf den Turban nauf," meint das Rolerl.Wer ma glei Ham."

Die Stang holerin trennt mit kühnem Schnitt von einem Wackcrsbergerhut ein paar Federn alx

So, jetzt schaut'ß aus wie a Reiher. Döß kennt in dem Gewerkel koa Mensch, Roserl."

Als was geht nacha Eahna Bräutigam?" Der geht als Stoat.agerl"Hot er sei Sach icho dein and?"A mei, des hat er a so scho a.leß."

A.so recht vui Dergnügn, Fräul'n Roserl, und gehn 'S fei ovacbt: Mannsbuida san ja fo nut fcklleckt!"

würde." Hm. wozu wurde dann überhaupt ber Vertrag gemacht? Erinnert diese Geschichte nicht an den Bauern, der einem anderen einen Taler versprach, wenn er eine Kröte fresse? Als der sie zur Hälfte hinuntergewürgt hatte, sagte er: Hans, wenn du die andere Hälfte frißt, kriegst du deinen Taler wieder zurück. Der Michel tat so. Schweigend gingen die beiden eine Weile nebeneinander her, vis sie sich plötzlich gegen­seitig fragten: warum haben wir jetzt eigentlich die Kröte gefressen?

3 a. warum? Im Sommer vor der Unter- Zeichnung des unseligenAdriasriedens" hatte ich Mussolini noch an der Küste dieses Meeres stehen sehen und. die Arme gegen die Salzflut gereckt, außrufen hören: Non p.ü amarissimo, ma sempre mare amaro! Richt mehr ganz so bitter, aber doch immer noch ein bitteres Meer! Daß die politische Chemie inzwischen in süßeß Wasser verwandeln habe können, mag ein anderer glau­ben. Die mit Hängen und Würgen gelandeten Nettunoverträge. die Gloriole des Adriapaktes, schweben nun als einsamer Heiligenschein in der Luft, während der Heilige darunter verschwunden ift Rettuno. der zu deutsch Neptun hecht, macht bed einen Heidenspaß. Er wirft feinen Dreizack durch den Reif, wie der Clown im Zirkus.

Widernatürlich und infolgedessen unhalt­bar nannte ich vor fünf Jahren den Pakt von Ttom. Heute, wo alle Voraussagen eingetroffen sind, fühlt man so etwas Vie einen reinigenden Luftzug. Ein unmöglicher Vertrag ist weniger in der Welt, eine schmale Lichtung in das tückische Dickicht geschlagen worden, die den wahren Frie­densfreunden neue Möglichkeiten eröffnet.

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 8. Febr. Ein g e m e i n ge f ahr- sicher Betrüger stand heute in der Person des 47jährigen Ernst Re i f s ch n e i d e r aus Wolfer­born vor Gericht. Reiffchneider nennt sichGele- aenheitsarbeiter , obwohl er keine Arbeit-gelcgen- yeit benutzt, und es vorzieht, sich vom Schwindel zu ernähren. Einen großen Teil feines Lebens Hal ei tm Gefängnis oder Zuchthaus verbracht.

Die heutige Verhandlung gegen ihn war feine neunundzwanzig st e, und es wurden in ihr etwa dreißig Einzelbetrugsfälle zum Rachteil von Landwirten erörtert. Es handelte sich durchweg um M i e t g e l d f ch w i n d e 1 e i e n , di­alle nach dem gleichen Schema angelegt waren. R fuhr im Land« umher, sprach bei den Bauern vor, und bot seine Dienste als Stellenoermittler an. Er habe tüchtiges Personal an ber Hand, einen aue- gezeichneten jungen Knecht, ein fleißiges, ehrliches Dienstmädchen aus der Rhon, aus dem Spessart, aus dem Vogelsberg. Gegen einen entsprechenden Vorschuß sei er bereit, hinzufahren und die Leut« zu holen. Durch sein sicheres Auftreten und sein» Wortegewandtheit gelang es ihm, die Landwirt« zu täuschen. Mit dem Vorschuß und dem Mietgeld, das er sich in den meisten Fällen gleich mitgeben ließ, verschwand er. Wenn bann ber Landwirt an dem von Reifschneider angegebenen Tag, an dem er den Knecht ober das Mädchen bestimmt erwar­ten konnte, zum Abholen an die Bahn fuhr, war niemand da. Neisschneider will keine bestimmten Zusagen gemacht haben; er habe nur ganz allge­mein vonbesorgen" gesprochen, unddieser Be­griff sei wie Gummi dehnbar". Wenn die Bauern In ihren dummen Köpfen" bas unsichere Geschäft für sicher gehalten hätten, sei das ihre Sache. Auch habe er sich bemüht, Personal zu besorgen. Er wisse ja, es sei kein Geschäft, das man von Rechts­wegen betreiben solle, bas sage ihm sein Gefühl aber ein Betrug tm strafrechtlichen Sinn sei es nicht. In mehr als doppelt so viel Fällen, als heute zur Verhandlung ständen, hätten die Bauern auch keine Anzeige erstattet.

Das Gericht schied die Fälle, in denen sich auch nur ber leiseste Zweifel zugunsten des Angeklagten ergeben konnte, aus und kam im übrigen zur Der­art e i 1 u n g wegen fortgesetzten Rück­fallbetrugs. Reifschneider erhielt eine Zucht-

Herein kommt ber Herr Supernumerar Alois Gi.linger und sieht sich durch den dicken Zwicker befremd«! tm Raum um. Gr muß von Vereines we^en, well er doch Schriftführer vom Sparverein Die Düxlec" ist, einen Abend lang dionysisch sein. Er kann sich lang nicht zu einem Kostüm entschließen im Oberlandlergewand, da friert's ihn zu viel an die Knie, und «in Zigeunergewand wär schon recht, aber er kann nicht recht tanzen und ein Zigeuner verpflichtet eigentlich zu einem ausschwei,e rden Lebenswandel, dem Dillinger ab­hold ist. Schließlich entschließt er sich zu einem Pierrolkoftüm.

Rach ihm kommt ein wohlgenährter, etwas provinzieller Biedermann mit einer schwarz- leternen Reisetasche, etwa Dräu- oder Stadtrqt. schwerer, gesunder Schlag. Guat beinanb mitm G'stell und an G'wand.

Er sieht sich im Raum um. ein bißchen ver­legen und sagt dann, er braucht einen Frack. Er müßte zu einer Hochzell morgen, und dürft« schon etwas Desferes sein.

.,3a." sagt die S:angchoferin,da hält i was Ausge eichi.ets für Eahna Figur! Ci'knöpfl'n derfa 'S 'n halt net den nehma d' Herrn, allaweil auf 'n Bal parö z' leicha." Du bist erkannt, alter Sünder!

Da hot er daheim zur Bräuin g'sagt: Mit dem D.uats.reisaui schuh! Ders ma scho wieder zwoa Tag in d' Stadt neifahrn und fei Zeit verhocka! willen a nix Be.sers. als allaweil Ausschußsitzunga! Schon feit drei Wochen so oft er in den Zeitungen die Anzeigen liest drucki's ihn. Dal Pare! Als junger Weihen­stephaner Student hat er ihn einmal mitgemadjt Er ist ihm in ber besten Erinnerung. ... Also fährt er halt in Gottcßnamen in den Kreis- auÄschuh!

Der Frack sitzt: prall und rund und schön! Ein bißchen eng ist er um dir Brust, aber dafür liegt er um bie Taille in malerischem Falten­wurf. Die Aermel spiegeln ein bißchen.

,,S5ß siehgt ma in dem Gewerkei net, sagt dir S-angchoierin. ...

ilm diese.be Zeit probiert beim ersten Schnei­der der junge Bräu, der in Manchen ftubiero» befüsse.-.er und anderer Weise »ich aujhält. den Frack. Beim Bal Pare soll er eingrweiht werden. Der junge Bräu ist ganz ©ent. glattrasiert, kur er Scheitel, Monokel in dem festen, altbaye­rischen Ba.erngrsicht. Wie gut müßte ein runder Samthut auf diesen Kopf Passen! Rein ein Chapeau daque muß es fein! Der Bal Par6 winkt. ..