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Nr. 34 Drittes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 9. Zebruar 1929

Aus der Wett des Films.

Plauderei aus Hollywood.

Von pola Tlegri.

Die modern« Filmkunst ist dauernder, schneller Fortentwick.ung unterworfen. Das Publikum wird immer kri.i.cher und der Wettkampf zwischen den SÜmf>roDu;en;<ii in den einzelnen Ländern wird Immer schärfer. Die Siegespa.me um den Welt- erfolg wird dem Produzenten zusallen, der es fertig bringt, grundfegend neuartige Filme zu schafien. A-s dieser Anschauung heraus muh die Industrie auch immer neue Persönlichkeiten her- anziehen. junge, bisher unbekannte Künstler von ausdrucksvoller und ansprechender Individualität. Jeder Filmhersteller ist aus der Suche nach neuen Stars. Jeder will interessante Künstler fernem Ensemble einverle'chen. Auch das Filmzentrum, Hollywood, muh dem D.rla.igrn des Publikums nach neuen Gesichtern gerecht werden. Daher das stets wechlL-nde, buntbewegte Dlld der Film­stadt.

A.S bas Interesse für europäische Filmschau- Ipie^er in Hollywood einsetzte, ergaben sich in der ersten -Feit zwischen den damaligen ein­gesessenen Hollywood-Stars und den frisch aus dem Auslände kommenden Schauspielern und Schauspielerinnen Reibungen unerfreulichster Art. Man muh bedenken, dah es vor einem nalben Dutzend Jahren saft nur amerikanische Syau- spie.er und Schausp.elerinnen in Hollywoov gab, die sich ihrer Bedeutung für den amerikanischen Film stark bewuht wa.en. (Zs ist also nur bo -reiflich, dah die ersten aus Europa kommenden Künstler als eine Art von Emdringli rgen be­trachtet und dem'uw.'ge wenig freundlich be­handelt wurden. Ich selbst gehörte mit zu den ersten Europäerinnen in Ho.lywood und kann natürlich von dieser kühlen Aufnahme ein Lied­chen singen. Meine Lage war keinesw^s be­neidenswert. Zunächst muhte ich mich durch einen ranzen Berg von Klatschereien, Intrigen und vifersüch.e e en hindurcharbeiten. Abgesehen da­von. daß ich die eingesessenen Künstler, die an­rahmen, ich trachte danach, ihnen das tägliche Brot zu schmälern, zu Gegnern halte, war mir t*e ganze Atmosphäre der Filmstadt durchaus

DerAlminderVMonLrolle

Gin neues Farbenverfahren im Film.

Dah Danken den Film oft kontrollieren, ist bekannt, dah aber der Film Danken kontrolliert, ist wenigstens im alten Europa neu und selbst im jungen Amerika erst ein halbes Jahr alt, und- dabei handelt es sich um die größten, aber doch wiederum kleinsten Millionen-Filme, die drüben täglich von den Danken hergestellt werden. Die Eknzelheiren erfuhr man im Dezirksverein Groh- Derlin und Mark des Vereins Deutscher Che­miker, auS einem Vortrage von Dr. Dusch über die Fortschritte der photogra'- phischen Umkehrung und das neue Kodak-Farbenversohren. Wenn man eine photographische Aufnahme macht, so erhält man, wie allgemein bekannt, zunächst auf der Platte oder dem Film ein umgekehrtes Bild, ein Vegativ. das man durch Kopieren in das rich­tige Bild, das Positiv, verwandelt. Das Um­kehrverfahren spart diesen Kopierprozeh und be­wirkt auf photochemischem Wege die Umkehrung S richtigen Bild ohne Kopieren auf dem Film

. Man spart nicht nur das Kopieren und daS dazu notwendige Material, sondern das so gewonnene Dild weist gegenüber der Kopie auch den Vorzug besonderer Schärfe auf. Man hat nun bas Umkehrverfahren ganz besonders für den Schmalfilm ausgearbeitet und damit eigent­lich die Amateur-Kinemathographie ermöglicht. Doch ist die Anwendung des Schmalfilmes über dieses erste Anwendungsgebiet längst hinauS- gewachsen. Es ist wenigstens in Amerika ganz besonders in den Dienst des Unterrichts gestellt worden, wozu eS sich, da es sich um sogenannte schwer entflammbare Filme handelt, auch aus Sicherheitsgründen und wegen seiner Dilligleit besonders eignet. Ganz neu ist die Anwendung deS Schrnalfllms im Bankwesen. Die beruht auf einer Eigenart der amerikanischen Danken, die die Schecks nach Einlösung und Entwertung den Eigentümern wieder zustellen. Um es nun den Danken zu ermöglichen, stets einen Ueberblick über die ein- und aus gezahlten Schecks zu haben, wirb der Schmalfilm in einem besonderen Appa­rat verwendet. Jeder Scheck, der durch einen Schlitz in den Apparat hineingesteckt wird, wird belichtet und gleichzeitig von zwei Aufnahme­apparaten auf Filmen aufgenommen. Auf einem Bildfeld des Schmalfilms werden zwei Schecks photographiert. Da nun 30 Meter Film rund 4000 Bildfelder enthalten, so können auf diese Art 8000 Schecks mit einem solchen Film photo- Kaphierr werden. Der Apparat arbeitet so, h gleichzeitig mit dem Photographieren auto- mattsch eine Rechenmaschine arbeitet, so dah am Vchluh deS FilmS die genaue Berechnung der «uSgezahllen Beträge erfolgt. DaS Wiedergabe- bermögen deS angewandten Umkehrfilmes ist so autzerordentkich sein, dah alle Einzelheiten für einen später notwendig werdenden, auch gericht­lich einwandsreien Beweis über die Einlösung deS Schecks von diesem kleinen Blickfeld abgesehen werden können. In der kurzen Zeit seiner Ein­führung in Amerika hat dieses neue Instrument so schnell Ausnahme gesunden, bah zunächst nicht damit gerechnet werden kann, dah in den näch­sten Iahren auch nur ein einziges nach Europa kommen dürfte, weil die vorhandenen Anlagen zu ihrer Herstellung vollständig für Amerika beschäftigt sind. 3m Anschluß an die Erörterun­gen der Fortschritte deS Umkehrverfahrens wurde auch bas neue Farbenfilmverfahren gezeigt. Dieser Film enthält auf ber Rückseite deS Dildträgers seine Riffen, von denen jede ein­zelne wie ein menschliches Auge oder eine optische Linse wirkt. Schaltet man vor das Objektiv der Kamera einen einfachen Dreifarbenfilter, so er­hält jede Stelle des Filmes entweder ein rote«, blaues oder grünes Licht. Wird der Film nun tm Umkehrverfahren entwickelt und wiederum durch den vorgeschalteten Filter projiziert, so erhält man eine naturgetreue scharfe Farben­projektion. Läßt man bei der Vorführung den

Filter weg, so erscheint derselbe Film-in schwarz- weih. Vorgeführte Filme bewiesen die Richtig­keit dieser Angaben. Tatsächlich erschienen scharfe, naturfarbengetreue Bilder auf einer kleinen Spezialvorführungsfläche. Auch dieses Verfahren kann in Europa augenblicklich noch nicht ausgeübt werden, doch ist zu hoffen, das; in wenigen Mo­naten das notwendige Material erhältlich sein wird. In Amerika ist auch bereits eine Gesell­schaft in Gründung begriffen, die dieses Ver­fahren nicht nur für den Schmalfilm, also den Ama­

teurfilm, sondern auch für den großen Kinofilm dienstbar machen wird. In der an den Vortrag anschließenden Aussprache betonte Dr. Dusch die Bedeutung des nichtentflammbaren FUms. Er wies auf die Gefahren der so leicht brennbaren Zelluloids, die in letzter Zeit nur allzu sehr in die Erinnerung gerufen wurden, hin und auch auf die Tatsache, daß in diesen Tagen das sogenannte Cellon-Patent von Dr. Eichengrün. das die Grundlage für den nicht entflammbaren Film bildet, seinen 20. Geburtstag feiern kann.

Filmleute als Schwerarbeiter.

Von Erich Effler.

Das ist lächerlich, meinen Sie? Sie bringen eine vorgefaßte Meinung mit: wenn Sie vom bequemen Sessel des luxuriösen Kinopalastes aus ein modernes Gesellschastsdrama ansahen, dann kamen Sie schnell und nicht neidlos zu der An­sicht, der Kameramann, der den Filmdrehte", verdiene tatsächlich fein Geld imHandumdrehen" und die Darsteller kämen buchstäblichspielend" zu Ansehen und Reichtum! Haben Sie aber einmal daran gedacht, w i e manche Szene ent­steht ? Daß der Kameramann, um ein Bild wir­kungsvoll aufnehmen zu können, auf irgendeiner Klippe, umbraust von der wildbrandenden See, pitschenaß und frierend, seinen häufig recht ge­fahrvollen Beruf ausübt daß er auf schwan­kendem Ast, auf dem Bugspriet eines Schiffes, auf dem schadhaften Gemäuer einer Burgruine, am Rande eines tiefen Abgrundes, auf den Trag­flächen eines Flugzeuges, auf dem Dach eines vier- und mehrstöckigen Hauses ebenso sicher und schwindelfrei stehen oder sitzen und arbeiten muß wie im Atelier? Mochten Sie im Schnee« und Eisgebiet des Hochgebirges bei schneidender Kälte und brausendem Sturm, mit ihm tauschend, an der Kamera stehen? In dem noch unver­gessenen FllmDer heilige 'Berg" kommen Sze­nen vor, die der Operateur in harter, drei Mo­nate währender Arbeit aus einem steilen Dolo­mitengipfel drehte, wahrend in der Schweiz zwei Kollegen regelrecht Lawinen entwickelten und ein Künstler Eiswände bemalen mußte, um besondere photographische Wirkungen zu erzielen! Stellen Sie sich das angenehm vor? Die haben vieles, was Ihnen im Bilde als nahezu übermenschliche Leistung erschien, bisher lächelnd damit abgetan, es sei .Trick". Glauben Sie mir: die Zeiten der Trickaufnahmen irti Spielfilm sind so gut wie vorüber! DaS Publikum ist viel zu anspruchsvoll geworden, eS wünscht den Rervenkitzel und würde, kitisch wie eS herangebildet ist, seichte TrickS ablehnen. Gewiß gibt eS hier und da raffiniert ausgeklügelte Trickaufnahmen, aber hauptsächlich nur da, wo z. B. die Kosten für eine Aufnahme an Ort und Stelle" in keinem Verhältnis zu der Wirkung deS DildeS stehen würden oder wo wirkliche, unbedingte Lebensgefahr für die Ak­teure vorhanden wäre. Uno diese Fälle sind relativ selten.

Wir sprechen hier bereits von den Akteuren, den Schauspielern! Sie sind eS gewohnt, daß der Kinobesucher. dessen Gunst ihnen Arbeit und Brot gibt, ihre Arbeit unterschätzt daß er glaubt, ihr Leben setze sich hauptsächlich auS Ver­gnügen, Flirts und herrlichstem Genießen zu­sammen! Rehmen Sie aber einmal an, ein Film­star lebte wirklich so er triebe also Raubbau mit seinem Körper: glauben Sie, daß er dann so lebendig, so jugendfrisch sich für das Werk deS Filmautors einsetzen konnte mit müden Glie­dern, übernächtigt mit einem Dauer-.Kater" und permanenter Sehnsucht nach dem sauren Hering? Rein, so töricht werden Sie selbst nicht sein!

Sie reifen, reifen nach dem sonnigen Süden, schwitzen bei der Besichtigung von Pompeji, lösen sich nahezu auf den Trümmern der Akropolis auf und Sie brauchen nur zu sehen, dem Füh­rer zu folgen der Filmstar aber, der noch

weiter, nach Afrika, Indien usw. gefahren ist, hat statt des Bädeker seineRolle" in der Hand und muß. stundenlang durstend, in glühender Tropensonne arbeiten, schwer arbeiten! Meg Gehrts, des Asrikaforschers Schom- b u r g t Gattin, ist nicht nur Begleiterin, Ge­hilfin, Köchin, Krankenschwester sie ist und war auch Schauspielerin im afrikanischen Busch. Auch die Gattin Karl Heinz Heilands, be­kannt als Loo Holl, folgt dem filmenden Ehe­mann in die keineswegs gefahrlose und immer gesunde Wildnis des indischen Dschungels, sie filmt mit den Eingeborenen und sorgt für daS Wohl der Gxpeditionstruppe. Richt ungern er­scheint sie mit fast völlig wilden Bestien im Bilde, weil sie weiß, daß so etwaszieht" und weil sie die Gefahr, in die sie sich dabei begibt, reizt. Welche körperlichen und vor allem seeli­schen Kräfte aber dazu gehören, das kann die mondäne Dame von Welt, deren Rerven bei den geringsten Unannehmlichkeiten des täglichen Le­bens versagen, kaum richtig ermessen. Expedi­tionsreisen in die Wüste, in unerforschte Gegen­den, sind kein Kinderspiel sie erfordern ganze, opferfreudige Menschen. Und wenn der Zauber ferner Welten dabei noch durch den Film er­schlossen werden soll, so sind sie noch schwieriger, weil der Transport deS notwendigen Materials hinzukommt.

Auch von dem ausgesprochenen Filmliebling" verlangt man viel: Tragödien auf ruhiger See spielen zu lassen, wäre reizlos wenn es stürmt und weitert, wenn die Brandung gewaltig gegen die Steilküste donnert, dann muß der Filmheld arbeiten, weil das Essektwirkungen gibt!

Kennen Sie Filme mit spanischem Milieu, in dem kein Stierkampf vorkommt? Meinen* Sie, daß solche Aufnahmen gefahrlos sind? Fragen Sie den Operateur K u tz l e b und den Schauspie­ler Gaidarow! Als diese in Madrid Auf­nahmen zu dem Giko-RationalfilmKampf der Geschlechter" machten, griff ein wütender Stier fle an die Kamera ging zum Teufel, die bei­den wurden, gottlob, nur leicht verletzt. In einem* neuen amerikanischenCarmen"-Film spielt Victor Mac Laglen eine Etierkämpferrolle. Dazu mußte er von einem ehemaligen Toreador da- schwierige Handwerk erlernen. Die noch jugendliche Lilly F e i n d t, die sich alS Schul- reuerin einen geachteten Rainen schuf, mußte für den FilmEin MordSmädel" bei Hagenbeck in die Schule gehen und Elefanten dressieren ler­nen Roman Rovarro und Lewis Stone, die in dem FilmDie Schlange von Paris" ein Säbelduell auszufechten hatten, wurden extra dasür von einem europäischen Fechtmeister aus­gebildet. Hanni Weiße nahm artistischen Unterricht, um daS schmerzlose Hinfallen der ClownS für eine in einem Film benötigte Szene xu erlernen. Douglas Fairbanks. der in Dem FilmDer Mann mit der Peitsche" sich als Peitschenkünstler produziert, mußte in sechs Monaten diese Kunst von dem berühmten austra­lischen Colonel Lawrence gründlich erlernen. AIS er mit der langen kalifornischen Peitsche end­lich kunstvoll ein Stück Papier durchschneiden, Kerzen ausloschen. Menschen fesseln und Ziga­retten auS deS Gegner« Mund schlagen konnte.

fremd. Ich kannte die amerllanifchen Sitten und Gebräuche nicht und wußte nichts von jener burschikosen Demokratie, die eS verlangt, daß der Star etwa dem Deleuchtungstechniker mit einem wohlwollenden KlapS auf die Schulter da­für zu danken hat, daß er ihm während brs Spie.es ein so wundervolles Licht gab. Ebenso waren meinen damaligen Kollegen die europäi­schen Sitten und Gebräuche unbekannt. Ich lebte ans die em Grunde ziemlich zurückgezogen, was wiederum zur Folge hatte, daß die Amerikaner mich für hochmütig hie.ten und daß ich mir Leute zu Feinden machte, die mich sonst vielleicht ganz gern gemocht hätten.

Aber auch diese recht unerfreuliche Zeit ging vorüber. Das amerikanische Publikum verlangte nun einmal nach immer neuen Gesichtern, und die europäische Invasion Hollywoods nahm einen immer größeren Umfang an. Die amerikanischen Filmstars halten sich mit dieser für sie wenig günstigen Tatsache abzufinden, denn fie konnten die im Fluß befindliche Entwicklung nicht aus- halten. Heule ist die Lage sehr viel besser. Das europäische Schauspielerkontingent in Hollywood wurde immer größer. Während sich die Europäer mehr und mehr an die amerikanischen Gebräuche gewöhnten, begannen auch die Amerikaner sich allmählich mit unseren Gewohnheiten vertraut zu machen. Sie haben eingesehen, daß der euro­päische Künstler aus einem Milieu kommt, das in keiner Weise dem amerikanischen gleicht und das demzufolge eine Verschiedenheit im Auf­treten und in den Ansichten bedingt. Gegen­seitiges Entgegenkommen und ein wohlwollendes Bestreben zu verstehen führten allmählich zur Freundschaft.

Das Arbeitstempo in Hollywood wird immer schneller. Wir sind den ganzen Tag im Aus- nahmeatelier. manchmal euch die ganze Rächt. Mir bleibt darum nur wenig Zeit für das gesell- schaftllche Leben übrig. Das hat jedoch den Vor­teil, daß die Möglichkeit von Reibungen fast ganz ausgeschaltet ist. Arbeit. Arbeit und noch einmal Arbeit heißt das Losungswort Holly­woods. Ich besitze ein wundervolles Haus in der Fi n stadt mit allem nur erdenklichen Luxus. Ich finde aber kaum Zeit, mich dieses Hauses zu erfreuen, denn den ganzen Tag übet bin ich

im Atelier und betrete mein Heim erst meistens spät abends, zu Tode ermüdet. In den wenigen Stunden, in denen ich daheim bin, schalte ich. ganz im Einverständnis mit meinem Gatten, in Gesprächen und Gedanken daS Geschäft völlig aus. Meine Häuslichkeit und meine Filmtätig­keit find für mich vollkommen getrennte Dinge.

Wenn ich mich so allmählich an die ameri­kanischen Sitten und Gebräuche gewohnt habe und sogar manche dieser Sitten liebe, so freue ich mich doch jedesmal, wenn ich zur Erholung nach Europa reisen kann. Rur dort vermag man wirklich von Amerlla auszuruhen: nur in der alten Welt findet man die internationale Atmosphäre, die auf den abgehetzten Künstler so wohltuend wirkt. In wenigen Stunden kann man von einer Hauptstadt zur anderen eilen, kann man in Berlin, Paris, London oder Moskau sein. Andere Städte, andere Kulturem ES ist für den Künstler und nicht zuletzt für die Film­schauspielerin so überaus notwendig, stets neue Eindrücke zu empfangen und die Atmosphäre zu wechseln. Auch die durch solche Reisen er­zielte Popularität ist für den auf PublikumS- gunft angewiesenen Künstler keineswegs zu ver­achten. Ieder Beweis für die eigene Volks­tümlichkeit ist dem Filmstar stets willkommen menschlich begreifliche und wohl auch verzechliche Eitelkeit. Er entschädigt ihn für den fechtenden Dühnenapplaus. den der Filmschauspieler eigent­lich recht schmerzlich entbehrt. Rie wird er vor die Rampe gerufen, nie kann er, abgesehen von den großen Premieren, die jubelnde Begeisterung der Menge hinnehmen.

Eine gewisse Entschädigung für dieses Ent­sagen findet der Fllmcünstter in den vielen Brie­fen die er erhält. Diese Korrespondenz kann einen ungeheuren Umfang annehmen. Ich er­halte etwa 20 000 Briefe im 3a)re. Die meisten dieser Briefe enthalten Heiratsanträge, obwohl deren Schreiber doch wissen sollten, daß ich längst verheiratet bin. Die freundlichen Antragsteller scheinen aber vor allem bei mir aus weibliche Launenhaftigkeit zu spekulieren und rechnen schon jetzt mit dem Fall, daß ich mich einmal scheiden lassen werde. Da ich jedoch wirklich keinerlei Ab­sichten in dieser Beziehung hege, so muß ich fei-

war er für feine Fillnrollevorgebildet" genug. Für einen anderen Film lernte Fairbanks von berühmten argentinischen Gauchos die Kunst, mit der dreigeteiltenBolas" umzugehen.

Ratürlich gehören zu solchen Leistungen nicht nur Mut, Entschlossenheit und Liebe zum Beruf, sondern auch körperliche Elastizität. Es ist be­kannt, daß viele unserer prominenten Darstelle­rinnen wie Maria C o r D a . Ellen Richter, Gräfin Esterhazy ihreschlanke Linie" in dauerndem Training durch den Besuch vonDe- wegungsschulen" zu erhalten wissen. - Selbst Opfer verlangt der Berus. So hat Mae M u r - rey ihr keckes Rüschen in Cinciuati umformen lassen, um auch tragische Rollen spielen zu kön­nen. Otto Gebühr studierte regelrecht und äußerst gewissenhaft alle erreichbare Literatur, um seinen Fridericus" lebensecht bis ins Kleinste gestalten zu können und Werner Fuetterer wurde ein echter Figaro, der Rasieren, Haar- schneiden und Bubikopfschneiden erlernte, ehe er seinenKubinke" spielte.

3m Iahre 1925 zeigte man bei uns einen Film, der das Leben und die Gebräuche der Walsisch- fänger anschaulich im Rahmen einer Spielhand- lung schilderte. Raymond Mac See, ein amerikanischer Fllmdarsteller, der die Hauptrolle spielte, hielt sich etwa ein Jahr lang auf einer Walfischfängerstation im kalten Rorden auf, um die Menschen zu studieren und ihr gefahrvolles Handwerk zu erlernen um es bann in einem einzigen Film zu verwerten. Wie ein älter Jä­ger schwang er die Harpune, fing et riesige Wale, deren Angriffe ihn einmal beinahe ins bessere Jenseits befördert hätten.

Gerade die Gefahr, dieSensation" ist es, die immer wieder das Publikum reizt, die Massen in die Lichtspielhäuser lockt. Die Amerikaner ver­wenden mit Vorliebe wilde Tiere im Film, be­sonders in den kurzen Groteskem Gewiß sind die Löwen, die den Filmhelden verfolgen und in den Wohnungen ein Tohuwabohu anrichten, erprobt und als gut dressiert bekannt. Wie oft aber ist es schon vorgekommen, daß bei solchen lange Zeit hindurch gutmütigen Bestien die an­geborene Wildheit zum Durchbruch kam und deshalb bleiben derartige Filme, auch bei allen erdenllichen Sicherungen, wohl stets eine ge­fährliche Attraktion. Unser bekannter deutscher Sensattonsdarsteller Harry Piel hatte in dem FilmWas ist loS im ZirkuS Beely?" einen prächtigen Tiger zum Partner. So, wie er sich gab, mag ihm gewiß nicht zumute dabei gewesen fein. Fest steht jedenfalls, daß, nachdem der Künstler zweimal von dem Tier angefallen wor­den war, jede LebensversicherungSgesellschast sich verbindlich lächelnd dafür bedankte, Piel auf» xunehmen. Und trotzdem: in dem FilmPanik', Der mit Recht von der Presse alS voller Ge­schäftserfolg gebucht wurde, ist daS prächttge Tierchen" wieder PielS vielbewunderter Partner gewesen!

Daß eS durchaus nicht ganj ohne Unfälle beim Filmen abgeht, daß man auf billige Tricks auf Kosten der Realistik, längst verzichtet, bewiesen und beweisen immer wieder die Zeitungsnotizen. Für den FilmJagd auf Menschen" mußte in Bozen eine Drahtseil-Sensation aufgenommen werden. Der Förderkorb stürzte vorzeitig ab und nur einem glücklichen Zufall ist eS zu bankem daß weder der Sensattonsdarsteller Carlo A l - dini noch der bekannte Schauspieler HanS Al­bers dabei verletzt wurdem Schlimmer ging es 211 ber t in i bei den Sensationsaufnahmen zu Rinaldo Rinaldini": er trug ernste Knochen­brüche davon und lag einige Zeit im Kranken­haus zu Turim Zwei Beispiele, zwei Fälle, die nicht vereinzelt dastehen! ileberall lauert für den Sensationsdarsteller der Tod: auf der Land­straße wie tm Atelier, in den Bergen wie am Steuer deS AutoS!

Der Filmschaufpieler. der Regisseur, der Ka­meramann sie alle leben, wie Sie auS vor­stehenden Zeilen hoffentlich entnommen haben werden, also durchaus kein geruhsames Leben, sie sind keineswegs auf Rosen gebettet Ihr schönster Lohn ist die Anerkennung der Film-

der die Vorschläge all der Herren ablehnen. Die mir ihr Herz und ihre Hand anbieten, falls ich meines Mannes je überdrüssig werden sollte. Er und ich amüsieren unS oft über diese Briefe. So schrieb mir einmal ein Reisender:Seit Jahre« habe ich ihre Filme studiert. Ich bin sicher, daß kein Mann auf der Welt Sie besser verstehen konnte als ich. Ich bin bereit, Ihnen daS Tor xum Paradiese der Ehe zu Öffnern Ich habe ein schönes Vermögen von etwa 600 Dollars, bin viel herumgereist, nicht nur mit der Eisenbahn, sondern auch per Auto. Ich habe eine gute Er­ziehung genossen und könnte eine richtige Haus­frau auS Ihnen machem Bitte schreiben Sie mir sofort" Ich fürchte, mein Verehrer wartet noch heute auf eine Antwort

In einem anderen Falle mußte ich jedoch ant­worten. Ich erhielt einen 'Brief von einem ita­lienischen Ingenieur mit Ramen Raphael Racia. Er teilte mir mit, daß er ohne mich nicht leben könnte. Dann begann er. als er keinen Bescheid erhielt, mir kleine Geschenke zu senden, und schließlich eine Sammlung von 40 Kriegsmedail­len nebst einemBrief, in toelcßem er mir auS- einandersehte, daß dies sein einziger Reichtum sei und daß er überglücklich sein würde, ihn mir zu Füßen legen zu dürfen. Seine Anhänglichkeit rührte mich: ich schrieb ihm einen freundlichen Dries, in,Dem ich ihm klar machte, daß es für mich unmöglich sei, sein Geschenk anzunehmen und daß.ich es daher zurücksende. Er schickte mir Die Sammlung abermals ein und erklärte gleichzeitig, er wäre Der unglücklichste Mensch unter der Sonne, wenn ich die Medaillen nicht behalten würde. Etwas später erhielt ich von ihm Die Rachricht, Daß er in Buenos Aires angetommen fei und nun bald in Hollywood eintreffen werde, um mich zu heiraten. Die Lage begann für mich ernst zu werden. Ich mußte ihm daher einen weiteren Brief schreiben, in Dem ich ihm noch­mals deutlich zu machen suchte, daß ich seinen Antrag nie annehmen könnte. Kurze Zeit Darauf empfing ich einen Bries vom italienischen Konsul in Buenos Aires worin dieser mir mitteilte. Der armer Racia sei einem Schlagan.all erlegen. Ar­mer Kerl, er war. wie so viele Menschenkinder, einem Phantom nachgejagt!