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Zreiiag, 8. November (929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 265 Zweites Blatt
Oie überlastete Weltwirtschaft.
Don Professor Or. Hermann Levy, Äerlin.
Dei den Erörterungen über den Voung. plan ist leider von Weltwirtschaft wenig die Rede gewesen, obschon eigentlich die Sorge um die Fortentwicklung derselben im Mittelpunkt aller Äeparations- und Tributdebatten stehen mühte. Denn auch diejenigen, welche den enormen Zahlungen, die Deutschland auferlegt werden, aus politischen und taktischen Gründen zustimmen, haben die ileberaeugung, dah vom weltwirtschaftlichen Standpunkt gesehen, die Erfüllung dieser Forderungen nur zu einer Verschlimmerung der internationalen Wirtschaftskrisis führen kann. Es ist in diesem Sinne überaus beachtenswert, dah ein Gelehrter wie Prof. Lujo Brentano vor kurzem erklärte: „©ie Erfüllung der Reparationen ist wirtschaftlich nur möglich, wenn die deutsche Wirtschafisentwicklung sich in einer lang dauernden Aufwärtsentwicklung befindet, und in dem Mähe, in dem sich daraus ein Exportüberschuh ergibt". Mit vollem Recht verweist Brentano dann darauf, dah eigentlich zur Ausfuhrsteigerung nur die heute noch unzivilisierten Gebiete Südamerikas, Afrikas usw. in Betracht kommen, dah diese aber wiederum durch die Einfuhr aus Europa an Maschinen und Produktionsmitteln aller Art sich selbst i n d u - strialisieren werden und damit wiederum auf weite Sicht ihre Kaufkraft gegenüber Europa an Fabrikaten vermindern müssen, so dah selbst hier nicht einmal eine dauernd wachsende Absah- quelle erwartet werden kann.
Gerade jetzt, wo die eigentliche Belastung Deutschlands beginnen soll, muh man sich ver- gegenwärtigen, wie schlecht die weltwirtschaftlichen Absatzchancen aller Art für Europa nach dem Kriege geworden sind. Die europäischen Reuländer, welche entstanden sind, — wie etwa die Tschechoslowakei oder Polen — haben sich durch Zollmauern voneinander abgeschlossen, dadurch ihre eigene Erzeugung gesteigert und zu der internationalen Ileberproduktion beigetragen. Die Bereinigten Staaten sind nach dem Weltkriege schuhzöllnerischer als je geworden, die führen heute an Fabrikaten überhaupt nur noch ganz hochwertige Qualitäten oder Spezialartikel ein, Haven dagegen ihre Ausfuhr an standardisierten Erzeugnissen — Automobile, landwirtschaftliche Maschinen usw. — gewaltig gesteigert. Die anderen überseeischen Länder haben die schlimmen Zeiten des Weltkrieges und die Behinderung des internationalen Transportverkehrs durch den Seekrieg zum ras ,en Aufbau neuer eigener Industrien benutzt, Indien hat sich in der Herstellung grober Daumwollwaren enorm entwickelt, 3 a - pan, Australien, Südafrika, Kanada, ober auch Südamerika haben Industrien ins Leben gerufen, an deren Ausbau vor dem Kriege niemand in diesen Ländern gedacht hatte.
Dazu kommen spezielle Momente: im Kohlenbergbau hat das Aufkommen und die rapide Erweiterung der Großkraftwerke sowie die wachsende Anwendung der Motorschiffe dem Absatz nicht unerheblichen Abbruch getan, die Weltwirtschaft steht unzweifelhaft hier unter einer besonderen älebererzeugung: die T e x t i l i n d u - st r i e ist in ihren früheren und klassischen Dcan- ck)en durch das Auskommen der Kunstseidenindustrie — die übrigens auch jedes einzelne Land sein eigen nennen möchte — schwer getroffen worden, hat sich doch die Welterzeugung von Kunstseide von 16 000 Tonnen im Jahre 1913 auf 137 000 Tonnen im Jahre 1927 gesteigert.
Kein Wunder, dah heute, nachdem der erste Stegestaumel dieser neuen Industrie vorüber ist, auch auf diesem Gebiete die Absatzschwierigkeiten beginnen und die Kurse der großen Aktienunternehmungen dieser Betriebe stark ins Fallen geraten. Der Schiffbau der ganzen Welt leidet ebenfalls unter Liebererzeugung. Auch hier aber haben die einzelnen Länder — voran Amerika — im und nach dem Kriege gewaltige Expansionen vorgenommen, man hat ferner Deutschlands Handelsflotte sequestiert und nicht daran gedacht, daß Deutschland wieder Schisse bauen werde und damit der internationale Schiffspark nur eine weitere Mehrbelastung erfahren müsse: die Frachten sind gedrückt, damit natürlich auch die großen Werften der einzelnen Länder unzureichend beschäftigt: denn der Schiffbau kann nur gedeihen, wenn das Frachtengeschäft blüht.
Diese Streiflichter genügen schon, um zu zeigen, wie stark die Ueberlastung der Weltwirtschaft heute ist. In England hat man das feit geraumer Zeit erkannt. Man geht jetzt daran, der Erkenntnis die Taten folgen zu lassen. Lord DA b e r n o n, der geschickte Diplomat, der lange Zeit in Berlin Botschafter war, ist mit einem Stabe von Sachverständigen, die sich „British Economic Mission" nennt, nachSüdamerika, zunächst nach Argentinien gereist, um die Absatzchancen für englische Erzeugnisse dort an Ort und Stelle zu „studieren". „Der Wettbewerb ist hier", so schreibt der Manchester Guardian Commercial, „heftiger, zielbewutzter und andauernder, als er jemals gewesen ist". Man wird vermutlich von englischer Seite alle möglichen Mittel versuchen, um Englands Anteil an dem südamerikanischen Geschäft von neuem zu heben und zu festigen. Zu diesen Mitteln gehört, daß man versuchen wird, „Käufe der Gegenseitigkeit" zu orga» nisieren, so daß einem englischen Kauf von Lebensmitteln und Rohstoffen in Südamerika (z. B. Kaffee in Brasilien) sogleich Gegenkäufe der dortigen Importeure gegenüberstehrn. Man wird ferner versuchen, durch eventuelle E i n s ch i e - bung staatlich garantierten Bankkredits den Wünschen der südamerikanischen Abnehmer nach längeren als dreimonatlichen Zahlungsfristen entgegenzukommen. So wird man versuchen, der „friedlichen Durchdringung", welche die Bereinigten Staaten hier seit geraumer Zeit betreiben, entgegenzuarbeiten. England ergreift damit eine aktive Einstellung, um sich einen größeren Anteil an dem Weltwirtschaftsgeschäft zu sichern. Selbst Arbeitsparteiler messen in England heute der Wiedereroberung des Weltmarktes die größte Bedeutung bei: der Schatzsekretär Snowden machte seine Zustimmung zum Voungplan davon abhängig, dah Italien mehr Kohle von England, weniger aus Deutschland beziehe, und man sprach davon, daß er die Zahlungen, die er in höherem Umfange als erwartet verlangte, zur Beschäftigung englischer Arbeitsloser mitverwenden wolle. Also: wieder erhöhte Erzeugung und erneute Mehrbelastung der Weltwirtschaf tl Sonderbar ist es, dah selbst die Vertreter einer Partei, die sich gerne rühmt, internationale Interessen zu vertreten, hier ohne Rücksicht auf die Weltwirtschastslage rein englische Interessen vertritt, sonderbar, vielleicht aber auch bezeichnend für den wirtschaftspolitischen Zusammenhalt im englischen Staatswesen.
Und während alle Länder krampfhaft versuchen, einen besseren Platz an der schon über- | besetzten Tafel der Weltwirtschaft zu erhalten.
bürdet man Deutschland Lasten auf. welche die LIeberlastung der Weltwirtschaft noch vergröbern müssen, da ja Deutschland nur in Waren und vergröberten Ausfuhren zahlen kann. Anstatt die Uebererzeugung in der Welt abzu- bauen, zwingt man Deutschland, sie zu vergröbern. Man verschärft den internationalen Wettbewerb immer weiter. Und gleichzeitig ruft man nach einer neuen internationalen Wirtschaftskonferenz, welche die Zollmauern der einzelnen sich bekämpfenden Wirtschastsstaaten abbauen soll. Hier wird der Konkurrenzkamps künstlich verschärft, — dort versucht man, das Unglück wieder gut zu machen. Wie lange wird noch diese Politik wirtschaftlicher Unlogik andauern dürfen?
Aus der Provinzialhauptstadt.
G i e h e n, den 8. Rovember 1929.
Eheliches Telephongezwitscher.
Cs gibt Eheleute, die als „ewiges Brautpaar" gewertet und von Frauen gerne als Beispiel hingestellt werden.
„Sieh mal, der ist höflich und lieb zu seiner Frau!"
„Sieh mal. wie ritterlich Meier ist!"
Man beobachtet Herrn M. und freut sich seiner betonten Zärtlichkeit. Denn es gibt kaum einen Eindruck oder Anblick, der harmonischer und wohltuender ist. als ein Ehepaar zu sehen, bei dem der Mann mit natürlicher Höflichkeit seiner Frau Achtung bezeigt und seiner Verehrung sichtlichen Ausdruck verleiht.
Höflichkeit ist stets eine Frage der Erziehung und des Herzens. Man mache in jeder Gaststätte, unabhängig von der sozialen Schichtung der Gäste, die Probe durch stille Beobachtung:
Das Paar kommt herein. Er schiebt, die Hände in den Taschen, als Erster vorweg. Sein Ziel ist die Kleiderablage. Gr hängt seinen Hut auf, zieht seinen Mantel aus und seht sich. Sie nestelt an sich herum, bemüht sich, wenn kein Kellner sich hilfreich nähert, durch Zehenspihenakro- batik und Avmstrecken den Garderobehalter zu erreichen, während er schon in das Studium der Speisenkarte vertieft ist. Das sind kleine Bilder des Alltags, wie man sie täglich zu Dutzenden von Malen sehen kann.
In der Behandlung, die der Mann seiner Frau in diesen Dingen des Alltags angedeihen 'läßt, zeigt sich am deutlichsten seine mangelnde Erziehung Es ist bei ihm aber oft auch nur Ge- dan-kenilosigkeit. Die Schuld liegt daher auch auf Seiten der Frau, die es nicht versteht, ihren Mann zu den kleinen Höflichkeiten des Alltags anzuhalten. Wenn sie ihm beibringt, dah er durch betonte Ritterlichkeit in den Augen der Mitwelt steigt, ganz abgesehen von der eigenen Selbstachtung, wird ihr Wort oft auf guten Boden fallen.
Richt selten versteht die Frau auch nicht, aus den guten Willen des Mannes einzugehen.
Man nehme e nmal an, dah ein Mann, wie die unvernünftige Frau es oft verlangt, nach etwa fünfjähriger Ehe auf den Gedanken käme, sich in Gesprächen und Handlungen in die Brautzeit zurückzuversetzen! Folgendes Telephongespräch würde sich entwickeln:
Er: „Bist du da, Liebling?"
Sie: „2a! Wer ist denn am Telephon?"
E r: „2a, sag mal, Liebste, kennst du meine Stimme nicht?"
S i e: „Ja, was ist denn los?"
Er: „Ich wollte dir vom Geschäft aus nur noch einmal .Guten Morgen' sagen und wollte deine liebe Stimme hören!"
©ie: „Bist du verrückt geworden? Du scheinst herzlich wenig zu tun zu haben!"
Er (zärtlich): „Aber Liebste, ich wollte ja nut fragen, wie es dir geht?"
Sic (mißtrauisch): „Mir? Warum? Wte soll es mir denn gehen?"
E r (noch zärtlicher): „3a, waS ist denn xmt meinem Herzchen?"
S i e (kurz): ..Das Herzchen hat zu tun!“ (Hängt den Hörer ein.)
Die Leser mögen selbst den unvermittelten Versuch machen, in diesem Sinn mit der Frau zu sprechen. Sie werden erkennen, daß plötzliche Rückkehr in die Gewohnheiten der Brautzeit zu Enttäuschungen führt. M. A.
Oie Feuerwehren auf dem Neuhof.
Zu unserem gestrigen Bericht über das G r o h- feuer auf Gut Reuhof bei Leihgestern wird uns von der Freiwilligen Feuerwehr Lang-Göns mitgeteilt, daß nicht die Kreismotorspritze als erste an der Brandstelle erschienen war. sondern die Freiwillige Feuerwehr Lang-Göns, die als letzte telephonisch gerufen wurde, als erste an der Brandstelle erschien. Die mit dem Auto des Feuerwehrmannes Heinrich Backes (Lang-Göns) und auf Motorrädern vorausgeeil- ten Feuerwehrleute der Lang-Gönser Wehr konnten sich bis zum Eintreffen der Spritze noch an der beschwerlichen Bergung des Viehes beteiligen. Hierauf wurde von der Lang-Gönser Wehr bis zum Eintreffen der Kreismotorsprihe und der übrigen Wehren das stark gefährdete Wohnhaus des Pächters Brückmann so gesichert, daß eine Gefahr für das Haus nicht mehr bestand. Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Lang- Göns habe beim Eintreffen der Motorspritze dieser die erforderlichen Hilfsmannschaften von seiner Wehr zur Verfügung gestellt. Weiter wird von der Lang-Gönser Wehr noch berichtigend mitgeteilt, daß Stadtbranddirektor Braubach aus Gießen nicht zur Hälfte der Brandstelle zu befehligen hatte. Hierzu haben wir zu bemerken, daß unserem Bericht Informationen von maßgebender Feuerwehrseite im Kreise Gießen zugrunde lagen.
Bornotizen.
— Tageskalender für Freitag. Stadttheater: „Das Glas Wasser" und „Weihnachtsein- käufe", 19.30 bis 22 Uhr. — Deutscher Bund für christlich-evangelische Erziehung in Haus und Schule: Familienabend, 20 Uhr, im Iohannessaale. — Deutscher Bauschulbund, Ortsgruppe Gießen: Monatsversammlung, 20.15 Uhr, im Hotel Köhler, Westanlage. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Eine Nacht in London". — Astoria-Lichtspiele: „Wolga- Wolga".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns gesschrieben: Das Gastspiel „Hermine Körner und Ensemble" beginnt um 19,30 Llhr. — Am Sonntag. 10. Rovember, zum erstenmal (als Fremdenvorstellung) zu ermäßigten Preisen: Franz Lehars Operette „Die lustige Witwe". Operettengastspiele Frankfurt a. M., Direktion Baars. Direktor Baars hat die Operette vollkommen neu inszeniert. Die kommende Woche bringt zum erstenmal in Gießen die beiden größten dramatischen Fragmente der klassischen Literatur an einem Abend: „Robert Guiskard" (Kleist) und „Demetrius" (Schiller). Spielleitung Intendant Dr. P r a s ch. Bühnenbilder Karl Löffler. Die Erstaufführung findet am Dienstag, 12. Rovember, statt. Beginn: 19,30 Llhr.
— Cinführungsvortrag in der Volkshochschule. Am morgigen Samstag von 20 bis 21 iUjr findet in der Volkshochschule ein Einführungsvortrag zu Kleists „Robert Guiskard" und Schillers „Demetrius" statt. (Siehe heutige Anzeige.)
Nachdruck verboten
33 Fortsetzung.
Liebe in Ketten.
Vornan von Hans Mitteweider. Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale).
Die Röte des Zornes färbte Isoldes Wangen, ihre Augen funleiten ihn an: aber sie mußte hören, daß er nachlässig sprach:
„Sollten Sie wirtlich geneigt fein, Len schon im voraus zu betrügen, zu dessen Besitz -ich Ihnen verhelfen soll? Haben Sie sich nicht überlegt, dah Sie mir dadurch d e gleiche Waffe in die Hand geben würden, die Sie fetzt gegen ihre Rebenbuhierin zu besitzen wähnen?"
Da erbleichte Isolde von Kletten jäh. Sie griff sich nach dem Herren, dessen Schlag aussetzte.
Aber in ihr empörte sich alles.
Hätte sie einen Revolver bei sich gehabt, Ne wäre imstande gewesen, diesen Mann niederzuschießen.
Sie hatte sich das Spiel so leicht gedacht, hatte gehofft, ihn ohne weiteres als Bundesgenossen gewinnen zu können, und nun ...
Roch hatte sie ihre Fassung nicht zurückgewon- nen, da ergriff Berndt Klausen das Wort und sagte halblaut:
„Ich habe aus Ihrem Briefe erfahren, daß sie in London waren, dah Sie dort in einem bestimmten Hotel wohnten und mit einem Mister Sterne sprachen, ferner, daß Sie auch den kleinen Ort Her-ogenhei. e mit Ihrem Besuch beehrten. Leider aber verstehe ich nicht, was dies alles mit mir zu schaffen hat. um mochte Sie wiederholt um freundliche Erklärung bitten/'
„3a sind Sie denn nicht Berndt Klausen, der in London mit Käthe Fernau getraut worden ist. i/achdern er sie aus Herzogenheide entfuhrt hatte?" stieß Ilolle außer sich hervor.
„älnd wenn ich es wäre was dann?
..Dann sind Sie doch hier, um Ihre Rechte an 3hrer Frau geltend zu machen!"
„Rehmen wir an, ich sei Berndt Klausen, d>.r eine gewisse Käthe Fernau heiratet: , erwidert« er. „Muh ich deshalb meirw Rechte an diese glltend machen wollen? — ^Ke'n d^au- lein", fuhr er fast verächtlich fort, „Sie denken nicht logisch. Auf keinen Fall handeln Sie logisch. Oder haben Sie in London auch fejtgcftellt, warum jener Berndt Klausen, für den Sie mich halten, seine junge, schöne Frau verlassen hat c ilnb wenn er es tat, warum sollt: er fie dann später aussuchen und zu sich zuruckzuholen
Immer von neuem war Isolde von Kletten fassungslos. Sie zittert: vor Empörung, und sie war schon auf dem Punkte, diesen Menschen da einfach stehenzulassen. Sie brauchte ihn doch gar
nicht. Es genügte vollkommen, wenn sie nachwies, daß die Frau Felex Turnaus schon verheiratet gewesen war, als sie mit ihm die Ehe schloß.
ilnb das war erwiesen, klar erwiesen!
„Sie wollen mir also nicht Helsen, eine Betrügerin zu entlarven?"
„Ilnb Sie in die Arme des geliebter Felix von Tumau zü führen?" fügte er voll Hohn hinzu.
Da sprang Isolde von Kletten wüt:nd auf. Sie streckte beide Hände vor, als wollte _ sie ihn packen, um ihn zu erwürgen. Haß sprühte aus ihren Augen.
Auch Berndt Klausen stand auf. Er war immer noch sehr kühl, und so sagte er:
„Mein Fräulein, ich habe Ihnen gezeigt, daß ich genau weih, was Sie zu erreichen wünschen. Sie aber können das gleiche nicht von mir sagen. Ich möchte Sie indessen auf alle Fälle warnen, meine Pläne irgendwie zu durchkreuzen. Hüten Sie sich, das auszuführen, was Sie in Ihrer Rachsucht planen, was die Eifersucht Ihnen eingibt! Wagen Sie sich keinesfalls eher an Käthe Tumau, als bis ich es Ihnen erlaubt haben werde!"
Sie wollen mir etwas verbieten - Sie wollen mir etwas erlauben? Hahaha! Ich durchschaue Sie doch jetzt! Vollkommen durchschaue ich Sie? Sie wollen nicht Ihre Frau haben, sondern das Geld Turnaus. Sie haben vorauögesehen, dah sie sich einen reichen Gimpel einfangen würde, und den wollten Sie später rupfen. Das ist die Wahrheit! Sie sehen, ich habe Sie durchschaut! ilnb nun sage ich Ihnen: Sie sollen Isolde von Kletten kennenlernen!" , _
"Schon geschehen, meine Dame! Sonst noch etwas?" .
Da wandte sie ihm den Rucken zu, trat an die Mauer und schnellte sich mit einem Satz hinüber. -
"Ehe du den Streich ausfuhren kannst, den du planst, werde ich tun, was ich mir vorgenommen habe!" murmelte er. „Vielleicht aber...
Er vollendete den Sah nicht, sondern schnt. davon, dem Schlosse zu. Er hatte sich einen guten Plan zurech g legt gehabt, der nun durch diese Isolde von Kletten bedroht wurde, und während Bembt Klausen dahinschr.lt sagte er sich immer wieder, daß er doch vielleicht eine Torheit begangen halt:, als er dieses Weib zurückwies.
Sollte er Isolde von Klctt.m nachlaufen, sie um Verzeihung bitten und dann fragen, welche Vorschläge sie ihm zu machen gedacht tja t:?
Berndt Klausen lachte laut auf bei diesem Gedanken: er lachte sich selber aus, und nun überlegte et nur noch eins:
Ob er das Vermögen Käthes annehmen und sie freigeben sollte. Oder...
„Ich kann keine Entscheidung treffen, bevor ich nicht weih, wieviel sie besitzt", sagt: er sich endlich. „Heute abend wird sie es mir vielleicht sagen können, sonst jedenfalls in den nächsten Tagen."
Aber die Habsucht war in ihm rege geworden, und als er dann das Schloß vor sich liegen sah, als er sich erinnerte, daß man ihm erzählt halte, wie unbeschreiblich reich dieser Tumau war, da wurde er wieder schwankend in feinen Plänen.
So betrat er die große Halle und kam, da kein Diener darin weilte, ungesehen die Treppe
empor.
Er hatte diesen Eingang gewählt, trotzdem er im Rebenflügel wohnte, weil er zu erfahren wünschte, ob der Hausherr schon zurückgekehrt war oder ob er bald zurückkehren würde.
Da er keinen Diener traf, konnte er niemanden fragen. ilnb etwas mißmutig schr tt er den gleichen Gang dahin, den Käthe benutzt hatte, erreichte sein Zimmer und wollte die Tür offnen.
Da stutzte er.
Die Tür war nur angelehnt, und ihm war, als befände sich jemand in dem Raume.
Es konnte eine Dienerin sein, die irgendetwas dort besorgte. Iedensalls wollt: er sich Gewißheit verschaffen, beugte sich etwas niecer und spähte durch das Schlüfselloch in das Zimmer.
Fast wollte er nicht glauben, was er sah. Dann lächelte er höhnisch.
„Sie hat den Brief der Kletten g:Iefcn!"
Dieser GedaNke gab seinen Entschlüssen eine neue Richtung. Rnh einmal spähte er hinein in das Zimmer. Er saß Käthe in ihrer blonden Schönheit, sah sie erschrecken.
In diesem Augenblick öffnete er die Tur ganz, trat ein und rief:
„Käthe!" , „
Er sah das Entsetzen in ihren Augen, als sie sich ihm zuwandte: er sah. wie blaß sie war, wie ihre Lippen zittert.n: aber trotzdem fühlte er kein Mitleid mit ihr. Er sah nur baS schöne Weib.
Hastig näherte er sich ihr, beide Arme vor- streckend. Der höhnische Zug war von seinem Gesicht verschwunden, seine Augen funkelten, sein Herz schlug stürmisch.
„Käthe!" rief er noch einmal, und dann setzte et leise hinzu: „Käthe, du bist schon jetzt gekommen!"
Sie erwiderte nichts. Sie sah ihn nur hilflos an, mit einem Blick, der verriet, was sie in dieser Sekunde erduldete. .
Aber ehe er sie noch erreichte, wich sie hinter den Stuhl am Schreibtisch zurück
Sie wollte etwas sagen: aber ihre zuckenden Lippen versagten den Dienst.
Da lächelte Berndt Klausen wieder hohnvoll.
„Solche Angst hast du vor mir — vor dem Manne, dem du einst aus Liebe gefolgt bist?" rief er.
Sie antwortete auch jetzt nicht. Ihre Blicke Irrten umher, und er merkte, dah sie suchte, wie sie an ihm vorbei aus dem Raume entfliehen könnte.
Das durfte natürlich nicht sein. Er durfte das Wild, das ihm freiwillig ins ©am gegangen war, nicht wieder entschlüpfen lassen, und so sagte er rauh:
„Schmeichelhaft ist deine Furcht für mich nicht, Käthe! Du solltest sie nicht so offen zeigen, sondern bedenken, daß ich immer noch die Trümpfe in meiner Hand habe und sie ausspielen werde, wenn du dich widerspenstig zeigst."
„Ich hoffe nicht mehr auf Gnade von dir, seit ich weih, daß du dich mit Isolde von Kletten verbündet hast!" murmelte sie.
„Aha! Du hast hier spioniert? Du hast den Brief in der Schreibmappe gesunden und gelesen? Rett von dir! Aber mir kann es nur recht sein, und ich habe nicht den geringsten Grund, zu verhehlen, dah ich..."
„Du warst eben mit ihr zusammen?' fragte Käthe, angstvoll die Hände über die Brust faltend.
„Ja, ich hatte mit ihr eine Unterredung.
„ilnb du hast ihr alles verraten?"
Da lachte Bemdt Klausen, ehe er entgegnete: „Diese Frage finde ich sonderbar, nachdem du bodj aus ihrem Briefe erfahren hast, bah ich ihr nichts mehr zu verraten brauche, ba sie bereits alles weih."
„Dieses Weib! O Gott, warum haßt Isolbe mich so?" stöhnte Käthe verzweifelt auf.
„Diese Frage kannst du bir ebenfalls selbst beantworten", ertoibcit: Bembt Klausen. „Ein eifersüchtiges Weib ist schlimmer aB ein wilbes Tier, ist jebcr Tat fähig. Das hättest bu bir sagen sollen. — Aber", fuhr er fort unb setzte sich nachlässig in einen ber umher st eßenden Stühle, „warum vertrödeln wir die kostbare Zeit! Dein Mann — wie du ihn nennst — kann vielleicht heute noch zurückkehren, ehe wir unser Geschäft geordnet haben."
„Er ist schon zurückgekehrt!" unterbrach sie ihn.
Bemdt Klausen fuhr erschrocken auf. Das hatte er nicht erwartet, und blitzschnell sagte er sich, daß er nun auf alle Fälle Isolde von Kletten zuvorkommen, dah er sie hindern mußte, mit Felix Tumau zusammenzutreffen.
„Er ist schon zurück? Weil er irgendeinen Verdacht geschöpft hat?" fragte er hastig.
„Er hegt keinen Verdacht gegen mich", entgegnete Käthe, und ihre bisher so blassen Wangen glühten, als sie an das Wiedersehen mit Felix in ihrem Zimmer dachte.
(Fortsetzung folgt.)


