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Rr. 256 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Dienstag, 8. Oktober 1929
Das deutsch-österreichische Bündnis von 1879.
3ur 50.Wiederkehr des H^geel des Vertragsschlusses.
Von L. Raschdau, Gesandten a. D.
Der Verfasser dieses Aufsatzes ist der letzte lebende Mitarbeiter B i s- marcks; er hat u. a. handelnd einge- grisfen, als die Frage der Erneuerung oder Vichterneuerung des Rückversiche- rungsvertrages mit Ruhland akut war.
2lm 7. Oktober jährte sich zum fünfzigstenmal der Tag, an dem jener wichtige Vertrag zwischrn dem Deutschen Reich und Oesterreich-Ungarn abgeschlossen wurde, mit dem die deutsche Politik eine bedeutsame Wendung erfuhr. Vergegenwärtigen wir uns, welche Vorgänge dieses damals in der ganzen Welt aufsehenerregende Ereignis herbeigesührt haben.
Die inneren Zustände Ruhlands hatten sich mit dem russisch-türkischen Kriege bedenklich verschlimmert. Der nicht immer günstige Verlauf des Krieges gegen ein so viel schwächeres Volk wie die Türken hatte die Gebrechlichkeit des Zarenreiches aufgedeckt. Der Berliner Kongreß schränkte dann die im Frieden von San Stefano erreichten Erfolge beträchtlich ein. Die Unzufriedenheit des Volkes entlud sich in gewaltsamen Attentaten. Statt die Schuld an dem politischen Mißerfolge der ungenügenden Vertretung Ruhlands im Kongresse beizumessen, beschuldigte die russische öffentliche Meinung Deutschland, und insbesondere den Fürsten Bismarck persönlich, das Zarenreich bei den Verhandlungen im Stich gelassen zu haben, obwohl der Kanzler nachweisen konnte, daß er in allen russischen Intereßenfragen die Sache des Zarenreiches unterstützt habe. 3n Rußland sprachen die Blätter geradezu von einem Verrat des deutschen Kanzlers. Der Panslawismus erging sich, ohne von der Regierung eine Hemmung zu erfahren, in den schlimmsten Hetzereien gegen Deutschland, und man scheute sich nicht, den Rachbar mit Krieg zu bedrohen.
Dieser Zustand fand nach längerer Duldung schließlich in der deutschen Presse einen Widerhall, unter dem das bis dahin erträgliche Verhältnis der beiden Rachbarvölker völlig gestört wurde. Schon vorher muhte Fürst Bismarck aus amtlichen Aeußerungen der russischen Regierung entnehmen, daß selbst in der bis dahin deutschfreundlichen Spitze des Reichs, in dem Zaren, sich eine Wandlung vorbereite. Kaiser Alexa n- der hatte in einem eigenhändigen Briefe an Kaiser Wilhelm Drohungen gebraucht, die er später zwar selbst als eine „Eselei" bezeichnete, die aber in dem Verhalten der öffentlichen Meinung eine bedenkliche Bestätigung fanden. Trotzdem suchte der deutsche Kaiser das früher vertraute Verhältnis mit dem Zaren wiederherzustellen. Er entsandte nicht nur den Feldmarschall von Manteuffel nach Warschau zur Begrüßung des Zaren, sondern traf ihn bald darauf selbst auf russischem Boden. Gegen beide Veranstaltungen erhob Fürst Bismarck ernsten Einwand, lind nun geschah es, dah Fürst Gortschakow sich gegenüber einer französischen Zeitung zu Aeußerungen verleiten lieh, die allgemein als eine plötzliche Annäherung an Frankreich gedeutet wurden.
Das früher so enge Verhältnis zwischen Bismarck und Gortschakow, von dem uns die amtlichen Berichte des einstigen preußischen Gesandten aus Petersburg Kunde geben, hatte bereits seit 1875, als der russische Staatsmann als Beschützer Frankreichs auftrat, eine unerfreuliche Störung erfahren. Jetzt veranlaßte dessen Verhalten und die Sprache der russischen Presse den deutschen Kanzler zu einer Umstellung seiner Politik. Der sich vorbereitenden Verbindung Rußlands mit der französischen Revanchepolitik suchte er mit der Verstärkung der deutschen Macht durch den B u nd mitOester- reich-Ungarn entgegenzuwirken. Er begegnete sich mit dem Leiter der österreichischen Außenpolitik, dem Graben Andrassy, in Gastein und Wien, und hier wurde jener Vertrag abgeschlossen, den man gewöhnlich, wenn auch
Drei Märchen für Frauen.
Von Polly Tieck.
Drei Märchen sind es vor allem, die zu vergessen ich nicht imstande bin, aber nicht nur mir geht es mit diesen Märchen so. Es scheint vielmehr, daß es sich um drei Märchen handelt, die ganz besonders für Frauen gemacht wurden. Sicher läßt sich diese Zahl erweitern, denn da Märchen für das kindliche Herz erdacht sind, und da jede Frau etwas davon behält, werden Frauen stets an Märchen hängen wie an Schmuck, Pelzen, Blumen. Ueber die drei Themen jedoch, die mit solcher Hartnäckigkeit wiederkehren, habe ich mit Elli, Charlotte und Evelyn gesprochen, und sie bestätigten mir, was ich schon wußte.
Elli liebt am meisten das Märchen von der Gänsemagd. Sicher werden Sie sich an diese tiefe und süße Geschichte erinnern, wenn ich Ihnen r.u: andcutc, dah die Königstochter mit der Magd zusammen* ins ferne Land geschickt wird, um den Königssohn zu besuchen, der sie heiraten soll. Unterwegs jedoch überwältigt die Kammerfrau die Prinzessin, nimmt ihr die schönen Kleider und das herrliche Pserd, Fallada genannt, fort und läßt die Prinzessin in den Kleidern der Magd und aus dem alten Klepper in den Hof cs fremden Königs einziehcn. Man erinnert ich ■ u.x. wie die Prinzessin als Magd behandelt wird, wie die M.igd beim Königssohne sitzt und
c Königsto .er Gänse hüten muß.
Warum die K nigstochler den Schwindel nicht u deckt? Run, sehr einfach! Ein heiliger Eid .neet ihre Zunge. Warum niemand ihre Schönest als die wahrhaft prinzliche, die Kammerfrau .3 die wahrhaft Gemeine erkennt? Warum? — Die Königstochter fragt es sich unausgesetzt und mit ihr sracit es Elli. Elli fährt in Untergrund- oahncn statt i-i Autos, ihr Körper sitzt zwischen 2ärm, Zigarren, Adsch u chleiten. Tausend Ellis ätzen an Schreibmaschinen, an Telephonen, vor Büchern, tru'end Ellis zittern in den Zimmern der Chefs.
In allen Ellis ist der Gedanke an die Gäuse- magd. Der Cid, der sie hindert, au,zusprechen, daß sie Prinzessinnen sind, ist die Angst, sich
Oer Sternhimmel im Oktober.
Sonnenaufgang von 6 bis 6,55 Uhr. Sonnenuntergang von 17,35 bis 16,30 llfjr.
Lichtgestalten des Mondes: 1. Viertel am 10. um 19 Uhr, Vollmond am 18. um 13 Ahr, 3. Viertel am 25. um 9 Uhr.
mfk. Arn Sternhimmel wird es nun allmählich winterlich. Der Hauptsommerstern Arctur ist nur noch in den frühen Abendstunden tief im Westen bemerkbar; besser steht es mit der Wega, die vorläufig noch ziemlich hoch am Himmel steht.
18 Uhr sichtbar. Er steht, und Atoar während des ganzen Monats, wenig verändert, etwa in der Mitte der Verbindungslinie, die man sich vom Aldebaran nach dem sogenannten oberen Horn des Stiers gezogen denken kann. Ihm gegenüber treten alle anderen Wandelsterne bedeutend zurücke so vor allem der nur kurze Zeit im Westen sichtbare Saturn, der noch immer in der Rähe der tiefsten Stelle des Tierkreises steht. Recht dankbar hingegen ist ein Blick auf
d J. Vierte/
STEfWB/LDER: GROSZE BUCH-/\ STABEN X/
S/trn e: Meine ßuc/i- \ jfaben
ySj Merkur Q Venus ^Mars (^Jupiter ^Saturn
K I > , *2)
Der die 24 Stundenzahlen von Mitter- nacht hi» "Mitternacht eine» Tage» ent- haltende Kreit und di» dich punltiert» Linie, der »»genannte Horizont, rind feit-' stehend zu denken. Der Sternhimmel dreht lieh samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zeiger der Himmelsuhr — m 23 Stunden und 56 Minuten im Sinn» des gebogenen Pfeill einmal um »einen Mittel funkt. Der erngeztiehntte Horizont umrahmt di» zu der Stunde, auf di» der gerade Pfeil zeigt, um di» Monatsmitt» sichtbar en Stern». Unsere Kart» zeigt also den Zustand um Mitternacht der Monatsmitte Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denk» man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil io gedreht, daß dieser auf di» Beobachtung! stund» zeigt; dadurch werden die zu 'dieser Zeit sichtbaren Stern» in den nicht mitzudrehenden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tag» vor der Monatsmitte ist der gerade Pfeil */3 Stunde früher, für je 5 Tagt nach der Monatsmitte t/3 Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er di» angedeutete Licht - gestalt zeigt
Prächtig sicht auch das große Himmelsquadrat auS, das teils der Andromeda, teils dem Pegasus angehört und dessen rechte Seite, nach Süden verlängert, auf den Fomalhaut führt, den südlichsten der bei uns sichtbaren helleren Sterne. Links von ihm erblicken wir den Deneb Kaitos, den Schwanz des Walfischs. Der Rame Deneb, das heißt Schwanz, kommt bei mehreren Sternen vor, vor allem beim Deneb im Schwan und dem zur Zeit nicht sichtbaren Denebola im Löwen. Das Auftauchen des Orion, der gegen Schluß des Monats etwa um VzlO Ähr voll sichtbar ist, wird jeder Sternfreund mit Freude begrüßen.
Don den Wandelsternen wird nun der Jupiter immer wichtiger. Zu Beginn des Monats wird er bald nach 20 Ähr, gegen Ende bald nach
den Morgenhimmel, der ja im Oktober bereits ohne gar zu grausame Opfer möglich geworden ist. Wir erblicken dort die Venus als strahlenden Morgenstern mit allerdings abnehmender Sichtbarkeit. Sie bewegt sich vom Löwen zur Jungfrau. Auch der Merkur ist am Morgenhimmel zu erblicken, am günstigsten etwa am 23., wo er seinen größten Abstand von der Sonne hat; da er außerdem noch in günstigeren Gegenden des Tierkreises und auch etwas oberhalb der Tierkreislinie steht, so hat er selber alles, was in seinen Kräften steht, getan, um sich uns sichtbar zu machen. Ob die Beobachtung gelingt, wird nicht von ihm, sondern von den Witterungsund Horizontderhältnissen abhängen.
Küstermann.
nicht ganz zutreffend, als einen Bündnisvertrag der beiden Mächte bezeichnet hat. Fürst Bismarck such te damals sogar eine verfassungsmäßige Bindung des Vertrages zu erreichen, fand aber darin nicht die Zustimmung seines österreichischungarischen Kollegen.
Dieser Abmachung stimmte Kaiser Franz Joseph sofort zu, nicht aber Kaiser Wilhelm, der lebhafte Einwendungen gegen diese, nach seiner Auffassung feindlichen Frontstellung zu Rußland erhob. Wenn dabei auch die persönlichen Beziehungen der Höfe von Petersburg und Berlin eine wesentliche Rolle spielten, so bezeugen doch die nunmehr veröffentlichten Akten des deutschen Auswärtigen Amts, daß der Kaiser sich der Bedeutung des Schritts in vollem Maße bewußt war. Cs bedurfte der diesmal sehr ernsten Drohung des Kanzlers mit seinem Abschied, um ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Rach langwierigen Verhandlungen zwischen Kaiser und Kanzler kam es zu dem Abschluß des Vertrages, der erst durch den Weltkrieg seine Lösung erfahren hat.
Bei einer rückschauenden Betrachtung, auf dem Boden der durch die neueren Vorgänge geschaffenen Lage, findet jener Akt unseres großen Staatsmannes natürlich nicht mehr dieselbe einmütige Beurteilung wie zur Zeit seines Abschlusses. Kaum je in seiner diplomatischen Tätig
keit hat Fürst Bismarck so ungemessenen Beifall bei seinem Volke gefunden, wie in jenen Tagen und nicht bloß in Deutschland. Von' den Deutschen Oesterreichs wurde er nicht minder begrüßt. In dem damals uns befreundeten England konnte Lord Salisbury unter dem lauten Zuruf des Parlaments die biblischen Worte sprechen: große Freude ist widerfahren! Man hielt in England nunmehr den Schutz gegen ein feindliches Rußland von dem deutschen Volke gewährleistet. Aber man hat sich damals und auch später nicht volle Rechenschaft darüber gegeben, daß Oester- reich-Ängarn doch ein Staat war, dessen Bevölkerung zum größeren Teil dem Slawentum angehörte und dem Deutschtum im Grunde feindlich gesinnt war. Ja, gerade damals war der Widerstand der Tschechen gegen die Wiener Politik besonders heftig. Änd die Taaffe- sche Dermittlungspolitik wurde auch von den Deutschen scharf bekämpft. Die große innere Schwäche der Donaumonarchie war dem aufmerksamen Beobachter schon damals nicht unbekannt. Aber in der Hauptsache wurde in dem Wiener Kabinett die auswärtige Politik von Madjaren geleitet und beeinflußt, die einem Bündnis mit Deutschland, schon aus Haß gegen Rußland, durchaus geneigt waren. Änd so hat in der Tat, trotz mannigfacher Gegenbestrebungen, die österreichisch-ungarische Politik sich lange in den Bah
nen bewegt, die sich der Begründer des Bündnisses vorgestellt hatte. In der auswärtigen Politik ist cs nicht immer die Wirklichkeit, die den entscheidenden Einfluß übt, der Schein, bet das Donaureich immerhin noch als einen mächtigen Faktor im Dölkcrleben zeigte, tat die erwartete Wirkung. So ist es in der Tat zutreffend, daß dieser Bund durch sein bloßes Dasein lange Jahre eine Bürgschaft für einen erträglichen Frieden gewesen ist. Dazu kam noch, daß das schwer bedrohte Deutschtum Oesterreichs in dem engen Anschluß des Landes an den Stam- mesgenossen eine Hoffnung erblicken durfte, die ihm in seinem Kampf gegen die andringenden Rachbarn die erforderliche Kraft verlieh.
provinzialverband Oberhessen der Deutschen Volkspartei.
Der ProvinzialverbandOberhcsscn der Deutschen Volkspartei tagte am Sonntag im Hotel „Hindenburg" zu Gießen, um zu den im Herbst stattfindenden Kommunalwahlen Stellung zu nehmen. Der sehr gute Besuch der Tagung aus allen Teilen der Provinz war ein deutlicher Beweis für die Bedeutung, die man in allen Kreisen der Bevölkerung diesen Wahlen beimißt. Der zweite Vorsitzende deS Provinzialverbandes, Landtagsabgeordneter Dr. Riepoth, Schlitz, gedachte eingangs der Tagung in zu Herzen gehenden Worten des schweren Verlustes, den nicht allein die Deutsche Volkspartei, sondern vielmehr daS ganze deutsche Volk durch den Tod des Parteiführers S t r e s e- m a n n erlitten hat. Er gedachte auch in tiefer Dankbarkeit deS verstorbenen ersten Vorsitzenden deS ProvinzialverbandeS, Prof. Dr. Kraus- müller. Die Gedenkworte wurden von der Versammlung stehend angehört. Bei der anschließenden Vorstandswahl wurde Bürgermeister Dr. Riepoth, M. d. L., Schlitz, zum ersten und Kaufmann A. Stein, Hirzenhain, zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Äebergehend zum Tagungsthema gab Dr. R i e p o t h, M. d. L., einen kurzen Äeberblick über die politische und wirtschaftliche Bedeutung der Kreis- und Pro- vinzialtagSwahl. Rach einer sehr interessanten und ergiebigen Aussprache wurde der Beschluß gefaßt, bei der Wahl zum Provinzialtag mit selbständigen Listen vor^ugehen. Bei der Aufstellung der Listen sei es möglich gewesen, allen Ständen und Berufen eine ausreichende Vertretung zu sichern. Mit besonderer Freude konnte festgestellt werden, dah Handel, Handwerk und Gewerbe sich rege an der Listenaufstellung beteiligten und dah ihren berechtigten Wünschen vollauf Rechnung getragen werden konnte. Gerade auS diesen Kreisen wurde auch der Erwartung Ausdruck gegeben, dah die Aufstellung eigener Listen für Handwerk, Handel und Gewerbe sich erübrige und eine Zersplitterung des Bürgertums vermieden werde.
Oberheffen.
Landkreis Giessen.
00 Klein-Linden, 7. Okt. In dem von den Konfirmanden mit Feldfrüchten aller Art reich geschmückten Gotteshause feierte gestern die evangelische Kirchengemeinde ihr diesjähriges Erntedankfest. Der Ortsgeistliche legte seiner Festpre- digt den Text aus Psalm 34: „Ich will den Herrn loben allezeit..." zu Grunde. Der Posaunenchor eröffnete die Feier mit dem Vortrag des 147. Psal- mes und begleitete die Gemeindegesänge. — Am Sonntagnachmittag begingen die Kinder des Kindergottesdienstes unter Beteiligung der Gemeinde ihr Jahresfest. Unter Voranmarsch des Posaunenchores bewegte sich ein langer Zug von Kindern, geleitet von ihren Führerinnen, zu den Wiesen gegenüber dem Lindener Eck. Nach dem Gottesdienst erfreute sich die Jugend bei Spiel und Gesang. Gegen abend zog der Zug unter den Klängen des Posaunenchores zurück zum Dorf.
* Lang-Göns, 8. Okt. Der Bahnwärter i. R. Wilhelm Merz in Lang-Göns wurde heute 80 Jahre alt. Der Vorstand des Betriebsamts Gießen I hat ihm an feinem Geburtstag die Glückwünsche des Generaldirektors der Deutschen Reichsbahngesellschaft überbracht und ihm im Auftrage des
lächerlich zu machen. Sie wissen, dah feit je die die Welt erobern, die stark genug sind, die Kleider und die Pferde zu vertauschen, und die denken, wenn sie die blanken Kabrioletts mit den verkleideten Kammerfreum vorbeirasen sehen, das Wort der Gänsemagd: „O Fallada, der du hangest! O Jungfer Königin, die du gangeft! Wenn daS deine Mutter wüßte, das Herz im Leibe tat ihr zerspringen!"
Die Gänsemagd im Märchen findet einen Ausweg, um zu sprechen, ohne den Eid zu verletzen: Sie kriecht in öaS Ofenrohr und klagt dem ihr Leid. So erfährt der alte König, mit wem er es zu tun hat. Die Kammerfrau wird schmählich zu Tode gemartert, während die Prinzessin in die Arme deS Prinzen sinkt. — DaS alles kann Elli wenig nützen. Denn waS tut sie mit einem Prinzen, dem man es erst sagen mußte und an dem vorbei sie manchen Morgen unbeachtet hinausschlich, die Gänse zu hüten.
Charlotte hat eS mit dem Märchen vom König Drosselbart. Charlotte ist eine vielbeneidete Frau. Sie hat einen Hutsalon in einer großen Stadt, glauben wir ihr immerhin, daß es Paris ist. Charlotte lebt das Leben einer ju.igcn, unabhängigen Frau, die ein gutes Einkommen hat, über baS sie niemandem Rechenschaft schuldig ist. Charlotte hat sogar einen Wagen, Charlotte ist keine Gänsemagd. Trotzdem sehe ich sie ost müde und am Rande einer nicht eben alltäglichen Erschöpfung auf einem Sessel sitzen und vor sich hin sagen: „Oh, ich arme Jungfer zart! Hütt' ich genommen den König Drosselbart!"
So bringt sie mir das Märchen von der stolzen Prinzessin recht in Erinnerung, die alle Freier abwieS, einen aber besonders verhöhnte, weil er ein Kinn hatte wie der Schnabel einer Drossel. Der Vater gibt sie dem ersten besten Bettler auf der Straße, und der zieht mit ihr durchs Land. Wohin sie auch kommt, — diese Schlösser, dieses Land, diese Wälder, diese Seen, alles gehört dem König Dro selbart. Im Märchen natürlich gibt's happy end. Der Bettler selbst ist zum Schluß König Drosselbart und nimmt die Zerknirschte und Gedemütigte gütig in feine begüterten Arme.
Charlotte, so glaubt sie sicher, und ich glaube es mit ihr, wird solch ein Jiappy end nicht beschieden
sein. Sie braucht Kredite, sie braucht Empfehlungen, sie hat Sorgen, Schulden, Verpflichtungen — alle Möglichkeiten, ihr zu helfen, liegen in den Händen vom König Drosselbart. Vielleicht ist er Bankier, vielleicht Industrieller, vielleicht Geheimrat, — alles mögliche kann er fein. Immer aber ist er der König Drosselbart, der, den Charlotte einstmals verschmähte und vor dessen kühlem und unbestechlich neutral gewordenem Blick sie jetzt als Bittende zu sitzen hat. Was Wunder, daß Charlotte, mit einem neuen, schwer erkauften Erfolg aus dem Zimmer des Gewaltigen tretend, aufseufzt: „Hält' ich genommen den König Drosselbart!"
Was Evelyn angeht, so ist sie die mutigste von den dreien. Ihr Lieblingsmärchen ist: Der Froschkönig. Es ist daS Märchen von der Prinzessin, die im Garten mit einer goldenen Kugel spielt und sie in den Brunnen fallen läßt. Eine häßliche Kröte schlägt vor, ihr die Kugel wieder zu beschaffen, wenn sie sie auf ihrem Stühlchen sitzen, von ihrem Tellerchen essen, in ihrem Dettchen schlafen läßt. Die Prinzessin verspricht und erfüllt, so gut sie kann. Plötzlich jedoch übermannt sie der Zorn, sie wirft die abscheuliche Kröte gegen die Wand, und ein wundervoller Prinz fällt ihr statt dessen in die Arme. Evelyn, energisch und besessen von sich selber, zieht aus diesem Märchen die Konsequenzen. Keine bekommt die Königssöhne fertig präsentiert, so meint sie, man muß sie sich selber schassen. Cs kann am Anfang eine unscheinbare Kröte sein, — wer es aber versteht, zu zerstören, um aufzubauen, zu vernichten, um zu besitzen, bekommt den Prinzen an Stelle der Kröte.
Wenn man Evelyn entgcgenfjalt, daß ihre Kur nicht gerade eine sanfte sei, meint sie, daß sich der Verwandlungspr^ch von der Kröte zum Prinzen sanfter eben nicht vollziehen lasse. Rur wer bereit sei, zu sterben und zu toten, sei fähig, aufzubauen und zu lieben — sagt Evelyn —, und es ist schwer, ihr zu widersprechen. Jedenfalls meint sie, daß man es feiner Kröte ansehen könne, ob sie nicht am Ende ein verwunschener Prinz sei, und daß man nur den Mut haben müsse, es zu wagen, — und ein wenig Glück, meint Evelyn, — natürlich, das gehöre dazu.
Die Gänsemagd, die eigentlich eine Prinzessin ist, die Prinzessin, die sich vor dem einstmals Verschmähten demütigen muh, die Königstochter, die den verwunschenen Prinzen durch eigene Kraft erlöst, — drei ewige Situationen für Elli. Charlotte, Evelyn — — und die übrigen.
Ein sonderbarer Detektiv.
Der Richter von Shaw in Rordostburmah ist Detektiv geworden. Rur mit einem Apparat bewaffnet, wie ihn die Aerzte zur Untersuchung der Herztöne verwenden, gelang es ihm, die Banditen zu überführen, die einen Seidentransport aufgehalten und geplündert hatten. Als der Richter die Nachricht von dem Ueberfall erhielt, ließ er alle schlecht beleumdete Elemente der Gegend antreten und untersuchte sie mit dem Hörapparat. Diejenigen, deren Herzen lauter schlugen, als dies bei Leuten mit gutem Gewissen der Fall ist, ließ er festnehmen. Unter ihnen befanden sich tatsächlich die Verbrecher, die ihre Schuld eingestanden. Seide und Geld wurden in ihren Schlupfwinkeln wiedergefunden.
Hochschulnachrichten.
Am Institut für Grenz- und AuSlandsdeutsch- tum an der Äniversität Marburg ist mit der Vertretung des planmäßigen Assistenten int Wintersemester 1929/30 ter Pfarrer, Privatdozent für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Jassy (Rumänien), Dr. Karl Kurt Klein beauftragt worden. Dr. Klein wird zugleich im Rahmen einer Sammelvorstellung über daS Deutschtum im Ausland eine Vorlesung über „Äniversität und Auslanddeutsch tum" halten, ferner einen rumänischen Elementar- und Oberkurs veranstalten. — Amtlich wird die Ernennung des o. Professors Dr .Werner Gerlach von der Universität Halle zum ordentlichen Professor der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie an der Universität Basel als Rachfolger von R. Rößle bestätigt.
Der in der medizinischen Fakultät der Uni* versität Berlin neuerrichtete Lehrstuhl, für Geschichte der Medizin ist dem Professor Dr. med. et schil. Paul Diepgen in Freiburg L B. angeboten worden.


