ti g auch die höheren und leitenden Angestellten bis zur Gehaltsgrenze von 8400 Ma r k in die Versicherung einbezogen werden. Als wichtigste Teilbeschlüsse für die finanzielle Seite der Reform bezeichnete er die Festsetzung der Anwartschaftszeit auf 5 2 Wochen beim erstmaligen Bezüge der Unterstützung, was eine jährliche Ersparnis von 16 Millionen bedeute. Ferner werden eingespart durch die neuen Bestimmungen über die Wartezeit zwei Millionen Mark, durch Begrenzung der Unterstützungssätze bei berufsüblicher Arbeitslosigkeit auf die Sätze der Krifen- fürsorge 21 Millionen Mark, durch die Anrechnung von Renten, Gehältern und Wartegeldern 8 Millionen Mark, durch die Herabsetzung der Beiträge zur Krankenversicherung 30 Millionen Mark. Aus der Verlängerung der Beitragspflicht bei Lehrverhältnissen ergebe sich eine Mehreinnahme von einer Million Mark und durch B e - seitigung der Mißstände würden schließlich Einsparungen von 20 Millionen Mark erzielt werden. Die Summe der Einsparungen belaufe sich also auf 90 bis 100 Millionen Mark. Der jährliche Fehlbetrag beziffere sich demnach i m m er noch auf 180 Millionen Mark. Eine Klärung dieser Frage sei schon im Interesse der Reichsfinanzen dringlich.
$ür Rückgabe Kameruns und Togos. Ein Vorschlag Lord Rothermeres.
London, 7. Oft. (WB.) Der englische Zeitungskönig Lord Rothermere schreibt in einem in der „Daily Mail" erscheinenden Artikel über seine Eindrücke auf einer Reise durch Deutschland unter der Aeberschrift „Wird die Republik Bestand haben?": „Ich bin überzeugt, daß die Hohenzollem den Thron Deutschlands endgültig verloren haben. Die deutsche Republik hat seit ihrem Bestehen ihre Autorität aufrecht erhalten und in zäher Beharrlichkeit viele Zugeständnisse von den vormaligen Feinden Deutschlands erzielt." Rothermere tritt dafür ein, daß andere Rationen der deutschen republikanischen Regierung helfen, ihre Autorität weiter zu stärken, denn sie habe greifbare Pfänder ihrer guten Absichten gegeben. Er rät der britischen Regierung, als praktischen und sofortigen Schritt zu diesem Zweck die Rückerstattung des vormaligen Deutsch-Kamerun und des bri- tischen Anteils an Togo, die beide eine Belastung des britischen Schatzamts darstellen, an Deutschland „als Akt internationalen guten Willens" ernstlich zu erwägen. Wir haben es jetzt, sagt Rothermere weiter, mit einem neuen Deutschland zu tun. Jede Maßnahme, die zu einem besseren Verhältnis zwischen unseren beiden Rationen beiträgt, hat wirklichen Wert. Die deutsche Flagge wieder über zwei der vormaligen afrikanischen Besitzungen Deutschlands wehen zu lassen, deren europäische Bevölkerung nur 300 Köpfe zählt, einschließlich der 180 Deutschen, die dort verblieben sind, würde für uns nur ein kleines Opfer bedeuten, würde jedoch das Prestige der republikanischen Regie- rung in Deutschland sehr vermehren. Rot^rmere empfiehlt daher der britischen Arbeiterregierung, dem Völkerbund den Wunsch mitzuteilen, den britischen Anteil an Togo und das vormalige Deutsch-Kamerun Deutschland zurückzuerstatten.
Kommunistenkrawall im Lübecker Parlament.
Lübeck, 8. Oft. (Priv.-Tel.) In der gestrigen Abendsihung der Lübecker Bürgerschaft kam es zwischen den kommunistischen Abgeordneten und dem Präsidenten zu schweren Zusammenstößen. Als der Präsident eine Eingabe der Kommunisten zwecks Aufhebung des Verbots des Rotfrontkämpferbundes der Bürgerschaft zur Kenntnis gab, verlangten die Kommunisten die Abgabe einer Erklärung. Das wurde ihnen verweigert. Darauf machten sie
Goethe-Bund.
Vortragsabend Arnold Zweig.
Der erste Abend im neuen Programm des Gießener Goeche-Dundes führte den Dichter Arnold Zweig an den Vortragstisch in der stark besetzten Reuen Aula. Zweig las zuerst zwei Kapitel aus dem nächst den „Rovellen um Claudia''' bekanntesten seiner Bücher, dem „Streit um den Sergeanten Grischa". Dieser Roman hat in Deutschland die noch immer nicht ganz abgeflaute Welle von Kriegsbüchern eingeleitet, obwohl er insofern eine gewisse Sonderstellung in dieser neuen Gattung einnimmt, als er nicht den Krieg als Totalität oder als Kolleftivereignis aufsaßt, sondern als Rahmen und Hintergrund für ein menschliches Einzelschicksal.
Rach einer kurzen Einleitung, die die thematischen Zusammenhänge und Voraussetzungen des Buches andeutete, vernahm man zunächst das Kapitel. „Dabka rüstet" — zur Befreiung nämlich eben des zum Tode verurteilten russischen Kriegs- gefangenen Grischa, um dessen Schicksal zwei widerstrebende Dienststellen sich streiten: ein Kapitel, in fliehendem Romanstil geschrieben, spannend durch die Zuspitzung der äußeren Ereignisse auf eine gewaltsame Entscheidung hin, psychologisch fesselnd durch die Schilderung der Traumvision eines dem Abschied von der Welt entgegenschlummernden, die letzten Lebensstunden verschlafenden Soldaten. Die gleiche Spannung, obwohl mehr nach innen und ins Menschlich sich lösend und nachlassend zugleich mit dem immer unvermeidlicher sich nähernden Ende, beherrscht das andere Kapitel, „Ein letzter Wille", worin beschrieben wird, wie der Verurteilte seine geringe Habe, das dürftige kleine Gepäck eines Soldaten im Kriege, an die Zurückbleibenden verteilt, die ihm nahestehen oder auf irgendeine Art im Leben verbunden waren.
Rach der Pause las Arnold Zweig einige Abschnitte aus der Rovelle „Pont und Anna": er erläuterte zunächst die Entstehungsgeschichte und die inneren Beziehungen dieser Erzählung zum „Sergeanten Grischa", der später geschrieben wurde. Cs handelt sich hier um die Geschichte eines Rachkriegsmenschen, die, wie der Autor betonte, in gewissem Sinne als typisch w werten ist, die Geschichte eines Menschen, dessen Wirklichkeitssinn und Erinnerungsvermögen gestört sind. Der Baumeister Laurenz Pont liebt die Tänzerin Anna Mar6chal: während er, fern von ihr, irgendwo unten an einem der südlichen
großen Lärm. Ein Kommunist wurde dreimal zur Ordnung gerufen und schließlich hob der Wortführer die Sitzung auf. Die Kommunisten ließen sich aber dadurch nicht stören und verlasen die Erklärung. Darauf wurde das Licht im Sitzungssaal ausgedreht. Die Kommunisten brannten nun ein Streichholz nach dem andern ab und setzten bei dieser Beleuchtung die Verlesung fort. Schließlich stimmten die kommunistischen Abgeordneten in völlig
dunklem Saal die Internationale an: auf der Tribüne wurde Beifall geklatscht. Rach Wiedereröff. ung der Sitzung lieh der Präsident die Tribünen räumen und verwies einen kommunistischen Abgeordneten aus dem Saal. Dieser leistete jedoch der Ausforderung des Präsidenten keine Folge, woraus diePolizei herbeigerufen wurde. Der Aufforderung der Beamten, den Saal zu verlassen, leistete der Ausgewiesene keinen Widerstand.
Die Koblenzer Tagung des Evangelischen Bundes.
Koblenz, 7. Oft. (LU.) Rach dem feierlichen Festgottesdienst aus Anlaß der Tagung des Evangelischen Bundes am Sonntagvormittag sand nachmittags in der Rheinhalle und der Stadthalle die große öffentliche Festversammlung statt. Außer dieser Veranstaltung wurde infolge des ftarfcn Andranges in der Christus- Kirche gleichzeitig noch eine weitere Versammlung abgehalten. Die große Rheinhalle war zu Beginn der Veranstaltung bis auf den letzten Platz gefüllt, zumal noch viele Tausende von evangelischen Glaubensgenossen aus der Umgebung herbeigeströmt waren. Rach den Begrüßungsworten des Dundesdirektors Dr. Fahrenhorst (Berlin) sprach zunächst Oberkonsisto- rialrat Dick (Berlin) über „Die Bedeutung des Protestantismus im Rheinland". Er führte u. a. aus, daß man den Protestantismus im Rheinland unter eine falsche Blickrichtung nehme, wenn man ihn ansähe als ein fremdes Gewächs, mühsam nur eingewurzelt auf dem andersartigen rheinischen Boden. Das evangelische Wesen im Rheinland sei in bereitetet Boden frei emporgewachsen aus Samenkörnern, die damals hinstäubten über das ganze deutsche Volk. In seinen weiteren Ausführungen gab der Redner ein eindrucksvolles Bild der Ausbreitung des Protestantismus im Rheinland. Es sei ein Ruhmestitel und Lebensrecht des rheinischen Protestantismus, daß er den hohen Gedanken der Toleranz, der christlichen Duldsamkeit und Wertschätzung früh, ersaht habe. Zuerst in den eigenen Reihen, als Reformierte und Lutheraner sich vertragen lernten, und dann auch gegenüber den katholischen Brüdern. Das Beste, was der Protestantismus der rheinischen Heimat gebracht habe, fei die Vertiefung des
Glaubenslebens. Der Protestantismus sei dazu berufen gewesen, und jetzt erst recht dazu bestimmt, einzutreten für die ihm geschenkte Wahrheit, aber auch das zu pflegen, was man „die Ethik der konfessionellen Auseinandersetzungen" genannt habe.
Sodann hielt der schlesissche Generalsuperintendent Professor D. M. S ch i a n (Breslau) einen Vortrag über „Die bleibende Bedeutung des Protestantismus". Der Redner ging aus von den Wünschen nach einer Einigung möglichst der gesamten Christenheit und führte im Zusammenhang damit aus, daß — trotzdem Rom deutlich seine Absage an diesen Einigungsbestrebungen gegeben habe — manche Wortführer auf evangelischer Seite dennoch die Hoffnung aufrechterhalten und sich bemühen, gerade auch in Rücksicht auf den Katholizismus viel mehr das Gemeinsam-Christliche herauszustellen als das Deutlich-Evangelische zur Geltung zu bringen. Der Redner stellte sodann die Gegensätze des Protestantismus und Katholizismus näher heraus, wobei er besonders das Wirken Martin Luthers hervorhob. Zum Schluß seiner Ausführungen sagte der Redner, daß der Protestantismus in Deutschland geboren sei, das das Mutterland des Protestantismus sei. Deshalb habe das deutsche Volk die erste Verpflichtung, der Welt den Protestantismus zu erhalt e n, zumal in der deutschen Reformation der Protestantismus klar und rein zum Ausdruck gekommen sei. Deutschland ohne Protestantismus wäre nicht das geschichtliche Deutschland mehr.
Die öffentliche Festversammlung war von musikalischen Vorträgen umrahmt. Eine große Kundgebung am Deutschen Eck beendete die Tagung des Evangelischen Bundes.
Regentschastskrifis in Rumänien.
Bukarest, 7. Oft. (Priv.-Tel.) Ein Mitglied des rumänischen Regentschaftsrates, der Präsident des Kassationshofes Buzdugan, ist soeben im Alter von 62 Jahren gestorben. Mit seinem Ableben wurde schon seit Tagen gerechnet, seit ebenso langer Zeit beschäftigt man sich in Rumänien auch mit der Frage des Ersatzes. Der Regentschaftsrat ist feinerjeit nach dem Thronverzicht des Kronprinzen Carol zugunsten seines Söhnchens, des jetzigen Königs Michael, gebildet worden, bis zu dessen Mündigkeit drei angesehene Persönlichkeiten Rumäniens die Rechte der Krone vertreten und wahrnehmen sollen. Man hatte sich damals auf den Patriarchen Miron Christea, den Prinzen Rikolaus und den Verstorbenen geeinigt. Es hätte nicht viel gefehlt und die Königin-Witwe Maria, die Großmutter des unmündigen Königs, wäre in den Regentschaftsrat eingetreten. Sie mußte ihre Kandidatur wieder zurückziehen, weil sie keine Aussicht hatte, von der Rational- versammlung gewählt zu werden, die auch jetzt wieder einen Rachfolger für Buzdugan zu bestimmen hat. Die Hauptursache für den Verzicht Marias dürfte die Haltung Dratianus gewesen fein, der am liebsten selbst die Vormundschaft übernommen und damit die Herrschaft der Liberalen für alle Zeiten befestigt hätte. Königin Maria, die von jeher in der rumänischen Politik eine hervorragende Rolle gespielt hat, hat den Liberalen diese Haltung niemals ver
gessen. Sie wußte später den Regentschaftsrat über den Prinzen Rikolaus zu bestimmen, auf die weiteren Dienste Dratianus zu verzichten. Er mußte zurücktreten, ihm folgte der jetzige Ministerpräsident M a n i u , der Reuwahlen aus- schrieb, die einen völligen Zusammenbruch der Liberalen brachten. Man spricht bereits davon, daß die Königin-Witwe Maria voraussichtlich in den Regentschaftsrat eintreten wird.
Die Frage der Rachfolge muß verfassungs- gemätz binnen ach t Tagen geregelt fein. In politischen Kreisen besteht noch keine einhellige Meinung darüber, ob durch den Tod eines Mitglieds des Regentschaftsrats auch das Mandat der beidenüörigenMit- glieder erloschen ist oder ob nur Ersatzwahl erforderlich ist. Die zuerst genannte Auffassung scheint die Oberhand zu behalten. Heute vormittag fand ein Kabinettsrat statt, in dem gemäß den Bestimmungen der Verfassung für den Fall, daß der Regentschaftsrat nicht mehr vollzählig sei, festgestellt wurde, daß die Vorrechte des Regentschaftsrates auf den M i n i ft e r r a t übergehen. Daraufhin wurden Kammer und Senat als Rativnalver- f a mm tun g für Mittwochvormittag zusammenberufen, um die Wahl und die Eidesleistung des neuen Regentschaf tsratsinilgl.edes vo: zuneh- m e n. „Dimineatza" meldet, daß der Rachfolger Buz^ugans der gegenwärtige Minister des Aeu-
ßern, Mironescu, sein werde. Könlglnwitwe Maria ist heute früh in Bukarest eingetroffen und hat Ministerpräsident Maniu in einer Audienz empfangen.
Sin deutsches Angebot an polen.
Die deutsch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen.
Berlin, 8. Oft. (Priv.-Tel.) Trotz der Geheimhaltung seitens der zuständigen deutschen Stellen weiß die polnische Presse entgegen der Verabredung zu berichten, daß deutscherseits der polnischen Regierung ein Vorschlag überreicht worden sei, nach dem Deutschland anregt, d i e deutsch - polnischen Handelsvertragsverhandlungen auf der Grundlage der Meist-Begünstigung fort- zuführen. Wie wir erfahren, ist dieser Vorschlag bereits vor einiger Zeit feitens des deutschen Gesandten Alrich Rauscher in Warschau überreicht worden mit der Maßgabe, daß ihn die polnische Regierung inzwischen überprüfen solle, während Rauscher in dieser Zeit nach Berlin reiste, um hier die weiteren deutschen Schritte vorzubereiten Der deutsche Vorschlag sieht im einzelnen den Abbau der beiderseitigen Kampfzölle vor, was auf der anderen Seite die Aufhebung der Einfuhrverbote zur Folge haben müßte, ferner schlägt er die gegenseitige Zuerkennung der Meist- begünstigungsklausel vor und räumt den Polen ein Einfuhrkontingent für Kohle ein, für das bestimmte Ziffern noch nicht genannt sind. Die Polen lassen allerdings bereits erkennen, daß sie mit diesem Vorschläge nicht zufrieden wären, da er die Frage der polnischen Schweine nicht berühren würde. Denn trotz der Meistbegünstigungsklausel wäre die polnische Viehausfuhr in Anbetracht der veterinär-polizeilichen Bestimmungen Deutschlands immer noch behindert. Wie sich die polnische Regierung zu diesem Vorschläge, der. an Großzügigkeit nichts zu wünschen übrig läßt, verhält, ist noch nicht bekannt. Da aber der deutsche Vorschlag nur bezweckt, zunächst ein Provisorium herbeizuführen, um dem Zollkriege ein Ende zu bereiten, darf man anneH- men, daß auf dieser Basis doch eine Einigung herbeizuführen ist.
Der Oppelner Theaterzwischensall vor Gericht.
Oppeln, 7. Oft. (WTD.) Der Prozeß gegen die 20 Personen, denen die Zwischenfälle gelegentlich der polnischenTheaterauffüh- rung in Oppeln zur Last gelegt werden, hat im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Oppeln unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Christian begonnen. Der Verhandlung wohnen auch ein Vertreter der Oppelner Regierung sowie der Pressechef des polnischen Generalkonsulats in Bcuthen bei. Die Vernehmung der Angeklagten ergab, daß die meisten von ihnen nur Mitläufer gewesen sein wollen. Der Angeklagte K a d e k gibt zu, einem polnischen Schauspieler eine Ohrfeige gegeben zu haben, als dieser ihm gegenüber eine drohende Haltung eingenommen hatte. Die Angeklagten Fu n k e und P o t s a d a bestritten entgegen ihren früheren Aussagen, die Polen beschimpft und sich Tätlichkeiten ihnen gegenüber erlaubt zu haben. Der Angeklagte Zentner ist auf Antrag seines Verteidigers aus der Haft entlassen worden, da keine ausreichenden Gründe für eine Aufrechterhaltung der Haft mehr vorliegen. Im ganzen war das Ergebnis der Vernehmung sehr dürftig. Die Vernehmung der Zeugen ergab auch nur wenig Reues. Der Vahnschutzbeamte L a b i s ch bekundete u. a., daß bei den Vorgängen am Bahnhof sich auch ältere Personen und nicht nur Jugendliche beteiligten. Polizeihauptmann Breuer ließ sich über die Funktionen der Polizei bei den Vorfällen cu3. Auf die Mitteilung eines polnischen Schauspielers, daß er geschlagen worden sei, beauftragte er einen Beamten, einen Arzt herbeizuholen. Der Eisenbahnbedienstete K a n c y sagt aus, daß er gesehen habe, wie ein Mann eine
Seen, in einem Wach- und Wunschtraum sie sich herzaubert und vor sich hinstellt, trifft ihn die Rachricht, Anna sei ermordet worden. Bemerkenswert war auch hier die epische Haltung, der lange Atem der großen Erzählung (spürbarer fast als im Roman), obwohl die aus der Rovelle gelesenen Abschnitte fragmentarischer blieben und uneinheitlicher wirkten als dort, wo sie mit innerer Intensität aus dem Zentrum der Fabel auf den Hörer eindrangen und sich ihm mit» teilten. —
Die Vorlesung sand lebhaften Beifall, -y-
Das Gespenst.
Von Liesbei Dill.
Ich habe mir schon als Kind gewünscht, einmal irgendwo einem Gespenst zu begegnen. Aber selbst in den ältesten Schlössern, in denen ich übernachtete, ist es mir nicht erschienen, ich hatte diesen Wunsch bereits zu den anderen gelegt, die auch nicht in Erfüllung gingen, aber es geschehen die wunderlichsten Dinge gerade bann, wenn man sie nicht erwartet. Und so hat diese Begegnung stattgefunden in einem Hotel in Stockholm, das so viele Räume hat, daß man nie weiß, wer neben einem wohnt, geschweige, daß man seinen Rachbar jemals sieht. ...
Ich war am Abend in einem Freilufttheater gewesen, um ein Schauspiel unterm Sternenhimmel von Selma ßagerlof zu sehen. Trotz der grauen Wolldecken, in welche die Zuschauer alle eingewickelt sahen wie graue Motten, war ich so erfroren heimgekommen, wie ein Eskimo von der Robbenjagd, hatte mich zu Bett gelegt und war bald eingeschlafen. Ich bildete mir ein, meine Türe abgeschlossen zu haben, aber mitten in der Pacht höre ich die Klinke gehen, ein kühler Wind weht ins Zimmer, in dem dunklen Türrahmen steht eine hohe dunkle Gestalt, lang und hager, in der Haltung Gustavs III. von Schweden.
3d) fahre auf. Was wollen Sie? stammle ich.
Das Gespenst antwortet schwedisch.
Wie sind Sie denn hereingekommen? Ich hatte doch abgeschlossen. Sie haben sich wohl in der Tür geirrt? Hier ist Rr. 50.
Das Gespenst antwortet schwedisch. Ich verstehe kein Wort. ... Ich kann sein Gesicht nicht sehen. Ich sehe nur die Llmrisse einer langen Gestalt. Ich weiß nicht, wie man ein Gespenst anredet und nicht, wie man es verscheucht. Mein
Lexikon? Wo ist es? Aber dazu müßte ich erst Licht machen, und dazu hab ich keinen Mut. Ich suche alle Reste dieser Sprache zusammen. Wie können Sie mich so vorträcke? Hier ist not Ihr rum, hier ist number fünfzig. ... Sie haben sich in der Dör geirrt. ... Farstähen Sie? ... Sprecken Sie tüsk?
Räh, antwortet das Gespenst. ...
English ... italiano ... fran^ais? ...
Räh, sagt das Gespenst. ...
Dann gehen Sie fort ... was wollen Sie denn nur?
Das Gespenst rührt sich nicht von der Stelle. Es erklärt etwas auf schwedisch. Ich verstehe, „es hat geringart“ ... oder „geringert“ ... Wie? Es hat in meinem Zimmer? ... Aber nein,. ich ringre niemals in der night ... das war jemand anderes. ... Ich taste nach meiner Klingel. Aber sie ist verschwunden, sie ist unters Bett gefallen. Ich ziehe daran, aber vergebens. Etwas hält sie dort fest. Sie ist verhext. ... Shut. Stäng die Dör, rufe ich. Vorsvina straks.
Dieses Zauberwort wirkt endlich. Das Gespenst zieht sich in gekränkter Haltung lautlos zurück. Was ist dagegen ein Schauspiel von Selma ßagerlof? Die ganze Rächt hab ich nicht mehr einschlafen können. ...
Als ich am anderen Morgen die Schelle suchte, fand ich unter meinem Bett eine dicke Angorakatze, die mit der Klingel spielte. Ich scheuchte sie zur Daikontüre hinaus, auf demselben Weg, auf dem sie wahrscheinlich hereingekommen war... Und das Gespenst? Ich hätte es gern gewußt, aber das Fräulein, das „tüsk" spricht, hatte gerade Ausgang, und eine so komplizierte Angelegenheit auf schwedisch zu erklären, schien mir sehr anstrengend. So bin ich denn abgereift, ohne zu erfahren, was das Gespenst zu mir geführt hat und wem ich seine Bekanntschaft verdanke. ... Vielleicht war es die Katze, die „geringart" hat? Katzen bringen alles fertig... Es hat mir nur nachträglich leid getan, daß das Gespenst für seine Ritterlichkeit so wenig Dank geerntet hat. ...
Das Ohr der Oirrerirr.
Aus einem der Standflügel des viel umstrittenen Augustiner-Altars in Nürnberg, der früher Mäßigem ut zu geschrieben wurde, sind im Hintergründe zwei jugendliche Köpfe zu sehen, von denen man den einen für ein Bildnis des jungen Dürer erklärt hat. Den anderen Kopf hielt man ebenfalls für den eines männlichen Wesens, aber eine gute Beobach
tung, die Carl W i i l n a u in „Reclams Universum" mitteilt, macht jetzt sehr wahrscheinlich, daß die zweite dargestellte Person Agnes Frey, die spätere Gattin Dürers, ist. Auf einer stark vergrößerten Photographie des Kopfes zeigt sich nämlich, daß die dargestellte Person ein merkwürdig geformtes Ohr und eine eigenartige Augenpartie hat, und ganz dieselben Merkmale lassen sich auf den Porträtzeichnungen feststellen, die Dürer von seiner Frau geschaffen hat. Auf den Zeichnungen wie an dem Kopf des Augustiner-Altars findet man eine charakteristische Ecke des Ohres und außerdem die hervortre- tende Umrandung am oberen äußeren Augenwinkel. Dazu kommt noch die allgemeine Aehnlichkeit, insbesondere im Haaransatz und in der Stirn- und Schläfenbildung. Wenn aber auf dem Altarflügel wirklich, wie damit bewiesen zu sein scheint, Agnes Frey dargestellt ist, dann würden sich daraus mancherlei wichtige Folgerungen ergeben. Daß der liebevoll zu dem Frauenkopf Hinblickende der junge Dürer fein muß, ist selbstverständlich. Man würde aber auch dann wohl annehmen müssen, daß der Altar, an dessen zahlreichen Tafeln mehrere Künstler gearbeitet habeit, in Wohlgemuts Werkstatt entstanden ist, während die neueste Kunstforschung dies ablehnte. Schließlich hätten wir in diesem Doppelporträt, das Dürer, der ja Lehrling bei Wohlgemut war, vielleicht nachträglich in das Bild hineingemalt hat, einen Beweis für Dürers Jugendliebe und Bräutigamszeit. Man hat ja angenommen, daß Dürers Ehe als rein geschäftliche Angelegenheit ohne Rei- flung zustande gekommen sei, wobei man sich auf seinen Bericht bezieht: „Und als ich wieder heimgekommen war, handelte Hans Frey mit meinem Vater und gab mir feine Tochter mit Namen Jungfrau Agnes und gab mir zu ihr 200 fl. und hielt die Hochzeit, die war am Montag vor Margarethen im 1494. Jahr." Aus diesem Grunde will man auch nicht zugeben, daß das Selbstbildnis von 1493, auf dem sich der junge Meister mit der blaublühenden Blume Eryngium, auf Deutsch „Mannestreu" dar- gestellt hat, die Rolle des Brautbildes gespielt habe. Wenn aber nun durch dieses Doppelporträt von Dürer und seiner Agnes auf dem Altarflügel eine viel frühere Bekanntschaft der beiden nachgewiesen wird, dann müßte man doch an eine viel längere und innigere Beziehung glauben, die der Heirat vorangegangen ist, und dann ließe sich das Selbstbildnis sehr wohl so erklären, daß der junge Maler, der über zwei Jahre fern war, der (Beliebten durch die Blume in seiner Hand ankünden wollte: „Ich bin Dir treu, und in einem Jahr wird die Hoch- zeit fein."


