die Ausbildung für die weiblichen Berufe mcht ganz außerordentlich verlängert und verteuert werden wenn die Berufsausbildung erst nach dem Durchlaufen einer Studienanstalt begann? War es nicht vernünftiger, neben der Studien- anstalt eine Dollanstalt für die Mädchen zu verlangen, die zwar eine vollwertige Bildung erstrebten, aber nicht studieren wollen? Eine solche Schule konnte für ihren späteren Haus- srauenberuf wissenschaftlich und praktisch vorbereiten und auch die notwendige wissenschaftliche und fachliche Vorbildung für viele weibliche Berufe geben. Eine solche Schule muhte um so wertvoller sein, als sie sich die Entwicklung der weiblichen Anlagen zum Ziel sehen und damit die „Entfaltung der Frauennatur zur Frauenpersönlichkeit" vorbereiten konnte. 3n der Tat letzte sich in fast allen Kreisen, die sich das Mädchenbildungswesen angelegen sein lassen, die Heberzeugung durch, daß eine solche Schule notwendig sei: d. h., daß die Frauenschule ausgebaut werden müsse. So wurde die Forderung erhoben, den Lyzeen neben den Klassen, die zur Hniver- sität führen, drei Klassen aufzusehen, die den Lehrplan der Frauenschule in vertiefter und erweiterter Form durchführen. Diese Schulen wurden Frauenoberschulen genannt.
Die vreuhische Reform.von 1925 und, ihr folgend, die der meisten deutschen Staaten, haben aber diesen Forderungen keine Rechnung getragen. Rur einige Staaten haben auch dieses Problem des Mädchenausbildungswesens zu lösen versucht: so Thüringen durch feine „Frauenberufsoberschule" in 3ena. Auch Oesterreich hat seine Frauenschule zur Frauenoberschule ausge- baut und sie seinem gesamten Bildungssystem genau so eingegliedert wie seine Studienanstalt. Für Preußen aber und den weitaus überwiegenden Teil des Reiches blieb diese Frage ungelöst. Alles, was in Preußen erreicht wurde, war, daß einzelne Städte von 1926 ab Frauenoberschulen versuchsweise einrichteten. Es geschah dies in Hildesheim, Kreuznach, Halle, Essen und Münster.
e Die Lehrpläne dieser Schulen weichen im einzelnen voneinander ab. 3m allgemeinen können sie als Deutsche Oberschulen bezeichnet werden. 3m Vordergrund der wissenschaftlichen Fächer stehen Deutsch, Geschichte, Staatsbürgerkunde, Erdkunde und die naturwissenschaftlichen Fächer: sie haben nur eine Fremdsprache, die Mathematik ist ebenfalls gekürzt. Eine große Rolle spielen natürlich die praktischen Fächer, die mit der Hauswirtschaft in Verbindung stehen. Die wissenschaftlichen. besonders die naturwissenschaftlichen Fächer, werden natürlich so gelehrt, daß sie die wissenschastliche Grundlage für die praktischen geben- Die neue Schulform fand zunächst Widerstand bei führenden Pädagogen. Eduard S p r a n- g e r und Th. Litt wandten sich aus theoretischen Gründen dagegen. Der erstere, der die Bildungs- bestrebungen der Frauen stets gefördert hat. lehnte die neue Schule ab. Sie erscheint ihm „verschämte Fachschule", in der weder der grundlegende Bildungsgang noch die Berufsbildung zu scharfem Hrnriß kommt. „Die weibliche Bestimmung, die in Ewigkeit bleibt, und diese Sonderdinge von Fachwissen und nun gar von Berechtigungen. gehen nun und nimmer in eine Schule hinein." Th. Litt bekämpft den neuen Schultyp, weil er bei ihm „das Hinüberschielen nach Hni- versität und älniversitätsreifc" fürchtet, wodurch „unfehlbar ein Moment der Unwahrhaftigkeit in das Leben der neuen Schule hineinkommt".
Auch Helene Lange, die bekannte Dorkämpferin für die Frauei,bildung. schien zunächst diese neue Sonderform der Mädchenschule abzulehnen. Sie kommt dazu aus ihrer Grundeinstellung heraus. Sie will eine der Knabenbildung vollwertige Frauenbildung und hält an ihrer Forderung, die sie Zeit ihres Lebens vertreten hat. sest, daß für das älniversitätsstudium. wie auch für die Berufe in Handel und Gewerbe Knaben und Mädchen dieselbe Ausbildung haken müssen.
Geschichten aus aller Welt
Beanlagten, den technisch und künstlerisch Begabten Rechnung trügen, di« ihnen ein« über die mittlere Reife gehende Bildung geben, ohne sie zur älniversität zu führen. Würden dadurch nicht Hunderte und Tausend« von Männern und Frauen von der Hnivecsität ferngehalten, d. h. von einem Bildungsweg, der ihnen nicht ansteht.
Wie so vielfach im Leben wird die Entwicklung über Bedenken aller Art hinweg sch reiten. Di« Frauenoberschule ist für unsere weibliche 3ugend eine Rotwendigkeit. Das gibt auch Helene Lange zu. Am Schlüsse ihres vorhin erwähnten Aufsatzes meint sie, im weiblichen Berufsleben haben sich Entwicklungen vollzogen, an denen sich auch die Bildung orientieren muh, d. h. doch nichts anderes, als daß 'sie der Frauenoberschule Daseinsberechtigung zugesteht. Wir kön-- nen annehmen, daß in naher Zukunft die Frauenoberschule sich allgemein durchsetzen wird. 3n der Praxis des lÄhullebens wird sich das folgendermaßen auswirken: an den Studienanstalten werden neben den drei obersten Klassen, die nur
Es entbrannte nun ein heißer Kampf um die Frauenoberschule. Das Für und Wider wurde in der Fachliteratur eifrig besprochen. Angesichts dieser ungeklärten Lage hielt sich die preußische Regierung zurück. Für ihre Haltung ist wohl die Frage der Berechtigungen des neuen Schultyps maßgebend. Sollen die Abiturientinnen der Frauenob^schule zur Hniversität entlassen werden? Thüringen und Oesterreich haben dies zugestanden. 3n den übrigen Teilen des Reichs bestehen die ernstesten Bedenken. Soll zu den vieleü zur Hniversität führenden Wegen ein neuer geöffnet werden? Hat man nicht gerade diese neue Schulform für Mädchen, die nicht studieren wollen, gegründet? Die Frauenoberschule sollte ihren Stolz darein sehen, daß sie „die Lcbenstüchtigkeit", nicht Äniversitätsreife zum Ziele hat. Es ist mit Recht darauf hingewiesen worden, daß diese Schulen auch für die Knabenschulen vorbildlich werden könnten. Wäre es nicht wünschenswert, wenn es auch für die männ- ^lich^3ugen^Vollan^alten gäbe, die den praktisch
es war eine Lust, in der Homerstrah« zu wohnen. Dis es, eines schönen Tages, schlagartig mit der ganzen Herrlichkeit zu Ende war: alle Woche einmal erschien ein griesgrämiger „Ritzenschieber", um der Tram einen Weg zu bahnen, die Straßenkehrer und Lampenputzer blieben überhaupt aus, nur der große Sprengwagen mit der Aufschrift „Demos Thessalonikes flitzte weiterhin staubaufwirbelnd, wie einst im Mai, über das Pflaster, ohne sich aber seines 3nhalts zu entledigen... die Homerstraße war über Rächt wieder eine ganz gewöhnliche Straße geworden, wie es deren in Saloniki unzählige gibt.
Selbstverständlich legten die Anwohner den bekannten flammenden Protest gegen diese Vernachlässigung ein, aber höheren Orts teilte man ihnen lakonisch mit, daß „Herr Papadapadopulos seit einiger Zeit nicht mehr in der Homer-, sondern in der Kleonstrahe wohne". — Richts Schlimmes ahnend, begaben sich die Protestler dorthin und: Siehe dal 3n der Kleonstrahe „spritzten" die Sprengwagen nicht nur „hin und her", sondern sogar Wasser, viel Wasser, die Lampenputzer wienerten an den Scheiben, als ob sie dafür bezahlt würden, die Rihenschieber und Straßenkehrer arbeiteten fieberhaft — kurzum, in der Kleonstrahe herrschte ein Betrieb wie ehemals in der Strahe Homers...
Das schöne Haus des Herrn Papadapadopulos hatten die braven Bürger auch bald genug gefunden und musterten tiefsinnig das Ramensschild am Eingang, das schlicht und einfach vermeldete, dah ber Herr mit dem unaussprechlichen Ramen ... „Magistratsmitglied" sei...
„Aha," sagten sich da die Thessaloniker aus der Homerstrah«, „hinc illae lacrimae... so steht die Geschichte!" Hnd alsobald gingen sie in sich und beschlossen, bei der nächsten Stadtverordnetenwahl auch aus ihrer Mitte einen Kandidaten zu nominieren. Damit auch sie, die Staubgeborenen, wieder teilhaftig würden der Sonne, die der Magistrat leuchten läßt über Gerechte und Ungerechte.
„Premiören" im neuen Kirchenstaat.
(g) Rom.
Am 18.3unt 1929 erblickte der erste Bürger des neuen päpstlichen Staates, der Sohn des Kammerdieners Tommasso La Bella, das Licht dieser Welt. Der Reugeborene hat die Rufnamen sämtlicher Persönlichkeiten erhalten, die den Vertrag zwischen 3talien und dem Vatikan unterschrieben haben.
Am 22. 3uni konnte die Gendarmerie des neuen Staates ihren ersten „Griff" tätigen. 3n einer Kirche wurde einer Frau die Brieftasche gestohlen, die wackeren Gendarmen ergriffen den Täter und übergaben ihn der italienischen Staatspolizei.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Gefilmte Trunkenbolde.
— Paris.
Herr Chiappe, der Polizeipräsident von Paris, scheint nicht nur ein Mann von durchgreifender Energie, sondern auch reich an 3deen zu sein. Reuerdings hat er sich dec auch in der Hauptstadt der französischen Republik eine große Rolle spielenden Alkoholfrage zugewandt und nunmehr eine Maßnahme angeordnct, die alle Aerzte und Psychiater, die sich bisher vergeblich über ein absolut wirksames Mittel zur Bekämpfung der Trunksucht den . Kopf zerbrochen haben, aufs tiefste zu beschämen geeignet scheint. Nicht eine Maßnahme der blassen Theorie, sondern eine, die mitten aus der modernsten Praxis heraus- gegciffen ist. — . „
Wurde bisher der Trunkene von der Straße in die Polizeiwache geführt, so behandelte man ihn höchst behutsam, wie einen zerbrechlichen Gegenstand, brachte ihn wie ein unbeholfenes Kind zu Bett, ließ ihn seinen „Mordsrausch" ausschlafen und entließ ihn am nächsten Tage mit wohlgemeinten, väterlichen Ermahnungen und guten Ratschlägen. Eine Abnahme der Trunkenheit war dadurch jedoch nicht festzustellen. 3etzt aber wird der Betrunkene nach der neuesten Verordnung Herrn Chiappes auf der Polizeiwache. bevor er sein Lager aufsuchen darf, gefilmt! So wie er da steht, schwankt oder liegt, mit seinen verglasten Augen, seinem „Schluckauf", seinen lächerlichen Bewegungen und unsicheren Gehwerkzeugen. Roch in der Rächt wird der Film entwickelt, und wenn der „Patient" mit empfindlichen Haarschmerzen am anderen Morgen wieder in die Helle des nüchternen Tages blickt, wird ihm, bevor man ihn entläßt, sein trunkenes Ebenbild vom Vorabend auf der Leinwand vorgeführt. Diese wirklich neuartige Maßnahme soll bereits die glänzendsten Ergebnisse erbracht haben: fast die Hälfte der so behandelten Freunde übermäßiger Alkoholmengen sollen beim Anblick ihres eigenen 3chs zerknirscht eine ehrenwörtliche Erklärung unterschrieben haben, fortan dem Laster zu entsagen. —
Gleichheit!
(T) Athen.
3m heißen Saloniki gibt es eine Strahe — nennen wir sie mal Homerstraße — deren Bewohner sich mcht genug über die rührende, beinahe unheimlich anmutende Fürsorge wundern konnten, die der hohe Magistrat ihnen seit einigen 3ahren angedeihen ließ: jeden Tag fuhren dreimal die Sprengwagen hindurch, ein Heer von Straßenkehrern fegte von früh bis spät, jeden Morgen wurden die Lampen geputzt, die Laternen strahlten in überirdischem Glanz — kurzum,
Das Gepolter. Von Albert Daudistel.
Es war in meinem sechsten Lebensjahr, als mich meine Mutter endlich wieder mal zum Besuch meiner Großeltern mitnahm. Zu meinem Großvater ging ich besonders gerne, um — vor ihm stehen zu bleiben und ihn zu betrachten. Denn er schien mir, da er nicht wie andere Großväter einen Vollbart hatte, gar nicht verwandt mit dem Herrgott, dessen „Photographie" in meinem Bilderbuch gleich auf der ersten Seite über dicken Regenwolken deutlich zu sehen war. Hnd obwohl mein Großvater stets eine Tabakspfeife paffte, die so groß auf mich wirkte wie eine Fuhrmanns peitsche, und mit der er mir doch gewiß manchmal einen Schlag auf den Hintern hätte geben können: er schlug nie. Deshalb war er mir auch viel lieber als der „Sankt Riko- laus“, der mich wegen seiner paar Aepfel und Nüsse, die er mir im ganzen 3ahr nur einmal brachte, über sein Knie drückte und plötzlich mit einer Rute derart auf meinen Hintern haute, daß ich gegen ihn den Verdacht hegen mußte, er sei bloß ein maskierter Schmied.
Als ich nun also endlich wieder mal mit meiner Mutter zu meinem Großvater gekommen war, vergaß ich sofort meine Vorliebe, den Hnterhaltungen der Erwachsenen zuzuhorchen, zumal ich sah, daß mein Großvater mit einem Male nicht mehr am Tisch bei den anderen, sondern abseits auf dem Stuhl an der Wand im Schatten der Schmalseite des Kleiderschrankes hockte... 3ch ging zu ihm hin und dachte in meiner Freude über ihn: „Guten Tag!" 3ch blieb wie sonst vor ihm stehen und betrachtete ihn nun erst recht stillvergnügt, weil er so ge- spaßig für sich allein dahockte und so brav seine Pfeife paffte. Und als ich ihn so betrachtete, kam es mir vor, als lächelte er mit mir. 3ch dachte darüber nach, warum er denn mit einem Male so mit mir lächelte: ich kam aber dabei nur auf die Gedanken: „Ach, der hat ja schon immer so ausgesehen: ich merk es bloß heut besser, weil die onnern am Tisch heut nct so laut miteinander schwätze..." Bei diesen Gedanken fragte ich ihn aber auf einmal dennoch: „Heber was, Großvatter, freust du dich heut so...“ Hnb da paffte er mit einem Male so schnell, daß eine Rauchwolke sein Gesicht vor mir verbarg... Auch dies hatte mich erfreut; und darum sagte ich zu ihm, als die Rauchwolke weg war: „Ach, mach des noch emal!" — Hnb da verbarg auch schon wieder eine Rauchwolke sein Antlitz vor mir... 3ch lachte dar- über. Aber plötzlich hörte ich meine Mutter zu mir her sagen: „Bub, laß den Großvater in
Ruh!" — 3ch betrachtete ihn nunmehr wieder stillvergnügt und bildete mir dabei ein, er wäre, weil ich sein Gesicht nur immer so verrunzelt gesehen hatte, nie jünger, sondern schon seiner Lebtage ein Großvater gewesen: gerade so wie ich mir zusammendachte, die Hängelampe in seiner Stube sei einfach wie auch die Hängepflanze bei Tante Gretchen aus der Stubendecke herausgewachsen. Als dieser Besuch zu Ende war, nahm er meine Hand in seine Hand und drückte zum ersten Male meine Hand so, daß ich mich laut darüber freute. Aber plötzlich ließ er meine Hand los und — Paffte wieder so schnell, dah ich auf einmal sein Gesicht wegen der Rauchwolke nicht mehr deutlich sah. Hnd da kam es mir vor, als hätten seine Augen gerade, während sein Antlitz doch so lächelte, zu weinen begonnen. 3edoch ich glaubte es nicht, zumal die Rauchwolke fein Gesicht nun wieder ganz vor mir verbarg.
Schon einige Tage nach jenem Besuch, als ich an einem Vormittag, da es gerade heftig geregnet hatte, mit meiner damaligen Freundin gar freudig durch die größten Pfützen ging, sah ich plötzlich meine Mutter sehr erregt zu mir hergelaufen kommen, ihn sie zu beruhigen, rief ich ihr entgegen: „Ach, Mutter, mer spiele ja bloß .schöne Schuh'! — Guck, wie se jetzt glänze," sagte ich noch, als ich aus der Pfütze kam. Meine Mutter aber antwortete mir nur: „Komm, komm: zum Großvater: er will sterben..." Das Wort „sterben" war mir ganz fremd. 3ch lief einfach in freudigem Trab neben meiner Mutter her, ganz begeistert darüber, daß wir wieder den Großvater besuchten.
Während mich meine Mutter feiertäglich ankleidete, sagte sie zu mir, ich solle heute aber nicht lachen. Beinahe hätte ich sie gefragt: „Warum denn nct?“ — Aber da kam auch schon mein Vater zur Tür herein: Er war ganz schwarz gekleidet und wegen des Zylinderhutes viel größer als sonst. Hnd da ich meinen Vater noch nie in einem solchen Anzug gesehen hatte, deshalb freute ich mich derart, daß ich lachend losrief: „Vatter, jetzt mußt du dich noch im Gesicht un an de Händ । so schwarz mache un die Leiter mitnehme, dann denkt de Großvatter, du wärst 'n Schornsteinfeger geworde!" — „O, wird das heut schön beim Großvatter," sagte ich zu meiner Mutter. . Sie ober schaute da ratlos zu meinem Vater hin.
Der schüttelte bedenklich den Kopf. Dann tuschelte meine Mutter mit ihm. 3ch jedoch lauschte scharf • und konnte gerade noch verstehen, daß er ihr antwortete: „Schnitzel ihm heimlich Zwiebel ins > Taschentuch ..." ° Als wir auf dem Weg zum Großvater waren, l sagte mein Vater zu mir: „Bub, wenn du heut t mal net lachst, kauf ich dir morge e Trommel!"
— 3ch hätte ihm da gewiß das Wort „Schlaumeier" zugedacht, wenn ich es damals schon gekannt hätte. Denn ich glaubte, er hab« mir die Trommel, die ich schon lange vergeblich von ihm begehrte, endlich nur deshalb versprochen, weil er befürchte, ich würde durch mein Lachen verraten, dah er vorhabe, mit dem heimlich ver- zwiebelten Taschentuch dem Großvater einen Possen zu spielen. Hnb als meine Mutter da gleich wieder gegen die Trommel sprach und meinem Vater erklärte, dah ich, wenn er mir die Trommel kaufe, das ganze Haus verrückt mache, da dachte ich: „Ach. jetzt red' sie ja bloß so..." 3ch sagte: „Schon gut..." Hnb schweigend gingen wir dahin.
3m Hause meines Großvaters führte uns die Großmutter in eine Stube, in der vor dem Bett, in dem mein Großvater lag, bereits viele schwalbe kleidete Frauen und Männer standen. Wir stellten uns dazu. Hnd niemand sprach. 3ch glaubte, mein Großvater schliefe: und all« würden darauf warten, bis er erwache. Als ich da auf einmal so vor mich hinstöhnte: „Ach, dauert das lang,“ da reichte mir meine Mutter ihr Taschentuch und flüsterte mir zu: „Da! Puh dir die Ras'!" — 3ch jedoch schaute unentwegt $um Bett meines Großvaters und erwiderte meiner Mutter leise: „Mei Ras' is noch trocke!" — Unb auf einmal bewegte sich mein Großvater, und ich hörte, daß meine Großmutter sagte: „Ach Gott, jetzt..." Sofort ergriff ich Partei für meinen Großvater, indem ich ihm hinrief: „Paß auf, Großvatter: sie wolle dir jetzt ’n Posse spiele mit einem Taschentuch: da haben sie Zwiebel rinngeschnihelt, paß auf!“ — All die schwarzbekleideten Frauen unb Männer schauten da tote ertappt nach mir her. Und ehe ich noch sagen konnte: „3a guckt nur; ich halt zu meinem Groh- vatter," da hatte mich mein Vater auch schon aus der Stube bugsiert. Als wir auf dem Heimweg waren, sagte er mir jedoch: „Bub, schuld haben wir ja eigentlich; wir hätten dir erklären solle, daß des gezwiebelte Taschentuch net fürn Großvatter, sondern nur für dich bestimmt war, damit dir, wenn du dort im geeignete Moment so getan hältst, als ob du deine Ras putzt, Tränen gclomme wärn, Wege dem scharfe Zwiebelgeruch im Taschentuch!" — „Ach so," sagte ich, „mich habt ihr also mit dem verzwiebelte Taschentuch anführ'n wolle!"
Drei Tage später zog mich meine Mutter schon wieder feiertäglich an. Als ich sie fragte, was denn nun heute los fei, erwiderte sie mir, daß mein Großvater beerdigt werde. 3ch antwortete ihr, weil ich ja nicht wußte, was „beerdigt werden" bedeutet, daß sie nun endlich mal den Großvater in Ruhe lassen sollen. Meine Mutter bemühte sich da. mir die mir ganz fremden De-
wissenschnftlichen Qnterrlcht haben, drei FravEN» schulklassen errichtet, die außer wissenschaftlichen Fächern auch praktische betreiben. (Hauswirtschaft. Nabelarbeit usw.) Die seitherigen technischen Seminare (Aliceschule) werden in diesen „Frauenschulklassen" aufgehen.
3n Hessen hat man, soviel ich seh«, die Frage der Frauenoberschule noch nicht erörtert. Wenn aber Preußen die Frauenoberschule durchführt, muß auch unser Land folgen. Es darf unserer weiblichen 3ugend einen so wichtigen Dildungs- weg nicht versagen.
Oberheffen.
Landkreis Gietzen.
ctz Lollar, 7. Aug. Der Gemeinderat hatte in seiner gestrigen öffentlichen Sitzung eine Tagesordnung zu erledigen, die bei allen Punkten wegen der Wichtigkeit und der weittragenden Bedeutung der zu fassenden Beschlüsse eine längere Beratung erforderlich machte. Eine Angelegenheit, die seit mehreren 3ahrei^ den Gemeinderat beschäftigte, der Steinb'ruchbe- trieb am Lollarec Kopf und die Geländeabtretung an diesen, lag als erster Punkt der Tagesordnung vor. Durch Vertrag vom 17.3a- nuar 1929 zwischen der Gemeinde Lollar und dem damaligen Besitzer des Steinbruches, dem Bauunternehmer 3oft Sommer, wurde für die Ausbeutung ein Geländestreifen von etwa 10 Meter Tiefe unb einem Flächeninhalt von etwa 2o00 Quadratmeter verpachtet. Der Vertrag tritt nach behördlicher Genehmigung, die kürzlich erteilt wurde, unb Zahlung bes Pachtbetrages in Kraft. 3nfolge Nichtzahlung der Pachtsumme konnte bisher die Zuweisung des verpachteten und aus- gesteinten Geländes nicht erfolgen. Nun ist seit einigen Wochen durch das Gewerbeaufsichtsamt dem derzeitigen Besitzer, G. Stahl u. Söhne, aufgegeben worden, den weiteren Abbau nur nach terrassenförmiger Anlegung der Bruchwände vorzunehmen. Diese Forderung, die ohne weitere Geländeabtretung nicht durchführbar ist, um daneben noch eine Fortführung des Betriebes selbst zu gewährleisten, hat den Besitzer veranlaßt, bei ber Gemeinde um die Verpachtung eines weiteren Geländestückes von etwa 40 Meter Ties« und 120 Meter Länge nachzusuchen, dabei hervor- hebend, daß die Wiederinbetriebnahme des seit drei Wochen geschlossenen Bruches nur nach Klärung dieser Frage möglich ist. Darüber hinaus wird die Heberweisung des 10 Meter breiten Geländestreifens nur in einem Drittel gegen Zahlung eines Dritteiles der Pachtsumme gewünscht, unb zwar am Scheitel bes Lollarer Kopfes. Nach fast «instündiger Aussprache, in der die Angelegenheit nach allen Seiten eingehend behandelt wurde, insbesondere auch im Hinblick auf bi« etwa 36 bis 40 beschäftigungslos geworbenen Arbeiter unb die Erhaltung dieses Erwerbes, mußte der Gemeinderat dennoch zur Ablehnung des Antrages kommen. --Zu dem von ber Firma B. Nuhn A.-G. beabsichtigten Kaus von Gemeinde wiesen, gegenüber dem Sägewerk lag «in Schreiben dieser Firma vor, wonach diese di« gestellten Zahlungsbedingungen zu hart findet und um eine Revidierung des Beschlusses der vorigen Sitzung ersucht. Die Gemeindevertretung schließt sich dem Vorschlag der Finanzkommission an. wonach die Kaufsumme von etwa 20 000 Mk. in fünf gleichen Raten am 1. November eines jeden 3cchres. erstmalig am 1. November 1929. bei fünfprozentiger Verzinsung zu zahlen ist. Alle entstehenden Kosten und Gebühren gehen zu Lasten des Käufers. — Die Gemeindebeamten haben um G e h a l t s r e g e l u n g nachgesucht. Ein Entwurf, der eine durchschnittlich« Aehnpro- zentige Erhöhung gegenüber den seit 1. April 1927 in Kraft befindlichen Sätzen vorsieht und mit dem sich die Gemeinbebeamten einverstanden erklärt haben, findet nach Gegenüberstellung mit den von der Gewerkschaft der Gemeindebeamten für die Besoldung herausgegebenen Richtlinien, die wesentlich höhere Sähe enthalten. Annahme. Die neuen Gehälter gelten ab 1. April d. 3. Die
griffe „Totsein" und „Friedhof" und „beerdigt werden" verständlich zu machen. 3edoch ich glaubte ihr da nicht, weil ich ihr da einfach nicht glauben konnte. Sie muhte dies erkannt haben; denn sie bat mich bann nur, ich solle, aber am Grab nicht lachen, sondern, wenn ich da etwas hören oder sehen würde, das ich nicht verstehen könne, solle ich mir schnell die Nass putzen mit dem Taschentuch, das sie am Grabs für mich bereit halte. ... Hnd wir gingen zur Beerdigung.
Hm das offene Grab herum, auf dem ein brauner Sarg auf zwei Querbalken ruhte, standen außer jenen vielen schwarzbekleideten Frauen und Männern auch einige ganz seltsame Soldaten, die Gewehre bei sich hatten. Viele betupften, während einer einen Vortrag hielt, mit Taschentüchern ihre Gesichter, und zwar immer und immer wieder. Hnd da ihre Augen dabei tränten, dachte ich, sie hätten alle so verzwiebelte Taschentücher. Beinahe hätte ich da gelacht. Slber sie fingen alle auf einmal an, gemeinsam ein Lied zu fingen. Hnd da vergaß ich zu lachen und horchte. ... 3edoch — als schließlich der 6arg in das Grab binuntergelaffen worden war, und sich nun zu beiden Seiten des Grabes die seltsamen Soldaten aufstellten, da staunte ich, und zwar erst recht, als sie mit ihren Gewehren im Die Luft zielten. Hnd gerade als ich verwundert hochgeschaut hatte und schon sagen wollte: „Mer sieht ja da obe gar keine Spähe", da flüsterte ich, weil sie gerade in die Luft schossen, meiner Mutter au: „Schnell bas Taschentuch, mir läuft die Nas'I" — Sie reichte es mir unb sagte dabei: „Bub. des war gescheit!" Hnd als ich dann sah, daß all' die vielen Frauen unö Männer ganz dicht an das Grab herangingen und — ich da auf einmal hörte, baß die Crdbrocken, die sie in das Grab auf den 6arg fallen liehe«, auf dem Sarg so polterten, da horchte ich ganz gebannt hin.
3a, als wir dann alle kaum von dem (Stab weggegangen waren, hörte ich auf einmal, daß sich jenes Gepolter auf dem Sarg da unten im Grab verstärkt hatte. HeimKch schlich ich von der Seite meiner Mutter zurück zum Grab. Da sah ich. bahZPNänner viel Erde auf den Sarg da unten schaufelten. 3ch rief ihnen zu: „3s da unne in dem Sarg mein Großvatter ürinn?!“ Hnd es polterte unb polterte weiter. Hnd einer der Männer, die da so schaufelten, antwortete mir, während es so polterte: „3a!“ — Ein unheimliches Gefühl jagte mich zu meiner Mutter. Wortlos reichte ich ihr jenes Taschentuch. Hnd sie nahm es mir ab.
Hnd wenn sie mich später manchstial fragte, warum ich so stille fei, da schwieg ich erst recht; denn — ich dachte an das Gepwlter.


