Samstag, 8. Zuni 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 152 Zweites Blatt
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orgcn Sonntag, abends 8 Uhr
oerleibt loitenl. geg, M Mark Darlehen, aus 6 Monate. Echr. Angeb. unt. 03670 an den Eleven. Anreiz.
Ohne Zweifel gibt dieser Wahlausgang der Abrüstungspolitik Hoovers einen neuen Stoß. 3n der nächsten Zeit trifft sein neuer Botschafter in London ein, der bekannte General Dawes, nach dem der Plan heißt. Er wird Vorschläge für Abrüstungsverhandlungen mitbringen und er wlrd, wie eben vor einer großen Berliner Zuhörerschaft Lord Robert Cecil feststellte, im neu- gewählten Parlament von Westminster „eine überwältigende Mehrheit für die Abrüstung" d. h. zunächst für ein Rüstungsabkommen zwischen England und den Bereinigten Staaten vorfinden!
Teilung zwischen Miteigentümern. Zwangsversteigerung und Abtretung der Rechte aus dem Meistgebot. Der §30 geht so weit, der Veräußerung eines Gewerbebetriebs als ganzen oder eines Teils des Gewerbebetriebs (z. B. einer Zweigniederlassung) die Aufgabe eines Gewerbebetriebs gleichzustellen. Zur Ermittelung des Gewinns ist hierbei von den Deräußerungspreisen der einzelnen, dem Betrieb gewidmeten Gegenständen auszugehen, und für Gegenstände, die nicht veräußert werden, an Stelle des Veräußerungspreises der gemeine Wert im Zeitpunkt der Aufgabe zu sehen. Unter die Ausgabe eines Gewerbebetriebs fällt nur die Ausführung des Entschlusses (freiwillig oder unfreiwillig) des seitherigen Inhabers. Es kommt hier z. V. die völlige Stillegung oder die Verpachtung in Frage. Der Tod des Unternehmers ist jedoch keine Geschäftsaufgabe. Führen die Erben den Betrieb fort, geben ihn aber nach einiger Zeit auf, so fliehen ihnen die sich ergebenden Gewinne als Einkommen zu. Erfolgt in derartigen Fällen die Veräußerung innerhalb drei Jahren, so wird auf Antrag der Teil der Erbschaftssteuer auf die Einkommensteuer angerechnet, der auf den Unterschied zwischen dem der Veranlagung zur Erbschaftssteuer zugrunde gelegten und dem bei der Veranlagung des Rechtsvorgängers zur Einkommensteuer zuletzt angesehten Werte des Betriebsvermögens entfällt. Der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse folgend hat auch der Gesetzgeber der Veräußerung eines Gewerbebetriebs als ganzen, oder eines Teils des Gewerbebetriebs die Veräußerung von Anteilen an einer Erwerbsgesellschaft (G. m. b. H.-Anteilen,
nicht spricht. Und doch bin ich überzeugt, daß ich nicht der einzige bin, der die verworfene. herUose Phantasie hat, die für diese Wünsche wohl notwendig ist.
Zum Beispiel: wenn Sie an einem Wasser stehen und den weißen Rettungsring betrachten, unter dem das vergilbte, merkwürdig starre Bild eines aus dem Wasser Gezogenen hängt, der von einem tüchtigen Vollbart mit sachkundigen Griffen ins Leben zurückgerufen wird, — haben Sie da noch nie den Wunsch gespürt, daß endlich jemand vor Ihren Augen ins Wasser falle, dem Sie den Rettungsring zuwerfen könnten? Ich kannte, einen älteren Herrn, der jeden Tag vor einem solchen weißen Rettungsring voller Erwartung auf einer Bank saß. Als endlich eine junge Dame vor seinen Augen über das Geländer sprang, und ec mit fiebernder Erregung nach dem Ring griff. — wurde ihm kaltherzig bedeutet, es handle sich nur um eine Filmaufnahme. Tief enttäuscht kehrte er auf seine Bank zurück.
Aber der Wunsch, der mich am meisten quält, ist der Griff nach der Rotbremse. Ich setze mich schon immer dorthin, wo der versiegelte Griff von der Decke hängt. Aber noch nie, noch nie habe ich danach greifen dürfen.
Rur einmal 'wäre mein Wunsch beinahe in Erfüllung gegangen. Cs war im alten Rußland, nahe bei Dünaburg. Damals gab es noch keine Rotbremsen, nur Rotleinen, braune Stricke, die außerhalb oben an den Wagen entlang bis zur Lokomotive liefen. Man mußte sich also zum Fenster hinausbeugen, um an der Rotleine zu ziehen. Irn Abteil mir gegenüber sah nur ein stummer Herr, der in einen Roman vertieft war. Plötzlich begann der Wagen zu schleudern, auf den Schienen zu springen. Ich stürzte zur Rotleine. Aber der stumme Herr war mir zuvorgekommen: er streckte den Arm schon zum Fenster hinaus, und, während er am Strick zog. keuchte er mit bebenden Lippen, mit einem von tiefster innerster Befriedigung strahlenden Blick:
„Lassen Sie mich: dies ist der größte Wunsch meines Lebens!"
Der Zug hielt. Ein paar Räder waren aus den Schienen gesprungen. Es war eine meiner bittersten Enttäuschungen: daß ich nicht selbst die Rotleine gezogen hatte.
Aber vielleicht habe ich noch einmal Glück. Bet unerfüllten Wünschen darf man nie die Hoffnung aufgeben. Und gerade deshalb sind sie so schön. Mit jeder Erfüllung werden wir um eine Hoffnung ärmer. Und wer nichts mehr zu wünschen hat, ist dec ärmste Mensch. Selbst wenn ec im Rolls Royce durch die Welt rast.
Unerfüllte Wünsche.
Von Siegfried von Vegesack.
Ich meine nicht die banalen Alltagswünsche, die heute jedermann hat, wenn sie noch nicht erfüllt sind: Auto, Villa, Radio, oder, bei bescheideneren Ansprüchen, — Motorrad und Weekend-Häuschen. Rein, diese Wünsche interessieren mich nicht. Sie sind Massenartikel im großen Schaufenster des Warenhauses unserer Träume, wie Kinderspielzeug verlockend ausgestellt. Man drückt sich die Rase platt, alles ist greifbar, alles ist nah, und nur die kalte Glasscheibe trennt uns vom Gegenstand unserer Sehnsucht.
Auch vom „großen Los" will ich nicht sprechen. Das ist ein käuflicher Wunsch. Für ein paar Mark kann sich jeder diesen billigen Glückstraum verschaffen. Ich habe es ein paarmal getan. Aber ich tue es nicht mehr. Wünsche, die nichts kosten, sind nämlich noch billiger.
Run denken Sie natürlich, ich meine eine Erbschaft. Rein, Sie irren sich. Erstens habe ich keine zu erwarten. Und zweitens, — darüber würde ich nicht schreiben. Iedenfalls nicht so schreiben, wie ich über Erbonkel, Erbtanten und dergleichen denke. Uebrigens gibt es diese lieben Menschen nur in Romanen. Dort sind sie abschreckend geizig, unwahrscheinlich reich und von unheimlich zäher Lebenskraft. In Wirklichkeit sind sie von rührender Hilfsbereitschaft, auch wenn sie nichts haben, unb ft erben viel zu schnell. (Liebe Erbtante, ich hoffe, daß Du noch recht lange lebst. Bevor Du aber ein Testament machst, lies bitte, wie nett ich über Dich geschrieben habe!)
Auch von den kleinen unerfüllten Wünschen des Alltags will ich nicht sprechen: daß man auf den Postämtern anständige Federn auslegt, statt der verbogenen Besenstiele, oder verrosteten Rüget, mit denen man nichts anfangen kann, besonders, wenn auch das Tintenfaß bis auf den Grund eingetrocknet ist. Daß man in den Hotels Decken und Laken bekommt, die man richtig am Fußende einstopfen kann, und die trotzdem über die Schulter reichen. Daß die Eier zum Frühstück abgeschreckt werden, so daß man nicht eine halbe Stunde an der Schale zu fnibbern braucht.
Das alles sind kleine bescheidene Wünsche, die so leicht zu erfüllen wären, daß niemand sich ernstlich um ihre Erfüllung bemüht. Und so teilt auch ich nicht weiter auf diese traurigen Dinge eingehen.
Rein, ich meine ganz andere unerfüllte Wünsche. Heimliche, verborgene Wünsche, von denen man
Gießener Gtadttheater.
Thcrcmin-Trio: „Aetherwettcn-Musik".
Professor Therernins „Aetherwelleninstru- ment", das vor zwei Iahren auf der Ausstellung „Musik im Leben der Völker" in Frankfurt a. M. voraeführt und dessen Wirkung seinerzeit mit großem, man kann sagen überschwenglichem Enthusiasmus aufgcnommen wurde, wurde am Donnerstag einem nicht sehr großen Kreis von Hörem im Stadttheater bekanntgemacht. Auf den Ankündigungen stand ..Aetherwellenmusik" und „Musik aus der Luft": beides recht problematische Begrifse. Im großen und ganzen ist die an sich geniale Apparatur im Zeitalter des Radio einigermaßen verständlich. Eine heute jedem bekannte Radioröhre ist der Schwingungserzeuger, der seine elektrischen Wellen durch eine Antenne (in diesem Fall ein Metallstab) ausstrahlt. Verändert man nun die Kapazität der Antenne durch Bewegung eines Gegenstandes (z. D. einer Hand) in ihrer Rahe, so wird dadurch seine Schwingungsänderung der Röhre hervorgerufen, und dadurch eine Veränderung der Tonhöhe erzeugt. Durch entsprechendes Hin- und Herbewsgen der Hand lassen sich auf diese Weise beliebige Tonfolgen Herstellen. Durch geeignete Koppelung mehrerer Schwingungskreise läßt sich die Erzeugung einwandfreier Töne und Obertöne erreichen. Die Verstärkung geschieht durch Lautsprecher. Ein mit dem Fuß bedienter Widerstand regelt die Tonstärke von starkem Forte bis zum leisesten Piano, und ein Schallknopf gestattet die Mnter- brechung der Stromgefahr und ermöglicht so em Staccato-Spiel und das Meberfpringen größerer Intervallen, ohne die Zwischentöne hören zu lassen. Das Spielen selbst besteht in der Bewegung einer Hand auf die Antenne zu oder von ihr ab. je nachdem ein hoher oder tiefer Ton erzeugt werden soll. Wird die Hand ruhig gehalten, dann ist der Ton trocken und ausdruckslos, aber durch Vibrieren, ähnlich dem Vibrieren beim Streichinstrument, bekommt der Ton Schmelz und Fülle, so daß man zuweilen den Eindruck hat, eine Singstimme oder eine Geige zu hören. .
Durch besondere Apparate, die jedoch hier nicht zur.Verfügung standen, lassen sich auch andere Instrumenten ähnliche Klangfarben erzielen. Eine gewisse Gestaltung erlaubt ferner eine Echowirkung, die allerdings besonders überraschend ist. Man glaubt den Ton vom anderen (Snöe_ des Saales kommen zu hören und hat unwillkürlich das Bestreben, sich durch Mmdrchen davon zu überzeugen, daß dort hinten fein Lautsprecher aufgebaut ist.
Bund Deutscher Zivilsupernumerarc, der Bund Deutscher technischer Zollbeamten und der Bund Deutscher Reichssteuerbeamten veranstalteten eine öffentliche Kundgebung der oberen Beamten. Wirkt. Admiralitätsrat Dr. jur. E. Apc l sprach über das Thema „Verwaltungsreform und Beamtennachwuchs". Die Verwaltungsreform, so betonte er, werde auch zu prüfen haben, welches die zweckmäßigste Art der Verteilung der Arbeit auf die Kategorien der Beamten ist, und welche Arbeit an Angestellte und Arbeiter abzugeben wäre. Bei dieser Prüfung müsse davon ausgegangen werden, daß den höheren Beamten nur diejenige Arbeit belassen werden dürfe, für die akademische Bildung erforderlich sei. Alle anderen Arbeiten, die akademische Bildung nicht notwendig machten, müßten auf die den höheren Beamten zunächst stehenden oberen Beamten übergehen. Mm diese Arbeiten sachgemäß erledigen
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Verwaltungsreform und Beamtennachwuchs.
TM. Der Reichsbund der Amtmänner,
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Dem Grundgedanken des Einkommensteuergesetzes folgend, Konjunkturgewinne erst bei der Realisierung der Besteuerung zu unterwerfen, bestimmt § 30 des Einkommensteuergesetzes, daß als Einkünfte aus Gewerbebetrieben auch Gewinne gelten, die bei gänzlicher oder teilweiser Veräußerung eines Gewerbebetriebs erzielt werden. Hierdurch werden die ©etoinne. versteuert, die bis zur Veräußerung als nicht realisierte Konjunkturgewinne nach den Vorschriften des Einkommensteuergesetzes bisher nicht versteuert wurden. In Wirklichkeit handelt es sich in den meisten derartigen Fällen wohl nicht um „Konjunktur-Gewinne, sondern diese Gewinne stellen die Vergütungen für jahrelange Rührigkeit und Tüchtigkeit dar. Denn besonders hierdurch gewinnt ein Unternehmen an Wert. Die Zurechnung zum gewerblichen Einkommen findet ihre Stühe sowohl im Schrifttum und in der Rechtsprechung zum Handelsrecht, als auch in der Rechtsprechung des Reichsfinanzhofs. Die Veräußerung eines Gewerbebetriebs stellt den letzten gewerblichen Akt dar.
Auch die Veräußerung von Beteiligungen eines persönlich hastenden Gesellschafters einer Kommanditgesellschaft auf Aktien, von Anteilen eines Gesellschafters, der als Mnternehmer (Mitunternehmer) des Betriebs anzusehen ist (Offene Handelsgesellschaft, Kommanditgesellschaft), fällt unter die Desteuerungsvorschrift des § 30 des Einkommensteuergesetzes.
Der Begriff „Veräußerung" ist nicht gleichzustellen mit dem Begriff „Verkauf". Er ist weiter- gehend. Es fällt hierunter auch z. D. der Tausch,
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Die Einkommensteuer bei der Veräußerung eines Gewerbebetriebs
Von Steuerinspektor Frees, Gießen.
xu können, bedürfe es einer vollwertigen Vorbildung für den Rachwuchs der oberen Beamten. Als vollwertig sei aber nur diejenige Schulbildung anzusehen, die mit der Reife einer neun* stufigen höheren Lehranstalt, also mit dem Qlbi- turium abschließe. Eine so gehobene Vorbildung sei ferner auch deshalb nötig, weil die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die Kompliziertheit und das Anwachsen der Gesetzgebung die Aufgaben des Beamten ganz außerordentlich erschwerten und gerade von den oberen Beamten eine sehr erhebliche geistige Mehrleistung forderten. Eine Derwaltungsreform, die diesen psychischen Faktoren nicht Rechnung trage, sei zum Mißerfolg verurteilt.
Die Versammlung stimmte sodann noch einer Entschließung zu, die u. a. auch an den Reichsinnenminister übermittelt wurde und in der die Versammlung ihrer Ansicht dahin Ausdruck gab, daß die Vorbildung für die oberen Beamten des Reiches, der Länder und der Selbstverwaltungen mit Rücksicht auf die tatsächlich vorhandenen erhöhten Dienstaufgaben auf die in Gang befindliche Verwaltungsreform und auf die damit in Verbindung stehenden Leistungsanforderungen im Interesse einer gut und sicher arbeitenden Verwaltung, einer billigen und rationellen Geschäftsführung und im rationellen Interesse der Wirtschaft nur das Abiturium sein könne. Die Versammlung ist sich bewußt, daß die enge Verbundenheit zwischen Richtbeamten und Beamten im dringendsten Staatsinteresse liegt und daß somit die Forderung des Abituriums nicht llassenaufrichtend wirken oder etwa grundsätzlich dem Mebertritt von Beamten niedrigerer Laufbahnen in die obere Laufbahn unterbinden soll.
Zum ersten Punkt zunächst: Die Wahlre - form ist eine Forderung der englischen Liberalen, sie war eine für die Labourpartei. Seitdem diese aber zur heutigen Größe aufgestiegen ist, ist sie in der Wahlreformfrage lau und ablehnend. D. h., daß Konservative und Labourpartei sich einig sind, nach äußerster Möglichkeit zwischen sich die Liberalen zu zermahlen und so zum alten Zweiparteiensystem zurückzukehren. Darum hat auch zunächst Macdonald die Fühlungnahme zu den Liberalen, die nach unserem Begriff das berühmte Zünglein an der Waage sind, abgelehnt. Das Kabinett Baldwin ist zurückgetreten. England erhält ein Cabourfabinett, das zweite in seiner Geschichte, aber mit gleich unsicherer Stellung wie das von 1924. Es kann jederzeit gestürzt werden. Es kann aber auch eine Weile am Ruder geduldet werden, was natürlich bedingen würde, daß es spezifisch sozialistische Experimente zurückstellt. Die Vorstellung einer Koalitionsregierung nach unserem Begriff, geht den Engländern so gegen den Strich, daß sie es lieber auf diese Weise versuchen. Man muß zugeben, daß man sich drüben auf die Weise recht viele unerfreuliche Mnklarheiten, Kompliziertheiten und dgl. erspart, die auf dem Fest- lande das politisch-parlamentarische Leben gerade nicht leichter machen.
Die Lage ist nun so, daß die Wahlen eine antisozialistische Mehrheit ergeben haben: Konservative und Liberale sind bei aller Feindschaft gegeneinander darin sich einig und bilden sozusagen eine antisozialistische Front. Mm- gekehrt ist eine unbedingte Mehrheit (Liberale und Labour) vorhanden für eine mindestens in der Methode andere Außenpolitik, für eine aktivere Friedenspolitik, zu der die Betrachtung der Lage Englands ja geradezu zwingt (Genf, Rußland, China, vor allem das Verhältnis zu Amerika).
So ist eine reichlich schwierige Lage entstanden, von der wir noch nicht sehen, wie Macdonald sie auf längere Zeit meistern soll und ob es möglich fein wird, dem Land baldige Reuwahlen zu ersparen. Darum wäre es verfrüht, schon über die außenpolitischen Folgen des Wahlergebnisses Betrachtungen anzustellen. Das ist jedoch sicher, daß mit einem Kabinett Macdonald eine neue Phase der französisch-englischen Beziehungen beginnt und daß Macdonald selbst für die englische Außenpolitik im Sinne des Friedens das Leitwort aufgestellt hat. in deutlichem Gegensatz zu Chamberlain: „Wir müssen führen, nicht folgen!“
So richten sich also die Augen nicht nur Englands. sondern eines großen Teiles der Welt auf Ramsey Macdonald. 1866 geboren, ein Schotte, aus kleinsten Verhältnissen. Kind eines armen kleinen Bauern, ist er zum Premierminister Englands aufgestiegen. Welch ein Mn- terschied gegen einen anderen, gerade in diesen Tagen verstorbenen früheren Premierminister Englands, den Lord Rosebery! Durch eigene Kraft ist der Mann aufgestiegen, wobei er viel seiner Frau verdankt, einer Verwandten eines anderen großen Premierministers, G l a d st o n e. Man kennt die schöne Biographie, die Macdonald dieser seiner ihm durch den Tod entrissenen Lebensgefährtin gewidmet hat und die auch in das Innere deS Mannes selbst einen Blick tun läßt. Er ist der Führer der Labourpartei, die ihm viel für ihren Aufstieg verdankt. Aber er ist das nicht unbestritten, und es ist auch zweifelhaft. ob seine Konstitution und seine Rerven den Riesenaufgaben, zu denen er jetzt berufen wird, gewachsen sind. Die Aufgaben sind groß für England, noch mehr aber für.Europa!
Mnter denen, die ihren Blick auf diesen Mann nun lenken, ist vor allem der Präsident der Vereinigten Staaten. Richt ohne Absicht hat er hart vor der Wahl beim Gedenktag der Kriegstoten eine neue Abrüstungsrede gehalten.
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Welche praktische Verwendungsmöglichkeit besteht für dieses neue Instrument? Als Solo- instrumcnt ist es, und das bewies auch die Vor- tragsfolge, die sich, vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen, auf nicht sehr großer Höhe bewegte, nur an langsame und getragene, mit geringen Verzierungen versehene Stücke angewiesen. Da das Ohr die einzige Kontrolle für reine Intonation ist, so ist für den Spieler ein gutes Gehör erste Vorbedingung, um so mehr, als nur kleine Entfernungsänderungen der Hand schon erhebliche Tonschwankungen erzeugen. Als Orchesterinstrument ist es ebenfalls, und vielleicht mehr noch, auf eine langsame Bewegung angewiesen. In einem amerikanischen Orchester sollen sich zwei solche Instrumente zur Verstärkung der Bässe finden, aber diese Tatsache genügt nicht, um die sichere Verwendungsmöglichkeit als neues brauchbares Musikinstrument zu beweisen. Gewiß ist der elektrische Tonerzeugungsapparat allein geeignet, durch entsprechende Schaltungen kleine und kleinste Intervalle sicher zu intonieren und damit das Problem der Viertel- und Drittelton- Musik seiner Lösung näherzubringen, aber gerade der Thereminsche Apparat begibt sich dieses Vorteils, da er die Tonhöhe von der frei vor die Antenne gehaltenen Hand abhängig macht. Etwas zu wenig oder zuviel hat Mnreinheit zur Folge. Auch dies ließ sich bei der Ausführung des Programms ab und zu feststellen.
Die Erfindung eines elektrischen Apparates zur Erzeugung von Tönen und bestimmten Klangfarben des jetzt als Professor am staatlichen physikalisch-technischen Institut in Leningrad tätigen Leo Theremin ist zweifellos von weit- tragender Bedeutung, aber solange sein Instrument nicht mit einer Vorrichtung (Tastatur, Grifs- skala oder Schalttafel) versehen ist, die neben dem Gehör auch den Gefühls- und Gesichtssinn zur Kontrolle der erzeugten Tonhöhe heranzieht, ist seiner praktischen Verwendungsmöglichkeit als Musikinstrument eine enge Grenze gezogen. Daran ändern auch alle günstigen Mrteile nichts, denn diese beziehen sich auf die Klangfarbe, und die ist sehr schön. Somit kann man ruhig sagen, daß dem Instrument die Bedeutung, die ihm vielfach in der Oeffentlichkeit und nicht zuletzt in Fachkreisen zugesprochen wird, nicht zukommt, und daß die Behauptung seiner Verfechter, „für eine künftige Entwicklung der Musik etwas zu gelten" ziemlich kühn erscheint.
Die drei Ausführenden W. K a 1 e i k y , A. Lubin und Prof. Lewin (Flügel) wurden ihrer Aufgabe recht gut gerecht. Das Publikum durfte am Schlüsse selbst seine Kunst erproben. Der Beifall war sehr herzlich. B.
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Oer Sieg Macdonalds.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. D.
Die diesmaligen englischen Wahlen sind ohne Zweifel innen- und außenpolitisch von einer Bedeutung. wie englische Wahlen seit langem nicht. Aber es ist nicht ganz leicht, ihrem Ausfall gerecht zu werden und ihre Folgen mit einiger Sicherheit zu beurteilen. Bekanntlich haben die -Konservativen 8.6. die Labourpartei 8,3, die Liberalen 5,3 Millionen Stimmen erhalten. 6 Millionen Wahlberechtigte haben sich nicht an der Wahl beteiligt. Fast 14 Millionen haben sich also gegen die bisherige Regierung ausgesprochen, nur 8 dafür. Insofern ist das Ergebnis unstreitig eine glatte Riederlage des Kabinetts Baldwin.
Warum waren fast zwei Drittel der Wahlberechtigten gegen das bisherige Regime? Wegen des Mangels an innen- und außenpolitischen Erfolgen, der nicht zuletzt verschuldet war durch die mehr als gemäßigte und zurückhaltende Politik Baldwins und durch die Verschiedenartigkeit der Strömungen in der konservativen Partei, sowie vor allem durch eine in den letzten Iahren immer erfolglosere Außenpolitik Chamberlains. Das steht auch fest: die konservative Partei Englands hat eine unvergleichliche Gelegenheit, mit einer absoluten Mehrheit, so groß wie unseres Wissens niemals ein konservatives Kabinett sie gehabt hat, versäumt. Sie hätte eine neue konservativ-positive Politik drinnen und draußen treiben können. Sie hat es nicht sertiggebracht. Sie hat weder gegen die Arbeitslosigkeit erfolgreich gekämpft noch die Krise des Kohlenbergbaues in Wales behoben, obwohl im einzelnen eine ganze Reihe guter Maßnahmen zustande kam. Sie hat sich in der Außenpolitik gänzlich ins Schlepptau Frankreichs nehmen lassen und damit, wie oft hervorgehoben, die Stagnation der großen Politik Europas verschuldet, unter der dieses heute leidet. Sie hat auch die eigentliche britische Reichspolitik keinen Schritt weitergebracht. Meberhaupt hatte das ganze Kabinett etwas Mnjugendliches, Mnpositives, Starres. Daher hat zwär die Partei die alten Wähler im großen und ganzen festhalten können, aber sie hat di e Iugend nicht oder nur teilweise gewonnen.
Wer hat gewonnen? Das Weitere, das sest- steht, ist, daß der große „liberale Aufschwung", von dem Lord George soviel sprach, trotz zweifellos vorhandener positiver Gedanken des Führers auSgeblieben ist. Den Hauptgewinn hat die Labourpartei davongetragen. Mnd soweit sich das überhaupt bisher übersehen läßt, haben die jungen Wähler, ganz besonders die diesmal zum ersten Male mit dem Wahlrecht ausgestatteten weiblichen Wühler zwischen 21 und 30 Iahren für die Labourpartei gestimmt. Man will sogar beobachten, daß in den konservativen Familien Vater, Mutter und Sohn gemäß der Meberlieferung konservativ gestimmt, die jetzt wahlberechtigten Töchter aber sich davon sreigemacht haben. Der Wahlausgang bietet also sowohl für die Probleme einer wirllich positiven Politik wie für das Gencra- tionsproblem recht interessante Beobachtungen.
Das Weitere aber ist sehr kompliziert. Rach dem englischen Wahlsystem, das nicht die Verteilung der Mandate proportional kennt, war eine Mandatsverteilung nur möglich wie diese: Labourpartei 288, Konservative 255, Liberale, die ja zweifellos im Verhältnis zu ihrer Stim- inenzahl lächerlich oder ungerecht wenige Mandate haben, 58. Das alte Zweiparteiensystem ist dahin, aber eine absolute Mehrheit hat keine der drei Parteien erreicht.
lallen. 1,2,3.4 und ' mm wieder am Lager. 6785D CarlSchunck
WH auch geteilt, gut gereinigt unb gekühlt, adzugeben. Schritt!. Angcb. unter 03661 a. b. Wieg. Anzeiger,


