Ausgabe 
8.6.1929
 
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Samstag. 8 Juni 1929

179. Jahrgang

Nr. 152 Erstes Blatt

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Dr. Friedr. Will). Lang«. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

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Die Illustrierte

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Das Ergebnis.

Wir Deutschen neigen offenbar wohl in be­sonderem Mähe dazu, in kritischen außenpoli­tischen Situationen nervös zu werden und dann in dieser unerfreulich gespannten Stimmung himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt erst einmal innerpolitisch einen erbitterten, gehässi­gen. von Vorurteilen und kleinlichen Böswillig­keiten geleiteten Kampf zu inszenieren mit dem einzigen unzweifelhaften Ergebnis, daß dem außenpolitischen Gegner schlagend bewiesen wird, mit so etwas wie einer einheitlichen Stimmung, von Einheitsfront schon gar nicht zu reden, einem entschlossen und geschlossen nach außen gerichteten 2lbwehrwillen des deutschen Volkes brauche er auch diesmal nicht zu rechnen. Den unglückseligen Wirkungen dieser Äervosität verdanken wir nicht zuletzt das Versailler Diktat und die Reihe der Mißerfolge, die seitdem unsere Außenpolitik in stattlicher Zahl zu verzeichnen hatte. Gewiß, wir dürfen niemals vergessen, daß wir es waren, die den Krieg verloren haben, wir dürfen den Lei­tern unserer Außenpolitik nicht zur Last legen, woran unsere effektive Machtlosigkeit Schuld trägt. Aber der Vorwurf kann ihnen nicht erspart werden, daß sie kaum jemals verstanden haben, in den großen Schicksalsstunden der letzten Jahr­zehnte über alles Trennende der Parteien und Stände hinweg, weit jenseits der Rie­derungen alltäglichen Zanks und Streits einen deutschen Volkswillen zu schaffen, und in den wenigen Fällen, wo dies gelungen war, wie in den Augusttagen des Kriegsjahres 1914 oder in der Zeit des passiven Widerstandes gegen den Ruhreinvruch Poincares, ihn zu erhalten und auszumünzen, solange es Zeit war. Unsere offi­zielle Politik neigt dazu, in Optimismus zu machen. Ausgerechnet an diese Tradition der wilhelminischen Aera anzuknüpsen, war zweifel­los verfehlt. Man glaubt oder glaubt man's vielleicht im tiefsten Herzen selbst doch nicht einmal?, es werde schon nicht gar so schlimm kommen, wie es sich im Anfang zwar anlasse, und dann wird gegen die Schwarzseher vom Leder gezogen, die ihre Bedenken gegen den rosenroten Optimismus der amtlichen Opportuni­tätspolitiker nicht unterdrücken mögen. Wir wissen wohl, wir sind vorwärts gekommen in den letzten zehn Jahren, sehr langsam zwar, kaum merklich für den, der mitschaffend alle Phasen dieses furchtbaren Jahrzehnts mit durchlaufen hat, aber erste mühsame und doch kaum spürbare Schritte find getan. Freilich viele und schwere Rück­schläge zeichnen den Weg, und manche hätten sich vermeiden lassen, manche kleinen Erfolge sich ausweiten lassen, wenn man es verstanden hätte, aus dem zwar schwierigen, aber wirkungsvollen Instrument der öffentlichen Meinung zu spielen.

Die Pariser Konferenz der Sachverstän­digen bietet zu dem eben Gesagten die neueste, darum aber leider nicht weniger unerfreuliche Illustration. Richt allein, daß man es in Berlin geradezu ängstlich vermied, für die Unterstützung der deutschen Sachverstän­digenarbeit irgendwelche Direktiven auszugeben, und sich ideenlos darauf beschränkte, der deutschen Delegation immer wieder ihre Unabhängigkeit zu bescheinigen, ließen die verantwortlichen Stel­len es zu, daß die französische Presse aus einer ihr unbegreiflicherweise fast widerspruchslos ein­geräumten Monopolstellung heraus auch in Deutschland die Stimmung erzeugen konnte, die sie brauchte. Die Pariser Korrespondenten der deutschen Zeitungen dagegen hatten die größten Schwierigkeiten zu überwinden, um sich über den Gang der Konferenzarbeiten zutreffend zu in­formieren. Mit dem oft unzulänglichen, notge­drungen aus französischen, englischen und ameri­kanischen Quellen ergänzten Rachrichtenmaterial, das ohnedies häufig hinter den Presseäußerun- gen des Auslandes beträchtlich einherhinkte, war natürlich nur schwer eine öffentliche Meinung zu machen. Es ist anzunehmen, daß diese un- möglichen Verhältnisse, die übrigens schon von früheren Konferenzen erinnert ser nur an Genua eine Reihe von wenig rühmlichen Vor­läufern hatten, in ihrer Gesamtheit nach dem Abschluß der Pariser Konferenz von den beru­fenen Organisationen zum Gegenstand eingehen­der Besprechungen mit den verantwortlichen Stel­len der Reichsregierung gemacht werden.

Weit schlimmer als diese mehr technischen Ver­sager bei der Bildung der öffentlichen Meinung in Deutschland waren die psychologischen, die sich in erster Linie um das Ausscheiden Vog­lers gruppieren. Wir erinnern uns, daß Dr. Dögler. Generaldirektor der Vereinigten Stahl­werke, einer der klarsten, vorurteilsfreiesten und unbefangensten Köpfe der westdeutschen Schwer­industrie und gerade deshalb zweiter Delegier­ter Deutschlands auf der Sachverständigenkon­ferenz, es mit seinem Gewissen als Wirtschaft­ler nicht glaubte vereinbaren §u können, dem Kompromihvorschlag Voungs zuzustimmen, der die deuffche Leistungsfähigkeit unberücksichtigt ließ und politische Momente in den Vordergrund schob. Wir erinnern uns weiter, daß Dr. Vög- ler schließlich doch unter gewissen Vorbehalten zustimmte, sein Mandat jedoch niederlegte, als auch über diese von ihm als conditio sine qua non angesehenen Vorbehalte das bekannte Feilschen einsetzte. Statt nun aus diesem aufsehenerregenden Schritt des in der gan­zen Welt als eines der hervorragenden Führers der deutschen Wirtschaft geachteten und als Sachkenner anerkannten deut­schen Delegierten Kapital zu schlagen als eine letzte Warnung an die Verhandlungsgegner, den Dogen nicht zu überspannen, suchte die Berliner Regierung den Rücktritt ihres Beauftragten ganz

Der Bericht der Sachverständigen.

Oie Llnterzeichnung in Paris. - Oer Verlauf der Konferenz. - Oer neue Zahlungsplan. Oie internationale Reparationsbank.Oer neue Transferschutz.

Oie Schlußsitzung.

Unterzeichnung des Berichts. Eine An­sprache Owen Youngs.

P a r i s , 7. Juni. (IDB.) Die Reparalionskonferenz ist um fünf Uhr nachmittags zu ihrer letzten Sitzung zufammengetrelen. Es waren sämtliche Delegierte anwesend mit Ausnahme von Pierponl Morgan, Sir Josiah Stamp, der bereits gestern nach Eng­land gereift ist, und dem Brüsseler Francqui. Die Delegierten hatten ihre Plätze in der Reihen- olge wie bei der Lrössnungssihung um den grünen Tisch erhalten, in alphabetischer Anordnung der Län­der nach dem französischen Alphabet. Zuerst kamen also die deutschen Delegierten, Dr. Schacht und ftaff (, dann folgten die Belgier, hierauf die L n g l ä n de r. Am Kopfende der Tafel sah Owen J o u n g, der den Vorsitz hatte. An seiner Seite die amerikanischen Delegierten Lamont und Per- k l n s. Owen Poung erklärte, daß der Zeichnungs­akt beginne. Es wurden zwei Texte des Berichtes, in englischer und sranzösischerSprache, unterzeichnet. Die Unterzeichnung des Berichtes in deutscher und italienischer Sprache wird nachgeholt, da die Uebersehungen noch nicht fertig- gestellt waren. Owen Poung forderte die deutschen Delegierten auf, zuerst den französischen Text zu unterzeichnen, und die belgischen Delegierten, zunächst den englischen Text zu unterzeichnen. Der Unter- zeichnungsakf war um 6,10 Uhr beendet, hierauf hielt Owen D. Poung folgende Schlußrede:

Meine Herren vom Sachverständigenausschuhf Nachdem die Unterzeichnung vollzogen ist, möchte ich Ihnen zu der erfolgreichen Vollendung unserer Arbeiten meinen Glückwunsch aussprechen. Ihre Ausgabe ist in der Tat eine schwere gewesen. Der Plan ist nicht ein im Geheimen von rein techni- chen Sachverständigen verfertigter, sondern er hat all die allgemeinen Faktoren berücksichtigt, die eine Lndregelung berühren. Auf diese Art funktionieren klug geleitete Gefchäftsunternehmen. und als Ge­schäftsleute haben wir hier diese Methode eingeschlagen.

Wir dürfen wohl mit Recht für den Plan in Anspruch nehmen, daß er unsere be ft erwo­genen Urteile über das erkennen läßt, was eine Regelung darftellen sollte, die nicht durch Be­ratung der Regierungen, sondern der Völker zu- standegekommen ist. Dieses Urteil ist unter Mit­wirkung einer Presse entstanden, die durch moderne Verbindungsmittel in jedem beteiligten Lande der Welt zur sofortigen Wirksamkeit gebracht werden konnte.-

»

Die Unterzeichungsformalitäten wurden durch zahlreiche Kinooperateure aufgenommen. Bei der Aufstellung eines Kinoapparates entstand, kurz be­vor das Publikum zum Sitzungssaal zugelassen wurde, ein Brand durch Kurzschluß in diesem

Apparat. Die seidenen Borhänge einer Eingangs­tür fingen Feuer und brannten schließlich lichter­loh. Das Hotelpersonal löschte mit zwei Feuer­löschern den Brand in wenigen Minuten. Der ganze Sitzungssaal war mit Rauch gefüllt. Man mußte Türen und Fenster nach dem Lichthof öffnen. Die Delegierten waren inzwischen sehr kalt­blütig geblieben und hatten nicht einmal ihre Sitze verlassen.

Oer Bericht.

Berlin, 7. Juni. (WTB.) Der heute in Paris unterzeichnete Bericht des Sachverständi­genausschusses über die Reparationsfrage zer­fällt in zwölf Abschnitte:

Der Bericht macht zunächst einleitende Aus­führungen über die Ernennung der Sachverstän­digen. Rach kurzer Beschreibung der Verhand­lungen beschäftigt sich der Bericht eingehender mit der Einstellung des Ausschusses zu seiner Aufgabe. Es wird ausgeführt, daß die Sach­verständigen in gleicher Weise wie die Mitglie­der des Dawes-Komitees als Geschäfts­leute an ihre Aufgabe herangegangen und das unvollständige Werk der früheren Konferenzen durch eine Umtoanölung der Reparationsschuld aus einer politischen in eine kom­merzielle Verpflichtung zu fördern ver­sucht hätten. Dabei fei man zu dem Ergebnis gekommen, daß es nicht möglich fei, eine Lösung auf rein wirtschaftlicher Grundlage zu finden, da sich die Sachverständigen gewissen finanziellen und politischen Rotwendigkeiten ge­genüber gesehen hätten, deren Berücksichtigung nicht vermieden werden konnte.

Die Entscheidung hätte daher nicht nur auf wirtschaftlichen Erwägungen aufgebaut werden können, man habe vielmehr bis zu einem ge­wissen Grade auch politische Zweckmäßigkeits­gründe berücksichtigen müssen.

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit der ge­genwärtigen Wirtschaftslage und den Zu­kunftshoffnungen Deutschlands. Die deutschen Sach­verständigen haben dem Ausschuß erschöpfende Aus­kunft über den Bedarf der deutschen Wirtschaft an ausländischem Kapital in den letzten Jahren, sowie über die Umstände gegeben, die nach ihrer Meinung der Deckung des Bedarfs entgegengewirkt haben; sie haben sich insbesondere über die deutschen Vermögenswerte im Ausland und die Wiederher­stellung der Lager und des Produktionsapparates des Landes geäußert. Der Ausschuß stellte Erörte­rungen über die Produktivität des angelegten Kapi­tals sowie Vergleiche zwischen der Steuerlast und der öffentlichen Schuldenlast in Deutschland und in den anderen Ländern an.

Die deutschen Sachverständigen machten ferner vor dem Ausschuß Ausführungen über die ge­genwärtige Lage der deutschen Industrie und der deutschen Landwirtschaft, die allgemeine Lohn- höhe, den Haushalt, die Zahlungsbilanz, die finanzielle Auswirkung der Entschädigungen an deutsche Staatsangehörige, den Einfluß der ausländischen Zollmauern auf den deutschen Handel und die besondere Lage

eines Industrielandes wie Deutschland, das fein Betriebskapital zu ersehen hatte und zu gleiche« Zeit die Last schwerer internationaler Verbinde lichkeiten übernehmen mußte.

Die deutschen Sachverständigen legten besonde­ren Nachdruck auf die Frage der Deutschland , innerhalb und außerhalb seiner Grenzen zur | Verfügung stehenden natürlichen hilss- ; quellen und deren Bedeutung für Deutsch­lands Zahlungsfähigkeit.

Unter den Entwicklungsmerkmalen, die sich bei einem Ueberblick auf die letzten fünf Jahre ant stärksten abzeichneten, sei auf die Steuerkraft, die Transfermöglichkeit, den Einfluß ausländischer An­leihen und die Wiederherstellung der wirtschaftli­chen Leistungsfähigkeit Deutschlands hinzuweisen. Während in dieser Hinsicht die nichtdeutschen Sachverständigen zu der Ansicht gekommen seien, daß die Fähigkeit Deutschlands, jährlich Beträge in der Höhe des Dawesplanes im Wege innere« Besteuerung oder Anleiheaufnahmen auszubrin-, gen, nicht ernstlich in Zweifel gezogen werden könne, hätten die deutschen Sachverständigen die Auffassung vertreten, daß das ausländische Kapital, das in den letzten fünf Jahren nach Deutschland geströmt fei, diesteuerlicheLei- stungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft nur vorübergehend gesteigert habe, und daß die tatsächlich während dieses Zeitraums erhobenen Steuern zu einem beträchtlichen Teil aus der Substanz bezahlt worden seien, so daß es sehr zweifelhaft erscheine, daß Deutsch­land überhauvt aus Ueberschüssen seiner Wirtschaft zahlen könne. Demgegenüber kam der Ausschuß in seiner Gesamtheit zu dem Ergebnis, daß, ..wieweit auch immer die Unsicherheit über die Steuerfähigkeit als in der Zwischenzeit be­seitigt angesehen werden mag, jedenfalls hervor­gehoben werden müsse, daß er nicht in der Lage sei, aus der tatsächlichen Entwicklung der letzten vier oder fünf Jahre einen endgül­tigen Schluß auf die wirkliche Transfer- fähigkeit Deutschlands zu ziehen".

Ueber den Abschluß der Konferenz wird gesagt, daß man sich schließlich vorbehaltlich ge­wisser Einzelheiten, zu denen auch die belgische Markfrage gehöre, auf eine Durchschnilts- annuität von 2050,6 MillionenGold- m a r f geeinigt habe, die die Basis für die aus­gearbeiteten Vorschläge des Ausschusses bilde.

Alsdann wird näher auf

die neu 3U grünbenbe Internatio­nale Bant

eingegangen, die angesichts des finanziellen Cha­rakters des Reparationsproblems für die Durch­führung der zahlreichen mit ihm verbundenen bankmäßigen Aufgaben erforderlich sei. Der mit dem Dawes-Plan begonnene Prozeß der Ueber- leitung des Reparationsproblems von dem politi­schen auf das finanzielle Gebiet wird so einen Schritt weitergebracht. Die Bank wird die ganze Arbeit der äußeren Verwaltung leisten, wie denn Empfang und die Verteilung der Zah­lungen und die Kommerzialisierung derjenigen

zu vertuschen, und als dies nicht ging, wenig­stens in seiner Bedeutung für den Verlauf der Konferenz nach Möglichkeit zu verkleinern. _ Und die deutsche Linkspresse ergriff in oft bewährter Instinktlosigkeit mit Begierde die Gelegenheit, eine von langer Hand vorbereitete Verschwörung der deutschen Schwerindustrie gegen die Pariser Konferenz zu konstruieren, als deren Exponent Dögler angeblich sein Mandat niedergelegt haben sollte, um damit vor dem Zustandekommen einer Vereinbarung die Konferenz zu sprengen. An der Phantasie der Ullsteinleute und Genossen lag es gewiß nicht, wenn der Schrift Dr. Dög- lers trotz des merkwürdigen "Echos in Deutsch­land doch nicht ohne Einfluß auf die Arbeit seiner Pariser Kollegen blieb. Die Amerikaner setzten mit verstärktem Druck ein, und nun ge­lang es wider Erwarten doch noch nach einer an kritischen Phasen reichen Derhandlungszeit von drei Monaten zu einer Vereinbarung zu kommen.

Devor der Schlußbericht, den die Sach­verständigen den Regierungen erstatten, in seinem authentischen Wortlaut der Oeffent- lichkeit vorliegt, hält es schwer, zu dem materiellen Inhalt der Vereinbarungen Stel­lung zu nehmen. Die Annahme des von den Gläubigem noch modifizierten Voung-Planes be­deutet eine durch und durch politische Lösung. Mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands haben die Poungschen Zahlen nichts mehr gemein. Aber auch der Voung°Plan ist wie sein Vorgänger, das Dawes - Gutachten, eine Zwischenlösung, ein P r o v i s o r i u m, dessen Ab­änderung Deutschland beantragen kann, wenn seine Durchführung die deutsche Währung zu er­schüttern droht. Zahlenmäßig bringt der neue Plan gegenüber dem Dawes-Gutachten eine jähr­liche Ermäßigung um rund eine halbe Milliarde Mark für die nächsten 37 Jahre, eine Gesamt­summe von 36 Milliarden Mark gegenüber dem deutschen Angebot von 26 und der Gläubiger­forderung von 39 Milliarden Mark. Da der im Dawes-Plan vorgesehene Wohlstandsindex, dessen bei seiner merkwürdigen Konstruktion

zweifellos baldige Anwendung eine nicht unbe­trächtliche Steigerung der Dawes-Annuitäten über 2,5 Milliarden hinaus bedeutet hätte, künftig in Fortfall kommen soll, ist rein finanziell eine ge­wisse Erleichterung der Tributlast durch den Voung-Plan nicht zu leugnen. Auch daß der Reparationsagent verschwinden soll und mit ihm die Finanzkontrolle, die Verpfändung der Zölle und Verbrauchsabgaben, die Jndustrie- und Cisenbahnobligationen, bedeutet ein Plus für Deutschland.

Schwer und nicht ungefährlich sind hingegen die Zugeständnisse, mit denen Deutschland diese Erleichterungen erkaufen muß. Von den Jahreszahlungen des Voung-Plans bleiben 660 Millionen Mark^ transferungeschützt. Deutschland muh sie ohne Rücksicht auf die Sta­bilität feiner Währung zahlen und an die Gläu­biger übertragen. Der Transferschutz für den Rest der Annuitäten liegt in den Händen der unter Beteiligung Deutschlands neu zu gründen­den internationalen Reparationsbank. Bei einer Gefährdung der deutschen Reichsmark ?ann die Dank die Ueberlragung von Mark in Devisen und ihre Ueberweisung ins Ausland aussehen und Deuffchland kann fordern, daß die Hälfte der geschützten Annuitäten überhaupt nicht auf­gebracht wird. Der nächste Schritt zum Schutz der deutschen Währung wäre dann ein Zah­lungsmoratorium. Also auch der Voungplan sieht eine Reihe von Sicherungen vor. Wieweit sie geeignet sind, das Transfershstem des Dawes- planes vollauf zu ersehen, wird sich erst nach Bekanntgabe des authentischen Berichts ganz übersehen lassen. Durchaus unzureichend ist vor­läufig auch noch das Bild, das man sich über die 21 nach den 37 Voungannuitäten von je 2050 Mark folgenden Jahreszahlungen machen kann. Ihre Gestaltung wird von den Gewinn­möglichkeiten der Reparationsbank wesentlich abhängen, über deren Einrichtung und Funk­tionen noch zu wenig bekannt ist. Sie sollen ferner vermindert werden um zwei Drittel des Betrages, den Amerika unter Umständen an

seinen Schuldforderungen nachläßt. Auch dieS ist also ein Faktor, der heute auch nicht einmal andeutungsweise in Rechnung gestellt werden kann.

Der Voungplan scheint für die nächsten Jahre jedenfalls eine gewisse Entlastung zu bedeuten, wenn auch seine Durchführung zunächst ohne Auslandkredite ebenfalls kaum denkbar ist. Die weitere Entwicklung wird wesentlich davon ab­hängen, ob es der deutschen Wirtschaft in dieser Atempause man wagt es kaum so zu neuner! gelingen wird, genügend Sparkapital zu bil­den. Aus dieser Rotwendigkeit geht schon her­vor, daß die Erleichterungen aus dem Voung­plan ausschließlich der Wirtschaft zu­gute kommen müssen. Traurige Erfahrungen zwingen, heute schon dagegen zu protestierc.i, die Ersparnisse aus den verminderten Reparations- leistungen in das Danaidenfaß der Staats, inan- zen zu schütten. Dem Vampyr der Bureaukratie, die glaubt, nun wieder einmal ein paar Monats lang aus dem Vollen wirtschaften zu können, muß von vornherein ein dicker Strich durch dis Rechnung gemacht werden. Wenn die Wirtschaft die neuen Tributlasten aufbringen soll, dann muß ihr auch von Staats wegen die Möglichkeit dazu gegeben werden. Für eine Verzögerung der Verfassungs- und Verwaltungsreform an Haupt und Gliedern, für eine weitere Verschleppung des Finanzausgleichs und des SteuerumbauS entfällt jetzt mit dem Voungplan auch der letzte von den Verteidigern des gegentoärtigen Schlen­drians in der öffentlichen Finanzwirtschaft gern und oft zitierte Grund, daß eine Ordnung deL Finanzwesens erst nach Festsetzung der endgül­tigen Reparationsleistungen möglich sei. Eine sofortige und nachhaltige Entlastung der Wirt­schaft, als der Trägerin der Tributleistunger^ muß die nächste Folge des Voungplans feilt wenn dieser den Sinn bekommen soll, Deutschland einmal endgültig aus den ihm auf gezwungenen Fesseln zu befreien.