Nr. M Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, 8. Mai 1929
Aus der Welt des Films.
Der Film als Vorbild.
Von Julian Stein.
Der Mensch liebt sein Spiegelbild. Betrachtet er cs bedächtig eine Weile, empfindet er eine merkwürdige Beflügelung des Selbstgefühls. Das Bild löst sich los, macht sich frei, beginnt gewissermaßen eine Eigenexistenz. Der Mensch wird empfangender Zuschauer, erlebt sich selber als Erscheinung und wird für diesen Moment von ihr beherrscht, mag er sich dazu bekennen oder nicht.
Die Potenzierung dieses Spiegclbilderlebnisses bietet der Film. Er ist ein idealisiertes Spiegelbild. Mil allen Künsten und Effekten stattet er die Erscheinung seiner Helden aus, — er umschmeichelt sie. Der Zuschauer kann nicht objektiv bleiben; er erlebt in jenen Filmerscheinungen die Berührung mit dem eigenen Spiegelbild. Wenn er sich mit dem Filmhelden identifiziert, bewirkt es nicht die Handlung, der Inhalt, der ideale Unterton der Rolle, sondern das Bild, das bewegte Bild allein, sozusagen: die Magie der 'Erscheinung. In diesem Zauberspicl liegt gerade die noch nie festgehaltene, bisher noch nicht ausgesprochene eigentliche Anziehungskraft des Films. Darin liegt fein gewaltiges Einwirkungsvermögen auf die Menschen.
Die Filmstars, deren ganze Existenz auf das Spiegelbild eingestellt ist, auf das Erscheinen (und zwar in einem heute noch sehr beschränkten Sinne) — die Filmstars, deren Dasein zwischen Spiegel und der Kamera verlaust, sind narzistisch in ihr Spiegelbild verliebt. Ihr Kontakt mit dem Publikum, vom Film her, beruht auf einer intimen Begegnung der Eitelkeiten. Die zarten Dcrbindungs- täden sind überaus empfindsam und rege. Diese seltsamen Begegnungen, die lautlos, phantomhast verlaufen, versetzen den Zuschauer bewußt oder unbewußt in eigenartige Erregung. Das ist der Weg, auf welchem das Filmbild zum Borbild wird, eine Filmerscheinung zu einem privaten (Sätzen. Der Zuschauer merkt kaum, wie die vertraute Erschei- nung von ihm Besitz ergreift, er fühlt sich erobert, ist ihr gerne untertan und stürzt mit ihr in alle Abenteuer der Filmillusion.
Wie oft beobachteten mir unter den, das Filmspiel verlassenden Damen: den Gang, die Haltung, die Bewegungen der soeben gesehenen Filmdiva. Wir begegnen ihnen doch täglich, den Murray-, Putti-, Menjou-Typen. Das Bild besitzt eine derart starke hypnotische Kraft, daß Menschen nicht nur unter dem unmittelbaren Eindruck jenem gleich sich geben, sondern dem Bann ihres „göttlichen" Vorbildes verfallen, ins tägliche Leben als Trabanten ihrer Sterne treten.
Ein tolles Gaukelspiel, darin sich die Selbstbespie- aelungskunst der Menschen und die Suggestion des Filmbildes auswirken. Der Film, der ja heute noch fo sehr wahrheitsfern und wirklichkeitsfremd ist, wird also zum Vorbild für die Wirklichkeit. Ein Phantom tritt aus dem JUusionskreis eines. Filmspiels — und wird Fleisch und Blut. Jene Menjou- Iünger oder Garba-Schwestern sind bis in die Fingerspitzen Fanatiker ihrer Vorbilder, mag sie der rauhe Alltag ob ihrer Don-Quixoterien verhöhnen.
Welch intensiver Auswirkungen der Film fähig und wie empfänglich der Mensch für Dinge, die sein Aeußeres betreffen, geht aus der Nachahmung jener unzähligen Requisiten, deren sich die Filmhelden bedienen, hervor. Wenn dereinst der Filmdetektiv, immer die Pfeife im Munde, auf der Leinwand erschien, hatte dies zur Folge, daß der Zuschauer am Pfeifenrauchen Geschmack fand, und es wäre sicher statistisch festzustellen, wie stark sich die Zahl der Pfeifenraucher dank jener Detektivpfeife vermehrte. Denken wir doch etwa an Harold Lloyds Horn
brille, die bahnbrechend für die neue Brilleneinfassung wurde. Meine Herren: und der Menjou- Schnurrbart? Wir leben angeblich in einer Zeit der Sachlichkeit, der Oekonomie, der Dynamik, des Sports, der Technik. Das Vorbild des Sportmanns war seit den Gladiatoren: das glattrasierte Gesicht. Wie unsachlich, unökonomisch, ontydynamisch ist doch ein Schnurrbart; welch rückständige Technik der Männlichkeitsbetonung. Adolphe Menjou hot sich aber eine markante Nuance zurechtgelegt — und die „elegante Herrenwelt" läßt sich den Menjouschnurr- bart stehen ...
Diese Zauberkraft des Films verstand bisher eigentlich nur der amerikanische businessman sich witzig zunutze zu machen. Er überfällt das Publikum, wenn cs am wehrlosesten ist — im Kino, und macht es zu seinen Kunden.
„Im Anfang war der Film..." Dieses Wort mag bezeichnend für unsere Zeitläufte sein. Welch unheimliche Wirkung aber, an Folgen unübersehbar: wenn die realste Wirklichkeit, bar jeder Schminke, ohne jegliche starhafte Verschönerung, in ihrer ganzen Kraßheit als Filmerscheinung uns entgegenträte...!
Wie bleiben wir schön?
Kleine Rezepte aus den Boudoirs von Hollywood.
Von Aorma Talmadge.
Frauen können Filmerfolge nur mit Hilfe eines anmutigen Gesichts und einer graziösen Figur erreichen; der Filmstar muh deshalb ständig darauf achten, seiner natürlichen Vorzüge nicht verlustig zu gehen. Für die Oper beispielsweise ist stattliche Figur kein Hinderungsgrund, auf der Leinwand hingegen ist ein „gewichtiger" weiblicher Star heutzutage einfach eine Hnmöglich- keit. Alle in Hollywood abgeschlossenen Filmverträge enthalten eine Gewichtsklausel: überschreitet die Filmschauspielerin eine bestimmte Gewichtsgrenze, so ist die Gesellschaft berechtigt, vom Vertrage zurückzutreten. Allerdings pflegt man den wirklichen Stars noch einige Monate Galgenfrist zwecks „Rehabilitierung" zu gewähren.
Meine private Methode zur Erhaltung der „schlanken Linie" besteht vor allem darin, dah ich es ängstlich vermeide, hungrig zu werden. Gewöhnlich nehme ich nur zwei gute Mahlzeiten am Tag — eine Tasse Tee ohne Zucker, aber mit Zitronensaft, und eine geröstete Brotschnitte dazu, kann ja wohl kaum als Frühstück bezeichnet werden. Zu Mittag ist frisches Gemüse zu empfehlen, harte Eier mit Salat oder Tomaten und Spargel, ja kein Butterbrot und ja keine Süßspeise! Das Abendbrot läßt sich ebenso einfach zusammen stellen: Gemüse, gedämpfte Früchte ohne Zucker, schwarzer Kaffee genügen.
Davon kann man dann essen, soviel man will. Wenn man nicht hungrig von den Mahlzeiten aufsteht, hat man auch kein Verlangen nach Süßigkeiten. So kleine Leckereien, die zwischen den Mahlzeiten genascht werden, sind zwar rasch vergessen, bewirken aber unheimlich die schnell gefürchtete Gewichtszunahme. Der Speisezettel läßt sich natürlich durch verschiedene Früchte, Gemüse, etwas Fleisch und ein wenig Fisch bereichern. 2ch vermeide aber auf jeden Fall Kartoffeln und andere stärkehaltige Speisen, ebenso den verhängnisvollen Kuchen — den schlimmsten Feind einer hoffnungsvollen Filmkarriere.
Solange wir einen Film in Arbeit haben, lebe ich nach sehr strengen Regeln. Am sieben stehe ich auf, nehme eine kalte Dusche, frühstücke laut obigem Rezept und mache dann gymnastische Heiningen. Die Hebungen beginnen mit langsamem Heben und Senken der Hacken; dann verlege ich das Körpergewicht von einem Fuß auf den anderen, indem ich mich langsam auf die Zehenspitzen des einen Fußes stelle und gleichzeitig den anderen Fuß wieder senke. Eine etwas primitiv anmutende Hebung, die sich aber nach meinen Erfahrungen sehr lohnt, ist folgende: man gehe mit einem ziemlich dicken Buch auf dem
Kops im Zimmer umher und versuche, irgendwelche Gegenstände vom Boden aufzuheben, ohne das Buch aus dem Gleichgewicht kommen zu lassen — allerdings ein etwas zeitraubendes Vergnügen.
Zur Bewahrung einer schlanken Taille habe ich nachstehende Hebung erprobt und als nicht zu schwer erfunden: man legt sich in losen, leichten Kleidern ganz ausgestreckt auf den Boden und hebt langsam beide Deine, ohne die Kniee zu beugen, bis sie senkrecht stehen. Dabei müssen die Arme über dem Kopf am Boden liegen. Zuerst ist es etwas schwierig, die Füße vom Boden zu heben, aber mit der Zeit lernt man es, diese Hebung bequem zehnmal hintereinander auszuführen. Für Kraftnaturen empfiehlt es sich, fleißig Kopfstehen zu üben. Schließlich versuche man, die Deine ganz ausgestreckt und geschlossen über den Kopf zu heben, so daß die Fußspitzen den Boden berühren. Cs dauert etwas länger, bis man es richtig kann, aber alle Muskeln werden dabei gut durchgearbeitet und der Blutkreis- lauf belebt sich.
Korrekte Hebungen mit den bekannten hölzernen Ghmnastikkeulen haben gute Erfolge: alle Bewegungen werden leichter und anmutiger, man lernt seinen Körper richtig, mit einem gewissen rhythmischen Schwung zu gebrauchen, Muskel- verkrampfungen lösen sich. Beim Keulenschwingen ist Musikbegleitung — etwa ein preußischer Armeemarsch — sehr wertvoll, weil man dann schon von selbst taktmätzig und ohne übermäßige Anstrengung die Keulen schwingt und der jedem Menschen innewohnende Körperrhythmus am besten herausgeholt wird.
Hat man die gefürchtete Gewichtsgrenze überschritten und sehnt sich in das Paradies der schlanken Linie zurück, so gibt es nichts Wirksameres als Laufen; am besten so hoch wie möglich auf den Zehenspitzen. Zuerst ist das schwer, allmählich aber lernt man es ebenso gut wie das Gehen, das übrigens durch derartige Lausübungen auch viel anmutiger und graziöser wird. Wer zu starke Hüsten hat, der steige Treppen, oder, wenn dies nicht möglich ist, zehnmal mit dem rechten, zehnmal mit dem linken Bein auf einen Stuhl. Das genügt für die ersten Tage; nach einiger Hebung muß man aber imstande fein, zweimal am Tage je neunzig Stufen zu steigen.
Run noch einige Ratschläge für die Haarpflege. Die Sommersonne und die Jupiterlampen im Atelier sind die größten Feinde des Haares — sie verbrennen es und nehmen ihm seinen schonen I natürlichen Glanz. Ich schütze mich dagegen durch vierzehntägiges Shampoonieren mit warmem Oel. Das Oe^ wird mit einem Daumwolltuch fest ein
gerieben, bis die ganze Kopfhaut mit Oel durchtränkt ist. Dann wickele ich die Haare in ein Tuch und lasse das Oel zwei Stunden lang einziehen, wasche den Kops noch einmal mit flüssiger Seife und trockne das Haar an der Lust. Um sich einen guten Haarwuchs zu sichern, muh man regelmäßig die Kopfhaut lockern und massieren, z. B. durch Kämmen in verschiedene Richtungen. Abends vor dem Schlafengehen empfiehlt sich das bekannte Verfahren der Lorelei — diese junge Dame trug allerdings ihr Haar nach damaliger Sitte lang —, das Haar wird in langen Strichen gekämmt und gebürstet. Dann wird die Kopfhaut, vom Racken angefangen, mit den Finger- fpihen massiert.
Sind die Rerven überanstrengt, so wird man das zuerst an einer eigentümlichen Straffheit der Kopfhaut bemerken. Bei der Massage mit den Fingerspitzen spürt man, wie die Spannung nachläht, was nicht nur den Haaren, sondern dem ganzen Rervensystem zugute kommt.
Ein sehr gutes Mittel, um ständig „in Form" zu bleiben und Hebergewicht zu verineiden, scheinen mir lange Spaziergänge zu sein. Für Städter empfiehlt sich dabei eine Durch- schnittsgeschwindigkeit von 4 bis 5 Kilometer in der Stunde; schnell genug, um tief und gesund Atem holen zu müssen, langsam genug für den Stadtverkehr und für einen schnellen Blick ins Schaufenster! Auf dem Lande ist im allgemeinen ein 6° bis 7-Kilometertempo nicht zu viel. Für Ausdauernde ist Bergsteigen ein großartiges Mittel, um das Gespenst des überflüssigen Kilogramms zu bannen. Zweifellos verbinden sich aber Gymnastik und Sport am besten im Schwimmen. Zeder einigermaßen gesunde Mensch kann schwimmen lernen und wird dabei merken, wie die Muskeln sich stärken und sich aus der Verkrampfung lösen.
Zum Schluß noch eins: jeden Tag ein paar Schluck frisches Wasser!
Reue Mächte im Filmreich.
Mit dem Auskommen des Tonfilms bringen neue Mächte in die Filmindustrie ein: die elektrotechnischen Konzerne. Sie begnügen sich keineswegs mit bloßer Herstellung von Tonfilmapparaten, mit eventueller Verbesserung und Verfeinerung des Aufnahmeverfahrens, mit der Vervollkommnung und Verbilligung der tonbildlichen Wiedergabeeinrichtungen.
Die amerikanische „Western Electric", die im Laufe dieses Jahres in 4000 amerikanischen und in 500 ausländischen Theatern ihre Tonfilmeinrichtungen aufstellen wird und bereite über 100 Ateliers mit ihren Ausnahmeapparaten versehen hat, will sich mit der Rolle des Konstrukteurs und Lieferanten nicht begnügen, sie will aktiv in die Filmindustrie eingreifen.
Die Clektro-Konzerne wollen entscheidenden Einfluß auf die Filmindustrie gewinnen. Sie sind im Besitze der wichtigsten Tonfilm-Patente, sie sind die einzigen Produzenten der Tonfilmapparate. — sollte man diese Trümpfe nicht aus- spielen? Hnd da nun der Tonfilm das große Ereignis der kommenden Saison ist, will man doch selbstredend an den Gewinnen, die dieses große Ereignis" abwerfen wird, sich weitgehend beteiligt wissen. Durch den Erwerb von Lichtspielhäusern und die Kontrolle ansehnlicher Kinoparks wäre man ja in der Lage, die Filmindustrie doppelt, von oben und von unten, beeinflussen zu können und dabei die Einnahmen ganz erheblich zu vergrößern. Die Elektrokonzerne kaufen in Amerika Lichtspielhäuser auf.
Die riesige Tonfilmpropaganda in den Staaten ist mit dem Eindringen der Elektrokonzerne in die
Löwen werden gefilmt...
Englische Filmexpedition am TanganjiLa
Von seinen Erlebnissen mit wilden Löwen, unter die er und seine Begleiter gerieten, ohne einen Schuß abzuseuern, erzählt Martin John- s o n in seinem soeben in London erscheinenden Buch „Safari, eine Sage aus Afrika''. Johnson befand sich auf einer Film-Expedition im Tanganjika-Gebiet und fein- sehnlichster Wunsch war es, Löwen in ihrem alltäglichen Leben zu beobachten, wenn sie durch nichts gestört und beunruhigt sind. „Ganz plötzlich wurde mir dieser Wunsch erfüllt“, schreibt er. „Hnertoartet, ohne jede Warnung stießen wir auf elf voll ausgewachsene Löwen. Ich hielt den Atem an; wir standen alle sofort mucksmäuschenstill. Wir hatten niemals? uns träumen lassen, daß wir einen solchen Anblick haben könnten. Einige der Löwen hockten auf ihren Hinterfüßen, andere krochen langsam umher, noch andere lagen auf dem Rücken oder auf der Seite. Einer gähnte träge unter einem großen Mimosenbaum. Alle schauten nach der Richtung, aus der wir kamen. Wir hielten immer an, wenn wir ein paar Fuß vorwärts geschlichen waren, und machten Aufnahmen, berm wir konnten ja nicht ahnen, wie lange bie Destien unsere Anwesenheit so geduldig ertragen wurden. Doch sie ließen sich nicht stören. Zunächst hatten wir nur im Flüsterton gesprochen. Aber in meiner Aufregung vergaß ich das und sprach laut. Sofort blickten bie Löwen scharf nach uns; einige erhoben sich, mit ihren Schweifen den Boden peitschend. QTber nach einigem Brüllen, das ihr Mißfallen anzeigen sollte, beruhigten sie sich wieder und blickten gleichmütig von uns fort. Dann begannen sie, sich zum Schlafen einzu- richten. Die vier direkt vor uns lagen auf der Seite. Der, der uns am nächsten lag, schnarchte in dunklen rhythmischen Tönen. Ich fragte mich immer wieder, ob diese Tiere denn zu derselben Art gehörten, die ich bisher nur im wütenden Angriff und in gefährlicher Wildheit gesehen hatte. Schließlich schliefen sie alle, elf mächtige schöne Tiere. Da erschien ein anderer Löwe auf dem Plan; zunächst sah er sich langsam unter seinen schlafenden Freunden um, dann ging er zu einem großen männlichen Löwen heran und schnappte spielend nach einer seiner Tatzen, die in die Luft stand. Mit einem jähen Gebrüll der Heberraschung und der 2put sprang der in seiner Ruhe Gestörte auf, bereit zum Angriff. Aber als er sah, daß ein Kamerad sich einen Spaß mit ihm erlaubt hatte, gähnte er mächtig und ließ sich wieder gemächlich nieder, um sich
seinen Träumen hinzugeben. Der vierfüßige „Spaßvogel" machte sich mit den andern zehn Löwen denselben Scherz, indem er einen nach dem andern aufweckte." Am nächsten Morgen kehrte die Gesellschaft zu der Stelle im Hrwald, die sie das „Löwental" getauft hatte, mit frischen Filmen zurück, aber diesmal waren die Bestien ruheloser. Als sie näher herankamen, war die ganze Gesellschaft recht lebhaft; einige von ihnen stellten sich auf die Hinterbeine und schienen zum Angriff bereit. Ein anderer spielte mit einem Stein wie ein Kätzchen mit einem Ball; ein dritter schien sich einen Dorn in den Fuß getreten zu haben und brachte eine halbe Stunde damit zu, ihn herauszuziehen. „Ich dachte an die Geschichte von Androklus, der ja bie Liebe und Anhänglichkeit eines Löwen erworben haben soll, weil er ihm einen Dorn auS der Tatze zog, aber ich hatte nicht den Mut, das gleiche zu versuchen. Rachdem wir sie etwa eine Stunde beobachtet hatten, bemerkte ich, daß drei Löwen hinter uns waren und uns den Rückzug abge- schnitten hatten. Sie lagen wenige Fuß von uns entfernt, und uns wurde recht unheimlich zumute. In drei Minuten waren wir von den Bestien vollständig umgeben. Aber sie unternahmen nicht das Geringste gegen uns. Gegen 11 Hhr erhob sich einer nach dem andern, und langsam schritten sie fort nach einem Gebüsch, um hier ihre Mittagsruhe zu halten." Am Abend waren die Reisenden wieder nach der Löwenstelle gekommen, als ihnen eine große Löwin entgegen» schritt. „Sie zeigte bald ganz deutlich, dah sie in keiner sehr freundlichen Stimmung war," schreibt Johnson. „Sie bemerkte uns auf eine Entfernung von etwa 100 Meter und kam mit mächtigen Sätzen auf uns zu. Wir zogen uns eilig zurück, um ihr zu zeigen, daß wir nichts mit ihr zu tun haben wollten. Als wir flohen, blieb fie stehen und peitschte wütend mit ihrem Schwanz den Boden. Dann kam sie uns nach; wir zogen uns weiter zurück. Schließlich schien sie einzu- sehen, daß wir aus dem Wege gehen wollten, und tat uns den Gefallen, uns durch Verachtung zu strafen; bie Expebition machte ihre Filmaufnahmen, ohne auch nur einen Schuß abzugeben. Die Gewehre wurden nur für den höchsten Rotfall mitgeführt." Aufregende Abenteuer hatten sie auch beim Filmen von Rhinozerossen. Einmal nahm eines von Johnson und seiner Frau Osa plötzlich Rotiz: „Es war nur ein kleiner Baum in der Rähe der Kamera; plötzlich bekam es unsere Witterung und stapfte mit kurzen Schritten auf uns zu. Dann blieb es stehen, ftambfte auf den Boden, wie wenn es sagen wollte: „Kommt heran, ich will es mit euch auf
nehmen." Aber wir hatten dazu nicht die geringste Lust, sondern retteten uns alle auf den Baum, und es war ein komischer Anblick, meine Frau und mich und unsere neun Boys an den schwankenden Zweigen hängen zu sehen, die uns kaum noch trugen. Glücklicherweise begnügte sich das Rhino mit dieser Lektion, wackelte um den Baum herum und zog dann ab.“
Vielseitige Filmstars.
Wie man in den Staaten Geld macht.
Wenn man von den riesigen Summen hört, die berühmte Filmstars in den Vereinigten Staaten verdienen, dann glaubt man, fie müßten eigentlich mit solchen wahrhaft fürstlichen Einkommen zufrieden sein. Aber das ist keineswegs der Fall. Das Leben eines Filmstars kostet noch mehr als das des gewöhnlichen Sterblichen, und wenn man sein Geld nicht richtig anlegt und weiter arbeiten läßt, dann ist es bald verschwunden. Gerade die großen Verdienste haben also die großen Künstler und Künstlerinnen des amerikanischen Films dazu veranlaß^ sich nicht nur künstlerisch, sondern auch geschäftlich zu betätigen, und viele von ihnen erbringen den Beweis, daß der Künstler nicht nur seinen Träumen lebt, sondern sehr fest auf dem Boden stehen kann, besonders, wenn er ein amerikanischer Filmkünstler ist. Man bewundert daher manche Persönlichkeiten, wie z. B. Mary P i ck f o r d oder John Gilbert, nicht nur wegen ihrer darstellerischen Leistungen, sondern auch wegen ihrer hohen Vollendung in der Kunst, die dem Vankee als die höchste gilt: Geld zu machen. Die meisten erfolgreichen Filmschauspieler und Schauspielerinnen, die es zu Riesenvermögen brachten, haben die Summen, die sie mit dem Film verdienten, in Grundstücken angelegt, und bei dem großen Aufschwung der ganzen Hmgcgenb von Hollywood, der die Dodenpreise in die Höhe schnellen ließ, haben sie damit sehr gut verdient. In Kalifornien und in Florida haben sie hauptsächlich Grundstücke erworben. So besitzt z. B. Antonio Moreno ein riesiges Gebiet, das das „Moreno-Hochland" genannt wird. Ramon Ro - varro, der zwar ein amerikanischer Schauspieler aber ein mexikanischer Patriot ist, hat große Grundstücke in Mexiko erworben und unterhält außerdem noch ein Bankgeschäft in Mexiko- City, bei dem er durch die Hmwechslung des amerikanischen Gold-Dollars gute Gewinne erzielt. Mary Pickford hat einen Teil ihres Vermögens bei einer großen kalifornischen Dankfirma angelegt, zu deren Direktoren fie gehört, und
man behauptet, dah sie in den Dilanzen nicht minder zu Hause sei als auf der flimmernden Leinwand.
Lon C h a n e h, der „Mann mit den tausend Masken“, hat zusammen mit seinem Sohn eine große Röhrenfabrik begründet, und die Geschäfte von „Chaney & Chaney" interessieren ihn nicht weniger als seine Künste der Verkleidung. Unter den Filmdiven haben sich verschiedene dem naheliegenden Reich der Schönheitsindustrie zugewendet. Constanze T a l m a d g e verdient fast eben- viel wie beim Film durch den Verkauf einer Schönheitscreme, die sie selbst benutzt und für die sie die beste Reklame ist. Eine andere Filmdiva, Viola Dana, betreibt zusammen mit ihrer Schwester einen sehr gut besuchten Schönheitssalon. Cs gibt auch Filmstars, die sich nicht mit einem Rebenberuf begnügen, sondern noch vielseitiger sind. So ist Lew Cody bei mehreren Automobilfirmen beteiligt, deren Wagen er in seiner Bekanntschaft verkauft; er ist auch Mitinhaber eines Friseurladens und einer Wurst- fabrif, die die „Fliegenden Händler" mit ihren Waren versorgt. Karl Dane betreibt eine Hühnerfarm im Tal von San Fernando und, da er selbst ein leidenschaftlicher Flieger ist, so beschäftigt er sich auch mit dem Dau von Flugzeugen. Das erfolgreiche Flugzeug „Der Geist von St. Louis" ist sein Eigentum. Chester C o n f l i n, der Bursche mit dem lustigen Schnurrbart, züchtet Truthähne im großen und versorgt über ganz Amerika viele Familien mit diesem Festbraten, der besonders zu Weihnachten üblich ist. Mehrere Filmschauspielerinnen von Hollywood besitzen Blumengeschäfte, die sie persönlich leiten. Renee Adoree hat ein französisches Restaurant gegründet, in dem fie selbst als entzückende Wirtin die Gäste empfängt und daher großen Zuspruch hat. Adolphe Menjou legt einen Teil des Geldes, das er als „männlicher Vampyr" im Film verdient, in Briefmarken an; er hat eine der größten und kostbarsten Briefmarkensammlungen in den Vereinigten Staaten, deren Wert auf mehrere hunderttausend Dollar geschätzt wird, und er ist im Einkauf wie im Verkauf und Um« tausch gleich geschickt. Die urkomische Bebe Daniels beschäftigt sich in ihren Mußestunden mit dem Ankauf und dem Bau von Häusern; sie läßt jetzt einen großen Baublock in Hollywood errichten, der alle Reuheiten und Extravaganzen des Komforts enthält, so u. a. ein Schwimmbassin und einen besonderen Sportplatz für die Bewohner. Der Schwede Riis A st h c r hat sich ein sehr erträgliches Rebengeschäft dadurch gesichert, daß er verschiedene Fabriken für schwedisches Brot in Amerika eingerichtet hat. fb.


