Ausgabe 
8.5.1929
 
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Aus -er Provinzialbauptsta-t.

Gießen, den 8. Mai 1929.

Das (Sleiberg-Zest 1929.

Die Vorbereitungen zu der am 29. und 30. Juni d.I. stattfindenden Halbjahrhunde rt-Feier aus Anlaß der Besitzübertragung der Burg Gleiberg an den G l e i b e r g v e r e i n Gießen sind rege im Gange. Anläßlich dieser Jubiläumsfeier wird ein von Direktor Schmch- ling verfaßtes Festspiel am Vorabend der Veranstaltung, und zwar am 28. Juni, im Gie­ßener Stadttheater zur Aufführung kommen. Das Festspiel, das von dem Schauspieler Paul Gehre in Gießen inszeniert wird, behandelt in bilderreichen Abschnitten die Geschichte der Büro ©teiberg. Den Freunden heimatgeschichtlichen Geschehens wird bei dieser Aufführung ein weitreichender interessanter Einblick in ein bedeutsames Kapitel der Geschichte unserer engeren Heimat gegeben werden.

Am Samstag, dem 29. Juni und am Sonntag, dem 30. Juni, werden dann auf der Burg Glei­berg selbst mancherlei Darbietungen mit volkstümlichem Charakter die Besucher erfreuen. Hierbei wird u. a. der Jugendtanzkreis der Gießener Jugendbünde mitwirken, außerdem sind Auszüge in historischen K o st ü m e n ge­plant, deren einzelne Bilder sich gleichfalls an die Geschichte der Burg Gleiberg anlehnen werden. Die Bearbeitung dieser Aufzüge wird in den Händen des Dramaturgen des Gießener Stadttheaters, Dr. Ritter, liegen. Ferner denkt die Festleitung noch daran, an beiden Festtagen eine k ü n st l e r i s ch c Burgbeleuchtung ins Werk zu sehen, die das wunderbare Landschaftsbild der Burg Gleiberg in den dunklen Abendstunden in besonders reizvollem Lichte erscheinen lassen wird. Man kann heute schon sagen, daß die Besucher der Jubiläumsveranstaltung des Gleibergvereins besondere Sehenswürdigkeiten in reichem Maße zu erwarten haben.

Gießener Wochenmarktpreise.

ES kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt dos Pfund: Butter 180 bis 190; Matte 30 bis 35; Käse (10 Stück) 60 bis 140; Wirsing 20 bis 30; Weißkraut 20 bis 30; Rotkraut 20 bis 30; gelbe Rüben 20 bis 25; rote Rüben 20 bis 25; Spinat 30 bis 40; Spargel 80 bis 140; Unter-Kohlrabi 10 bis 12; grüne Erbsen 80; Feldsalat 150 bis 200; Tomaten 80 bis 120; Zwiebeln 20 bis 25; Meerrettich 50 bis 120; Schwarzwurzeln 40 bis 80; Rhabarber 30 bis 40; Kartoffeln 6; ausl. Repfel 40 bis 80; inl. Aepfcl 30 bis 40; Dörrobst 35 bis 40; Honig 40 bis 50; junge Hahne 120 bis 130; Suppenhühner 100 bis 120; Rüsse 70 bis 80; das Stück: Tauben 80 bis 90; Eier 11 bis 12; Blumenkohl 70 bis 150; Salat 20 bis 40; Salatgurken 70 bis 100; Ober-Kohlrabi 50; Lauch 10 bis 20; Rettich 40 bis 60; Sellerie 20 bis 100; das Bund: Radieschen 20 bis 25 Pfennig; der Zentner: Kartoffeln 5,50 Mark.

*

** Straßensperrungen. Vom Oberhessi­schen Automobilklub E. V. (21. v. D.), Gießen, werden uns folgende Straßensperrungen mitgeteilt: Fried­berg Oberwöllstadt im Zuge der Straße FriedbergFrankfurt für alle Fahrzeuge ab 13. Mai bis auf weiteres, Umleitung über FauerbachBru­chenbrücken, Niederwöllstadt; Berstadt GrundSch walheim ab Abzweig nach Echzell im Zuge der Straße FriedbergNidda für alle Fahrzeuge ab 13. Mai bis auf weiteres, Umleitung über Echzell, Bisses resp. Trais-Horloff, Steinheim, Unter-Widdersheim und umgekehrt.

** 40jähriges Dienstjubiläum b e i der P o st. Gestern konnte Oberpostinspektor Schön, Diezstraße 10 wohnhaft, in voller Frische sein 40jähriges Dienstjubiläum feiern. Die dem Zubilar aus diesem Anlaß zuteil gewordenen vielseitigen Ehrungen beweisen die Wertschät­zung, der er sich bei seinen Mitarbeitern und Bekannten erfreut.

Vornan einer Nacht

Von Paul Nosenhayn.

23 Fortfetzung. Nachdruck verboten.

Marcelle streifte sein Gesicht mit einem kur­zen Blick. Sie sah an ihm vorüber, durch die beschlagenen Fenster; der Wagen hatte sich zur Linken gewendet; er fuhr über den breiten Boule­vard. Dort wuchtete aus dem Dunkel die Beth­lehemskirche.

Rvrdfeldgasse 41! sagte sie.

..Was willst du dort?" fragte er kopfschüttelnd.

Richts. Ich habe mich nur erboten, dafür zu sorgen, daß du endlich deine Pflicht erfüllst. Seit Stunden wartet man auf dich; alles ist verloren, wenn du nicht kommst, Fcdor! Du mutzt eine Entscheidung treffen? Jetzt, da Marfa verloren ist, muht du dich aufraffen! Meinetwegen kannst Du dann zu deiner Linda zurückkehren."

Sie wandte verstohlen den Kopf und blickte durch das Rückfenster in das Dunkel zurück; eben bog das andere Auto um die Ecke des Griff enfeldts-Gade.

Wird dein Mann dich nicht vermissen?" fragte er, vielleicht in aufsteigendem Mißtrauen.

Ich werde zurückfahren, sobald ich dich in der Versammlung weih."

Und was soll nachher werden?" fragte er, immer noch im Banne jener Unruhe. Sie hörte sie aus seiner Stimme heraus.

Der Wagen fuhr am Friedhof entlang, die Rorrebrogade hinaus; jetzt bog er zur Rechten ein. Die Häuserreihen verloren sich, vereinzelte Baracken tauchten auf, niedrige Kleineleute- wvhnungen, schweigend, im Schlaf der späten Rächt. Dort vorn blinkte mattes Licht, zwischen Schuttplähen, Brachland, Bauzäunen tat sich von neuem spärlich bebautes Gelände auf. unbehag­liche und kalte Bvrstadthäuser, dazwischen die Laterne einer Kleinbürgerkneipe.

Der Wagen hielt.

Marcelle stieg zuerst aus. Sokoloff lüftete schweigend den Hut und ging an ihr vorüber in den fahlen Lichtkreis des Backsteinhauses. Wie in dieser Beleuchtung alle Dinge fahl und über­nächtig aussahen!

Er blickte nicht zurück; den Hut ins Gesicht gedrückt ging er ins Haus.

Augenscheinlich rih Marcelle Krentz den Schlag des Autos auf.

Fahren Sie einen anderen Weg!" sagte sie mit einem spähenden Blick in die lichtlose Guld- bergsgade.Fahren Sie geradeaus weiter zur Rechten um diese Häuser herum, bis Sie an jene Laternenreihe kommen!"

ES ist Die Rorre-Allee," erklärte der Chauf­feur.

* Arbeitsjubiläum. Am nächsten Frei­tag, 10. Mai, kann Herr Adam Koch auf eine 40jährnge Tätigkeit bei der Firma 3. Happel dahier zurückblicken. Der Zubilar ist eine be­sonders bei den Schreinermeistern von Gießen und ilmgegenb bekannte und beliebte Persön­lichkeit.

Volkstümliche Sonderfahrten an di e Rordsee. Wie das Hapag-Reife- bureau Gießen im gestrigen Anzeigenteil ankün­digte, veranstaltet es am 21. Zuni und 9. August zwei volkstümliche Sonderfahrten an die Rord- see mit je 4tägiger Dauer ab Gießen und äu- rück. Eingeschlossen in diese Reise sind der Besuch von Hamburg und Helgoland, Rundfahrt mit Gesellschaftsautomobilen durch Hamburg, Be­sichtigung des Elbturmes. Rundfahrt durch fast sämtliche Häfen Hamburgs, anschließend Besich­tigung eines großen Lleberseedampfers der Ham­burg-Amerika-Linie. Der Gesamtpreis ab Gie­ßen beträgt 62,50 Mark einschl. Bahn- und Dampferfahrt. Unterkunft in gut bürgerlichen Hotels. Verpflegung. Ferner finden wieder die beliebten Hapag-Rordsee-Jnsel-Fahrten statt nach Helgoland. Westerland und Sylt. Gesamt­preis 148,80 Mard Räheres über diese Reisen ist aus der gestrigen Anzeige ersichtlich.

Oberhsfsen.

Landkreis Gießen.

K l c i n - L i n d c n, 7. Mai. Bei dem am Sonn­tag in Lollar abgehaltenen Liedertag des Lahngaues, Bezirk!, des Hessischen Sängerbundes wurde Herrn 'Heinrich Wahl, Ehrenvorsitzenden des Gesangvereins Harmonie" (Klein-Linden), anläßlich seines 40jäh- rigen aktiven Sängerjubiläums vom Gauvorsitzen­den, Efuil Koch (Gießen), im Auftrage des Hessi­schen Sängerbundes die silberne Sänger» nudel mit Urkunde verliehen. Herr Koch feierte den Jubilar als Sängerveteran und sprach in besonders herzlichen Worten zu ihm, da Herrn Wahl als erstem Sänger des Bezirks I. des Lahn­gaues diese Ehrung zu teil wurde. Heinrich Wahl ist 66 Jahre alt und fehlte bis heute noch in keiner Gesangstunde. Er war lange Jahre Vorsitzender des Vereins und ist in Klein-Lindens Gesang­vereinen der älteste aktive Sänger. Sichtlich bewegt dankte Herr Wahl für die Ehrung.

CO Klein-Linden, 7. Mai. Unter starker Be­teiligung der Kirchengemeinde feierten am Sonntag die beiden hiesigen evangelischen Jugend- vereinigungen ihr zweites Stiftungsfest, das in früher Sonntagsstunde mit Kurrendesingen der Jugendvereinsmitglieder und mit Choralblasen des hiesigen Posaunenchors eröffnet wurde. Der Fest­gottesdienst war überaus stark besucht und wurde durch Musikvorträge des Posaunenchors unter Leitung von Kreisbaumwart Germer und Chöre des Mädchenchores unter Leitung von Lehrer Rau verschönert. Die Festpredigt hatte Pfarrer Jür­gens (Arheilgen), der Leiter des Hessenbundes der evangelischen männlichen Jugend, übernommen. Arn Nachmittag wurden amJugendbörnchen" die neu eingetretenen Mädchen durch den Ortsgeistlichen, Pfarrer Bremmer, und die Jungburschen durch Pfarrer I ü r g e n s in den Hauptverband aufgenom­men. Zum Waldfest im Bergwerkswald hatten sich viele (yemeinbemitglteber eingefunden, um sich an dem fröhlichen Spiel, den Reigen und den frisch- frohen Liedern der Jugend zu erfreuen. Nach einer Andacht, von slud. theol. Knierriem (Worms bzw. Klein-Linden) gehalten, fand die Waldfeier ihr Ende. 21m Abend versammelten sich noch einmal alle Jugendvereinsmitglieder und einige Freunde im Saale der Kleinkinderschule zu einem geselligen Bei­sammensein. Musikvorträge der Kapelle der Vereini­gungen und gemeinsam gesungene Lieder wechselten mit dreistimmigen Chören der Mädchen. Kaffee und Kuchen sorgten für das leibliche Wohl. Der Jahres­bericht, von der Schriftführerin Math. Klapper erstattet, zeigt eine überaus günstige Entwicklung des Vereins. Die beiden Vereinigungen zählen heute rd.

Meinetwegen. Die Rvrre-Allee. Fahren Sie also die Rorre-Allee herunter zur Stadt zu­rück!"

Soll ich heimfahren, gnädige Frau?" fragte Der Chauffeur.

Marcelle blickte zurück nach dem fahlen Licht. Dort in jenes dunkle Haus war Fedor Sokoloff gegangen. Sie wandte den Kopf zur Linken; dort funkelten, zitternd im rasenden Takt Der Ma­schine, zwei Scheinwerfer auf.

Rein," sagte sie,fahren Die zur Pvlizei- präfektur."

Linda Andersens Wagen hielt. Beklommenen Herzens öffnete sie die Tür; zögernd stieg sie aus.

Die Luft, kühl und hart, war erfüllt von fremdartigen und bedrohlichen Dingen. Sie kannte diese Atmosphäre. Ein Besuch in einem Gefäng­nis kam ihr irgendwie in Erinnerung: der Ge­danke an Lknsauberkett, an Armut, an ungelüf­tete Räume drängte sich auf.

Dort, das armselige Licht, bezeichnete den Ein­gang. Sie blickte im Kreise, sah unschlüssig auf den Chauffeur, der sie neugierig, vielleicht ein wenig argwöhnisch betrachtete.

Hier hatte das Auto gehalten. Dies war das letzte Haus. Dort tat sich Bauland auf, jenseits dunkler und schweigender Felder flimmerten die Lichter der Landstraßen, die hier auf der Peri­pherie der Stadt mündeten.

Was mußte eine Frau ihm fein, um betet- willen er jene strahlenden Räume, um deretwillen er sie, Linda, wie eine Selbstverständlichkeit ver­lassen hatte! Sie fühlte selbst das ungeheure Wagnis dieser Fahrt; aber sie war schon so herausgerissen aus den Gleisen bürgerlichen Le­bens. so sehr im Banne seiner lächelnden Vor­urteilslosigkeit, daß ihr diese Bedenken nur wie eine blasse Erinnerung an Dinge schienen, mit denen sie keine Gemeinschaft mehr hatte. Ich bin wie verzaubert, dachte sic, schwer atmend, mit sich selbst uneins, ringend mit irren und unbegreif­lichen Gedanken.

Die Tür war verschlossen; der Drücker gab gar nicht nach. Sie pochte leise gegen das dunkle Holz; sie hörte das Hallen, das irgendwo im Innern des Hauses widerklang.

Riemand kam.

Wieder klopfte sie, stärker, lauter, schneller. Wieder hörte sie das Echo durch das Dunkel des Hauses hallen; wieder blieb ihr Mühen er­folglos.

Sie schüttelte den Kopf und blickte beklommen zur Rechten, zur Linken. Die Fenster waren verhängt; es schien, als ob leise Stimmen durch die Rächt kämen; aber cs konnte das Flüstern des Windes fein, vielleicht das Rauschen ihres eige­nen Blutes.

Sie ging die wenigen Stufen hinunter, um das Vorgärtchen herum, vielleicht hatte das Haus einen zweiten Eingang. Sic warf einen scheuen Blick auf den Chauffeur, der, wohlerzogen, ge­radeaus blickte.

Aus der dunklen Seitenstraße kam feuchter Wind; in der endlosen Straße flackerte eine La­terne; sie sah das Wogen der Aeste, zitternd spiette das Licht durch die schwankenden Zweige und Blätter. Rötlicher Schein stand am Him­mel: der Lichtreflex der Stadt, lieber dem tiefen Dunkel ringsum, das noch schwärzer erschien durch die Lichterreihen, die die Ausläufer der Stadt umkränzten, lag ein dumpfes, rhythmisches Geräusch, wie das Atmen eines schlafenden Tieres. Dort drüben lag, fußhoch über Dem Boden, grauer Rebel: Sumpfland.

Während sie alles dies in sich aufnahm, viel­leicht ohne es recht zu begreifen, mehr mit den Rerven als mit dem Verstand, glaubte sie plötz­lich einen Laut zu hören: so als ob in einem Türschloß der Schlüssel herumgedreht werde. Richts hatte sich geändert; das Haus lag schwei­gend, dunkel, die Mauern standen im Schlag­schatten des jenseitigen Lichts; eben schichteten sich die Regenwolken, die den ganzen Horizont bedeckten, unter dem feuchten Rachtwind zusam­men; plötzlich trat die volle Scheibe des Mondes aus dem Wolkenwall, ein Stückchen klaren Him­mels wurde frei; das zarte Land schien über­gossen von silbrigem und zärtlichem Licht.

Mit einem Schlage hatte sich alles geändert: Das Bild dieser drohenden und feindseligen Landschaft war friedlich, fast lockend geworden; sie fühlte, daß diese freundliche Veränderung Symbol war, Aufforderung, ein Appell an ihren Instinkt: daß manches sich geändert habe. Aus dem Unterbewuhtsein begriff sie, daß der Weg frei war.

Wieder ging sie um das Haus herum; schwei­gend lag Die Tür, wie vorhin, überzittert von der fahlen und flackernden Flamme.

Sie ging hastig auf die kleine Treppe zu, die paar Stufen hinaus und legte die Hand auf den Drücker.

Er gab nach. Die Tür war offen.

Sie begriff es nicht. Und begriff cs doch. Richts war mehr überraschend, alles fügte sich in den Laus der Dinge, den sie mit einem sechsten Sinn ertastete.

Das Haus war dunkel; aber die Tür hinter ihr stand halb offen, der Reflex des Lichtes kam spärlich, dennoch tröstend herein.

Seltsam: hier war keine Tür. Eine Holztreppe führte nach unten; dort schien ein Eingang zu sein. Sie ging die Stufen hinunter; dort war die Klinke.

Sie drückte sie nieder und öffnete die Tür.

Heller Lichtschein überflutete sie; der Raum war taghell erleuchtet. Betroffene, erstaunte, arg-

90 Mitglieder und haben ein stattliches Vermögen angesammelt, so daß der Bau eines eigenen Heimes in Erwägung gezogen wird. Die in allen Teilen wohlgelungene Feier wurde mit einer Andacht von Pfarrer Bremmer über das Bibelwort:Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt" be­endet.

CO Klein-Linden, 7. Mai. Aus Anlaß ihres 50jährigen Bestehens unternahm am Sonntag die hiesige BurschengesellschaftBur- gundia", die älteste Vereinigung dieser Art in der näheren und weiteren Umgegend, eine Fahrt an den Rhein. Allen Teilnehmern wird die Fahrt durch den Blütenflor, der am Rhein früher als bei uns zur vollen Entfaltung gekommen ist, unvergeßlich fein. Der hiesige Turnverein unternahm am Sonntag unter guter Beteiligung seinen diesjährigen Frühjahrsturngang nach dem Jagdschlößchen bei Dutenhofen.

z Rödgen, 7. Mai. Dieses Jahr wird wieder ein Teil unseres Dorfes kanalisiert, und zwar die Lange Ortsstraße vom Hause des Schmieds Becker bis an die Gastwirtschaft Balser. Die Ar­beiten sind van dem Gemeinderat dein Maurer­meister Wächter von hier übertragen worden. Die Zementrohre liefern Gießener Firmen. Mit den Aufbrucharbeiten wurde gestern begonnen. In den letzten vierzehn Tagen sind dieWiesen, auf denen der blaue Enzian wächst, ganz besonders die E n z i a n w i e s e", öfters besucht worden, um das seltene Blümchen blühen zu sehen. Leider p 1 ü ck e n unverständige Besucher oft größere Mengen. Ohne Frage wird der Gesamtbestand dadurch geschädigt. Man glaubt hier sicher behaup­ten zu können, daß vor Jahren die Menge der vorhandenen Pflanzen viel größer gewesen sei, daß in der Blütezeit einzelne Wiesenstückchen geradezu in einem blauen Schimmer gestanden hatten. Ob die Anwendung künstlicher Düngemittel auf die Pflanze nachteilig einwirkt, entzieht sich der Kenntnis des Beobachters.

k. Watzenborn-Steinberg, 7. Mai. Ein Unfall, der leicht schlimme Folaen haben konnte, ereignete sich auf der Straße nach Gießen. Ein R a d- fafjrer, der seine hier wohnenden Ellern besuchen wollte, fuhr in der Nacht ohne Licht in rasendem Tempo durch den Wald, und zwar vorschriftswidrig auf der linken Seite. Er rannte dabei einen Fußgänger an, der nicht recht­zeitig ausweichen konnte und in den Straßengraben flog, zum Glück aber nur verhältnismäßig leicht ver­letzt wurde. Der Radfahrer stürzte in weitem Bogen vom Rad und zog sich nicht unerhebliche Verletzun­gen zu.

s. Hungen, 7. Mai. Am Samstag fanD eine gemeinschaftliche Tagung Des B e zi rks - Ichrcrvcreins Hungen und Der Päda­gogischen Arbeitsgemeinschaft Lich- Hungen imSolmser Hof" Dahier statt. Der Vorsitzende, Lehrer Roth, begrüßte besonders den anwesenden neuen Kreisschulrat Kinkel, und gedachte in anerkennenden Worten Der- ttgkeit des seitherigen Kreisschulrats Fischer. Lehrer Schiefer st ein, Bettenhausen, hielt einen Dorttag über den von ihm seit zwei Jah­ren betriebenenKlassenbriefwechsel". Zn diesem Zeittaum hat seine Klasse mit einer anderen an der Rordseeküste. später mit einer solchen in Süd- und Mitteldeutschland in regem Briefwechsel ge­standen. An Hand von zahlreichem Material schilderte Der Vortragende die reichen Erfahrun­gen in dieser Hinsicht, wie besonders die erd- und volkskundlichen Kenntnisse vertieft und das Auf­satzschreiben befruchtet wurden. Der Obmann des Bezirksvereins. Lehrer Schmidt. Hungen, be­grüßte alsdann die neuen Mitglieder Lehrer Bötticher, Utphe, und Schulverwalter Rück, Hungen, und erstattete eingehend Bericht über Die Vertreterversammlung des Landeslehrerver- eins in Gießen. Bezüglich Der Kreislehrerbüche­rei wurden Vorschläge gemacht, um ihr vielfach veraltetes Material unter Mitwirkung der Leh­rerschaft zu erneuern. Die nächste Tagung sott in Arnsburg stattfinden.

Mreitz Büdingen.

!! Büdingen. 7. Mai. Der Gemeinde« rat beriet in seiner jüngsten Sitzung zunächst über Die Bauabrechnungen der 3abre 1925 bis 1928. Der Bürgermeister berichtete. Daß von den Baukosten dieser Jahre noch etwa 40 000 Mark ungedeckt seien. Der GemeinDerat be­schloß eine außerordentliche Holzfäl­lung, aus deren Erlös die Abdeckung der re- stierenden Schuld getätigt werden soll. Der überaus harte Winter hat in der Badean­stalt starke Frostschäden verursacht. Der Gemeinderat genehmigte, entsprechend dem An­träge Des Dadevereins, einen einmaligen außer­ordentlichen Zuschuß von 100 Mk. für das Rech­nungsjahr 1929. Außerdem wurde ein fortlau­fender Jahresbeitrag von 200 Mk. bewilligt, wel­cher für das Baden der Schulkinder bestimmt ist. Durch den Umzug des Obermedizinalrates Wagner nach Mainz und die Reubesetzung der Stelle sind Ausbesserungsa-rbeiten im Kreisgesundheitsamt entstanden. Das Gebäude gehört der Stadt. Der vom Hessi­schen Hochbauamt Büdingen aufgestellte Voran­schlag über die Herstellungsarbeiten schließt mit rund 1100 Mk. ab. Der Gemeinderat konnte jedoch diesen hohen Betrag nicht bewilligen und genehmigte eine Summe von 408 Mk. für die Dringendsten Herstellungen.

Kreis Schotten.

Laubach. 7. Mai. Mit dem diesjährigen Ausschuß-Fest, dem Laubacher Rattonalsest. das vom 9. bis 11. Juni stattfindet, soll wieder ein großer Prämienmarkt verbunden wer­den. Dieses ist der dritte ber artige Markt. Unter Mitwirkung des Landwirtschaftskammer > Aus­schusses für Oberhessen wird eine Prämiierung von Vogelsberger und Simmentaler Zuchtbullen. Kühen, Rindern und Ziegen und ein freihändiger Bullenverkauf stattfinden. Außerdem wird ein Krämermarkt und eine große Verlo­sung von Vieh, land- und hauswirtschaftlichen Gegenständen vorgenommen: den ersten Preis bildet ein Rind; 1000 Mark und wertvolle ge­stiftete Ehrenpreise stehen als Prämiierungs- mittel zur Verfügung. Am Sonntag fand auf den neuen Schießständen amRingelsberg" das Eröfsnungsschiehen des hiesigen Schü­tzenvereins unter Leitung von Schützen mei­st er Kreicker statt. Den 1. Pr. errang Bäcker­meister Pitz, den 2. Bürgermeister H ö g h. den 3. Fabrikant Schlörb (Walkmühle bei Lauter!, den 4. Obersekretär Elbe, den 5. Uhrmacher Enders. Den Frühjahrs-Wanderbecher" ge­wann Fabrikant Schlörb.

Preußen.

Wieder zwei Todesopfer eines Motor­radunglücks.

WSN. Frankfurt a.M., 7. Mai. Ein Kauf­mann aus Oberursel stieß in der Nacht zum Mon­tag mit feinem Motorrad mit einem aus ent­gegengesetzter Richtung kommenden Radfahrer, ebenfalls einem Oberurseler, zwischen Oberursel und Niederursel zusammen. Der Radfahrer war sofort tot, während der Motorradfahrer einen Sckädelbruch erlitt, an dessen Folgen er gestern abend gestorben ist, ohne das Bewußt­sein wiedererlongt zu haben.

Maingau.

WSN. Frankfurt o. M., 7. Mai. Die F r a n r furter Gewerkschaften hatten vor einiger Zeit beschlossen, ein neues Gewerkschafts- Haus zu errichten und die Kosten hierfür durch Sonderbeiträge aufzubringen. Nunmehr Hot der Ortsausschuß des 2lllgemeinen Deutschen Ge­werkschaftsbundes ein 8500 Quadratmeter großes Grund st ück am Untermainkai zum Preise von etwa 1 Million Mark erworben, auf dem das neue Gewerkschaftshaus errichtet wer­den soll.

wöhnische Gesichter blickten ihr entgegen: fünf, sechs Männer und eine Frau. Dort drüben, ihr gegenüber, saß Der, um dessentwillen sie diese Fahrt unternommen hatte ...

Der Raum war primitiv, säst armselig aus- gestattet: rohe Holztische, rohe hölzerne Stühle. Die Männer rings um den Tisch hatten Durch­geistigte Gesichter; allen gemeinsam schien ein gewisser fanatischer Zug; alle hatten jenen harten und starren Ausdruck der Augen, den wohl je­mand haben mag, der ein fernes und gefährliches Zier verfolgt. Zwei der Männer schienen in hohem Alter zu stehen; die übrigen mochten um die Vierzig herum sein. Die Frau war jung und hübsch. (5te trug einen großen bunten sibiri­schen Schal.

Alle Anwesenden waren aufgesprungen; Worte schwirrten durcheinander, die sie nicht verstand; offenbar Russisch. Jemand kam auf sic zu, viel­leicht um sie zur Rede zu stellen; deutlich las sie haßerfüllten Argwohn in seinem Blick; sie wandte sich fragend, hilfesuchend nach drüben, jenem Manne zu, um dessentwillen sie hier war ...

Sie sah sein erregtes Gesicht, das nervöse Flim­mern in seinen Augen, man sprach von allen Seiten auf ihn ein, immer in jener Sprache, die sie nicht verstand. Er zuckte die Achseln, gab eine gereizte Antwort, ein anderer lächelte und zog ein Blatt Papier. Run schrieb er ein paar Sätze in russischen Schriftzügen und schob ihr Blatt und Füllfederhalter hinüber. Vermut­lich eine Schweigeverpflichtung, dachte sie; sie sah hinüber; er machte ihr besorgten Blickes ein Zeichen, sie solle unterschreiben. Sie sah zögernd rechts und links; alle standen in drohender Hal­tung um sie herum, einer wies gebieterisch auf den Halter, der vor ihr lag; sie griff zögernd &a> nach. Plötzlich schreckte sie zusammen; von außen kam ein Geräusch, es klang wie das Knirschen eines stoppenden Autos. Sie setzte die Feder an, zum Ramenszuge---

In diesem Augenblick geschah es.

Lautes Pochen hämmerte gegen die Tür; kra­chend flog sie zurück; Uniformierte drangen ein, der Anführer sagte laut und befehlend, indem er die Versammlung mit einem schnellen Blick um­faßte:

Endlich haben wir sie beieinander!"

Erregte Ausrufe antworteten, Gemurmel; je­mand rief etwas in den Raum hinein; der Be­amte herrschte ihn an;Ich verstehe Russisch!"

Plötzlich legte sich beklommenes Schweigen über den Raum; die Beamten gingen von einem zum andern, visitierten die Taschen; einer, der dort drüben an der Schmalsette des Tisches stand, brachte ttiumphierenb ein Protokoll zum Vor­schein.

(Fortsetzung folgt.)