Ausgabe 
8.5.1929
 
Einzelbild herunterladen

Vor der Entscheidung in Sachsen.

Am Sonntag wählt Sachsen seinen neuen Land­tag. Die Neuwahl ist notwendig geworden, weil das sächsische Wahlgesetz durch die Entscheidung des Staatsgerichtshofes für ungültig erklärt worden ist. Für Sachsen steht die Entscheidung insofern auf des Messers Schneide, als im vergangenen Landtag die kleine Gruppe der Altsozialisten in Stärke von vier Abgeordneten das Zünglein an der Waage zwischen den bürgerlichen und den marxistischen Parteien bildete. Die sächsischen Altsozialisten sind bekanntlich das Ueberbleibsel jener Parteispaltung, die sich in der sächsischen Sozialdemokratie vor eini­gen Jahren vollzogen hat, weil ein Teil der säch­sischen Sozialdemokraten den besonders radikalen Kurs der dortigen Parteimehrheit nicht mitmachte. Im vorigen Sächsischen Landtag war es die Gruppe der 23, die sich von den Radikalen trennte, und nach wie vor die Politik der Großen Koali­tion betrieb. In dem jetzt aufgelösten Landtag kehrten sie als Altsozialistische Partei in Stärke von vier Mann wieder. Da sie aber die Entscheidung nach rechts oder links geben konnten, wurden sie parlamentarisch sehr mächtig, so daß es dieser kleinen Gruppe gelang, in der Regierung mit dem Ministerpräsidenten und dem Arbcitsminister ver­treten zu sein. Im übrigen mußte sich die sächsische Regierung auf sämtliche bürgerlichen Parteien bis zu den Deutschnationalen, stützen, wenngleich auch diese nicht direkt in die Regierung ausgenommen wurden. Die Haltung der National­sozialisten blieb wie immer zweifelhaft.

Die offizielle sächsische Sozialdemokratie will bei den jetzigen Wahlen den Versuch machen, die bisherige bürgerlich-altsozialistische Mehrheit zu brechen. Die Folgen eines solchen Wahl­ergebnisses wären allerdings verheerend. Bei dem Radikalismus dieser immer noch in den Traditionen von Zeigner lebenden Gruppe wäre die Bildung einer Koalitionsregie­rung ausgeschlossen. Es würde sich also die Wiederholung des Schauspieles ergeben, das im Jahre 1923 zur Einrichtung der sogenannten Arbeiterwehren und schließlich zum Einmarsch der Reichswehr führte. Die sächsischen Kommunisten, die ihre Wahlaussichten in letzter Stunde noch durch die Verlegung des in Hamburg verbotenen Reichstreffens der Roten Frontkämpfer nach Leipzig verbessern wollten, würden natürlich diese willkommene Gelegenheit benutzen, um die sächsi­sche Politik weiter nach links zu ziehen.

Das sächsische Bürgertum ist sich dieser Ge­fahren durchaus bewußt und hat deshalb den Versuch unternommen, eine Art Dur gfrie- d e n für die Landtagswahlen herzustellen. Von dem Ergebnis dieses Wahlganges am 12. Mai hängt für die Gesamtentwicklung der deutschen Innenpolitik viel ab. Wenn man auch nicht aus der Wahl in einem deutschen Lande unbedingt Schlüsse auf die politische Gesamt st immun g ziehen kann, so ergeben sich doch Anhaltspunkte, die um so wertvoller sind, als in Deutschland bei dem herrschenden Listenwahlsystem die Korrektur der Hauptwahlen durch die Rachwahlen fehlt. Der Kampf, den die staatsbürgerlichen Kreise Sach­sens jetzt führen, ist also eine Angelegenheit, an der das gesamte staatsbürgerlich denkende Deutsch­land ein starkes Interesse zu nehmen hat.

Was wird aus dem landwirt­schaftlichen Notprogramm?

Berlin, 8. Mai. (Priv.-Tel.) Seit sechs Wochen liegt den Regierungsstellen das be­kannte Rotprogramm der Landwirt­schaftlichen Spihenorgani-sationen vor, jene gemeinschaftliche Aktion der gesamten Landwirtschaft, die dadurch zustande gekommen ist, daß sich der Reichslandbund und die Bauern­vereine unter Zurückstellung aller sonstigen Mei- nungsverschiedercheiten zu einem gemeinsamen Entschluß aufgerafft haben, weil die Rotlage der Landwirtschaft eine solche Handlung gebieterisch forderte. Die Reichsregierung hat damals eine schleunige Prüfung dieses Rotprogramms in Aussicht gestellt. Seither aber ist es völlig still geworden. Es soll nicht geleugnet werden, daß der derzeitige Reichsernährungsminister Dietrich im Rahmen des Haushalts sein Möglichstes für die Linderung der Rotlage der Landwirtschaft tut. aber auf die aktuellen Forderungen der landwirtschaftlichen Spihenver- bände ist bisher eine Antwort nicht erfolgt. Anter diesen Umständen hat dieDeutsche Tages­zeitung", das Berliner agrarische Organ, die Angelegenheit nochmals aufgegriffen und in Aus­führungen, hinter denen man wohl mit Recht die Führer der landwirtschaftlichen Spitzender- bände vermuten darf, die Regierungsstellen auf­gefordert, endlich sich zu diesem Rotprogramm zu äußern, zumal die Zeit drängt, und die .Führer der landwirtschaftlichen Verbände alle Mühe haben, bei dem zunehmenden Radikalis­mus der Bauern Anbeionnenheiten zu verhin­dern. Leider haben die politischen Parteien mit wenigen Ausnahmen bisher eine klare Stellung­nahme zu diesem Programm gleichfalls vermissen lassen.

DieMittelftädtezurzinanzlags Der Ncichsstädtcbund fordert beschleunigt den neuen Finanzausgleich.

. Berlin. 7. Mai. (WTB.) Der Vorstand des Reichsstädtebundes, der Spitzenorganisation der Klein- und Mittelstädte, tagte in Berlin, um zu den aktuellen kommunalpolitischen Fra­gen Stellung zu nehmen. Zur Finanzlage avurde folgende Entschließung angenommen:Die im Reichsstädtebund zusammengeschlossenen mitt­leren und kleinen Städte sind seit Jahren bemüht, ihre Ausgaben auf das unbe­dingt notwendige Maß zu beschrän­ken. Die Minderung der gemeindlichen Ein­nahmen durch Reich und Länder für 1929 trotz Steigerung der gemeindlichen Zwangsaus­gaben macht aber vielen, insbesondere kleine­ren Städten, die Erfüllung ihrer Pflichtaufgaben teilweise unmöglich oder führt mit Rotwendigkeit eine Zunahme der gemeindlichen D e -- fizitetats herbei. Da eine Beseitigung dieses unhaltbaren Zustandes im dringenden öffentlichen Interesse liegt, erneuert der Reichsstädtcbund seine wiederholten aber von der Regierung und den Parlamenten bisher nicht berücksichtigten Forderungen: ausreichende Rücksichtnahme auf die mißliche Finanzlage der mittleren und kleinen Gemeinden bei der Steuergesetzgebung und be­schleunigte Verwirklichung eines neuen, gerechten Finanzausgleiches und eines sofortigen Ausgleiches der Polizei- und gesamten Schul­lasten."

Neue Schwierigkeiten in Paris.

Keine Einigung über dieBerteilung derReparationszahlungen.

Paris, 8. Mai. (WTD. Funkspruch.) Owen D. Poung hat den Delegationen der reparations­berechtigten Länder einen neuen Vertei­lungsschlüssel vorgeschlagen, um Frankreichs Wunsch, aus den vorgesehenen Zahlungen so viel zu erlangen, baß es für seine Reparationsaus­gaben eine Vergütung von etwa 50 Milliarden Papiersranks erhält, erfüllen zu können. Rach demPetit Parisien" würde für Großbri­tannien so gut wie gar nichts an eigent­lichen Reparationsbeträgen übrigbleiben. Sir Josiah Stamp protestiere und bemühe sich, Verbesserungen an den Zahlen durchzusetzen. Rach demMatin" war die Enttäuschung bei der eng­lischen Delegation so groß, daß Owen D. Voung in den Wandelgängen des HotelsGeorg V? habe ankündigen lassen, daß er vorläufig die offizielle Aebermittelung der in Aussicht gestellten Derteilungsvorschläge ausschiebe. Wenn, so er­klärt das Blatt, der französische Delegierte Mo­reau eine klare Fassung der deutschen Vorbehalte haben wolle, so geschehe das nicht, um die Lage zu verwirren, sondern im Gegenteil, um sie zu klären und um dadurch die schlimmsten Mißver­ständnisse zu vermeiden.Echo de Paris" schreibt: Sir Josiah Stamp, der sich dafür einsetzte, Dr. Schacht entgegenkommender zu stimmen und die deutschen Vorbehalte zu mildem, drohe damit, den Bericht nicht zu unterzeichnen, sondern die Ent­scheidung seiner Regierung zu über­lassen. Ohne Zweifel fei es absurd, daß das englische Schatzamt so ausgeplündert werde, aber weshalb habe es am 19. April Dr. Schacht nicht auf den Dawesplan zurückverweisen wollen? Weshalb habe es sich ihm gegenüber so gefällig gezeigt? Weshalb habe es sich nicht Moreau an- geschlossen, um dem Schuldner eine Lektion zu erteilen? Weshalb sollten andere unter der Schwäche des englischen Schatzamtes leiden? Das Blatt erklärt übrigens, daß der Bericht des Sachverständigenkomitees selbst gestern in der Druckerei zur Drucklegung abgeliefert worden sei. Er enthalte nur noch eine Lücke, nämlich f ü r d i e Ziffern, die Deutschland zu zahlen bereit sei. Man werde bald darüber Bescheid wissen, ob dies eine vorläufige oder eine endgültige Lücke sein werde.

Verstimmung in England.

London, 8. Mai. (MTB. Funkspruch.) Die Pa­riser Meldungen über die Einzelheiten des Planes Owen D. Poungs haben hier allgemeine Ueberraschung hervorgerufen und werden hef­tig kritisiert. Reuter meldet aus Paris über den Pariser Theatercoup", der die ganze Lage in den letzten 24 Stunden völlig verändert habe, u. a.: Nachdem Owen D. Poung seine Denkschrift mit den Befragen, die jedes Land erhalten sollte, in Umlauf gesetzt hatte, entdeckten die britischen Delegierten zu ihrem Erstaunen, daß ihr Anteil eine unan­nehmbare Verminderung erfahren hatte. Sir Josiah Stamp begab sich sofort zu Owen D. Houng und fragte ihn, ob die Herabsetzung des bri­tischen Anteiles absichtlich vorgenommen sei. Zoung bejahte dies. Sir Josiah Stamp teilte dar­aufhin Poung mit, daß eine solche Verminderung von den Engländern nicht angenom­men werden würde. Der Reuterbericht erwähnt ferner, daß anscheinend keine Rede von unannehm­baren deutschen Vorbehalten sei. Aber die Haupt­schwierigkeil liege jetzt darin, daß der Bericht, wenn er die Frage der Verteilung nicht erwähne, für die Engländer, aber wahr­scheinlich nicht für die Franzosen und die Belgier annehmbar sei. Wenn er aber die Ver­teilung erwähne, dann werde vermutlich das um­gekehrte der Fall sein. Indessen, schließt die Reutermeldung in hoffnungsvollem Tone: Es ist denkbar, daß der neue Verteilungsvorschlag dem Bericht in einem Anhänge beigegeben werden wird. In diesem Falle könnte der Bericht selber einstim­mig unterzeichnet werden und der Anhang würde, mit den britischen Vorbehalten versehen, bann zwi­schen den alliierten Regierungen zu erörtern sein. In dieser Beziehung scheint kein Grund zum Pessi­mismus zu bestehen. Man darf erwarten, daß die alliierten Staatsmänner zu einer freundschaftlichen Vereinbarung gelangen werden.

Das Attentat aus Woldemaras.

Man Hai Verdacht aus Wilna-polen.

6 o w n o , 7. Mai. (TA.) Gesandtschaftsrat S a y u r, der in Vertretung des zur Zeit in Berlin weilenden deutschen Gesandten M o r a h die Ge­schäfte der deutschen Gesandtschaft in fiorono führt, hat sich noch in der Nacht zum Ministerprä- sidenten Woldemaras begeben, der sich im Städtischen Krankenhaus bei seinem schwer verwun­deten Neffen befand und ihm die Teilnahme der deutschen Regierung ausgesprochen. Woldemaras hat, wie verlautet, die Vermutung aus­gesprochen, daß bei dem Attentat Litauer wie auch W i Inacr Terroristen die Hand im Spiele hätten. Da mit der Möglichkeit gerechnet wird, daß die Attentäter über die deutsche Grenze zu entkommen suchen, ist noch in der Nacht die deutsche Grenzpolizei verständigt worden, die alle Vorkehrungen zur scharfen U e b er­wach u n g der Grenze getroffen hat.

Bei dem Attentat ist auch die Tochter des Uni­versitätsprofessors I o d a k y s durch einen Bein­schuß leicht verletzt worden. Wie Augenzeugen berichten, handelt es sich um drei Attentäter, die sich in einem wenig beleuchteten Teil des Par­kes hinter Bäumen versteckt hatten, von dort aus gaben sie die Schüsse ab. Zwei aufgefun­dene Handgranaten sind zwar geworfen wor­den, sind aber nicht explodiert. In der Stadt Kowno waren heute Gerüchte verbreitet, daß auch Woldemaras durch einen Schuß verletzt sei. Das ist wohl daraus zurückzuführen, daß Woldemaras die ganze Nacht über bei seinem verwundeten Neffen im Städtischen Krankenhaus weilte. Wie zuverläs­sig verlautet, ist Woldemaras völlig un­verletzt geblieben. Er hat sich Henle vormittag bereits in das Außenministerium begeben. Die litau­ische Polizei hat bisher 16 Personen f e ff ge­nommen, jedoch weigert sich die Polizeibehörde, irgendwelche Angaben über den verlaus des Atten­tates und den Erfolg der bisherigen Ermittlungen zu machen.

Wie verlaufet, find die Schüsse auf Woldemaras nicht von einer, sondern von zwei oder drei Per­sonen abgegeben worden. Die Täler sind im Ge­dränge des Theaferplahes entkommen. Man nimmt an, daß es sich um Anhänger des Führers der litauischenEmigranten im wifna-

Gebiet Plefschkaitis gehandelt hat, zumal der schwerverwundete Hauptmann verbickas, bevor er das Bewußtsein verlor, ausgerufen haben soll: Sie haben polnisch gesprochen." Der Neffe von Woldemaras hat drei Bauchschüffe und einen Brustschutz erhallen. Er ist noch in der Rocht operiert worden und wird wahrscheinlich ge­rettet werden können. Frau Woldemaras Hof zwei Schüsse durch den Mantel erhalten, ist aber unver­letzt geblieben. Es wurden Haussuchungen abge­halten und heute früh wurden die aus den Vor­orten nach der Stadt kommenden Personen auf ihre Paffe kontrolliert. Nach einer Lesart sind die Täter nach dem Anschlag in einem hinter dem Theater wartenden Automobil davongefahren. Wolde­maras und seine Gattin gingen ihren Begleitern etwas voraus und so wurden nur ihre Begleiter verletzt, da die Schüsse von rückwärts fielen. In Kowno herrscht Ruhe. Der litauische Innenminister hat fiir die Ergreifung der Personen, die an dem Attentat auf den Ministerpräsidenten beteiligt waren, eine Belohnung in höhe von 50 000 Lit (rund 20 000 Goldmark) ausgesetzt.

Wie verlaufet, verfolgt die Polizei jetzt eine be­stimmte Spur. Es wird vermutet, daß z w e i Au­tomobile, die zur Zeit des Attentats mit lau­fendem Motor in einer wenig belebten, in der Nähe des Tatortes gelegenen Straße standen, den Täfern zu ihrer Flucht verhvlfen haben. Irgendwelche be­sonderen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit sind, wie aus amtlicher Quelle verlautet, einstweilen nicht geplant. Allgemein wurde erwartet, daß nach dem Attentat der bestehende Kriegszustand noch verschärft werde. Die litauische Presse nimmt eingehend zu dem Affenfaf Stel­lung.Liefuvos Aidas" betont, daß es zweifelsfrei festsiehe, daß die Anstifter des Attentats nur unter den Pletschkaifis-Anhängern zu suchen seien. Die Opposition im eigenen Lande, ob von Rechts oder von Links, käme unter keinen Umständen in Frage. DieLitauische Rund­schau" knüpft an das Attentat die Bemerkung, daß sich hinter dem verabscheuungswürdigen Attentat ein dunkler Schatten erhebe, ans dem die Täfer sich lösten und in dessen Schuh sie wieder verschwänden.

Das Harnackhaus der Kaiser-Wilhelm-GeseNschaft.

Ein Berliner Heim für ausländische Gelehrte und Forscher.

Berlin, 7. Mai. (WTB.) Das von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in der Jhnestratze in Dahlem er­richtete Harnack-Haus, das fremden Gästen und Gelehrten aus aller Herren Länder. die zu S t u d i e^i z w e ck e n in Deutschland weilen, Mnterhmft gewähren und gleichzeitig wissenschaftlichen Sitzungen großen Stiles dienen soll, wurde heute vormittag feier­lich eingeweiht. An dem Festakt nahm eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten teil. Die Reichs- und Staatsbehörden waren durch ihre leitenden Persönlichkeiten vertreten, ferner die amerikanische, die italienische und die Bot­schaft der Sowjetunion, die Gesandtschaften Oesterreichs. Bulgariens. Dänemarks, Estlands, Lettlands und Mexikos und der Vertreter der Freien Stadt Danzig. Weiter war eine stattliche Anzahl von namhaften Gelehrteu des In- und Auslandes anwesend. Rach Begrüßungsworten des ersten Vorsitzenden der Gesellschaft, Dr. Krupp von Bohlen und Halbach, der die Der- oienste Harnacks gewürdigt und dem greifen

Gelehrten die Schlüssel des Hauses überreicht hatte, führte

Reichsaußenminister Dr. Strefemann

u. a. aus:

3ch habe herzlich und freudig zugestimmt, als ich vor zwei Jahren die Ehre hatte, über die Errichtung des nach Ihnen benannten Hauses zu sprechen. Ist es nicht ein Zeichen und Sym­bol einer Selbstbesinnung des deut­schen Volkes, daß niemals für die deutsche Kulturpolitik im Auslande und für alle die Be­strebungen, denen sie sich hier hingeben, mehr Interesse gewesen ist, als in den Zeiten der letz­ten Jahre? Wir sind in einem Rotjahr, und in diesem hat jeder Opfer zu bringen. Aber ich glaube mich nicht zu täuschen, daß gerade eine solche Zeit notwendig ist, um Energien zu schaffen, eher werden aus einer solchen Zeit Energien entstehen als aus matter Safuriertheit. Wenn auch Sie vor diesen Schwierigkeiten stehen, fürch­ten Sie sich nicht vor ihnen, schließlich ist es der Ausdruck des ganzen Levens, in der Lage zu sein, sich trotz aller Hemmnisse durchzusehen.

Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Dr. Shurman, führte u. a. aus: Der von Ruhm erhellte Name Harnacks sei seit Jahr­zehnten in der ganzen Welt bekannt und bewundert und erfreue sich besonders in Amerika eines guten Klanges. Er überbringe die Glückwünsche seines

Volkes und des Auslandes, soweit er es vertreten könne. Dem greifen Gelehrten möge noch lange ver­gönnt fein, für den Fortschritt der Menschheit und der Wissenschaft zu wirken. Die Kaiser-Wilhelm-Ge- sellschaft habe ihn nicht besser ehren können, als daß sie dem Hause den Namen ihres berühmten Präsidenten gebe. Das Haus möge ein Mittel zur internationalen Verständigung und des Wohlwol­lens unter den Völkern werden. Er sprach der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft seinen Dank für die großmütige Gastfreundschaft aus, die sie in dem Harnackhause den ausländischen Gelehrten gewähre. Namens der Universität und der übrigen deut­schen Hochschulen überbrachte der Rektor der Uni­versität, Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. H i s, beste Grüße und Glückwünsche. Nachdem noch Ge­heimrat Haber dem Hause freundliche Worte ge­widmet hatte, sprach der Präsident der Gesellschaft, Exz. Wirkl. Geheimrat Prof. D. Dr. v. Harnack, allen seinen tiefgefühlten Dank aus. Er teilte mit, daß Reichsminister Köhler und die Staatssekre­täre P o p i tz und Z w e i g e r t zu Ehrenmitglie­dern der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ernannt wor­den seien.

Oer Abbau

im innerdeutschen Luftverkehr.

Berlin, 8. Mai. (Priv.-Tel.) Bei der Deut­schen Lufthansa haben Besprechungen mit den Vertretern der regionalen Gesell­schaften stattgefunden. Es ergab sich die Rot­wendigkeit, die meisten der bisherigen inner­deutschen Strecken für 1929 auch ohne Re ichs- beteiligung noch aufrecht zu erhal­ten, weil bereits vor der Etatskürzung enhpre- chende Verpflichtungen mit Städten und Kommunalverbänden eingegangen waren. Die Lufthansa hofft, trotz stark herunter­gesetzter Subventionsfähe, für das laufende Jahr durchhalten zu können. ES wurde aber fest­gelegt, daß bereits in den nächsten Wochen Be­ratungen stattfinden, die für 1 930 den Ab - bauoerDerbindungslinien zwischen deutschen Mittelstädten vorbereiten.

Oer Lohnkonflikt bei der Reichsbahn.

Berlin, 7. Mai. (WTB.) Die am Tarif­verträge beteiligten Eisenbahnerorganisationen, nämlich der Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands, die Gewerkschaft Deutscher Eisen­bahner und der Allgemeine Eisenbahnerverband, sind in Berlin zusammengetreten, um die Frage zu erörtern, welche weiteren taktischen Maßnahmen die Gewerkschaften zur Durch­setzung ihrer von der Reichsbahn aus finanziel­len Gründen abgelehnten Lohnforderungen er­greifen werden. Im Vordergrund standen die Fragen, ob sofort der Streik ausgerufen oder der Anregung der Regierung, den Schlichter anzurufen. Rechnung getragen werden solle. Die drei Gewerkschaften beschlossen, wegen der gro­ßen Bedeutung und Tragweite eines solchen Be­schlusses vor der endgültigen Entscheidung noch einmal eine Aussprache mit den anderen interessierten Gewerkschaften der Reichs-, Post-, Staats- und Wasserbauar­beiter herbeizuführen.

Auflösung -es mecklenburgischen Landtags.

Schwerin, 7. Mai. (WB.) In der heutigen Vollsitzung des mecklenburgischen Landtages stimmten bei der Abstimmung über den deutsch- nationalen Auflösungsantrag sämtliche Ab­geordnete für die Auflösung des meck­lenburgischen Landtages. Der Redner der Sozial­demokraten betonte, daß er das in Aussicht stehende Urteil des Staatsgerichts­hofes in Leipzig für ein Fehlurteil halte. Da es sich aber um ein Urteil des Staatsgerichts­hofes handele, stimme seine Fraktion angesichts der politischen Situation ebenfalls für die Auf­lösung. Der Redner ging dann noch auf die Berliner Kommunistentumulte ein, wobei es zu lärmenden Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten kam.

Aus aller Welt.

Der KreuzerEmden" in Soerabaya.

Zu Ehren der 250köpfigen Mannschaft des deutschen KreuzersEmden" fand am Montag im Klubhaus des deutschen Vereins ein großer Fest­abend statt, auf dem der Gouverneur von Ostjava, der Bürgermeister von Soerabaya und der Marinekommandant anwesend waren. Während des Festabends, der in angenehmer Stimmung verlief, ergriff u. a. auch der deutsche Konsul das Wort. Der Kommandant des KreuzersEmden" überbrachte dem Marinekommandanten besondere Grütze des Reichspräsidenten von Hindenburg.

kardinal Ehrle

Bibliothekar und Archivar der römischen Kirche.

Der Papst ernannte den Kardinal Franz Ehrte als Nachfolger des vor einiger Zeit verstorbenen .Kardinals 6 a 9 q u c t zum Bibliothekar und Ar­chivar der römischen Kirche.

Rätselhafte

Todesfälle in einem Pariser Hospital.

In der Kinderabteilung eines Kranken­hauses sind nach dem Genuß von kondensierter Milch vier Kinder unter schweren Vergiftungserscheinun­gen gestorben, zwei weitere befinden sich in Lebensgefahr. Angesichts der Erregung, die sich der Bevölkerung wegen dieses Vorfalles bemächtigt hat, ist eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet.

Eine sechskäpsige Familie vom Schnellzug gelötet

Aks das Auto einer sechsköpfigen Familie in Stur g i s (Michigan) den Bahnübergang passierte, wurde das Fahrzeug von einem Schnellzuge erfaßt. Die ganze Familie wurde getötet.

Neun Mädchen bei einer kahnpartte ertrunken.

In dem Städtchen Chaltsch im russischen Gou­vernementsbezirk Gomel sank bei einer Kahn­partie ein mit neun jungen Mädchen besetztes Boot. Ein zweites Boot, das zur Hilfeleistung herbeieilte und die Mädchen aufnahm, kenterte. Alle neun Mädchen ertranken.

Bootsunglück in Kalkutta.

Ein Boot, in dem 23 heimkehrende Jutespin- nereiarbeitev sich befanden, kenterte auf dem Hooghly. 14 Arbeiter ertranken, die neun anderen konnten in erschöpftem Zustande das Ufer erreichen.

Gerichtliche Sühne für den vierfachen Polizistenmord.

Der am 13. Januar 1929 in der Ortschaft Grootegast bei Groningen an vier Polizeibeamten