Ausgabe 
8.4.1929
 
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Montag. 8. April 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 81 Drittes Blatt

Turnen, Sport und Spiel.

Tagung desHauptausfchuffes der O. T.

Der Hauptcmsschuh der Deutschen Turnerschaft tagte am Freitag in der Deutschen Turnschule in Berlin. Der erste Vorsitzende Prof. Dr. Ver­ger gedachte in seiner Begrüßungsansprache der Verstorbenen und der Wiederkehr des 100. Ge­burtstages des Turnführers Lion.

Die einzelnen Berichte des Vorsitzenden, die Geschäftsberichte und der Kassenbericht wurden ohne Debatte angenommen. Auch die Vorschläge bezüglich der Teilnahme an den Deutschen Kampf­spielen 1930 sanden Annahme.

Genehmigt wurde auch das Abkommen mit dem Deutscj^n Tennisbund: mit dem Skiverband und dem Kanuverband sollen entsprechende Verhand­lungen eingeleitet werden.

Die Berichte der Unterausschüsse gaben ein Bild von der Vielseitigkeit der in der D.T. be­triebenen Leibesübungen.

Die Wahl der Feststadt für daS 15. Deutsche Turnfest wurde vertagt. Cs soll durch einen Aus­schuß erst die Eignung der sich bewerbenden Städte Stuttgart, Breslau, Dresden und Aürn- berg geprüft werden.

Für die Inhaber einer D.T.-Meisterschaft soll ein Meisterschaftsabzeichen geschaffen werden, das der Meister für die Dauer seiner Meisterwürde tragen darf.

Den Beschluß des ersten Tages der Tagung bildete ein Lichtbildervortrag des 3. Vorsitzen- den, Staatsminister a. D. Dominicas, über Flugwesen".

Der zweite Derhandlungstag wurde am Samstag mit einer Aussprache über die B e - standserhebung eingeleitet. Auch die Steuers ra ge und ihre Erhebung wurde ein­gehend behandelt. Aach der Verleihung von Ehrenurkunden an verdiente Führer wurden in nicht öffentlicher Sitzung folgende Grundsätze aufgestellt:

1. Eine entscheidende Besprechung über die sFrage der Zusammenarbeit mit ande­ren Verbänden kann vom Hauptausschuß der D.T. erst in einer seiner nächsten Sitzung vorgenommen werden.

2. Für Wettkämpfe mit anderen Ver­bänden können in irgendeiner Form Erleichte­rungen geschaffen werden. Es soll dazu mit an­deren Verbänden verhandelt werden, ob unter gestellten Bedingungen eine beschränkte Zahl von reichsoffenen Veranstaltungen "gegenseitig sreige- lassen werden können.

3. Soweit nicht anderweitige Vereinbarungen bereits bestehen, kann der Spielverkehr mit anderen Verbänden durch ein Abkommen erleichtert werden, daß in spielarmen Gegenden eine beschränkte Anzahl von Vereinsspielen gegen­seitig freigegeben werden.

4. Schwarze Listen sollen von den Ver­bänden gegenseitig anerkannt werden.

5. Es ist gestattet, daß sich Vereine der D.T. an neutralen Veranstaltungen beteiligen, z. D. des Deutschen Reichsausschusses, der Aemter für Leibesübungen, der Iugendpflegeverbände und der Ortsausschüsse für Leibesübungen. Solche Veranstaltungen bedürfen der kostenfreien Geneh­migung durch den Oberturnwart der D.T. und können nur einmal im Jahre abgehalten werden. Die Teilnahme ist nur den Vereinen gestattet, die dem veranstaltenden Ausschuß angehvren.

6. Die Ausnahmebedingungen für den Aka- demischenTurnbund (Ortswechsel) bleiben bestehen. . _ , ..

Den Schluß der Tagung bildete die Erledigung von verwaltungstechnischen Fragen.

Handball der Turner.

Das Endspiel um die H a nd b a l l - M e i ste r- schaft des Mittelrheinkreises zwischen dem Tv. Marstadt und dem Tv. Ried gewannen

gestern die Marstädter mit 5:1. Marstadt ist damit zum dritten Male Kreis- m e i st e r.

Fechten im Mittelrheinkreis der D. T.

Die Altmannen des 2. Bezirks.

Die Turnerfechter des Mainbezirks er­ledigten ihre Altmannen- (Senioren-) Wettkämpfe 1929 in den drei leichten Waffen am Samstag und Sonntag in der Turnhalle des Turnvereins Vorwärts, Frankfurt a. M.-Bockenheim. 64 ge­meldete Teilnehmer stellten sich an beiden Tagen den Kampfrichtern, um in erbitterten, doch schul­gerecht durchgeführten Gefechten ihre Besten zu ermitteln. Die Gefechte der drei Schlußreden brachten sehr scharfe Gänge, die klar den im Laufe des Jahres erzielten Fortschritt der fechte­rischen Durchbildung dieser Kampfklasse erwiesen. Erster im Florett wurde erwartungsgemäß Betz, Tv. 1860 Frankfurt, nach Stichkampf mit Dr. Thomae, Tv. Offenbach, den er durch einen 3:1-Sieg auf den zweiten Platz verweisen konnte. Auch den ersten Sieg im Degen konnte der Tv. 1860 Frankfurt a. M. für seine Farben sichern. Martin errang ihn, seiner körperlichen Eig­nung ein sicheres Gefühl für den rechten Augen­blick zufügend. Betz, F.T.V. 1860, wurde auch im Säbel Erster vor Bauer, Eintracht, dessen zielbewußte saubere Klingenführung ihn eben­bürtig dem vielleicht glücklicheren Deh erscheinen ließ. Ergebnisse:

Florett: 1. A. Betz, Tv. 1860 Frankfurt a.Main 8 Siege: 2. Dr. Sy Thomae, Tv, Offen­bach 8 Siege: 3. Th. Römer, F. C. Teutonia- Aiederrad 6 Siege: 4. K. Ludwig. Tgde. Bürgel 6 Siege: 5. Sy Glück, Tgde. Eintracht Frank furt 4 Siege.

Degen: 1. F. Martin, Tv. 1860 Frank­furt a. M. 8 Siege: 2. R. Wahl, F.Tv. 1860 6 Siege: 3. Sy Horn. Tgde. Höchst 6 Siege: 4. K. Frisch, F.Tv. 1860 5 Siege: 5. W. Hermann, Tv. Offenbach 5 Siege:

Säbel: 1. Sy Betz, F.Tv. 1860 8 Siege: 2. A. Bauer, Tgde. Eintracht 7 Siege: 3. Dr. Sy Thomae, Tv. Offenbach 6 Siege; 4. H. Glück, Tgde. Eintracht 6 Siege: 5. K. Elbert, F.Tv. 1860 6 Siege.

Fußballbundestagung in Oberschlesien.

In der letzten Vorstandssitzung des Deutschen Fuhballbundes wurde beschlossen, die diesjährige Tagung des Bundes nach Oberschlesien, und zwar nach dem oberschlesischen Industriebezirk zu ver­legen. Der Bundestag wird nach Beendigung der Kämpfe um die Deutsche Fußballmeister­schaft in den Monaten Juni, Juli und August stattfinden. Welche der drei Städte des ober- schlesischen Industriebezirkes den Bundestag be­herbergen wird, steht noch nicht fest. Eine Ent­scheidung darüber wird erst nach Abschluß der inzwischen bereits ausgenommenen Verhandlungen mit dest drei Stadtverwaltungen fallen.

Fußball in Hessen-Hannover.

$p. V. Kurhessen Kassel Kasseler Släbtemann- schaft 4:3 (0:3).

Kurhessen war in der ersten Hälfte überlegen, jedoch war der Angriff der Städtemannschaft durch­schlagskräftiger, und diese legte bis zur Pause drei Tore vor. Nach der Pause holte Kurhessen den Vor- sprung wieder aus und konnte auch ein Siegestor erzielen.

Gölttnger Slädlemannschaft 5p. L. 03 Kassel 4:2.

Die Göttinger Mannschaft war recht gut zusam- mengestellt und fand sich schnell zusammen. Bei den 03ern fehlte der bekannte Mittelläufer Engelhardt.

Die Göttinger spielten besser als die 03er und ge­wannen verdient. 03 zeigte nicht die Form der letz­ten Spiele.

Gaumaunschafl Gießen Gaumannschafl Marburg spielte gestern in Gießen auf dem D. f. B.-Platz mit dem Ergebnis 2:2.

Gau Göttingen Gau harz-weser 3:2.

Süddeutsche Fußball-Meisierschafiskämpfe.

Runde der Meister.

Hier verlor die Frankfurter Eintracht erneut, diesmal allerdings als wesentlich bessere, aber unglückliche Elf gegen den V. f. L. R eck a rau, der mit 4:2 Toren die Punkte mitnahm.

Der K. F. V. Karlsruhe konnte auf eige­nem Platze gegen die mit Aufopferung kämpfende Wormatia Worms nur ein 1:1 erzielen.

Allen Befürchtungen zum Trotz behauptete sich der l.F. C. Nürnberg gegen Germania Brötzingen mit einem löblichen 2:0, wodurch die Dröhinger nunmehr ihre zweite Riederlage auf eigenem Platze hinnehmen muhten. 2n der

Runde der Zweiten und Dritten

gab eS in der Gruppe Rord im allgemeinen torreiche Treffen. Der F. Sp.V. Frankfurt brachte aus Mannheim ein sehr anerkennens­wertes 3: 2 mit, das er auf dem schwierigen Ge­lände des D. f. R. erstritt.

Mit dem ganz ungewöhnlichen Ergebnis von 6:6 Toren trennten sich der F. Sp. V. 05 M a i n z und der S. V. W a l d h o f Mannheim.

Mit seinem 6:2 gegen den l.F. C. Idar kam der V. f. L. Reu-Isenburg erstmalig inner­halb der diesjährigen Trostrunde zu Sieger­freuden.

Saar 05 Saarbrücken wehrte sich gegen Union Riederrad nach besten Kräften, mußte aber schließlich doch mit 0:1 Toren eine berechtigte Riederlage hinnehmen.

Durch den Verlust eines Punktes, den Wald­hof in Mainz erlitt, führt nunmehr der F. Sp. V. Frankfurt mit 2 Punkten Vorsprung die Ta­belle an.

In der Gruppe Süd verloren bemerkens­werterweife sämtliche Plahvereine. Die Stutt­garter Kickers mutzten dem Karlsruher Phönix ein 1:3 überlassen.

Schwaben Augsburg buhte ebenfalls viel von seinem Rimbus ein. Die Mannschaft, die lange Zeit an der Spitze der Tabelle ge­standen hatte, verlor gegen den Tabellenletzten, den V.f.B. Stuttgart, auf eigenem Platze mit 1:4 Toren.

Der A. S. Nürnberg hatte gegen die Sp.- V g g. Fürth nicht einen Augenblick Sieges­aussichten. 1:6 lautete das Ergebnis.

Ein torreiches Treffen lieferten sich der F. E. Freiburg und der S.V. 1 8 6 0 München. Mit 4:6 Toren nahmen die Bayern die Punkte mit.

1860 München und Phönix Karlsruhe sind auf den 3. bzw. 4. Tabellenplatz vorgerückt, während Kickers Stuttgart stark zurückfielen.

Um die süddeutsche Handballrneisterschast.

Polizeisportverein Darmstadt D. f. R. Kaisers­lautern 9:1.

Das gestrige Rückspiel der Bezirksmeister von Main-Assen und Rhein-Saar in Darmstadt en­dete mit einem ganz überlegenen Siege der Darm­städter. Sie waren ihrem Gegner in jeder Be­ziehung klar überlegen, trotzdem diese das Spiel durch große Schnelligkeit und viel Eifer stets offenhielten. Im Sturm versagten die Kaisers­

lauterner vollkommen. Sie verlegten sich auf Ein^ zelspiel, und so war es der Darmstädter Verteidi­gung ein leichtes, die Angriffe des Gegners zu unterbinden. Demgegenüber war die Darmstädter Mannschaft in ganz groher Form: sie bot keine schwachen Punkte und hatte im Sturm ihre stärkste Waffe. Bereits bis zur Pause konnte Darmstadt das^Spiel auf 4:1 stellen, und nach dem Wechsel trotz einer Verletzung des Mittelstürmers Ians noch weitere 5 Tore erzielen, die alle Früchte einer reifen Kombinationstechnik des Sturmes waren. Als Schiedsrichter fungierte Diesel­mann zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Steherrennen auf der frankfurter Gtadionbahn.

Die am zweiten Osterfeiertag wegen der schlech­te:, Witterung abgebrochenen Rennen konnten am gestrigen Sonntag glücklich unter Dach und Fach gebracht werden. DerGröhe Osterpreis". der ursprünglich in zwei Läufen von 30 und 70 Kilometer vorgesehen war, wurde zu einem Lauf über 60 Kilometer zusammengelegt. Für A e r 1 s war der Frankfurter Schaefer ein­gesprungen. Das Rennen, das einen spannenden Verlauf nahm, wurde von dem Frankfurter Schaefer in scharfem Tempo über 80 Runden geführt. Dederichs-Köln lag nur wenige Meter zurück. Dauer, Christ mann und Thollembeek bildeten den Schluß. In der 80. Runde wendete sich das Blatt: Schaefer muhte infolge von Magenbeschwerden aufgeben und Christmann fiel bei einem abgeschlagenen Angriff auf Bauer auf den letzten Platz. Ewige Runden vor Schluh konnte Christmann über­raschend eine Runde zurückgewinnen, die ihm jedoch keine bessere Placierung brachte. Mit einen, Punktefahren über 20 Runden wurde die Ver­anstaltung kurz vor Beginn stärker einsehender Niederschläge geschlossen. Die Ergebnisse waren:

Groher O st e r p r e i s" über 60 Kilo­meter: 1. Dederichs-Köln in 48:14,8 Minuten, 2. Bauer-Berlin 120 Meter zurück, 3. Thollem- beek-Brüssel 350 Meter zurück, 4. Christmann 380 Meter zurück, 5. Schaefer nach 80 Runden aufgegeben.

Punktefahren über 20 Runden: 1. Dilger (D. C. Frankfurt), 2. Judith (Quartett Frank­furt a. an.), 3. Schmitz (Bonames), 4. Hohbem (03.6. Frankfurt a. M.), 5. Rudolf (Quartett Frankfurt a. M.).

Or. pelher geschlagen.

Am gestrigen Sonntag veranstaltete der SC. Preußen in Stettin ein lokales Hallensport,est, an dem auch Dr. Pelher teilnahm. Im 1000- Meter-Dorgabelaufen gelang es ihm nicht, sich durchzusetzen. In der guten Zeit von 2,49 muhte er sich mit dem dritten P l a h. begnügen.

Den Sprinter-Dreikampf über 40, 50 und 60 Meter gewann Schulze (Dreußen-Stettin) mit 15 Punkten vor ©ebner (SC. Charlottenburg- und Dr. Pelher mit je 10 Punkten.

Hubert Houben fährt nach Japan.

Der deutsche Sprinter Hubert Houben (Krefeld) hat von der Deutschen Sportbehörde eine Einladung erhalten, sich an der Japan- Expedition im Herbst zu beteiligen. Hou­ben hat die Einladung angenommen und wird also bei dem am 5. und 6. Oktober in Tokio stattfindenden Länderkampf Deutsch­land Japan mit von der Partie fein. Der Krefelder wird sich für diesen Kampf besonders vorbereiten.

Koeppen

gewinnt das Targa-Florio Rennen.

Palermo, 7. April. (WTB.) Der Deutsche Koeppen auf BMW. gewann heute das Targa-Florio-Rennen für Motorräder.

Nachdruck verboten.

24. Fortsetzung.

Er zuckte zusammen. .

Kommen Sie, lieber Freund. Isa, mein Gott, es geht zu Ende," bat Ri von Salden schluchzend.

Taumelnd erhob er sich.

Doktor Schmidtborn kam ihm schon an der Tür des Krankenzimmers entgegen und drückte ihm fest die Hand.

Seien Sie stark, mein Freund, es ist vor­über!" murmelte er dabei ergriffen.

Vorüber!" lallte Eggenbrecht mit schwerer Zunge. Dann brach er am Totenbett seiner Frau zusammen. ,

Die Liebe derBrigitta Hollermann Lftomcm von Elisabeth Ney. Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).

Ich bin so schlecht, weil ich dich haßte, schon damals. Du gingst nicht auf die Kokettere eines frühreifen Backfischs ein, das reizte mich gegen dich auf. Ja, ja, sieh mich nicht so entgeistert an, ich sage die Wahrheit."

Schwer aufstöhnend, sank sie in die Kissen ^^Hmis-Iörg stand regungslos und sah auf sie nieder.

Das Kind auf dem Bett schrie.

Er nahm es auf den Arm, mechanisch, völlig willenlos. ,

Plötzlich richtete sich Isa wieder auf.

Ich fühle, daß ich sterbe, noch heute, sagte sie"Plötzlich mit angsterfülltem Blick, in dem maß- l0/3r?ng ba^Kinb fort, bring' es zu Brigitte. Sie heult sich sowieso die Augen aus um dich , sie ist ein ebensolches Unschuldslamm tote du. Bring' ihr das Kind; es ist ja von dir, also wird sie es freudig empfangen/ <(

Isa, du fieberst, leg dich hm, stammelte

'nein, laß mich, rufe mir Schmidtborn: ich kann dich nicht mehr ertragen, geh >

Schweren Schrittes wankte Eggenbrecht zur Tür. Erst jetzt bemerkte er, daß er mit feiner

Draußen" nahm ihm die Schwester das Kmd aus dem Arme. Doktor Schmidtborn eilte zu der Kranken, während Cggenbrecht, aufstohnend, auf einem Sessel niederbrach. -

Großer Gott im Himmel, was war das. Hatte Isa im Fieber gesprochen, waren die Worte nur Ausgeburten von Fieberphantasien gewesen^

Nein, nein, sie hatte die Wahrheit gesprochen! Die Todesnähe hatte allen Haß gegen ihn noch einmal aufbrechen lassen. Sie hatte ^trium­phierend ihre furchtbare Schuld im Gefühl der Rache entgegengeschleudert.

Eine Hand berührte seine Schulter.

Isa Eggenbrecht war zur letzten Ruhe gebettet worden. __ _ , ,,

Man brachte Doktor Hans-Jorg Eggenbrecht aufrichtige, herzliche Teilnahme entgegen: wohl aus dem Gefühl heraus, ihn völlig falsch be­urteilt zu haben.

Das Ehepaar von Salden bot dem einsamen, tiefgebeugten Manne bis auf weiteres die Gast­freundschaft an. _

Oki von Salden betreute das Kmd der toten Freundin mit rührender, aufopfernder Siebe.

Eines Abends, es war acht Tage nach Isas Begräbnis, saßen sich Ri von Salden und Hans- Jörg Cggenbrecht allein auf der Veranda gegen­über.

Keiner sprach vorerst em Wort.

Cggenbrecht starrte düster vor sich hm.

Plötzlich warf er feind Zigarette fort, und sagte:

Liebe Freundin, Sie und Ihr Gatte haben mir in den Tagen des furchtbaren Unglücks so getreulich beigestanden, und versuchen in Ihrer Güte auch jetzt noch, mich über das Schwere hinwegzuhelfen. Ich danke Ihnen dafür immer aufs neue aus vollem Herzen, und doch bin iw gezwungen, Ihre Güte noch mehr in Anspruch zu nehmen."

Ueberrascht blickte Frau Ri auf.

Schon immer hatte sie geglaubt, daß auf Hans- Jörg Eggenbrecht auch noch etwas anderes als der jähe Tod seiner Frau lastete. Sie hatte sich "^"Sprechen Sie sich ruhig aus, lieber Doktor: was ich für Sie tat, geschah gern und wenn Sie noch eine Bitte haben, will ich sie nach bestem Können von Herzen gern erfüllen.

Cggenbrecht beugte sich zum Kuß über ihre I Hand. r J

Ich wußte, daß ich keine Fehlbitte tun würde," sagte er, befreit aufatmend.Run bann, Frau Ri, hören Sie mich an: Ich muh so schnell tote möglich nach Europa reisen, um zu versuchen, eine alte Schuld, von der ich selbst bisher nichts ahnte und die mir Isa in ihrer Sterbestunde in unauslöschlichem Haß offenbarte, wieder gut zu machen. Deshalb wollte ich Sie bitten, sich noch weiter meines armen Kindes anzunehmen, bis ich wiederkehre."

Mit Freuden, lieber Doktor. Das kleine Ding ist mir ja bereits viel zu sehr ans Herz gewachsen, als daß ich es so leicht hergeben mochte."

Dank, tausend Dank, liebe Freundin. Sie nehmen mir mit dieser Antwort eine schwere Sorge vom Herzen. Ich werde in spätestens zwei Wochen abreifen. Jedoch in der Freundschaft, die mich so fest mit Ihnen und Ihrem Gatten verbindet, bin ich Ihnen beiden über meine Reise eine Erklärung schuldig. Darf ich Sie deshalb auch in dieser Stunde um ein gütiges Gehör bitten. Ich muß Ihnen eine sehr traurige Geschichte erzählen. Die Geschichte, um derent­willen ich meiner Heimat den Rücken kehrte. Leider spielt Isa darin eine wenig schone Rolle, doch darf und kann ich jetzt darauf keine Rück­sicht nehmen, wenn Sie meine spätere Handlungs­weise verstehen sollen. Ich fahre heim, um meinem Kinde eine neue Mutter zu geben."

Ri von Salden zuckte unwillkürlich zusammen.

Erschrecken Sie bitte nicht, liebe Freundin, hören Sie mich an," bat Eggenbrecht erregt, und dann erzählte er ihr von seiner Liebe zu Bri­gitta Hollermann und deren jähem Ende.

Als er seinen Bericht beendet hatte, glänzten Tränen in Ri von Salbens Augen.

Armer, lieber Freunb," sagte sie, ihm er­schüttert die Hand brüdenb.Ich verstehe Ihr Tun vollauf unb rate Ihnen nun selbst dringend zu biefer Reise. Möge Ihnen bas Glück, Bri­gitta Hollermann wiederzufinden, beschieben sein."

Cggenbrecht nickte und entgegnete seufzenb:

Oft fürchte ich, bah ich zu spät komme, baß bie Reise vergeblich ist, Frau Ri. Wer weiß, vielleicht hat Brigitta schon längst einem an­deren Manne ihr Herz geschenkt."

So, wie Sie mir das junge Mädchen schll- berten' glaube ich nicht an Ihr Zuspätkommen."

Wollte Gott, baß Sie recht haben, teure Freundin," antwortete der junge Arzt leise.

; . . * * v

Währenddessen lebte Brigitta Hollermann, ahnungslos von all dem Schrecklichen, ihr stilles, tätiges Leben in dem Missionshause am Berge von Hongkong.

Bleich und verhärmt ging sie umher, zur stillen Sorge Herrn Doldenkamps, der bereits ernst­lich mit sich zu Rate ging, ob er Brigitta nicht doch lieber wieder nach Europa zurückschicken sollte. Da ereilte ihn eines Tages selbst ein furchtbarer Schlag.

Lange hatte er vergeblich auf bas ersehnte Ant- toorttelegramm Christiane Lührmanns gewartet. Endlich traf dieses eines Abends ein. Mit zittern­der Hand erbrach er es.

Plötzlich sah sie, daß er wankte und schweb auf einen Sessel niederfiel. Das Telegramm war dabei achtlos zu Boden geflattert.

Brigitta sprang zu ihm hin und bestürmte ihn mit angstvollen Fragen; doch nur ein dumpfes, gequältes Aufstöhnen war bie Antwort.

Da bückte sie sich schnell, hob bie Depesche auf und überflog bereu Inhalt. Totenblaß taumelte sie zurück.

Christiane Lührmann, Schwester Christiane tot -- tot! Cs ist nicht möglich, es kann nicht wahr fein!" stammelte sie, laut auftoeinenb.

Unb noch einmal überflog sie bie furchtbare Nachricht. Sie lautete:

Bitte Brigitta so schonenb wie möglich mit­zuteilen. Ihnen selbst, lieber Boldenkamp, bie traurige Nachricht, baß meine liebe Schwester ganz plötzlich binnen brei Tagen einer schlimmen Grippeerkrankung erlegen ist. Ihr letztes Wort war Ihr Name.

Sanitätsrat Heinrich Lührmann."

Stunde um Stunde verrann, bie Nacht brach herein. Keiner sprach ein Wort.

Brigitta weinte unaufhaltsam leise vor sich hin, und Boldenkamps Schultern zuckten ab unb zu verräterisch.

Mitternacht war längst vorüber, als sie mit stummem Hänbedruck voneinander schieden.

Es hat nicht sollen fein, liebe Schwester Bri­gitta," sagte er mit müder, gebrochener Stimme. Die Heimaterde, die Christiane Lührmann über alles liebte, hielt sie fest, und wird sich nun schon längst über ihr zu einem stillen Grabhügel wölben. Gott hat es so gewollt."

x * * » . (Fortsetzung folgt.) 4