Ausgabe 
8.1.1929
 
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Hr. 6 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für G'oerhessen)

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Dienstag, 8. Zanuar 1929

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Wenn D. Schian gesagt

hätte:Deutschland ist Hinsicht und mit allen hätte er eine geschicht-

ihrer Länder. Solange aber diese sich nicht ändert und es liegt bis heute keine Tatsache vor, die für eine Aenderung spricht haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die vaterländische Pflicht, auf die Heuchelei unserer Feinde und auf die Unterdrückung unserer wichtigsten Belange hin­zuweisen und den Schluß zu ziehen, daß man auf Seiten unserer Gegner nicht eine Verständigung mit uns, sondern unsere weitere Unterdrückung will, und wir haben demnach allen Grund, zu sagen, daß FrankreichDeutschlands Feind ist in jeder Hinsicht und mit allen Mitteln". Wenn es das nicht ist, so kann ja Frankreich den Beweis dafür liefern dadurch, daß es mit seiner Be­drückungspolitik aufhört und die Grundsätze durch­führt, unter deren Vorspiegelung man uns seiner­zeit den sogenannten Frieden aufgezwungen hat. Sobald dies geschehen ist, mögen Herr Professor Messer und seine Freunde wieder das Wort er­greifen und von der Notwendigkeit der Völker- versöhnung sprechen früher aber nicht."

Dr. rer. pol. h. c. Paul Meesmann, Gießen.

Frantrerchs Femd in jeder Mitteln", nicht wahr, dann , , .

liche Unwahrheit ausgesprochen? Aber was er sagte, das ist doch wohl, da man unter Frankreich nicht 100 oder 1000 etwaige pazifistische Franzosen, son­dern das als weltpolitischen Faktor in Erscheinung tretende Frankreich verstehen muß, eine geschicht­liche Wahrheit. Und eine geschichtliche Wahrheit aus­sprechen kann doch an sich kein tendenziöser Akt sein, wenn nicht die Tendenz aus anderen Umständen her­vorgeht. Das ist aber hier m. E. durchaus nicht der Fall, geschweige, daß darin eine Reizung zum Haß läge. Die Tendenz Schians ist doch bei seiner poli­tischen, nicht pädagogischen Betrachtung, ganz aus- gesprochen die, im Verhältnis zu Frankreich unsere Politiker vor dem seit 1918 uns so oft zum furcht- baren Schaden gewordenen grenzenlosen Optimismus zu warnen. Sollen wir die deutschen Zeichen der Bedrückung und Versklavung unseres Volkes im Zeichen des Selbstbestimmungsrechts der Völker! als Zeichen der Hiebe und Treue ansehen und aus­geben? Das würde die Feinde nur ermuntern, auf ihrem Wege fortzufahren, uns zu überlisten, denn ihre ganze Politik seit 1919 hat das Ziel, mit List unsere Zustimmung zu unserer Versklavung und Ausbeutung zu gewinnen, damit das Welturteil, das schon in der Kriegsschuldlüge sich zu unseren Gunsten neigte, durch die deutlich in Erscheinung tretende Ausbeutung unseres Volkes sich nicht völlig gegen

Sölkerverföhnung.

Zu den unter dieser Spitzmarle in Nr. 3 desO. 21." vom 4. Januar veröffentlichten Ausführungen von Professor Dr. Messer sind uns folgende Zuschriften zugegangen.

Der Aufsatz des Herrn Professor Dr. Messer in Nr. 1 desGießener Anzeigers" ist zwar als Ent­gegnung auf einen früheren Aussatz des Herrn Professor Dr. Schian gekennzeichnet, enthält aber so wichtige allgemeine Ausführungen, daß er über die Bedeutung einer Entgegnung weit hinausaeht und deshalb einer Erwiderung noch der grundsätz­lichen Seite hin verdient.

Herr Professor Messer stellt dem Satz von Pro­fessor Schian:Frankreich ist Deutschlands Feind in jeder Hinsicht und mit allen Mitteln" die Forde­rung der christlichen Lehreliebet eure Feinde" und die sittliche Forderung der Erziehung der Ju­gend im Geiste der Dölkerversöhnung gegenüber. Nun, was das erstere betrifft, so kann man zunächst an das Wort von Jesus erinnern:Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert". Außerdem verbietet die christliche Lehre meines Wissens nicht, sich gegen seine Feinde zu wehren und alle erlaubten Mittel zu seiner eigenen Selbstbehauptung anzuwenden. Hat doch die Kirche selbst zahlreiche Kriege zu ihrer Selbstbehauptung geführt, bzw. führen lassen und diejenigen, die sie für ihre Gegner ansah, aufs schärfste bekämpft.

Wenn Herr Professor Messer es nun für seine vaterländische Pflicht hält, im Sinne der Völker­versöhnung auf die Jugend zu wirken, so kann ihm doch nicht entgehen, daß eine Versöhnung auf der Grundlage der Gleichberechtigung und geaen-- feitigen Achtung aufgebaut sein muß, daß beson­ders im politischen Leben, in dem doch die Völker­versöhnung sich abspielcn soll, die Geichhett auf allen Seiten anerkannt werden muß. Daß diese Voraussetzung heute für unser Volk und Vaterland erfüllt sei, wird Herr Professor Messer wohl auch nicht zu behaupten wagen. Er formte nur einwen­den, daß wir den Krieg verloren haben und die Foloen tragen müßten. Damit könnte man sich in der Tat auch als Realpolitiker abfinden, wenn uns ein Frieden beschert worden wäre, der einer unse­rer Leistungsfähigkeit und der Entschädigung unse­rer Feinde angemessene Geldsumme festsetzte und im übrigen denjenigen Grundsätzen entspräche, die uns seiner Zeit feierlich von den Feinden verkündet wurden. Statt dessen haben sich diese Grundsätze bekanntlich als Lug und Trug erwiesen, es ist uns ein Vertrag aufgezwungen worden, der uns nicht nur um wichtige Teile unseres Volkstums brachte, schwere Einbuße an Land- und Bodenschätzen und den Verlust unserer Kolonien und noch nicht ab- Mtzbare Opfer an Geld aufzwang, sondern der uns auch moralisch in einer Weise belastete, wie dies einem ShUturoolf gegenüber noch niemals ge­schehen ist.

Alle diese Lasten und Bedrückungen, die nun schon zehn Jahre auf ims liegen, sind inzwischen in feiner Weise erleichtert worden, alle Maßnah­men unserer Gegner sind vielmehr bis zum heutigen Tag darauf ausgegangen, uns immer fester an den Versailler Vertrag zu schmieden und uns in alle Zukunft zu einem wehrlosen Volk zu machen, uns also das primitivste Recht jeder Nation, das der Wahrhaftigkeit und Selbstverteidigung, zu nehmen. Auch der Jugend gegenüber ist im feind­lichen Ausland, insbesondere in Frankreich, von dem Geist der Versöhnung nichts zu spuren- ich empfehle Herrn Professor Messer nur die Durch- sicht der amtlichen sranzösischen Schul- und Lese- bücher. .

Was bedeutet es demgegenüber, wenn m Frank­reich hundert Leute, die gar keinen Einfluß auf die Regierung ihres Landes haben, eine Erklärung vom Stapel lassen, die von der Notwendigkeit einer Revision des Versailler Friedensvertrages spricht? Darin besteht ja gerade unsere falsche Einstellung, daß wir trotz aller harten Tatsachen der Geschichte und trotz aller neuen sich in jeder Etappe unserer Entwicklung wiederholenden Enttäuschungen mehr auf die Lockworte einzelner Ideologen geben, als auf die wirkliche Politik der Staatsmänner und

sie wende.

Ich fürchte, solche Auslastungen von so angesehener Stelle machen den 100 Intellektuellen Frankreichs ihre Arbeit, in ihrem Volke die Erkenntnis des uns angetanen Unrechts zu verbreiten, nur schwer. Ich halte es für eine vaterländische Pflicht, den Fran- zosen zu zeigen ich will mich einmal auf den pazifistischen Standpunkt stellen, durch euer Ver­halten macht ihr es uns deutschen Pazifisten schwer, in unserem Volke den Glauben an eure friedliche Gesinnung zu wecken und den Tag des allgemeinen Weltfriedens heraufzuführen, ehe ein neuer Welt­brand entsteht, der Europa in Trümmer legt. Das wird die Intellektuellen Frankreichs stärken. Das gegenteilige Verhallen stärkt die Militaristen Frank­reichs, denn sie können den Pazifisten sagen:Seht, die Deutschen sind ja mit unserem Vorgehen ganz zufrieden, und ihre Pazifisten halten es mit uns für notwendig, das deutsche Volk in Ketten und Knecht­schaft zu legen." Ich denke, sie würden nicht recht daran reden, aber sie würden so reden. Wenn man in Frankreich oder am Rhein den 6. und 7. Absatz in den Messerschen Ausführungen lieft, dann wird man jubeln:Ja, ja, wir Franzosen haben nie ein Wässerchen getrübt!" Man sollte den Franzosen sagen, daß feit 1914 in Deutschland kein Haß gegen Frankreich vorhanden war, ja, daß man vielfach ein Bedauern über Frankreich fand, das man wie 1870 in kürzester Zeit besiegt glaubte. Man sollte ihm sagen, daß das deutsche Volk überhaupt nicht zum Haß veranlagt ist, und daß es ein Leichtes ist,

mit Deutschland in ein friedliches Verhältnis zu kommen, daß dazu aber andere Mittel gebraucht werden müssen, als Frankreich sie bisher angewen­det hat.

Frankreich hat in pädagogischer Hinsicht noch viel zu tun, bis es auf den friedlichen Standpunkt Deutschlands kommt, das sogar in seiner Verfassung den Pazifismusverankert" hat.

Schian hat gewiß mit dem Satz von demTeil des deutschen Volkes, der grundsätzlich den Fran , sin und Engländern alles Gute zutraut" die Pazifisten schwer gereizt, aber das darf uns nicht veranlassen, in diesen ernsten Fragen so gefährliche Ausführungen zu machen, die die Gegner in ihrem bösen Verhallen gegen uns zu bestärken geeignet sind."

Pfarrer Friedrich Schick, Oueckdom.

Zweihundert Girls proben.

Don pauf 3- Bloch.

Wohin soll man treten? Rechts türmen sich Berge von Holzlatten und Leinwandfehen, links erheben sich Hügel aus Teppichen, Gebirge aus Stuhlbeinen.

Wohin soll man hören? Süß wimmert oben eine Geige, rücksichtslos quäkt ein Saxophon Da- zwischen, gleichmäßig tönt das Surren von Mo­toren; von fern durchbricht, mannigfach gedampft und berftärft wie ansteigende und verebbende Woge, Stimmengewirr, in allen Sprachen der Welt fast.

Wohin soll man schauen? Grell weißes Licht wirft einen Schlagschein in die Ecken des großen gespenstisch leeren Raumes, zartes Blau und tiefes Rot wechseln sich ab. Man ist geblendet, geblendet auch vom Spiel der Farben, das sich vor und neben einem bietet: in Dadetrikvts aller Größen und Muster, aller Farben und Formen, in bunten Kleidchen, Strickjacken und Mänteln stehen, liegen, f bringen, tanzen zweihundert Girls, schlankbeii ig und hoch gewachsen, Blonde und Schwarze, alle lächelnd, alle vergnügt, fast alle mit glänzenden Augen.

Hier wird geprobt. Hier beginnt sich aus einem Wust von Gedanken und Einfällen, einem Gewirr von musikalischen, szenischen und choreo­graphischen Sbcen etwas zu gestalten, die neue Revue wird hier geboren. Die Geburt ist nicht leicht. Es sind zu viele, die mithelfen müffen, es sind zu viele, die Pläne haben. An­gespannt sitzt der Autor im Dunkel einer Loge, in den Gängen wird Handstand gemacht, ein Spagat geübt, eine Pirouette zum fünfzehnten Male geprobt. Drüben schmeißen sechzehn Til­le r g i r l s die Deine wie e i n Mann, vergeb­lich versucht der Komiker einem Kollegen den Witz der Situation klarzumachen, das Tänzer­paar kugelt und springt sich von hinten nach vom, das Orchester wiederholt die Takte des Schlagers, der Star tänzelt unb trällert die Melodie des Couplets.

Auf der Bühne indessen spielen ein paar den Sketch, sie Proben so sachlich und ruhig, so selbst­verständlich und unberührt von allem Lärm im großen Raum, sie bringen die Pointen und geben die Einsätze, es ist. als spielten sie vor großem Publikum. Unb Publikum ist da, dank­bares, sachverständiges: die Kollegen und Girls, dr« Statisten und Garderobieren, die Bühnen­arbeiter und Näherinnen, am sachverständigsten und kritischsten, Im Mittelpunkt des Ganzen, der Direktor, genannt der Admiral, im Kreise seines Stabes.

Heber den ersten Reihen in der Mitte des Zuschauerraumes ist ein Podium errichtet, ein paar Stufen führen hinauf, Lampe, Schreibzeug, ein Glas Wasser auf dem Tisch, ein Mikrophon und eine Pistole. Manchmal kracht plötzlich ein Schreckschuß, dröhnt wider mit furchtbarem Echo aus allen Schluchten der Logen und Ecken der Ränge, die Mädels zucken zusammen, das Kau­derwelsch der Unterhaltungen verstummt, es ist wieder Ruhe für ein paar Minuten, die Unter­haltung vom Regietisch zur Bühne, Anordnungen und Vorschläge sehen sich durch, bis von neuem der hundertfache Klang von (Stimmen und Tönen, von Rufen und Geräuschen jedes Wort ver­schlingt. Dann schaltet der Admiral wohl das Mikrophon ein, er spricht leise in das Gewebe des Apparates, Lautsprecher auf der Bühne geben feine Worte knarrend wider, es bedarf

keines Schreiens, es bedarf keiner unnützen Kraft­vergeudung, das leiseste Schimpfen des Regisseurs vor dem Mikrophon wird auf der Bühne zum furchtbarsten Donnerwetter. Lind soll es werden.

Auf einmal geht der Ruf:AlleGirls auf die Bühne!" und es beginnt ein Trippeln und Laufen, aus den Ecken der Logen räkeln sich Mädchengestcchten empor, der Hund> getreuer und ausdauernder Begleiter, wird am Stuhlbein feftgcl-unbcn, das Ledertäschchen wird zug kappt, der Roman im spannendsten Augenblick verlasien, die Müdigkeit und der Schlaf verdrängt. Die Reihen im Zuschauerraum leeren sich, einen Augenblick pausieren die Streicher und Bläser, für ein paar Sekunden verdunkelt sich die Bühne, die Scheinwerfer blenden ab, das Surren der Lichtwa chine läßt nach, lang am schiebt sich eine neue Kulisse vor, und plötzlich erhellt wieder e.n Steiler Strahl die Vorhänge und Prospekte, in leih und Glied steht die Schar Girls. Roch sind sie nicht ganz eingewöhnt, noch fühlen sie sich ein wenig fremd, ein wenig unsicher auf der hohen Bühne, vor sich den weiten leeren Raum. Sie blinzeln noch im Licht der Lampen und Scheinwerfer, sie gehen noch langsam und ängstlich und tragen behüt am die neuen Ko­stüme. geblendet vom Widerglanz der Stein« und Perlen, beglückt über das kostbare Kleid.

Sie hängen an diesen Kleidern aus Seiden und Spitzen, aus Samt und Pailletten, sie lieben diese Kostüme, die ihnen eine erwünschte, ersehnte, erträumte Well für Stunden fast zur Wirk­lichkeit werden lassen, sie fühlen sich stärker, teilhaftig des großen liebens, zug hörig der großen Gesellschaft, da die gsitzernden Kleider ihre schö­nen Körper bedecken und sie zur Geltung kom­men lassen. Sie gehen in kunstvollen Figuren und tanzen in immer neuen Variationen. Sie fügen und lösen die Gruppen und Reihen, sie steigen mit Lichtern und Blumen Treppen hinaus und Treppen herab, es ordnen sich hier die glänzen­den Blauen, dort sammeln sich die glitzernden Roten um die eine schöne Weihe mit der langen Schleppe, dem hohen mächtigen Kopfputz. Sie wird beneidet ob dieses Glanzes, sie steht im Mittelpunkt des Bildes, lächelnd, glänzenden Auges, die Arme erhoben, den schweren Ausbau der Seiden und Perlen zu halten. So steht sie Minuten und aber Minuten, schreitet nach rechts, schreitet nach links, so steht sie Stunden und aber Stunden, die Arm ebeginnat au schmerzen, der Kops ist nicht mehr ganz so hoch erhoben, aber immer noch liegt dieses Leuchten in ihren Augen, dieses Lächeln um ihren Mund.

And wie diese, j© sind sie alle. Tage und Rächte füllen sie aus mit dem Probieren der Kostüme, dem Warten im Theater, den Minuten des Auf- ttitts, den kurzen beglückenden Minuten, denen wieder das endlose Warten folgt. Hier gilt nicht mehr die Zeit von draußen, hier gibt es nur einen Gedanken: Premiere! Dom Mittag bis zum Abend wird geprobt und gewartet, geschimpft und gesungen, vom Abend vis zur Mitternacht wird weiter getanzt und weiter gewartet. Denn auch' Mitternacht ist kein Ende in diesen letzten Tagen, immer von neuem rollt sich Szene auf Szene ab, Sketch auf Sketch, Bild auf Bild. Es wird wiederholt und umgestellt, Pas gestrichen und Pas wieder erfunden, Abgänge verändert und Auftritte verkürzt.

Gießener Konzertverein.

Klavierkonzert Wilhelm Backhaus.

Einen ganzen Abend mit Deethobenschen Sonaten auszufüllen und dabei die Hörer ständig mit sich fortzureißen. ist nur wenigen Berufenen unter den Klavierspielern Vorbehalten: zu d.e.en muß man ohne Zweifel Wilhelm Backhaus zählen.

Beethovens Sonaten sind ein Prüfstein für einen Pianisten, an ihnen kann er musikalische und gestalterische Fähigkeiten beweisen: denn Beethovens Sonatenform bedeutet eine nie wieder erreichte Eigenart. Bei anderer Gelegenheit konnte schon einmal darauf hingewiesen werden, wie das Klavierfchaffen Beethovens aus der Im­provisation erwächst. Improvisation an sich aber bedeutet etwas Schweifendes, das in seinem naturhaften Entstehen sich nicht immer der Regel fügt; ihm muh daher das Formungsprinzip mit seiner strengen Logik entgegentreten unb aud der Verschmelzung des lebensvollen Impusies der Improvisation mit dem Zusammenfasseirden, Bin­denden, Kraftvollgespannten des Formwillens ersteht Beethovens Sonate. Es würde zu wmt führen, auf die einzelnen Phasen der Entwick­lung des Beethovenschen Sonatensttles und die Wandlungen in seiner Form einzugehen: wie sich z. D. durch die improvisierende Einführung des Hauptthemas die Exposition immer mehr dehnt und der Schwerpuntt des Werkes sich immer mehr zum Finalsatz hin verschiebt.

Diese eigenartige Bindung von Willen und Impuls in Beethovens (Sonaten ist es besonders, was den meisten Klavierspielern den Weg zur unteren Geistigkeit dieser Werke verschließt. Durch Wilhelm Backhaus wurden die Sonaten zu einem starken Erlebnis.

War man in früheren Jahren immer noch ge­neigt, in Backhaus mehr den Dirtuosen zu sehen, fp hat die hiesige Veranstaltung seine unermeß­liche Gestaltungskraft bewiesen. Gewiß sind die technischen Anforderungen, die Beethoven an den Klavierspieler stellt, sehr hoch, aber mit dem größten virtuosen Können sind die Sonaten nicht zu erschöpfen, wenn die gestattenden musikalischen Kräfte versagen. Bei Backhaus erscheinen alle die technischen Schwierigkeiten so selbstverständ- llch, so organisch-natürlich in den Gesamtrahmen eingefügt, daß man ihrer gar nicht gewahr wird; ja, technische Momente wie d»e Triller in der

Waldstein-Sonate erhalten unter seinen Händen bedeutsamen musikalischen Ausdruckswert. Eben, weil Backhaus ein so eminenter technischer Kön­ner ist, ersteht bei ihm alles in schlichter Na­türlichkeit, da sich alles seinem starken Gestal­tungswillen unterordnet. 3m Lause der Jahre hat er sich zu einer Klarheit der Darstellung durchgerungen, die nur immer wieder bewun­dert werden kann und muß. Da entwickelte sich jedes Thema organisch, die innersten Gesetze seines Werdens wurden aufgedeckt: gerade diese Hingebung an das Werk ließ dasselbe um so größer erstehen. Da war keine Tempoänderung, die nicht organisch bedingt gewesen wäre, als ein Einhalten, als ein Vorwärtsdrängen: da zeigte sich jeder dynamische Grad als Ausdruck or­ganischer Kräfte, frei von Eigenwilligkeit, frei von unbeherrschtem Impuls des Spielers. Die Kanttlene erschien llanggesättigt, warm: frei von «Sentimentalität, hehr, erhaben dehnte sie sich in weiter Linie, und dennoch wiederum war sie von verllärter Weichheit, Entrücktheit wie in der letzten Sonate. Das war ein Wachsen, ein Vergehen im Klanglichen, das allen unvergeß­lich bleiben wird.

Unter den Sonaten Beethovens hatte der Kon- zertgeber die markantesten Beispiele ausgewählt. Die Sonate op. 13 (E-Moll) stellt gewissermaßen eine Zusammenfassung der Früywerke des Meisters dar; Beethoven selbst hob ihren besonderen Stil­charakter hervor (Sonate path&ique). Diesem jugendlich dahinstürmenden Werk, das auch in der Hausmusik festen Fuß gefaßt hat, gab Backhaus eine Wendung ins Erhaben-Tragische, mit den Gefühlsballungen des Grave, dem Aufsteigen des ersten Satzes, dessen Tempo er aus dem Werde­prozeß ableitete in allen Episoden und wodurch er sich in einem erfreulichen Gegensatz zu den häufigen Tempoüberfetzungen, denen man oft bei diesem Satze begegnet, stellte; in voller, wuchtiger Breite ließ er das Allegro ausklingen. Weit spannte er den Bogen der Kanttlene im Adagio, und dem Rondo gewann er immer wieder neue Seiten ab.

Die beiden folgenden Sonaten op. 53 (C-Dur), op. 57 (si-Moll) gehören, den Skizzen nach zu ur­teilen, ungefähr der gleichen Schaffensperiode des Meisters an und offenbaren so Atpei verschiedene Seiten seines Wesens. Die Waldstein-Sonate (op 53) kündet tatenfrohes Lebensgefühl, in düste­ren Gegensatz dazu stellt sich die Aopassionata (op. 57). Wie Backhaus die so unterschiedttche Welt­anschauung beider Werke erschloß, fordert aller­größte Bewunderung ab. Wie einfach, natürlich

und selbstverständlich ließ er das Thema des Final­satzes der C-Dur-Sonate herauswachsen; wie perl­ten die Trillerketten im thematischen Aufbau; wie wußte er dem adagio molto den Charakter als Jntroduzione" zum Rondo zu geben! Die f-Moll- Sonate konnten wir in Gießen im vergangenen Herbst schon einmal hören; Backhaus gab diesem Werk vollste Erfüllung, indem er seinen Gefühls­aufschwung in allen seinen Phasen erschloß.

Und bann die letzte Sonate Beethovens op. 111 (C-Moll), mit dem starken Kontrast seiner beiden Sätze; im Allegro con brio Kampf, im Adagio lichte Derklärtheit. Besonders der letzte Satz mit seinem Auflösen und Entschwinden des Klanglichen in der Reihe der Variationen, seinem Loslösen von der Substanz, dem Flimmern der Trillerketten, sei­ner Versunkenheit und Entrückcheit von allem Ir­dischen; das waren Augenblicke, für die alle Hörer dem Konzertgeber immer dankoar fein werden. Das volle Haus war gebannt von den Eindrücken; immer wieder muhte sich der ffünftler zeigen.

Dr. H.

Goethe-Bund.

Vortragsabend von Carl Zuckmayer.

Dies ist etwas Schönes und nimmt sofort für ihn ein: wie der junge Zuckmayer, ein berühmter Mann, soeben frisch von der erfolgreichen Berliner Premiere derKatharina Knie" zurück, ganz ohne Geste, bescheiden und beinahe befangen vor dem zahlreichen Publikum steht, das den Saal ganz füllt. Nichts von der fatalen Pose des großen Mannes; die fast sprichwörtlich gewordene Derbheit seines bäue­rlichen Wesens ist kaum in ein paar schweren, naturnahen Versen und etlichen Dialektworten zu spüren.

Aber gesund klingt jedes Wort, das er sagt, ker­nig, blühend, erlebt fern von aller Literatur; man hat das Gefühl einer unbedingten Wahrhaftig- kett, eines großen und persönlichen Bekenntnisses. Und dieses Gefühl verstärkt sich noch im Anbören einer sehr jugendlichen, wachen, hellen und kräftigen Stimme, die am herzlichsten klingt, wenn sie ein paar Brocken aus der rheinhessischen Mundart vor­bringen kann, mitten im gebändigten Strom der breit hinströmenden hochdeutschen Schriftsprache.

Der erste Teil des Abends brachte Prosa. Zuck­mayer las dieGeschichte eines Bauern aus dem Taunus", das umfänglichste und zugleich beste Stück in dem vor kurzem erschienenen Noorllenband.

Eine ausgezeichnete Arbeit, viel stärker und dich­terisch gewichtiger, als was zuvor von Zuckmayer ein wenig geräuschvoll bekannt geworden ist. Hier ist jedes Wort und jeder Satz innerlich erlebt, alles ist ganz klar, natürlich, ohne große Worte und Ge­bärden, alles sehr schlicht und unkompliziert.

Man muß diese Prosaerzählung (die zum Besten gehört, was die moderne deutsche Novellistik her- vorgebracht hat) lehr aufmerksam gehört oder, noch besser, gelesen haben, um zu empfindon, wie ein im Grunde unendlich einfaches Motiv, eine fast alltäg­liche Handlung mit seelischem Antrieb, mit Herz- pulsen und hämmernoen Blutströmen prall gefüllt ist; die Geschichte eines Taunusbauern, der Weib und Kind verließ, um ein winziges, lebendiges Menschlein aus dem großen Kriege zu retten ins heimatliche Dorf. Es gibt kaum ein Stück, das besser geeignet gewesen wäre, Zuckmayer auch als Erzähler wie ihn die wenigsten kennen einem erwartungsvollen Publikum vorzustellen.

Der zweite Teil des Abends war der Vorlesung von Gedichten gewidmet, aus demBaum , einer kleinen lyrischen «Sammlung, die wir vor eini­ger Zeit hier ausführlich besprochen haben, und aus dem Manuskript.

Zuckmayer ist als Lyriker beim großen Publikum fast ebenso unbekannt wie als Erzähler; die Ge­dichte, die er las, gaben fast alle ein sehr gutes, abrundendes und charaktervolles Bild seines dichte­rischen Wesens.

Merkwürdiges Erlebnis: wie einer zu den ältesten und gebräuchlichsten Gefühlen, Begriffen und Vor­stellungen der lyrischen Dichter zurllckkehtt, wie eine):die Natur besingt" und dennoch etwas Neues, etwas seit langem nicht mehr Gehörtes vor­zubringen hat, nur weil ihm dies mit tiefer Not­wendigkeit, mit aller Inbrunst seines Empfindens aus dem Blut kommt, was allzuoielen vorher ab* gegriffene Münze, - blaffes, unechtes Gefühl, lite­rarische Mode war.

Das ist es, was Versen wie imBaum", in den Pferden", denWölfen" und dem Oktober" etnx^ ihr dichterisches Volumen verleiht. In diesen schwin­genden und in allen Büchern Zuckmayers roieber- kehrenden Grundakkord mischen sich gut auch die ganz menschlichen Stimmen, innig und lebensfroh wie imWiegenlied" und imWeihnachtslied < schalkhaft und sinnenfreudig wie in derWein-, blume" und demEssen".

Der Abend wird vielen eine willkommene Vor­bereitung zu der Aufführuna gewesen sein, die in Kürze ein neues Schauspiel Zuckmayers auf unser«! Bühne bringen soll.I