Ausgabe 
7.12.1929
 
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fische Dahn sowohl Rußland wie China aus der Hand zu winden. Und unter dem Druck dieser Furcht können allerdings die Verhandlungen schneller gehen, als bei der ganzen Art der beiden Teile von vorn­herein wahrscheinlich lst. Deutschland wiederum hat ein Interesse daran, daß die direkten Verhandlun­gen möglich st schnell zu einem Ergebnis füh­ren, damit Deutschland aus der allmählich recht un­bequem gewordenen doppelten Rolle als Schutz­macht heraus kommt. Und im übrigen kann es nur wünschen, daß, da es mit beiden Mächten gute Be­ziehungen unterhält und pflegt, dies« sich schnell und dauerhaft verständigen.

In diese ganz« Situation kommt die erste Botschaft Hoovers an den Kongreß, der wie üblich Anfang Dezember zusammengetreten ist. Wieder spricht er vom Kelloggpakt und unter­streicht er den Beitritt Amerikas zum Haager Schiedsgerichtshof dem der Senat jetzt zustimmen muß. Er weist auf Fortschritte der amerikanischen Politik in Mittel- und Südamerika hin. Er fordert auf, an der Einschränkung der Rüstungsausgaben mitzuarbeiten, und hofft auf einen Erfolg der Lon­doner Konferenz. Für Deutschland ist der Teil wich­tig, in dem er vom deutschen Eigentum spricht: der Entschluß, es zurückzugeben, würde durchgeführt, von einer Gesamtsumme von 625 Mil­lionen Dollar sind noch nicht 1116 Millionen zurückgegeben, die im nächsten Jahre erstattet werden. Und über die amerikanischen Ansprüche an Deutschland sagt Hoover, daß Amerika die gleichen Abstriche annähme, die der Pariser Plan für alle

Regierungen vorschlug, und daß darüber der Ent­wurf zu einem Vertrage mit Deutschland dem Kon- greß vorgelegt werde. Die Wirtschaftskrise erklärt er als überwunden; er betont, daß das Kre­ditsystem ohne Schwächung des Kapitals die Krise Überstanden habe. Nur sehr allgemein klingen da- bei seine Ideen über Eingriff« in solche Krisen an. Ebenso deutete er nur leise an, daß er in der Frage des Zolltarifs und der Einwanderungsbeschränkung gegen das in Kraft befindliche System sei. Er erinnert an die Notwendigkeit des Handelsverkehrs mit anderen Ländern und hofft, daß in der Ein­wanderungsregel die Bevorzugung von Menschen möglich sei, die für Amerika erwünscht seien. Im ganzen sind die Anregungen des Präsidenten in die­ser Botschaft sehr vorsichtig formuliert. Aber sie hal­ten sich genau in der Richtung des ganzen Systems, das dem Präsidenten vorschwebt und das er durch­führen wM. Gleichzeitig wurde dem Kongreß der Haushaltsvoranschlag für das neue Etatjahr über- sendet, das drüben am l.Juli beginnt. Davon inter­essieren die Welt zwei Punkte: die Gesamtausgaben für Armee und Marine mit 719 Millionen Dollar und ein Ueberschuß (?) des diesjährigen Budgets mit 225 Millionen Dollar. Der Bericht kann also vor- schlagen, daß die am 15. März 1930 fälligen Ein­kommensteuern um 160 Millionen Dollar er­mäßigt werden sollen! Glückliches Amerika! Man begreift, daß dann ein Kongreß es nicht übermäßig eilig has. Anregungen zu folgen, daß sich Amerika mehr um Europa kümmern möge, als es bisher getan hat!

Wo wirklich Politik gemacht wird.

Oie klassischen Stätten des politischen Frühstücks.

Nachdruck verboten.

Politik wird nicht nur in großen Ausschüssen und öffentlichen Versammlungen gemacht. Jede Entscheidung verlangt zuerst interne Dor - b e r e i t u n g. der Politiker braucht und brauchte immer zunächst Diskussion und Widerhall im kleinen, privaten Kreis. Dem Bedürfnis, intime und doch unpersönliche Treffpunkte zu schaffen, genügten vor dem Krieg der politische Salon und das politische Frühstück. Der Salon, Kind einer reichen Hofgesellschaft, war den Stürmen schwerer Jahre nicht gewachsen. Aber auch über das politische Frühstück dringt heute kein Laut mehr zu der aufhorchenden Oeffent- lichkeit. Hat es sich, wie sein kultureller Rivale, nach dem Krieg völlig verändert, ist es von den deutschen Tischen, die die Politik bedeuten, verschwmrden? Es besteht kein Grund dafür. Roch ist das Bedürfnis nach interner Aussprache auf halboffiziellem Boden wach wie früher. Roch existieren auch die Stätten der privat-politischen Zusammenkünfte, die alten Prominenten-Restau- rants. Sehen wir, was sich heute in ihnen ab- spielt! Aus zum politischen Frühstück!

*

Wo gehen Reichstagsabgeordnete hin, wenn sie für halbe Stunden den Couloirs und öffent­lichen Debatten entfliehen wollen? Ganz in der Rachbarschaft des Reichstags fällt dem Borüöer- gehenden ein ausgehängtes Schild in Gestalt eines schwarzen Bierbeiners auf. Das ist das Wahrzeichen desSchwarzen Ferkels", einer Berliner Weinstube mit großer Vergangen­heit. Sie hat einmal ein vergnügtes Publikum gesehen: Strindberg, Munch, Dehmel, Max Halbe, Schleich, Hartleben, Dusoni, Trübner und Leisti- kow waren hier Stammgäste. Heute sehen die Vor­mittags- und Mittagsstunden hier ein ge­hetztes Publikum. Mit müdem, abgespann­tem Ausdruck sitzen die Volksvertreter in den gemütlichen, kleinen Räumen, in derStrindberg- Ecke", von deren einstigem Gast als einziges Zeugnis sein BildDie Woge" auf gefurchte Stirnen heruntersieht. Cs braucht keinen geübten

Blick, um dem Kellner anzusehen, daß er mit den Gästen nicht zufrieden ist, sie seinem Essen nicht mehr Ehre antun. Denn zum Genuß des Essens ist keine Zeit, das Frühstück ist nur eine kurze Atempause in der Arbeit und Be­sprechung mit den Freunden. Am Tisch der Volkspartei wie der Sozialdemokratie wird eifrig beraten, denn merkwürdiger- und traurigerweise: selbst wenn alle Parteien zum Frühstück ver­einigt sind, sitzen sie, mit seltenen Ausnahmen, immer hübsch nach Fraktionen ge­trennt, an den Tischen. Freilich werden die Honneurs" durchaus gewahrt, Verbeugungen gehen von Tisch zu Tisch, aber die Kluft bleibt bestehen. Die Gegensätze, die innerhalb des Reichstagsgeb äudes auseinanderprallen, bringt das politische Frühstück nicht fort.

Ein einladender Eingang, eine Samtportiere zeigen dem Gast den Weg in Hillers alt­berühmte Gaststätte. Der Gang über den Hof ist weniger einladend, aber über der Hoftüre zum Restaurant steht in unsichtbaren Buchstaben Eingang nur für Herrschaften", denn sie be­nutzen fast alle prominenten, politischen Gäste. Vorn im Restaurant sitzen die gewöhnlichen Sterblichen friedlich beim Mittagessen und ahnen nicht, daß ein paar Meter von ihnen entfernt wichtige politische Unterhaltungen gepflogen wer­den. Denn natürlich sind ernsthafte Debatten coram publico unmöglich, sie verlangen die Stille und Einsamkeit des Einzelzimmers. Das Cham­bre s e p a r 6, früher eirimal der Traum an­derer Zusammenkünfte, hat seine Bedeutung in den Dienst der politischen Sache gestellt. In den kleinen, vornehmen Räumen, zwischen diesen seidenbezogenen Wanden haben sie schon alle gespeist: die auswärtigen Botschafter, die deut­sche Industrie, Hugenberg. von Kardorff, Frau von Oheimb ebenso wie Stresemann, Curtius, Hilferding, Crzberger und Rathenau. Hier ist der Boden, auf dem sie sich treffen konnten. Aber sie treffen sich glücklicherweise nie. Ein einziges Mal hat der teuflische Zufall eine solche Be­

Das Erbe des Herrn von Anstetten.

Vornan von 3- Gchneider-Foerstl.

| Urheber-Rechtsschutz durch

Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ich habe von Geld reden hören, Papa," ein abbittendes Flimmern stand in den Knaben- auaen.

Anstetten war dankbar für dieses Geständnis. Es war das Harmloseste, wie sich die Eheszene erklären ließ.Die Mama machte mir den Vor­wurf, ich wäre ein Verschwender, vergeude dein Erbe und bringe Anstetten in Ruin," sagte er und fühlte es wie eine Erleichterung, als er Bernds Lächeln gewahrte.

Die junge Brust atmete auf.Wie unver­nünftig von Mama, derartiges zu behaupten. Ich werde also wieder zu Bett gehen, Vater!"

Ja, mein Junge! Habe gute Traume, Kind!"

Als Anstetten am anderen Morgen nach dem Speisezimmer kam, meldete Friedrich, die Frau Baronin hatte bereits gefrühstückt und sei im Begriffe, wegzufahren.

Ohne Wort, ohne Gruß, dachte Anstetten er­bittert und wandte den Kopf, als hinter seinem Rücken eine Türe ging. Cs war Bernd, der kam, dem VaterLebewohl" zu sagen.

Ich wäre so gern geblieben," sagte er depri­miert und legte dabei das Gesicht gegen An- stettens Wangen.

Du weiht, daß ich dich gebeten habe, mit» zusähren, mein Junge. Sei der Mama ein guter Gesellschafter und laß mich ab und zu wissen, wie es euch geht."

Und du schreibst auch. Papa?"

Gewiß, mein Bub!"

Von der Auffahrt kam ein kurzer, befehlender Hupenton. Füße knirschten auf dem Kies. Vater und Sohn traten aus den Korridor und sahen Zofe und Chauffeur Koffer und Hutschachteln nach unten schleppen.

Bernd hatte seinen Arm in den des Barons geschoben und zog ihn mit wortloser Ditte zu dem doppelflügeligen Ausgang.

Drunhilde saß schon im Fond und blickte un­geduldig nach dem Sohne. Als sie den Gatten in dessen Begleitung sah, flammte ihr Gesicht für Sekunden auf. Gr hatte kein Taktgefühl und keine Scham, sonst würde er es nicht wagen, noch jetzt knapp vor der Wegfahrt und in Gegen­wart der Domestiken eine Abschiedsszene ins Werk zu setzen.

Rur um den Dienstboten kein Schauspiel zu

geben, legte sie flüchtig ihre Hand in die seine, die sich über den Schlag streckte.

Aus Wiedersehen, Papa!" Bernd küßte den Vater auf Mund und Wangen.Vielleicht holst du mich zum Schulbeginn?"

Ein abwesendes Lächeln.Kaum, mein Junge! Die Reise wäre zu kostfpielig für mich."

Drunhildes Gesicht zeigte beißende Ironie. Der Papa benötigt das Geld für andere Dinge."

Anstetten atmete auf, als der Motor ratterte und die Räder sich in Bewegung setzten. Rur Bernd sah noch einmal zurück, als der Wagen in das Tor bog. Don Drunhilde war nichts zu sehen als der blaue flatternde Schleier, den sie über die Autohaube gebunden hatte.

Der Freiherr warf den Kopf zurück. Jetzt also war der Weg frei Endlich!

Er hatte die letzten Tage, zumal die verflossene Rächt, wie ein Riefe mit sich selbst gekämpft, um bis zur letzten Minute die Selbstbeherrschung zu bewahren. Run konnte die Maske fallen.

Morgen abend würde alles entschieden fein!

Frühmorgen im August!

Von den Hochwaldtannen herab rann das er­wachende Licht des Tages. Der Teufelsklee am bemoosten Stein hielt die zitternden Tautropfen fest, welche in seinen Blättern schimmerten.

Von unten herauf kam ein fester Schritt! Ein Stein kollerte.

Anstetten ging, das Gesicht nach den Wipfeln gehoben, den schmalen Weg entlang, der Lich­tung entgegen, die seitwärts wie eine Oase ein­gebettet lag.

Ein Dock setzte erschrocken dre Ziehbahn hin­unter. Zwei Gemsen hinterdrein.

Anstetten zog die Uhr:Roch sieben Minuten!" Er war lächerlich früh gekommen. Sein Gesicht war grau, er hatte keine Stunde Schlaf ge­funden und fühlte sich müde und abgespannt.

Ob Hans Peter, wenn er das alles voraus- gesehen hätte, ihn gebeten haben würde, die Mission auf sich zu nehmen? Kaum. Und zudem er war ja nicht schudlos. Ihm brannte das Dlut. wenn er an die Frau dachte, derentwegen das heute sein mußte.

Ein Krachen im Geäst ließ ihn nach rückwärts blicken.

Oerhen tarn aus einem Seitenwege und zog den Hut. SeinGuten Morgen!" kam gepreßt und die Hand, welche er gehoben hatte, sank von selbst wieder herab.Ich bin bereit Daron, Ihnen Genugtuung zu geben Pistolen? Wie Sie gewünfcht haben. Und ohne jeden Zeugen!"

Anstetten neigte den Kops, und holte fein Zigarettenetui heraus.Vielleicht haben Sie die Güte, Gras, die Schritte abzuzählen." Es klang kalt und der Dlick, mit welchem er den anderen dabei ansah, war lähmend.

gegnung herbeigeführt. Scheldemann war am Morgen im Reichstag heftig gegen Ludendorff auf getreten, am Abend stand er plötzlich im Vestibül seinem Gegner gegenüber. Tableau! Aach einer peinlichen Sekunde gingen die beiden Herren wortlos aneinander vorbei.

Was sich an den Besprechungen hinter den seidenen Türen der Separss geändert hat, wissen nur die schweren Portieren und die bedienenden Kellner und die sagen nichts. Aber daß sich hier etwas geändert hat, daß das politische Früh­stück ernster, sachlicher geworden ist, zei­gen schon die ernsten, müden Gesichter der pro­minenten Ankömmlinge und ihre Zusammenstel­lung des Menus.3a früher," sagt der bewahrte Kellner des ehrwürdigen Weinrestaurants Bor­chardt,das waren Menus! Unter sechs Gän­gen ist es da natürlich nicht gegangen. Ja, da­mals als Bismarck und die Prinzen, der Kron­prinz mit Herrn von Stülpnagel und von Fin­kenstein, Bechmann-Hollweg und Generalstabs­chef Graf Schliesfen hier soupierten, als Graf Waldersce seine Rückkehr vom Doxeraufstand und der russische Minister Witte mit Mendelssohn- Bartholdy die zu Ende geführten Finanzverhand­lungen mit Sekt feierten, war das politische Frühstück noch ein lukullischer Genuß. Heute hat es sich der veränderten Lage an« gepaßt. Drei Gänge höchstens und ein leich­ter Wein, höchstens Mosel, dazu das ist heute der politische Lunch. Sehen Sie: dies hier ist das Kronprinzenzimmer, schlicht in der braunen Täfelung und der dunkelgrünen Wand­bespannung. Er kommt heute noch öfters, mit ein paar Freunden und der Kronprinzessin, die sich äußerlich kaum verändert hat. In dem kleinen roten Einzelzimmer, der Straße zu, hat S t r e s e- mann immer gesessen, wenn er hier war. Als er das letztemal mit Herrn Litwin da war, hätte ich auch nicht gedacht, daß er so schnell. Auch die anderen prominenten Gäste: Herr von Seeckt, Hilferding, Cuno u. a. bevorzugten gerade dieses Einzelzimmer zu Besprechungen."

*

Bei Ewest, dem alten Treffpunkt der Hof- und Offiziersgesellschaft zeigt sich der Uebergang vom alten zum neuen Regime am schroffsten. Die lebensgroßen Hohenzollernbilder sehen auf ein völlig verändertes Publikum herab. Unter den alten Lithographien von Krieg und Soldaten diniert die heutige Finanz- und Jurisprudenz. Don den alten Gästen läßt sich kaum einer noch sehen.Das war früher eine vergnügte Sache, das politische Frühstück, als Krafft-Hohenlohe, Fürst von Putbus, General von Doyen, Prinz Handjeri hier noch Stammgäste waren," erzählt der vornehmeOber" des vornehmen Restau­rants.Wie man auch heute über Politik denken mag, das muß man sagen: das politische Früh­stück ist demokratisiert. Die politischen Gäste, die heute fommen, z. D. Herr Staatssekretär Meiß­ner, Herr Wirth, essen ganz still mit einem oder zwei Herren, sitzen meistens nicht separiert, son­dern unter den anderen Gästen und sprechen unauffällig wie sie. Und was den früher wich­tigsten Punkt auf der Tagesordnung des poli­tischen Frühstücks, das Trinken anbelangt.... Ueppigkeit? Keine Spur! Manchmal deckt eine Flasche Raisdorfer den Dedarf."

Daten für Sonntag, 8. Dezember.

65 v. Chr.: der römische Dichter Quintus Hora- tius Flaccus in Venusia geboren; 1815: der Maler Adolf v. Menzel in Breslau geboren; 1832: der norwegische Dichter Björnstjeme Björn- fon in Oesterdal geboren; 1903: der englische Philosoph Herbert Spencer in Brighton gestorben.

Daten für Montag. 9. Dezember.

1717: der Altertumssorscher Johann Winckel- maim in Stendal geboren.

Knapp vor den Brombeersträuchern blieb Oertzen stehen.Soll die Distanz weiter fein, Baron?"

Cs genügt. Anstetten warf die halbgerauchte Zigarette ins Gras und setzte den Fuß darauf. Langsam griffen seine Hände in die Taschen.

Oerhen hatte es gesehen und nickte zustimmend. Sie haben den ersten Schuß, Baron!"

Anstetten sah die flatternden Bänder der kleinen Dirke und etwas seitwärts davon Oertzens vor­nehme Reitergestalt. Sein Dlut jagte. Dann ein Erstarren. An dessen rechter Seite tauchte jetzt Akabs schlanker Körper aus dem Rebel.

Er ließ die Pistole langsam sinken und schöpfte Atem. Ueberlegender als das erstemal, hob er die Rechte zielte und sah, als die Kugel aus dem Laus war, den Grafen unversehrt auf der anderen Seite stehen.

Er verspürte, wie seine Hand nachzitterte und wandte keinen Dlick von den Fingern, die sich jetzt aufwärts schoben und die Waffe nach seinem Herzen richteten.

Den Oberkörper etwas schief nach der rechten Seite gebogen, wartete er.

Ein Knall!

Versprühen von Feuer und Dampf!

Lautlos fiel Anstetten hintenüber in das tauige Gras, das den Waldrand säumte.

Oerhen ließ den Revolver aus den Fingern gleiten. Sein Körper befand sich in vollkommener Erstarrung. Erst nach Minuten setzte er mit ein paar Sprüngen zu Anstetten hinüber.

Daran!"

Die Arme ausgestreckt, lag dieser auf die feuchte Wiese gebettet. Ein Dlutstrom quoll durch die zerschossene Hemdbrust. Heber das wachsbleiche Gesicht glitten die Schatten des Tades.

Oerhen wurde von Entsetzen geschüttelt. Hier gab es nichts mehr zu helfen. Er drückte ihm die Pistole in die Rechte, um einen Selbstmord vorzutäuschen, wie sie es vereinbart hatten. Dann hetzte er zwischen den Stämmen talab.

Der Hall aufschlagender Steine klang durch den erwachenden Tann. Ein Hahn balzte in Liebes- tollheit und lieh sich durch den flüchtenden Men­schen nicht im geringsten stören.

Reugierig lugte ein Reh über die Lichtung hin, sicherte und verschwand zwischen dem Strauch- werk. Wo Menschen waren, drahte Unheil.

Minuten später war wieder tiefstes Schweigen allüberall. Rur der Wind koste hauchzart um das Gesicht des Mannes, der mit stummem Munde in der lautlosen Einsamkeit des Hoch­waldes lag.

Drunhilde von Anstetten besah das weiße Spitzenkleid mit den eingewebten Silberblumen, bas ihr die Zofe für den Abend zurechtgelegt

Aus -er pwvmzialhauptstavt.

Gießen, den 7. Dezember 1929.

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: 'Butter 210 bis 220; Matte 30 bis 35; Käse (10 Stück) 60 bis 140; Wirsing 15 bis 20; Weißkraut 10 bis 15; Rotkraut 15 bis 20; gelbe Rüben 12 bis 15; rote Rüben 12 bis 15; Spinat 25 bis 35; Unter-Kohlrabi 8 bis 10; Grünkohl 20 bis 25; Rosenkohl 40 bis 45; Feldsalat 100 bis 120; Tomaten 50 bis 80: Zwiebeln 10 bis 15; Meerrettich 50 bis 80; Schwarzwurzeln 40 bis 60; Kartoffeln 41 /. >«s 5; Aepsel 10 bis 15; Dirnen 10 bis 15; Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 120 bis 130; Suppen­hühner 100 bis 120; Gänse 110 bis 130; Rüsse 50 bis 80; das Stück: Kisteneier 17 bis 18; frische Land ei er 19 bis 20; Tauben 70 bis 90; Blumen­kohl 50 bis 100; Endivien 10 bis 40; Ober- Kohlrabi 10 bis 15; Lauch 5 bis 15; Rettich 10 bis 20; Sellerie 10 bis 40 Pfennig; der Zentner: Kartoffeln 3,80 bis 4; Wirsing 10 bis 12; Weißkraut 5 bis 6; Rotkraut 10 bis 12; Aepfel 10 bis 12; Birnen 8 bis 10 Mark.

Bornotizen.

Lageskalender für Samstag. G. D. A.: Weihnachtsfeier, 21 Uhr, im Cas6 Leib. Reichsverband der Zivildienstberechtigten: Weih­nachtsfeier, 20 Uhr, im Kathol. VereinshauS. Erste ReichskurzschriftgesellschaftGabelsber­ger" und Damenabteilung e. V.: Vereinsabend, 20.30 Uhr,Stadt Lich". Gießener Ruder- Klub Hassia 1908: Mi tgl.-Der s ammlung im Bootshaus. Artillerie-Verein: Monatsver­sammlung 20.30 Uhr. Lichtspielhaus Bahn­hofstraße:Die fidele Herrenpartie"; auf der Bühne: Geschwister Lupescu (Equilibristik). Astoria-Lichtspiele:König Cowboy" undDer Straßensänger von Venedig".

Tageskalender für Sonntag. Stadttheater: (2. Tag im Kammerspielzyklus): Ein Spiel vom Schmetterlingstraum", 11,30 bis 13 Uhr; 18 bis 21 Uhr:Schwarzwaldmädel". Gießener Konzertverein: Arien- und Lieder­abend (Anny von Kruhswijk), 17 Uhr, in der Universitätsaula. Markusgemeinde: Kirchen- musikalische Adventfeier, 20 Uhr, in der Etadt- kirche. Oberh. Gesellschaft für Ratur- und Heil­kunde: FilmvorführungEin deutsches Eisenerz­revier", 11,15 Uhr, im Lichtspielhaus, Bahnhof­straße. V. f. D.: Wettspiel gegenKurhessen Kassel, 14,30 Uhr. Lichtspielhaus, Bahnhof­straße:Die fidele Herrenpartie"; auf der Bühner Geschwister Lupescu (Equilibristik). Astoria- Lichtspiele:König Cowboy" undDer Straßen­sänger von Venedig".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen Sonntag, 8. Dezember, 2. Kammerspieltag:Ein Spiel vom Schmetterlings­traum" nach dem Chinesischen von Richard Wil­helm. Spielleitung: Dr. Karl Ritter. Einfüh- render Vortrag: Wen 2)üan Ting, chinesischer Lektor am China-Institut zu Frankfurt ». M. Mittwoch, 11. Dezember, 15.30 Uhr, Kindermär­chen:Das tapfere Schneiderlein", von Alois P r a s ch. Dienstag, 10. Dezember:Hochzeitsreise", amerikanischer Schwank, von Adele Mathews und Ann Nichols. Mittwoch, 11. Dezember: ,/Die Troerin- nen". Beginn 20 Uhr.

DereinfürchristlicheMufik. Nächsten Freitag abend im Konfirmandensaale der Luka:ge­meinde musikalische Abendfeier. Näheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.

Oeffentliche Vorträge des Evan­gelisten Paul Schwefel, der schon im pori­gen Jahre hier in stark besuchten Versammlungen sprach, finden vom Montag nächster Woche ab bis einschließlich Sonntag, 15. Dezember, hn Saale des früheren HotelsEinhorn" statt. Im heutigen An­zeigenteil wird zu diesen Vorträgen eingeladen.

hatte. Es war großer Reunionball mit ab­schließender Krönung der diesjährigen Schön­heitskönigin.

Dieses Ostende bot soviel an Unterhaltung und Zerstreuung, daß das häßliche Intermezzo des letzten Abends auf Anstetten allmählich in ihrer Erinnerung zu verblassen begann. Jeden­falls war es besser, sich hier zu amüsieren, als mit todernstem Gesicht sich zu Hause gegenüber zu sitzen und böse Worte aneinander zu ver­schwenden.

Sie horchte auf die Stimme der Zofe, die mit einer Same sprach, die sich anscheinend nicht abweisen lassen wollte. Aber sie hatte wahr­haftig jetzt keine Zeit, irgendeine Fremde zu empfangen.

Im Begriffe den Schlüssel zu drehen, legte das Mädchen die Hand auf die Klinke und öffnete. Die Zofe trug unverkennbaren Qlerger, aber auch einen Anflug von Verlegenheit im Gesichte, als fie nun das Wort an die Herrin richtete:Wenn Frau Baronin die Güte haben wollten, die Dame selbst zu informieren, daß Sie für den Moment nicht gestört zu sein wünschen. Sie läßt sich absolut nicht abweisen. Cs ist das viertemal seit gestern, daß sie hier ist.

..Um wen handelt es sich eigentlich? Drun­hilde schloß die feinziselierte Schnalle ihres weißen Tenniskleides, das sie oblegen wollte, wieder übereinander.

Die Zofe ging nach dem Mitteltisch und holt« aus dem Stapel von Visitenkarten die in Be­tracht kommende heraus.

Gertraud Holmfeld.

Drunhilde schüttelte ärgerlich den Kops.Der Rome ist mir gänzlich unbekannt. Ist sie sym­pathisch?"

Doch, FrauBaronin!

Wie alt?

So zwischen dreißig und fünfunddreihig. Also in meinem Alter!"

Die Zofe nickte, setzte aber rasch hinzu: Frau Daronin wirken entschieden jünger!

Es ist gut! Sagen Sie ihr in Gottes Ramen, daß ich zu sprechen bin, damit wir sie einmal losbringen. Lassen Sie dieselbe aber nicht im Unklaren, daß ich nur zehn Minuten übrig habe."

Gewiß, Frau Daronin!

Drunhilde war angenehm überrascht, als sie in den kleinen Salon trat und ihr eine schöne, stattliche Dame aus der Mitte her entgegenkam.

Womit kann ich Ihnen dienen," sagte sie nrU einem raschen Blick auf den Trauring, welcher an der rechten Hand der Fremden flimmerte.

Ich habe doch die Ehre, Baronin Anstetten zu sprechen?

(Fortsetzung folgt.)