Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 7. Oktober 1929.
Intermezzo in der Mittagsstunde.
Trotz der knapp bemessenen Mittagspause gibt es an der Ecke einer viel begangenen Straße Zeithabende, Neugierige. Eine laute, heiser gewordene Männerstimme höre ich rufen: „Meine Herrschaften^-die Vorzüge dieses Kragenknopfes, spottbillig, geschenkt."
Ich wäre vorbeigegangen, wenn mich nicht folgendes gefesselt hätte: Ein scheinbar eiliges junges Dinglein, mit blonden Locken unter schiefem, schwarzen Mützchen zögert, bleibt stehen. Lächelt über sich selbst und sein berechtigtes Interesse an Kragenknöpfen und geht doch nicht weiter. Der junge Mann, elegant, eilig, gedankenvertieft — ich glaube, auch er hatte kein Interesse für 5-Pfennigware und heiseres Rufen — aber auch er bleibt stehen, lächelt, geht weiter, kehrt zurück, tut interessiert und steht nun neben dev blonden Kleinen. Die sich ihrer Unnotigkeit bei dieser männlichen Interessenfrage scheinbar bewußt wird und weiter will. Aber von Neuangekommenen fest umgeben ist. Bei einer Wendung sieht sie „Ihn". Er lächelt, sie auch. Ist es über den Kragcnknopf, oder nur, weil man jung ist, ein wenig Zeit hat und die Sonne scheint. Sie stehen noch fünf Minuten, ich höre ihn „Verzeihung" sagen, weil andere drängen. Dies Wort ist der Anfang eines nicht endenwollenden Gespräches. Dann sehe ich sie zusammen zutraulich weitergehen, lächelnd, erzählend.
Ich denke ihnen nach. Vielleicht gehen sie noch viele Stunden in diesen Herbsttagen, Und lernen sich näher kennen. Sind ernüchtert oder....
ilnt> alles nur, weil ein kleines, blondes Dinglein zufällig an einer Ecke einer heiseren Stimme lauschte: „Kragenknöpfe, enorm billig!"
S. v. M.
Oie Berufsbildung des Kaufmanns.
Von Friedrich Martens, Leiter der Bildungs- abteilung des O. H. D., Frankfurt a. M.
Die heutige Zeit verlangt vom Kaufmannsgehilfen gegenüber der Vorkriegszeit eine intensivere Berufsarbeit. Im Zeitalter der Spezialisierung und Rationalisierung ist es aber dem Kaufmannsgehilfen nicht immer möglich, sich in der Praxis alle die Kenntnisse aiuueignen, die für diesen Beruf erforderlich sind. Er muß deshalb theoretische Kenntnisse in ausreichendem Maße erwerben. Gelegenheiten dazu bieten ihm die Schulen und die Berufsbildungs-Einrichtungen der Verbände.
Für den Kaufmannsgehilfen ist aber nicht nur die Arbeit in den Schulen maßgebend, sondern einsehen muß seine eigene Tätigkeit; er muß seine Freizeit auch einmal dafür verwenden, ein Buch oder eine Fachzeitschrift durchzuarbeiten. Lehrgänge, Vorträge, Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften sollen ihm erleichternd den Weg weisen, der zum höchsten Können im Berufe führt. Auf seinen tatkräftigen Eigenwillen kommt es an, wie seine Zukunft beschaffen sein wird.
Wenn das jeder kaufmännische Angestellte beachtet, ist schon viel gewonnen, dann ist auch die Beratung viel leichter. Der junge Kaufmann befasse sich vor allem erst einmal mit elementaren Fächern. Er muß weiter eine gute All
gemeinbildung haben, mit der auch fein Berufswissen und -können harmoniert, d. h. die gute Allgemeinbildung nutzt ihm nichts, wenn ihm Handelsbriefwechsel, kaufmännisches Rechnen, Buchhaltung, vor allem Stenographie und Maschinenschreiben nur sehr oberflächlich bekannt find. Der junge Kaufmann muh nach seiner Lehrzeit ein tüchtiger Stenograph und Mafchinen- fchreiber sein, auch, wenn er es nicht gebraucht (wie die Ausrede so schön lautet). Würden alle Kausmannsgehilfen, die ein Alter bis zu 26 Jahren haben, tüchtige Maschinenschreiber und Stenographen sein, ginge es in den meisten Fällen vielen Stellenlosen in diesem Alter besser.
Kann der junge Kaufmann sagen, daß er die,e Grundkenntnisse besitzt, und er hat Lust und Liebe zum Sprachenstudium, erst dann sollte er sich mit fremden Sprachen befassen, aber nicht auf einmal alle 32 Sprachen der Welt! Zeit muß man sich lassen! Das große Wollen ist gut, es gibt aber noch ein anderes Wollen, das noch viel größer ist und bedeutend mehr erfordert: Stetigkeit und richtige Stoffwahl. Wenn ein junger Kaufmann z. D. Englisch (hauptsächlich sind zu empfehlen Englisch, Französisch und Spanisch) und Französisch erlernen will, sollte er sich 2 Jahre lang nachdrücklich mit Englisch oder Französisch befassen, und dann erst mit dem Erlernen der anderen Sprache beginnen, wenn eine Sprache bereits einigermaßen sitzt. Daneben kann er selbstverständlich das eine oder andere Gebiet, etwa Buchhaltung und Bilanz- Wesen, genauer studieren, wenn er die Zeit dafür hat.
Für den älter werdenden Kaufmannsgehilfen ist das betriebswirtschaftliche Studium von größter Wichtigkeit. 2n jungen Jahren legt er sich tu cf) gute Elementarkenntnisse einen Grundstein für sein späteres Fortkommen. Befindet er sich in reiferen Jahren, dann muß er wissen, welches Fachgebiet des kaufmännischen Lebens ihm besonders zusagt. In diesem muß er sich gründliche Kenntnisse aneignen. Ist er z. D. Buchhalter und will es auch bleiben, weil ihm dieses Gebiet kau'männischer Tätigkeit zusagt, dann genügt es nicht, lediglich einen Lieberblick über die wichtigsten Duchungsformen zu besitzen. Er darf nicht ruhen, weil in seinem Geschäft immer die gleichen Buchungen vorkommen. Seine Aufgabe muh vielmehr darin bestehen, alles zu wissen und zu können, was mit dem Arbeitsgebiet des Buchhalters zusammenhängt und ... das ist sehr, sehr viel! Ein tüchtiger bilanzsicherer Buchhalter muß z. B. über folgende Gebiete genau unterrichtet sein: Bilanzwesen, Grundzüge des Buchführungsund Bilanzrechtes, Technik des Zahlungsverkehrs, Technik des Kvntokorrentverkehrs, die Buchführung der verschiedensten kaufmännischen Betriebsarten. St u:r°Technik, Bureau-Organisation, betriebswirtschaftliche Statistik, Selbstkostenberechnung, und Grundzüge der Duchführungs- und Dilanzrevision. Daneben muß er selbstverständlich das übrige kau'männische Wissen einigermaßen kennen. Beim Korrespondenten, Verkäufer, Einkäufer usw. ist es ähnlich. Das seht voraus, daß sich der Kaufmannsgehilfe rechtzeitig mit diesen Dingen seines Berufes befassen muß. Die Orisg uppe Gießen des D. H. V. bringt deshalb euch Lehrgänge und Vorlesungsreihen aus diesem Gebiete des Kaufmanns, die im Anzeigenteil des „Gieß. Anz." vom vorigen Samstag an
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Berufliche Fortbildung tut not! Wenn jeder das erkannt hat und danach handelt, braucht er weniger Sorge um seine Zukunft zu haben: Dann schafft er aber auch Werte und Aufstiegsmöglichkeiten im Interesse seiner selbst und unserer deutschen Wirtschaft, zum Segen unseres ganzen Volkes.
Bornotizen.
— Tageskalender f ü r Montag. Evangelisations-Vortrag: „Was ist von der Bibel zu halten? 20.15 !lhr, Löberstr. 14. — Goethe-Bund: 1. Dichterabend (Arnold Zweig liest aus eigenen Werken), 20 Ähr, Reue Aula. — Gießener Ferienkurse: Rezitation Professor Freytag: Faust, 1. Teil, 20,15 Uhr, Großer Hörsaal. — Wohlniuth-Institut: Vortrag über das Wohlmuth-Heilverfahren, 20 Uhr, im Eafö Leib. — Gießener freiw. Feuerwehr: Monatsversammlung. 20 Uhr. bei Duchberger (Riegelpfad). — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Drei Zirkuskönigc" und „Die Reise des „Graf Zeppelin" in 20 Tagen um die Welt". — Astoria- Lichtspiele: „Der falsche Sheriff" und „Brandstifter Europas".
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** Organistenjubiläum. In diesen Tagen sind es 25 Jahre, seit Musiklehrer Albert Kasten als Organist in der Synagoge der Israelitischen Rcligionsgemeinde (Südanlage) tätig ist.
** Schulpersonalien. Ernannt wurden: der Schulamtsanwärter Ludwig Haas aus Annerod zum Lehrer an der Volksschule zu Kirch-Brombach (Kreis Erbach); die Schulamtsanwärterin Auguste Schüttler aus Rüddingshausen zur Lehrerin an der Volksschule zu Erbach i. O.; der Lehrer Georg Treu sch zu Nieder-Erlenbach, Kreis Friedberg, zum Lehrer an der Volksschule zu Bad-Nauheim.
** Gießener Ferienkurse. Heute, Montag, und morgen, Dienstag, 7. und 8. Oktober, wird Gustav Frehtag Goethes „Faust" l. und II. Teil vortragen. Die glänzende Sprachkunst des Künstlers ist den Gießenern bereits von einem früheren Besuche Freytags in Erinnerung. Beide Rezitationen finden im Großen Hörsaal der Universität statt.
** Evangelisationsvorträge finden, wie im Anzeigenteil unserer Samstagsausgabe bekanntgegeben wurde, bis zum Mittwoch nächster Woche einschließlich im Saale der Stadtmission in der Löberstraße statt. Bei freiem Eintritt ist jedermann willkommen.
** Lehrlingseinstellung i m Buchdruckgewerbe. Im Anzeigenteil der heutigen Nummer fordert der Bezirk Gießen des Deutschen Buchdruckeroereins zur Lehrlingsanmeldung für Ostern 1930 auf. Eltern begabter Jungen seien auf diese Gelegenheit zur Lösung der Berufsfrage hiermit besonders hingewiesen.
** Das Sporthaus Carl Schwan in der Mäusburg hat in den beiden letzten Monaten einen Umbau seines Geschäftslokals vorgenommen, bei dem durch Hinzunahme des benachbarten Ladens ein Verkaufsraum geschaffen wurde, der sowohl im Ausmaß, wie auch in der Ausgestaltung den Anforderungen der Neuzeit entspricht. An Stelle des früheren beengten Ladenraumes betritt man jetzt einen weiten und hohen Laden, dessen besondere Merkmale eine übersichtliche Sacharuppierung und eine geschmackvolle, farbenfrohe Innengestaltung sind.
Beim Betreten des LadensMindet man auf der rechten Seite in fesselnder Aufmachung die Abteilung Geschenkartikel, während man auf der linken Seite die Sportabteilung bemerkt, mit der die Firma jetzt auch einen Anprobierraum verbunden hat, so daß der kaufende Sportler an Ort und Stelle die Möglichkeit des sofortigen Anprobierens der ausgewählten Sportbekleidung vorfindet. In der gleichen Anordnung wie der Laden sind auch die interessant hergerichteten Schaufenster gestaltet, die übrigens nicht nur von außen her, sondern auch vom Ladeninnern aus die Möglichkeit des Beschauens bieten. Das von Architekt Schwan, einem Sohne des Senior- Inhabers, nach eigenen Plänen neugestaltete Ladenlokal muß man als wohlgelungen und als eine weitere Verschönerung im Zuge der Ladengeschäfte in der Mäusburg bezeichnen.
** Der Iungdeutsche Orden, Dallei Oberhessen, bittet uns um die Aufnahme folgender Zeilen: „Am 28. September fand ein Meisterkapitcl der Dallei Oberhessen des Jung- deutschen Ordens statt. Bei Besprechung der politischen Lage faßte das Kapitel folgende Entschließung: Deutschnationale Dolkspartei, Stahlhelm und andere Rechtskreise bekämpfen und beschimpfen seit langer Zeit den Iungdeutschen Orden wegen seiner sogenannten „Franzosenpolitik". Dis heute ächten sie den Orden als national unzuverlässig und haben sogar seinen Hochmeister, Artur Mahraun, wegen seiner Bemühungen um den nationalen Frieden am Rhein des Landesverrates geziehen. Heute ist erwiesen, daß Deutschnationale Volkspartei und Stahlhelm in der gleichen außenpolitischen Richtung wie vorher der Orden Schritte unternommen haben. Verantwortliche Führer und Beauftragte der D. R. D. P. und des Stahlhelms haben in Paris und Berlin mit verantwortlichen französischen Politikern über ein deutsch-französisches Bündnis verhandelt. Die D. R. V. P. schweigt zu den Enthüllungen ihrer Geheimverhandlungen, der Stahlhelm leugnet ab. Wo bleibt der gerade Frontsoldatengeist des Stahlhelm? Der Iungdeutsche Orden hält die außenpolitischen Schritte der D. Ä. D. P. und des Stahlhelms um der Zukunft unseres Volkes willen an sich für richtig. Er bedauert aber, daß nun diese Verbände nicht zu ihrem Vorgehen stehen, und erblickt darin eine schwere außenpolitische Schädigung des Deutschen Reiches. Wir fordern von nationalen Männern und besonders von Frontsoldaten Ehrlichkeit und Reinlichkeit im politischen Kampfe. Deshalb erwarten wir, daß die schweren Angriffe und Verdächtigungen gegen den Iungdeutschen Orden wegen seiner sogenannten „Franzosenpolitik" nunmehr endgültig eingestellt und zurückgenommen werden."
Aus dem Amisverkündigungsblati.
*DasAmtsverkündigungsblatt Nr.72 vom 4. Oktober enthält: Straßensperre-Aufhebungen. — Beschädigte Banknoten. — Erste Anlegung der Handwerksrolle. — Das Vertilgen der Blutlaus.
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Für das Angebot ist die Benutzung eines besonderen Formulars vorgeschrieben, das zum Stückpreis von 10 Pf. auf der Kanzlei erhältlich ist. 8028D
Angebote mit der Aufschrift „Kartoffellieferung" sind verschlossen bis spätestens bis zum Eröffnungstermin am
11. Oktober 1929, vormittags 11 Uhr hier einzureichen. Aus den Angeboten muß ersichtlich sein, ob es sich um Kartoffeln hiesiger Gegend oder um solche anderer, evtl, welcher Gebiete handelt. Es können auch Teillieferungen, jedoch nicht unter 50 Zent- ner erfolgen. — Zuschlagsfrist eine Woche. Marienschloß, den 20. September 1929.
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