Nr. 2$ Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 7. September (929
Afrika.
vjn X X Graf Coudenhove-Kalergi, Präsidenten der paneuropa-Union.
Während die Sowjetunion Europa von Asien, ter Atlantische Ozean von Amerika trennt — verbindet das Mittelmeer Europa und Afrika mehr, als es sie trennt. So ist Afrika unser nach st er Nachbar geworden und sein Schicksal ein Teil unseres eigenen Schicksals. Die Zukunft Afrikas hängt davon ab, was Europa daraus zu machen weih. Afrika könnte Europa R o h st o f f e für seine Industrie, Nahrungsmittel für seine Bevölkerung, Siedlungsraum für feine Llebcrvölkerung, Arbeitsmöglichkeit für seine Arbeitslosigkeit, Märkte für feinen Absatz bieten. Europa aber könnte Afrikas älrwälder roden, seine Steppen bewässern, seine Bo.enschähe heben, seine Seuchen ausrotten. seine Bevölkerung erziehen, seine Wa , erkürte ausbauen, sein Gebiet dem We t- verlehr erschließen. So bildet Afrika in vieler Hinsicht die natürliche und ideale Ergänzung Eurovas. Ie mehr Europa politisch und wirtschaftlich aus Asien und Amerika Derbe ängt wird, desto mehr ist es auf Afrika angewiesen. Durch die Emanzipation Amerikas und Asiens ver.iert Europa seine latein- amerikanischen Märile an die Bereinigten Staaten — seine ostajiatischen an Iapan. Der Vorsprung Iapans liegt in den niedrigeren Löhnen einer bedürfnislosen Arbeiterschaft — der Vorsprung Amerikas in der überlegeneren Organisation eines reicheren Kapitals. Europa wird gezwungen sein, als Ersah für den drohenden Der.ust jener überseeischen Mär. e seinen inneren, europäischen Markt durch Beseitigung der Dinnenzö.le auszubauen und durch die Erschließung 'vlfrilag zu erweitern. Darum ist Afrika die künftige Produktions basis und der künftige Markt Europas: und darum ruht ein großer Teil der wirtschaftlichen Zukunft Europas auf Afrika.
Europas afrikanische Mission ist: Licht in diesen dunkelsten Erdteil zu tragen. Solange die schwarze Nasse nicht in der Lage ist, ihren Erdteil zu erschließen und zu zivilisieren, muh dies die Weiße Nasse tun. Aber Europa soll in Afrika der Befreier der schwarzen Rasse werden — nicht ihr Unterdrücker. Cs soll die Afrikaner befreien von ihrem Elend, ihrer Barbarei, ihrer Schlafkrankheit, ihren anderen Seuchen, ihrem Hunger, ihrer Anarchie. Es soll die Afrikanerin, die heute Last- und Arbeitstier ist, von dieser härteslen Silaverei befreien: durch Rind und Dampfpf.ug, durch Christentum und Bildung. Die St a° Derei ist in Afrika von den Europäern weder ein- geführt noch abgeschafft worden: sie herrschte in unbarmherziger Form vor den Europäern: sie herrscht noch heute in milderen Formen. Denn Euro za hat seine afrikanische Mission oft mißbraucht. Der Europäer kam nicht als älterer Bruder, nicht als Vormund, nicht als Lehrer und Führer nach Afrika — sondern meist als Despot und Unterdrücker. Statt gegen das ko- lo.iale Prinzip an sich sollte die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt gegen viele seiner Formen Slellung nehmen. Sie sollte mitarbei.en an i.ec Heilung, Erziehung und Hebung der schwarzen Rasse. Sie sollte die Bedeutung der Kulturtat Albert Schweitzers erkennen und för ern, der wie ein Weiher Heiland unter den Schwarzen wirkt, um sie von ihren Krancheiten zu heilen. Hier liegt die Kehrseite der politischen Eroberung, die sie eines Tages moralisch recht- fertigen könnte: hier liegt die Gegengabe, mit der Europa alles, was Afrika ihm gibt, bezahlen kann.
Um Afrika zu erschließen, muß es Europa nicht nur beherrschen, sondern auch besiedeln. Das größte Hindernis dieser Besiedelung ist das Klima. Die gemäßigten Zonen Südafrikas
Mörike.
3u seinem 125. Geburtstage. Von Werner Deubel.
Unter den neuen Weltblicken, welche die Romantik uns gab, ist der wichtigste die Sicht in die mehr als menschliche Wirklichkeit und das glühende Geheimnis elementa.e: Lebensströme und damit zugleich ein erneutes Wissen vom nicht mehr ästhetisch-literarischen, sondern religiös-magischen Charakter echten Dichtertums.
Mörike, im Dunstkreis schwäbischer Kon- sistorialratspoesie erwachsen, hat das Schicksal gehabt, vorwiegend als anmutiger Raturschilderer und träumerischer oder humoristischer Idylliker zu gelten; so als wäre er, ein wenig inniger zwar, ein wenig „tiefer", aber im Grunde doch eines Ranges mit Schreibern wie Uhland, Schwab, Heyse, Freiligrath. Geibel, Strauß, Cha- misso, Kerner u. ä.
Um zu verstehen, wie Publikum und Wissenschaft zu solchem Fehlurteil gelangen konnte, und zu begründen, weshalb wir ihn gleichwohl für einen Dichter ersten Ranges im oben angedeu- teten Sinne halten, empfiehlt sich eine kurze vergleichende Rückbesinnung auf — Goethe. Mörike. von Iugend auf kränckich und mimosenhaft sensibel, menschenscheu bis zur Hypochondrie, dem Kerker des Tübinger Stifts entronnen, acht Iahre als Vikar verschlendernd, als Pfarrer dann betreut von Mutter und Schwester, aber vo.l Widerwillen gegen sein Amt und von über- w lügendem Mangel jeglicher Pflichtgefühle, pen- fioniert, mit der Schwester und der Geliebten jahrelang in bescheidener Gemächlichkeit dahinlebend. bis er sich siebenundvierzigjährig noch zur Heirat und älebernahme eines kleinen Lehrberufs entschließt, als menschenscheuer Sonderling in die hoffnungslo e äleberarbeitung seines Iugend- romans verbissen bis zu seinem Tode im 71. Lebensjahr — dieser zarte, stille, behagliche, grillige Mann scheint in Charakter und Schicksal bis zur älnvergleichlichkeit von Goethe verschieden. Lind doch ist beider Entscheidung vor der dichterischen Verlockung, in die Feuerzone des Elementaren einzutreten, die gleiche: beide, im Instinkt des ihnen Gemäßen, entschieden sich für das Menschliche, ob sie gleich dessen gebrechliche Beschränktheit tief wie je nur Tragiker erkannten, wichen der bedingungslosen Preisgabe aus und verzichteten auf dionysische Bedrohung xind — Götternähe: der eine im deutlichen Gefühl erzieherischer Sendung und vor- geprügten Wachstumszwanges, der andere mehr
sind in britischen Händen. Europa beherrscht außer Rordafrika nur dessen tropische Zone. Dennoch gibt es hier Raum für Millionen Europäer. Die Erschließung des Sudans durch England: Algiers durch Frankreich; Tripolitaniens durch Italien, beweist, wie viel fruchtbaren Boden europäische Kühnheit, Organisation, Phantasie und Fleiß der Wüste abgewinnen kann. In diesem dünn besiedelten Gebiet ist noch viel Raum für alte und neue Völker. Ebenso bieten die Hochflächen Angolas große Siedlungsmöglichkeiten für Europäer. Zwischen diesen beiden Polen aber gilt das tropische Afrika als unbesiedelbar für die weiße Rasse; unbesiedelbar durch sein Klima und seine Seuchen, ilnö doch liegt gerade hier eine unerschöpfliche Quelle europäischen Reichtums — wenn es gelingt, sie zu fassen. Darum muß die europäische Technik und Medizin diesen Kampf gegen Hitze und Seuchen führen. Gegen Schlafkrankheit und Malaria, gegen Schlangen und Sümpfe. Wenn erst die hygienischen Voraussetzungen für europäisches Leben in Zentralafrika geschaffen find, wird Europa auch den Kampf gegen die Hitze aufnehmen. Dieser Kamps gegen die tropische Hitze wird nicht schwieriger sein als der mehrtausendjährige Kampf des Europäers gegen die nordische Kälte. Die Völker Südosteuropas, die in den letzten Iahr- hunderten Südamerika bevölkert und kolonisiert haben, sind in erster Linie berufen, in der Zukunft Afrika zu besiedeln. Von diesen Völkern aber in erster Linie die Italiener, deren Bevölkerungsüberschuß ihnen diese große europäische Mission zuweist. Diese Besiedelung der menschenleeren Gebiete Afrikas aber liegt im Interesse ganz Europas und der ganzen weißen Rasse. Denn die Erschließung und Besiedelung Llfrikas bedeutet die Erweiterung, Vergrößerung und Sicherung Europas.
Da die Kolonialmächte aus guten Gründen an eine Räumung ihrer Kolonien nicht denken — müssen sie die Frage einer gemeinsamen Erschließung derselben mit den anderen Völkern Europas erwägen. Diese Zusanimenarbeit bedeutet für die Kolonialmächte keinen Verlust, sondern nur Gewinn: jeder Europäer, der nach Afrika auswand-ert. bringt der Kolonialmacht, deren Gebiet er erschließt, ein lebendiges Kapital zum Geschenk. Dieser wirtschaftliche Vorteil der kolonialen Arbeitsgemeinschaft Europas kann sich aber nur dann gegen alle politischen Bedenken durchsetzen, wenn in Europa selbst die Kriegsgefahr und Rivalität einem föderalistischen System der Solidarität weicht; wenn ein Krieg zwischen curopäiP'en Cf1 'zen außerhalb der politischen Kombination fällt.
Die Erschließung und Eroberung Afrikas ist nur möglich unter der Mitwirkung der Deutschen und Italiener. Denn nur übervölkerte Gebiete toer'ci eine größere Zahl von Pinnieren nach t?lfri£a entsenden. Wer ebensogut in seiner Heimat leben kann, wird sich schwer entschließen, in ein tropishes, fremdes und fernes Land ciuszuwandcr.i. Die af i'a ischen Kolonialmächte sind außer Belgien, nicht übervölkert. Darum müssen sie das Menschenmaterial zur Erschließung Afrikas aus anderenLän- dern beziehen: aus den großen üebcwölfe- run--,g:ebieten Europas: Italien und Deutschland.
Für I t a lien ist die afrikanische Frage vor allem eine Siedlungsfrage. Der Bevol- kerun-sriick wird immer stärker; die italienischen Kolonien sind nicht geeignet, ihn aufzunehmen. Anders liegt das afrikanische Problem für Deutschland: hier ist der Devölkerungs- druck geringer — aber der toir tschaftliche Dr uck größer. Anderseits sind nur beschränkte Seile Afrikas für größere Gruppen Deutscher AuSwanberer besiedelbar. Darum kommt für Deutschland Afrika weniger als Siedlungsgebiet in Frage wie als Rohstoffbasis.
Das Bedürfnis Deutschlands und Italiens nach kolonialer Betätigung ist klar. Hier liegen so starke, gemeinsame Zukunftsinteressen, daß
in der Jchbewahrung ängstlich gesparter Kräfte und gehüteten Gleichgewichts, bestärkt durch die protestantischen Ideale seiner Llmwelt, die mit seinem dionysischen Wesensteil zeitlebens in unterirdischer Sebbe lagen — ein metaphysischer Cto'e- spalt, der fein Leben zu einer mühsam ver' eckten Tragödie machte und Körper und Seele mit immer neuen Krisen bedrohte.
Geradezu das Schlüsselereignis für die Tragödie des Dichters in Mörike ist daS Percgrina- Erlebnis. Dies abenteuernde Mädchen, vermutlich eine verstoßene Adlige, tritt in Mörikes Leben wie ein dämonischer Liebesiendling der elementaren Mächte, in ähnlicher Funktion also, in der Diotima einem Hölderlin begegnet, nut nicht aus so ätherhellen Bezirken, eher eine schweifende Botin abgrundtiefer, aber ftern- strömender Finsternisse, ilnterm Kusse der mä- na mischen Fremden wird Mörike zum Dichter. In der gewaltigen Erschütterung der übermenschlichen Berührung ahnt der Erwachte Sturm und Flackerschein eines Schicksals, das Verhängnis und wilde Seligkeit bedeuten kann und die Preisgabe gewohnter Sicherheiten mit dem Glück fee- lischen Getriebenseins und trunkener Siebe r- schwänge vergilt. Aber Mörike wich dem dämonischen Rufe, dem „verkommenen" Mädchen aus. Wer will entscheiden, ob ihm nur unselbständige Befangenheit in sittlichen Wertungen das Herz lähmte, oder ob verhehltes Schwächegefühl mit der moralischen Ablehnung der Abenteurerin sich selbst zu schützen trachtete? Man möchte das erstere annehmen. Ob er sich auch bewußt nie aus der Lehre der Kirche löste, so schwingt doch aus einem mehr als bürgerlichen, nämlich metaphysischen Zwiespalt ein abgründiger Derzweislungston in den Worten des Jünglings, der nach Erledigung der theologischen Examina ein Vikariat antreten soll: „Alles, nur kein Geistlicher! ... Ich sage Dir, der allein begeht die Sünde wider den Heiligen Geist, der mit einem Herzen wie ich der Kirche dient."
Nachdem wir so die Schranken von Mörikes Genius abgesteckt, geben wir einige Hinweise auf die seltenem dann aber echten dichterischen Züge seines Werkes. Wir können hier nicht ins Einzelne gehen, sondern möchten nur kenntlich machen, welche Seite des Elements es ist, die Mörikes Inneres magnetisch anzieht. Es ist dies — im Gegensätze etwa zu der lichten Aetherhöhe, die Hölderlin zu immer leidenschaftlicheren Flügen lockt — die Nacht — in dem gewaltigen kosmischen Wirklichkeitszusammenhang mit Mutterschoh, Natur, Erde, Vergangenheit, Volk, wie et als religiöse- Erlebnis aus Tiefen der
Deutschland und Italien auf diesem Gebiet, statt zu rivalisieren und übet künftige Mandate zu streiten, Zusammenarbeiten sollten an einem gemeinsamen Programm. Aber diese beiden Mächte dürfen nie vergessen, daß in Afrika nichts geschehen kann, ohne den Willen und das Einverständnis der Kolonialmächte selbst. Alles Recht in Zentralafrika liegt in den Händen Frankreichs, Belgiens, Portugals: diese Mächte werden keinem Programm zustimmen, das nicht ihren eigenen Interessen entspricht. Es muß also ein Programm ausgearbeitet werden, das jede Gefahr für die Kolonialmächte aus- schlleht. Dann wird sich bei ihnen das wirtschaftliche Argument durchsetzen, daß eine erschlossene Kolonie mit einer weißen Oberschicht, mit Eisenbahnen, Straßen, Fabriken, Plantagen und Häfen für das Mutterland wertvoller und einträglicher ist, als der Besitz unbewohnter Steppen, Sümpfe und SIrtoälber.
Es sind verschiedene Projekte aufgetaucht zur Heranziehung Deutschland und Italiens an der Crschließu.ig Zentralafrikas. Am häufigsten wird ein e Neuverteilung der Kolonial» Mandate erörtert. Dieses Programm muß dahin eingeschränkt werden, daß ein Verzicht Südafrikas auf das ehemalige Deutsch-Südwestafrika ausgeschlossen ist; ebensowenig ist eine Rückgabe Deullch-Ostafrikas zu erwarten, das bestimmt ist, ein Hauptstück deS künftigen ostasrilanischen Dominions zu werden. Die einzigen Mandate die in Frage kommen, wären daher Kamerun und Togo. Bei einer Neuverteilung der Mandate könnten möglicherweise diese beiden Kolonien unter Zustimmung Frankreichs und Englands zwischen Deutsch'aid und Italien geteilt werden. Ein anderes Projekt. für das vor a.lem der Präsident dec deutschen Reichsback. Dr. Hjalmar S ch a ch t, eintritt, ist d i e Gründung großer Handelsgesellschaften (Chari.red Companies), die mit weitgehenden Vollmachten ausgedehnte Länderstrecken zur Des e .lung und Erschließung pachten sollen. Dieses Projekt gibt
Deutschland und Italien die Möglichkeit zur Koloni a.ion ohne Aenderung der territorialen Verhältnisse. Die dritte Möglichkeit einer paneuropäischen Erschließung Afrikas wäre die persönliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung aller europäischen Kolonisten und Pioniere auf afrikanischem Boden, ohne Rücksicht auf Muttersprache und Staatsbürgerschaft. Diese Lösung liegt im Sinne der Kongoakte und unter allen Vorschlägen am meisten im Sinne Pcm- europas.
Für welche dieser drei Lösungen die afrikanischen Kolonialmächte sich entscheiden, hängt von der künftigen Gestaltung der europäischen Politik ab. Cs wäre auch möglich, daß diese verschiedenen Projekte kombiniert werden. Es wäre die Aufgabe einer besonderen Konferenz der interessierten Regierungen Frankreichs, Deutschlands. Italiens. Belgiens und Portugals, unverbindlich und freimütig alle Möglichkeiten eines gemein amen Kolonisaiionsprograinms für Afrika zu erörtern. Den Vorsitz einer solchen Konferenz könnte England übernehmen, das an einer friedlichen Lösung der afrikanischen Frage sehr stark interessiert ist. Dieses große Werk würde auch der europäischen R ü st u n g s i n d u st r i e gestatten, sich ohne Krise für Arbeiter und Unternehmer vöm Krieg auf den Frieden uinzu- st eilen und stalt Kanonen, Gewehre und Gra- i a.:n, für Afrika Lokomotiven, Schienen. Schiffe, Turbinen und andere Maschinen herzustellen. Die Wandlung Afrikas in die Plantage Europas würde die gesamte Wirtschaftslage unseres Erdteiles heben: den Wohlstand acker seiner Völker und aller seiner Individuen. Afrika aber wird von der Schlafkrankheit. an der es in mehr als einem Sinne leidet, geheilt werden. Es wird zu einem großen, unbekannten Schicksal erwachen. Die europäische Sonne, die Amerika und Asien erweckt hak. wird durch ihren Geist und ihre Kraft auch diesen dunkelsten Erdteil erleuchten und der Weltgemeinschaft zuführen.
Lasidumffchastliche Bilanz. Technische Fortschritte, finanzielle Hemmnisse.
Von Dr. Arlhur Dix.
So mancher Städter, der in der letzten Reisezeit den üppigen Saatenstand und d,e von hrrr- lichstein Wetter begünstigte Einbringung der Ernte beim Durchfahren ländlicher Gebiete beobachten fonnte, wird wohl die feste Ueberzeugung m.tge- bracht haben, daß in. diesem Jahr die Landwirte keinen ernstlichen Grund zum Klagen haben könnten. Wer aber Gelegenheit hatte, etwas tieferen Einblick in die landwirtschaftlichen Bilanzen zu nehmen, kann sich nicht dem Urteil verschließen, daß selbst gute Ernten, günstige mckchwirtfchaftliche Ergebnisse und sonstige Nebenerträge nur in den seltensten Fällen die Rechnung des ländlichen Grundbesitzers anders als mit einem neuen 5)1 i» n u s aufgehen lassen. Gewiß, in der unerhörten Härte dieses Winters hat die Natur dem Ackerbauer auf einem Gebiet einen Ausgleich für die Frostschäden geboten, nämlich durch die Vertilgung vieler Schädlinge der Saaten. Und weiter hat sie auf ihn einen volkswirtschaftlich auf lange Sicht vorteilhaften Zwang zum technischen Fortschritt ausgeübt. Aber diese technischen Fortschritte haben wieder schwere finanzielle Opfer bedingt, von denen noch nicht abzusehen ist, wann und wie sie eingebracht werden sollen.
Die Bestellung der Felder für die Frühjahrssaaten ist durch den harten und langen Winter, die gewaltigen Schneemengen und den tief in die Erde eingedrungenen Frost ganz außerordentlich verzögert worden. Wenn der Landwirt über
haupt noch mit der Keimfreudigkeit des Saatgutes und dem Ausreisen der Ernte rechnen sollte, dann mußte die Aussaat in dem Augenblick, in dem der Boden endlich bestellbar geworden war, auf das äußerste beschleunigt und zeitlich zusammengedrängt werden. Dieser Schwierigkeit ist man vielfach Herr geworden durch die Anschaffung neuartiger Ackergeräte, die es ermöglichten, die altgewohnte Arbeitsfolge des Pflügens und Eggens zu ersetzen durch einen einzigen Arbeitsgang unter weitgehender Zuhilfenahme mit starken Scheinwerfern ausgerüsteter Traktoren. Wie bekannt, wurde in diesem Frühjahr erstmals in der deutschen Landwirtschaft mit Tag - und Nachtschicht an der Felderbestellung gearbeitet. Soweit sich Gelegenheit zu persönlicher Beobachtung ergab, wie beispielsweise auf den schweren Böden des ostpreußischen Samlandes, war der Erfolg ausgezeichnet. Die Ernte stand auf großen Schlägen, deren Bearbeitung zeitlich so sehr zusammengedrängt werden konnte wie nie zuvor, ausgezeichnet und besonders durchaus gleichmäßig, so daß bei dem inzwischen eingetretenen günstigen Erntewetter eine absolut gleichmäßige, hochwertige und gut marktgängige Qualität gewährleistet erschien. Dadurch sind manche Zukunftsorgen relativ verringert, aber durchaus nicht etwa absolut behoben.
Wie alle anderen gewerblichen Zweige, so stöhnt heute der Landwirt mit nur zu triftigen Gründen über das „Leben von der Substanz". Die
Vorzeit herausgehoben wurde von der Romantik der Eichendorsf, Görres, Iakob Grimm, E. M. Arndt, Dachofen. Diese Beziehung Mörikes — ergänzt durch eine tief innere Abwehr gegen das Symbol des wachen Geistes. — den Tag — kündet aufs deutlichste von jenem „gewissen Heidentum", von dem Arndt äußerte, „es hätte nie gestört werden dürfen, und jeder gutmeinende Mensch sollte dahin arbeiten, es wieder lebendig zu machen." Schon Les spielenden Knaben geheimnisvolle Wollust war es. bei verhängtem Fenster und schwach leuchtender Kerze den Schauer der Nacht herbeizube chwören. während draußen Heller Tag war. In zahllosen späteren Gedichten klingt dieser tiefste Gegensatz an: immer ist es der „freche", der „gemeine" Tag, der die Seele verwirrt, ja ihre heiligste Liebe, ihre innersten Wünsche vergessen läßt. („An Hermann".) „Lisch aus o Tag! laß mich in Nacht, genesen." In der Nacht ist es ihm „wie dem Wilde traut in Finsternis geborgen", da vernimmt er „der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge", sieht er in der Tiefe der Welt die Schick alsnormen an silberner Spindel sitzen. („Gesang zu zweien in der Nacht"), schaut er das mütterliche Geheimnis der Nacht: wie eine Gebärende, in der alle Fruchtbarkeit des Lebens kreist und „wühlt", liegt sie auf „der Erde feuchtem Grund" und „arbeitet schwer der Dämmerung entgegen“ („Nachts"). Lind keine bünnblütige Reflexion erdenkt poetische „Vergleiche", sondern echte Inbrunst hört den sphärischen Klang und der schlafenden Wasser „uralt altes Schlummerlied", erschaut das mystische Bild -der Nacht, wie sie „gelassen ans Land steigt", wie „ihr Auge die goldene Waage nun in gleichen Schalen stille ruhen" sieht oder wie „die heilige Nacht, gebückt auf ihre Harfe", träumend mit dem Finger an die Saiten stößt—: „ba gab es diesen Ton." („Lim Mitternacht", „Der letzte König von Orplid"). —
Erst nach Begründung einer Lebenswissenschaft durch Ludwig Klages ist es möglich geworden, einen wichtigsten Wesenszug echten Dichtertums, den dionysischen in seinem vollen metaphysischen Geholt zu erfassen: das Erlebnis der Mächte, das selige Versinken des Ichs in die wahre Wirklichkeit weltenschöpferischer Dilderströme. Da ist's, „wo Natur den Schleier reißt, sie bricht einmal ihr übermenschlich Schweigen" („Besuch im Lirach"). Der Dichter „glüht in sanfter Wollust", fühlt sich „wie trunken, irrgeführt" („Auf einer Wanderung"). „Der Genius jauchzt" in ihm („An einem Wintermorgen") und immer weiter entrückt, immer magischer begnadet, stürzt sein Sinn „von Stufe zu Stufe", hört er „aus der Gottheit nächt'ger Ferne die Quellen des Ge
schicks melodisch rauschen". Das sind wahrlich nicht mehr Prägungen einer bürgerlich oder ästhetisch faßbaren „Poesie", einer anmutigen oder sein- sinnigen Begabung, sondern dunkelschwere Runen und Kündungen übermenschlicher Bilder und Schauer. Abgründige Erinnerungen tauchen der Seele herauf an „alte, unnennbare Tage"; das echt religiöse Gefühl: geführt, getrieben zu werden und also wie träumend zu müssen (im äußersten Gegensatz zu dem anders gearteten re.igiösen Willensaufruf, wachend zu sollen.) — und endlich das tragische Wissen um das ewige Abschiednehmen des Lebens, die rergängliche Flüchtigkeit der göttlichen Augenblicke: die genügelose Ohnmacht, die Fülle des Alls je im gebrechlichen Gefäß der Menschenexistenz auszu- schöpfen.
Der erste Zug gemeinsam der antiken Tragödie wie der ge amten Märchenliteratur der früheren Völker gibt Kunde vom Versiegen einer heute längst zerstörten träumenden Lebenshaltung. Er eignet aufs neue nahezu der ganzen Romantik um) befähigte zumal Mörike zu zwei seiner besten Schöpfungen: der Novelle „Der Schatz" und dem Märchen vom „Stuttgarter Hutzemrännlein", dichterischen Gaben ersten Ranges. Beide atmen die tiefe Schicksalsgewißheit, mit der weckoffene Seelen wie auf magischer Spur gebannt durchs Leben wandern, dem gläubig geahnten Ziele zu, mit traumwandlerischer Sicherheit und kaum von störenden Zweifeln und Berechnungen des Bewußtseins angefochten. Den besonderen Ton erhalten diese Erzählungen durch Mörikes wirkliche Erdverbundenheit. Der Dichter hört auf, Schriftsteller, Literat, Künstler zu sein; er ist ein Stück Volk, das durch seinen Mund sich äußert. Darum gelingen ihm auch wie nut wenigen wirkliche Lieder im Volkston. Dergäng- lichkeitsschauer endlich klingen in Mörikes lyrischem Werk immer wieder schwermütig auf (am mächtigsten in „Erinna an Sappho"). Aber auch seine innige, farbenfröhliche Novelle, „Mozart auf der Reise nach Prag" wird gerade darum eine der kostbarsten Dichtungen des romantischen Schrifttums, weil der Leser, erst benommen, dann bis zur strömenden Trauer mitzuerleben gezwungen wird, wie in die heitersten Geschehnisse das ferne Wetterleuchten tödlicher Blitze hereindroht, wie das Schicksal gerade der ahnungslos kindlichen Schönheit, der quellen!) ft en Fülle den unerbittlichen Nornenspruch bereit* hält, der in die Novelle mit der dämonischen Geisterstimme aus dem Don Juan herübertönt: „Skin Lachen endet vor der Morgenröte."


