Ausgabe 
7.8.1929
 
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Mittwoch, 7. August 1929

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)

Nr. 185 Zweites Blatt

Erntesegen und Ernlesorgen.

Don Oelonomierat Or. h. c. Franz Schiftan,

Mitglied des preußischen Landtages.

Gin beispiellos harter Winter hatte uns Po- largrade an Kälte gebracht. Die Folgen dreses Kälteeinbruches nach Deutschland zeigen sich rn starken Verwüstungen im Reben- und Obstbaum­bestand. Im besten Wachstum befmdllche Rutz- bäume sind abgestorben. Winzer und Oostzuchter haben in vielen Gegenden des Reiches einen Schaden, den die jetzige Generation der Erwach- feiten bestens am Ende ihres Lebens wieder aus­geglichen sehen wird. Ueberwiegend ohne Scha­den im Gefolge des Winters zeigten sich Aecker und Grünländcreien. Die Monate lang lagernde Schneedecke bot ihnen starken Schuh. Lediglich die in Erdmieten aufbewahrten Kartoffeln und Ru- ben haben vielfach gelitten. Die Getreide- und Hackfruchtentwicklung dieses Frühjahrs und Fruh- sommers wurde während der Hauptwachstumszeit durch zwei längere Trockenperioden gehemmt. Manches ist während dieser Zeit abgestorben, aber im Groszen und Ganzen gesehen steht aller- wärts im Reich eine über das mittlere Maß an Menge hinausgehende Ernte.

Auch die Viehbestände sind ohne erhebliche Seuchenerscheinungen überwintert. Diesen Vorteil haben wir vor allem unseren Viehseuchengesehen und deren sorgfältiger Durchführung zu ver- danken. Das Fernhalten verseuchter Viehbestände des Auslandes, hervorragend des östlichen, hat die Freihaltung des deutschen Diehstapels von ansteckenden Krankheiten gefördert.

So steht die deutsche Landwirtschaft für das Auge vor einer erträglichen Aussicht. Trotzdem aber ist bange Sorge im landwirtschaftlichen Stande zu Hause. Hat doch der deutsche Land­wirt nach den Erlebnissen der letzten Iahre sich »gefallen lassen müssen, daß er sein Produkt nicht nach den deutschen Gestehungskosten ver­laufen konnte, sondern nach dem Diktat der Preise der Weltspekulation. Dieses hemmungs­lose Hineingeworfensein in den Weltmarkt zei­tigte aber im Deutschen Reich Preise für die landwirtschaftlichen Produkte, die den deutschen landwirtschaftlichen Wirtschaftsbedingungen nicht gerecht wurden. Unter Einstandspreisen mußte der Landwirt den überwiegenden Teil seiner Erzeugnisse verschleudern, denn die ihm gezahl­ten Preise wären auch vor dem Kriege unerträg­lich gewesen. Welche Dermögenszerstörung wirkt aber seit dem Kriegsende. Zerstörung des Sub­stanzvermögens, Aufhebung fast jeden Betriebs­kapitals, unverhältnismäßige Preissteigerung der hauptsächlichsten landwirtschaftlichen Betriebsmit­tel. Die kurze Golddecke des Reiches zeitigte 'Zinssätze, die jeden mit notgedrungener Zuhilfe­nahme von Leihkapital arbeitenden Wirtschafter, nach Ausschöpfung feines geringen Realkredites, durch Eingehung unfundierter Schulden schwer bedrückt.

Trotz der besseren anstehenden Ernte kann also die Landwirtschaft nicht erntefreudig sein, da ihre Schuldverknechtung allzu groß ist. Gehört ja doch die Ernte überwiegend dem Geldgläubi­ger. Aus der Schuldverstrickung können aber neben guten Ernten lediglich ausreichende Pro- duktenpreise den Landwirt langsam lösen. Daß Landwirts Rot Volkes Rot ist, beweist über­zeugend der Rotstand der Provinzstädte, denen der landwirtschaftliche Käufer fehlt. Ihr Geschick ist mit dem des platten Landes besonders eng verbunden. Behebung dieser Röte ist heute das Bestreben aller vernünftigen Menschen im Reich. Haben wir doch jährlich für etwa 4 Milliarden Mark landwirtschaftliche Produkte aus dem Aus­land eingeführt, und jedem Einsichtigen ist klar, daß sich ein verarmtes Volk eine derartige . Fremdeinfuhr mcht gestatten darf, wenn es sich noch einmal geldlich auf eigene Füße stellen will. Schafft Devisen aus deutscher Ackererde! Sorgt, daß zunächst und vor allem das deutsche landwirtschaftliche Produkt auf dem deutschen Tisch verzehrt wird! Die Abdämmung der Fremdeinfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Erhaltung und Leistungssteigerung deutscher land­wirtschaftlicher Betriebe ist keine parteipolitische

Frage, sondern eine wirtschaftliche Lebensange­legenheit der ganzen Ration.

Erfreuliche Ansätze zur Verständigung in die- sen Lebensfragen hat das soeben verabschiedete Aarar-Wirtschafts-Programm gezeitigt. Die Her­beiführung halbwegs stabiler und den Einstands­kosten gerecht werdender Preise für landwirt­schaftliche Erzeugnisse ist die Rotwendigkeit der Stunde. Absahregelung dar deutschen landwirt­schaftlichen Produktion ist eine der Hauptvoraus­sehungen für das Werk. Wenn in dieser Rich­tung weiter fördernde Arbeit über alle Partei­schranken hinweg als eine der Hauptwirtschafts­aufgaben des Parlaments und der Regierung unter stärkster Mithilfe der Landwirtschaft selbst geleistet wird, kann ein Aufhalten der Agrar» kise und schließlich ein langsamer Wiederaufstieg in den landwirtschaftlichen Betrieben erhofft wer­den. Dis zur Auswirkung der eingeleiteten Maß­nahmen und ihrem weiteren Ausbau wird aber alles getan werden müssen, um die landwirtschaft­liche Gesamtheit zu stützen. Wenn der deutsche Landwirt die Gewißheit gewinnt, daß die Ernäh­rung des deutschen Volkes aus deutschen Scholle das Hauptziel der deutschen Wirtschaftsführung ist, wenn er sieht, daß alle Parteien zu diesem Zweck vertrauensvoll miteinander zusammenarbei­ten, dann steht neben dem Erntesegen, trotz aller Röte der Stunde die hoffnungsvolle Erntefreude. Zu dieser Erntefreude kann dem Landwirt le­diglich die Förderung durch den gesunden Sinn der Volksgemeinschaft verhelfen.

Oie Schutzfrist des geistigen Eigentums.

Die im vorigen Iahre in Rom auf der intcr» nationalen Urheberkonferenz festgesetzten Richt­linien für die Regelung der Urheberschuhfrist haben die beteiligten Instanzen in Deutschland die ganze Zeit über sehr eingehend beschäftigt, und es sind im Laufe der vergangenen Monate eine ganze Reihe von Entwürfen ausgearbeitet worden, die nunmehr zur Behandlung und Ent­scheidung stehen. Eine der Hauptschwierigkeiten ist nach wie vor noch die Länge de r Sch uh -

frist, da es immer noch nicht gelungen ist, die verschiedenen gegenteiligen Meinungen auf einen einheitlichen Renner zu bringen. Die auch in dieser Frage gesuchte Rechtsangleichung mit Oesterreich hat inzwischen eine Durchkreuzung durch das schnelle Vorgehen der österreichischen Regierung erfahren, die bekanntlich kürzlich die Urheberschuhfrist für Oesterreich vorläufig fest- geseht hat. Die Schwierigkeiten, die in Deutsch­land einer befriedigenden Regelung der Ur­heberrechtsfragen entgegenstehen, bestehen in er­ster Linie in dem Verharren einer Verleger­gruppe auf der dreihigjähri gen Schutz­frist, während sich die großen Erzeugerorgani­sationen auf den Standpunkt einer fünfzig­jährigen Schutzfrist geeinigt haben. In dieser Richtung bewegt sich auch ein jetzt ausgearbei­teter Entwurf über das deutsche Urheberrecht, der im Auftrage des R e i ch s ve r b a n d e s deutschen Schrittums von den Rechtsan­wälten Goldmann und Wolff ausgearbeitet wor­den ist. Dieser Entwurf sieht auch eine Schutz­frist von 50 Iahren vor und danach noch eine zeitlich befristete Domain public payant, nach der jeder, der während der Dauer von zehn Iahren nach Aufhören der Schutzfrist ein bis dahin geschütztes Werk herausgibt oder benutzt, 2 Prozent der Einnahmen an da s Reich zur Verwendung für die För­derung von Künstlern abführen soll. Be­merkenswert ist ferner an dem neuen Gesetz­entwurf, daß er alle urheberrechtlichen Bestim­mungen in einem einzigen Gesetz zusammen­faßt, daß in ihm also alle Bestimmungen für bildende Musik, Literatur, Kinematographie usw. mit geregelt sind. Ebenso erfährt das Radio- recht in diesem Entwurf eine eingehende Re­gelung. Der Entwurf ist den interessierten In­stanzen und den beteiligten Behörden zugeleitet worden und er bildet augenblicklich Gegenstand eingehender Beratungen. Amtlicherseits steht man dem Vorschlag einer 2prozentigen Abgabe an das Reich zur Verwendung für die Förderung von Künstlern freundlich gegenüber, so daß der Ent­wurf zumindest in diesem Punkt auf das weit­gehendste Entgegenkommen rechnen kann.

LandesverhMdsiagMg der hessischen Schneidermeister.

Am Sonntag fand in Gießen derVerbands- tag des Landesverbandes hessischer Schneider-Innungen für den Dolksstaat Hessen statt. Es war das zwölftemal, daß das hessische Schneidergewerbe zusammentrat, um zu erörtern, was notwendig ist, um trotz aller Röte der Zeit das Schneiderhandwerk exi­stenzfähig zu erhalten. Den Verhandlungen ging am Samstag eine Gesamtvorftandssit- zung imHindenburg" und abends ein gemüt­liches Zusammensein im Dahnhofshotel voraus.

Die eigentliche Tagung wurde am Sonntag­vormittag im ®af6 Leib bei guter Beteiligung der Vertreter aus allen Teilen Hessens von dem Verbondspräsidenten Karl Klipper! (Offen­bach) mit herzlichen Degrühungsworten eröffnet. Der Vorsitzende gab zugleich seinem Bedauern über das Richterscheinen der geladenen Dehör- den-Vertreter Ausdruck. Er bewillkommnete den Syndikus des Reichsverbandes des Deutschen Schneidergewerbes, Dr. Menningen, und den Direktor Schüttler von der Handwerkskammer Darmstadt.

Den Iahres- und Geschäftsbericht für 1928/29 erstattete Schriftführer Ehr. Frey (Offenbach). Leider gelang es nicht, die Liefe­rungen für die Post zu erhalten, doch ist nach den gepflogenen Verhandlungen mit Behörden und Handwerkskammer für später eine Berück­sichtigung zu erwarten. Hinsichtlich der Steuer­fragen wurden neue Richtlinien ausgestellt. Die Werbewoche soll weiter ausgestaltet werden. Die Obermeistertagung zu Friedberg am 20. Ianuar war stark besucht und erledigte wichtige Berufs­

fragen. Drei Innungen traten neu bei: Lauter­bach und Darmstadt-Stadt, sowie die Offenbacher Iunghandwerker. Die Frage der Lehrlingshal­tung ist endgültig geregelt, Wohlfahrtseinrich­tungen wurden eingeführt, die der Sterbekasse des Landesverbandes angeschlossen werden sollen. Er schließt mit dar Aufforderung zu innerer Geschlossenheit des Schneiderhandwerks.

Den Kassenberich t erstattete Georg Voll­mer (Offenbach). Die Gesamteinnahmen betrugen 4651,87 Mk., darunter waren Barbestand aus dem Vorjahre 1103 Mk., Mitgliederbeiträge 3373 Mark. Die Gesamtausgaben beliefen sich au 4127 Mk. An den Reichsverband wurden 961 Mk. abgeliefert, die Reisekosten betrugen etwa 840 Mk., Schriftführer und Vorsitzender erhielten je 500 Mark. Der Kassenüberschuh belief sich auf 524,79 Mark, so daß ein Dermögensbestand von 1597,79 Mark vorhanden ist. Rach erfolgter Entlastung wurde der Voranschlag für 1929/30 feftgelegt, der eine Einnahme und Ausgabe von 3200 Mk. vor­sieht. Die 1600 Mitglieder des Verbandes zahlen 3200 Mk. Beitrag.

Der Punkt: Beschlußfassung über die Ein­führung einer S terbekasfe rief eine rege Aussprache hervor. Schließlich einigte man sich auf einen Antrag Steinmetz, wonach das Zustandekommen der Sterbekasse den Beitritt von 400 Mitgliedern mit je 50 Pf. Beitrag erfordert. Die Herausgabe einer Schuhliste für schlechte Zahler innerhalb des Landesverbandes wurde einstimmig beschlossen.

Die endgültige Beschlußfassung über die Grü n- dungeinerInteressen-Gemeinschaft

für Uniformlieferungen erfolgte eben- alls einstimmig. Es handelt sich um Lieferungen für Reichswehr, Schutzpolizei, Bahn, Post, Feuer­wehr, Forstleute usw. Dem Handwerk soll seitens der Behörden Gelegenheit gegeben werden, an den Lieferungen teilzunehmen. Dr. Mennin­gen macht Mitteilungen über den Beschaffungs- plan des Reichs, der Reichsverband konnte schon große Aufträge vermitteln, die Lieferungstermine müssen unbedingt eingehalten und nur gute Ar­beiten geliefert werden. Die Gründung geschah einstimmig.

Die S tatutenberatung des Landesver­bandes wurde bis zum nächsten Verbandstag verschoben.

Ein treffliches Referat erstattete Frau Marg. Ries. Offenbach, über D amen s chneid er e i und Lehrlingsw efen. Sie fordert all­gemeinen Beitritt der Schneidermeisterinnen zum Verband, gute Arbeit und angemessene Bezah­lung. Eine gute Reklame ist dringend nötig, um im heutigen Geschäftsleben konkurrenzfähig zu bleiben, Modeschauen sind sehr zu empfehlen. Dem Lehrlingswesen in der Damenschneidern widmet die Rednerin längere Ausführungen. De Eignungsprüfung sollte obligatorisch durchgefüh ' werden, damit nicht ungeeignete Iungen ur. - Mädchen in den Schneiderberuf kommen. D: Ausbildung in der Kunstgewerbeschule sollte circ zweijährige Meistertätigkeit vorausgehen. 5)-« Halten des Fachblattes ist dringend erfordert'

Direktor Schüttler. Darmstadt, übermitte die Grüße der Handwerkskammer und verbreite sich über die Frage des Rachwuchses. Er fordert zwei Iahre Meisterlehrzeit vor dem Besuch der betreffenden Handwerkerschule.

Obermeister Hübner, Darmstadt, spricht über konfessionelle Lehrlings-Ausbildungs- hätten, die sowohl von evangelischer, als auch katholischer Seite bestünden und oft zwanzig und mehr Lehrlinge bei einer Meisterin zählten; hier müßten die Lehrmädchen vielfach De- amtentöchter noch Lehrgeld bezahlen. Meh­rere Redner fordern, daß der Zudrang zu den konfessionellen Anstalten unterbunden werden müsse.

Bei der Beratung der Anträge fordert die Innung Gießen Maßnahmen gegen das Uebcr» Handnehmen des Warenhandels in Bureaus, ge­gen Stoffhausierhandel und Wanderlager.

Einstimmige Annahme findet auch eine Re­solution betreffend Vergütung der Fachlehrer und Erhöhung der veralteten Sähe, wie es in Preußen bereits erfolgt ist.

Um den nächstjährigen Verbandstag hat sich niemand beworben. Da im August 1930 zu Frank­furt der Allgemeine deutsche Schneiderlag statt- findet, soll der hessische Derbandstag ausfallen, es soll nur eine Vorstandssihung gelegentlich des Deutschen Schneidertages abgehalten werden. Zur Kosting-Spende einer Wohltätigkeitsstiftuna für bedürftige alte Meister werden 50 Mk. bewilligt.

Zu der Rachmittagssihung hatten sich die Be­hördenvertreter eingefunden. Bürgermeister Dr. Seib vertrat die <5taöt und richtete herzliche Degrühungsworte an die Gäste; die Industrie» und Handelskammer war durch Bauunternehmer Becker vertreten. Dr. Menningen, Syn­dikus des Reichsverbandes des Deutschen Schnei­dergewerbes. sprach überD as Schneider- Hand werk und d ie heutige Zeit". Er kam zu sprechen auf das Wirtschaftsprogramm, Reklame. Arbeitsbeschaffung. Rohstoff. Lehr­lingswesen. Arbeitsschutzgeseh. Arbeitslosenver­sicherung. Gewerbeordnung, Hausierwesen, öffent­liche Hand und private Wirtschaftsfragen.

Direktor Schüttler von der Handwerks­kammer in Darmstadt sprach über die neue Ge­setzgebung und die Handwerker-Rovelle.

Verbandsvorsihender Klippert schloß die anregend' verlaufene Tagung mit dem Wunsche, daß die Verhandlungen und Beschlüsse das ehr­bare Handwerk fordern mögen, und daß jeder mithelfen möge zum weiteren Ausbau der Or­ganisation.

33

Oer glückbringende Gehrock.

Von Eugen Klöpfer.

Nachdruck verboten.

Es wird unsere Leser gewiß interessieren, sich von Eugen Klöpfer, einem unserer zur Zeit bedeutendsten Schauspieler, etwas aus den blutigsten Anfängen seiner glänzenden Bühnenlaufbahn erzählen zu lassen.

Die Geschichte meines Gehrocks war die: Mein Onkel hatte ihn viele Jahre hindurch getragen und schenkte ihn mir, als ich zur Bühne ging. Der Rock war mir zu weit damals. Er schlotterte nur jo um meine Figur herum, und ich beschloß, langsam in ihn hineinzuwachsen. Aber ich zog ihn nicht an vorerst. Doch nahm ich ihn mit ins erste Engage­ment; und er war der einzige Gehrock, den ich besaß.

Als das schöne StückDorf und Stadt" vorberei­tet wurde und ich infolge meiner wirklich schönen Figur die Rolle desFürsten" zugeteilt bekam, hef­tete ich dem Gehrock einen Orden an, setzte die Knöpfe enger, und wir spielten zusammen denFürsten", und wie! Zwei Fürsten hätte man aus uns machen können. Zn der Pause klopfte mir der Direktor Adolf Brakl auf die Schulter und sagte:Feine Garderobe!" Da strahlten wir, und ich reichte am nächsten Tag umVorschuß" ein. Er wurde bewilligt. Dann kam ein Stück, in dem ich die Hauptrolle spielen sollte, einen Staatsanwalt. Der Regisseur sagte:Da müs­sen Sie vor allem tadellos aussehen, als Staats­anwalt. So ein Staatsanwalt sieht fein aus, pik- fein! Und im zweiten Akt, wo Sie sich in den Ver­brecher verwandeln, da müssen Sie gemein aus­sehen. Verstanden?" Ich verließ mich auf meinen Gehrock. Zuerst ließ ich ihn fürstlich und eng um die Figur des Staatsanwalts herum sitzen, dann nähte ich die Knöpfe weit und unpassend durcheinander, und der Verbrecher war fertig; er schlotterte hunds­gemein um mich herum. Es war ein großer Erfolg. So bekam der Rock Routine, und ich vertraute mich ihm an. Wenn eine Rolle schlecht war und einen Mißerfolg erwarten ließ: ich verließ mich auf mei­nen Gehrock, er stellte das Gleichgewicht wieder her.

Aber auch im Privatleben stellte er feinen Mann. Ich war heimlich verlobt und sollte umihre Hand" anhalten. Am Sonntag ging ich hin. Mit Blumen. Ich hielt eine kleine Ansprache, wie sich's gehört, mit Liebe auf den . . . Blick", undewig" und allem

übrigen. Meine Schwiegermutter sah nur scharf auf den Gehrock und dann zogen wir ab, mein Geh­rock und ich. Die Blumen ließen mir dort und die Absage. Meine Braut erklärte mir in ihrem Ab­schiedsbrief den Zusammenhang:Wie konntest du nur in dem furchtbaren Gehrock!" Zuerst dachte ich daran, ihn zu erschießen. Aber ich tat es nicht. Meine Braut hat dann einen anderen genommen, einen Assessor B. Er brannte nach einem Jahr durch nach Amerika und ließ sich aus der Ferne scheiden. Der Zweite, dem sie sich hingab, erhängte sich bereits nach einem kurzen halben Jahr ehelichen Glücks. Den Dritten hat sie vor kurzem gefaßt, hier in Ber­lin; und seit der Zeit studiere ich mit einer gewissen herzlich teilnehmenden Neugierde gewisse Zeitungs­inserate, ohne bisheriges positives Ergebnis. Aber sie sind erst ein knappes Vierteljährchen verheiratet. Jedenfalls hat mein Gehrock mich gerettet; denn wo hinge er heute und wo hinge ich?

Einmal wurde er mir vertauscht, von einem talent­losen Kollegen, der mir dafür seinen eigenen Gehrock zurückließ. Zuerst fiel mir der Betrug nicht auf, und ich zog den kollegialen Gehrock ahnungslos bei der nächsten Premiere an. Es war ein entsetzlicher Miß­erfolg. Wir wurden ausgezischt! Ich war starr und untersuchte das Kleidungsstück näher. Und siehe da, es war ein ganz gewöhnlicher untalentierter Geh­rock, aber nicht meiner. Aber wo war mein Geh­rock? Durch Zufall las ich in den Zeitungen von den Riesenerfolgen meines untalentierten Kollegen in Berlin. Er hatte immer neben mir in der gleichen Garderobe gesessen. Sollte?! Ich nahm Urlaub und fuhr nach Berlin. Der Kollege spielte gerade zum fünfzigsten Male die Rolle, die ihn so rasch berühmt gemacht hatte. Ich sah mir die Vorstellung an und erkannte schon in der zweiten Szene meinen Geh­rock. Er sah etwas melancholisch aus, etwas mit­genommen, ich fühlte, daß er nicht wirken wollte; aber er konnte nicht anders, er mußte einfach, er war zu talentiert. Das Publikum jubelte, und der Kollege verbeugte sich. Aber nicht lange! Während der gro­ßen Pause ging ich in die Garderobe des Künstlers. Alter Freund!" sagte er und öffnete die Arme. Ich fiel ihm nicht hinein, obwohl es mich zu meinem Gehrock drängte.Ziehen Sie ihn aus!" sagte ich kurz und warf ihm ein Paket hin, das feinen schä­bigen Rock enthielt. Der Kollege erbleichte, bat mich flehentlich, ihm den Rock noch bis zur fünfundsieb- zigsten Aufführung zu leihen. Ich blieb hart ich brauchte meine Erfolge selbst sehr notwendig und zog

ab mit meinem Gehrock. Der Kollege aber fiel sofort nach der Pause derart durch, daß das Stück abgesetzt werden mußte und der Direktor den Konkurs an­melden wollte. Aber im letzten Moment fand sich wieder ein Geldgeber.

Ich aber zog ab mit meinem wiedergefundenen Freund, und wir feierten im Hotel unser Wieder­sehen. Am nächsten Vormittag stellten wir uns dem berühmten Direktor B. vor. Wir hatten Glück, und nach viereinhalb Stunden Wartezeit empfing er uns. Ich mußte Probe sprechen; und neben dem Direk­tor der Sekretär, hinter ihm zwei Dramaturgen und noch weiter hinten drei Regisseure, und jeder wollte sich sein (des Direktors) Urteil bilden.

Schon nach der ersten Szene hörte ich deutlich aus dem Parkett die Stimme des Direktors:Sehr inter­essant!", und beifällig nickten die Trabanten.

Dann sprach ich etwas aus einem anderen Stück, und wieder schallte es von unten:Wirklich sehr interessant!", und die Getreuen nickten zustimmend. Und dann wurden wir engagiert. Der Direktor klopfte mir auf die rechte Schulter und sagte:Interessant!", undSehr interessant!" wiederholten die Begleit­erscheinungen. Ich verabschiedete mich, schon unter der Tür, hörte ich die Abschiedsworte des Direktors: Wirklich ein selten interessanter Gehrock, meine Herren!" So kam ich nach Berlin.

Ich hab ihn getragen neunzehn Jahre ich trage ihn heute noch! Sie können ihn jeden Abend sehen, etwas umgeändert, im R.°Theater!

Friedrich der Große alsZoumalist

2lm 5. März 1767 brachten die beiden damals bestehenden Berliner Zeitungen, die bei Haude und Spener erscheinendenBerlinischen Rachrich­ten von Staats- und Gelehrten Sachen", wie dieBerlinische privilegierte Zeitung", fast gleich­lautend die nachfolgende merkwürdige Rachricht:

Wir vernehmen von Potsdam, daß, nachdem sich den 27. Februar gegen Abend die Luft ver­dunkelte, finstere Wolken, welche durch ein Ge­witter, wovon man wenig Beispiele hat, zusam- mengetrieben worden, den ganzen Gesichtskreis bedecket, das Donnerwetter mit Blitzen aus­gebrochen, und unter desselben wiederholten Schlägen ein Hagel gefallen, dergleichen man bey Menschengedenken nicht gesehen. Don zwey Ochsen, welche ein Bauer für eine Karre, die

er in die Stadt fuhr, gespannt hatte, wurde einer sogleich todtgeschlagen; viele geringe Leute auf den Straßen sind dadurch verwundet worden; einem Brauer hat es den Arm zerschlagen. Die Dächer sind durch die Last des Hagels zerschmet­tert worden und alle Fenster, welche gegen den Wind, der das Gewitter trieb, gestanden, ein­geschlagen. Man hat auf den Straßen große Stücken als Kürbisse gesehen, welche erst zwey Stunden, nachdem das Gewitter aufgehört, ge­schmolzen. Dieser besondere Vorfall hat einen sehr großen Eindruck gemacht. Die Raturkündiger behaupten, die Luft habe diese dichte und ge­frorene Massen nicht tragen können; es wären die kleineren Körner, durch die Heftigkeit des Windes getrieben, in der Wolke zusammen- gestoßen und hätten ihre ausnehmende Große erst erhalten, da sie ihrem Falle nahe gewesen. Es mag zugegangen fein, wie ^s will, es ist ge­wiß, daß dergleichen Begebenheiten selten und fast ohne Dey spiel find."

Dem gelehrten Berliner Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Rico 1 ai verdanken wir die Aufklärung über dieseEnte"; er hat den kuriosen Zusammenhang 1788 in feinem Anek- dotenbuch über Friedrich den Großen aufgedeckt. Danach vernahm der König kurz nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges mit Miß­vergnügen, daß man in Berlin von dem be­vorstehenden Ausbruch eines neuen Krieges munkle. Er form daher darauf, dem Publikum eine Lehre und einen anderen Gesprächsstoff zu geben. Er erdichtete die oben wiedergegebene Rachricht von einem Unwetter in Potsdam mit kürbisgroßen Hagelkörnern und sandte sie an Professor Formey mit dem strickten Befehl, sie unverzüglich ins Deutsche zu übersehen und in den beiden Berliner Zeitungen einrücken zu lassen. In dem Kabinettsschreiben verbot er zu­gleich, die Quelle zu nennen und spätere Wider­rufe oder Berichtigungen von anderer Seite auf­zunehmen. So geriet denn das Märchen in Um­lauf und blieb trotz mehrerer Einsendungen der erstaunten Potsdamer Bürger unwiderrusen. Kein Wunder, daß sich viele Leser über die kopf­großen Hagelklumpen den Kopf zerbrachen. Der Wittenberger Professor Ioh. Dan. Titius kom­mentierte den Vorfall sogar in feinen natur­wissenschaftlichen Schriften. Kl.