Ausgabe 
7.6.1929
 
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einem Taler arbeiten mußte. So lernte er mit dreizehn Jahren das Milieu und die Leute des vierten Standes kennen, den Emile Zola in Frankreich für die Literatur entdeckt, dessen so­ziale Verhältnisse der Gesellschaft und damit auch der Literatur ein neues Gesicht geben muß­ten. Was sich Zola in mühsamen Studien er­arbeiten mußte, darin wuchs Kretzer auf. Er konnte von vornherein nicht in Versuchung kom­men, eine Mode mitzumachen, an der sich die meisten seiner Zeit beteiligten. Dieses Milieu literarisch zu gestalten, wurde für ihn eine Not­wendigkeit, es wurde sein künstlerisches Erlebnis, der erste Impuls. Der junge Kretzer las Zola, den arg Verfchmten und Verunglimpften, er fand die Form bei ihm und folgte ihm als Vorbild. Lind darin lag das Ungeheuerliche, darin beruhte der Grund, weshalb Kretzers erste Romane, die noch haarscharf an rührselige Kolportage grenzten, über Gebühr gelobt und auch über Gebühr ver­urteilt wurden: er hatte als Erster in Deutsch­land den Mut, der erzählenden Literatur den vierten Stand, die Armen, älnsichtbaren zu er­obern. So kam es, daß, ähnlich wie Suder­mann, Max Kretzer mit seinen ersten Romanen Die beiden Genossen" undSonderbare Schwär­mer" gewissermaßen über Rächt berühmt wurde. Aus Erlebnisnotwendigkeit wagte er sich an so­ziale Probleme, wagte er eine Gestaltung sozialer, bzw. unsozialer Verhältnisse. Damit war er berufen, eine Dresche in den Stoffbezirk zu schla­gen, der damals immer noch durch das klassische Ideal der Weimarer Zeit mehr oder weniger begrenzt war.

1888 erschien sein bekanntester und auch künst­lerisch wertvollster RomanMeister Timpe", der von dem Kampf zwischen Handarbeit und Maschinenarbeit handelt, in dem der Drechsler­meister Timpe vor dem großzügigen Knopf­fabrikanten die Waffen strecken muh. Mit diesem Roman griff Kretzer ein Thema auf, das als Maschinenstürmer-Thema bis in die neueste Lite­ratur zu verfolgen ist. Nirgends spiegelt sich da­mals diese ökonomische älmwandlung in der er­zählenden Literatur derart wider, wie in Kretzers Prosa. Immer wieder schöpfte er aus dem Er­lebnis, aus dem Milieu, in das ihn das Schick­sal geworfen hatte, Lind diesem letzten Limstand verdankte Kretzer einen großen Teil seines Er­folges: noch war es unter den damaligen Schrift­stellern unbekannt und ungewohnt, daß ein Schrift­steller das armseligste Milieu schilderte, nachdem er selbst durch dieses Milieu hindurchgeganoen war. Mochte die künstlerische Gestaltung des gegebenen Stoffes auch hier und da nachlassen.

der Stoff an sich überzeugte, weil er erlebt und echt war.

DieserMeister Timpe" undDas Gesicht Christi", Roman aus dem Ende des Jahrhunderts, in dem Christus in das gegenwärtige Berlin ver­seht wird, waren Kretzers stärkste Erfolge. Er hatte für seine und die folgende Generation das Eis gebrochen. Unö wenn er heute weniger als lebendig gegenwärtiger Schriftsteller, vielmehr als literarhistorische Persönlichkeit angesehen werden kann, so braucht sein Ruhm oder seine Bedeu­tung dadurch nicht geschmälert zu erscheinen. Gerade die Generation der fünfziger und sechziger Jahre, die um 1880 herum stärkstes Echo fand, sah sich mit dem Temperament der Dorgeneration in das Tempo einer neuen, ihr zum Teil un­verständlich werdenden Zeit hineinwachsen. Che sie sich entfalten konnte, wa. ihr zum Teil jede Möglichkeit einer Entfaltung abgeschnitten. Rur den Größten jener Zeit war es vergönnt, den vielfachen Wechsel der letzten Jahrzehnte schaf­fend zu überdauern.

Der singende Narr."

Tonfilm-Uraufführung in Berlin.

Berlin, Anfang Juni.

Im Gloria-Palast fand die Uraufführung des ersten amerikanischen TonfilmesT h e s i n - ging Pool (Der singende Narr") statt, eines Films, in dem der bekannte flüsternde Bariton Al I o l s o n die Hauptrolle spielt.

In einem Nachtlokal am Broadway ist Al Stone, der singende Kellner, der Hauptan­ziehungspunkt. Molly, eine hübsche blonde Sän­gerin, dargestellt von Josephine Dünn, tritt in dem gleichen Lokal auf. Al Stone ist rasend in sie verliebt, wird aber von ihr zurückgewie­sen, bis Markus, einer der größten Theater­direktoren Neuyorks, die wunderbare Stimme des singenden Kellners erkennt und ihn für sich engagiert. Molly läßt sich die Gelegen­heit nicht entgehen, erfaßt blitzschnell die Situ­ation und nähert sich Al, der ihr verzeiht. Beide verlassen das Nachtlokal am Broadway und fol­gen Markus, bei dem Al Riesenerfolge einsteckt. Später lernt Molly einen jungen Sportsmann, John Perry, kennen, verliebt sich in ihn und vernachlässigt Al immer mehr, bis sie sich end­gültig dazu entschließt, ihn" zu verlassen, um mit John Perry nach Paris zu übersiedeln und von dort aus die Scheidung von 2TI zu betreiben. Sonny, das von Al vergötterte Kind aus der Ehe mit Molly, soll mit der Mutter reisen.

Heimlich verläßt sie die Wohnung, doch ge­lingt es Al noch in letzter Minute, Mollys Aufenthalt zu erfahren und ein Wiedersehen mit seinem Kinde zu erlangen, das er so ost mit seinem berühmten LiedeSonny Boy in Schlaf gesungen hatte.

Wochen voller Verzweiflung folgen für Al. Er gibt seine Tätigkeit auf und steht im Begriff, in der erbarmungslosen Menschenmühle der Rie­senstadt zerrieben zu werden, als ihn der Zu­fall wieder in das Nachtlokal am Broadway führt. Hier erfährt er durch Grace, ein kleines Zigarettenmädel, daß Mollys Stern im Er­blassen ist, und er vielleicht für die Zukunft seines einzigen Kindes sorgen mühte. Sein Le­bensmut erwacht von neuem und er beginnt wieder, seine Songs dem entzückten Publikum vorzutragen. Molly ist nach ihrer Trennung von ihrem Geliebten nach Neuyork zurückgekehrt, wo Sonny schwer erkrankte. Sie erfährt den Aui- enthalt Als und benachrichtigt ihn, doch seinen einzigen Sohn am Krankenlager zu besuchen. Ohne Zögern eilt Al hin. Zärtlich schlingt er das Kind in seine Arme, erzählt ihm, wie früher, seine Märchen, und als er es behutsam in das Bett zurückgelegt hat, erlischt unmerklich das schwache Lebenslicht. Al aber mutz wie früher hinaus ins Leben, hinaus auf die Bühne, um seine Lieder vorzutragen, die er für sein Kind geschaffen hatte.

Der Film, der von Warner im Verleih der National gezeigt wurde, ist nach dem Manuskript des Bühnenstückes von Leslie Dur­ra w s hergestellt. Regie führt Lloyd D a - c o n, während die musikalische Illustration das Ditaphone-Symphonie-Ora)ester übernommen hat. Die technische Wiedergabe dieses ersten ameri­kanischen Tonfilmes kann als vollendet bezeich­net werden, wenn auch die Dilder oft nicht den Ansprüchen genügen, die wir an einen deutschen Film stellen. Die wunderbare, von jeder Ver­zerrung freie Wiedergabe der Sprache und des Gesanges macht jedoch diesen geringen Nachteil wieder wett und wird sicherlich dazu beitragen, datz Ton- und Sprechfilm sich auch bei uns Gel­tung verschaffen werden. E. S.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Moritz Schlick in Wien hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der Philosophie an der Universität Donn als Nachfolger des Geh. Rats G. Störring a b- gelehnt. Prof. Schlick lehrte früher in Kiel und Rostock.

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Nr. sZs Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Zreitag, 7. Juni 1929

Von der Schußarbeil zur Volksdeutschen Arbeit.

Zur Werbewoche des D. O. A. Don Or. Fr. König.

Die deutsche Schuhvereinsbcwegung geht auf den Anfang der 80ec Jahre des letzten Jahr­hunderts zurück. Damals erhob der Kurat Franz Daver Mitterer vom Ronsberg in Südtirol den Ruf zur kulturellen Stützung der deutschen Alpendörfer an der Dolksgrenze im Süden. Cs bildete sich zunächst in Oesterreich, dann auch im Reich der deutsche Schul­verein, aus dem der Verein für das Deutsch­tum im Ausland hervorgegangen ist.

Worauf kam es der Schuharbeit damals an? Man hatte erkannt, datz trotz des mächtigen po­litischen Aufstiegs des kleindeutschen Reiches die Lage an den Volksgrenzen sich zu ungunsten des deutschen Volkes zu entwickeln begonnen hatte und stand erstaunt vor der Tatsache eines schnel­len Rückganges des deutschen Kultureinflusses bei den Völkern Ost- und Südostmitteleuropas: zugleich erkannte man die Notwendigkeit, den zahllosen Deutschen in aller Welt zur Seite zu stehen, auf daß sie auch in der Fremde dem deutschen Kulturleben verbunden blieben. Die Schuharbeit wurde so zu einer Aufgabe kari­tativer Betreuung: viel aufopfernde Tätig­keit ist auch in jenen Zeitläuften im deutschen Binnenland geleistet worden, aber e8_ fehlte der Gesamtlage der Zeit gemäß die zündende Idee, die die Angelegenheit zu einer in die Tiefe der Gcsamtvolkheit gehenden Bewegung hätte machen können: man verzettelte sich im einzelnen, ohne auch einer Gesamtschau Volks­deutschen Lebens heraus der Arbeit Ziel und Richtung geben zu können: allzusehr verdeckte die mitteleuropäische Staatenwelt, die Tatsache ins­besondere der drei Großreiche: des preußisch- deutschen, des österreichisch-ungarischen, des rus­sischen die Welt der Völker, auch unser Gesamt­volk: man ward Organisation, wobei man die einen zum Geben veranlaßte, damit man den anderen geben könne: man machte aber dadurch die, die eigentlich die Führer im Kampf um den Dolksboden hätten sein müssen, die in der Front, zu Objekten einer Fürsorgeorganisation, während man die im Hinterland, die eigentlich Etappe hätten sein müssen, ihnen gegenüber zu Subjek­ten machte: es ward das Verhältnis des armen Neffen zum reichen Onkel in Amerika. Wirk­liche Dolksvereine zur Führung der gemeinsa­men gesamtdeutschen Volkssache sind die Schuh­vereine damals nicht geworden, im Reich noch weniger wie in Oesterreich, dem standdie Eng­stirnigkeit des Neustaatsbürgers", zu dem sich der reichsdeutsche Mensch in höherem Maße wie der österreichische entwickelte, hemmend im Wege. Kein Wunder, daß auch die Schuhvereine im Jahre 1918/19 zunächst der volkspoliti­schen Aufgabe gegenüber ebenso hilflos waren wie die staatlichen Gewalten.

Das Chaos der Jahre 1918/19 zwang zur Ge­wissenserforschung. Das Außendeutschtum hatte den Krieg nicht nur als einen Krieg der Staaten, sondern auch der Völker erlebt, es fand, innerlich mächtig erregt, weithin den Stolz auf sein deut­sches Volkstum wieder und begann an eine ge­samtdeutsche Zukunft zu glauben, obwohl das rechte Echo aus dem Dinnenlande fehlte. Im Zusammenbruch sah sich das deutsche Binnen- voll sodann in einen Zustand der Staatslosigkeit hineingeworfen. Die staatlichen Formen seines Lebens zerbrachen wie leere Hülsen. Ein großer, starker Glaube brach zusammen. Aber das Leben erwies sich auch diesmal wieder als stärker wie die Form. Was bisher verdeckt gewesen war, trat nun klar zutage und wurde von vielen ge­sehen: das im schwersten Daseinskämpfe befind­liche deutsche Gesamtvolk von über 80 Millionen in Europa, von 100 Millionen in der Welt. Von

den Grenzen her stieg uns die Vision vom deutschen Gesamtvolk auf. Gar viele Deutsche trurden damals aus Staatsbürgern die­ses oder jenes Staates zu Deutschen schlechtweg. Das ist das große Erlebnis, aus dem die neue gesamtdeutsche Gedankenwelt her­aus geboren wurde, die Raum und Zeit um­spannend, an beste Lieberlieferungen deutscher Vergangenheit anknüpft. Das ist das neue Er­lebnis, aus dem der Zwang zur Volksdeut­schen Arbeit, der Zwang zu einheitlicher gemeindeutscher Voltspolitik hervor­gewachsen ist. Wir habenDeutschland" im Sinne unserer Väter wieder entdeckt und stehen nun vor der Aufgabe, vor der auch schon die Paulskirche im Jahre 1848 stand, ihm eine all- seinen Teilen gemäße Form zu geben und das politisch, und wo dies nicht angeht, wenig­stens kulturell zusammengefahte gesamtdeutsche Volk organisch ins Abendland einzufügen. Grund­legende Voraussetzung aber dafür, daß dies ge­linge. ist, daß der Volksbestand erhalten bleibe. Wo deutsches Volkstum im Kampf um die Erhal­tung seines Lebens und seiner Seele steht, da handelt es sich also um eine Schuharbeit, die das gesamte Volk angeht. Die Schuharbeit er­hält so ihren hohen und tiefen Sinn vom ge­samtdeutschen Volksgedanken her, aus ihr ist volksdeutscheArbeit geworden. Die Volks­deutsche Arbeit aber kann sich nicht mit der Ar­beit im Grenz- und Außengebiet der deutschen Volkheit erschöpfen, ihr Gegenstand ist das ge­samtdeutsche Volk geworden, daß es zum Be­wußtsein seines einheitlichen Persönlichkertscharak- ters, seiner Schicksalsverbundenheit und der ge­meinsamen Verantwortung für seine und des Abendlandes Zukunft zu erziehen gilt: d e r W e g führte von der Schuharbeit der Vor­kriegszeit zur volksdeutschen Ar­beit.

Nach 10 Jahren der Gewissenserforschung ist die deutsche Dolkstumsbewegung überzeugt, daß mit der geistig-seelischen Hinwendung zum deut­schen Gesamtvolk für uns Deutsche eine neue Zeit angebrochen ist, die uns die Vergangen­heit anders sehen läßt und zugleich endlich einen Weg zur wirklichen Lösung der deutschen Frage weist. Wir lernten es:im Volke zu denken". Das Denken im Volke aber führte uns zumDenken in Völkern". Wir sind der Lieberzeugung gewor­den, daß allein die Anerkennung von Dolksrechten in Europa zu einer wirk­lichen Befriedigung führen kann. Indem wir um die Erhaltung des deutschen Volksbodens und des deutschen Dolkskörpers ringen, ringen wir zu­gleich um ein Europa freier Völker.

Der V. D. A., der vor kurzem in Kiel seine diesjährig« große Tagung abgehalten hat, ist diejenige volkspolitische Organisation innerhalb des deutschen Bereiches, die auf breitester Grundlage oufgebaut ist. Indem er sich mit den Gedanken der neuen Zeit erfüllt, begibt er sich auf den Weg, der gesamtdeutsche Voltsverein zu werden, der Binnen- und Auhendeutschtam zusammenfassend, Sinn, Ziel und Richtung vom gesamtdeutschen Volksgedanken her empfängt.

Der V. D. A. betrachtet sich daher heute nicht mehr als Verein neben Vereinen: er muß sich vielmehr als ein Sammelbecken aller volk- lich empfindenden Kreise des Gesamtvolkes be­trachten, in dem der Individualismus der Par­teien, Stände, Konfessionen und Länder zu schwei­gen hat und nur das eine Richtung gebend sein darf, was uns alle verbindet: das gemein­same Volkstum, die gemeinsame Volkheit. Er weih heute, daß Volksbürgerschaft und Staats­

bürgerschaft nicht dasselbe sind, datz wir Deutsche vielmehr zwei Pflichtcnkreisen verpflichtet sind: dem einen des Staates, dem andern des Gesamt­volkes. Er verlangt daher vom deutschen Men­schen, daß er sich zu der Erkenntnis durchringe, daß er seine Pflicht als Angehöriger des deut­schen Volkes nicht damit schon als erfüllt be­trachte, daß er seinen staatsbürgerlichen Pflich­ten gerecht geworden ist, daß er vielmehr sich freiwillig in den Kreis derer einfüge, die vom vollsbürgerlichen Denken aus unserem Gemein- schaftsle^rn neuen Inhalt und auch dem Staate vom Volk aus wahre Hoheit und wahre Würde schaffen wollen.

Die V. D. A.-Sache ist daher Sache eines jeden Deutschen, dem die Zukunft von Volk und Reich am Herzen liegt. Opfer für sie zu bringen, sollte ebenso für den Binnendeutschen Herzenssache fein, wie es dies für den Ange­hörigen der deutschen Volksgruppen draußen ist (etwa den Siebenbürger Sachsen oder den est- ländischen Deutschen), die außer den Abgaben an ihren Staat die an die eigene Volksgemein­schaft tragen, weil sie es jeden Tag erleben, daß Volksbürgerschaft und Staatsbürgerschaft nicht das gleiche sind. Wenn sich das binnendeutsche Pol! nicht kleiner erweisen sollte wie die Außen- deutschen, dann brauchen wir um die Zukunft unseres Volkes keine Sorge zu tragen. Deshalb spendet für die Sache des V. D. A. und tretet bei!

Deutsches Allerlei.

Immer mehr nimmt im deutschen Volke die Erkenntnis greifbare Formen an, datz das Durch­einander und Nebeneinander von Zuständigkeiten und die unglückselige Zersplitterung von Staats­gewalt und Verwaltung in Deutschland an zahl­reichen Stellen zu überflüssigen Reibungen, an anderen zu einem arbeit-, zeit- und geld- raubenden Leerlauf führen. Aber es schadet nichts, wenn einige besonders drastische Beispiele für diesen Zustand immer wieder in Erinnerung gebracht werden. 2m folgenden seien der aus­gezeichneten Arbeit von Oberregierungsrat a. D. Dr. Walther Adametz und Diplomvolkswirt Karl Eugen Mötzner, die kürzlich unter dem Titel Die deutsche Verwaltungs- und Verfassungs­reform in Zahlen" erschienen ist, einige solche Beispiele entnommen, die eine recht deutliche Sprache reden:

Das Land Preutzen hat nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 eine Wohnbevölkerung von 38 120 173 Köpfen, baä Land Schaumburg-Lippe eine solche von 48 046. An Ausgaben für die oberste Staatsleitung nicht eingerechnet die Volksvertretung fallen nach dem Haushaltsjahr 1927, für das die letzten zuverlässigen Zisfern vorliegen, in Preußen auf den Kopf der Bevölkerung 4 Pfennig, in Schaum­burg-Lippe genau das 65fache davon, nämlich 2,60 Mk. Die Volksvertretung, für sich betrachtet, kostet in Preutzen, wiederum auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet, 14 Pf., in Mecklenburg-Strelitz mehr als das 5,5fache da­von, nämlich 78 Pf. Das bedeutet, datz die Kosten der Volksvertretung in Preutzen 0,27 Prozent der Steuerkraft beanspruchen, inMecklen- burg-Strelih jedoch rund das 13fache, nämlich 3,35 Prozent. Für den gesamten Behörden­aufwand seines Staates hat jeder einzelne Preutze im Jahresdurchschnitt 61,08 Mk. auf­zubringen: der Mecklenburg-Streliher ist wie­derum erheblich schlechter daran und zahlt mit 306,54 Mk. für den gleichen Zweck über fünfmal soviel wie der Preutze. In Sachsen hat ein ein­zelnes Landgericht im Durchschnitt 713189 Einwohner juristisch zu betreuen: das sind rund fünfzehnmal soviel Menschen, wie auf das Land­gericht in Schaumburg-Lippe entfallen, das nur für 48 046 Personen zuständig ist.

Dies sind nur wenige Beispiele: sie lassen sich beliebig vermehren. Ist es bei einem Zustand, wie diese Ziffern ihn beleuchten, und der be­

stimmt das Gegenteil von rationeller staatlicher Organisation darstellt, zu verwundern, datz 38 Pf. von jeder Reichsmark deutschen Volkseinkommens von dem 21 uf* wand f ü r öffentliche Zwecke durch Reich. Länder und Gemeinden in Anspruch genommen werden? Man muh noch berücksichtigen, datz alle obigen Angaben sich auf das Rechnungsjahr 1927 beziehen und datz sich die Verhältnisse in­zwischen nicht gebessert haben. Eher kann man annehmen, datz der Gesamtaufwand von Reich. Ländern und Gemeinden im Verhältnis zum Volkseinkommen seitdem noch gestiegen ist. Es ist ein unhaltbarer Zustand, dessen skizzen­haftes Bild sich aus solchen Vergleichungen ergibt. Ihn in gesundem und vernünftigem Sinne zu beseitigen gibt es nur ein Rezept: eine gesunde und vernünftige Reichsreform!

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 7. Juni 1929.

Druck- und Scheuerwunden bei Pferden

Der Gießener Tierschutz-Verein, Kaiserallee 1, schreibt uns:

Die heiße Jahreszeit begünstigt bei den Pfer­den die Entstehung von Druck- und Scheuerstellen. Diese werden in den meisten Fällen durch schlecht sitzende Kummete verursacht, die auf einige we­nige Stellen drücken und diese wundscheuern, statt sich dem Hals des Pferdes anzupassen, oder die infolge von schlechter Form ständig hin und her rutschen. Was das Tier dabei auszustehen hat, kann sich jeder vorstellen, der schon einmal durch unpassendes Sch^iwerk wundgcrieben wurde. Am qualvollsten und bösartigsten werden solch« Wunden, wenn sich unter dem hartgewordenen Kummetpolster noch eine harte Kruste von Schweiß, Schmutz und Blut gebildet hat, die sich bei jeder Bewegung neu in die Wunde hinein- preht. Die unter dem Fell liegenden Druckstellen sind oft noch schmerzhafter als offene Wunden, sind aber nicht ohne weiteres wahrnehmbar. Störrigkeit der Pferde beim Anspannen sind dann nichts als Angst vor dem Auflegen des Ge­schirrs auf diese hochgradig empfindlichen Stellen. Ebenso deuten eine außergewöhnliche Kopfhaltung und eigentümliche Kopfbewegungen auf Druckstel­len hin.

Bei Druckstellen auf dem Kamm läßt man die Pferde so lange im Sielengeschirr gehen, bis der freigelegle Kamm geheilt ist. Man lege das Kummet nicht zu bald wieder auf und lasse es vorher gründlich umarbeiten, da sonst das Liebel von neuem entsteht. Bei Druckwunden an der Brust kann das Sielen auch nichts nützen. Das Kummetpolster mutz dann an den entzündeten Stellen reichlich ausgehöhlt werden, so daß sie reichlich freiliegen. Die Druckstellen auf dem Rücken entstehen unter dem Kammdeckel oder dem Rückengurt, besonders bei mageren Pferden und bei solchen, die ohne Hinterzeug den Wagen zurückstemmen müssen. Die Heilung ist hier noch langwieriger als bei den ersteren. Man läßt in solchem Falle den Kammdeckel am besten ganz weg. Bei Sielengeschirr ist die Stelle vor dem Druck des Rückengurtes durch Lieberbrücken zu schützen. Ein zwischengelegtes Kissen vermindert den Druck, bringt aber keine Heilung.

Da aus den Druckschäden sehr langwierige Leiden entstehen können, ist Vorbeugung geraten. Die Geschirre müssen genau angepaht, gut ge­pflegt und nötigenfalls gepolstert sein. Machen sich die ersten Zeichen von Druckstellen bemerk­bar, so ist schnelles Eingreifen geboten. Bei schwierigen Fällen ist selbstverständlich der Tier­arzt zu Rate zu ziehen.

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* Katholische Lehrertagung. Die Dezirksvereine Gießen und Friedberg des Katho­lischen Lehrervereins veranstalteten am Dienstag in Bad-Nauheim eine gemeinsame Tagung, die

Max Kretzer.

3u seinem 25. Geburtstage. Don Hans Georg Brenner.

Bücher haben ihre Schicksale," sagt ein altes lateinisches Sprichwort, das sich auch auf deren Verfasser anwenden läßt. Namen werden über Nacht berühmt, werden von Lob und gehässiger Verunglimpfung durch Jahre getragen und ge­zerrt, werden ein heiß umkämpftes Programm und verschwinden wieder aus der Reihe der öffentlich Genannten. Ideen sind inzwischen ver­wirklicht worden, die Zeit warf neue Probleme auf, entfachte neue Kämpfe, entzündete neue Ideale. Die Zeit hat keine Ehrfurcht vor Namen, hat keinen Respekt vor ihren eigenen Wegberei­tern, und wo einmal Lob im Llebermah ver­geben wurde, kann später Vergessen im gleichen Matze töten. ES ist eigenartig: geht man in der Geschichte der Literatur die Namen durch, die zur Zeit des beginnenden Naturalismus, zur Zeit des erbitterten Kampfes um Zola und seine Gefolgschaft berühmt waren und em Programm bedeutet haben, dann wird man er­staunt sein, wie viele oder wie wenige Namen ihren Klang behalten haben und wie viele vor der Zeit begraben wurden. Eine Welle der m>t- wendigen Fortentwicklung hatte sie hochgehoben und wieder in die Tiefe gerissen. Sie leben weiter aber nicht als lebendiges Gut, sondern als papierene Literaturgeschichte. ,

Max Kretzer lebt noch mit Vielen, die einst­mals berühmt waren. Er wird heute, am 7. Juni, 75 Jahre alt und mag sich in seinem künstlerischen Wollen und Müssen von der raschen Entwick­lung der Verhältnisse und Ereignisse überholt und übervorteilt fühlen. Aber damals, in den achtziger Jahren, als die Generation der fünf­undzwanzigjährigen um den künstlerischen Aus­druck eines neuen, durch die sozialen Verhältnisse bedingten Lebensgefühles kämpfte, nannte z. B. Karl Bleibtreu in denModernen Dichter­charakteren" Max Kretzer denVollmenschen sei­ner Epoche". Für ihn war erDer Riese, der sich turmhoch über all das Modegewäsch der Künstler, Talmidichter und Reklameberühmtheiten erhebt".

Wer war dieser Max Kretzer? Was hatte er seiner Generation, seiner Zeit Llngeheuerlichcs zu geben? Kretzer war 1854 in Posen geboren. Seine Eltern hatten dort ein Hotel, verloren aber ihr ganzes Vermögen und siedelten nach Berlin über, wo der phantasiereiche Junge mit seinem Vater in der Fabrik um einen Wochenlohn von