Nr. M Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 1. Mat (929
Die Geißel von Versailles.
Persönliche Erinnerungen an den I.Mai 1919.
Von Felix Baumann.
Der erste Sonntag in Versailles. Die Franzosen, zum Teil Pariser Ausflügler, die sich in unserer Hotelstraße herumtrieben, ließen ihrem Chauvinismus freien Lauf und ergingen sich in beleidigenden Schimpfworteu. Sohlen und Ausspeien. Der Autovcrtehr war enorm. Die Wagen hielten vor unserm Hotel an, und Kutscher oder Chauffeure erklärten: „Hier wohnen die Boches!" Die „Liberte" verflieg sich zu der schamlosen Bemerkung, die deutschen Delegierten sollten im Hemde mit einem Strick um den Hals herumlaufen, Unb die ganze Presse strotzte von langen lügenhaften Berichten über unser Tun und Lassen in Versailles. Obwohl unsere Reichs- ministcr gegen die Errichtung der die Bürgersteige versperrenden Lattenzäune prolestier- ten, die unsere Bewegungsfreiheit sehr behinderten, wurden die „hölzernen Stacheldrähte" nicht entfernt.
Am Dienstag die blutige Maifeier in Paris, die sozusagen den Auftakt für die Friedensver- handlungcn bildete. Der erste Schritt war der Austausch der Vollmachten. Graf Brockdorff erklärte damals, er habe beim Austausch den Eindruck gewonnen, daß kein Diktat, sondern ein Verhandlungsfriedcn beabsichtigt sei. Der Vorgang habe sich unter völliger Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit vollzogen. Doch der 7. Mai ließ diese Hoffnung zuschanden werden.
Die deutsche Delegation hatte in einer amtlichen Mitteilung die Ententeregierungen darauf aufmerksam gemacht, daß nach dem Wortlaut der Einladung noni 28. April eine Verzögerung des Beginns der Friedensverhandlungen ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Sie hatte ferner mitgeteilt, daß einige Minister nicht auf unbestimmte Zeit von Berlin fernbleiben könnten, daß fie wegen dringender Amtsgeschäfte noch Deutschland zurückkehren müßten, wenn die Entente nicht in der Lage wäre, e i n e n b c st i m m - ten Termin für den Beginn der Friedensver- handlungcn festzusetzen. Darauf erfolgte die kurze Antwort von Clemenceau, der Termin sei noch nicht beschlossen worden, und es stehe den deutschen Delegierten frei, abzureisen. Die deutsche Delegation kam nun zu dem Beschluß, daß einige Minister abreisen sollten, wenn nicht bis zum 5. Mai, nachmittags 5 Uhr, der Tag des Beginns der Friedensverhand- liingen bekanntgegeben sei.
Die kategorische Forderung Brockdorffs erfüllte ihren Zweck. Die Ueberrcichung des Friedensvertrags wurde auf Mittwoch, den 7. M a i, festgesetzt, worin „Neuyork Herold" und „Daily Mail" zwischen diesem Datum und dem vierten Jahrestage der Torpedierung der „Lusitania" einen Zusammenhang erblickten. Noä) Pariser Blättern hatte die Bekanntgabe von der Ueberreichung des Friedensvertrages bei den .Konferenzmitgliedern der Verbündeten wie eine Bombe eingeschlagen, weil sie erst eine Woche später erwartet wurde.
Da zur Ucberreid)iing des Friedensvertrages im Twonon-Hotel nur fünf deutsche Pressevertreter zu- gelossen wurden, mußten sich die anderen mit der Auffahrt der Ententevertreter, dem Aufmarsch der Ehrenwache und anderen „Aeußerlichkeiten" begnügen. Immerhin sah man zum erstenmal J)ic „Totengräber" des Deutschen Reiches von Angesicht zu Angesicht — Clemenceau, Lloyd George, Wilson, Orlando, Gonnino und andere. Die beiden Italiener waren wegen Unstimmigkeiten in der Fiume- und Dalmoüenst'age mit den übrigen Ententemitgliedern nach Italien zurückgekehrt und erst um Tage der Ueberreichung des Friedensoertroges wieder in Poris eingetroffen, was „Bonfoir" als das Ende eines bösen Geschäftes bezeichnete.
Wilson trug ein auffallendes Selbstbewußtsein zur Schau, und auch der polnische Vertreter, der bekannte Klaviervirtuose Paderewski, den Zylinderhut auf dem weißen Lockenhaupt, sonnte sich in großer Selbstherrlichkeit. Die Autos oller Delegierten zeigten kleine Fahnen der betreffenden Länder. Unsere Vertreter, mit Graf Brockdorff an der Spitze, fuhren von der entgegengesetzten Seite, der Parkseite
Deutschlands Repräsentation im Ausland.
Der Etat der Diplomaten. - Wo kann gespart werden?
Der Haushalt des Auswärtigen Amtes, der gerade zur Zeit beim Haushalts- ausschuh des Reichstags zur Verhandlung steht, hat Anlaß zu einer Auseinandersetzung zwischen Dr. Etresemann und verschiedenen Abgeordneten über Form. Umfang und "Notwendigkeit der diplomatischen Repräsentations- Pflicht gegeben. 3e nach der Parteistellung haben einzelne Abgeordnete die Aufwendung angegriffen oder verteidigt, die für die deutschen Auslandvertretungen, also Botschaften, Gesandtschaften und Konsulate, in Form von zum Teil sehr hohen Gehältern gemacht werden. Diese Gehälter gehen in ihren Spitzenbeträgen ziemlich erheblich über die 1 5 0 0 0 0 Mk. hinaus, die der Reichspräsident erhält und noch in mittleren Städten des Auslandes über die Mi» nistergehälter: zweite und dritte Beamte dieser Vertretungen erhalten Gehälter, hinter denen dasjenige des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt beträchtlich zurückbleibt.
Man kann darüber streiten, inwieweit die Besoldung unserer im Ausland tätigen Diplomaten mit derjenigen der finanziell besser gestellten Völker, der Amerikaner. Engländer. Franzosen usw. übereinstimmen müssen. Es gibt sehr angesehene, wenn auch kleinere Mächte, wie die Schweiz z. B.. die mit ganz erheblich geringeren Aufwendungen auch eine würdige Vertretung ihrer Interessen erreichen. Aber man kann auch durchaus den Standpunkt rechtfertigen, daß die „Firma" Deutschland ein Opfer für ihre repräsentative Vertretung im Auslande bringen muß, gerade weil es ihr schlecht geht und weil sie ihre ausländischen Beziehungen politisch, vor allem aber auch wirtschaftlich vergrößern und ausbauen muh. Man kann dabei für die Völker in fernen und kleineren Ländern, besonders für die Völker mit zurückgebliebener Kultur, die Erfahrungstatsache geltend machen, daß die große und glanzvolle Repräsentation eines Landes den Wirtschaftlern dieses Landes ihre Arbeit unstreitig erleichtert, weil die Bevölkerung die Zuverlässigkeit und Bedeutung dieser Wirtschaft an dem Eindruck mißt, den ihr die offiziellen Vertreter des Landes machen.
Aber was der Reichsaußenminister bei dieser Diskussion im Haushaltsausschuh geltend machte, ist ebenfalls unzweifelhaft richtig: dah die Repräsentation im Auslande in allen Staaten der Welt gegenwärtig den vernünftigenRah- men weit überschreitet und mit der eigentlichen Geselligkeit nichts mehr zu tun hat. „M assenspeisunge n“, so nennt der Außenminister. der es ja wohl wissen muh. die wesentlichen Veranstaltungen der Auslandvertreter. Man kann auch anders. Wir haben kürzlich Gelegenheit gehabt, einer feierlichen Veranstaltung des Vertreters einer der größten Länder der Welt beizuwohnen, die sehr gesellig und stimmungsvoll verlief, und bei der es nichts anderes als Tee. belegte Brötchen und etwas Gebäck gab. Es wäre deshalb vielleicht zweckmäßig, wenn sich die Regierungen, die ja im Völkerbund durchaus die Möglichkeit gelegentlicher kleiner Rebenverabredungen haben, einmal dahin verst ä n d i g e n wollten, daß sie die Repräsentation im großen Kreise auf eine bestimmte Zahl und ein bestimmtes Maß derart bescheidener Veranstaltungen reduzieren und es in den Gehalts- auftoenbungen für ihre Diplomaten zum Ausdruck bringen wollten. Wenn besondere Gelegenheiten. z. B. Ministerbesuche, kostspielige Diners notwendig machen, so könnten die Anforderungen hierfür besonders und von Fall zu Fall aus entsprechenden Fonds bestritten werden: es liehen sich aber auf diesem Wege in allen Ländern sicherlich Millionen sparen, die heute ohne große Freude für die Veranstalter und die Besucher in allzu häufigen, allzu üppigen und allzu kostspieligen Massenempfängen verausgabt, man darf ruhig sagen, vergeudet werden. Und wenn dabei die eine oder andere Macht sich ausschließen sollte, so wird cd dem Ansehen Deutschlands als einer verarmten, zur Sparsamkeit gezwungenen Ration nichts schaden. wenn seine Dertreter in vernünftigen Grenzen hinter einzelnen bessergestellten Rivalen zurückbleiben, vorausgesetzt, daß sie sich dabei in guter Gesellschaft befinden.
an. Herrliches Frühlingswetter strahlte über den Tag, an dem die ersten Register zum Friedensorgelspiel gezogen werden sollten.
Bei der Ueberreichung der Friedensbedingungen erklärte Clemenceau, daß die Stunde zur Regelung der durch den grausam aufgezwungenen Krieg entstandenen Abrechnung gekommen sei. „Sie verlangen den Frieden. Wir sind bereit, ihn zu gewähren. Das Buch, das Ihnen überreicht wird, enthält seine Bedingungen. Wir werden Ihnen die nötige Zeit lassen, die die internationale Höflichkeit gebietet, um sie zu prüfen, werden aber dafür sorgen, daß auf diesen zweiten Versailler Frieden kein zweiter solcher Krieg folgt." Hierauf gab Clemenceau den Inhalt der Fragen bekannt, auf die innerhalb vierzehn Tagen schriftlich Antwort erteilt werden sollte. Ergehe von deutscher Seite schon früher Bescheid, so werde auch die Entente schleunigst Gegen- antwort zukommen lassen, um dann nach einer neuen Frist die endgültige schriftliche Entschließung von deutscher Seite zu erwarten.
Nachdem der Sekretariatschef der Friedenskonferenz, Dutafta, dem Grafen Brockdorff-Rantzau den Friedensvertrag überreicht hatte, verlas das Haupt unserer Delegation eine Erklärug in deutscher Sprache, die von den Dolmetschern Dr. Michaelis und Iustizrat Dr. Schauer in englischer bzw. französischer Sprache übersetzt wurde.
Brockdorffs Erklärung lautete: ..Wir wissen, dah die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen ist. Wir kennen die Macht des Hasses, die uns hier entgegen tritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderung gehört, dah die Sieger uns zugleich als Ueberwundeue zahlen lassen.
und als Schuldige bestrafen wollen. ES wird von uns verlangt, dah wir uns als die Alleinschuldigen am Kriege bekennen: ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, dah es zu diesem Weltkriege kam, und dah er so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen. Die Haltung der früheren deutschen Regierung auf den Haager Friedenskonferenzen. ihre Handlungen und Unterlassungen in den tragischen zwölf Juli tagen mögen zu dem Unheil beigetragen haben: aber wir bestreiten nachdrücklich, dah Deutschland, dessen Volk über- zcugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist. 3n den letzten fünfzig Iahren hat der Imperialismus aller europäischen Staaten die internationale Lage chronisch vergiftet. Die Politik der Vergeltung wie die Politik der Expansion und die Richtachtung des Selbstbestimmungsrechts der Völker hat zu der Krankheit Europas beigetragen, die im Weltkrieg ihre Krisis erlebte. Die russische Mobilmachung nahm den Staatsmännern die Möglichkeit der Heilung und gab die Entscheidung in die Hand der militärischen Gewalten."
Schon bei einer Vorbesichtigung des Saales im ,.Twanon-Palast-Hotel" hatten wir uns davon überzeugen können, daß den Ententevertretern sozusagen eine „R i ch t e r st e 11 u n g" zugedacht worden war — indem sie, umgeben von Abgeordneten aus allen möglichen Staaten der Welt, auf einem amphitheatralisch abgeftuften Podium sahen, während die deutschen Delegierten
Meine Heimat.
Don Earl Irrckmayer
Nachdruck verboten.
Dackenheim. zwischen Rierstein und Oppenheim an der Strecke Mainz—Worms gelegen, ist ein Dörfchen mit niedrigen, grauen und gelben Häusern. die dicht aufeinander hocken, denn es ist nicht viel Platz zwischen den Obstgärten am Rhein und den kahlen Hängen der Weinberge. Hinter jedem Haus ist ein Misthausen, und in den schlecht geflasterten Gassen, die krumm und winklig sind, liegt viel Gänsekot, schwarzgrün und manchmal weiß gefleckt, auf dem rötlichen Schlamm. Während die Obstbäume klein und knorzig sind, vielfach verbogen, holzbraun und spröd im Winter, hell überschneit tm ersten Frühling, gclbgrün und schwer beladen mit rundem Fruchtrot oder behauchtem Pflaumenblau im Herbst, — stehen die Weinstöcke steif und nüchtern kerzengrad in endlosen Reihen am Berg, durch alle Iahreszeiten bleiben die Hölzer gleich, kaum ändert das Laub seine Farbe, immer scheint das lehmige Rot der Erde hindurch, nur kurz vor der Lese flammt manchmal alles in heißem, südlichem Licht, auch bet trübem Himmel und kühler Regenflut.
Rirgends ist soviel Rot in wechselnder wchicht durch die Landschaft gesprengt: der matte Ton dünner Rohrpfeifen. das Grell zerbröckelnder Ziegel, das verwaschene Karmin gewittriger Abendhimmel, der rostige Brand alter Radreifen auf regenweichen Fahrstraßen, und die volle, gesättigte Röte von den Brustfedern des Blutfinks. — vorherrschend aber Rost und Ziegel, von bläulichen Schatten gedämpft. Steinige Wege klettern schmal von der Terrasse zu Steilhang und Gipfel, im Sommer von kupfrigem Staab überkrustet und kaum von einem Menschen betreten, den nicht die Arbeit zwingt.
Im Mai trottet manchmal eine Prozession bergauf durch den Wingert, zum Kapellchen, das grau wie ein verlassenes Schwalbennest am Hügel Hebt — ein Bittgang um gutes Wachswetter. Sonne und Regen zur rechten Zeit, zwei Mehbuben stolpern im langen, ernsthaften Chorhemd. zwischen Paternoster und Ave nach ihren Vogelschlingen schielend oder einer Ringelnatter im feuchten Gras, dahinter der Ortsvfarrer im Ornat, dahinter ein paar schwere Männer, die
Obst- und Weinernte überschlagend, von den Litaneien vieler Weiber umplärrt. Im Herbst sind oft alle Hügel von Traubenlesern überschwemmt, der Weinberg krabbelt wie ein rötlicher Ameisenhaufen im Hochwald, wochenlang drehen sich alle Reden um den Erntestand, die Deerensammler werden insgesamt mit den Ramen ihrer Arbeitgeber, der großen Besitzer, genannt, so heißt es: „Die Stenze fin dies Iahr langsam", — oder: „Die Gunderlöcher fin schon fertig.“
Schäumt dann der Most, trüb und von dicken braunen Schwaden durchwölkt, aus der Kelter ins offene Faß. dann steht ein Geruch über der Gegend, der fast scharf ist in seiner Süße und häufig herb oder faul, seltsam vermischt mit dem Brenzeln und Schwelen der Kartoffelfeuer. Der Rheinstrom ist schon herbstlich geschwollen, gelb- strudelnd und falt, das Storchnest auf der Dorf- kirche verlassen, die Obstwagen rollen zur Stadt, das Rot der Weinberge wird schmutzig, grindig, verschimmelt. Dann kommt Kerb, die ersten Säue sind geschlachtet, drei Tage wird keine Hand zur Arbeit gehoben, drei Rächte kein Auge zugetan, nur die Gurgel geschwenkt und das Knie steif geschoben beim Tanz.
Dort wuchs einer auf. — wo der Weg aus dem Dorf um den Steinbruch biegt, steht seines Vaters Haus. Der einzige Bach, aus dem Tal zwischen Weinbergen rieselnd, fließt daran vorbei: Zwei mächtige Ruhbäume beschatten den umsteinten Quell, aus dem das Trinkwasser geschöpft wird, sonderbar knirscht sommers der große Schlüssel im Gartentor, und die verrostete Angel gaakst etwas verschlafen, da ist der Osterhügel, wo im Vorfrühling die ersten Kätzchen und Schlüsselblumen sind, da steht das Regenfaß voll Froschlaich und Geheimnis, da schwirren dickleibige Schwärmer, in Iulinächten, am Liguster und am Beet der weihen Tabakblüten, da geht immer der Weg in die Dorfschule hinab, am kahlen leeren Haus vorbei, wo einmal morgens die alte Därb am Fenster hing, und die Kinder standen bläh mit offenen Mäulern am Zaun und streckten die Zunge heraus wie der Leichnam da droben. Das versank. Doch vor der Haustür lag einmal in der Früh die Katze, die nachts wildern ging, steif und kalt, mit schwärzlichen Flecken geronnenen Blutes im Fell und einem dünnen roten Streifen vor der Schnauze. Dis hierher hatte sie sich noch geschleppt. Ieht liefen schon schwärzliche Käser über ihre Augen. Unterm Ruhbaum
ist noch ihr Grab. — Stets aber durchs Fenster schien und schimmerte der Weinberg. Röter als der Klatschmohn im Roggen, dunkler als der Rauch überm Schornstein. Singende Mücken- schwärme taumelten neblig vorn Rhein. Droben im Weinberg das grünliche Schwirren der Glühwürmer! Oh, wie der Regen im Septeittber troff, herabtroff, vom nächtlichen Weinberg troff. Schneeleuchten im Winter — ein Geisterberg, fahl, verzehrend. Vom Rhein flirrt Frost, läutet ein Schlitten, klingelt ein Bahnhofssignal. Sterne flammen.
Oberhessischer Kunstverein.
Ausstellung Frankfurter Künstler.
Die am letzten Sonntag eröffnete neue Arrs- ftellung des Oberhessischen Kunstver- eins, die sich aus Werken Frankfurter Künstler zusammensetzt, besticht, obwohl sich im ganzen nur vier Aussteller daran beteiligt haben, in erster Linie durch die Vielfalt ihrer Erscheinungen. durch den Wechsel der Ausdrucksformen und Techniken: Gemälde. Aquarell. Glasbild, Holzschnitt. Handzeichnung. Vollplastik und Reliefplastik: von allem ist etwas vorhanden.
Lina von S ch a u r o t h nimmt vor allem mit ihren Glasfenstern — Entwurf und Ausmalung — eine Sonderstellung ein. Don den Entwürfen sind etwa, in zwei korrespondierende Rundbögen komponiert, die vier Evangelisten zu nennen; dazwischen. in schweren, gedeckten Farben ein Kruzi- fixus (als Rosette). Von den ausgeführten Arbeiten, die natürlich bei einfallendem Sonnenlicht erst zur vollen Wirkung kommen, sind die stattlichen, leuchtkräftig kolorierten Figuren des Franziskus und der Heiligen Elisabeth besonderer Beachtung zu empfehlen: ferner: Maria mit dem Esel und die beiden (korrespondierend gedachten) Ritterfiguren. Eine sehr eigenartige Technik weisen die Glasschliffbilder auf (Amazonen, Diana).
Die Reigung zu fliehenden, gestreckten Bewegungen und langgliebrig stilisierter Körperlichkeit der menschlichen und tierischen Gestaltet macht sich auch in den leicht getönten Bewegungsstudien der Aquarellblätter bemerkbar, die ihre Motive der Zirkusmanege, dem Poloplah und denr Zoologischen Garten entnehmen.
zu ebener Erde am Ende des Saales untet- gebradjt waren.
Brockdorff hatte sich von vornherein vorgenommen. sich nicht brüskieren zu lassen rind bei der Verlesung seiner Erklärung sitzen zu bleiben. Clemenceau hatte stehend gesprochen, und nun der „Qff front" seitens Brockdorffs. Das ganze Ententekollcgium auf erhabenem Throne soll baff gewesen sein. Beim "Verlassen deS „Twanons" eine zweite „Affaire". Brockdorfs hatte sich eine Zigarette angezündet unb warf den Stummel achtlos fort, der zufällig zu Füßen des die Ehrenwache kommandierenden Offiziers landete. Ratürlich bauschte die Pariser Presse auch diesen Vorfall zu einer „Gause cälebre“ auf.
Die Blätter erklärten Brockdorfss Ausführungen für maßlos arrogant, obwohl dieser nur zu erkennen gegeben hatte, daß sich die Friedens- Unterhändler nicht in die Rolle der schuldigen Angeklagten drängen lassen, übet die leidenschaftliche Voreingenommenheit unb heiße Rachsucht ein parteiisches Urteil abgeben wollten, sondern auf Grund der ursprünglichen Vereinbarungen nur darauf zu bestehen, als gleichberechtigte Unterhändler betrachtet und behandelt zu werden.
Am Abend begannen sechzehn Neberseher unter der Leitung des damaligen Ministerialdirektors Geheimrat Dr. Simons ihre Arbeit. Von 3.15 Uhr nachts an erfolgte im Beisein Brockdorff« die Vergleichung der Uebersehungen mit dem Originaltext, was bis 5 Uhr morgens dauerte. Kurz nach 6 Uhr gab der Minister seine Zustimmung zu der Ueberseyung. von der 32 Exemplare angefertigt wurden. Am Donnerstagabend reiften zwei diplomatische Kuriere nach Berlin, um zwei Exemplare der Ueberseyung dorthin zu bringen. Rachdem Brockdorff drei Stunden geschlafen hatte, begann er einen langen Gedankenaustausch mit Berlin auf drahtlosem Wege.
Oie wirischastliche Notlage in der hessischen Anwaltschaft.
WSR. Mainz, 5. Mai. Die allgemeine toirt- schaftlichc Rotlage in der hessischen Anwaltschaft veranlaßte diese, gestern vormittag im Schwurgerichtssaal in Mainz eine Versammlung der Anwaltsvereine von Darmstadt. Gießen und Mainz abzuhalten, um die zur Bekämpfung der Rotlage erforderlichen Schritte zu beraten. Den Vorsitz führte Iustizrat Bender (Darmstadt). Die Rechtsanwälte Dr. Mainzer und Dr. Mattern aus Darmstadt hielten Referate über die Rotlage, die sich durch eine .Ucbcrfüllung des juristischen unb namentlich des Anwaltsstandes in besonderem Maße bemerkbar mache. In der anschließenden Diskussion wurde in der Hauptsache über die Beschränkung der Zulassung zur Anwaltschaft numerus clausus und die Abwehr der Gewerbesteuer, die nach Ansicht angesehener Autoritäten für den freien Beruf des Anwalts als unzulässig bezeichnet wurde, verhandelt. Es wurde im letzteren Falle besonders darauf hingewiesen, daß die Gewerbesteuer für die Anwälte in Preußen abgelehnt worden sei. In der Mehrheit waren die Redner der Ansicht, daß es nicht angängig sei, den freien Beruf der Anwälte bestimmt zu beschränken. Im Interesse des Volkswohls, dem Recht zu dienen, und dasselbe aufzurichten, sowie dem Tüchtigen die freie Bahn nicht zu versperren, dürfe niemand ausgeschlossen werden. Es wurde aus diesen Gründen mit überwältigender Mehrheit die Beschränkung der Zulass ring zur Anwaltschaft abgelehnt. Wegen der Gewerbesteuer wurde beschlossen, daß, wenn diese nicht Wegfälle, eine dem Prozentsatz der Gewerbesteuer entsprechende Erhöhung der Gebühren eintreten müsse.
Wünsche ter oberen Zollbeamten Hessens an He Regierung.
WEN. Frankfurt a.TI., ö.Mai. Der Ver- bandderoberenBaubeaintendesFrei-
Adolf Weber-Scheid ist mit einer umfangreichen Kollektion sehr vielseitig vertreten. Die graphischen Arbeiten, in starker, kräftig fon- kurierender Linienführung und gelegentlich lebhafter Raumwirkung, behandeln vorwiegend landschaftliche unb architektonische Vorwürfe: Rhbn- börfer, Frankfurter Drückenbau, gut gesehene ©löbtebilbcr aus der Landschaft des großen Krieges (Peronne, Lens, Reims), Runkel an der Lahn, Oberweihenbrunn, „Tote Stadt", „Gotische Stadt" u. a. m.
Für Liebhaber sei in diesem Zusammenhang auch auf etliche Exlibris-Entwürfe hingewiesen.
Mit seinen Gemälden macht Weber-Scheld einen ziemlich modernen Eindruck; seine Malweise ist vielfach mit den charakteristischen technischen Einzelheiten der neuen Sachlichkeit ausgestatter. Zwei temperamentvoll gemalte Dlumenstücke unb die „Gärtnerei im September" wirken übrigens für unser Empfinden zu kraß und unvermittelt im Kolorit, mehr bunt als farbig. Viel ruhiger unb ausgeglichener daneben der ,,Weiher", die auch kompositionell sehr aufschlußreiche große Winterlandschaft (Mitte der Rückwand) und die beiden Dorfbilder (Dreieichenhain).
Bildhauerisch wird die neue Ausstellung durch Arbeiten der beiden bekannten Frankfurter Plastiker Beiz und Stock ergänzt.
Von Iohann Beiz findet man z. B. sehr charakteristische Holzplastiken (diese Technik scheint sich überhaupt neuerdings wieder wachsender Beliebtheit zu erfreuen); wir nennen hier etwa den „Wanderer" und vor allem zwei feine kleine Madonnen, als Sihfigur die eine, die andere auf- gerichtet, schmal, hoch, mit fliehenden Gewand- falten, in einer strengen, mittelalterlich anmuten* den Linienführung. Unter den Reliefplastiken sind die beiden aus dem Block herausgehauenen Figurengruvpen einer „Kreuzabnahme" und einer „Anbetung" zu beachten; zwei Kinderköpfchen (Bronze) seien noch erwähnt.
Carl Stock zeigt eine Kollektion von Bronze- mebaillen, auf denen eine Reihe bekannter Frankfurter Persönlichkeiten im Porträt modelliert wurden. Auherdem Gedenkplaketten (Rhön-Segeb- flug 1928; Amerikaflug« Zeppelin-Eckener-Spende), sowie Medaillen zu besonderen Anlässen wie Geburt, Hochzeit und Iähreswechsel. —
Die neue Ausstellung, die am Sonntag der Oeffentlichkeit übergeben wurde, ist zu den üblichen Zeiten geöffnet. hth.


