Nr. 56 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag. 7. März 1929
Dorfkirchentagung in Gießen.
Am Dienstag veranstal'ete die D o r f k i rch e n» Vereinigung für die Kreise Gießen. Wetzlar und Rachbargebiete im 3o- hqnnessaal in Gießen eine Tagung für Pfarrer und Lehrer. Pfarrer Mahr, Gießen, eröffnete die Versammlung mit herzlichen Degrühungs- worten und dankte für das rege Interesse, das der Tagung entgegengebracht würde. Er begrüßte u a. den Vertreter der Universität. Professor D. Dr. Cordier, und den Vertreter des Kreis- schulamtes Gicßen. Stadtschulrat Professor Dr. Alles. Der Superintendent für Oberhessen. Oberkirchenrat Wagner. Gießen, war wegen Teilnahme an einer kirchlichen Tagung in Erfurt ve-hindert. der Gießener Tagung beizuwohnen.
Sodann ergriff. Lehrer Messerschmidt Groß-Rechtenbach. das Wort zu dem Vortrag: ..Die Pflege derchristlichen Dorfsitte durch die Schul e“. Er führte ungefähr folgendes aus: Aach dem Krieg hat der Heirnat- gedanke Eingang in unseren Schulen gefunden und wurde zum wichtigen Unterrichtsprinzip. Auch der Volkskunde wird heute in Volks- und höheren Schulen großes Interesse entgegengebracht. Unsere christlichen Dolkssitten sind eng verbunden mit Heimatgedanke und Volkskunde. Unsere Schule hat großes Interesse an der Erhaltung unserer christlichen Dolkssitten. Eingehend ging der Redner sodann auf die Entstehung unserer christlichen Dolkssitten ein und pries die Verdienste der Drüder Grimm als Anreger für Erhaltung der deutschen Volkssitten. Die Pflege der christlichen Volkssitten muß auch Unterrichtsprinzip unserer Schulen werden. Volkssitten können besonders gepflegt werden in Dotanik (bei der Erklärung des Ursprungs vieler Pflanzen- naraen), in Geschichte, im Deutschunterricht und namentlich in der Lektüre. Halten wir fest an den noch bestehenden alten christlichen Volks- ftiten, so beim Erntedankfest, bei Deerdigungen, bei der Sonntagsheiligung, beim Kirchgang u. a.. und lassen wir uns erst.selbst wieder am echten alten deutschen Wesen genesen. Reicher Deifall lohnte die vortrefflichen Ausführungen des Redners.
Hierauf sprach Pfarrer Mahr (Gießen) über „Die Pflege der christlichen Volks- stäten durch die Kirche". Der Redner stellte zunächst die Frage: Was ist eigentlich Sitte und wie äußert sie sich? Er beantwortete den ersten Teil der Frage durch Beispiele aus dem täglichen Leben und sprach von der Sitte des Grußes und der Sitte guter Aachbarschaft, die Treue bis zum Tod hält. Die christliche Sitte beherrscht das ganze öffentliche Leben und äußert sich bei Trauungen, beim Kirchgang, bei der Rüstung zum Sonn- und Feiertag und vielen anderen Gelegenheiten. Wie soll sich nun die Kirche bei der Pflege und Erhaltung der christlichen Dolkssllte einstellen? Junge, ins Anri tretende Pfarrer und Lehrer kommen heute infolge ihrer Ausbildung auf den höheren Schulen, die alle in den S'ädtcn liegen, vielfach ohne Kenntnis dörflicher Sitte hinaus ins Amt. Ihre Aufgabe muß es. sein, sich unbedingt mit den Sitten der dörflichen Gemeinschaft bekanntzumachen. Pfarrer und Lehrer dürfen nicht über ihrer Gemeinde stehen wollen, sondern müssen als gleichberechtigte Glieder die Dorfkultur kennen und liehen lernen, um dann in der Lage fein zu können, christliche Sitten erhalten zu helfen und auSzubauen. Auch die Schaffung neuer Sitten
Das große Grauen.
Vornan von H. A. von Byern.
Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau.
L3 Fortsetzung Nachdruck verboten
„Kis-Erdö, am Aeujahrstag 1901.
llnb nun ist die Entscheidung gefallen . . . Ich soll 3um Onkel Franz ziehen nach Keresz-Erdö . . . . Wie schwer mir der Abschied wird, wie bitterschwer! Tin schon ein recht undankbares Geschöpf, mühte froh sein, daß alles so gekommen ist. und doch ... ich hänge an der Heimat, an jedem Baum, jedem Strauch, kann nun nicht mehr täglich an die Gräber der Eltern gehen, mich ausweinen und träumen . . . Die Heimat soll mir erhalten bleiben, meint der Onkel, aber allein könnte ich hier nicht wohnen. Mein Wald, mein lieber, lieber Wald und mein Wild! Heut war ich noch einmal draußen, habe Abschied genommen . . . Torheit, wenn ich mir den „Emir" satteln lasse, bin ich in zwei Stunden daheim. Daheim?! Fremd wird mir alles werden, und sehnen werde ich mich — sehnen . .
„Keresz-Erdö, am Tage von Mariä Lichtmeß 1901.
Da habe ich mich nun gebangt vor dem neuen Leben, habe mir das Herz schwer gemacht und schäme mich fast meines Kleinmuts. Der hebe, gute Onkel! War das eine Ueberraschung, als ich in mein Zimmer trat! Jedes Stück, das mir lieb und wert ist, stand an seinem Platz, die Bilder meiner Eltern, der Gewehrschrank, der kleine Schreibtisch, jeder Stuhl, und an den Wänden alle meine Geweihe und Dehkronen, die Riedingec- schen Kupferstiche . . . selbst meine erste Jagdbeute, eine ausgestopste, schon etwas ruppig gewordene Krähe, stand auf einer Konsole, und überall Blumen, Blumen. Onkel und Tante verwöhnen mich. Tie . Tante frei.ich ist schweigsam, hat häufig ihre Migräne, aber mit dem Onkel reite ich oft aus, gar keine Respektsperson ist er, eher ein guter Kamerad. llnö — freie Büchse hat er mir gegeben! Das werde ich mir nicht zweimal sagen lassen!"
„Am 2. März 1901.
Heute habe ich meine erste Dublette auf den Doge! mit dem langen Gesicht gemacht! An der Grenze nach dem kaiserlichen Leibrevier zu hatte ich mich angestellt, grat) vor einem kleinen Erlen- bruch. So weich war die Luft, und von dem ockergelben Horizont hoben sich die Erlenäste wie feinstes Filigran ab. Kein La ll, nur eine Schwarzamsel schwang sich auf der höchsten Spitze einer Fichte ein und sang ihr süßes, sehnsüchtiges Wendlied. Dann blinkte im Osten der Schnepfenstern, glimmerte in glitzerndem G'anze an dem dunkler werdenden Firmament. Ein ganz leiser Ton - zwei graubraune Schatten geistern über die Wipfel. „Ps—wst! - Ps—wst!" Und nun gedankenschnell zwei Schüsse - ein dumpfer Fall auf weichem Waldmoos — noch einer ..
sei empfohlen. Es ist dies möglich aus Anlaß des Erntedankfestes und bei der Ausgestaltung des VollStrauertages Der Redner gab zum Schlüsse noch einige Winke, wie man den ein- gerissenen Unsitten (z. D. bei den noch üblichen Leichenmahlen) entgegentreten kann.
Pfarrer (Biermann (Ebersgöns) sprach unter dem Deifall der Zuhörer beiden Rednern den Dank der Dersammlun'' aus.
s An der fo'genden Aussprache beteiligten sich Universitätsprofessor D. Dr. Cordier (Gießen), der die Grüße der Theologischen Fakultät
der Gießener Universität überbrachte, ferner Pfarrer Ködding (Eberstadt bei Lich), Rektor Loos (Gießen), der Worte über die Erstarkung der Fami.te sprach. Pfarrer Staubet (Watzenborn S einberg) und Junglehrer Kammer von der Volkshochschule Hohensolms. Letzterer erzählte von der Arbeit an Iungbauern, die jetzt nach Beendigung eines Kurses wieder in ihre dörf. liche Gemeinschaft zurückgekehrt sind. Pfarrer B i e r m a n n schloß die Tagung mit herzlichen Dankesworten an alle Teilnehmer.
Wild und Winter in Hessen.
Von Professor K. Zimmer, Präsident des Hessischen Zagdklubs.
Der außerordentlich lange und anhaltende Winter hat unser heimisches Wild in große Rot gebracht. So sehr das zu bedauern ist. so ist auf der anderen Seite doch erfreulich die lebhafte Anteilnahme, die weite Kreise des Dolkes an dem Schicksal der Bewohner unserer Wälder und Felder nehmen. Ueberall in den Gemeinden fordern die Aaturfreunde Maßnahmen zur Linderung der Rot, und helfende Hände bieten sich selbst an, um rettend einzugreifen.
Leicht wird allerdings hierbei über das Ziel hinausgeschossen, und Zweck dieser Zeilen soll es fein, Aufklärung zu bringen in alle interessierten Kreise, damit man nicht meint, diejenigen, die es in erster Linie angeht, das sind die Pächter und Besitzer der Jagdreviere, legten die Hände müßig in den Schoß und warteten auf besseres Wetter.
Wie mir nicht nur aus eigener Anschauung, sondern auch aus offiziellen Mitteilungen bekannt ist, hat die S t a a t S r e g i e r u n g. soweit es sich um Staatsjagden handelt, weitgehende Dor- sorge getroffen, um die Rot des Wildes zu lindern. Richt nur, daß die für die Fütterung bereitgestellten Kredite völlig aufgebraucht worden sind, auch darüber hinaus ist geholfen worden und wird noch geholfen. Dor allen Dingen hat das Forstperfonal auch Weich- Hölzer gekappt und da, wo Ginster, Efeu und Brombeeren vorhanden sind, diese offengelegt, um dem Wild Zutritt dazu zu verschaffen. Alles was an Eicheln im Herbst gesammelt worden war und als Saateicheln nicht unbedingt reserviert werden mußte, wird zur Wild- f ü 11 e r u n g verbraucht. Dort, wo Eichel- oder Buchelmast vorhanden war, ist gesorgt worhen, daß das Wild die Mast ausnehmen kann.
Auch die privaten Revierinhaber sind von den Gemeinden, wo es nötig war — weidgerechte Iagdpächter haben natürlich ganz von selbst alles getan, was notwendig war —, zur Fütterung aufgeforbert worden. Wie sehr dies überall in weiten Kreisen beherzigt worden ist, geht daraus hervor, daß allein durch den über ganz Hessen und darüber hinaus verbreiteten Hessischen Iagdklub weit über 1000 Zentner Futtereicheln vermittelt worden sind.
Daß die Futterstellen an ganz versteckten Plätzen angelegt werden, ist die allere-fte Bedingung. Deshalb treten sie nicht in Erscheinung, denn dann würden sie ihren Zweck völlig verfehlen. Selbstverständlich kommt auch das Wild alljähr
lich in die Gärten und in die Tläfye von Ortschaften. wo Reste von Gemüseanbau zu finden sind. Wie sehr aber mißverstandene Hilfsbereitschaft schaden kann, geht daraus hervor, daß ungeeignete Futtermit - t e l, wie Kartoffeln, Rüben und dergleichen zum alsbaldigen Eingehen der ausnehmenden Stücke führen. In Betracht kommt neben Körner- futter nur Kleeheu, das aus Lagern stammt, die völlig getrennt sind von Stallungen, so daß dem Heu keinerlei Witterung etwa nach Ziegen oder sonstigen Haustieren anhaftet.
Unbedingt strafbar aber ist das Aufnehmen van schwachem BLlb, auch um es zu hause wieder herzuskellen.
Diese Dersuche mißglücken stets: schon nach wenigen Tagen gehen die Stücke trotz sorgfältigster Pflege ein. Die Betreffenden aber machen sich einer Übertretung der Jagdgesetze schuldig und werden gerichtlich bestraft.
Was das Will) vor allem benötigt in diesen Zeiten der Rot, ist völlige Ruhe. Deshalb sollte jede Belästigung des Wildes, sei es durch Spaziergänger oder namentlich auch durch Skiläufer oder Hunde unter allen Umständen vermieden werden, denn daß bei dem entkräfteten Wild die Möglichkeit des Entkommens nicht mehr wie in guten Tagen besteht, ist selbstverständlich.
Das Kreisamt Darmstadt veröffentlicht soeben eine aktuelle Bekanntmachung, wonach außerhalb der Ortsausgänge und gcfchlossener Gehöfte sämtliche Hunoe auf die Dauer von vier Wochen an der Leine zu führen sind bei Meidung einer Geldstrafe von 90 Mark für jeden Fall der Zuwiderhandlung.
Was nun die Verluste betrifft, die bis jetzt zu konstatieren find, so hat der Hessische Iagdklub sich bei einer großen Anzahl gut geleiteter Reviere in verschiedenen Teilen des Landes erkundigt und genaue Rachrichten darüber erhalten. Don Rehwild sind eigentlich bis jetzt nur geringe Stücke der Witterung zum Opfer gefallen, die vielleicht in einem milden Winter durchgekommen wären. Es handelt sich fast ausschließlich um Kitze, höchstens einmal um ein geringes Schmalreh. Die Hasen haben relativ gut durchgehalten, wo nicht Seuchen aufgetreten sind, die ja natürlich verheerender wirken, wenn die einzelnen Stücke weniger widerstandsfähig sind. Bei den Hühnern und Fasanen sind die D e r l u st e durch Raubzeug größer als durch die Win- tersnot, aber auch da ist von den meisten Revier» inhabern durch Anlage von Dorngehegen, unter
»Dars ich suchen helfen, Gräfin?" Ich fahre herum — drüben, am Grenzgraben, steht der Oberförster von Mansar, kommt langsam näher. »Weidmannsheil!"
„Weidmannsdank!" gebe ich vergnügt zurück. „Eie kommen wie gerufen — oh — und Ihren Kurzhaarigen haben Sie auch mit!"
Den Herrn von Mansar k:nne ich schon seit einem Jahr, damals wurde er aus Beließe hierher versetzt, machte in Kis-Erdö Besuch und verkehrt auch öfters bei Onkel und Tante.
Es war schon gut, daß wir nicht selbst die Rachsuche auszunchmen brauchten: denn bei der Dunkelheit hätten wir die Schnepfen, von denen die eine nur geflügelt war, schwerlich gefunden. Aber „Sylvan" machte seine Sache famos, und nachher hat mich Herr von Mansar noch ein Stückchen begleitet.“
Ich blätterte die Seiten um und mußte unwillkürlich lächeln. War das wirklich das Tagebuch eines jungen Mädchens? Kein Wort von all dem, was sonst wohl die Phantasie einer achtzehnjährigen jungen Dame beschäftigt, nur immer eines: Jagd, Jagd. Jagd! Dazwischen kurze, flüchtig hin-'eworfene Rotizen: ein Picknick, eine Abendgesellschaft, Besuche von Gutsna-'ibam — „zu fad', nun kann ich heut' abend nicht auf den Bock am Erlenschlag birschen . . .“ Und endlich die Auszeichnung:
„Kis-Erdö, am 27. Dezember 1901.
In einer Wochen wollen wir nach Budapest übersiedeln. Onkel meint, das Trauerjahr sei nun vorüber, ich müsse „ausgeführt" werden ..., als ob mir daran etwas gelegen wäre! Taufendmal lieber bliebe ich hier in dem verzauberten Win» terwcld, Menschen langweilen mich, aber — Onkels Machtwort ist entscheidend, und meine Freundinnen beneiden mich, gerade als ob das Glück darin bestände, daß man kostbare Toiletten trägt, sich mit Schmuck behängt und den Hof machen läßt ...“
„Am Tage danach.
Heute war der Oberförster von Mansar zum Besuch hier. Tante lag mit ihrer Migräne sest. und Onkel hatte in TemeSvar zu tun. Habe ich also den Herrn von Mansar empfangen. Ratür» lich hatte er schon von unserer bevorstehenden Abreise gehört. „Werden Sie mich auch nicht ganz vergessen. Gräfin?" Die Frage war ein wenig heikel, und ich antwortete mit einem Scherz. Ueberhaupt, fast will es mir scheinen, als führe den Herrn Oberförster noch ein anderes als rein nachbarliches Interesse so ost nach Kis-Erdö. ... Das sollte mir leid tun: denn ich habe in ihm immer einen guten Kameraden gesehen — mehr nicht, und es wäre schade, wenn er sich Hoffnungen machte, die ich weder erfüllen kann noch will. ...“
Einen Augenblick lang hielt ich inne — so also hatte es angefangen damals ...! Die nächsten Blätter waren fluchtig bekritzelt.
„Budapest, Margit Korut, am 20. Jänner 1902.
Wieder ein verlorener Tag! Und den zweiten Heiratsantrag in nicht ganz drei Wochen! Onkel und Xante waren ganz außer sich — eine solche
Partie auszuschlagen! Aber ich will nicht, toid nicht! Und wenn ich mich einmal verlobe, dann muh es eine Liebe sein, die über mich kommt wie ein Sturmwind, die alles andere zum Schweigen bringt — verkaufen werde ich mich nicht!"
„Kis-Erdö, am 1. März 1902.
Gott sei Dank! Run sitze ich wieder in meinem lieben, trauten Zimmer, atme Öen würzigen, herben Hauch des erwachenden Frühlings und blicke hinaus auf die endlos weite Pußta, den fern in bläulichem Dämmer liegenden Waidstreif, brauchte mich nicht mehr mit faden Gesprächen und noch faderen Schmeicheleien langweilen zu lassen.
„Gleich am ersten Tag nach unserer Rückkehr ist der Oberförster von Mansar herübergekommen — ganz zufällig natürlich, wie er behauptet. Ob er sich wirklich Hoffnung macht?"
Ein paar leere Seiten folgten, zwischen denen Lichtbilder lagen, Wildaufnahmen: ein fegender Bock, eine brütende Schnepfe, zwei Kolbenhirsche. Dann kamen wieder kurze Bemerkungen, Alltägliches, Dinge, die auf den Haushalt, die Wirtschaft Bezug nahmen, hin und wieder ein kleines Stimmungsbild von einem Ausritt, einem Dirsch- gang. Das ging so bis Ende Juli. Ich war ein wenig enttäuscht, hätte am liebsten weitergeblättert. Und nun:
„Kis-Erdö, am 4. August 1902.
Ein Erlebnis — und was für eines!! Din wieder einmal dem alten, heimlichen Grenzbock zu Gefallen gegangen — natürlich umsonst. Am Wildacker bei Jagen 16 hatte ich mich angeseht. Eine Ricke mit zwei Kitzen zog zur Aesung, ein Schmalreh — sonst nichts. Doch dann! Irgendwo im Unterholz ein ganz leises Knacken, Anstreichen, rot schimmert es zwischen den Stangen — ein Geweihter, noch im Bast, aber ein Hirsch, wie ich noch keinen sah! Das Geweih!! Sechzehn k ar vereck e Enden, wundervolle Becher» kronen und eine Stangenstärke ...!! Das Herz schlug mir bis zum Halse, breit und frei stano der Kapitale auf kaum vierzig Gänge, zog ganz langsam und vertraut über den Grenzgraben hinüber ins Feindliche ... Jawohl „Feindliche": denn den Hirsch gönne ich keinem — keinem!"
„Am 8. August.
Ich habe „ihn" wieder gesehen, „ihn", den Traum meiner Träume, den hochkapitalen Sech- zehnender! Aber — er stand drüben, im Staatlichen, hatte auch noch nicht gefegt. ... Ob Herr von Mansar etwas ahnt?! Dielleicht wäre es am besten, wenn ich einmal ganz offen mit ihm reden würde — ich glaube, eS gibt kaum einen Wunsch, den er mir abschlägt. Wenn ich nur nicht fürchten müßte, daß er aus meiner Dertrauenssel gkcit Kapital schlagen will! Zweimal habe ich mich verleugnen lassen, als er zu Besuch kam, Tante machte mir dann Vorwürfe, ale, O lei m.i t:: „Geh', laß d' Sopherl in Ruh', hätt, eh' lein' Zweck a Espusi mit dem Herrn von Mansar!" Onkel Franz läßt mir überhaupt jeden Willen, verzieht mich, und — fast will's mir scheinen, als ob Tante etwas eifersüchtig sei, sie sähe es Wohl nicht ungern, wenn ich einmal „Ernst machte". Da kann sie freilich warten...!"
denen das Futter gereicht wird, Dorsorge getroffen worden.
Am schlimmsten gelitten hat das Wassergeflügel, denn die meisten Bäche und Flüsse waren bereift, und mit der Fütterung ist da leider am wenigsten getan worden. Es ist anzunehmen, daß die Hauptverluste erst ein treten, wenn der Schnee beseitigt ist und da- Wild auf die grüne Saat geht. Erfahrungsgemäß ist Salz gegen diese Der 1 uste das beste Mittel. Der Hessische Iagdklub hält deshalb bedeutende Mengen von Salzpfannen st einen, die auch Kalk enthalten, für die Revierinhaber bereit, und hat bereits mit der Versendung an die Besteller begonnen, so daß Aussicht besteht, auch hier, soweit menschliche Hilfe in Frage kommt, wirksam eingreifen zu können. Dieses Mittel ist so billig — der ganze Zentner lostet 5 Ml. —, daß es im weitesten Maße angewendet werden kann.
Gerade bei der hessischen Jägerei besteht übrigens ein gesunder Sinn und Opferfreude für ihre Jagden.
Das geht daraus hervor, daß jetzt schon ganz bedeutende Sendungen böhmischen Wildes durch die Vermittelung des Hessischen Jagd- Hubs an seine Mitglieder gelangt find, die zur Dlutauffrischung und Stärlung der heimischen Bestände ausgesetzt wurden.
Die außerordentlich anerkennenswerte Verordnung des Herrn Ministers des Innern, die vor kurzer Zeit erlassen wurde, und in der den Pächtern der Gemeindejagden eine weidgerechte Hege und P'lege des Wildes noch einmal besonders zur Pflicht gemacht worden ist, ist von der gesamten hessischen Jägerei mit großem Bei- fall begrüßt worden.
Gefälligkeits-Inserate.
TF. Es gibt im Inseratwesen manchen Unfug, der das Ansehen der Anzeigenwerbung schwer fchädigt. Erinnert sei nur an die meist nutzlosen Inserate in Festprogrammen. Katalcgm, De.eins- heften, Jubiläumsbüchern usw. Hierhin gehören auch die sich ständig mehrenden Anforderungen an die Inserenten in der Industrie, wie im Handel und Gewerbe, sich an allen möglichen Ausstellungen, Gra.istagen Wohttällgkellslotterien, Dereinsjubiläen usw. durch Spenden zu beteiligen. Sehr häufig wird hierbei der Umweg über das Inserat gewählt, das nicht nur die Festschrift, das Festprogramm, Den Führer oder sonst irgendein Druckerzeugnis von zweifelhaftem Wert finanzieren, sondern auch noch für den Veranstalter und Herausgeber Verdienst abwerfen soll. Daß das für derartige Inserate abgegebene Geld einfach zum Fenster hinausgeworfen ist, well die Werbewirkung dieser Anzeigen gleich Rull ist, ist zwar mittlerweile fast jedem denkenden Kaufmann klar geworden, aber nur wenige bringen den Mut auf, in all diesen Fällen mit einem kategorischen „Rein" zu antworten, weil sie ge- fchästlichc Schädigungen befürchten, die in manchen Fällen als Druckmittel oft sogar angekündigt werden. Man sagt sich eben, das hier nutzlos ausgegebene Geld bei der regelrechten Insertion wieder einsparen zu wollen, und bedenkt nicht, daß man sein Geschäft dadurch doppelt schädigt. Es ist bei dieser Sachlage erfreulich, daß die Verbände von Industrie und Handel immer energischer gegen öiefen Inseratenfang unberufener Stellen vorgehen, um endlich diesem Unfug ein
„Am 15. August.
Und nun ist es doch zu einer Aussprache gekommen. ... Seit ich den Sechzehnender zum erstenmal gesehen habe, bin ich Abend für Abend an der Grenze gewesen — auch heute wieder. Am Vormittag hatte es geregnet, und ich wollte erst mal abfährten, ob der Geweihte vielleicht schon ausgewechselt sei. Da hör' ich plötzlich meinen Ramen rufen: „Servus, Gräfin, ja, was tun Sie denn da? Haben Sie 's am Ende gar auf meinen Kapitalen abgesehen?" — „Guten Abend, Herr von Mansar," sag ich, „Ihren Kapitalen?!" „Ja, freilich, der Hirsch steht drüben bei mir, bummelt nur gelegentlich einmal über die Grenze, vor einer Viertelstunde hab' ich mich an ihn herangebirscht, muß doch Wechsel und Einstand genau bestätigen: denn im Oktober will ihn der Erzherzog Franz Ferdinand abschießen. ..." Mir war 's, als hält' mir einer einen Schlag ins Gesicht verseht: „Den ... den Sechzehnender?!" „Freilich, hab' schon Order von Wien, ehe nicht der Kapitale auf der Decke liegt, darf kein anderer Schuh im Reviere fallen!“ — „So! Und ... wenn ich Ihnen nun zuvorkomme?!" „Wenn!" Der Oberförster von Mansar lächelt ein ganz klein wenig: „Morgen soll die ganze Grenze verlappt werden, sechs Waldhüter, die alle acht Stunden abgelöst werden, müssen Wache halten. ..." „Unsinn! Sie wollen mich bloß necken!" „Aber — bitt' schön, Gräfin, hier!" Damit zieht er einen Umschlag aus der Tasche, reicht ihn mir herüber: „K.K. Hofjagdamt ..." es stimmt, stimmt wirklich! — „Danke," sag' ich und gebe das Schreiben zurück, „ich habe noch gar nicht gewußt, daß Sie so ... ehrgeizig sind, Herr Forstmeister „in spe", und ein buntes Ordensbandei wird wohl auch noch abfallen!“ Blutrot ist er geworden: „Gräfin!" Ich aber nickte ihm nur flüchtig zu: „Guten Abend, Herr von Mansar!"
Einen Tag später.
Hab mir 's doch fast gedacht! Gleich nach der Jause rollt ein leichtes Korbwägelchen auf den Hof, der Onkel tritt ans Fenster: „Iessas, der Herr von Mansar! — Schon wieder!“ Und dabei schaut er mich so von der Srit'n an: „Ra, So- Pherl, läufst heut' nimmer fort?" Da bin ich g rab mit Fleiß geblieben . . . Der Herr Oberförster hat auch gar nix weiter gewollt als Nachfragen, ob der Onkel vielleicht Saatgut zu verkaufen hält' für die Wildäcker. — Ist freilich noch ein bisseri früh, aber — man muß sich halt rechtzellig eindecken. Die Herren rauchen ihre Papyros, trinken ein Glas Wein, dann greift der Herr von Mansar wie beiläufig in die Tasche: „Hab auch noch etwas für Sie, Gräfin . . . und hä! mir ein Lichtbild hin . . . eine Photograph: deS Kapitalen: „Der holl sich mal in Dudapc' den ersten Schlld!“
So war 's also gemeint! Am Abend bin ich richtig wieder draußen gewesen bei Schlag 16 .. Rber da hingen an der ganzen Grenze entlang vier Reihen weiße, rote, gelbe und blaue Lappen übereinander, patrouillierte ein Waldhüter, schnarrt mit einer Ratsch'n — zum Lachen war 's, wenn mir das Weinen nicht näher aetoefen wäre .. (Fortsetzung folgt.) .


