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Chefredakteur: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter^ sämtlich in Gießen.
Nr. 156 Erstes Blatt K9. Jahrgang Samstag, 6. Juli 1929
Eichener Anzeiger
Urlaub.
Der Reichskanzler und der Reichsaußenminister laben die Reichshauptstadt verlassen, um im «Schwarzwald, dem nunmehr schon traditionell gewordenen Erholungsaufenthalt der heutigen Mi- mister nach anstrengender Arbeit eine Weile ihrer «Gesundheit zu leben. Der Reichskanzler kann dabei sorgenloser fein, als der Außenminister. Denn die Koalition ist bis zum Herbst bestimmt geleimt, und |o bleibt nur die Aufgabe übrig, am 11. August zum Äerfassungstage die Regierung in Berlin würdig zu repräsentieren. Dieser Pflicht wird sich der Reichskanzler, wie ein Berliner Mittagsblatt sich mitzuteilen beeilt, selbstverständlich unterziehen, zumal man Grund zu der Annahme hat, daß der Tag ler zehnjährigen Wiederkehr der Verabschiedung des Weimarer Berfassungswerkes zu großen innerpoli- ßischen Demonstrationen ausgenutzt werden wird. 3m übrigen aber sollten die heute regierenden Staatsmänner sich darüber klar sein, daß es gerade Im Hinblick auf unsere verfassungsrechtlichen Zu- gtänte am allerwenigsten am Platze ist, auf wirklichen oder vermeintlichen Lorbeeren auszuruhen, fonbern daß die dringendste Aufgabe darin besteht, Den in Weimar errichteten Notbau endlich zu einer tragbaren Grundlage unseres Derfassungslebens Lmzugestalten.
In die Erholungszeit des Reichsaußenministers fällt die Vorbereitung der großen internationalen Tiplomatenkonferenz, die sich mit dem politischen Schicksal des Youngplanes und der da- rnit zusammenhängenden Fragen zu befassen hat. Gs steht zwar immer noch nicht fest, wo diese Konferenz tagen wird. Auch scheinen sich noch gewisse Schwierigkeiten bei der Festsetzung der Tagesordnung zu ergeben. Französische Intrigen sind am Werke, um eine klare Lösung der Probleme zu verhindern. Erfreulicherweise hat der Reichsaußen« Minister die Erklärung abgegeben, daß für Deutschland die Unterschrift unter den Poungplan nur in Frage komme, wenn gleichzeitig die sofortige Rheinlandräumung sichergestellt ist. Poincarö hat, selbst wenn man ihm unwahrscheinlicherweise die Absicht des Entgegenkommens Zutrauen sollte, gerade in diesem Punkte Schwierigkeiten in seiner eigenen Regierungsmehrheit, deren rechter Flügel sich nach wie vor intransigent zeigt. Aus der anderen Seite sind die französischen Sozialisten von jeher für die alsbaldige Räumung des besetzten Gebietes, aber sie haben in der französischen Innenpolitik nichts zu bedeuten. Wichtiger ist schon, daß die große linksbürgerliche Gruppe der Sozialradikalen in der letzten Zeit wiederholt durch Ihre Führer Daladier und Caillaux für die Rheinlandräumung eingetreten ist.
Aus dem Rheinlande selbst kommen neuerdings Meldungen über größere Verschiebungen innerhalb der französischen Besatzung. Gleichzeitig hat das Londoner Kabinett an das Oberkommando der englischen Besatzungstruppe die Weisung erteilt, die diesjährigen Manöver nicht stattfinden zu lassen. Es tann nicht genug davor gewarnt werden, aus solchen Vorkommnissen voreilige Folgerungen zu ziehen, denn die zweite Rheinlandzone muß ohnehin bis zum Ende dieses Jahres geräumt werden. Die deutschen Behörden tun deshalb gut daran, in diesem Punkte die allergrößte ^urüahaltung zu üben. Jedesmal, wenn aus dem Rheinland Meldungen über Truppenverschiebungen ober gar Truppenzurückziehungen an uns gelangen, ist nur allzu leicht der Verdacht gegeben, daß es sich um eine trübe tendenziöse Stimmungsmache handelt.
Wenn der Reichsaußenminister auf seiner klaren Aeußerung, den Poungplan ohne Sicherstellung der |ofortigen Rheinlandräumung nicht zu unterschreiten, beharrt, dann werden — darüber müssen wir uns klar sein — in den nächsten Wochen auf dem internationalen Parkett sich schwere Kämpfe abspie- 3en. Die deutsche Oeffentlichkeit jedenfalls ist ein- Tiütig der Auffassung, daß sie in diesem Punkte lie Haltung des Reichsaußenministers vollkommen leckt. Wenn überhaupt der Youngplan in Kraft gefetzt werden soll und wenn die leitenden deutschen «Staatsmänner es verantworten zu können glauben, sich über die schweren sachlichen Bedenken hinwegzuletzen, die in der Nichtachtung der deutschen Lei- flungsfähigkeit liegen, dann ist es unbedingt erforderlich, daß bei dieser Gelegenheit die wichtigsten politischen Restfragen bereinigt werden. Denn Deutschland darf sich auf keinen Fall jetzt wieder auf das System der „Vorleistungen" einlassen, mit dem wir beim Locarno-Abkommen die aller« Ichlechteste Erfahrung gemacht haben.
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Macdonald in feiner großen Unterhausrede: „Revolutionen entstehen heute nicht, indem Throne fallen, sondern indem Demokratie und demokratische Einrichtungen, die an Achtung eingebüßt haben, gestürzt werden. Wir haben unsere Flagge an den Mast der konstitutionellen Demokratie genagelt. Wir halten sie für die beste Regierungsform und werden alles tun, um sie lebensfähig zu erhalten und sie ohne Ueberfpannung der Parteiherrschaft zugunsten des ganzen Volkes auszuüben."
Es ist für Menschen, die an den Verfassungsentwicklungen des Kontinents ihre Erfahrungen gewonnen haben, immer schwer, die Besonderheiten ier englischen Staatsentwicklung völlig zu verstehen. England hat in jahrhundertelanger, allerdings auch ton revolutionären Ausbrüchen unterbrochener Entwicklung sich ein Regierungssystem geschaffen, daß eine Zeit lang als klassisch galt. Das Wesen der englischen Staatskunst hat darin bestanden, innerhalb des parlamentarischen Systems für einen gesunden Ausgleich der Gegensätze zu sorgen und darauf zu achten, daß niemals eine Partei ihre Herrschaft unbillig mißbrauchte. Wenn das allgemeine Bewußtsein der öffentlichen Meinung eine Aenderung der Regierungsmehrheit erheischte (in ben Nachwahlen hat man dafür ein untrügliches
Wie steht England zur Rheinlandräumung?
Henderson spricht sich im Llnterhaus für eine gemeinsame Räumungsaktion mit Frankreich und Belgien aus.
britanniend und den anderen Machten ht Lugano und Genf fkittgef unten haben. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß wir in diesem Augenblick, wo eS von allergrößter Wichtigkeit ist, es unmißverständlich klarlegen sollten, daß wir von dem Wunsch erfüllt sind, daß die Räumung im denkbar frühesten Augenblick eintreten sollte. Ich habe, wie Chamberlain, die Ueberzeugung, daß es nicht im Interesse des europäischen Friedens ist, wenn das etwa gradweise oder in Etappen geschieht. Ich denke, wir sollten versuchen, sowohl die französische wie die belgische Regierung dazu zu veranlassen, daß sie diesen Schritt mit uns zusammen tun. Ich glaube kaum, daß Deutschland selbst den Wunsch hat, eine Räumung zu erleben, die ich als brockenweise Räumung bezeichnen müßte. Ich glaube keine Veranlassung zu haben, annehmen zu müssen, daß der völligen Räumung von selten der französischen oder der belgischen Regierung irgendwelche unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg gelegt werten. Die Mitglieder dieses Hauses können versichert sein, daß ter gesamte moralische Einfluß, den wir insbesondere bei der bevorstehenden Konferenz über den Bericht derReparations- sachverständigen in die Wagschale werfen können, in die Wagschale geworfen werten wird, um einen schleunigen und einhelligen Entschluß zugunsten der Räumung zustande zu bringen. ‘
Zur russischen Frage führte Henderson u. a. aus, die Politik ter englischen Regierung werte in einem gewissen Grate von den Antworten abhängen, die die Dominions erteilen.
Eine Propaganda, die sich in die inneren Angelegenheiten irgendeines Teils des britischen Reichs einmische, werde die Regierung nicht dulden, wie Macdonald schon un Iahre 1924 mit voller Deutlichkeit bargelegt habe. Er nehme an, daß man auf russischer Seite jetzt bereit sei, hinsichtlich der Propagandafrage genau um* rissene Verpflichtungen zu übernehmen und dafür zu sorgen, daß diese Verpflichtungen auch innegehalten werten. Er hoffe, das Haus! sei einhellig ter Meinung, daß die Regierung im Sinne ter in der Thronrede vora^eichneten Richtlinien zusehen solle, ob es möglich sei, mit einem großen Lande wie Rußland wieder in normale Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu kommen.
Unfreundliches Echo in Paris.
Paris, 6. Iuli. (WTD. Funkspruch.) Dio Morgenpresse begnügt sisch vorläufig im allgemeinen damit, die Ausführungen des Staats* sekretärs Henderson im englischen Unterhaus übet die Rheinlandräumung zur Kenntnis zu nehmen. „Oeuore“ scheint sie als einen Beweis dafür anzusehen, daß die Arbeiterregierung sich vorläufig zu keiner isolierten Räumung entschließen wolle. Das Blatt nennt deshalb die Ausführungen Hendersons nicht unvernünftig. Anters beurteilt „Echo de Paris" die Lage. Henderson übergehe mit Stillschweigen die Schaffung der Feststellungs* und Vergleichskommission zur Heber* wachung ter neutralen Zone. Er erkläre, daß
Keine Ausschaltung der Gaarfrage.
Das Saargebiet ist Reparationsprovinz.
Der neue englische Außenminister Hender- o n hat sich von Chamberlain im Unterhaus über die Rheinlandräumung herauslocken lassen. Chamberlain erklärte dabei, daß ganz England einig sei in der Forderung, daß das Rheinland möglichst bald und von allen Mächten gleichzeitig geräumt werden solle. Er verlaß hinzuzufügen, daß er während seiner Minister- chast recht wenig getan hat, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen. Henderson stellte ich auf den gleichen Standpunkt und sagte zu, er werde bei der Reparationskonserenz jeden möglichen moralischen Druck im Sinne der Rheinlandräumung ausüben. Wichtig ist für Deutschland das nunmehr auch aus dem Munde der englischen Regierung er» olgte Zugeständnis, daß Deutschland alle Bedingungen erfüllt habe, die für die Sicherheit verlangt wurden. Mit dieser Erklärung kann die deutsche Diplomatie schon etwas anfangen, wenn B r i a n d wirklich mit feinem alten Plane der Feststellungs- und Versöhnungskommission, also der D a u e r k o n t r o l l e im Rheinland nochmals herausrücken sollte. Für Deutschland besteht die Feststellung der amtlichen Politik, daß olche Bedingungen für die „vorzeitige" Rheinlandräumung überhaupt nicht diskutierbar sind.
Kein isoliertes Vorgehen. Opposition und Regierung sind einig. London, 5. Iuli. (WTB.) Im Unterhaus wurde die politische Aussprache durch eine Rete des Unterstaatsfekretärs für auswärtige Angelegenheiten in ter letzten Regierung, Locker- Lampfon, eröffnet, ter erklärte: Iedes Mitglied des Hauses, gleichgültig auf welcher Seite des Hauses es sitzt, wünsche die Räumung des Rheinlandes durch die brrtt- schen Truppen f o schnell wiemö glich durchgeführt zu sehen. Drei verschiedene Zonen seien bereits allmählich geräumt worden, die gegenwärtige Stärke ter Truppen sei nur noch unbedeutend. Diese Truppenverrninterungen seien i n gemeinsamer Ar bei t mit Frankreich und Belgien und im Einverständnis mit diesen Mächten erfolgt. Er hoffe, daß die Zu^ fammenar&eit mit diesen beiten Mächten auch fortbestehen bliebe, und daß, wenn Großbritannien seine Truppen vorn Rheine zurückzoge, dies gleichzeitig und in liebereinst i rn in u n g mit Frankreich und Belgien geschehe. Er müsse auch stark daran zweifeln, ob die deutsche Regierung es selbst gern sehen würde, wenn eine getrennte Zurückziehung ter englischen Truppen erfolge und den beiten anderen Mächten der Platz geräumt würde.
Chamberlain erklärte: Durch die Zurückziehung ter britischen Truppen werde nichts gewonnen, solange sich nicht Frankreich und Belgien zu dem gleichen Schritt entschlössen. Auch zur russischen Frage äußerte sich Chamberlain. Er erklärte: Er habe während feiner Amtstätigkeit ter Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Rußland niemals die Tür verschlossen, aber es sei von russischer Seite kein loyalesoderehr- liches Ent gegen kommen zu verzeichnen gewesen, wie die von Gefühlen der Feindschaft erfüllte russische Propaganda bewiesen habe.
Staatssekretär des Auswärtigen Henderson:
„Ich glaube, wir alle sind von dem Wunsche erfüllt, die Räumung durchgeführt zu sehen: ich glaube, es ist wichtig, daß sie durchgeführt wird. Soweit ich es bis jetzt zu übersehen vermochte, ist von der deutschen Republik die Gesamtheit der ihr durch die Alliierten auf erlegten Bedingungen zurDu rch- führung gebracht worden, und da das der Fall ist, so sollte die Räumung so beschleunigt wie möglich durchgeführt werden. Ich habe sehr gründlich die Besprechungen nachprüsen müssen, die zwischen Sir Austen Chamberlain als dem Vertreter Groß-
Berlin, 5. Iuli. (Priv.-Tel.) Unter fer Ueberschrist befaßt sich die „Deutsche Allg. ..eine Zeitung" mit der Forderung des „Petit Parisien', die Saarfrage aus dem Programm der politischen Reparationskonferenz auszuschalten, und sagt u. a.: Das Versailler Diktat hat das heutige Saarregime in erster Linie geschaffen, um Frankreich einen Ersatz für die nord- französischen Kohlengruben zu verschaffen. Hieraus ergibt sich, daß die Saarfrage durchaus in einem engen inneren Zu- s ammenhang mit der Tributfrage steht. Das Saargebiet ist sozusagen jetzt eine „Reparationsprovinz". Wenn einer der wesentlichen Grundgedanken des TZoung-Planes verwirklicht werden soll, daß Deutschland von allen politischen und sonstigen Kontrollen zu befreien ist, so muh auch diese Reparationsprovinz aufhören zu existieren. Darüber hinaus ist aber politisch zu sagen, daß von einer „G e - f amtliquibation“, wenn überhaupt, auf keinen Fall dann die Rede sein kann, wenn die Saarfrage jetzt von der Diskussion ausgeschlossen wird. Cs ist eine Verhöhnung des Saargebietes, wenn behauptet wird, daß das Interesse der Bevölkerung eine weitere Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Regimes erfordere. Auch in Frankreich weiß jedermann, daß die Saarbevölkerung ohne Ausnahme nichts sehnlicher wünscht als die endgültige Wiedervereinigung mit Deutschland. Es kann deshalb nicht davon gesprochen werden, daß es in dieser Hinsicht dem Versailler Vertrage widersprechen würde, wenn man schon jetzt vor Ablauf der vorgesehenen 15jährigen Frist an die Regelung des Saarproblems herangehe. Bei der von Deutschland gewünschten Regelung des Problems auf der bevorstehenden Regierungskonferenz wird auch der Völkerbundsrat keineswegs ausgefchaltet zu werden brauchen. Sachlich kommt es nur daraus an, daß sich Deutschland und Frankreich über das einzuschlagende Verfahren einigen. Bei einer solchen Einigung würden auch vom Standpunkte
des Versailler Vertrages alle etwaigen juristi* schen Bedenken irgenteoelcber Art ohne weiteres überbrückt werden können.
Ein Irrtum?
Französische Truppen spionieren im Saargebiet.
Saarbrücken, 5.Juli. (WB.) Die Regierung s k o m m l s s i o n des Saargebietes lieh heute zu einer Nachricht der „Saarbrücker Can- tes-Zeilung", die die Anwesenheit eine« mit Vermessungen beschäftigtensran^ zösischenPionierkommandosim Saargebiet feststellte, bekanntgeben, nach Prüfung der Angelegenheit habe sich ergeben, dah die Anwesenheit dieses Truppenkommandos auf einem Irrtum beruhe und dah das Kommando das Saac- gebiet alsbald verlassen habe.
Rach den Mitteilungen der „Saarbrücker Landes-Zeitung" hat sich das französische Pionierkommando seil Freitag voriger Woche bei dem Orte Mechern im Kreise Merzig mit photographischen Aufnahmen und Vermessungen beschäftigt. Die „Landes-Zeitung" hatte an die Re- gierungskommlssion die Anfrage gerichtet, ob das Kommando sich dort mit ihrem Wissen und ihrer Genehmigung aufhalte. Denn ja, wer die Genehmigung erteilt habe, und wie man sie rechtfertigen wolle, da vom Völkerbundsrat der Aufenthalt französischer Truppen im Saargebiet untersagt sei, wenn nein, was die Regierungskommission zu tun gedenke, um die dort von den Franzosen gemachten Ausnahmen an sich zu bringen und die der Bevölkerung zugefügten Schäden zu ersehen, weiter, was sie ferner zu tun gedenke, um das Militär alsbald über die Grenze zu schicken und Genugtuung für die Völkerrechtsverlehung zu erhallen.
Kennzeichen), dann klammerte sich die herrschende Regierungsmehrheit niemals an ihre Aemter, sondern trat freiwillig zurück, auch wenn sie mit Sicher« heil einer Wahlniederlage entgegenging. So gewannen die englischen Parteien immer wieder die Möglichkeit, sich zu regenerieren und für künftige Regierungsausgaben vorzubereiten. Ganz allgemein wird man wohl sagen dürfen, daß die Herrschaft des englischen Parlaments durch die Praxis des englischen Verfassungslebens von soviel außerparlamentarischen Faktoren reguliert und beschränkt wird, daß es niemals zu den unangenehmen Begleiterscheinungen des parlamentarischen Absolutismus kommen konnte.
Der Absolutismus kann genau wie die Diktatur in der Entwicklung der Völker stets nur eine Uebergangs stufe darstellen. Sicherlich gibt es Zeiten, in denen es ohne eine ganz scharfe Zusammenfassung aller Kräfte und ohne die Bestimmung des Staatswillens von einer einzigen Stelle her nicht abgeht. Auf die Dauer aber müssen die lebendigen Mächte des Volkslebens verkümmern, wenn man ihnen nicht den Raum zur freien Ent« • faltung und zur felbstoerantwortlichen Betätigung
läßt. Das Wesen einer gesunden Staatsverfassung besteht also darin, das richtige Gleichge« wicht zwischen allen lebendigen politischen Kräften der Nation herzustellen. Nur unter solchen Voraussetzungen ist es möglich, alle notwendigen Sicherungsmaßnahmen gegen Einseitigkeiten einzufügen.
Die Verfechter des reinen Parlamentarismus von heute sind der Meinung, daß innerhalb des Paria« mentes selbst durch die Verschiedenheit der Parteien und der darin vertretenen Berufsinteressen für einen solchen Ausgleich gesorgt werde. Die poli« tische Erfahrung aber beweist eher das Gegenteil. Denn innerhalb unserer Parlamente hat der rein parteipolitische Einfluß derartig an Macht gewonnen, daß von der freien und verantwortlichen Betätigung starker Einzelpersönlichkeiten kaum noch die Rede sein kann. Es ist doch kein Zufall, daß wir immer wieder vor den Wahlen das beschämende Schauspiel erleben müssen, fähige politische Führer« naturen zugunsten ^beliebiger Organifations« oder Interessentenvertreter in den Hintergrund gedrängt zu sehen. Hier gilt es also, die Korrekturen zu schaffen, mit deren Hilfe die an sich notwendige Arbeit der Parteien rm Dienste des Volksganzen ergänzt wird.
Der Absolutismus kann im Staatsleben unter verschiedenen Formen auftretefi. Wenn er aber seine historischen Möglichkeiten richtig versteht, bann strebt er alsbald danach, sich selbst in seiner Macht zu begrenzen. Das haben die absoluten Monarchien, teils gezwungen, teils freiwillig getan. Im Interesse des parlamentarischen Systems wäre es dringend wünschenswert, wenn auch die absoluten Parlamente nicht danach strebten, ihren Machtbereich auf immer neue Gebiete auszudehnen, sondern wenn sie in weiser Erkenntnis staatspolitischer Notwendigkeiten ihre Befugnisse begrenzten, um denjenigen lebendigen Kräften der Nation Raum zum Wirken zu geben, die bei dem heutigen System politisch einfach an die Wand gedrückt wer« den. Auch in der Republik ist so etwas wie Kon* stitutionalismus möglich und erforderlich. Die Lösung zweifellos bestehender Vertrauenskrisen darf aber auf keinen Fall darin gesucht werden, daß man die vorhandenen Schäden noch vergrößert Wahre Freiheit ist im Regierungssystem des Absolutismus niemals möglich, gleichgültig, ob es sich um den Absolutismus der Monarchen oder ter Parlamente hantelt.


