Einzelbild herunterladen

Nr. 105 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 6. Mai (929

zum Deutschtum darstellen, sie wird ein flam­mendes Symbol werden können für unseren festen Willen, die deutsche Kulturgemeinschaft allen Widerständen zum Trotz, zu erhalten und bewußt die Führung zu übernehmen in der Förderung des neuen Gedankens der Zukunft: Freiheit des

Kulturlebens jedes Volkstums über alle Staats­grenzen hinaus! Die Erfüllung dieser Forderung ist keine Schädigung staatlichen Eigenlebens, son­dern wird ihm beste Kräfte erhalten und zu­führen.

Deutschland und die Sowjets.

Von Dr. 3. W. Reichert, M. d. V.

Die deutsche Politik zu Rußland wurde im deut­schen Volk lange Zeit von einer solchen Einmütigkeit getragen, wie sie sonst in den politischen Beziehungen zweier Staaten zueinander wohl selten zu finden sein dürfte. Bis auf den letzten Mann erhob sich der aus fast fünfhundert Abgeordneten verschiedenster Parteien zusammengesetzte Reichstag, als im Jahre 1922 der Dertrag von Rapallo zur An­nahme gelangte. Warum diese politische Geschlossen­heit gegenüber einem Volk, das sich eine kommu­nistische Staats- und Wirtschaftsverfassung gegeben und die Weltrevolution auf seine Fahne geschrieben hat? Diese Einstellung hat in den anderen Ländern selbst bei hervorragenden Staatsmännern und Par­lamentariern Verwunderung heroorgerufen und diese haben im Gegensatz hierzu ernsthaft die Frage ge­stellt, ob nicht die Schaffung einer allgemeinen und einheitlichen Front der kapitalistischen Länder gegen Sowjetrußland zweckmäßig wäre.

Zunächst mußte Deutschland den größten Wert darauf legen, mit Rußland den Kriegszustand in anderer Weise in einen Frieden zu überführen, als es nach dem Versailler Diktat und dem Londoner Reparations-Ultimatum vom Frühjahr 1921 ge­schehen war. Während Deutschland gerade heute, mehr als zehn Jahre nach Kriegsende, mit den West­mächten um eine gerechte Regelung der Kriegsent­schädigungsfrage zu kämpfen hat, ist diese Streit­frage zwischen Deutschland und Rußland auf groß­zügige Weise, nämlich durch gegenseitigen Verzicht auf Kriegsentschädigungen, bereits vor sieben Jahren aus der Welt geschafft worden. Das ist die praktische Tat von Rapallo, während die zur gleichen Zeit in Genua abgehaltene erste Weltwirtschasislonferenz sich in theoretischen Betrachtungen über den Wiederaufbau Europas ver­lor. Der deutsch-russische Rapallovertrag, der damals ungeheures Aufsehen in der Welt hervorgerufen hat, enthält ferner, entsprechend dem deutschen Grund­satz der Nichteinmischung in die Fragen fremder Re­gierungsformen, die Anerkennung des Sowjetstaates und für die Regelung des Außenhandels den Grund­satz der gegenseitigen Meistbegünstigten. Auch diese handelspolitische Vereinbarung war gegenüber dem Versailler handelspolitischen Diktat ein großer Fort­schritt. Denn Rußland war der e r st e ehemalige große Kriegsgegner, der Deutschland in politischer und wirtschaftlicher Beziehung im allgemeinen fair gegenübertrat, wenn man von seiner Verbreitung kommunistischer und weltrevolutionärer Ideen ein­mal absehen will, zu deren Unterlassung sich übri­gens die offziellen Vertreter Rußlands einschl. der ganzen Handelsvertretung in Berlin wiederholt ver­pflichtet haben.

Aus diesen Gründen haben selbst die rechtsstehen­den Deutschnationalen, die 1922 zu der damaligen Regierungskoalition in scharfer Opposition standen, ihre grundsätzlichen Bedenken gegen Abmachungen mit einem kommunistischen Staat zurückstellend, dem Rapallovertrag ihre Zustimmung erteilt, der von einem Kabinett der Linken, bestehend aus Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten, abgeschlossen worden war.

Daß die deutsch-russische Verständigung nicht eine einseitige o st e u r o p ä i s ch e Einstellung der deut­schen Politik und ein Abrücken von den sonstigen Mächten bedeutete, zeigt am deutlichsten die im Lo>

carnovertrag sichtbar gewordene Westverstän- digung und Deutschlands Eintritt in den Völker­bund. Deutschland hat mit seiner Außenpolitik seiner geographischen Lage inmitten Europas Rechnung getragen, die eine Friedenssicherung nach allen Seiten wünschenswert macht. Veranlaßt durch sein Friedensbedürsnis, hat Deutschland mit Ruß­land am 24. April 1926, als eine Regierungskoali­tion der sog. Mittelparteien am Ruder war, einen neuen Vertrag geschlossen, in dem sich die bei­den Länder gegenseitig zur Neutralität verpflichten, falls eines von ihnen trotz eigenen friedlichen Ver­haltens angegriffen oder zum Gegenstand einer aggressiven Wirtschaftspolitik dritter Mächte werden sollte. Diese Aktion der bürgernden Mittelparteien zur Erhaltung des Friedens ist von den rechts­stehenden Deutschnationalen als eine erfreuliche Ak­tivität der deutschen Außenpolitik begrüßt worden, die gegen die westeuropäischen Bindungen als ein notwendiges Gegengewicht betrachtet wurde. Die Sozialdemokraten ihrerseits erblickten darin eine wünschenswerte Ergänzung des Vertrages von Lo­carno. Die kommunistische Partei bezeichnete den Neutralitätsvertrag als konsequente Fortsetzung der grundsätzlichen Friedenspolitik der Sowjetrepublik. Kurz, auch in Hinsicht auf den Neutralitätsvertrag einigte sich der deutsche Reichstag in sehr großer Mebrheit zur Annahme.

An dieser in allgemeinen politischen Fragen ruß­landfreundlichen Politik dürften die Enttäuschungen nichts ändern, die Deutschland bisher in wirt­schaftlicher Hinsicht trotz der wiederum von allen Parteien im wesentlichen gebilligten Handels- und sonstigen Abkommen vom 12. Oktober 1925 hinnehmen mußte. Die Enttäuschungen beruhen hauptsächlich darin, daß Sowjetrußland sein Außenhandelsmonopol, trotz mancher ver­nünftiger Neuerungen in seiner inneren ökonomi­schen Politik, in Unveränderter Starrheit und in bureaukratischer Regelung oufrecbterhält, so daß der Grundsatz meistbegünstigter Behandlung beim Warenaustausch keine Sicherung der Stellung Deutschlands bedeutet. Notwendig schien deshalb die Gewährung von Handelskrediten zu werden, wenn Deutschland seine alte große Stellung in Rußlands wirtschaftlichem Aufbau wiedergewinnen wollte. An den öffentlichen Krediten von zunächst 75 und später 300 Millionen Reichsmark ist zwar kaum etwas ver­loren worden, aber die Sowjetbureaukratie ist zu ängstlich auf ihre äußere Handels- und Zahlungs­bilanz bedacht, als daß der Warenaustausch und der innere Wiederaufbau Rußlands die in Deutschland erwarteten Fortschritte machen könnte. Der Sowjet­staat läßt seinen äußeren Handel geradezu verküm­mern auf die Gefahr hin, daß auch seine innere Wirtschaftsentwicklung darunter leidet. Steht das Dogma des Außenhandelsmonopols etwa höher als das Wohl des Volkes? Es herrscht in den maß­gebenden kommunistischen Sowjetkreisen vor wirk­samen Verbindungen mit privatwirtschaftlich orga­nisierten Ländern eine so große Abneigung, daß olle Arten von Verträgen und selbst einzelne Lieferun­gen für die innere Wirtschaftsentwicklung Rußlands politisch aufs schärfste überwacht werden. Die un­gerechte Behandlung deutscher Reichsangehöriger an­läßlich des Schachty-Prozesses, hat die deutschen Ge­fühle Rußland gegenüber stark abgekühlt. Seitdem

Oer V. O. A.

Zur Werbewoche des Vereins für das Deutschtum im Ausland.

Von Or. Göh.

3n einer Zeit, in der wir überall im deutschen Volk Spaltung und Zerrissenheit nach Parteien -und Vekenntnissen, nach Stämmen und Ständen, nach Vewohnern von Stadt und Land mit tie­fem Schmerz sehen müssen, verdienen alle Ge­meinschaften und Vereinigungen, die auf dem Vodcn der Volksgemeinschaft arbeiten, reichste Unterstützung durch jeden wirklich vaterländisch gesinnten Bürger. Vur auf diesem Wege kön­nen wir dem manchmal schier unerreichbar dün- kenden Ziele der wahren Volksgemeinschaft näher­kommen. Zu den Vereinen, die auf diesem neu­tralen Boden arbeiten für die Gemeinschaft, ge­hört auch der Verein für das Deutsch­tum im Ausland, kurz V.D.A. genannt. Er hat sich die Aufgabe gestellt, den vielen Millionen Deutschen, die nicht oder nicht mehr das Glück haben, im großen deutschen Vater­land zu leben, zu helfen bei der oft schwer be­drohten Cr.altung ihrer deutschen Kultur, Sprache und Eigenheit. Eine der Hauptaufgaben ist dabei die Sorge für deutsche Schulen, denn wenn das da draußen Heranwachsende Geschlecht nicht mehr deutsch spricht, wird es für unser Volkstum sicher verloren sein. Auch in Hessen besteht ein solcher V.D.A., weitverzweigt in den Städten und Städtchen, namentlich in treuer Ar­beit gefördert durch unsere Jugend an höheren und Volksschulen.

Aber zu jeder Arbeit gehören Mittel und um diese in höherem Maße aufzubringen, plant die Leitung des Vereins die Veranstaltung einer Werbewoche oder von Werbetagen, voraussichtlich im Monat Juni. Eine Woche lang soll versucht wer­den, weiteste Dolksireise für den V.D.A.Gedanken zu gewinnen, zu begeistern und dazu zu bringen, ein Scherflein zu dieser wichtigen Arbeit beizu­steuern. Die verschiedensten Veranstaltungen wer­den hierfür von den Arbeitsausschüssen an den einzelnen Orten vorbereitet. Auch in hiesiger Stadt wird der Auf zur Volkstumsarbeit an alle Bürger und Bürgerinnen ergehen: Schüler und Schülerinnen werden mit Sammellisten ver­suchen, möglichst reiche Gabe zu erlangen; ein großzügig angelegter Werbetag wird neben man­cher anderen Veranstaltung geeignet sein, den Dolkstumsgedanken hinauszutragen.

Daß alle Kreise des hessischen Volkes dem D.D.A. und seinen Bestrebungen wohlwollend gegenüberstehen, beweisen die Vamen des Ehren­ausschusses, der führende Persönlichkeiten aller Kreise des Landes umfaßt. An der Spitze fin­den wir die Staatspräsidenten Dr. Adelung und Ulrich, daneben die Minister L e u s ch - n e r , Kirnberger , Korell. Die verschie­denen kirchlichen Bekenntnisse sind in gleicher Weise vertreten; neben dem Prälaten der evange­lischen Landeskirche D. Dr. Diehl lesen wir die Aamen des Bischofes der Diözese Mainz, Dr. Hugo und des Oberrabbiners Dr. Levi. Daß der Präsident des Hess. Landtags, Bürger­meister Delp, Darmstadt, hier nicht fehlen kann, ist ebenso selbstverständlich wie ös angenehm auf­fällt, daß Führer sämtlicher Parteien von rechts bis links ihren Vamen unter den Aufruf gesetzt haben. Auch die Presse, die den Bestrebungen des V.D.A. stets weitgehendstes Interesse ent­gegenbrachte, ist vertreten. Hoffen wir, daß es den Kräften, die in einmütiger Arbeit am Werke sind, gelingt, gute und erfolgreiche Arbeit für die schöne Sache zu leisten. Die Geschlossenheit der Massen, die ein Scherflein für ihr Volkstum übrig haben, wird ein erhebendes Bekenntnis

IV. Tag im Kammerspiel-Zyklus.

Anna Bahr-Mildcnburg: Schauspiel in der Oper.

Die Geschichte der Oper ist ein ständiger Kampf um die Vereinigung des dramatischen und des musikalischen Prinzips. 3e nach der Eigenart des Schaffenden, ob er mehr absoluter Musiker ist oder nicht, je nach dem Zeitalter, in dem die Werke erstehen, und je nach der Stammes- eigentümlichkeit des Volkes, das die Oper pflegt, prägen sich besondere Hinneigungen nach der reindramatischen wie auch nach der musikalischen Seite aus. 3n ihrer Urform sollte die Oper eine Wiedererweckung des antiken Dramas sein; die Musik erscheint zunächst nur von dienender Be­deutung. Bald aber überwuchert sie in der Blütezeit der italienischen Oper die Handlung. Auf französischem Boden gewinnt das Dra­matische wieder die Herrschaft, und von hier aus können wir Glucks Opernreform und seinen Ausspruch verstehen:Ehe ich anfange zu kom­ponieren, versuche ich zu vergessen, daß ich Mu­siker bin. Mozart hängt in seinen Frühwerken noch dem italienischen 3deal an; weih sich aber davon zu lösen, und an der Gestaltung des Text­buches zurEntführung" nimmt er starken An­teil.Die Arie (des 03min) habe ich dem Herrn Stephanie ganz angegeben und die Hauptsache der Musik war schon ganz fertig, ehe Stephanie (der Textdichter) davon wußte." Hier wird der Text des Dichters aus dem Geiste der Musik geschaffen.

Eine völlige Beilegung des Zwiespaltes zwi­schen Musiker und Dichter tritt mit Richard Wagner in Erscheinung, indem bei ihm dich­terisches, bildhaftes Schaffen und musikalische Ge­staltung aus einer gemeinsamen Wurzel berauö- wachsen, aus dem Erleben der Handlung. Diese enge Verschmelzung der Handlung mit dem Musikalischen läßt jeden einzelnen Zug der Hand­lung sich plastisch in der Musik abbilden; kür be­stimmte gedankliche Begriffe werden musikalische Symbole gezeugt, die je nach dem Zusammen­hang, in den die Begriffe eingeordnet werden, sich musikalisch charakteristisch abwandeln. Da Wagners Dichtung etwas deutlich, szenisch Er­schautes darstellt (man vergleiche feine szenischen Anweisungen mit denen unserer sonstigen Text­bücher), so setzt sich auch jede bildhaft geschaute Veränderung der Szene in das Musikalische um. Zu Dichtung und Musik gesellt sich als gleichsam mit beiden verbundene darstellende Motorik die Gebärde.Die Mitteilung eines Gegenstandes, die die Wortsprache nicht zu völliger lieber» zeugung an das Gefühl kundgeben kann, also ein Ausdruck, der sich in den Affekt ergießt.

bedarf durchaus der Verstärkung durch eine be­gleitende Gebärde." Und wie sich diese Gebärde dem Auge kundgibt, so wird sie auch in der Musik charakteristisch abgebildet.

Dieses organische Verwachsensein der Musik mit der schauspielerischen Gestaltung der Szene bei Richard Wagner lenkte den nun für diese Dinge geöffneten Blick auf Werke früherer Zeit­alter und lieh auch hier Züge erkennen, die, wenngleich sie auch nicht so ausgeprägt waren, eine ähnliche Durchgestaltung erforderten wie die Wagnersche Szene.

Hier seht die dramaturgische Arbeit von Frau. Pros. Anna Bahr-Mildenburg ein. Der überlieferten Operngebärde, die sich mit wenigen konventionellen bzw. stilisierten Bewegungen be­gnügt. sagt sie den Kampf an, sie verurteilt sie als verwerflich, als primitiv, zwischen der Dar­stellung des Schauspielers und des Opernsängers gibt es für sie keinen Unterschied. Sie will die Darstellung, die häufig selbst bei prominenten Bühnensängern und -Sängerinnen stark vernach­lässigt erscheint, von der Schematisierung und Veräußerlichung befreien, indem sie als oberstes Gesetz fordert: dah der Sänger nicht bloh fingen, sondern auch bei seiner Darstellung denken und fühlen soll. Das Wort soll er" sich durch das Gehirn gehen lassen; denn nur so wird er die rechte, treffende Gebärde finden; denn die Gestal­tung nach außen bin ist nicht etwa wie eine gym­nastische Fertigkeit erlernbar. Unabhängig vom Publikum, unbeeinflußt durch den Kontakt, den er bei seinen Hörern finden zu müssen glaubt, soll der Sänger als ein Mittler, als ein Erklärer des Werkes vor dem Publikum stehen.

Allerdings befindet sich der Sänger in weitaus schwierigerer Lage als der Schauspieler. Den Schauspieler treibt bei seiner Darstellung ein innerer Rhythmus, der in ihm durch das Wort, die dichterische Handlung wach wird. Eine ge­wisse Sensibilität läßt ihn das rechte Maß und die rechte Form an darstellender Gebärde finden. Schwieriger gestaltet es sich für den Sänger, da ihm die Musik den Zeitablauf seiner Gebärde vorzeichnet. Eine Bewegung, die. der Schauspieler kurz abtut, schnell ausführt, muh der Sänger oft dem Verlauf der Musik entsprechend dehnen. Als Richtungsweiser für den Eintritt seiner Ge­bärden sieht Anna Bahr-Mildenburg die Zwischenspiele bzw. Vorspiele an; ihnen soll der Sänger folgen; denn in diesen Zwischenspielen lernt er den 3nha.lt des kommenden Dichterwortes kennen. Ihr Kampf richtet sich gegen denton- tauben" Sänger, der an dem inneren musikalisch- szenischen Geschehen teilnahmlos vorübergeht.

3hre Theorie erhärtete sie durch die Vorfüh­rung verschiedener typischer Beispiele aus der Oper von Gluck an bis zur Gegenwart (Richard

Strauß). DieBildnis"-Arie des Tamino aus derZauberflöte" von Mozart war ihr ein tref­fendes Muster für das Durchleben einer Situa­tion durch Beachtung der Zwischenspiele. Dieser vielseitige Wechsel der inneren Stimmung gerade in dieser Arie, wie sie ihn betonte und als etwas Veues hinzustellen suchte, ist in der Musikwissen­schaft schon längst als besonderes Stilkriterium bekannt. Die Arie des Cherubin ausFigaros Hochzeit" war ihr Veranlassung, zu zeigen, wie eine an sich lebhafte Musik nicht durch äußere Gebärde, um so mehr aber durch "starkes in­neres Gestalten dem Publikum nahe gebracht wer­den kann; als eine innere Gebärde, die sich nicht nach außen hin Platz machen kann. Den Cha­rakter der Leonore (Fidelio") will sie trotz der männlichen Verkleidung immer weiblich als schwache Frau gefaßt wissen. Die große Arie: Abscheulicher, wo willst du hin", ließ sie aus der musikalischen und szenischen Umwelt heraus- wachsen.

Als besonders wichtig sieht sie die Fähigkeit des Darstellers an, sich schnell und treffend jedem Wechsel der Stimmung anzupassen. Der Darsteller muß das können, auch dann, wenn er innerlich nicht bereit zu fein glaubt. Er muß immer über der Situation stehen, sie aber in jedem Augenblick neu und wahr erleben. Vie darf er sich ganz verausgaben, das sogenannte Ganz weg"-Sein bezeichnet sie als Dilettantis­mus. Als einen Ausblick auf die Wagnersche Szenengestaltung führte sie die Szene der großen Arie des Max (Freischütz") vor. (Als Synästhe­tiker steht Weber mit seinem szenischen Musik- gestalten ja in engster geistiger Vähe mit Richard Wagner.) 3n der Qlriette des Aennchen (Kommt ein schlanker Bursch gegangen) und in der Arie der Maria aus dem Waffenschmied erwies sie, welche Aufgaben das Soubrettenfach stellt. Den Typ einer italienischen Arie mit ihren starken seelischen Konflikten stellt sie mit der Arie der Aida" dar, als eine geistig-musikalische Aus­einandersetzung zwischen der Liebe zum Vater und dem Gegner des Vaters, Rhadames. Wie zwei starke Pole standen die Gestalten die Klhte- mnäftra da. wie sie Gluck in großer monumental­klassischer Gebärde zeichnet, wie sie Richard Strauß in ihrem inneren Zwiespalt, in ihrer Zersplitterung des Charakters, in ihren inneren Qualen darstellt. Was Anna Dahr-Mildenburg mit dieser großen Szene gesanglich und dar­stellerisch gab, wie sie den raschen Wechsel der inneren Stimmung bis zur Steigerung zum wilden Wahn ausprägte, wie jeder Hauch, jedes Wort szenische Bedeutung erlangte, wie ihre Stimme unendlich modulierte, bis zur Auspeit­schung im erschütternden Schrei, das war ein Eindruck, der schlechthin erschauern ließ durch die Plastik der Situation und durch die Große

kam die llnzufriedenheit, namentlich auch von deut­schen wirtschaftlichen Kreisen, über die unbefriedi­gende Entwicklung des Warenaustausches wie über die unerträgliche Unsicherheit deutscher Personen in Rußland, ungehemmt 311111 Ausdruck.

Die daraufhin ausgenommenen Wirtschaftsverhond- lungen führten zu einer neuen deutsch-russischen Ver­ständigung; Ruhland zeigte ein gewisses Entgegen­kommen, z. B. in einer vernünftigen Auslegung des Begriffs der Wirtschaftsspionage, in Reiseerleichtc rungen, im gewerblichen Rechtsschutz, im Transit­verkehr und ähnlichen Fragen. Hierdurch dürften wohl manche Streitfragen im Interesse der deutsch- russischen Beziehungen ausgeräumt [ein, aber die Frage der Ungleichheit der Wirtschafts­behandlung, die in dem deutschen Entgegen­kommen voller Meistbegünstigung einerseits und in der grundsätzlichen Absperrung Rußlands anderer­seits liegt, ist damit nicht erledigt.

Deutschland wird zur Wiederherstellung seiner Jahrhunderte alten politischen und wirtschaftlichen Freundschaft mit dem russischen Volk alles Zweck­dienliche tun; aber ebenso bleibt es Deutschlands Aufgabe, gegen die russische Weltrevolutionspropa­ganda in seinem Innern unaufhörlich mit aller Kraft zu wirken.

Gegen die Lleberspannung der Schulvorbildungsforderungen.

WSV. Mainz, 4. Mai. Die in der letzten Zeit vielfach erörterte lleberspannung der Schulbildungsanforderungen hat auch die Industrie- und Handelskammer in Mainz veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß zur Aufnahme von jungen Leuten in wirtschaft­liche Berufe oft Anforderungen in bezug auf die theoretische Vorbildung gestellt werden, die für diesen Beruf überhaupt nicht notwendig und übersteigert sind. Schon seit 3ahren hätten die Industrie- und Handelskammern auf die Gefahr einerVerschulung Deutschlands" aufmerksam gemacht. Die Kammer schließt sich den Bedenken Der Spihcnorganisation der Deutschen Jndustrie- und Handelskammern an, die eine gründliche, wissenschaftliche Bildung für solche Berufe for­dert, welche es erfahrungsmätzig nötig haben, aber vor schulmähigen Anforderungen warnt, die mit dem betreffenden Berufe in keinem Zusam- menhang stehen können. Die Folgen dieser über­mäßigen Bildungsanforderungen find. eine starke Mehrbelastung der Oeffentlichkeit für das höhere Schulwesen und eine Steigerung der Erziehungs­kosten der Eltern. Demgegenüber müsse vor der Zulassung zu höheren Schulen eine strenge Per­sönliche Auslese getroffen und auf der anderen Seite die Leistungen der Volks- und Mittelschu­len so erhöht werden, daß sie dem Schüler eine für das praktische Leben genügende Bildung ge­ben können. Auch müßte der Berufsausbildung der Lehrlinge und Jugendlichen in den gewerb­lichen Berufen besondere Aufmerksamkeit ge­schenkt werden. Es sei besonders hervorgehoben, daß die Mainzer Handelskammer eine Lehr- lingswerkstätte begründete, die die Aufgabe hat, bei der Ausbildung der Lehrlinge eine mög­lichst große Uebereinftimmung zwischen theore­tischer und praktischer Ausbildung herbeizuführen.

NeuesRöntgenmstiiutinKrankfurta.M.

WSV. Frankfurt a. M., 4. Mai. Heute vormittag wurde das neue Röntgeninsti- tut der Chirurgischen llniversitäts- t linif im Städtischen Krankenhaus Sachsen­hausen feiner Bestimmung übergeben. Eine kurze Eröffnungsfeier ging ihr voraus. In dieser hielt Oberbürgermeister Dr. ßanbmann die Eröff­nungsansprache, in der er auf die Schwierig­keiten hinwies, die zu überwinden waren, um

der Darstellung, die in ihrer Einmaligkeit sich jedem tief eingrub.

Im zweiten Teil des Programms erschloß sie einzelne Szenen aus dem Werk Richard Wag­ners, dem sie sowohl als berufenste Darstellerin und Sängerin, als auch als Schriftstellerin und Spielleiterin ganz besonders verbunden ist. Hier fügten sich musikalisch-motivische Gestaltung und darstellende Gebärde zu einer zwingend-notwen­digen, naturhaft-organischen Einheit, die auch das Letzte restlos ausschöpfte, szenische Wahrhaf­tigkeit annehmen lieh. Das war ein Aufgehen im Werk, wie es nur einer so starken Persönlich­keit wie der ihrigen möglich ist; mochte es die Todesverkündigung aus derWalküre" sein, der Schluß des Gebets der Elisabeth (Tannhäuser"), die Szene der Elsa (Lohengrin", 1. Akt), das Winken der Isolde, Wotans Dann (Walküre"), oder das Erwachen der Brunhilde; stets war sie groß, ja sie wuchs in ihrer Darstellung zu gigan- tischem Ausmaß.

Daß diese ungemein starken Eindrücke möglich waren, dazu trugen zu nicht geringem Grade ihre beiden Helfer "bei; am Flügel Kapellmeister Wolfgang Andreas A 11 i 0 , der mit feiner Vach- giebigfeit jede Situation mit sicherem Griff er­faßte, Rosette Rudolf, die der Vortragenden überall da helfend zur Seite stand, wo der ge­sangliche Stil ihrer hochdramatischen Stimme nicht lag.

Daß diese darstellerischen Probleme vor einem größeren Hörerkreise erörtert wurden, hat sicher für das Opernerleben und -Verstehen der Hörer grundlegenden Einfluß gewonnen. Vielleicht boten manche Erörterungen nicht unbedingt etwas Veues, aber sie waren doch in dem großen Zusammenhang wohl am Platze. Gerade Gießen hat in den letzten Jahren in den Operngastspie­len der Mainzer und Darmstädter so manches Beispiel erleben können, das vielleicht die An­forderungen von Anna Dahr-Mildenburg nicht immer voll erfüllte, aber sicher ihnen beträchtlich nahe kam. Der Intendanz des Stadttheaters gebührt für dieses außerordentliche künstlerische Ereignis (als solches ist es unbedingt zu buchen! ganz besonderer Dank des Hörerkreises. Dr. H.

Hochschulnackrichten.

2er Lehrstuhl der Dermatologie an der Medizi­nischen Akademie zu Düsseldorf (an Stelle von Professor K. Stern) ist dem ordentlichen Professor Dr. Alfred Stühmer an der Universität Mün. ft e r anqeboten worden. Zur Wiederherstellung des durch den Weggang des Professors Joh. Weigelt an der Universität Greifswald erledigten Lehrstuhls der Geologie und Paläontologie ist ein Ruf an Prof. Dr. Sergius Bubnoff in Breslau ergangen.