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6.4.1929
 
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m. 80 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen) Samstag, 6. April (029

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Feldbau ist z.B.

schrieb:

betrieben hergestellt, b. h. in wirtschaften.

Rorddeutschland. kaum 1,50 Mark erhielt wer. den: ein klarer Beweis dafür, dah ö<

Meine Herren, solches schreibt man nicht an Brunnen, welche Mefsinghähne haben. Ewiges kann nur aus Brunnen, die da ewig fließen, kommen. And hat Rietzsche nicht geschrieben:

Die Köpfe senkten sich, die Kopfe hoben sich: So is 's, Traminer!"

Aber Leute," sagte der Regierungsingenieur, bedenkt doch, daß cs Hochdruck sein soll; wenn aber immer alle Hähne offen stünden, woher soll der Druck

Wenn's nur rinnt, was brauchen mir ein' Druck?"

Fürs Löschen, Leute, wenn eS brennen sollte, deshalb baut ihr doch die Leitung. Wir brauchen gut sechs Atmosphären"

Ans is a rinnets Wasser lieber wie die Ammosferi und brennen wcrd's nct auch glci übermorg'n und wenn's brennen sollt, mir werd'n 's scho in die Höh treib'n, d' Ammosseri und jetzt soll amal der Druala reden, der die ganze G'schicht uns einbrockt hat."

Der Drüala war ich. Zum Brüala, heißt's auf meinem Haus.

Ich war bei der Rede des Traminer besinnlich geworden. An eigene Iugendwanderungen dachte ich, wenn wir Wandcrbrüder spät in einer Her­berg waren, wach im Bett und ohne Schlaf vor Aebermüdung. Trübes Denken schlich uns an. Es würde eine Freinacht werden. Rasch das Fenster aus und Luft herein. Horch, der Brunnen draußen, wie der traulich plätschert, immerzu und immerzu. 'Alles Trübe hat er fortgeplät- schert, in den Schlaf hat er uns eingesungen, in den tiefen, süßen Schlaf der Jugend. And ist unseren großen Denkern nicht oft Wundervolles mit dem Drunnenrauschen zugeflosscn? Hat nicht Goethe hat nicht Aiehschc hat nicht einst ein Heraklit...

Ich vergaß, daß ich in Mühlau war:Meine Herren, Goethe saß an einem Brunnen, als er

Des Menschen Seele gleicht dem Wasser: Dom Himmel kommt cs, zum Himmel steigt es, und wieder nieder zur Erde muh eS.

deutsche Landwirtschaft sich ä In Areboe auf Er­zeugung von DielqualitätStvaren umgestcllt hätte!?

Zu den Qualitätswaren gehören noch jene beiden Deredelungsprodukte, auf deren ausge­dehntem Anbau jede intensive Wirtschaft be­ruht : Zuckerrübe und Kartoffel.

Es ist ein ziemlich feststehender Satz, daß bei einer durchschnittlichen Ernte der Preis für einen Zentner Zuckerrüben 1,80 Mark betragen muh, um die Ankosten zu decken und, je nachdem, eine vielleicht ganz bescheidene Rente zu erzielen. In diesem Jahre werden, namentlich in ganz

früheren Bränden? .

a Feuer iS a Feuer und frißt - u . .

In der Stadt sei's umgekehrt: ein Kanarienvogel käme um und eine alte Rähmaschine, alles andere werde meistenteils gerettet. Ob ich luge? Nein, die Wahrheit sei es. Also, wie das komme? Sie hätten eine Hochdruckwas|er- kitung. Sie kratzten sich am Hinterkopf: Das käme ihnen doch zu teuer, eine Hochdruckwasser-

Marokko als Etappe zum Weltkrieg

Oie Entstehung

der englisch-französischen Entente im Lichte der englischen Aktenstücke.

Von Dr. Gustav Roloff, 0. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

Rächt ist cs: nun werden lauter alle springen" den Brunnen.

And hat nicht selbst ein Heraklit von dieser Welt behauptet: Alics fließt..."

Lange muß ich noch gesprochen haben. Still haben es die Dauernköpse ausgenommen. Der Ingenieur nur hat gelächelt.

Als ich fertig war, stand der Traminer aus: Jetzt habts es'von eahm selber ghört. Von eint Ritschi hab i nix g'wußt - 's muß einer gtocrcn sei, der wo si auskennt. Von eim Gelte hat den Lehrer in der Schul uns was verzählt, i Hans vergessen 's muß einer g'wesn fei, der si aufs Wasser aa verstanden hat. And was den Hariklet betrifft, allen Respekt vor eahm Alles fließt - mit zwoa Wörterln hat er's troffen. And daß i also alles z'fammpack, den Gette und den Ritschi, den Hariklet und unser Leitung - entweder ohne Hahnderln oder gar net, Herr Regierungsingenieur!"

Daß ich's also auch zusammenpackc: Die Mühl­auer bekamen ihre Wasserleitung ohne jeden Hahn. . ,

Richt lange drauf: Feuer beim Hechenrcnner.

Die Hydranten auf, die Schläuche angeschraubt es ging alles wie am Schnürchen.

Beim Hechenraincr war der Salvermoser mit dem Schlauchmund an der Leiter hochgeklettert, lieber sich in den Dachstuhl, wo das Feuer an­gefangen hatte, richtete er das Mundstück:Los!"

Kein Wasser kam.

Los, sag ich, los!"

Ein dünnes Strählchen stieg heraus, einen Meter oder zwei, dann fiel cs matt zu Boden.

Als wenn a Buaberl bieseln taat!" höhnte der Iackci.

Die Sauwasserleitung, hab i 's net g'fagt!" schrie der Salvermoser.

Stopft die Röhren zu im Dorf!" schrie ich.

Des hilft aa nix mehr," jammerte der Hechen- rainer, der mit hängenden Armen vor seinem brennenden Dachstuhl stand und dem die Zähren über das Gesicht herunterliefen, ohne daß cr'fl wußte.

Helfen oder nicht die Röhren zugestopft im Dorsi"

Der Traminer.

Von Fritz Müller, parienkirchen.

In Mühlau sitzen die Dauern seit Jahrhunder­ten auf der gleichen Scholle. Das macht eigen» brötlerifch. , , . .

Jeder seinen eigenen Grund, jeder unter feinem eigenen Dach, das versteht zur Rot em Stadter, der, wie ich, sich eingereöct hat, er fei jetzt auch mit seinem Häusel ein Mühlauer.

©in Mühlauer will er sein, derfell?" hat man dann beim Altwirt über mich entschieden,zum Lachen ist's ein Eing'hockter is er.

Ich habe ihnen sagen lassen, ich sei keiner jener Sommerfremden, ich sei auch tm Winter da, und es fei jetzt schon ein ganzes Jahr, daß ich

Ein Jahr? Daß i net lach was is a Jahr? - a Flohstich is 's!"

Wie viele Flohstiche da wohl nötig toaren^an man angewachsen, daß man ein Muhlauer wäre?

O mei', dir kann ma des nct fagn, des müht amal der Enkel von dei'm Enkel.frag n.

Was nicht hindert." lachte ich,daß ich jetzt euch was fragen möchte."

"Wie^ kommt eS, dah toeitum ein jeder feine

leitung für jeden einzelnen von ihnen. Rein, für alle eine. Des Gestreit, mei' Lieber! Es gäbe keinen Streit, alle Quellen auf dem Berg vereinigt, gäbe überreichlich Wasser. Also guat, probier'n wir's, wenn's nix kost'. Was nichts koste, sei nichts wert. Das wäre auch wahr, und ich sollte es in meine Hände nehmen.

Ich war stolz und nahm es in die Hand. Schrieb ein Dutzend Briese besuchte ward besucht und, Wunder in Mühlau: Mit allem war man einverstanden.

Rur der Traminer setzte seine große Brille auf und suchte auf dem Plane des Regierungs­ingenieurs herum: Was der Strich da fei? Hauptstrang. And die zwei kleinen Striche? Der eine sei die Leitung für das Innendorf, der andere für die weitverstreuten Höfe. And wo man sehen könne, dah das Wasser auch ins Haus bineingeht? Hier. And ob ein jedes Haus auch einen Brunnen auf dem Hofe draußen habe? Freilich, jedes, sogar mit einem blitzen­den Messinghahn daran. Messinghahn? für was?

Hier war's, daß alle ihre schweren Dauernköpfe hoben.

Wofür? ei, daß man das Wasser absperren könne.

Totenstille. Dann ein Wiegen aller Köpfe: A Wasserleitung, wo man's Wasser abspcrrt? Wir woll'n a Wasserleitung, wo das Wasser läuft!

ileberlegen lächelte der Staatsbeamte: Es liefe schon: nur wenn man's grad nicht brauche, drehe man den Hahn natürlich zu. Was natürlich? nix natürlich! unser Wasser is zum Laufen da und net zum Zusperren! Aber immer könne man das Wasser doch nicht laufen lassen! Bei inei'm Vatter is 's g'lausen, so lang auf unsre Höf wer ghaust hat, is a Brunnen draußen g'Iaufen; wenn i heirnkomm von der Arbeit: 's erste, was i hör, 's Wasser lauft; wenn i aufwach in der Rächt, hör i 's draußen laufen, wie's feit dauset Jahr is gronncn, und t Weitz, mei Hof. der steht no; wenn des nimmer laufet Tag und Rächt urib Rächt und Tag, nimmer arbeiten möchtet i und nimmer schlafen könnt 1 is 's net a so, Leut, sagt'sl

Zu den wichtigsten Ereignissen auS der wei­teren Vorkriegsgcschichte gehört die englisch- französische Entente vom Jahre 1904, die in einem Vertrag über koloniale Angelegenheiten, insbesondere über Marokko und Aegypten (April 1904), ihren ersten Ausdruck fand. Es war ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Sogleich belebte sich die Revanchestimmung in Frankreich, der Ton der Pariser Presse gegen Deutschland wurde schärfer, und die. französische Regierung neigte mehr als bisher dazu, Konflikte mit Deutschland h:rvorzurusen. wie das nament­lich in den marokkanischen Streitfragen in den nächsten Jahren zutage trat. Indirekt hat die Marolkofrage einen großen Anteil an der Ent­stehung des Weltkrieges: sie hat das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich verschlechtert und die ganze internationale Lage gespannt. ES ist daher ein interessantes Problem, wie es zu jenem Aprilvertrag gekommen ist, ob England oder Frankreich die Initiative ergriffen hat. und ob ihm von vornherein eine deutsch­feindliche Absicht innewohnte.

Von Anfang an war man geneigt, die Idee zu diesem OSertrag in England zu suchen und ihn als wesentliches Stück der englischen Einkrei­sungspolitik zu betrachten. Ramentlich dem König Eduard persönlich wurde ein Haupt­anteil daran zugeschrieben. Verstärkt wurde diese Vorstellung, als vor einem Jahrzehnt etwa be­kannt wurde, dah um die Jahrhundertwende Bündnisvc:Handlungen zwischen Deutschland und England injotge einer englischen Anregung ge­schwebt hatten, und daß während dieser Erörte­rungen England gedroht habe, sich mit Frank­reich und Rußland zu verbinden, wenn Deutsch­land sein Bündnis ablehne. Als Deutschland trotz­dem ablehnte, habe England, das aus seiner Iso­lierung herausgewollt habe, sogleich mit Frank­reich angeknüpft und den Vertrag über Ma-

Höchste Qualitätsware im _ .

Saatgetreide. Gibt es überhaupt noch eine einzige Saatzuchtwirtschast in Deutschland, die nicht auf das allerschwerfte zu kämpfen hat? Warum? Weil die Aufwendungen zu hoch, die Preise gerade derartiger Produkte zu niedrig sind, und der Ab- satz zu gering, da die breite Masse der landwirt­schaftlichen Abnehmer gar nicht mehr über die Kaufkraft verfügt, auch nur einigermaßen zu­reichende Preise für so hochwertige Produkte zu zahlen. Jeder Hilst sich mit seinem selbsterzeugten, oft recht mäßigen Saatgut recht und schlecht weiter, nicht weil er möchte, sondern weil er muh. So wer­den unsere unersetzlichen Saatzuchten über kurz

eigne Wasserleitung hat?"

Sie sahen mich verdutzt an. Ich hätte sie auch fragen können, wie es komme, dah ein jeder seinen eignen Schnaufer habe.

Ich lieh nicht lud. Hier war ich ihnen über­legen: Wann habe es zum letztenmal gebrannt? -- Beim Jäckel vor zwei Jahren. Was ge­rettet worden sei? Rix, koa öeserl hoaßt des: Beim Traminer ein Kanarienvogel und beim Jäckel eine alte Rähmaschin'. - And bei den Auch so gut wie mx und frißt att's z'samm'.

ober lang zum Erliegen kommen.

.höchste Qualitätsware in der Diehwirts chast wird in den Hochzuchten hergestellt. Für sie gilt in weitem Maße dasselbe was soebeii beim Saatgetreide über den höheren Aufwand und den sinkenden Absatz gesagt wurde. Das beste Beispiel hierfür gibt das berühmte Zuchtgebiet Schleswig- Holstein ab. Dort haben wir mit den höchstent­wickelten Bauernstand, dessen früherer Wohlstand auf einer, fast kann man sagen: seit Jahrhunderten planmäßig und durch die Natur begünstigten Er­zeugung von hochqualifiziertem Vieh beruhte. Er ist geradezu verzweiflungsvoll am Erliegen. Damit wird der Beweis für eine doppelte Erkenntnis ge­liefert:

1. Es handelt sich heute nicht, wie es von man­chen Seiten planmäßig dargestellt -wird, um eine Großgrundbesitzernot in einigen sogenannten Smfen- Herden, sondern um eine allgemeine Agrar- not, die horizontal und vertikal durch ganz Deutschland und durch alle landwirtschaftlichen Größenklassen geht;

2. Eine Volkswirtschaft, und namentlich die klimatisch und bodenmähig so gebundene und vielfach benachteiligte deutsche Landwirtschaft, läßt sich nicht von heute auf morgen nach fremden Mustern umstellen. Die Bauern in den Marschen den dänischen Wirtschafts- Verhältnissen in jeder Hinsicht bei weitem am nächsten, können schon nicht mehr cutteren: was wurde wohl geworden sein, wenn vie ganze

gerühmte neue Zuckerzoll zu spät kam und zu niedrig bemessen ist. Man sei sich doch klar darüber, daß es sich bei der Frage des Rüben­baues nicht nur um die Erhaltung der Acker- tultur auf besseren Böden, nicht nur um die Voraussetzung für gute Getreideernten, sondern auch im Hinblick auf die Abfallprodukte in ent­scheidendem Matze um die Erhaltung der Viehbestände handelt.

Deii Kartoffelbau darf man wohl als eine besondere Ostfrage bezeichnen. Denn der Satz ist doch unbestreitbar: d>ie Agrarnot steigt mit der Länge der Bahnlinien. Am so stärker müßte die volkswirtschaftliche Rotwendigkeit emp­funden werden, nach Möglichkeit die Masfen- srachtcn durch Veredelung an Ort und Stelle einzusparen. Veredelungsware, das hrißt bei Kartoffeln: Trocknerei, Stärkesabrikalion und namentlich die Brennerei, mit der, das darf man Wohl aussprecheii, die östliche Agrarkultur und damit die auf einem existenzfähigen Land­volk beruhende deutsche Kultur im Osten schlecht­hin steht und fällt. Was lut man? Durch eine verfehlte Monopolgesehgebung. die den Erzeuger­preis herab- und zugleich den Konsumentenpreis heraufseht, wird diesem Hauptgewerbe des Ostens

Gibraltars und beide hatten erhebliche wirt­schaftliche Interessen dort. England arbeitete so­gar den französischen Bestrebungen direkt ent­gegen, dadurch, daß cs dem Sultan einen Offizier zur Verfügung stellte, der die marokkanische Armee neu organisieren, die Ordnung sichern und auch die Verteidigung gegen Frankreich über­nehmen sollte. Hier setzte die französische Regie­rung ein, um dies Hindernis ihrer Protektorats­politik zu beseitigen. 'Da der Zusammenstoß in Faschoda (1838) bewiesen halle, daß man England nicht mit Gewalt aus einer überseeischen Stellung vertreiben konnte, beschloß Delcasse, der Mi­nister des Auswärtigen, England an der wirt­schaftlichen Ausbeutung Marokkos in hervor­ragender Weise zu beteiligen, wenn es Frankreich das Protektorat gewährte. Er sondierte im Jahre 1902 vorsichtig, ob England besondere wirtschaft­liche Privilegien in Marokko erstrebe, und auf die Antwort, daß England nur die Gleichberech­tigung fordere, ließ er durchblicken, dah er den Sultan zu einem französischen Vasallen zu machen, aber England entgegenzukommen wünsche: di.- wirtschaftliche Gleichberechtigung sollte England garantiert, und Tanger, das bei seiner Lage für die Engländer besonders wichtig war, sollte von französischem Einfluß freibleiben und neu­tralisiert werden.

Der Vorschlag bedeutete, wie der englisch-' Botschafter in Paris richtig sagte, eine Teilung Marokkos, und die Londoner Regierung hatte keinen Zweifel, daß er große Gefahren mit sich bringe. Der Minister des Auswärtigen, Laus- downc, wies die Franzosen wiederholt daraus hin, daß auch andere Mächte, wie Spanien und Deutschland, an der Aufrechterhaltung des augen­blicklichen Zustandes interessiert seien: eineLi­quidation" Marokkos werde also zu ernsten poli­tischen Verwicklungen führen. Heber Spaniens Rechte ließ Delcasse mit sich reden, , aber Deutschland, erklärte er, müsse bei jedem Vorgehen in Marokko ausgeschlossen wer­den. Trotz dieser Mitteilung, die deutlich eine Offensive gegen Deutschland enthielt, lehnte Lans- downc die französische Idee nicht ab; er stellte nur sogleich die Bedingung, dah England bei jeder Aenderung in Marokko zugezogen toetben müsse (Dezember 1902).

Hierin hat die französische Regierung offenbar einen Wink gesehen, deutlich mit der Sprache her- auszugehen. Sie ließ offiziös durch den Abgeord­neten Etienne, einen der führenden kolonialen Sachverständigen der Kammer, dem englischen Mi­nister ein allgemeines Abkommen zur Regelung aller zwischen beiden Mächten schwebenden über­seeischen Fragen vorschlagen, und als Lansdowns grundsätzlich zustimmte, begannen sogleich die vssi- ziellen Verhandlungen, in denen Marokko die Hauptrolle spielte. Das Begehren nach dem Prolet iorat über Marokko erwiderte die englische Regie­rung mit der Gegenforderung, daß Frankreich die Stellung Englands in Aegypt-en für bic Dauer anerkenne (Sommer 1903). Zn welchem Geiste die Franzosen die neue Freundschaft zu verwerten be­absichtigten, wurde den Engländern sogleich klar gemacht: als die ernsten Verhandlungen begonnen hatten, führte Etienne in viel beachteten Artikeln desFigaro" aus, Frankreich müsse in seiner kolo­nialen Expansion jeden Konflikt mit England ver­meiden. um einen Zusammenschluß Englands und Deutschlands zu verhüten zu suchen. Das Schicksal Elsaß-Lothringens müsse stets die erste Sorge Frankreichs bleiben.

In den Verhandlungen, die sich naturgemäß mehrere Monate hinzogen, da noch über viele andere Objekte, u.a. Neufundland, Siam, Senc gambien, verhandelt wurde, bildeten die Rechte der anderen Nationen in Marokko ein besonderes Ka­pitel. England forderte stets Beachtung der Rechte Spaniens, um ein Gegengewicht gegen Frankreich zu haben, aber die Rechte der anderen wurden kurzerhand beiseite geschoben. Ausdrücklich wurde immer mir von den Rechten Englands, die es burdi einen Vertrag von 1856 in Marokko erworben habe, gesprochen: daß ein internationaler Vertrag vom Jahre 1880 den meisten europäischen Staaten völlige Gleichberechtigung in Marokko zugesichert hatte, wurde mit Stillschweigen übergangen, lieber bic Absicht der Franzosen konnte kein Zweifel sein. Sie wollten im ßauptteil Marokkos ein kleines Stuck sollte fpanifd)ein Einfluß anheimfallen unter scheinbarer Achtung der Sultansherrschaft, die Der

roffo, der feine Spitze gegen Deutschland rich­tete. abgeschlossen. Indessen heute, nach dem Bekanntwerden der englischen Alt en, die die Londoner Regierung, dem deutschen Bei­spiel f ilgend. soeben herausgegeben hat, stellt sich die Sache anders dar. Zunächst erfahren wir da. daß von der Ablehnung eines englischen DündniSangebots durch Deutschland nicht die Rede sein kann. Richt von England, sondern von Deutschland ist in dieser Sache daS erste Wort gesprochen worden, die Bereitwilligkeit zum Bündnis war in Berlin größer als in London, und die Verhandlungen zerschlagen sich schließlich, weil man in England sich nach wie vor zwi­schen beiden Fcstlandsgruppen halten wollte. Daher ist auch, soweit man jetzt die Dinge übersieht, die Initiative zu den Verhandlungen mit Frankreich über Marokko nicht in London, sondern in Paris ergtiifen worden. Daß König Eduard in seiner Franzosensrrundschaft in Paris einen geheimen Wink gegeben hat, ist allerdings nicht ausgeschlossen, wenn auch unbeweisbar.

Daß Frankreich ein Protektorat über Marokko erstrebte, war längst öffentliches Ge­heimnis. Als Rachbar Marokkos in Mgier hatte es ohne Zweifel ein besonderes Interesse an der Ordnung der marokkanischen Zustände: die algie- rischen Grenzlandfchaslen wurden oft von marokka­nischen Banden beunruhigt und der französisch- algierische Handel durch die fortgesetzten inneren Anruhen geschädigt. Durch Aebernahmc des Pro­tektorats hoffte man diesen Anzuträglichreiten zu steuern und zugleich den Handel und die wich­tigsten wirtschaftlichen Unternehmungen in Ma­rokko Dan von Straßen, Eisenbahnen und Häsen, Dergwerksbetricb u. dgl. in französische Hände zu legen. Die natürlichen Gegner dieser Tunisikation" Marokkos waren in erster Linie Spanien und England; beide waren ebenfalls Rachbaren Marokkos England als Besitzer

Agrarbilanz.

Von Hans Schlange-Schöningen, M. d. ZK.

Drei Fremdworts haben nach dem Kriege in geradezu verhängnisvoller Weise das landwirtschast- lich« Denken beeinflußt und beherrscht: Intensivie­rung, Rationalisierung, Qualitätsware. Die Inten­sivierung hat in fast allen Fällen Neuinvestierung von Kapital durch Neuoerschuldung bedeutet. Da in der Landwirtschaft, aud) abgesehen von der Zins­last, heute so gut wie nirgends eine Rente erzielt wird, muß die Verschuldung von Jahr 311 Jahr mindestens um die nicht aufzubringende Zinslast 1 teigen.

DieRationnlijierung ist teils ein Ergebnis kauf- männischer Erwägungen, teils ein Produkt der Angst gewesen. Teils wurde sie planmäßig und organisch, teils als weit überschätztes Schlagwort der Gegen­wart überhastet und fehlerhaft durchgeführt. Ratio­nalisierung, richtig verstanden, bedeutet nichts wei­ter als die Beantwortung der Frage: wie kann man die Ausgaben einschränken, indem man einen Teil der menschlichen und tierischen Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt. Sie bedeutet nicht, wie sie vielfach falsch ausgefatzt wurde: Mechanisierung um jeden Preis. Denn dieser Preis ist oft zu hoch ge­wesen und allzu oft wurde übersehen, daß nicht nur die Anschafstmgskosten, sondern auch die mindestens zehn Prozent Zinsen dafür miteinkalkuliert werden mußten.

So kann man heute, wenn man das Ergebnis der landwirtschaftlichen Einstellung und Umstellung seit der Revolution zusammenfaßt und wenn man beobachtet, daß die rückständigsten Betriebe noch bic gesündesten, die aufgezogensten und darum volkswirtschaftlich wertvollsten die am meisten be­drohten sind, ohne Uebcrtreibung feststellen: Der Staat hat die Landwirtsä-aft im yntereffe der Nation zu ungeheuren Leistungen angespornt und bann durch eine verfehlte Wirtschaftspolitik die Zn-

ein gerade in heutiger Zeit unverantwortlicher Schlag versetzt und zugleich damit der amerika­nischen Konkurrenz, die man an allen Chausseen beobachten kann, in verstärktem Maße Tor und Tür geöffnet.

Bilanz: der beste Barometer für die Erschütte­rung der Landwirtschaft ist der Riedergang der gesamten deutschen Volkswirtschaft, deshalb oft nicht so unmittelbar auffällig, weil die Auswir­kung des mit der Landwirtschaft versinkenden Binnenmarltes sich sozusagen erst immer einen Tag später auf die anderen Berufs­stände geltend macht. Man sehe sich doch um: der Mittelstand weiß nicht mehr ein und aus, weil die Käufer fehlen: die deutlichste Sprache in dieser Hinsicht sprechen wieder die verödenden Städte des Ostens. Die Industrie hat um Exportsteigerung gerungen, so gut wie vergebens und hat mitangesehen, wie die Kaufkraft der Landwirtschaft ihr entschwand. Ist es nicht ein geradezu niedcrziehendes Beispiel, daß wir so weit gekommen sind, dah Ford und General Motors-Opel heute auf deutschem Boden im ersten Treffen sozusagen ihre Konkurrenz­kämpfe auskämpfen können? Die Agrarfrage ist die Industries rage: tua res agitur. Sie ist die Städterfrage: 3 Milliarden Lebens­mitteleinfuhr bedeutet die unmittelbare, erneute und über alles dagewefene hinaus gesteigerte Blockadegesahr für die Konsumenten. Die Agrar­frage ist die große entscheidende Sozial- fra.ge: 3 Milliarden Lebensmitteleinfuhr be­deutet etwa ebensoviel Arbeitsvergebung an das Ausland, und bei uns stehen fast 3 Millionen Menschen auf der Straße!

Mit kleinen Mitteln ist nicht mehr zu Helsen. Entweder das Steuer der Wirtschaftspolitik wird nach Bismarckschem Muster von 1879 entscheidend herumgcworfcn oder das Anglück geht unauf­haltsam seinen Weg!

holens prämiiert!

Am augenfälligsten wird diese Tatsache, wenn man den Begriff Qualitätswaren etwas eingehender untersucht. Qualitätswaren werden in Qualitäts- ...... sogenannten Muster-