Ausgabe 
6.2.1929
 
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Nr. 51 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhefsen)Mittwoch, 6. Zebrnar

Oer ausgewiesene Diktator.

Oie Tragödie des Staatsgründers. Oer Schöpfer der Hofen Armee muß Rußland verlassen.

Von Or. Hermann Budzislawsli.

Trotzki wird also in die bürgerlich-kapitalistische Welt zurückkehren, zu der er innerlich längst ge­hört." So kommentieren kommunistische Partei­dogmatiker die Nachricht von der Ausweisung des Mannes, der ein Jahrfünft neben Lenin als Gründer der Sowjetunion bezeichnet wurde. Unter den kapitalistischen Kräften der Welt wird der Revolutionär Trotzki freilich der merk­würdigste Bourgeois sein, den es bisher gegeben hat. Leo Davidowitjch Bronstein so lautet sein Name ursprünglich war schon als Schüler ein der Lehrerschaft verhaßter Umstürzler, hat im Zaren­reich die Leiden der sibirischen Verbannung mehr­mals durchmachen müssen, ist aus vielen europäi­schen Staaten ausgewiesen worden, hat in deutschen und französischen Gefängnissen gesessen und gehört jetzt zu den Sowjetbürgern, deren gegenrevolutio­näre Betätigung darin besteht, daß sie eine Ver­schärfung der Sozialisierung, einen neuen Vorstoß gegen die Nep-Politik, einen ziel­bewußten Kamps gegen das Großbauerntum for­dern. Während die bolschewistischen Führer, die schon in der ersten russischen Revolution des Jahres 1905 dieser Partei angehörten, in der praktischen Sowjetpolitik Schritt für Schritt von der ursprüng­lich oorgrzeichneten revolutionär-marxistischen Linie zurückgewichen sind, um die volle Sozialisierung, den vollständigen Ausbau des kommunistischen Staates auf günstigere Zeiten zu verschieben, hat sich derBouraois" Trotzki, der noch im Jahre 1917 zwischen Menschewisten und Bolschewisten stand, immer weiter nach links geschlagen.

Trotzki, Stalin und Rykow, die sich gegenseitig in verschieden scharfen Tonarten als Bourgeois und mitunter auch als Verräter bezeichnen, können nach ihrer Vergangenheit niemals alsBür­ger" im westeuropäischen Sinne angesehen werden; sie sind die glücklichen oder tragischen Helden eines Familienzwistes, Männer, die früher für ihr ge­meinsames Ideal oft eingesperrt wurden und fast ebenso oft entflohen sind, um sofort ihr Leben wie­der als Agitatoren zu wagen. Leo Davidowitsch Bronstein wurde im Jahre 1877 in Nikolajew im Gouvernement Cherson als Sohn eines wohlhaben­den jüdischen Apothekers geboren. Er besuchte die Peter, und Paul-Realschule in Odessa, mußte ober diese Schule als fünfzehnjähriger Gymnasiast wegen aufrührerischer Reden verlassen. Kurze Zeit hat er an der Universttät Odessa studiert. Damals betei­ligte er sich an der südrussischen Arbeiterliga; als man es entdeckte, wurde er mit 21 Jahren verhaftet und nach Werchojansk in Sibirien ver­bannt. Man weiß, daß dies der Kältepol der Erde ist. Erst im August 1902 konnte der Revolutionär aus dieser Eisholle entfliehen und sich mit einem falschen Paß, der auf den Namen Trotzki lautete, nach England begeben. Von nun ab führte Leo Bronstein den Nomen, unter dem die Welt ihn kennt.

In Westeuropa wurde Trotzki bald ein wichtiges Mitglied der sozialdemokratischen Organisationen. Er arbeitete schon damals mit Plechanow und Lenin zusammen und gab mit dem Führex der bol­schewistischen Partei gemeinsam das revchutionäre Organ31fr a" heraus; doch hatte er auch viele grundsätzliche Streitigkeiten mit Lenin, der ihn zeit­weise scharf bekämpfte. Der Ausbruch der russischen Revolution brachte Trotzki im Jahre 1905 nach Petersburg zurück, wo er als Vorsitzender de» revolutionären Arbeiterrates zu­sammen mit dem gesamten Sowjet bei einer Sitzung verhaftet wurde. Unter Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verschickte man ihn nach Oftfi bitten, und zwar für Lebenszeit. Aber unmitdbar nach der Ankunft in Tobolsk gelang es ihm zum zweitenmal, zu fliehen und sich nun in Wien niederzulassen. Dort schrieb er für die Ar­beiter-Zeitung, arbeitete an derPrawdcll mit, mußte gelegentlich aber auch in einer chemischen Fabrik Beschäftigung suchen, um sich und seine Fa- mllie zu ernähren. Seine erste Ehe, aus der eine Tochter stammt, wurde geschieden; er heiratete dann

eine griechisch-orthodoxe Russin, die ihm zwei Söhne schenkte. Man sagt dem späteren Schöpfer der Roten Armee nach, daß er ein zärtlicher Familienvater gewesen sein soll; aber niemand kann behaupten, daß er im ruhigen Familienleben seßhaft und be­quem geworden sei, milde gestimmt gegen Anders­denkende daß er also in irgendeiner Weise auch nur vorübergehend mit der bürgerlichen Welt Frie­den geschlossen habe. Das Gegenteil ist der Fall. Im Jahre 1910 verfocht Trotzki auf dem sozialdemokra­tischen Kongreß in Kopenhagen mit viel Scharfsinn eine eigene politische Richtung, die Bolschewisten und Menschewisten in gleicher Weise mißfiel. Ueber- all achtete man feine Aufrichtigkeit, seine kritischen Fähigkeiten ohne seine Partei zu ergreifen. Denn Trotzki ist der typischeE i nz e l n g e r", der Mann, der um die Erkenntnis von Deltzusammen- hängen kämpft, die Ergebnisse seiner Ueberlegungen in geistreich geschriebenen Büchern zusammenfaßt, kurzum, ein' Mann der Theorie, dem es nicht liegt, sich organisatorisch in einer Partei zu betätigen, im Kleinkampf Positionen im Partei- apvarat zu erringen.

Im Jahre 1913 war Trotzki vorübergehend als Kriegsberichterstatter für sozialistische Zeitunaen in Konstantinopel tätig. Bald arbeitete er jedoch wie­der in Wien. Die Zuspitzung des serbisch-österrei­chischen Konfliktes veranlaßte ihn, Hals über Kopf Oesterreich zu verlassen, da er fürchtete, bei der Aus­dehnung des Krieges in Oesterreich interniert zu werden. Man sah ihn in Zürich, in Paris und auch in Deutschland, wo er in deutscher Sprache ein Buch über die Ziele und die Ursprünge des Weltkrieges veröffenllichte; dafür wurde er in Deutschland z u acht Monaten Ge­fängnis verurteilt. Aber Trotzki bekämpfte nicht nur die deutschen Kriegführenden, sondern auch die Regierungen der Entente, und wurde deshalb im Dezember 1916 aus Frankreich ausge­rn ie s en , wohin er sich inzwischen geflüchtet hatte. Beim Ueberschreiten der Grenze verhaftete man ihn auch in Spanien; doch erhielt er die Erlaubnis, nach Amerika zu gehen, wo er die ZeitungNowy Mir" herausgab. Unter den brüdei.uftcn Geldjorgen sch ug er sich In Reuyork durch, verschmähte es auch nicht, gelegentlich als Filmstatist aufzutreten, um sich mit feiner Familie notdürftig über Wasser zu halten. Als im März 1917 in Rußland die Revolution ausbrach, sammel­ten Trotzkis Freunde Geld, um ihm die Rückreise zu ermöglichen. Er schiffte sich also auf einem nor« weg schen Dampfer ein, um über Ehristiania und Stockholm in feine Heimat zurückzukehren, wurde aber in Halif ar von den Engländern vom Schiff geholt Und verhaftet. Es bedurft« erst eines Protestes der provisorischen Regierung vor allen Dingen seines späteren Feindes Kerenski um ihm die Weiterreise zu gestatten.

Lenin hotte inzwischen in einem plombierten Wagen Deutschland durchquert, um ebenfalls bi das revolutionäre Zentrum Petersburg zu eilen. Die beiden Männer trafen sich unmittelbar nach chrer Ankunft, verbündeten sich, und Trotzki trat mit einigen tausend Anhängern nunmehr in die bol- schewistische Partei ein. Dorüberaehend wurde er auch in Rußland nochmals verhaftet, weil er sich am Iuli-Aufstond beteiligt hotte. Noch dem gelun­genen bolschewistischen Umsturz übernahm er bann im November 1917 das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten; man entsinnt sich sicherlich noch der große Rolle, die er in den Verhandlungen von Brest °Li- towsk gespielt hat. Stalin und seine Anhänger werfen Trotzki noch heute vor, daß er damals im Gegensatz zu Lenin den fehlgeschlagenen Versuch unternommen hat, den Krieg zu beenden, ohne mit Deutschland Frieden zu schließen. Ms Trotzkis erster außenpolittscher Schritt scheiterte, wurde er sofort durch Tschitscherin ersetzt; Trotzki i selbst wurde Kriegsmini st er und Hot in i dieser Eigenschaft die Rote Armee geschaffen. 1 Doch ist er nicht für den mißglückten Vorstoß der

Das große Grauen.

Roman von H. A. von Byern.

Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

Geleitwort.

Sehr verehrter Herr Verleger!

Wenn ich mich, nach reiflicher Ueberlegung, entschlossen habe, Ihrer an mich gerichteten Auf­forderung Folge zu leisten und einen authenti­schen Bericht über die ebenso seltsamen wie grauenvollen Geschehnisse, welche sich vor nun­mehr zwanzig Jahren in Schloß Serofal zw- trugen, zu veröffentlichen, so tue rch dies wahrlich nicht um die Neugier eines sensationslüsternen Publikums zu befriedigen, sondern wen ich. als einziger noch lebender Augenzeuge und Freund des Herrn Vinzenz von Andrian. die Psi'cht zu haben glaube, den unsinnigen, entstellenden und übertriebenen Gerüchten, die auch heute noch nicht zum Schweigen gekommen sind, entgegenzu-

Kein Roman im üblichen Sinne ist es, was ich Ihnen zu bieten vermag, nur eine wahrheits­getreue Schilderung von Tatsachen, eine 2Irt Chronik, die aber alles Wesentliche enthalt, und der ich einen seinerzeit von mir verfaßten, für das St K. Bezirksgericht in Bregenz bestimmten Bericht zugrunde lege. Als Belege stehen mir Briefe des Herrn Binzenz von Andrian und das von mir gewissenhaft geführte Tagebuch zur Verfügung.

Ich besitze weder den Ehrgeiz, cm literarisches Kunstwerk zu schaffen, noch Probleme aufzurvllen, die aller menschliche Scharfsinn doch nicht er­gründen kann. Jede Ausschmückung würde immer nur grotesk wirken, ich beschränke mich also darauft lediglich Tatsächliches zu bringen. Und wenn dies oder jenes unwahrscheinlich wirken sollte, so bitte ich zu bedenken, daß das Leben ost Tragödien schreibt, die seltsamer sind als die ausschweifendste Phantasie eines Derufsschrist- stellers sich je träumen läßt. .

3n der Hoffnung, daß diese Blätter dazu bet* .fcaaen mögen, das Andenken eines mir teueren

Toten vor übler Rachrede und legendärer Sagen­bildung zu schützen, bin ich, sehr verehrter Herr Verleger, mit dem Ausdruck vorzüglichster Hoch­achtung.

Ihr Ihnen aufrichtig ergebener

H. 21. von Byern.

Das Licht erlosch. Weiche, weiße, wehende Rebelschleier zogen aus der Aue herauf, form­ten sich zu phantastischen Gebilden, zersiatter- ten im Hauch des Abendwindes zu breit hin- gelagerten Streifen und ballten sich von neuem. Im Wallgraben quarrten die Frösche. Eine RachtschwaLe surrte hart an mir vorüber, gegen den fahlgelben, allmählich in ein blasses Aqua- marinblau übergchmden Abmdhimmel zickzackten Fledermäuse. Wie ruhelose Seelen, dachte ich unwillkürlich. And von irgendwoher klang in das träumende Schweigen der Augustnacht fernes Glockenklingen, vom Winde halb ver­wehte, sehnsüchtige Stimmen. Droben am Fir­mament flimmerte in weltenweiten Fernen ein ßternlein auf, nun noch eines, ein drittes, vier­tes. Düsterrot glomm das Feuer meiner Ziga­rette durch das Dunkel. So still war es hier im Park, so einsam und friedvoll...

lieber den knirschenden Kies kommen eilige Schritte. Unwillkürlich kniff ich die Augen zu­sammen:

Was gibt es denn, Wilhelm?"

Der Diener legte eine schwarzlederne Mappe vor mich auf den Tisch:

Die Abendpost, gnädiger Herr ...

Ach so. ja. richtig."

Ich stand auf und ging nach dem Herrenhaus hinüber, trat in mein Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch brannte die grünbeschirmte Lampe, ein Strauß weißer, ungarischer Moo rosen stand daneben. Mit dem Heinen, flachen Schlüs'el öff­nete ich die Mappe, zwei Zeitungen fielen her­aus und ein einzelner Brief. Unschlüssig drehte ich das Schreiben einen Augenblick lang in der Hand. Dichtes, schweres, gelbliches Düttenvapier, auf der Rückseite ein Wappen in Hochrelief: drei Lilien im oberen Feld, unter dem Schräg­balken zwei gekreuzte Schlüssel. Wo nur hatte ich das schon gesehen? Aber bann blickte ich auf die Marke, den Poststempel...Bregenz, 22. 8.

Roten Armee auf Warschau verantwortlich, der im | Jahre 1920 auf Lenins ausdrücklichen Befehl gegen Trotzkis Einwände versucht wurde. Unmög­lich, aufzuzählen, was er in den ersten Revolu­tionsjahren alles für die Sowjetunion geleistet hat. Er organisierte den Widerstand gegen die Weißen Heere, schuf Arbeiterarmeen für den Brückenbau und die Instandsetzung der Eisenbahnen, und hat später, als man ihn unmittelbar nach Lenins Tod aus dem Kriegskommifsariat vertrieb, für die Elek­trifizierung Rußlands gearbeitet. Lenin bezeichnete ihn in seinem politischen Testament als den ein­zigen Man von Format, der sein Nachfolger wer­den könnte, warnte dagegen vor Stalin. Aber Stalin hat gesiegt!

Reparation und - Gerechtigkeit.

Von Or. August Messer, o. ö. Professor der Philosophie an der Universität Gießen. Die Pariser Konferenz soll, wenn irgend mög­lich, eine endgültige Regelung der Repa­rationsfrage bringen. Angesichts dessen muß es schwerste Besorgnis erregen, daß diese Regelung auf einer gänzlich unhaltbaren Grundlage erfolgen soll. Als Grundlage hält man ja immer noch fest an einer Unwahrheit. Denn daß ber § 231 des Versailler Friedens Vertrages, der lediglich Deutschland und seine Verbündeten als dieUrheber" des Krieges bezeichnet und sie deshalb allein füralle Verluste und Schäden verantwortlich" macht, nicht den geschichtlichen Tatsachen entspricht, darüber kann doch eigentlich bei allen Urteilsfähigen im In- und Ausland ein ernsthafter Zweifel nicht mehr bestehen. (Ver­wiesen sei hier auf das jüngst erschienene Buch des Major a. D. Dr. h. c. Alfred von Wegerer, Die Widerlegung der Versailler Kriegsschuld­these" [Berlin, Verlag Hobbingj).

Man mag verschiedener Meinung sein über das Maß der Verantwortlichkeit, das den ein­zelnen kriegführenden Mächten zuzusprechen ist: daß Deutschland mit seinen Verbündeten allein den Krieg verursacht habe, ist eine schlechthin unwahre Behauptung. Auf diese Unwahrheit aber gründet man die Forderung, daß Deutschland allein die .Reparation" zu leisten habe. Das bedeutet: man häuft auf die Unwahr­heit noch schwerste Ungerechtigkeit! Roch immer aber hat der alte Satz, daßGe­rechtigkeit die Grundlage der Staaten" sein muß, nichts von seiner Gellung und Verpflichtungskraft verloren!

Wie aber soll man zu einer gerechten Lösung der Reparationsfrage kommen? In welchem Grade sich die Verantwortung verteilt, das läßt sich jedenfalls heute noch nicht mit wissenschaft­licher Bestimmtheit sagen, und wird sich voraus­sichtlich niemals so genau bestimmen lassen, daß danach das Maß Der Reparativnspfticht fest- gestellt werden könnte. Aber daran kann kein Zweifel herrschen, daß alte Verantwortung tragen an ber geizigen Atmosphäre des gegenseitigen Mißtrauens und Argwohns, des steten Strebens nach Machterwetterung. des Wett­rüstens. des fatalistischen Glaubens an den großen Krieg,der doch einmal kommen müsse" und tn den man dann, zum Teil unter dem Ginflusse dieses Wahnglaubens, hineintaumelte.

Wenn man an diese ganze unfefiae Geistesverfas­sung denkt, aus der man sich ja jetzt durch Völker­bund, SchiedsgerichlSverträge. Abrüstung, Kriegs­ächtungspatt mühselig genug herauszuarbeiten krachtet, wenn man erwägt, weich' namenlose Schwierigk i e i sich bei d efen Bemühungen Heraus­stellen, so wird man allmählich zu der Ginsicht kommen, wie unpsychologisch und wie in tieferem Sinne ungerecht es ist. Staatsmänner und Heer­führer, die ganz in jener vom Kriegsgeist erfüllten Atmosphäre ausgewachsen tn den Wochen vor dem Kriegsausbruch aus diesem Geiste heraus ihre Entschlüsse faßten,mora­lischer Schuld" zu zeihen. Well die gesamte geistige Verfasiung der sog. .Kulturstaaten bis dahin derart war. daß aller Wahrscheinlichbeit nach über kurz oder lang ein Weltkrieg zu er­warten stand, so sollte man das fruchtlose Be­mühen, das 'Maß der .Schuld^' festzustellen, lieber auf geben; man sollte freilich auch nicht zu dem bequemen Trost greifen: Alles warSchicksal",

02. llnd nun wußte ich, von wem der Bries kam ... Mit dem vorn zugefpitzten Falzbein öffnete ich den Umschlag, ein engbeschriebener Bogen fiel heraus:

Schloß Terosal in der Oed, am 22. August 1902. Mein lieber Aller!

Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt!" Seit wir uns vor einem halben Iahr tn St. Moritz trennten, hast Du nichts wieder von mir gehört, aber heute endlich will ich Dich an Dein Ver­sprechen mahnen und anfragen, ob eS Dir paßt, wenn Du vom 1. bis 4. September bei mir auf den Geweihten birfchst? Aus den Geweihten, denn ich habe Dir einen für unsere Bergreviere mehr als braven Eissprossenzehner faltaeftellt, und ein Gams wird wohl auch noch abfallen. Die Zeit ist kurz, die Reife weit, aber am 5. will ich selbst als Gast auf ein ungarisches Revier fahren, llebrigens, Du triffst noch drei Kon­kurrenten an: den Poldi Pürkstein vom Aus­wärtigen Amt in Wien, Rittmeister Graf Pernegg, einen meiner Rachbarn, und schließlich meinen ungarischen Iagdsreund: Franz Iosef Ritter von Molnar. Also .eine ganze Hetz, wie wir hier sagen, ich habe Hali gern das Haus voller Gäste, ist sonst eh' nichts los, hier In der Oed. Richt wahr, Alterle, Du kommst? Ich muh mal wieder einen vernünftigen Menschen sehen, einen, mit dem ich von der anderen Welt plauschen kann, die unsere Leute hier nicht kennen, von dem Safari durch afrikanischen Duschwald, von den Rächten unter dem Kreuz des Südens Weißt Du noch?!--"

üntoilltürlid) ließ ich den Bries sinken. Ob ich das alles noch wußte! In Shepheards Hotel in Kairo hatten wir uns zum erstenmal getroffen, Vinzenz von Andrian und ich. Er sah an einem kleinen Ecktischchen, und da kein anderer Platz frei war, trat ich an ihn heran: »Gestatten? »Bitt schön!" »Ah ein Landsmann? Wohl Bayer?" _ ,

Er lächelt, daß die starken, schlohweißen Zahne in dem tiefbraunen Gesicht blitzten. »Richt doch, ich bin Oesterreicher, Tiroler Vinzenz von Andrian!" stellte er sich vor. Run nannte auch ich meinen Namen. So kamen wir ins Gespräch. Er hob sein Glas, in dem prickelnder Schaumwein perlte:Gestatte mir, Sie sind Säger? Da-

und nier xmb trugSchuld". Vielmehr sollten wir und ft gen: wir mache n uns jedenfalls jetzt und inZukunftschuldig, wenn wirnachher gewaltigen, mb schmerzhaften Lehre, die der Welt­krieg dem ^.Menschengeschlecht erteilt hat nicht alle Kraft daran setzen, aus jener stets kriegs- schwangeren Geisteslage heraus in das neue Ethos eines mcnschheitlichen Solidaritätsbewußt- seins und emporzuarbeiten. Ein entscheidender Schritt auf dieser Dahn aber würde fein eine gerechte Lösung der Reparationsfrage, die nicht auf bewußte Unwahrheit sich aufbaute und herausäeboren wäre aus Völterhaß undRachettieb Vielmehr müßte die Lösung stammen aus dem toerbenßen Gemeinschaftsgefühl, dem die Zukunft gehört, oder doch gebührt. Der leitende Gedanke dieser gerechten Lösung aber müßte fein: Richt Deutschland allein hat die Pflicht. Europa wieder aufgubaucn, sondern alle haben daran tellzunehmen. je nach ihren Kräften!

ÄerFranksutterEtatfüri92S/3ü

WER. Frans ur t a. M, 5. Febr. Der in der heutigen Stadtverordnetensihung mit einer saft einftünbigen Rede des Oberbürgermeisters Dr. Landmann vorgelegte Haushalts­voranschlag für 1 9 2 9 schließt diesmal nvt rund 163.8 Millionen ab. was gegenüber dem Vorjahre, wo et mit 149 Millionen abschloh, eine Vermehrung von rund 14,8 Mil­lionen ausmacht. Davon entfällt auf die Ko­sten der allgemeinen Verwaltung eine Mehr­ausgabe von 750 000 Mk. gegenüber dem Vor­jahr. während diö Betriebe und Unternehmungen sogar 2.7 Millionen Mehrausgaben zu verzeich­nen haben, deren Ausgaben von 18,8 auf 21,5 Millionen gestiegen sind. Durch die Siedlungs­und Grundstückspolitik der Stadt sind die Kosten der Bauverwaltung ebenfalls erheblich höher an- gesetzt als im Vorjahr, nämlich mit 12,6 Millio­nen gegen 10,9 Millionen im Vorjahre, also 1,7 Millionen mehr. Gleichfalls erfordert die Wohlfahrtspflege bedeutende Mehraufwendun­gen, deren Ausgaben statt 41 Millionen im Vor­jahre diesmal mit 44,4 Millionen im Etat einge­stellt sind. Auch die Kosten der Finanzverwal­tung sind um 3,2 Millionen höher angefetzt. Es ergibt sich also insgesamt sämtliche Mehr- ersotdernisse sind hier nicht aufgezählt eine Mehrausgabe von rund 14,8 Millionen.

Wie sich der Kämmerer die Deckung diese' Mehrausgabe denkt, geht aus folgender Ausstellung hervor: Erhöhte Einnahmen der Be­triebe, Unternehmungen, Verwaltungen usw. 6.58 Millionen. Gewerbesteuer der städti- schen Betriebe die bisher davon befreit waren 1,2 Millionen (dieser Posten ist natürlich nur eine buchmäßige Einnahme, da der lieber» schuß der Gesellschaften um denselben Betrag gekürzt wird, doch dürfte dadurch eine nicht un­erhebliche psychologische Wirkung auf die Ge­sellschaften ausgeübt werden, um den Betrieb rentabel zu gestalten). Erhöhte Uebertoeifxmgen von Reichssteuem 1,20 Millionen, «ufanr men 9,98 Millionen. Es verbleibt also ein Rest von 5,6 Millionen, der durch Steuer - oderTariferhöhungen erzielt werden nmh. 1,5 Millionen hofft man durch die Srträgnisfe der bisherigen (Steuern mehr herein« zubringen, wenn auch nicht verkannt brtro, daß manche Steuern, z. B. die Grunderwerbssteuer, einen Mindererttag haben werden. Es bleibt somit ein ungedeckter Rest von 4,1 Millionerude« durch neue Steuern gedeckt werden muß. Man benft dabei an die Erhöhung der Gewerbe- erttagssteuer von 400 auf 460 Prozent (Mehr­er trag 1,6 Millionen), Erhöhung der Grund- vermogenssteuer von 200 auf 225 Prozent (Mehr- ertrag 1,4 Millionen) und an die Schaffung einer neuen Steuer, einer Hauspersona l - a b g a b e , von der man eine Einnahme von 1,1 Millionen erhofft. Die Sätze dafür betragen für das erste Mädchen 60 Mark, für das zweite 200 Mark usw. bis etwa 800 Mark. ES werden aber, besonders für das erste Mädchen, triefe Besreiungsmöglichkeiten geschaffen. werden.

Die ©tabtverorbneten werden sich nun mit diesem Etat, der übrigens zum erstenmal noch preußischem Muster kein Extraordinarium aufzuweisen hat, aus« einanderzusstzen haben. Besonders harte Kämpf«

bei deutete er mit den Augen auf die Hirsch- hakennadel, die ich in meinem Selbstbinder trug. ,3a allerdings, übermorgen Witt ich mit dem Bürgermeister" weiter fahr en nach Tanga, vo« dort auS in die llsarnoarastevpe, wenn möglich bis zum Kilimandscharo . . / »Ach nein! Da haben wir ja denselben Weg! Ich benutze auch den Woermanndarnpser, also dann Weid­mannsheil!"

Den Rgchmittag und Abend über blieben wir zusammen, bummelten durch die Straßen, und als wir uns am anderen Morgen wieder trafen, machte ich ihm den Vorschlag, auch fernerhin 6ei* fammen zu bleiben. .Akzeptiert! Aber gern! Schauen 6, Baron, ich bin ein einschichtiger, alter Einzelgänger, hab' nit Kind noch Kegel, nur so a alt s Raubritterschloh drin tn der Oed, Terosal no ja, da kann ma auch nit ewig hocken, und deshalb reis' ich. nach Indien, Norwegen, in die Pampas, diesmal is' der schwarze Erdteil an der Rech', der Mensch mufe alles kennen fernen, nit?

Wenn er ba£ nötige Kleingeld und Zett hat . . ., entgegnete ich schmunzelnd.

Ach gengan S' Gold! Göld is' an Dreck, mei Liaoer, für mich gibt's nur eins: Iagdl"

»Dann sino Sie zu beneiden, Herr von An­drian l"

Ich weih selbst nicht, wie das kam, aber der Mann war mir nun einmal sympathisch. Viel­leicht lag es nur daran, daß sich die Gegensätze anziehen, und er, der liebenswürdige, lebens­frohe Oesterreicher war so ganz anders als ich,, den das schwere Blut des Tieflands zu einem Träumer und Grübler gemacht hatte. Aber ein Gemeinsames gab es doch zwischen uns, das ein stärkeres Band war als die Stammeszugehörig­keit: die tiefe Liebe zu Wild und Wald, zum echten deutschen Weidwerk. llnd in dem gan­zen Wesen meines Gefährten war etwas so oor^ niges, knabenhaft Heiteres, das ihn mit BeB machte wie einen Bruder.

So blieb es denn bei unserer Verabredung. Vier Monate lang lebten wir Seite an Seite, waren uns mehr geworden als nur treue Kaine^ raben ,Du, lagen gemeinsam in dem kleinen Zelt und lauschten auf uie geheimnisvollen Stimmen der Nacht, das Flüstern deS W'nds» m dem