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Rr. 285 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 5. Dezember 1929
Der Reitergeneral.
Zu Mackensens 80. Geburtstag.
Generalfeldmarschall von Mackensen, jedem Deutschen als einer der großen Heerführer des Weltkrieges bekannt, feiert am Freitag seinen 80. Geburtstag. Wer ihn gesehen hat, in voller geistiger und körperlicher Frische, die schlanke sehnige Gestalt, das Uroild deS Reiters, der wird diesen Mann mit den leuchtenden Äugen nie vergessen. Mackensens militärischer Werdegang ist bekannt. Er ist einer der wenigen Heerführer gewesen, die niemals Generalstäbler waren, sondern stets ein Truppentommando hatten. 2lls Kommandeur des 17. Armeekorps, das sich im wesentlichen aus dem uns entrissenen Westpreuhen rekrutierte, ging er in den Feldzug und verteidigte zunächst Ostpreußen gegen den ersten Russeneinsall. Dann wurde er der Führer der 9. Ärmee, die in Polen siegreiche Kämpfe gegen weit überlegene russische Streitkräfte durchfocht. Sein Werk ist im Jahre 1915 der berühmte Durchbruch am Dunajec gewesen, bei dem ihm der spätere Chef der deutschen Heeresleitung, General von S ee ck t, als Generalstabschef treue Dienste leistete, jener Durchbruch, der zur Äufrollung der gesamten russischett Front führte, und die Zerschlagung der russischen Armeen in die Wege leitete. Schuld der militärischen Führer im Osten ist es sicher nicht gewesen, weim die dort errungenen Siege nicht zur Herbeiführung eines billigen Friedens mit Rußland, sondern — zur Gründung des Königreichs Polen benutzt tourten. Später kommandierte Mackensen eine Heeresgruppe an ter Südfront und geriet sogar bei dem allgemeinen Zusammenbruch in Gefangenschaft.
Er ist ter Typus des ritterlichen preußischen Offiziers. Pflichttreu gegen sich selbst, anspruchsvoll gegen seine älntergebenen, aber dabei fürsorglich, das si nd die Eigenschaften, die zu einem guten preußischen Offizier gehörten und die Generalfeldmarschall von Mackensen in so hervorragendem Maße besitzt. Es ist bekannt, daß das Herz des Achtzigjährigen der alten Zeit gehört. Das hat ihn aber niemals gehindert, gerate ter deutschen Jugend Pflichttreue gegen den Staat zu predigen. Immer wieder hat er die GelegenhÄt, bei den großen Aufmärschen des Stahlhelms benutzt, um ter deutschen Jugend einen Begriff von den Eigenschaften zu geben, die der Staat von seinen Mitbürgern verlangen muß, wenn er gesund bleiben soll. Dem jugend- frischen Jubilar wünscht das ganze Volk noch einen langen gesegneten Lebensabend. Möge die Saat, die er immer wieder in die Herzen ter deutschen Jugend streut, aufgehen zum Segen des Vaterlandes I
Ritterliche Feinde.
In London hat sich eine sehr merkwürdige Begegnung vollzogen. Der Führer der deutschen Truppen in Ostafrika während des Weltkrieges, General von Lettow-Vorbeck, weilte als Ehrengast auf einem Festabend ter ehemaligen britischen Ostafrikakämpfer, der von Lettow-Vorbecks Gegner. General Smuts, geleitet wurde. Die beiden Heerführer, die sich früher feindlich aegenübergestanden hatten, wurden mit großer Begeisterung begrüßt. Rach dem Trinkspruch auf den englischen König folgte der auf den deutschen Reichspräsidenten. General Smuts hieß den Gast willkommen unb betonte, daß es sich jetzt darum handele, freundschaftliche Empfindungen zu pflegen, die sogar auf dem Schlachtfeld geherrscht hätten. Denn wenn die Gegner sich auch zu schaden versucht hätten. Erbitterung habe es nie gegeben. Lettow-Vorbeck
Das Erbe des Herrn vonAnfietten.
Romern von 3- Schneider-Foersil.
älrheber-Rechtsschntz durch
Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.
18. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Sag'n tuns — —" Würz hielt verlegen inne und setzte wieder zum Sprechen an, „ter Herr Baron ist ungeschickt, wann er's so genau nimmt und koa Schritterl auf die Seit'n geht, wos doch die gnädige Frau auch net grab streng halt mit dem Verheiratsein."
Anstetten schlug das Blut ins Gesicht. „Das ist alles Verleumdung, Stefan. Ich habe doch auch meine Augen offen. — Unb zudem — wenn bu gerecht denkst — ist sie ja eigentlich Witwe."
„Rach meiner Ueberzeugung net,“ erregte sich Würz. „Ich glaub, wann ich an dem Herrn Baron seiner Stellen wär, ich — — —"
Er mußte den Sah unterbrechen, denn Bernd kam den Hang heraufgeloufen und schwenkte schon vom weitem den Hut. „Vater, too bleibst du denn! — Ich habe mich schon heiser geschrien, weil Friedrich sagte, du wärest nach dem Wald gegangen. — — — Guten Abend, Stefan."
Er reichte dem jungen Menschen die Hand und schob dann seinen Artn in den des Vaters, wartend. bis dieser das „Gute Rächt" des Jägers erwidert hatte.
Reben ihm herschreitend, sagte er knabenhaft naiv: „Ich hätte gar nicht geglaubt, daß sich die Mama so fürchterlich um dich sorgen könnte!"
„Hm mich?" Anstetten sah ihn ungläubig an.
Bernd nickte ernsthaft. „Deswegen bin ich ja auch fortgelaufen, dich zu suchen. — Sie war ganz außer sich, als du zum Abendtisch nicht kamst und meinte, es müßte dir etwas passiert sein, denn das hättest du iwch nie getan, daß du wegbleibst, ohne ihr Bescheid zu geben.“
Der Baron setzte langsam Schritt für Schritt und fühlte das Pulsen seines Blutes. Am Eingänge des Hochwaldes tauchte Friedrich auf, wartete aber gar nicht auf das Räherkommen der beiden Herren, sondern machte rasch wieder kehrt.
In Anstettens Ohren brauste und dröhnte es. — Hans Peter, begehe ich einen Raub an dir? —
Er wollte nach seinem Zimmer gehen, sich umzukleiden, da Bogners Gewand ihm etwas weit am Körper hing, aber Bernds Stimme flehte so dringend: „Komm erst zur Mutter!" Und als er trotzdem den Weg nach seinen Räumen einschlagen wollte, stieß ter Knabe erregt hervor: „Vater! — ich ertrage das einfach nicht mehr, wenn das so weitergeht."
sprach nur einen Sah als Politiker: „Wenn General Smuts von Frieden gesprochen hat, so bin ich überzeugt, daß er einen Frieden meint, unter dem auch ein großes und stolzes Volk leben kann, ohne an sich selbst zu verzweifeln." Durch diesen einen Satz wurde die Londoner Kundgebung weit über den Rahmen dessen erhoben, was sich sonst so häufig auf internationalen Verbrüderungsfesten mit pazifistischem Anstrich abspielt. Ein konservatives englisches Blatt gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß die Veranstaltung sich von jedem sentimentalen Pazifismus ferngehalten habe. In der Tat sehen auch wir das Erfreuliche darin, daß aufrechte Männer miteinander gesprochen haben, ohne sich die verlogenen Redensarten vermeintlicher Friedensfreunde zu eigen zu machen. Der englische Soldat versteht ein solches offenes Wort ganz gut. Er würde es für einen Mangel an Ehrlichkeit gehalten haben, wenn der deutsche Führer ter Ostafrika-Truppen an dieser Stelle nicht ein Bekenntnis für einen gerechten Frieden, unter dem unser Volk leben kann, abgelegt hätte.
Es war sicherlich nicht unbeabsichtigt, daß Lettow-Vorbeck in diesem Zusammenhang auch das Wort sprach. General Smuts sei nicht nur ein tapferer Soldat und ein kluger Heerführer gewesen. sondern er habe auch viel Menschlichkeit bewiesen und Achtung empfunden vor dem Menschenleben auf anderer Seite, er habe ferner eine sehr angemessene Achtung vor dem feindlichen Privateigentum gezeigt. Diese Worte richteten sich offenbar an öic Adresse des englischen Schahkanzlers Snowden, von dem man leider das gleiche nicht behaupten kann. Lettow-Vorbeck wies darauf hin, daß es in England und in Deutschland Leute gebe, die nicht damit einverstanden seien, daß er ter Smuts- schein Einladung gefolgt sei. Er habe sie trotz
dem angenommen, weil er in Smuts einen gerechten, tapferen und ehrenhaften Gegner erblicke, er sehe in der Einladung nicht nur eine Höflichkeit gegen den deutschen General, sondern auch ein Zeichen ter Achtung für die braven Offiziere und Mannschaften, die auf deutscher Seite gefochten fjätten. Der Beifall, der diesen Worten folgte, beweist, daß Lettow-Vorbeck in England verstanden worden ist. Mit solchem Auftreten wird der Achtung des deutschen Ramens im Auslande sicherlich großer Ratzen erwiesen.
Ein neues Kabinett in Belgien
Die belgische Regierungskrise ist gelöst, I a s p a r, der den Auftrag erhalten hatte, ein neues Kabinett zusammenzustellen, hat dem König bereits die Ministerliste überreicht. Er ist also sein eigener Nachfolger geworden, auch Katholiken und Liberale haben sich wieder zusammengefunden. Die Regierungskrise war lediglich deswegen damals ausgebrochen, weil Jaspar non dem liberalen Ministern die sofortige Zustimmung zur F l a m i • sierung der Genter Universität verlangt hatte und ihnen nicht gestatten wollte, sich vorher das Einverständnis ihres Parteikongresses geben zu lassen. Inzwischen ist auf dem Parteitag ter Liberalen eine Resolution angenommen worden, die sich nicht gegen die Verflamung ausspricht, wohl aber verlangt, daß in Flandern die französische Kultur nicht vollkommen beseitigt werden soll. Es ist also alles in Ordnung, Katholiken und Liberale konnten sich wieder in einer Koalition zusainmenfinden. Eine andere Möglichkeit war nicht gegeben, da die S o - io listen schon vor Wochen beschlossen hatten, sich an keiner Regierung zu beteiligen, solange das erst vor kurzem gewählte Parlament nicht auf« gelöft fei.
„Hände hoch - Kriminalpolizei!"
Was ich in ISjäforigem Kampf gegen das internationale Verbrechertum erlebte.
Von Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht.
Copyright by Greiner & Co., Berlin NW 6.
XIII.
Verbrecherehre.
Ein interessantes Kapitel ist die „Verbrecher- ehre". Das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich bezeichnet als Verbrecher nur den Gesetzesfrevler, dessen Straftat mit einer Zuchthausstrafe oder mit mehr als fünfjähriger Festungshaft bedroht ist. Anders aber der landläufige Begriff „Verbrecher", unter dem eigentlich alle zusammen- gefaßt werden, die getoerbs- oder gewohnheitsmäßig gegen Strafgesetze verstoßen haben, mögen sie auch nur kürzeren Gefängnisstrafen verfallen fei. So gelten gemeinhin Zuhälter, gewöhnliche Diebe und Betrüger als Verbrecher, trohteni sich ihre Delikte strafrechtlich nur als Vergehen hinstellen, wogegen man die Festungs- gefangenen gerne mit dieser Bezeichnung verschont, auch toeim sie durch eine mehr als fünfjährige Strafe auf die Bezeichnung „Verbrecher" rechtlich Anspruch haben. Delikte gegen die Sicherheit des Staates und unterer politischer Ratur sind, mit Festungshaft bedroht, bei einigen von ihnen überläßt das Gesetz die Entscheidung, ob auf Zuchthaus ober Festungshaft zu erkennen, dem Gericht. Das Motiv, das zur Begehung der strafbaren Handlung Veranlassung gab. ihr zugrunde lag, ist für die Wahl der Straftat ausschlaggebend. So kann es des
halb leicht geschehen, daß für ein und dieselbe strafbare Handlung der eine Täter zu einer Zuchthausstrafe verurteilt wird, während der andere mit einer, wenn auch längeren Festungs- strafe davonkommt. Der erste hat eben aus niederen, gewinnsüchtigen, der andere aus edleren Motiven heraus sich gegen das Strafgesetz vergangen. Von den Münchener Spartakisten wurden aus diesem Grunde seinerzeit eine größere Anzahl der Festungshaft und andere wieder dem Zuchthaus zugeführt. Daß diese Festungsgefangenen, die nach landesüblichem Strafgesetz ein Verbrechen begangen haben, noch Ehrgefühl besitzen können, oft sogar gerate ein ganz besonders stark entwickeltes Ehrgefühl, liegt auf der Hand. Diese Leute sollen auch bei den folgenden Betrachtungen aus dem Spiele bleiben. Wir wollen uns nur mit dem gewöhnlichen Verbrecher beschäftigen, dem 'Verbrecher, dessen Straftat das Gesetz mit Zuchthaus bedroht, und mit all dem Gesindel, das man landläufig eben mit „Verbrecher" bezeichnet.
Aber auch hiervon müssen wir von Dorn- herein die Leute ausscheiden, die auf Grund ' anormaler Veranlagung zum Verbrecher wurden, oder aber, was besonders bei Meineidsfällen gar nicht so selten vorkommt, aus menschlich verständlichem Ehrgefühl heraus, ihre eigene Ehre geopfert haben, um die eines anderen zu
Anstetten zuckte zusammen. „Dann komm!"
Die Baronin stand weiß wie ter Tod, in ihrem kleinen Salon, als Sohn und Gatte bei ihr eintraten. „Das war rücksichtslos!" warf sie ihm zornig hin.
„Mutter!" Bernd lief auf sie zu und schloß ihr den Mund mit dem seinen.
„Was war rücksichtslos?" In Hans Peters Augen flammte es auf. Jedes Wort, das er heute gehört hatte, erwachte in seinem Erinnern.
„Daß du toegbleibft, als ob bu keine Verpflichtungen hättest! — Daß du deine Wege gehst, als wären Bernd und ich Luft! Daß du es gar nicht der Mühe wert findest, Bescheid zu sagen, wenn bu einmal nicht am Tisch erscheinst."
„Ist bas so fürchterlich?" — Er konnte den Spott in seiner Stimme nicht mehr dämmen. „Gibst bu mir Befcheib, wohin du gehst?--
Weih ich, too bu dich aufhältst, wenn du ganje Rachmittage toegbleibft? — — Bernd, laß mich ein paar Minuten mit der Mutter allein." Er zeigte bittend nach ter Türe.
Der Knabe verlieh den Raum.
Anstetten hatte inzwischen seine Fassung wie- tergefunten. Er stand hochaufgerichtet und schob den Stuhl, den Brunhilde ihm zugeschoben hatte, von sich. „Ich habe auf einen anderen Empfang gerechnet. — Bernd sagte mir, du hättest dich gesorgt." Aus seinen Worten sprach offener Hohn.
Mit ihrer Selbstbeherrschung war es 511 Ente. „Du bist eben ein Rarr!" Ihre Stimme schrillte. „Der gleiche Rarr, der bu warst, ehe du nach Indien gingst! — Jeder andere würde sich nehmen, was ihm gehört, jedem starken Arm würde ich mich beugen — — aber einer Memme, wie du — —“
Sie kam nicht weiter.
Zwei eiserne Hände drückten ihre Achseln zurück: zwei Arme preßten sie so fest gegen seinen Leib, bah ihr Kopf wehrlos gegen die Bsust des Mannes glitt, der wieder und wieder feine Lippen in die ihren wühlte.
Mit kechenden Lungen gab er sie frei, daß sie taumelnd Halt an der Marmorverkleidung der Heizung suchen wußte.
Ihr Gesicht war entstellt, während das seine bleich von der roten Tapete der Wand abstach.
„Entschuldige--wenn ich zu weit ging!“
Sie mied es, ihn anzusehen.
Er griff nach der Wasserkaraffe auf dem Tisch, goß ein Glas davon ein und reichte es ihr.
„Trink, bitte!“ Er starrte nach ihren Oberarmen, auf deren Weiher Haut sich seine Finger abprägten. „Vielleicht legst du etwas Puder darüber." Er fühlte, wie ihn eine Art Schwindel erfaßte und ihn nach rückwärts taumeln ließ. „Du hast mich soweit gebracht — daß ich vergah — wie rechtlos ich bin."
Unter halbgeschlossenen Lidern sah sie nach ihm hinüber. „Es fehlt nur noch, bah du sagst, wir
leben im Konkubinat unb ich mühte mich schämen, wenn bich jemanb aus meinen Zimmern gehen sieht."
Er erblaßte bis in die Lippen, fühlte, bah er unfähig war, bic Füße vorwärts zu sehen, und benützte die beiten Seitenlehnen des Stuhles als Ruhepunkt. „Vielleicht entschuldigst bu für heute, es wäre mir unmöglich, jetzt mit Bernd zusammenzutreffen."
„Hans Peter 1"
Er bricht zusammen, dachte sie unb machte erschrocken einen Sprung nach ihm hin. „Gott, der Junge ist doch keine zehn Jahre mehr. Komm herüber in mein Schlafzimmer, bitte und bring dein Haar in Ordnung. Vielleicht nimmst du einen Schluck Kognak. So kannst du bich ja gar nicht sehen lassen."
Wie ein Rachtwandler ging er neben ihr her, sah ben intimen Raum, der den Duft ihrer Persönlichkeit ausströmte und muhte den Kopf etwas hintenüber legen. Sie reichte ihm ihre weihe Dürste und entfernte ein Blondhaar, das sich an seinem Aermel verfangen hatte.
Ein undefinierbares Zucken spielte um ihren Mund, als sie ihm jetzt ein Glas Kognak an die Lippen hielt.
„Ich danke dir. Brunhilde!" Er hob ihre Finger hoch und konnte nicht verhindern, daß sie dabei das Hämmern seines Blutes fühlte, das durch seine Adern raste.
„Wäre es dir lieb, wenn ich hier in meinen Zimmern servieren liehe?"
Eine Welle Blutes jagte über sein noch eben fahles Gesicht.
Sie hatte schon auf die Klingel gedrückt: „Friedrich soll in meinem kleinen Salon decken", befahl sie dem eintretenden Mädchen. „Sagen Sie es auch dem jungen Herrn Baron, er mochte heraufkommen, damit er nicht vergeblich wartet,"
Als Bernd einige Minuten später eintrat, sah er die Eltern in ruhigem Gespräch an tem kleinen, runden Tische sitzen, den Friedrich in aller Eile geordnet hatte. Der Vater war zwar etwas blaß und wortkarg, aber dafür trug das Gesicht ter Mutter einen frohen, beinahe belustigten Ausdruck.
Cs wurde ein schöner Abend, wie man ihn noch nie erlebt hatte, seit Anstetten aus Indien zurück war. Bernd kühte seine Mutter beim „Gute Rächt" sagen mit solchem ilngeftüm, bah sie sich seiner kaum zu erwehren wußte.
Anstetten löschte im Schlafzimmer sofort das Licht und warf sich ruhelos von einer Seite nach der anderen: „Hans Peter! — Verzeihe mir, Hans Peter! — Aber es war stärker als alles!"
Bernd horte den Vater stöhnen und richtete sich in den Kissen auf: „Bist bu nicht wohl, Papa?"
schützen. Daß ein solcher Verbrecher trotz seiner Zuchthausstrafe immer noch Ehrgefühl haben kann, wird wohl niemand bestreiten. Wie steht es nun aber mit den anderen, den gewerbs- oder gewohnheitsmähigen Verbrechern, dem schweren Jungen, dem Diebe, Gauner. Zuhälter, Bauernfänger. Falschspieler, ter Dirne usw., kurz den Leuten, deren Strasdelikte zweifellos eine ehrlose Gesinnung zeigen? Völlig bar jedes Ehrgefühls und jeder Empfindung von Ehre und Pflicht leben sie ihr Verbreicherleben, und es gehört wohl zu den seltensten Ausnahmen, wenn man bei einem dieser Leute auch nur einen Rest von Ehrgefühl antrifft, ilnö dennoch ist es Wohl jedem erfahrenen Kriminalpraktiker schon vorgekommen, daß er auch in der Seele eines solchen Verbrechers ein kleines Fünkchen von Ehrgefühl glimmen sah und durch geschickte und eindringliche Vorhaltungen ehrliche Reue erwecken konnte. Selbst ter verstockteste Verbrecher hat Momente, in denen er weich wird und dann Zuspruch und Ermahnungen zugänglich ist. Hier sind es die Erinnerungen an das Elternhaus, dort ist es die Sehnsucht nach der Familie, die den Verbrecher wehmütig stimmen, und einer inneren Einkehr den Weg ebnen. Dann kann es gelingen, den glimmenden Funken zur Flamme zu entfachen, noch in letzter Stunde den Gewohnheitsverbrecher zur Erkenntnis zu bringen, ihn seiner Umgebung abzuringen und der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben.
Für den Verbrecher ist die Ehre etwas ganz anderes als für die bürgerliche Gesellschaft. Auch er, der Verbrecher, hat seine Ehre, eine Berufs - ehre, die sich aber im allgemeinen auf Treue zu feinen Komplicen und innigste Kameradschaft seinen Freunden gegenüber beschränkt. Unb in dieser seiner Berufsehre ist der Verbrecher meistens zuverlässig. Verrat oder Imstichlassen eines Genossen würde ihm als das größte und gemeinste Verbrechen erscheinen. Der Verbrecher selbst ist oft geneigt, diese Treue und Kameradschaft feinen Genossen gegenüber seine „Ehre" zu nennen.
Die Ehrbegriffe haben sich bei dem Verbrecher verwischt, ebenso das Gefühl von Recht und Unrecht. Sein gewohnter Verkehr in Derbrecher- kreisen hat ihn die hier herrschende Auffassung von „Ehre" sich zu eigen machen lassen. Trotzdem ist ter Verbrecher aber gelegentlich vermessen genug, bei polizeilichen oder gerichtlichen Vernehmungen Ängaben mit seinem Ehrenwort zu bekräftigen und von jedermann das unbedingte Vertrauen zu diesem Ehrenwort zu verlangen. Und, so unglaublich es klingen mag, solch einem Ehrenwort darf man in den meisten
Es ist uns gelungen, eine Reihe von hochinteressanten Aufzeichnungen zur Veröffentlichung zu erwerben; es handelt sich dabei um die wahrheitsgetreue, aus bester Quelle stammende Schilderung der Tätigkeit jener Mademoiselle Docteur der bedeutendsten deutschen Spionin, welche während des Weltkrieges und kurz vorher mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit im Westen für uns gearbeitet und hervorragende Erfolge erzielt hat. Wir werden am Samstag, 7. Dezember, mit dem Abdruck dieser aufsehenerregenden Lektüre beginnen.
Als keine Antwort kam, ließ er sich wieder zurücksinken.
Der Mann, welcher da Seite an Seite mit ihm schlief, mußte sich ganz allein durch diese Rot seines Lebens kämpfen.
In Frau Brunhildes großem Schrankzünmer standen die Koffer aufgetürnrt. Die Riesendimen- sionen der beiden Hutschachteln nahmen sich dazwischen aus wie die Trommeln einer Regimentskapelle. Mitten durch all den Wirrwarr der Garderobe slihtc das schlanke Persönchen ter Zofe unb schleppte all bas „Anentbehrliche" herbei, das eine schöne Frau benötigt, wenn sie auf Reisen geht.
Brunhilte hatte am Morgen von ihrem Vater, dem General Löhen, einen kurzen, ater inhaltsreichen Brief bekommen, der sie und den Jungen einlud, mit ihm einige Wochen in Ostende zu verbringen.
„Ich denke, du wirst nichts dagegen haben", mit diesen Worten hatte sie dein Gatten beim Mittagstisch darüber Bericht erstattet.
Er war für den Moment etwas überrascht gewesen und hatte zu Bernd hinütergeblickt. „Muht du nicht bei Schulbeginn zurück sein?"
„Ich bleibe natürlich bei dir, Papa."
„Ratürlich!" hatte die Mutter verärgert herausgestoßen. „Du bist ohne Zweifel ein sehr guter Sohn, Bernd."
„Mama, bu wirft mich nicht entbehren. — In Ostende nicht", setzte er rasch hinzu. „Wenn Papa fortführe, und du bliebest zurück, würde ich dich auch nicht allein lassen, sondern hier bei dir bleiben."
„Schön, ich will es also glauben. Zum Klassenbeginn kommst du jedenfalls nach Hause."
Mehr wurde nicht gesprochen. Brunhildes Nerven fieberten. Der Vater ahnte nicht, wie sehr ihr seine Einladung gelegen tarn. Einmal brauchte sie in Ostende nicht zu fürchten, mit Oertzen zusammenzutreffen und andererseits war sie auch nicht mehr gezwungen, bei den Mahlzeiten das zermürbte Gesicht ihres Mannes sich gegenüber zu sehen, das sie noch bis in ihre Träume verfolgte.
Die Zofe war beauftragt worden, die Route herauszusuchen, fand sich aber in dem Angetüm von Fahrplan nicht zurecht und rief die Hilfe der Gebieterin an. Brunhilte riß ihr das Buch gereizt aus den Händen: „Gott, was sind Sie ungeschickt!"
Aber auch ihre eigenen Versuche, Klarheit in das Streckengewirr zu bringen, scheiterten. Wofür hatte man schließlich einen Mann, ter sechs Jahre lang ein Globetrotter gewesen war. Sie sah sich gezwungen, nach dem Westflügel hinüter- zugehcn und seinen Rat zu holen.
(Fortsetzung folgt.)


