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Kriegsbeschädigtenklmdgebung in Gießen.

Die Bezirksleitung Oberhessen, so­wie die Kreisleitung und Ortsgruppe Gießen desAeichsbundes derKriegs- beschädigten und Kriegerhinter­bliebenen veranstalteten am Sonntagnachmit- tag im Gewerkschaftshaus eine außerordentlich stark besuchte öffentliche Kundgebung. Bach kurzer Begrüßung durch Dezirksleiter Benner (Gießen) sprach zunächst Diplom- Dolkswirt Dr. K. Gumbel (Gießen) über:

Wichtigkeit der kommenden Kommunalwahlen." Er wandte sich zu­nächst gegen die Belastung der Kommunen durch die Kriegsversorgungsgesetze und vertrat die Auffassung, daß das Reich, welches den Krieg geführt habe, auch die Opfer desselben allein tragen müsse. Er sprach von den durch das Volksbegehren nach seiner Auffassung dem­nächst zu erwartenden Kämpfen im Reichstag, die sich auch in den Kommunen auswirken würden. Auch bezüglich deS Finanzausgleichs der Länder sei eine für die Kommunen bedeutsame Wand­lung zu erwarten. Es seien in den Kommunen Männer von sozialem Geist nötig, welche für die auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege er­forderlichen Mittel die notwendige Bewilligungs­freudigkeit mitbringen würden. Der Redner er­wähnte sodann die im Reich geplanten und teil­weise schon beschlossenen Abbaumatznahmen be­züglich der Kriegsversorgung, insbesondere auch ihre älrsache und Auswirkung, um sich dann weiter mit der Bedeutung der Kommunalwahlen für die Landes- und Reichspolitik zu befassen. Er wies darauf hin, daß alle Sozialgesetze sich nur darrn im rechten Sinne auswirken, wenn die Aussührungsstellen (Kommunen) von sozialem Geiste erfüllt seien.

Der zweite Redner, Stadtratsmitglied H. Trelle (Mainz), Bezirlsvorsitzender des Reichsbundes von Rheinhessen, sprach über: Die Kriegsopferversorgung und die Abbaumahnahmen der Reichs­regierung". Der Redner wies zunächst auf die politische Zerrissenheit des deutschen Volkes hin, die auch schuld sei an der Unzulänglich­keit, unter der die Kriegsopfer zu leiden hätten. Es sei zu hoffen gewesen, daß spätestens im Herbst 1928 eine durchgreifende Reform der Kriegsversorgungsgesehgebung einsetzen werde, statt dessen käme eine Verschlechterung der Lage der Kriegsopfer. Er erwähnte die Streichung von 25 Millionen Mark im Etat für Kapital­abfindung und zeigte die Auswirkung dieser Maßnahmen. Weiter kam er auf die Bestrebun­gen weiter Kreise, die auf einen Abbau der

Sozialgesetzgebung, insbesondere der Krregsver- sorgung hinzielen, zu sprechen und wies darauf hin, daß für die 2,25 Milt. Kriegsversorgungs- bercchtigte zur Zeit jährlich 1,3 Milliarden Mark (im Durchschnitt pro Kopf 10 SitarJ wöchentlich) au. zuwenden seien, während das Reich für andere Zwecke (Kredite und Bürgschaften für Lundwirt­schaft, Industrie usw.) weit größere Beträge auf- wenden müsse. Der Redner besprach dann ein­gehend die bereits beschlossenen und teilweise noch in Aussicht stehenden Maßnahmen bezüglich der Kriegsbeschädigten (allgemeine Rachunier­suchung aller Kriegsbeschädigten, Streichung von Mitteln für Erziehungsbeihilfen, Ablehnung von Fürsorgemaßnahmen in bezug auf Winterbei­hilfen usw.). Der Redner forderte Aufhebung der geplanten Rachuntersuchungen, sowie Aus­hebung aller Be ügungen, die eine Beschränkung der seitherigen Mittel für die Kriegsopfer be­treffen, außerdem baldige Durchführung einer durchgreifenden Reform der Kriegsversorgung. Man Handl? im Sinne des Friedens, wenn man eine ausreichende Versorgung der Kriegs­opfer schaffe. Llber nicht nur die jetzige Gene­ration, auch die zukünftige müsse an diesem Opfer tragen. Er forderte weiter die Abschaffung des Fürsorgeprivzips für die Kriegsopfer, die einen Rechtsanspruch auf der Grundlage der Kriegsversorgungsgesehe vor dem Kriege hatten.

Im Anschluß an die mit starkem Beifall aufgenommenen Aus'ührungen der beiden Refe­renten richtete M. Walldorf (Gießen) an die Anwesenden die Aufforderung, sich auch bei den künftigen Kommunalwahlen für die Sache der Kriegsbeschädigten einzufetzen.

Auf Vorschlag des Versammlungsleiters fand die nachstehende Entschließung einstimmige Annahme:Die am 3. Rovember 1929 än Gießen stattgefundene öffentliche Protestversamm­lung der Bezirks-, Kreis- und Ortsgruppe pro­testiert auf das schärfste gegen die Spar- und Abbaumahnahmen der Reichsregierung. Sie for­dert sofortige Aufhebung dieser Maßnahmen und erwartet, haß die Reichsregierung die wieder­holten Erklärungen, die Lage der Kriegsopfer zu bessern und sie vor Rot zu schützen, alsbald in die Lat umseht. Die Kriegsopfer der Bezirks- Kreis- und Ortsgruppe Gießen erwarten, daß der so oft versprochene Dank des Vaterlandes nicht in Abbau-, sondern in Aufbaumaßnahmen der gesetzgebenden Körperschaften besteht."

Mit einem Schlußwort Les Versammlungs­leiters fand die eindrucksvolle Kundgebung ihr Ende.

Amtes gewidmet und sich dadurch die Hochach­tung und Wertschätzung der ganzen Gemeinde erworben. In Anbetracht seiner Verdienste um die Kirchengemeinde wurde ihm vom Laiches- kirchenamt ein besonderes lobendes Anerlen- nungsschrciben zuteil, während der Kirchen­vorstand seinen Dank durch Ueberreichung eines Geldgeschenks zum Ausdruck brachte. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, seine Tätigkeit zum Wohle der Kirche Beuerns noch recht lange auszuüben. Wie in vergangenen Iahren, wurde auch in diesem Iahre durch die dies­jährigen Konfirmanden in unserem Dorfe eine Sammlung von landwirtschaft­lichen Erzeugnissen zugunsten des Evan­gelischen Schwesternhauses in Gie­ßen veranstaltet. Es gelangten namhafte Men-- gen von Kartoffeln, Obst, Rot- und Weißkohl zur Ablieferung. .

O H o l z h e i m, 4. Rov. Dor einiger Zeit schied Pfarrer 'Gottfried Weber in Grüningen aus der Hessischen Landeskirche, um eine Pfarr­stelle in Preußen anzutreten. Mit den kirchlichen Amtshandlungen in Grüningen wurde sein Bru­der, Pfarrer Emil Weber von hier, be­traut. Die Grüninger Konfirmanden: 5 Mädchen und 6 Knaben, kommen zum Konfirmandenunter­richt hierher. Zu der Pfarrei Holzheim gehört auch das benachbarte Dorf-Güll, das jedoch dieses Iahr keine Konfirmanden stellt. Mit dem 1.Oktober d. 3. schied unsere seitherige Hand­arbeitslehrerin, Frau Margarethe Scheid Witwe dahier, aus dem hessischen Schul­dienst. Ein böses Augenleiden zwang sie, den ihr liebgewordenen Beruf vorzeitig aufzugeben. 24 Iahre hindurch war sie an der hiesigen Schule zum Wohle der weiblichen Jugend tätig. Als (Nachfolgerin hat nun der Minister für Kultus und Bildungswesen die technische Anwärterin Fräulein Erika Strack von Gießen ernannt. Diese vertrat Frau Scheld bereits im vorigen Jahre während ihrer Krankheit. Fräulein Strack erteilt auch seit Jahren den Kochunter­richt an unserer Mädchenfortbildungsschule. Zu diesem Zwecke steht ihr ein Saal im Rathause zur Verfügung, ülnsere Kochschule wurde 1926 vor­bildlich eingerichtet. Auch die Fortbildungsschüle­rinnen aus dem nahen Dorf-Güll besuchen den hiesigen Kochunterricht. Gegenwärtig sind es 6 (aus Dorf-Güll).

y. Hungen, 4. Rov. Dem Landwirt und ehemaligen Mühlenbesihcr Wilhelm Stoll Kur Riedmühle bei Inheiden wurde als Aner­kennung seiner Verdienste für die Landwirtschaft von der hessischen Landwirtschaftskammer die Ehrenurkunde" verliehen.

* Hungen, 4. Rov. Am 2. Rovember feierten die Eheleute Schneidermeister und Gastwirt W i l- helm Pletsch I. in voller Rüstigkeit das Fest der goldenen Hochzeit.

Kreis Friedberg.

WSR. Friedberg, 4.Rov. Gestern abend ereignete sich auf der Landstraße zwischen Rie- dermörlen und Bad-Rauheim ein folgen- schwererMotorradunfall. Der 22 Iahre alte Kraftfahrer Lorenz Hoffmann aus Rie- dermörlen benutzte das Motorrad seines Freun­des, um damit nach Bad-Rauheim zu fahren. An einer Kurve fuhr er gegen einenDaum und trug schwere Schädelverlehungen davon. Kurz nach seiner Einlieferung in das Bad-Rauheimer Krankenhaus ist er verstör- be n.

2$. Bad-Rauheim, 4. Rov. Die hiesige, sehr rührige Abteilung der Deutschen Ko - lonialgesellschaft eröffnete ihre dies­winterliche Vortragsreihe mit einem Lichtbil­dervortrag, den Regierungsrat Zache (Ham­burg) in der Turnhalle überDeutschlands koloniale Hoffnungen" hielt. Der Red- ner, der vor dem Kriege 16 Iahre in Deutsch- Ostasr'.ka beamtet war, zuletzt als Referent für politische Angelegenheiten beim Gouvernement, ist heute als angesehener Kolonialsachverständiger beim Weltwirtschaftsarchiv in Hamburg tätig. Der Vortragende behandelte die schwierigen kolo- nialpvlitischrn Fragen äußerst anschaulich. Er kam zu dem Schluß, daß Deutschland einfach nicht in der Lage sei, seine Schulden zu zah­len, wenn ihm nicht eigne Rohstoffquellen und

Guten Tag, Nasenschuß," sagte ich,was ist das für ein Mensch da neben der Tür?"

Das ist doch Paprika," sagte der Nasenschuß, haben Sie noch nie von Paprika und seinem Kino­spleen gehört?"

Aber da blickte gerade Paprika auf, sah uns an, und da er mit dem Nasenschuß befreundet war, so wurden wir bekannt und waren bald mitten im Gespräch.

Gehen Sie hinein?" fragte ich.

Nein," sagte Paprika, und sein freundliches Ge­sicht umdüsterte sich ganz plötzlich.Ischtenem! Ich liebe die Musik. Aber die Bilder das halte ich nicht aus."

Und als ich ihn fragend anblickte, da sprach er hastig weiter:Ja, Sie Schwester! Sie als Frau werden verstehen. Wenn ich so sehen muß diese Bilder! Diese armen kleinen Mädchen, denen es immer so schlecht geht und die guten Frauen, die betrogen werden, und die schönen Damen, die beleidigt worden sind und man kann da nicht dazwischenspL»ng.en und klneinhauen man muß stillsitzen und das alles mit ansehen bitte schön ist das auszuhalten?"

O," sagte ich und blickte dem Paprika lange in seine dunklen Augen hmein,das verstehen wir Frauen sehr gut, aber wenn das so ist, dann danken Sie Gott, daß Sie nicht bA uns im Feldspital find. Wir haben da einen Chirurgen, einen alten grüß- liehen Kerl"

Schwester, kommen Sie doch" drängte der Nasenschuß.Es fängt ja gleich an" Merkwürdig! Der Nasenschuß war nervös geworden. Dieser sonst so ruhige Mensch.

Paprika aber wollte wissen, was das mit dem Chirurgen fei. Und weil ich doch gerade vor einer halben Stunde zornschnaubend aus der Barackentür gerannt war, und weil mich der Paprika so mit­fühlend anbkickte, und weil er so schone große Augen hatte, da klagte ich mein Leid. Eigentlich war es nur eine Kleinigkeit, die ich ihm erzählte: das mit dem schlechten Verband, den der Alte allein gemacht hatte, und für den er am anderen Tage m i ch be­schimpfte. Aber für den Paprika war das schon reichlich. Er seufzte, biß die weißen Zähne aufein- ander, daß es knackte, er stöhnte ein paar ungarische Worte, die ich nicht verstand.

Der Ncksenschuß aber flehte mich an, endlich in den Kinoraum hineinzugehen. Als wir drin waren, da machte er mir Dorwürfe darüber, daß ich dem Paprika das gesagt Halle.Und ich Halle schon Angst, Sie wurden ihm noch das mit der Mor- phiumspritze erzählen, damals, wo ich dabei war Sie wissen schon» den Paprika Halle da» rasend

Absatzgebiete zugestanden würden. In dem Zu­sammenhänge betonte der Redner auch, daß die Versuchsballons, die jetzt von den Eng­ländern ausgeworsen werden (Angebote von englischen Mandatsteilen unserer ehemaligen Ko­lonien), durchaus ernst zu nehmen seien. Die Engländer warteten nur darauf, daß von Deutschland einmal bestimmte Forderungen er­hoben würden. Das könne die deutsche Regie­rung aber nur dann tun, wenn sie toiffe, daß große Teile des Volkes hinter ihr stünden. Die sachlichen Ausführungen des Redners san­den stärkste Zustimmung. Amtsaerichtsdirektor i. R. Dr. Fuhr, der Vorsitzende der Abteilung, unterstrich in seinem Dankeswvrt nochmals die Gedankengänge des Vortragenden.

Kreis Büdirraen.

ch Ortenberg, 4.Noo. Zu dem gestern ge­meldeten ülnglücksfall, bei dem der Schrei­nerlehrling Pfeiffer aus Selters, Sohn des Baumwärters Pfeiffer, den Tod fand, ist er­gänzend noch zu berichten, daß die Gesellschaft junger Leute von Dleichenbach kam und der Ver­unglückte nach Aussage seiner Begleiter scheinbar im ülebermut plötzlich zu nahe an das Auto heranging. Den Autoführer, der vor­schriftsmäßig gefahren und Signal gegeben haben soll, dürfte keine Schuld treffen. Das Kraftfahr­zeug schleuderte Pfeiffer zur Seite, so daß er mit

gemacht. Und weil er den Alten doch nicht fordern kann, so wäre er wieder ganz elend darüber ge­worden."

Am anderen Tage hatte ich das Kino, den Rasenschuß und den Paprika schon wieder ver­gessen. Es gab viel zu tun, auch stand die Sonne freundlich über den Bergen. Der alte Chef war guter Laune, und das ganze Feldspital atmete auf. Eine Kopfoperation war geglückt, ein Blind­darm hatte sich beruhigt, drei böse Fieberkurven waren wieder milder geworden. Aber am näch­sten Tage war schon wieder alles düster um uns herum.

Denn der Ofen im Operationssaal rauchte, der Wärter zerbrach die Iodflasche, so daß die braune und ätzende Tunke weit umherspritzte, der Feldwebel hatte Morphium gestohlen, der Transport von Verbandsmaterial kam nicht zur rechten Zeit, vier Fieberkurven lletterten be­denklich auswärts, ein Gerücht von Rückzug und Marschbereitschaft spukte in den Baracken, der Spitalskoch hatte Schnupfen und konnte nichts richtig abschmecken, und eine erklärte Darmver­schlingung war gar keine Darmverschlingung, son­dern nur versetzte Blähung, und der junge Assi­stenzarzt hatte vollkommen respektlos darob ge­lacht.

Die Laune des Alten war also gräßlich. Er tobte wie ein wilder Elefant in den Baracken herum. Er ohrfeigte den Burschen. Gr warf die noch feuchten Gummihandschuhe dem Wärter an den Kopf. Er schnauzte jeden Patienten einzeln an. Er verweigerte dem Mediziner feinen Ur- laut). Er stänkerte telephonisch bei der Division gegen seinen Kollegen. Er warf die Zigaretten vom Fähnrich zum Fenster hinaus. Er fragte mich, ob ich Überhaupt Augen im Kopfe hätte, ob meine Hände hinten angewachsen seien ob alle deutschen Schwestern so dreckige Schürzen hätten, das aber war mein Siedepunkt! Ich fuhr gerade auf meinem Absatz herum, um den Alten zornfunkelnd anzublitzen, und meine weiße Schürze blähte sich. da öffnete sich die Tür, und herein kam Paprika.

Er sah mich an, er sah den Alten an er überblickte sofort die ganze Situation. Er sagte ein einziges ungarisches Wort, das in diesem Augen­blick schrecklich war und schön zugleich. Aber der QUte war Pole, er konnte eS nicht verstehen. Und das war gut

Paprika trug die rechte Hand verbunden Schon an dem Kinoabend hatte ich daS gesehen. Es war also seitdem schlimmer geworden. Ein böser Finger, der Raget mußte entfernt werden. So

aller Wucht auf den Boden fiel, wobei ihm der Schädel eingedrückt und die Wirbelsäule gebrochen wurde. Der bedauernswerte Vater des armen Toten ist vor nicht langer Zeit vom Daum ge­stürzt, wobei er sich unheilbare Verletzungen zuzvg.

Kreis Schotten.

^Groß-Eichen, 4.Rov. Wie alljährlich im Herbst, so zogen auch diesmal wieder die Konfirmanden von Haus zu Haus, um Erntegaben zu erbitten. Dank der Gebe­freudigkeit der Gemeindeglieder kam wieder eine beträchtliche Menge Nahrungsmittel jeg­licher Art zusammen. Auf Station Mücke wurde mit anderen Gemeinden zusammen ein Waggon für das Elisabethen st ist in Darm­stadt geladen. Einige Sack Kartoffeln gingen auch an die Epileptischen-Anstalt in Rieder- Ramstadt ab.

Starkenburg«.

Hochherzige Stiftung.

WSR. Beerfelden, 3.Rov. Wir teilten neulich mit, daß der von hier gebürtigte, aber schon seit langen Iahren in Reuyork wohnhafte Kaufmann A. S. Rosenthal einen namhaften Betrag für eine katholische Kapelle ge­stiftet habe. Runmehr hat Rosenthal, da es der

etwas geht ohne Betäubung nicht ab.

Kann ich lokale Betäubung haben?" fragte der Paprika und blickte den Alten erwartungs­voll an.

Rein. Aetherrausch." knurrte der Alte.

Da wußte ich, daß Paprika den Aetherrausch ge­wollt hatte; denn es war bekannt, daß man unseren alten Regimentsarzt um Schwarz bitten muß, wenn man Weiß von ihm haben will. Ich fab auch, daß Paprika sich freute, daß er den jungen Assistenzarzt bedeutungsvoll anblickte, ich hörte, daß er leise un­garisch mit ihm sprach, ich sah, daß der Assistenz­arzt grinste. Der Alte aber sah und hörte nichts davon, denn er warf gerade den Transportführer zur Tür hinaus.

Der Assistenzarzt war ein fröhlicher Mensch. Er lachte gern, er redete in allen Sprachen, und fragte mich an jedem Morgen, ob wir dem Alten Strychnin in die Suppe geben wollten, und ich riet immer wieder, noch einen Tag lang damit zu warten. Nun also grinste er und legte dem Paprika einen Aetherkorb über Nase und Mund.

Mit dem Aetherrausch aber ist das so: ein klei­ner Drahtkorb, mit Stofs überzogen, liegt über Rase und Mund des Patienten. Aether wird von außen auf den Stoff getropft, langsam, vorsichtig. Der Patient amet den Aether ein und muß laut zählen:eins, z.oei, drei", soweit er kann. Zählt er nun nicht mehr ordentlich, sondern redet konfuses Zeug, so macht der Ope­rateur seine letzten Vorbereitungen, ilnb ver­wirrt oder verliert sich die Sprache ganz, so weiß man, daß der Patrent nun ohne Bewußtsein ist, und die Operation kann beginnen.

Ich sah noch, wie der Assistenzarzt sich vor­sichtig umblickte und dann ganz heimlich sich einen dicken Wattebausch am Handgelenk in den Aer- mel stopfte. Ich wunderte mich darüber und dachte flüchtig: wozu denn das? dann wandte ich meine ganze Aufmerksamkeit den Operations- inftrumenten zu und hörte nur so ganz neben­bei, daß der Gefreite draußen im Gang brüllte: Inspektion kommt", daß der Alte über die saumäßigen Inspektionen fluchte, und daß der Paprika seine Betäubung bekam und ordentlich zu zählen anfing:Ein zwei drei Schweinehund vier fünf

Auch das war nickt erstaunlich, denn fast jeder vom Aether Berauschte fängt so oder so ähn­lich zu zählen an. Fast jeder trägt mindestens ein Schimpfwort, da» er nicht loslassen durfte, in seiner Seele herum. Wie glücklich ist der Be­rauschte, nicht mehr verpflichtet zu sein für ba» was er fagt wie leicht entschlüpft ihm

Gemeinde aus finanziellen Gründen nicht mög­lich war. zur Errichtung eines Volksbades und Kindergartens die nötigen Mittel auf- Kubringen, einen Betrag von 203 000 Mark avi­siert. Er beabsichtigt weiter den Bau einer neuen Synagoge mit Lehrerwohnung in Beerfelden. Für einen Erweiterungsbau der jüdischen Kinderheilstätte in Bad Kreuznach hat er ebenfalls 50 000 Mark gestiftet. Rosenthal sieht in der parteipolitischen Ze»' klüftung Deutschlands ein schweres Hemmnis für den Wiederaufbau der Heimat und will durch sein tatkräftiges Eingreifen ein Beispiel für eine auf das Ganze gerichtete persönliche Ein- ftellung geben. Der edle Spender steht bereits im 76. Lebensjahr und weilte kürzlich wieder in seinem Geburtsort.

Kirche und Schule.

-- Homberg a. d. Ohm, 31. Ort. Gelegent­lich des diesjährigen Kirchweihtages foimie un­ser Seelsorger, Pfarrer Praetprius, auf seine 25jährige Amtstätigkeit in un­serer S.adt zurückblicken. Der Hauptgottesdienst, in dem der Iubilar in packender Weise pre­digte, war außerordentlich stark besucht. Im Anschluß an den Gottesdienst fand eine Rach­feier statt, die der GesangvereinFrauenlob" mit Gesang einleitete. Danach hielt Geheimrat Buchrucker i. R. eine Ansprache an den Iu­bilar, in der er u. a. sagte: Die Qlelteren unter uns erinnern sich noch des Tages, an dem Sie im Iahre 1904 hierherkamen. Aus den Akten der Kirchenbehörde wurde der 27. Ok­tober als Ihr Amtsantrittstag festgestellt, Darum wurde dieser Tag gewählt, um Ihnen zu sagen, daß wir Sie schätzen, und daß wir wünschen, Sie noch lange hier zu besitzen. Der starke Kirchenbesuch zeigt, daß die Gemeinde an Ihnen hängt. Ich habe den Auftrag, imRamen des Kirchenvorstandes zu sagen, was Sie in diesen 25 Iahren der Gemeinde gewesen sind. 25 Iahre sind eine kleine Spanne im Leben der Menschheit, auch meist im Leben der Völker, nicht aber im Leben des einzelnen Menschen. In der Heiligen Schrift ist das Wort zu lesen: So verlangt man nicht mehr von den Haus­haltern, als daß sie treu befunden werden." Sie sind ein Haushalter; das Haus, das Sie ver­walten, ist nicht groß, aber es gehört zu einer großen Stadt im Reiche Gottes. Hätten wir viele Leute, die so ihren Pflichten nachgehen, wie Sie, die es so ernst mit dem nehmen, was das Amt verlangt, so könnten wir uns freuen. Sie zählen zu den Wenigen, denen strenge Pflichterfüllung etwas Selbstverständliches ist. Mehr als das Wort, wirkt das gute Beispiel, ilnö wenn wir unfern Plärrer betrachten, so ist das eine Per­sönlichkeit, die den Aufstieg unsres lieben, deut­schen Vaterlandes mit vorzubereiten sucht. Des­halb wissen wir, was wir an Ihnen haben, und wir sind stolz auf Sie und wünschen auch, Sie noch lange in unserer Mitte tätig zu sehen. Dann ergriff Bürgermeister Schweiker das Wort, der u. a. sagte: 3n Freud und Leid haben Sie als Geistlicher hier gewirkt, und namens der Gemeinde bringe ich zu Ihrem Amtsjubiläum Ihnen die besten Glückwünsche entgegen. Für Sie gilt auch das Bibelwort:Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen." Gemeinde, Kirche und Schule sollen wie liebevolle Brüder einträchtig sein. Für die Cinttacht einzutreten und für deren Erhaltung noch weiter beizutragen, möge Ihnen noch recht lange vergönnt sein. Rachdem der Männerchor einen Choral stimmungsvoll vorge­tragen hatte, sprach der Iubilar und führte u. a. aus, daß er vor 25 Iahren durch Dekan Wag­ner von Grünberg, den heutigen Oberkirchen- rat, in sein Amt eingeführt worden fei, und daß das ihm so liebgewordene Homberg eigentlich der ülrsprungsort seiner Familie sei, denn im Iahre 1650 sei hier ein Daniel Prätorius Pfarrer gewesen. Dann dankte Pfarrer Praetorius den Rednern, den beiden Gesangvereinen, so­wie allen, die sich um das Zustandekommen dieses Tages bemüht hätten. Das LiedAch, bleib mit deiner Gnade" und der darauf folgende Segen endete die schöne Feier.

da das vorher nur ungern gefesselte Wort. Ich tannte das also und achtete gar nicht darauf. /5>öd) plötzlich sah ich dicht vor mir des kleinen Fähnrichs Gesicht und ein mit Mühe verhaltenes Gelächter darin ich wurde aufmerksam und hörte den Paprika reden:Sechs, sieben, Regi­mentsarzt fünf alter, gemeiner Kerl drei, einundzwanzig Ohrfeigen rechts und links dreizehn, neun Und in diesem Augenblick ging die Türe auf, stand der inspi­zierende Sanitätschef im Raum, hielten alle den Atem an.

Bitte, nicht stören lassen," sagte der Sanitäts- chef mit lauter Stimme, und gleichzeitig bemerkte ich, daß der Assistenzarzt dem Paprika ein Watt heimlich zuflüsterte. Und ich wunderte mich sehr darüber. War denn nicht Paprika schon ganz offen- sichtlich ohne klares Bewußtsein? Aber da wurde auch gleich seine scheinbar doch ganz berauschte Stimme wieder laut: achtundzwanzig neun­

unddreißig alter Regimentsarzt schindet ganzes Feldspital sieben, vier boshafter, verlogener Kerl fünfzehn, sechs, nennundoierzig unan­ständiges Benehmen jungen Schwestern gegnüber drei, elf keine Achtung vor Frau zwei, vier, fünf wirft schmutzige Spritzen zwischen aus­gekochte Instrumente zwölf, acht, neun--/

Herr Kollega!" schrie da der Alte mit krebs­rotem Gesicht zum Assistenzarzt hinüber, »Herr Kollege! Was ist das mit dem Aether? Wieder mal alte, schlechte Flasche, was?"

Heute frisch vom Transport," sagte der Assistenz­arzt scheinbar ganz gleichgüllig, und ich sah, daß er die Flasche richtig hielt und tropfte, und ich merkte auch den scharfen Geruch in der Luft.

Patient scheint ein total versoffener Kerl zu fein" brüllte der Alte.

Sechs, eins, hundert blöder Trottel, Zeit zum Absägen sägen sägen sägen acht zwei sieben sie sie sie iiiii* verklang Paprikas Stimme nun in völliger Be­wußtlosigkeit.

Der Sanitätschef stand an der Tür und rührte sick nicht. Die kleine Operation verlief schweigend und glatt. Und später, als der Alte, der Sanitäts- chef und zwei Wärter hinausgegangen waren und die Tür sich schloß da ging ich hin und zoa dem Assistenzarzt den geheimnisvollen Wattebausch aus dem Aermel. Er war ganz naß urfi) stank nach Aether.

Paprika schlug gerade die Augen auf wir alle lachten. Der kleine Fähnrich schluckte Und gluckste an seinem Lachen wie ein kleines Kind.

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