Aus aller Wett.
Schwerer Betriebsunfall in einer Olpener Lederfabrik.
In Olpe (Westfalen stürzte in der Lederfabrik von Lütticke eine Gruppe von zehn bis zwölf Arbeitern aus bisher noch unbekannter Ursache i n einen mit Chlor säure gefüllten Behälter. Obwohl sie alle bei den sofort aufgenommenen Bergungsarbeiten aus dem Bottich heran s g e h o l t werden konnten, hatten sie zum Teil schwere Brandwunden oder schwere Vergiftungen erlitten. Sie wurden dem Krankenhaus zugeführt, wo inzwischen fünf Personen, darunter zwei Brüder, ihren Verletzungen erlegen sind. Zu dem Betriebsunglück werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Der Ruhrverband hat in dem Fabrikgebäude eine Kläranlage eingebaut. Das Becken, in dem sich der zu klärende Stoff befand, war durch eine Tür verschlossen. An dieser Kläranlage mußten Ausbesserunasarbeiten vorgenommen werden. In dem Augenblick, als der Wärter die Tür öffnete, fiel er bewußt- l o s in den neben dem Becken b e“f i n b • lichen Behälter hinein. Ein anderer Arbeiter des Ruhrverbandes, der z u r $) r I f e e i l1 e, stürzte ebenfalls in die Tiefe. Auf die Hilferufe der beiden eilten sofort sechs Arbeiter der Lederfabrik herbei, um die Verunglückten zu retten. Auch diese Arbeiter fielen bewußtlos in den Behälter. Nach langen Bemühungen gelang es schließ- lich, alle acht Personen zu bergen. Sofort angestellte WiederGlebungsversuche hatten nur bei dreien Erfolg, während bei den übrigen fünf nur der Tod f e ft g e ft e 111 werden konnte. Der Tod scheint durch ein Gemisch von Wasserstosfgas eingetreten zu sein. Die Leichen waren furchtbar zu» gerichtet.
Geheimnisvoller Mordfkandal in Paris.
Seit einiger Zeit hatten mehrere große Nach- richtenblätter und Privatpersonen „DieRi11er der Themis" unterzeichnete Schreiben erhalten, in denen unter genauer Angabe der örtlichen und zeitlichen imstande mitgeteilt wurde, daß in einem Wäldchen bei Versailles ein angeblicher Marquis d e Champaubert von den Briefschreibern lebendig begraben worden fei. Man glaubte zunächst an eine Mystifikation, bis Nachforschungen die Angaben der anonymen Schreiben bestätigten. Die gerichtsärztliche Obduktion der Leiche und auch eine aus dem Sarg über den Erdboden herausragende Metallröhre lassen darauf schließen, daß der angebliche Marquis, der in Wirklichkeit e i n mehrfach vorbestrafter Hochstapler namens Clement Passal sein soll, tatsächlich lebendig begraben wurde und infolge Hungers oder Erstickung gestorben ist.
In einem der Briefe, die die sog. „Ritter der Themis", an die Zeitungen gesandt haben, heißt es: „Die französische Justiz, dienurnocheinleeres Wort ist, wird verächtlich gemacht und als lächerlich hingestellt. Deshalb hat unsere Vereinigung, „Ritter der Themis", angenommen und beschlossen, einen heiligen Kreuzzug zu unternehmen und dafür zu sorgen, daß Hochstapler und Betrüger nach Verbüßung ihrer lächerlich geringen Strafen ihre Tat sühnen und zwar mit dem Tode. Wir haben uns gegenseitig unter Androhung des Todes für jeden Verrat geschworen, zusammenzuhalten und verschwiegen zu sein." Dann folgt die Beschreibung der Todesart des Pseudo-Marquis, der, wie die Auffindung der Leiche auch bestätigte, neben einer Landstraße begraben war, jedoch durch ein Gummirohr in feinem Grabe Luft zugeführt erhielt, so daß er also schließlich Hungers starb. Der Pseudo-Marquis hatte sich zu Lebzeiten für die Beraubung von Juwelenhändlern mit Hilfe von Chloroform spezialisiert, und zwar hatte er zu diesem Zweck das Schloß Prieure gemietet und dort eine mit allem Raffinement eingerichtete Menschenfalle organisiert.
Oie Wetterlage.
Das Grenz- und Auslanddeutschtum am Sarge Siresemanns.
Tas Beileid des Deutschen Schutzbundes.
Berlin. 4. Okt. (TTl.) Der Deutsche Schutzbund richtete an die Reichsregierung folgendes Schreiben: „Hochverehrter Herr Reichs- tanger! 3m Namen des Vorstandes des Deut- schen Schutzbundes erlauben wir uns, der Reichs- regierung das tiefste Beileid unseres gesamten Kreises zu dem erschütternden Tode des Herrn Reichsauhenministers Dr. Stresemann auszudrücken. Die Trauer, welche nicht nur die im Deutschen Schutzbund vereinigten Verbände, sondern auch das gesamte Grenz- und Auslandsdeutschtum erfüllt, ist echt und unmittelbar. Verliert doch das Deutschtum an den Grenzen und außerhalb des Reiches in ihm den Mann, der stets nicht nur mit dem Herzen, s onde rn auch mit der Tat für die am meisten bedrohten Teile des deutschen Volkes eingetreten ist, dessen Reichstagsreden für Südtirol und dessen Eintreten für die Minderheiten den Mut der Deutschen außerhalb des Reiches gestärkt und ihre schwere Lage gebessert hat. Linser Kreis weih auch am besten, wie sehr das Eintreten Dr. Stresemanns nicht nur für die Minderheiten, sondern auch sein ganzes politisches Wirken dazu beigetragen habe, das Ansehen des Deutschen Reiches und des freut* schen Volkes zu heben. 3hm ist es zu ber- franfen, daß fr ie Minderheit enfrage zu einer der großen Fragen der Welt geworden ist, die nie wieder von der Tagesordnung abgeseht werden dürfte, bis eine Lösung eintritt.“
Wettere Veileidslundgebungen des Auslands.
Berlin, 4. Okt. (TTl. Funkspruch.) Die Zahl der fortwährend noch in Berlin einkreffenden Beileidstelegramme aus frem Auslande nimmt kein Ende. Hervorgehoben aus der Flut der Telegramme seien folgende: Der frühere österreichische Bundeskanzler Dr. Seipel, frer lettische Außenminister Balodis, Präsident Cosgrave im Flamen der Regierung des 3rischen Freistaates, frer südslawische Ministerpräsident Sivko- witsch, der polnische Außenminister Zaleski, der ungarische Ministerpräsident Graf Be th- len, frer rumänische Ministerpräsifrent M a_ n i u, frer bulgarische Ministerpräsident Liap- t s ch e f f, frer schwedische Staatsminister ß i n fr * manu, der litauische Ministerpräsident Tube- lis, der luxemburgische Staatsminister Dech, der italienische Minister 2t o c c o, frer Präsident der Regierungskommission des Saargebiets, frer Tl ntergeneralsekretär fres Völkerbundes A v e n v l in Abwesenheit von Sir Eric Drummond im Ramen des Sekretariats fres Völkerbundes.
Auch dem Reichspräsidenten sind weiter zahlreiche Deileidskundgebungen zugegangen, u. a. vom König von Dänemark, von frem Präsidenten frer tschechoslowakischen Republik, Mafaryk, vom Präsidenten frer Gemischten Kommission für Oberschlesien, Salon» der.
Der Heilige Stuhl hat die apostolische Nuntiatur beaustragt, die wärmste Teilnahme des Heiligen Stuhles zum Hinscheiden Dr. Stresemanns frer Reichsregierung zum Ausdruck zu bringen. 3n Abwesenheit des Runtius hat sich Runtiaturrat Msgr. C e n t o c zu Staatssekretär v. Schubert begeben, um ihm diese Teilnahme zu übermitteln.
Die drei Oberkommissare bei frer Rheinlandkommission sowie frer Ober- kommandierenfre frer französischen Desatzungstruppen General G u i 11 a u m a t haben frem Reichskommissar für das besetzte Gebiet durch persönliche Besuche oder telegraphisch ihr Beileid zum Ausdruck gebracht. Die Dienstgebäude frer Rheinlandkommission sowie die Wohnungen der Oberkommissare und des Oberbefehlshabers hatten Halhmast geflaggt.
Owen D. Poung, dessen Name der Poung- plan trägt, hat an die deutsche Botschaft ein Telegramm gesandt, in dem es heißt: Meine Bekanntschaft — und ich darf sagen Freundschaft — mit Stresemann datiert aus einer Zeit großer Schwierigkeit und entstand unter Verhältnissen, in denen Menschen sich in kurzer Zeit gut kennen lernen. Er besaß die Gabe, die Tatsachen zu erkennen und richtig einzuschätzen. Er hatte großen persönlichen Mut und ging furchtlos an die Schwierigkeiten heran, die fein Vaterland bedrohten.
Im amerikanischen Bundessenat widmete Senator King, Utha, dem verstorbenen Außenminister einen Nachruf. Senator King erklärte, der Tod Stresemanns sei ein Unglück nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Der datzin- geschiedene Reichsaußenminister sei einer der bedeutendsten Männer der Neuzeit gewesen. Die jetzige weitgehende Friedensarbeit der europäischen Nationen fei zum großen Teil Stresemann zu verdanken.
Die dank für internationale Zahlungen. Baden-Baden, 4. Oft. (TU. Funkspruch.) Der Organisationsausschuß frer Dank für 3nternationale Zahlungen trat am Freitagvormittag in die sachlichen Beratungen ein. Einige Abordnungen hatten ihre Ansicht über Form und 3nhalt frer Bank schriftlich nieöergclegt und brachten sie zur Verlesung, woraus man in eine allgemeine Aussprache hierüber eintrat. Man darf damit rechnen, daß nach Erledigung frer Hauptaussprache die einzelnen Fragenkreise freu Unterausschüssen überwiesen werden.
Die Verhandlungen des Organisationsausschusses sind durchweg ver traulich er 21 a t ur Man gewinnt immer mehr fr en Eindruck, daß in einigen wichtigen Fragen die Meinungen der Ab- ordnungen noch weit auseinanderklas- fen. 3n erster Linie ist hier die Wahl des Sit - z e s der Dank zu nennen, dann aber auch scheint man insbesondere in Kreisen der amerikanischen Abordnung der Meinung zu fein, daß für eine Betätigung der Dank auf frem Gebiete der De - lebung des allgemeinen Welthandels die Grenze ziemlich eng gesteckt werden müsse. Während man einerseits die Hauptbetati- gung der Dank in ihren Funktionen als Haupt- verrechnungsstelle fre r Notenbanken sieht, stellt man anderseits ihre Aufgabe als Reparativnsbank in den Vordergrund.
Macdonalds Ankunft in Amerika.
Stürmischer Empfang in Neuyork und Washington. — Gast im Weißen Hause.
N e u y o r f, 4. Okt. (TU. Funkspruch.) Nachdem die „B e r e n g a r i a" mit M a c d o n a l d an Bord angelegt hatte, begaben sich Staatssekretär Silin son, der englische Botschafter und die Vertreter der Stadt Neuyork auf frem Neuyorker Empfangsschiff „Macom" zur Quarantäne-Station, um Macdonald und seine Tochter abzuholen. Sie landeten darauf bei der Batterie, um in feierlicher Parade mit Militäreskorte den unteren Broadway herauf zum Rathaus gebracht zu werden. Ober- bürgermeifter Walker überreichte nach den üblichen Empfangszeremonien Macdonald die Ehrenbürgerurkunde der Stadt Neuyork. Nach Beendigung der Feier im Rathaus fuhren Macdonald, Stimson und der englische Botschafter im Auto, von einer Ehreneskorte begleitet, unter dem Jubel einer zahlreichen Menschenmenge zum Pennsylvania-Bahnhof, um sich nach Washington zu begeben. Macdonald wurde in Washington von einer großen Volksmenge lebhaft begrüßt, Marine und Kavallerie erwiesen die militärischen Ehrenbezeugungen, die Kapelle spielte die britische Nationalhymne. Der Premier fuhr gleich zum Weißen Haus. Dort wurde er von dem Marineadjutanten fres Präsidenten Hoover, Kapitän Buchenan nach frem Blauen Zimmer geleitet, wo er von dem Präsidenten begrüßt wurde. Beide begaben sich dann, begleitet von dem britischen Botschafter nach dem Grünen Zimmer, wo sich ihnen Fräulein
Macdonald und die Gattin des Botschafters an» schlossen. Von fra begaben sie sich nach dem R o» t e n Zimmer, wo die Gattin des Präsidenten die Gäste empfing. Nach kurzer Unterhaltung begaben sich Macdonald und seine Tochter zur Botschaft zurück, ©ie werden heute nachmittag i n s Weiße Haus übersiedeln und frort bis Dienstagfrüh Gäste des Präsidenten Hoover sein. Falls das Wetter es erlaubt, will der Präsident Macdonald in fein Wochenendhaus in den Virginiabergen mitnehmen und dort den Sonntag mit ihm verleben.
Gestern abend empfing Macdonald in der britischen Botschaft die Presse. Er führte aus, er komme nicht als Parteiführer, sondern a 18 Vertreter der öffentlichen Meinung Großbritanniens, die dieser Reise von Herzen Erfolg wünsche. Er komme nicht, um ein Bündnis z u schließen, denn erstens brauche Amerika keinen Verbündeten und zweitens sei die 3dee der Bündnisse heutzutage überholt. Was England brauche und erstrebe, sei Vermeidung künftiger Mißverständnisse und beide Regierungen wünschten, eine Befestigung des Friedens an Stelle der Rüstungen für etwaige Kriege zu sehen. Einer englisch- amerikanischen Verständigung solle vielmehr alsbald die Beseitigung der Mißverständnisse mit anderen Ländern folgen.
DerMWe-undHan-elslagMerdMomg-Plan
Berlin, 4. Okt. (WTB.) 3m Hauptausschutz des Deutschen 3ndustrie- und Hande l s t a g e s widmete Präsident Franz von Mendelssohn frem Heimgegangenen deutschen Reichsauhenminister Dr. Stresemann einen warm empfundenen Nachruf, in dem er dankbar frer unvergeßlichen Dienste gedachte, die dieser große Staatsmann bis zur vollkommenen Selbstaufopferung frem Vaterlande geleistet hat. 3n schwerster Stunde Deutschlands habe er sich mit verdoppelter Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt, um frem Ziele zuzustreben, fräs allein für die deutsche Politik gelten konnte, der Erhaltung frer Einheit des Reiches, frer Erringung frer Freiheit. Sein Bestes und Entscheidenstes habe er dazu getan, um frie ungeheuren Gefahren zu überwinden, die das Reich bedrohten, um die Grundlage zu schaffen, auf der Reich und Wirtschaft allmählich wieder sich behaupten und kräftigen konnten. Für unser Volk sei der Tod eines Mannes, in frem sich Gei st. Herz und Willen §u so seltener Führereigenschaft vereint hätten, em Verlust unersetzlicher Art.
Dr. Melchior sprach dann zur Reparationsfrage. Er setzte zunächst die Vorteile und Nachteile des Doungplanes gegenüber fren^ augenblicklichen Zustande auseinander. Unzweifelhafte Vorteile seien die wesentliche Verringerung der geschuldeten Summen, frie volle Wiederherstellung der deutschen Souveränität durch 23efreiung von allen Kontrollen, ferner der Fortfall frer 3nfrustriebelastung und frie Ersetzung des Bahnpfandes durch eine innena Steuer. Des weiteren bringe frer Plan die Festsetzung eines bestimmten, wenn auch weit hin- ausgeschobenen Endtermines frer Zahlungen. Sehr umstritten sei frie Frage, ob frie Schutzmaßnahmen des Dawesplanes oder des Boungplanes wirksamer seien. Nach frer Ansicht fres Berichterstatters sind frie Sicherheitsmaßnahmen des 2Zoungplanes nicht nur technisch frie wirksameren, sie haben freu Vorzug, fraß sie von frer deutschen Regierung nach eigenes freier Entschließung in Gang gebracht werden können, und daß sie die Wiedereröffnung politischer Verhandlungen vorsehen.
Der Nachteil gegenüber dem Daroesplan sei
die Festsetzung einer ungeschützten Teilannuität. Der Vortragende hob hervor, daß das Reparationsproblem nicht ein wirtschaftliches Problem in gewöhnlichem Sinne fei, vielmehr handele es sich um einen Schritt auf dem Wege weiterer politischer Entwicklung. Die entscheidenden Fragen seien daher, ob der Aoungplan gegenüber dem jetzigen Zustande eine Verbesserung bedeute, und ferner, wie sich d i e Folgen einer Ablehnung auswirken würden. Die Verbesserung sei bei leidenschaftsloser Abwägung der Vorteile und Nachteile nicht zu bestreiten. Bei einer Ablehnung würde der Dawesplan mit seinen erheblich größeren Lasten und den fremden Kontrollen und Pfändern in Kraft bleiben, die dritte Zone würde be setzt bleiben, und Deutschland würde neben einer sehr erschwerten außenpolitischen Lage einer äußerst bedrohlichen wirtschaftlichen Krise entgegensetzen. Der Berichterstatter warnte davor, den Poungplan als eine befriedigende Regelung anzusehen. Niemand könne wissen, ob und wie lange er durchführbar sein werde. Von den beiden liebeln (Dawesoder Poungplan) sei er aber das kleinere. Etwas anderes als zwischen zwei liebeln zu wählen, sei leider nach dem verlorenen Kriege nicht möglich.
Die Versammlung trat in eine eingehende Erörterung fres Berichts ein. Dabei wurde frer Ernst der Besorgnisse wegen der Durchführbarkeit fres Poungplanes hervorgehoben. Trotzdem ging die Auffassung durchweg dahin, daß — wenn die jetzigen Verhandlungen über die noch offenen Punkte zu einer befriedigenden Lösung führen — der Poung- plan gegenüber dem jetzigen Zustande einen Fortschritt bedeutet und daß es außerordentlich verfehlt und gefährlich ist, das so verwickelte Reparationsproblem durch Schlagworte oder gar durch Aufwühlung der Volksleidenschaften zu verwirren. Im übrigen wurde in der Versammlung einmütig betont, fraß die Voraussetzung für Annahme und Durchführung des Doungplanes eine tiefgreifende Reform der Finanz- und Wirtschafts- Politik notwendig macht, um zu einer Vereinfachung des öffentlichen Apparates, zu einer Einschränkung de r öffentlichen Ausgaben und zu einer wesentlichen En11aftung der produktiven Wirtschaft zu gelangen.
Demokratischer Parteitag in Mannheim.
Koch-Weser kritisiert scharf unsere innerpolitischen Zustände und fordert Kinanz- DerfafsungS- und Wahlreform.
Mannheim, 4. Oft. (Wolff.) Kurz nach 10 Llhr eröffnete Abg. Gertrud Bäumer den 8. außerordentliche Reichsparteitag der Deutschen Demokratischen Partei. Reichsminister a. D. K och -Weser leitete sein Referat mit einem Nachruf für den verstorbenen Reichsaußenminister ein und führte dann u. a. aus, für Deutschland sei keine andere Politik als frie der Der - ständigung möglich. Wenn frer Alldeutsche Verband uns empfiehlt, keine Zahlungen mehr zu leisten, aber endlich unsere Gegenforderungen bei unseren Gegnern anzumelden, so wird man sie einladen müssen, auch frie Zwangsvvll- st r e ck u n g bei den Gegnern zu übernehmen.
Eine Konsequenz haben wir alle aus dem 216- schluß fres Voungplanes zu ziehen: dafür zu -sorgen, fraß die äußeren Lasten uns durch eine Verringerung frer inneren Lasten erleichtert werden. 3ch habe ernste Sorge um Deutschland. Heute sind es in erster Linie die innerpvlitischen Verhältnisse, frie hemmenfr und düster sind, nicht so sehr wegen der Gegner der Republik. Eine unmittelbare Aktion der Rechten fürchte ich nicht. Ein Diktaturstreben, das mit Innerer Anarchie unter frer Mannschaft des Diktators beginnt, und das dann zu einer so lächerlichen Mißgeburt führt, wie fräs Volksbegehren, wird keinen Erfolg haben. 3ch sehe aus diesen Diktaturgelüsten als einzige schwere Folge eine Radikalisierung der Arbeiterschaft und damit die Gefahr der roten Diktatur emporsteigen. Aber vielmehr als frie Feinde der Republik fürchte ich ihre Freunde. Die Verfassung von Weimar ist gut, aber was die Parteien aus ihr gemacht haben, ist ein Zerrbild. Vielleicht bedarf es einer Berfassungsänderung in dem Sinne, die 2krfaffung wieder herzustellen. 3ch kann nicht anerkennen, daß wir in der Art der Regierung und Reichstagsarbeiten und wie die Regierung gebildet wird, seit frem 3ahre 1919 Fortschritte gemacht haben.
Die Hauptsache ist, daß die Selbstsucht der Parteien sich in Selbstzucht verwandelt. Man
kann der Regierung wohl sagen, sie solle führen, aber welches Mittel hat sie, zu führen, wenn frie Parteien sich nicht führen lassen? Es ist geradezu ein staunenswerter Beweis für die Festigkeit Deutschlands, daß es unter diesem Wahlrecht zehn 3ahre lang zusammengehalten hat. 3ch halte ein Gesunden frer deutschen Verhältnisse für unmöglich, wenn wir nicht zu einem anderen Wahlrecht gelangen. Mir ist das alte Wahlrecht immer noch lieber, als das proportionale Wahlrecht, das wir zurzeit haben. Der Parlamentarismus kann aber auch nicht gesunden, wenn der Staat immer weitere Aufgaben an sich nimmt. Fälle, wie bei Kreditierung an den Raiffeisenverband und an Sklarek lehren uns schaudernd immer wieder d ie Grenzen staatlicher Detätigungsrnöglichkeiten erkennen. Aber der Staat soll zwar kontrollieren, aber nicht konkurrieren.
Reichsernährungsminister Dietrich
betonte, Eingekeilt zwischen der organisierten Arbeiterschaft und dem steigenden Einfluß des Großkapitals stünden die mittel st ändlerischen Bürger und Bauern. Diese Gruppe ist das Element des individuellen Wirkschastsgedankens und der individualistischen Weltanschauung. Der Doungplan bringe große finanzielle Entlastungen und gebe uns einen großen Teil der verlorenen Freiheit und frie besetzten Gebiete wieder. Er müsse ferner den Anstoß geben zu einer N euor dnung unserer Reichsfinanzen, zu einer vernünftigen Steuerreform einschließlich des Finanzausgleichs. Diese Dinge seien entscheidend für die Lage des Mittelstandes und der Dauern. Mit diesen Fragen entscheide sich aber auch, ob wir den übernommenen Verbindlichkeiten nachkommen. Eine Steigerung der landwirtschaftlichen Protz u k t i o n um ein bis zwei Milliarden sei durchaus möglich und kann uns von der Tlnterbilanz
»unseres auswärtigen Handels befreien.
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len gehen die Temperatur an. Die Limen verbinden Orte mit gleichen}
•af Meeresniveau umoerernneten Luftdruck
Wettervoraussage.
Die neue atlantische Störung greift weiter ostwärts vor. lieber den Britischen Inseln hat bereits wieder eine Wetterverschlechterung eingesetzt. Die Südseite der Störung wird erneut maritime Warmluft nach Deutschland verfrachten. Dabei tritt wieder stärkere Bewölkung auf, und Niederschläge setzen ein. Im ganzen dauert somit das unbeständige, jedoch für die Jahreszeit zu warme Wetter fort.
Wettervoraussage für Sonntag: Unbeständiges, wolkiges Wetter, zeitweise Niederschläge, mild.
Wettervoraussage für Montag: Weiterhin unbeständiges Wetter.
Lufttemperaturen am 4. Oktober: mittags 22,4 Grad Celsius, abends 15,9 Grad; am 5. Oktober: morgens 16,5 Grad. Maximum 22,4 Grad, Minimum 15,4 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 4. Oktober: abends 17,2 Grad; am 5. Oktober: morgens 14,4 Grad Celsius. — Sonnenscheindauer 6% Stunden.


