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Nr. 254 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Samstag, 5. Oktober 1929

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Die Illustrierte Gießener Familienblätter

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Wanderer zwischen beidenWelten

Düstere Wolken treiben am Horizont, ge- spensterhaft heult der Föhn in den Bäumen, die ernste Stunde ist nicht mehr fern, wo es für das deutsche Volk gilt, Abschied zu nehmen von dem, was an Gustav Stresemann sterblich war, Abschied zu nehmen von dem großen Patrioten unb großen Staatsmann«, in dessen Hand das Steuerruder der deutschen Außenpolitik auf schwe­rer Fahrt durch die von Sturm umbrandeten Klippen der letzten sechs Jahre deutschen Wieder­aufbaus sicher lag. Nun, wo es gilt, nach einem neuen Steuermann Ausschau zu halten, wird uns die Bedeutung Stresemanns vielleicht zum ersten­mal voll bewußt. Nun, wo das Echo, das die Todesbotschaft im Auslande weckte, uns zeigt, welch ungeheures Maß von Vertrauen Strese­manns Persönlichkeit und Stresemanns Polittk bei den Staatslenkern und ihren Völkern in aller Welt genoß, nun, wo wir sehen, wie sehr der uns zu früh Entrissene für die Welt das um seine innere Gesundung und die Wiedergewinnung seiner Weltgeltung ringende Deutschland, das neue Deutschland" im besten Sinne, in seiner Person verkörperte, nun beginnen wir zu ahnen, was wir an ihm verloren und wie schwer es sein wird, die Dresche zu füllen, die sein Tod riß. Wie alle großen Manner, die persönlicher Mut, unzähmbares Temperament und tief empfun- denes Verantwortungsgefühl in die Drecklinie des politischen Kampfes führten, hat auch Strese­mann scharfe Kritiker, heftige Gegner, ja erbit­terte Feinde gehabt. Sind es die Nachwehen der furchtbaren Jahre des Krieges, der Nevolutions- und Jnflationswirren, die die sittlichen Begriffe von der Achtung vor der Persönlichkeit des an­dern in so erschreckendem Maße durcheinander warfen, sind es die so oft beklagten Schwächen im deutschen Volkscharakter, kleinliche Nörgelsucht, Zwietracht und Mißgunst, die den polittschen Kampf im Deutschland der Gegenwart sich in so unsagbar traurigen Formen auswirken lassen? Wir wissen es nicht. Aber es stünde besser um uns, wenn das Gefühl für Ritterlichkeit und Würde bin politischen Kampf wieder mehr Gel­tung gewänne, wenn das ehrliche Woklen und die anständige Gesinnung auch des Gegners ehrliche Anerkennung fände und man sich wieder mit blanken Waffen und offenem Visier gegenüber­träte, statt auch des Menschen im Gegner nicht zu achten und mit vergifteten Pfeilen aus dem Hinterhalt ihm nachzustellen. Am offenen Grabe Gustav Stvesemanns darf man vielleicht die Hoff­nung wagen, daß auch hierin mit bfr Zeit man­ches besser werde. Denn kaum ein anderer wie er wäre berufen gewesen, Mittler zu sein zwischen Altem und Neuem, zwischen Rechts und ßinfä, Führer zur Volkseinheit, ohne die ein Vorwärts undenkbar, ein Wiederaufstieg doppelt schwer erscheint. Wenn das Ausland den deutschen Außenminister heute als den großen Versöhner feiert, dessen Polittk die Liqui­dation des Weltkrieges und die Befriedung Eu­ropas anstrebte, so wissen wir, daß niemand mit heißerem Herzen um den Ausgleich der inner- pottttschen Gegensätze in Deutschland gerungen hat, und daß niemandem der Gedanke schmerz­licher war als Gustav Stresemann, sehen zu müssen, daß das, was er mit kühlem Verstände und tiefer Vaterlandsliebe außenpolittsch für den rechten Kurs hielt, zum Zankapfel der Parteien wurde, zur schier unüberbrückbaren Kluft grade zwischen den Schichten des Volkes, denen er sich seiner Herkunft und seines Lebensgangs nach sowohl wie seiner kulturellen und polittschen Ge­sinnung nach am engsten verbunden fühlte.

Mit einemW anderer zwischen beiden Welten" hat Stresemann selber einmal un­sere Zeit verglichen und dabei wohl selbst ge­fühlt, daß niemand diese Zeit eindeutiger und besser verkörpere, als er, der mit allen Fasern seines Herzens in der stolzen Vergangenheit des alten Reiches wurzelte, dessen Liebe zu Volk und Vaterland ihm aber, wie Jahre vorher schon Hindenburg, den Weg in den Dienst des neuen Staates, der jungen deutschen Republik, wies. Als begeisterter Burschenschastler groß geworden in den Traditionen der 48er Bewegung, als Schüler Friedrich Naumanns überzeugter An­hänger eines sozialen Kaisertums, als Jünger und Erbe Bassermanns Führer der National­liberalen Partei im Weltkriege, der bis zum bitteren Ende an den Sieg der deutschen Waffen und an ein größeres und mächtigeres Deutsch­land als Frucht der furchtbaren Opfer glaubt, trifft Stresemann Niederlage und Umsturz dop­pelt hart. Dem kümmerlichen Versuch derjenigen, die heute am lautesten sein Lob singen, ihn, den durch seine KricgspolitikKompromittier­ten" aus der Politik auszuschalten, begegnet der sich schnell Fassende mit der Gründung der Deut­schen Volkspartei. Niemals vorher hat ein deut­scher Politiker in so hohem Maße seine Partei in seiner Person verkörpert wie Stresemann. Gewiß hat es im Laufe der Jahre manch ern­sten Konflikt, manche schwere innere Auseinander­setzungen gegeben noch die letzten Stunden des Dahingeschiedenen waren erfüllt von Bemühun­gen, seine Partei von der Richtigkeit seiner Auf­fassung, von der augenblicklichen Unzweckmäßigkeit einer Koalitionskrisis zu überzeugen. Aber das Treueverhältnis zwischen der Partei und ihrem Führer hat alle Proben unerschüttert überstan­den. Die Partei hat im Laufe der letzten sechs Jahre, die ihren Führer auf dem Posten des Außenministers sahen, dieser unbedingten Treue zu Stresemann in mancher Situation schwere Opfer gebracht, die die Schwierigkeiten Wohl aufwiegen mögen, die dem Staatsmann Strese­mann aus der Verbindung von Parteiführer

ttm die Nachfolge Stresemanns.

Oie presse zur Betrauung des Ministers Curtius mit der einstweiligen Führung der Geschäfte.

Berlin, 5. Off. (DJIB.) wie schon in einem Teil der gestrigen Auflage milgeleill, hat Reichs­präsident von Hindenburg auf Vorschlag des Reichskanzlers den Reichswirlfchaflsminister Dr. Curtius mit der einstweiligen Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsministers des Auswärtigen be­auftragt.

Zu dieser einstweiligen Regelung der Nachfolge Dr. Stresemanns erklärt die Germania, daß diese allgemein, also auch in Zentrunmskrei- sen, überrascht habe. Die Ueberraschung muß, so fährt das Zentrumsblatt fort, um so größer sein, als gesagt wird, die Betrauung sei ohne Kenntnis der Mitarbeiter des Kanzlers und der politischen Faktoren erfolgt. Uns erscheint außerdem auffallend, daß die Übertragung an Herrn Dr. Curtius m i t einer solchen Schnelligkeit erfolgt ist, wie sie sonst bei uns in solchen Fragen nicht gerade üb­lich zu sein pflegt. Hätte man nicht wenigstens bis Montag warten können? Es liegt uns nicht und es entspricht auch nicht dem Ernst der Stunde, am offenen Sarge Stresemann zu diskutieren, und wir beschränken uns deshalb heute lediglich auf die Fest­stellung der oben geschilderten Tatsachen, sind uns aber bewußt, daß in der nächsten Woche Über dieses Thema noch gesprochen werden wird.

Auch der Vorwärts beschäftigt sich mit der Nachfolgefrage und sagt zu der einstweiligen Be­trauung Dr. Curtius: Die Anhänger dieses Vor­schlags begründen ihn mit der guten Arbeit, die Dr. Curtius im engsten Einvernehmen mit Stresemann im Haag geleistet hat, und mit der Notwendigkeit, die Volkspartei auch in Zukunft an die Außenpolitik der bisherigen Mehrheit zu binden. Für diese Besetzung des Postens mit einem Sozial­demokraten wird, so erklärt das Blatt dann weiter, geltend gemacht, daß nur ein Sozial­demokrat das Maß an Vertrauen und Autorität in der Welt gewinnen könnte, das Stresemann in jahrelanger Arbeit für sich gewonnen hat.

DieV o s s i s ch e Zeitung" meint, die Gründe für die Wahl Curtius' seien wohl darin zu suchen, daß Curtius der eng st e Mit­arbeiter Stresemanns gewesen s?i. Das besonders enge Verhältnis zwischen den beiden Männern sei nicht lediglich durch die Partei­zugehörigkeit bedingt gewesen. Stresemann habe in seinem Parteifreund und Ministerkollegen einen hellsichtigen, mit den Wirtschaftlichen Trieb­federn der Weltpolitik besonders vertrauten Mann gesehen, mit dem er seine außenpolitischen Absichten und Entwürfe bis in die letzten Einzelheiten zu besprechen gepflegt habe. Zwischen den beiden Männern habe ein restloses Einverständnis auch über die Wege bestanden, die in die Zukunft führten. Und Stresemann habe sich Curtius als seinen Nachfolger gewünscht. Gerade mit Rücksicht auf die bevorstehende Schlußkonfe­renz im Haag dürfte der Reichskanzler dem Reichspräsidenten seinen Vorschlag gemacht haben. Dr. Curtius, der an der Konferenz als Reichs­wirtschaftsminister teilgenommen hat, werde in

der Endphase im Haag der getreueste Voll­strecker der Absichten Stresemanns sein.

Das demokratischeDerl. Tageblatt" bemerkt: Wenn das Provisorium mit Dr. Curtius lediglich ineinDefinitivum umgewandelt wer­den soll, wie es dem Wunsche nur eines Teiles, aber eines sehr einflußreichen Teiles der poli­tischen Welt entspricht, dann kann die Entschei­dung schon in der Woche nach der Beisetzung Dr. Stresemanns fallen; sie kann es auch, wenn ein neuer Mann, ein Diplomat zum Beispiel das Amt übernehmen soll. Anders sehen die Dinge aus, wenn diese Frage inDerbindung mit der organischen Neubildung der Regierung gebracht wird, die man für später erwartet. Diese wird schwer sein, weil sie alles in Bewegung und Unruhe bringen muß, die Regierung, die Mehrheit und vielleicht sogar die Struktur einzelner Parteien.

Die volksparteilicheD. A. Z." sagt: Die Be­trauung des Reichsministers Dr. Curtius mit der stellvertretenden Führung des. Auswärtigen Am­tes war eine Ueberraschung, weil allge­mein angenommen worden war, der Reichs- kanzlerselber wurde das auswärtige Ressort vorübergehend mitverwalten. Aüf der anderen Seite hat Herr Dr. Curtius im Haag Fühlung mit de r internationalen Welt genom­men und kennt die mit dem IZoungplan zusam­menhängenden Probleme außerordentlich genau. Was die endgültige Nachfolge des ver­ewigten Außenministers betrifft, scheint es nach unseren Informationen keineswegs sicher zu sein, daß die Deutsche Volkspartei, entscheidenden Wert darauf legen soll, das auswärtige Ressort festzuhalten. Angesichts der Tatsache, daß die außenpolitischen Probleme, ' so schicksalentscheidend sie auch bleiben werden, |

Darmstadt. 4.Off. (MTB.) Staatsprä­sident D r. Adelung hat an die Witwe des Reichsauhenministers folgendes Beileidsschreiben ge­richtet:

hochverehrte gnädige Frau! Von dem Heimgang Ihres Herrn Gemahls habe ich mit schmerz­licher Ueberraschung erfahren. Ich bite Sie, meiner aufrichtigen und wärmsten Teilnahme ge­wiß zu sein. Als Staatspräsident des Landes Hessen, das seit den Tagen des Maf- fcnstillstandes unter dem Drucke fremder Besatzung zu leiden hat, weiß ich mich mit dem hessischen volle und seiner Regierung eins in dem Gefühl der Dankbarfeit für die un­ermüdliche zielbewußte Arbeit Ihres Herrn Gemahls in der Befreiung unseres Landes. Hessen hat das jahrlange Ringen Ihres Herrn Ge­mahls mit Verständnis und in der Hoffnung auf ein gutes Ende begleitet. Nachdem dieses i n greifbare Nähe gerückt ist, sieht es mit

nach der Haager Schlußkonferenz gegenüber den inneren Fragen der Finanz- und Steuerreform, sowie des verfassungs­rechtlichen Umbaues des Reiches in den Hintergrund treten können, dürfte die Partei eher maßgebenden Einfluß in der Führung an­derer Ministerien für wichtig halten.

Oie Beisetzungsseierlichkeiteu.

Die Aufbahrung im Reichstag.

Berlin, 4. Off. (Funkspruch.) lleber die Bei- sehungsfeierlichfeifen für den verstorbenen Reichs- auhenminister wird von zuständiger Stelle folgen­des milgeteilt: Der Sarg wird am späten Abend des Samstag von der Villa des Ministers zumReichs- tag überführt. Sonntag 11 Uhr vormittags findet die Irauerfeier im Reichstag statt, wo die Leiche auf der Estrade aufgebahrt wird. Die Trauerrede des Reichskanzlers wird von musikalischen Vorträgen umrahmt sein. Der Reichstagsabgeordnete v. a r d o r f f wird dann vor dem Reichstag den verstorbenen einen Nach­ruf widmen. In der großen Loge werden der Reichspräsident und die eng sie Fami­lie des Verstorbenen der Feier beiwohnen. Reichspräsident o. Hindenburg wird dem Leichenwagen zu Fuß bis zu seinem Pa­lais folgen. Eine militärische Beteiligung kommt nicht in Frage, da diese nur bei Staatsoberhäuptern vorgesehen ist. Der Reichskanzler wird heule mittag in Begleitung des Staatssekretärs Pünder im Trauerhause einen Besuch abstatten. (Eine ttabinettssihung ist nicht vorgesehen.

mir ergriffen an der Bahre des allzu früh Dahin- gcgangenen. Gerade in Hessen wird es als beson­dere Tragik empfunden werden, daß das Schicksal es Ihrem Herrn Gemahl versagt hat, den Lohn für seine aufopfernde Mühe, den Lohn in der Freude des befreiten Volkes zu erleben. Nun wird, wenn für die noch besetzten Gebiete im deutschen westen die Befreiungsstunde schlägt, der Name Ihres Herrn Gemahls voll Dankbarkeit und Trauer in aller Munde fein. In der Geschichte einer der schwer­sten Zeiten unseres Vaterlandes wird immerdar Ihr Herr Gemahl einen der ehrenvollsten Plätze ein­nehmen. Ihnen aber, hochverehrte gnädige Frau und den Ihren möge aus dem Stolz auf das werk Ihres Herrn Gemahls und auf feine Pflichterfül­lung bis zum letzten Trost und Linderung Ihres Schmerzes erwachsen.

In aufrichtiger Verehrung habe ich zu sein Ihr teilnahmsvollst ergebener Adelung.

Staatspräsident Adelung an Fran Stresemann.

Hessens Dank für die Befreiungsarbeit des verstorbenen Außenministers.

und Außenminister unzweifelhaft erwuchsen, hin­ter Überwindung schwerer innerer Hemmungen, die sich aus der Tradition der Partei und der politischen Vergangenheit ihres Führers begrei­fen, sind Stresemann und die Deutsche Dolkspar- tei hineingewachsen in den neuen Staat. Dem feinen Fingerspitzengefühl des geborenen Führers, unterstützt von einer faszinierenden, rednerischen Begabung und unerreichtem takischem Geschick ver­dankte Stresemann den unleugbaren Erfolg, daß immer breitere Massen des deutschen Bürgertums sich mit der Veränderung der Dinge abfanden. Dieses Verdienst um die innere Konsolidierung der jungen Republik überragt turmhoch die recht zweifelhaften Leistungen derer, die in engstirni­gem Fanatismus dem deutschen Bürgertum von heute auf morgen einen Gesinnungswechsel auf­zwingen wollten, der nur das Ergebnis einer langsamen, historischen Entwicklung sein kann. Seine Arbeit um die innere Aussöhnung des deutschen Volkes stellt Stresemann hier auch innerpolitisch ein Staatsmann von Format in eine Reihe mit den beiden ersten Reichs­präsidenten Ebert und Hindenburg.

Sein Werk konnte ihm in so hohem Maße ge­lingen, weil er selbst sich mit der ganzen Wucht seiner bestrickenden und mitreißenden Persönlich­keit einsetzte für den Bestand des Reiches auch in der neuen, von ihm und seiner Partei anfangs schroff abgelehnten, dann widerwillig hingenom­menen und schließlich als gegebene Tatsache an­erkannten Staatsform. Die Uebernahme des Reichskanzleramts durch Stresemann in den Augusttagen des unheilvollen Jahres 1923 ist ein Wendepunkt in der Geschichte des deut­schen Wiederaufbaus von gar nicht hoch genug einzuschähender Bedeutung. Poincares Armeen an der Ruhr im Herzen der deutschen Wirt­schaft, der offene Bürgerkrieg in Sachsen und Thüringen, die Reichsverdrofsercheit in Bayern auf dem Gipfel, der Währungsverfall in immer schnellerem Tempo fortschreitend, das Kabinett Cuno zurückgetreten, die Katastrophe vor der Tür, der Krieg zum zweiten Male verloren! Da

gehörte schon persönlicher Mut und höchstes Ver­antwortungsgefühl, ernste Pflichttreue und warme Vaterlandsliebe dazu, das der Regierung entsunkene Steuerruder des sich nur noch müh­sam über Wasser haltenden Staatsschiffs zu er­greifen. Damals sprang Stresemann in die Bresche. Unter seiner Kanzlerschaft wurde der Ruhrkampf liquidiert, in Sachsen und Thüringen Ordnung geschaffen, das Verhältnis zwischen Bayern und Reich konsolidiert und mit Hilfe Luthers, Schachts und Helfferichs die Grundlage für den Uebergang zur festen Währung gelegt. Auf dieser neu eroberten Reichseinheit baute er dann seine Außenpolitik auf, die unter deutlicher Abkehr von den verschwommenen Me­thoden der WirthschenErfüllungspolitik" neue Wege suchte, aus den Fesseln des Versailler Diktats wieder herauszukommen. Was Strese­mannnationale Realpolitik" nannte, bedeutete nichts anderes, als die Dinge so nehmen, wie sie nun einmal nach der Niederlage des Welt­kriegs waren, und daraus das Beste zu machen suchen, statt die Dinge so zu sehen, wie man sie gerne hätte sehen mögen, und Phantomen nach­zujagen, für die einem entwaffneten, wirtschaft­lich schwer ringenden Deutschland alle realen Unterlagen fehlten. Für Stresemann stand es fest, daß bei der europäischen Machtverteilung im Westen an eine Revision des Versailler Diktats für absehbare Zeit nicht zu denken fei, daß Deutschland deshalb alles daransehen müsse, um im Osten wieder eine starke Position zu ge­winnen. Das war jedoch nur nach einer vor­herigen Rückendeckung im Westen denkbar. Erst nach Befreiung- der Ruhr und des Rheinlandes und vertraglicher Sicherung der Westgrenzen schien es ihm möglich, eine Aktton im Osten einzuleiten zur Beseitigung des Korridors, Wie­dergutmachung des Unrechts an dem zerstückel­ten Oberschlesien und Befreiung Ostpreußens aus seiner Isolierung. Das war ein Programm auf lange Sicht, und der Weg dahin voller Dornen und Disteln. Die Londoner Reparattonskonferenz und das Dawesabkommen, der Locarnopakt,

Deutschlands Eintritt in den Völkerbund und nun der Voungplan lagen auf diesem Wege, der über die Befreiung der Rheinlande zur Hand­lungsfreiheit im deutschen Osten führen sollte.

Bitter schwer müssen einem Manne mit der in bester alter Tradition wurzelnden politischen Vergangenheit und dem ausgeprägten Nattonal- gefühl Stresemanns die harten Verzichte und großen Opfer geworden sein, die seine auf große Ziele gesteckte Politik vom deutschen Volke for­derte. Schwer traf ihn auch, daß diejenigen, von denen er am ehesten Verständnis für eine Politik erhofft hatte, die auf eine Befreiung der deutschen Lande am Rhein und im Osten abzielte, feine schärfsten Gegner wurden. Wir haben feine über­große Empfindlichkeit gegen feine Kritiker oft bedauert. Vielleicht war sie schon ein erstes An­zeichen der beginnenden Todeskrankheit, der der früher so Elastische in den letzten Jahren jeden neuen Tag in hartem Ringen abtrotzen mußte. Mit großem Eifer und weitgehendem Verständnis mühte sich Stresemann um die Erkenntnis der historischen Zufammenhänge. Mit Preußens Be­freiungskampf vor hundert Jahren hat er sich immer wieder beschäftigt. Aus der Verbindung von Geschichte und Politik, Vergangenheit und Gegenwart zog er den starken Optimismus, der Grundzug seines eigenen Wesens war und den er brauchte, um Freunde wie Gegner von der Richtigkeit seiner Politik zu überzeugen. Seit den Enttäuschungen von Locarno und Thoiry haben wir manches Mal mit diesem Optimismus in hartem Kampf gelegen, haben manch herbes Wort" der Kritik sagen müssen. Aber heute geht es nicht um die Leistung, über die allein die Geschichte ein gerechtes Urteil fällen wird, sondern um das Wollen dieses Mannes. Und das ist groß und rein gewesen. Wenn morgen sich die Erde schließt über einem nimmermüden Kämpfer, so gedeckten auch wir in tiefer Dankbarkeit des großen Mannes, der sein Leben ließ für Deutsch­lands Auferstehung.