Ans der Provinzialhauptstadt.
Ziehen, den 5. September 1929.
Altweibersommer.
co reich und reif ist dieses Sommers Neige
und leuchtend wie ein letzter Asternstrauß ...
singt Lulu von Strauß und Torney in einem Gedicht auf den September, den Scheidemond. Ist es nicht, als ob uns der Sommer noch einmal seine Macht und Stärke zeigen wollte? Es soll kein verschwommener Uebergang zum rauhen Herbste sein, nein, es ist ein verstärktes Aufglühen, eine Zeit für sich, dieser Altweibersommer. Und doch hat er nicht die Wirkung des Hochsommers. Die Sonne mag ihre ganze Kraft entfalten, sie mag noch so heiß vom Hellen Himmel hernieder scheinen, die kühlen und taureichen Nächte untergraben bald ihre Macht.
Am Tage aber steht der Feuerball gebietend am Himmel, und die Natur gehorcht. Wohl bringt die herbe Hitze unfern Aepfeln, Birnen und Trauben die Süßigkeit, die Pflanzen aber lassen ihre Blätter schlaff und welk hängen. Die Erde zeigt Risse. Es ist, als ob sich alles nach Ruhe sehnt. Kein Tropfen fällt vom Himmel, und wenn der Nachttau nicht wäre, sähen wir überall eine braune, verbrannte Wüste.
Der Wind ist eingeschlafen. Leere, nichts Grünes zeigende Stoppelfelder starren uns entgegen, bald sind auch die Wiesen kahl. Nur in den Gärten leuchten Rosen, Astern und Dahlien in allen Farben.
Dahin sind die Frühlingstage mit ihren Stürmen, die Erntezeit tarn mit ihrem Segen, aber mit unverminderter Kraft strahlt die Sonne über der ausgedorrten Erde. Noch im Untergehen vergoldet sie die bunte Landschaft, und zu keiner Zeit stt das Abendrot schöner als in diesen Tagen. Nicht grelle Farben erglänzen, sondern alles liegt in einem fünften Licht.
Das ist die Zeit, in der die Sommerfäden fliegen, kündend den Scheidemond, kündend den Abschied des Sommers. Fern im Himmel sitzt die Himmelskönigin und spinnt am golbnen Spinnrad und läßt träumerisch die Fäden zur Erde gleiten. Sie umfangen dich, legen sich fest an deine Kleider, spinnen sich ein in dein Haar. Sie wollen dich erinnern an die schönen, ahnungsvollen Stunden des Frühlings, an die segensreichen Stunden des Sommers. Zugleich aber mahnen sie uns, daß nun der Abschied kommt von leuchtenden Sonnentagen und milden Nächten.
Weiße Fäden uns umschlingen, Glocken läuten, Glocken klingen, immer (eifer, immer linder...
Aber unbeirrt von Sonnenglanz und Himmelsblau rüsten sich die Zugvögel zur großen Wanderfahrt. Sie wissen, was die Zeit des Mariengarns bedeutet.
Für uns Menschen sind es die Tage des ruhigen Ueberschauens. Wir sollen noch einmal nachdenken über das vergangene Jahr, zurückdenken an schöne Stunden, die uns Frühling und Sommer schenkten. Es ist schon Abschkbsstimmung, die uns die Marienfäden bringen. Wenn wir aud) wissen, daß diese leuchtenden Tage bis zum Ende nur helfen und wirken, daß sich alles in der Natur vollende, so liegt doch eine wehmütige Trauer über allem. Das Jahr geht zur Neige.
Dankbar wollen wir noch die letzten Sonnenstunden in unsere Herzen aufnehmen, aufspeichern für trübe Tage; denn die rauhen Herbftstürme wer- den schon körnen und alles Müde, Welke, das im
Laufe des Jahres redlich mitgearbeitet hat im großen Reiche der Natur, wird eingehen zur Ruhe
B.
80. Geburtstag
des Verlagsbuchhändlers Otto Roth.
Am 6. September feiert der Derlagsbuckchänd- (er Otto Roth, bet in Gießen als Sohn des Verlagsbuchhändlers Emil Roth und feiner Ehefrau Dorothea geb. L'Allemand geboren ist, feinen 80. Geburtstag. Emil Roth war im Jahre 1815 in Weißenburg in Bayern geboren. Girre ausführliche Geschichte der Familie Roth wird in Kürze erscheinen. 2tud dieser Schrift geht hervor, daß die Familie Roth feit Jahrhunderten in Weißenburg (früher Weißenburg am Sand, auch Weißenburg am Rordgau genannt) anfäffig war und daß ihre Glieder in dieser bis zum Jahre 1802 „ Freien Reichsstadt" eine bedeutende Rolle gespielt haben. Zum erstenmal begegnen wir der Familie Roth im Jahre 1530. 2ud die Weißenburger Bürger sich damals, gemäß dem Reichstagsabschied von Auysburg, darüber entscheiden sollten, ob sie bei der alten Kirchenlehre bleiben, oder sich der Lehre Luthers anfchließen wollten, entschied die weitaus größere Zahl sich für Luther. Hierzu gehörten auch Erasmus und Endrih (Andreas) Roth. Der erste uns genau bekannte Ahnherr des nun Achtzigjährigen war Hans Roth, der von 1541 bis 1606 lebte. Ihm verlieh Kaiser Rudolf II. am 5. Rovernber 1577 das Wappen, das die Familie heute noch führt und das auf der Titelseite aller Veröffentlichungen des Verlags Emil Roth zu sehen ist. Hans Roth war Ratsältester in Weißenburg; die Leichenrede, die ihm der Pfarrer Georg Ruding gehalten hat, ist im Drucke erhalten, sie preist ihn als „eine feine gravite- tische Person" und sagt, daß er „zu den fümem- sten Rathsgeschäften von gemeiner Statt wegen, in und außer der Statt, wie auch aufs Craiß- und ReichStägen, auch in Legation bey Kehser- licher Majestet" beordert worden sei. Sein Sohn Dr. Vitus Roth, der allerdings kein direkter Vorfahre von Otto Roth ist, war Syndikus seiner Vaterstadt; er hat sich um diese in der ersten Zeit des Dreißigjährigen Krieges große Verdienste erworben, da er die Stadt auf Reichstagen, auch am Kaiserhofe zu Wien verttat. Ein bedeutender Mann ist auch der Argrohvater des Derlagsbuchhändlers Emil Roth Georg Zacharias Roth (1712 bis 1792), gewesen, er war Gold- und Silbertressenfabrikant und soll der reichste Mann gewesen sein, der jemals in Weißenburg lebte. 2m Jahre 1822 hatte der einer alten Gießener Familie entstammende Ehristtan Balthasar Ferber hier eine Buchhandlung begründet, er starb früh, seine Witwe verheiratete sich im Jahre 1846 mit Emil Roth, der nun das Geschäft übernahm.
Otto Roth .befuchte die hiesige Realschule und lernte als Buchhändler in Heidelberg bei der Firma Mohr. Ilm sich in seinem Berufe weiter aus^ubilden, war er in den Buchhandlungen von Stein in Rürnberg, Baedeker in Essen, Perthes, Besser und Mauke in Hamburg, Benda in Vevey tätig. SeinVater war im, Jahre 1876 gerade damit beschäftigt, ihm auswärts ein Geschäft zu erwerben, da starb Emil Roth, und sein Sohn übernahm im jugendlichen Alter von 27 Jahren das väterliche Geschäft. 2m Jcchre 1864 hatte Wilhelm Ferber, der Sohn des Gründers der Ferberschen Buchhandlung, die Sortt- mentsabteilung des väterlichen Geschäfts übernommen, und Emil Roth hatte sich von da an ganz dem Verlage gewidmet. Der Sohn trat in die Fußspuren des Vaters und erweiterte seinen Verlag von 2ahr zu Jahr. Medizinische, staats
wissenschaftliche, juristische und theologische Werke gingen in großer Zahl aus dem Verlage hervor. Männer, wie der Raturforscher Jakob Moleschott, der Kirchenrechtslehrer Johann Friedrich von Schulte, der ^llediziner Ferdinand Adolf Kehrer, der Jurist Karl Gareis, der Gießener Rationalokonom Magnus Diermer veröffentlichten ihre Werke im Verlage Emil Roth, der auch Gesetzessammlungen in großer Zahl herausbrachte. Otto Roth hat sich auch der Pflege der Heimatdichtung gewidmet. Große Bedeutung für die Kultur des Hessenlandes gewann sein Verlag besonders durch die Herausgabe vieler Schulbücher. Erst vor wenigen Jahren erschien das „Hessische Lesebuch" in verschiedenen, der jeweiligen Altersstufe angepaßten Bänden. Otto Roth hat seinem Geschäfte einen Kunstverlag angegliedert, der in vielen Bildern die landschaftliche Schönheit des Hessenlandes zur Geltung bringt. Das ist alles in allem ein Lebenswerk von erstaunlicher Vielseitigkeit und großem Erfolge. Der Achtzigjährige erfreut sich völliger körperlicher und geistiger Rüstigkeit, so daß von seiner Arbeit noch manche reife Frucht zu erwarten ist.
Oer neue Vornan in her „Illustrierten^.
In ber nächsten Ausgabe ber „Illustrierten" des Gießener Anzeigers, am kommenben Samstag, 7. September, werben wir mit ber Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes beginnen. Es hanbelt sich babei um eine deutsche Originalarbeit, bei deren Erwerbung die Redaktion weder Mühe noch Kosten gescheut hat, da dieses Werk allen Erfordernissen des modernen Zeitungsromanes im besonderen Maße zu entsprechen schien.
„Die Revolution der Venus" von Frank Marquardt
schildett eine Welt, die jederzeit ihr dankbares und anhängliches Publikum gefunden hdt, die Welt ber Bühne — unb ben immer interessanten Weg zum Erfola, zur großen Berühmtheit, jenen Aufstieg, ber oft ebenfo abenteuerlich unb spannend genannt werden kann, wie ein sensationeller Kriminalfall.
Unser neuer Roman bringt eindringlich gesehene Gestalten aus der Theater- und Filmwelt. Vom ersten Kapitel an fesselt eine sehr geschickt erfundene Idee und im weiteren Verlaufe die überaus glückliche Vereinigung von äußerster Spannung und befreiender Heiterkeit. Dies gerade ist es, was wir heute brauchen, und so glauben wir, daß auch unser neuer Roman allen Lesern unb Leserinnen eine willkommene Gabe sein werbe.
Taten für Freitag, 6. September.
Sonnenaufgang 5.20 Uhr, Sonnenuntergang 18.36 Uhr. — Mondaufgang 8.47 Uhr, Monduntergang 19.52 Uhr.
1729: der Philosoph Mofes Mendelssohn in Dessau geboren (gestorben 1786); — 1757: der französische Staatsmann Marie Joseph Marquis des Lafayette in Chavagnac geboren (gestorben 1834).
Gictzener Wochenmarkrpreife.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 200 bis 210, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 20 bis 25, Weißkraut 15 bis 20, Rotkraut 20 bis 25, gelbe Rüben 10 bis 15, rote Rüben 10 bis 15, Spinat 20 bis 30, Römischkohl 10 bis 15, Bohnen, grüne und gelbe, 25 bis 35, Erbsen 30 bis 35, Tomaten 20 bis 25, Zwiebeln 10 bis 20. Kürbis 5 bis 8, Pilze 40 bis 45, Kartoffeln 5xh bis 6 (Zentner 4,50 bis 5 Mk.), Frühäpfel 15 bis 25, Falläpfel 4 bis 5, Dirnen 10 bis 30, Preiselbeeren 45 bis 55, Pfirsiche 45 bis 55, Zwetschen 15 bis 25, Mirabellen 20 bis 25, Reineclauden 20 bis 25,
junge Hähne 120 biS 130, Suppenhühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Tauben 70 bis 90, Eier
Oie Wetterlage.
Owomenios. 0 netter. @ naiD » voixig. o ordtcxi enegta W Sehnet a Graupeln, a NeDei R Grwittrr.@wind5:ille.«O-* sehr «itnier O$i massiger Südsüdwest % stormiscner nordwe$l Ote »feile fliegen mit dem winde. Die deinen Stationen stenenden Zal» ien geben die Temperatur an. Die Limen verbinden Orte mit gleichen! «ul Meeresniveau umoer«tineler> Luftdruck
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Wettervoraussage.
Der Einfluß ber flachen Störung führte zu keiner Umgestaltung unserer Wetterlage; wenn auch, begünstigt durch die übergroße Hitze, sich stellenweise lokale Gewitterstörungen gebildet haben, so blieb doch das durchweg schöne sommerliche, meist heitere Wetter bestehen. Die Temperaturen sind sogar in den heutigen Morgenstunden noch etwas weiter angestiegen und hatten bereits vielfach 20 Grad überschritten. Der herrschende Witterungscharakter bleibt noch bestehen, wobei jedoch mehr und mehr lokale Gewitterstörungen nicht ausgeschlossen sind.
Wettervoraussage für Freitag. Morgens vielfach dunstig, tagsüber meistens heiter, Temperaturen wenig verändert, lokale Gewitterneigung.
W i t te r u n g s a u s s ich t en für Spms- t a g. Roch kein Witterungsumschlag wahrscheinlich.
Lufttemperaturen am 4. September: mittags 30 Grad Celsius, abends 20. Grad; am 5. September: morgens 16,4 Grad. Maximum 30,2 Grad, Minimum 13 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 4. September: abends 26,9 Grab; am 5. September: morgens 19,9 Grab Celsius. — Sonnenscheindauer 9J4 Stunben.
Der frische Geruch ber Wäsche ist ber Hausfrau genau so wichtig, rote bie völlig« Reinheit. Sunlicht- Seife gibt ber Wäsche beides. Wo zum ersten Kochen ein pulverförmiges Waschmittel verwendet wird, nehmen viele Hausfrauen zum Klarkochen Sunlicht-Seife, um ber Wäsche ben herzhaft frischen Geruch zu geben. 3526v
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Steingut, solange Vorrat reicht, per Ltter 18 Pf.
H. Schön, Marbarger Str. k„4< greibant Freitag, den 6. September, von 8 Ubr ab 7B14D Ileischverkauf.
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M. Biringer Nachi.
Seltersweg 63 / Inh.: Fr. Holzheimer
Bekanntmachung.
In unser Handelsregister, Abteilung B, wurde am 15. August 1929 bei der Firma Wilhelm Zurbuch, Gesellschaft mit be- schränkter Haftung zu Gießen, folgendes eingetragen: Dr. Egon Meier ist als Geschäftsführer abberufen. Der Geschäftsführer Meier Löb wohnt jetzt in Essen. Dem Kaufmann Joseph Christ in Frankfurt a. M. ist Prokura erteilt mit ber Maßgabe, daß er berechtigt ist, in Gemeinschaft mit einem Geschäftsführer bie Gesellschaft zu vertreten. 7299D
Gießen, ben 3. September 1929. Hessisches Amtsgericht.
Bekanntmachung.
In unser Handelsregister, Abteilung B, wurde am 2. September 1929 bei der Firma heyligenstaebt & Lomp., werk- zeugmaschinenfabrik und Eisengießerei, Aktiengesellschaft In Gießen, folgendes eingetragen: Nach dem Beschluß der General- Versammlung vom 12. September 1928 soll das Grundkapital durch Zusammenlegung der Aktien im Verhältnis 4:1 herabgesetzt werden. 7298D
Gießen, den 3. September 1929. Hessisches Amtsgericht.
Wangsverfleigemng 43/28
Am Donnerstag, dem 19. September 29, vormittags 6% Uhr, wird im Amtsgerichtsgebäude, Zimmer 112, das im Gr ndbuche von Gießen ber Friß Schott Ehefrau, Elie geb. (5iefa, in Gießen zuge- fchriebene Anwesen Löberstraße 3
Flur 4, Nr. 1M7/1O = 1057 qm hofrette, geschätz. auf 59 000 Reichsmark, versteigert.
Die amtsgerichtliche Verfügung ist an der Ortstafel, Bergstraße 20, zur Einsicht ausgehängt. 5970D
Giegen, den 9. Juli 1929.
I. A. des Hessischen Amtsgerichts Gießen: Leo, Ortsgerichtsvorsteher.
NSU
Silberne Medaille
NSU
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Diplom
durch Deutschland. Oesterreich, Italien, Frankreich, Schweiz
Unter 175 kampferprobten Konkurrenten aus 14 Nationen beweist das NSU-Motorrad. trotz schwerster Prüfung, seine Überragende Zuverlässigkeit als Gebrauchs-Maschine mH folgenden Resultaten;
Silberne Medaille
5OO ccm-Klasse - Pätzold-Köln
Bronzene Medaille NSU 5OO ccm-Kiaeee - DoUmerm-Neckarsulm
5 WWW W
5 H5U oMiSbietl
Ote „BZ am Mittag" Nr. 139 „Von den deutschen Firmen Ist noch NSU besonders schreibt wie folgtt hervorzuheben, deren Fahrer, hätten eie ein Team gebildet. In Ehren bestanden hätten.“
Verfcaufsgemeinschaft NSU-Wanderet:
NSU Vereinigte Fahrzeugwerke AG. Neckarsulm WOrttbg.
350 ccm-Klasse - K. WtWner, BCnde L W.
Bronzene Medaille NSU 330 ccm-Klasse - Scberer-Kodwadorf


