Montag, 5. August 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 18! Zweites Blatt
Wieviel (Steuern muß jeder Deutsche zahlen?
Von Jahr zu Jahr braucht das Reich mehr Geld, und die Länder und Städte nicht minder. Ungeheuer zahlreich und kostspielig sind die Aus. gaben, die ihrer harren, und so ist es nicht zu verwundern, wenn der Etat von Mal zu Rlal immer gewaltigere Sprünge macht. Im Rech- nungsjahr 1926 27 betrugen die Einnahmen des Reiches 7,1 Milliarden: sie reichten nicht aus Im Rechnungsjahr 1927/28 wurden bereits 8,46 Milliarden vereinnahmt: cs war zu wemg. Das letzte Rechnungsjahr brachte uns gar 8,862 Mil. liarden ein, aber auch sic konnten den Bedarf nicht decken. Für das laufende Jahr 1929 30 sind als Einnahmen insgesamt 9 506 000 000 er. rechnet worden. Ob sie reichen werden? Wer kann es wissen.
Die Bevölkerung Deutschlands dürfte, nach authentischen Mitteilungen zu urteilen, zur Zeit ungefähr 64 Millionen betragen. Rach dieser Ziffer ist auch der Etat für das laufende Jahr bestimmt worden. Während jeder Einwoh. n e r im Rechnungsjahr 1926 27 schon 112,10 Mk. Steuern zu zahlen hatte, ist diese Summe ständig gestiegen, betrug vor . zwei Jahren schon 132,20 Marl, im vergangenen Jahre 138,50 Mark und wird zur Zeit mit 148,50 Mark ihren Höhepunkt erreichen. Bis es im nächsten Jahr voraussichtlich noch mehr werden wird. Innerhalb von drei Jahren haben sich die Steuern pro Kopf der Bevölkerung um nicht weniger als 32 Prozent erhöht!
An weitaus erster Stelle der Reichseinnahmen stehen, wie immer, die Zölle nebst den angeschlossenen Verbrauchsabgaben, wie Branntweinsteuer, Alkoholmonopolausgleich, Zuk- kersteuer, Tabaksteuer usw. Sie allein erreichen eine Höhe von 3116 Millionen, was pro Kopf der Bevölkerung einen Sah von 48,70 Mark ausmacht. In geringem Abstand folgt die Einkommensteuer mit einem Kopfsah von 45,80 Mark oder einer Gesamteinnahme von 2930 Millionen. An dritter Stelle steht die Urnfah- steuer, die 1228 Millionen einbringen soll und 19.20 Mark pro Kopf der Einwohner ausmacht.
Die übrigen Steuern folgen in weiten Abständen. Vermögens st euer und Körper- schaftssteuer bringen es je auf etwas mehr als 600 Millionen, die Bef-örderungs- steuer folgt mit 337 Millionen, doch wird man erstaunt sein, zu erfahren, daß dann bereits die Kraftsahrzeugsteuer mit 201 Millionen cinzuschieben ist! Sie hat die Kapitalver- kchrsteuer mit 166 Millionen weit überholt. Sehr zurückgesallcn ist die Erbschasts- st e u c r , weil es in dem armen Deutschland nach der Inflation bei den meisten Familien nicht mehr viel zu erben gibt. Sie bringt nur noch 121 Millionen ein! Und ist bereits von der Lotterie - und Rennwett st euer mit 89 Millionen stark bedrängt. Wechselsteuer mit 51 rind Grunderwcrbsteuer mit 38 Millionen bilden den Beschluß. Interessant ist zu sehen, daß aus den Kopf der Bevölkerung nur noch 1,90 Mk. Erbschaftssteuer entfallen, während vor dem Kriege diese Ziffer um ein Mehrfaches Überboten wurde.
Bekanntlich ist das Deich nicht in der Lage, die gesamten Einnahmen zu behalten, es muß vielmehr recht hohe Beträge an die Länder und Gemeinden obgeben. So müssen 75 Prozent des Aufkommens der Einkommen- und Körpcrschafts- steuer, im ganzen nach dem Voranschlag 2707 Millionen, sowie 30 Prozent der Umsatzsteuer, al'o 326 Millionen, an die Länder überwiesen werden. Im ganzen fließt über ein Drittel der Rcichscinnahmcn den Ländern wieder zu, sind doch seit Bestehen der Stabilisierung diese Ueberweisungen von 2770 Millionen auf den Betrag von 3208 Millionen gestiegen. Daß in allen Ländern und im Reich gleichmäßig eine Reform des Steuerwesens und der Stcucrvcrwal- tung angestrebt wird, ist bekannt. In Deutschland werden von 21 Millionen Menschen Lohnsteuern gezahlt. Do ein Beamter 13 000 Steuerpflichtige bearbeiten kann, sind hierzu allein 3230 Beamte notwendig. Die Zahl der Buch- und Betriebs- Prüfer in den 950 Finanzämtern, welche die An
gaben über die Lohnsteuer nachzusehen haben, beläuft sich auf 2100. Außerdem sind 12 000 Beamte notwendig, um die Erhebungen anzustellen, und weitere 3500, um die Vollstreckungen durchzuführen. Da das Reich eine ganze Anzahl von Aufgaben der Länder in der Steuerverwaltung übernommen hat, müssen hierfür weitere 5100 Beamte beschäftigt werden. Richt eingerechnet
sind bisher die 4425 leitenden Beamten der 950 Finanzämter. Am schwierigsten sind die großen Steuerzahler zu „bearbeiten", denn für die 5130 000 Menschen, welche Umsatzsteuer, Vermögenssteuer, Einkommensteuer und Körperschaftssteuer (Gesellschaften) zu zahlen haben, sind 15 690 Beamte notwendig, aber ihre Kunden bringen ja auch das meiste Geld.
Haager Diplomatenleben.
Zur Konferenz im Haag.
Von
lieber die Vorgänge innerhalb der diplomatischen Kreise des Haag: Versetzungen. Ferienantritte. Ordensauszeichnungen, wird der holländische Leser durch die Tageszeitungen auf dem Laufenden gehalten. Außerdem gibt es eine besondere Wochenzeitung, die „Gazette de Hol- lande", deren Privileg es ist. Empfänge. Einladungen. Gardenvartys mit den Liften der Teilnehmer veröffentlichen zu können. Die jährliche Bestandsaufnahme des Diplomatischen Korps wird durch den offiziellen Führer „La Haye diplomatique et mondain" vorgenommen, ein grünseiden gebundener Gotha in Duodezformat mit einem Anhang „Le Monde" (Feine Leute) von immerhin 365 Seiten Umfang, sowie durch den ebenfalls einmal im Jahre erfcheinenden ..Guide Mondain de la Haye". dessen Anhang sich als eine ergiebige Annoncenplantage dar- stellt ...
Die Frage ist gewiß statthaft, weshalb irv Holland. das mit aller Welt in Frieden lebt, die internationale Diplomatie eine so große, so her- ausgehobcne Rolle spielt. Gibt es wirklich dermaßen viel zu erörtern, zu vereinbaren, zu glätten und zu kontrollieren, daß z. B. die Vereinigten Staaten zur Hilfe des Haager Gefandt- schaftschess nicht weniger als drei Sekretäre, einen Militär- und einen Handelsattache, sowie fünf Marireattaches unterhalten müssen? Was veranlaßt Italien, seinen Haager Posten binnen zweier Jahre dreimal umzubesehen? Ist es für die fremden Emissäre dermaßen schwierig, mit Holland ein gutes Einvernehmen herzustellen und zu unterhalten? Ja. wenn man sich zu Bankno!enfälschungen großen Stils hergibt, wie ter verflossene Gesandte Portugals mit seinem, als Legationsrat angestellten Bruder, dann natürlich wird man „unerwünscht" und wird, außer von d-er vorgesetzten Heimatbehörde, auch von der heimatlichen Polizei nach Hause zurückgeru- sen, — sonst aber, sollte man meinen, ist doch in der Residenz dieses so gar nicht machtpolitisch engagierten holländischen Staates keinerlei Fauxpas möglich.
Die Ruhe und Gefahrlosigkeit des Haager Parketts hat die Legende entstehen lassen, der Haag sei gut genug als Altersposten, wo die Exzellenzen in Frieden ihrer Dienstgrenze entgegenreifen dürfen. In Wirklichkeit schicken die Staaken durchaus nicht ihre ermatteten Herren nach Holland, in den Gesandtschaften herrscht vom Türöffrer bis zum Gesandten aufwärts ein geradezu stürmischer Eifer. Auch die Gattinnen 6er Hochmögenden nehmen an diesem Eifer leidenschaftlich Anteil. Da dem Haager Königshof eine Frau vorstehl, ist es, um an diesem Hofe gut angeschrieben zu stehen, durchaus nicht unwichtig, wie die Gattinnen der Gesandten sich geben, wie sie sich kleiden, wie sie aussehen. Es ist im allgemeinen nicht erwünscht, daß sie „flott" oder ..selch" aussehen, obschon für sie. bei den zweimal jährlich stattfindenden Hofbällen, das Hof- zercmoniell immerhin das Zugeständnis macht, daß sic, als Ausländerinnen und tm Gegensatz zu den Gattinnen der eingeborenen Würdenträger, in „bobbcd Hair" erscheinen dürfen.
Bei strengster gesellschaftlicher Abgeschlossenheit beschäftigt sich die Haager diplomatische Welt im übrigen vorzugsweise mit idyllischen Dingen: Blumenzucht, Kunst, Sport, Tanz. Der amerikanische Gesandte protegiert in einer Haager Kunsthandlung Sonderausstellungen amerikanischer und englischer Maler: die Eröffnung derselben bildet
ein Ereignis, bei dem „man“ nicht fehlen darf, — vorn nächsten Tage ab sind und bleiben die Säle leer. Der englische Gesandte treibt Familienforschung: er besucht holländische Schlösser, in denen vor hundert Jahren einer seiner Vor- sahren, zugleich Vorgänger auf dem Haager Posten, geweilt hat. Wenn der ehemalige Vorgesetzte. Herr A u sie n Chamberlain, aus London herüberkam, besuchte man gemeinsam die Rarzissenfelder bei Haarlem, die Rosenzüchtereien in Boscoop. Eifriger wirkt die französische Gesandtschaft, wo man über einen tüchtigen Handelsattache verfügt, der es nicht nur zuwege brachte, daß die französische Industrie mehr und mehr auf der Utrechter Jahresmesse als Aussteller erscheint, der sich auch in den Riederländisch-indischen Kolonien umsah und die französische Schiffahrt und das französische Anlagekapital für diese Erdgegend interessierte.
Die Haager Warenlieferanten lieben die diplomatische Welt zärtlich. Da einige Gesandtschafts- Mitglieder über außerordentlich hohe Gehälter verfügen, fo bleibt bei den Modistinnen, den Zigarren- und Weinhändlern, bei den Schneidern und Restaurateuren allerhand hängen. Des höchsten Gehaltes dürste sich der mexikanische Gesandte erfreuen, nämlich von monatlich 6000 Gulden. Brasilien bezahlt seinen Gesandten mit monatlich 3755 Gulden, Bulgarien mit 2135 Gulden, Amerika mit 2780, Kuba mit 2470, Griechenland mit 2250 Gulden. Auch die Gesandtschaftssekretäre stehen sich nicht schlecht. Für seine Ge- sandtschoftssekretäre erster Klasse hat Amerika 1288 Gulden ausgeworfen, Brasilien 1254, Kuba 1232. Frankreich 1000 Gulden. Das Gesamtbudget der großbritannischen Gesandtschaft stellt sich wie folgt: der Gesandte erhält jährlich 5000 Pfund und 300 Pfund Zulage für die Einrichtung der Wohnung ufw., der erste Sekretär 1550 Pfund, Zulage 400, der zweite Sekretär 1000 Pfund, Zulage 250, der Handelsattache 1850 Pfund. 60 Prozent Zulage, der Archivist 600 Pfund, die Registratur insgesamt 4000 Pfund.
Zur Haager diplomatischen Welt gehören auch die Richter des Weltgerichtshofs. Ein wichtiger Beschluß der Genfer Dölkerbundsleitung hat ja vor einiger Zeit ausdrücklich festgesetzt, daß die Richter rangmäßig auf der gleichen Stufe wie die Haager Gesandten stehen, diesen also nicht mehr den Vortritt zu überlassen brauchen. Sie erfreuen sich jeder eines Gehalts von 60 000 Gulden jährlich.
Der bevorzugte öffentliche Zusammenkunftsort ist das Hotel Des Indes. Hier geben jene Gesandtschaften, die über keine eigenen Empfangsräume verfügen, ihre Frühstücke und Bankette, hier treten die Attaches zum Dienst auf dem Tanzparkett an, hier wird, als auf neutralem Boden, wohl auch einmal zwar nicht Welt- erschütterndes. so doch Zeitbedeutsames verhandelt. So hielt hier Leon Daudet, der Heimatflüchtige, seine Besprechungen mit holländischen aktivistisch-saszistifchen Gesinnungsgenossen ab, was die Haager offizielle Vertretung Frankreichs mit recht scheelen Augen ansah.
Dom „Plein" aus, wo sich das holländische Auhenamt befindet, sieht man dem Treiben, dem echten und dem falschen Eifer, den privaten und dienstlichen Händeln mit menschenkenne- rischer Ruhe zu. Man geht über die menschlichen Schwächen der fremden Würdenträger mit vollendeter Höflichkeit hinweg. Holland wünscht sich nicht zu engagieren, nach keiner Seite hin.
MM« MW «M».
Vornan von Edgar Wallace.
45 Fortsetzung Nachdruck verboten.
David ging in den Hof zurück, hielt sich aber nur auf, um die Türen hinter sich zu schließen. Er hatte nicht einen Augenblick zu verlieren. Der Motor lief noch, er sprang in den Führersitz und ließ den Wagen langsam rückwärts laufen. Als die Räder die schmale Brückenwaage erreichten, öffneten sich die Torflügel wiederum. Sie würden genau zwanzig Sekunden offen« bleiben und sich dann automatisch wieder schließen: kaum war der Wagen rückwärts auf die Straße gekommen, als sich die Tür geräuschlos schloß.
Schnell fuhr er nach der Stadt zurück, diesmal aber in nördlicher Richtung und hielt erst gegenüber von Larry Holts Wohnung an.
39.
Diana war schon vor dem Diner nach Haus gegangen — eigenartig war es. wie sie sich in den wenigen Tagen daran gewöhnt hatte, Larrys Wohnung als ihr Heim zu betrachten —. Die Arbeit war getan, und es blieb weiter nichts als die harte und grimmige Rotwendigkeit zu erfüllen, die Verbrecher festzunehmen. Jeden Augenblick erwartete sie, das Telephon läuten zu hören und Larrys Stimme zu vernehmen, die ihr mitteilte, daß die beiden Brüder hinter Schloß und Riegel sähen.
Ein Buch lag in ihrem Schoß, aber sie las nicht. Ihre Anstandsdame und Pflegerin sah in ihrem Zimmer und nähte. Sunny stand, außerhalb der angelernten Wohnungstür und plauderte leise mit Louie, dem Mädchen, das den Fahrstuhl bediente. Sicherlich hatte Sunny seine eigenen Interessen, die er für sich behielt, aber es war augenscheinlich, daß die Entdeckung einer Person, die mit allem, was er sagte, überein» stimmte, die allen feinen Behauptungen bei» pflichtete, diesen liebenswürdigen Herrn fesselte.
Diana sah mit gebeugtem Haupt, die Wange auf die Hand gestützt, und ihre Gedanken wan
derten in eine rosige Zukunft — die tragische Vergangenheit schien vergessen. Einmal stand sie auf und ging in Sunnys kleines Zimmer, wo die Frau, die sie „Tante" genannt hatte, fried- lich schlief, und bei dem Gedanken an die Invasion von weiblichen Wesen in Larrys Junggesellenwohnung muhte sie lächeln, als sie durch den Gang nach dem Wohnzimmer zurückging.
Sie hatte gerade ihr Buch wieder auf genommen, als Sunny anklopfte und hineinkam.
„Ein Brief für Sie, Miß," sagte er und über- reichte ihn dem jungen Mädchen. Es war Larrys Handschrift. Sie rih den Umschlag auf und las:
„Liebe Diana. Ein ganz unbegreifliches Versehen hat sich herausgestellt. Dr. Judd hat eine verblüffende Erklärung über den Tod deines Va'.ers gegeben. Ich schicke dir einen Wagen und bilde dich, sofort nach Dr. Judds Haus — 38 Endman Gard-ens, Chelsea — zu kommen. La.rry."
Das Briefpapier trug die gleiche Adresse. Larry muhte von Endman Gardens aus geschrieben haben.
„Ist eine Antwort nötig, Mih?" fragte Sunny.
„3a, bestellen Sie dem Chauffeur, dah ich sofort komme."
„Gehen Sie aus, Mih?" Sunny fragte es zögernd.
„3a, ich suche Mr. Holt-auf," antwortete fie lächelnd.
„Wünschen Sie, dah ich Sie begleite, Mih? Der Herr sieht es nicht gern, dah Sie allein gehen."
„3ch glaube, heute abend brauchen Sw sich keine Sorgen zu machen, Sunny," sagte das junge Mädchen freundlich. „Auf jeden Fall vielen Dank für Ihr freundliches Anerbieten."
Sie zog sich hastig an und ging nach unten. Die Limousine stand vor der Tür, und der Chauffeur grüßte höflich.
„Mih Ward?" fragte er. „Ich komme von Dr. 3udd." Seine Stimme klang heiser, als ob er erfüllet wäre.
„Ja, ich bin Mih Ward," anttoortefe sie und stieg in den Wagen."
Vor einem dunklen, schweigenden Hause hielt das Auto an.
„Ist das Dr. Judds Haus?" fragte fie.
„2a. Miß," antwortete der Mann. „Wollen Sie bitte die Stufen hinaufgehen und läuten Dec Diener wird Sie dann zu dem Herrn bringen."
Dr. Judd selbst war es, der jovial lächelnd die Tür öffnete und fie in den prachtvollen Salon nötigte.
„Hoffentlich macht es Ihnen nichts aus. einige Augenblicke hier warten zu müssen, Mih Stuart?" sagte er freundlich. •
Der Rame klang ihr fo fremd und ungewohnt, dah fie lachte.
„Ich nehme an, Sie haben sich noch nicht daran gewöhnt, mit diefem Rainen angeredet zu werden?" sagte der Doktor in ausgezeichneter Laune. „Ich gehe nach oben, um unseren beiderseitigen Freund aufzusuchen und ihn nach unten zu holen. Vielleicht können Sie sich einige Minuten gedulden. Unfere kleine Besprechung war noch nicht ganz beendigt."
Sie nickte und setzte sich in einen der grohen Sessel. Zehn Minuten vergingen, zwanzig Minuten verstrichen, aus den zwanzig wurden vierzig Minuten. Richts rührte sich in dem grohen Hause, niemand kam zu chr. Die ütjr auf dem Kamin schlug leise klingend.
„Zehn Uhr!" sagte sie überrascht. „Ich mochte wissen, was ihn so lange aufhält."
Lind doch hatte sie keinerlei Besorgnis, zweifelte keinen Augenblick, dah Larry im Hause war.
Das Zimmer war kostbar und so wundervoll ausgestattet, wie Diana es nie im Geben gesehen hatte. Sie sah an der Seite eines großen offenen Kamins, in dem ein kleines Feuer brannte, denn die Rächt war kühl, und betrachtete bewundernd die Gemälde, die Gobelins, die prachtvollen Vorhänge und künstlerische Wandtäfelung als Hintergrund für all diese Kostbarkeiten. Richt ein einziges Möbelstück befand sich in dem Raum, das nicht, wie sie fühlte, mit Sorgfalt und Verständnis ausgewählt war. Die Teppiche auf dem Parkett waren antike Pcr f-rr: die geschnitzte Tafel hätte aus einem kaiserlichen Palast des serenen Osten stammen können.
Bequem lag fie in ihrem tiefen Sessel, eine illustrierte Zeitung auf den Knien. Ihr Blick
Der Aufwand der fremden Mächte — einige schicken von Zeit zu Zeit Kriegsschiffe, amtstätige Minister, Prinzen von Geblüt zu Besuch — steigt niemandem zu Kopfe. Man findet ed ersprießlich. dah sich im Haag wie in alten Zeiten die Exzellenzen, die plcnipotcntiärcn Minister ein Envoyes cxtraordinaires drängen, es gibt dem Haag internationales Gepräge, aber zuletzt kennt man seine eigene Wichtigkeit auch ohne die Bestätigung durch srcmdländischc Repräscn» tation.
Aus der Provinzialhauptstadt.
G i c h c n, den 5. August 1929.
Genossenschaftlicher Eierabsatz.
Die bisher in Frankfurt a. M. bestehende Hessische Eierverwertungszentralc e. G. m. b. H. und die Z e n t r a l g c n o s s e n s ch a s t f ü r Eierverwertung in Ra ssau e. ®. m. b. H. haben sich unter gleichzeitigem Beitritt der Zentral-Cier-Verwertungsgenoslenschaft in Kassel zu einer gemeinsamen Zentrale unter der Firma „Eierverwcrtungszentrale e. G. m. b. H. Frankfurt a. M." vereinigt, deren Geschäftsbereich sich nunmehr auf das Gebiet des Freistaates Hessen und der Provinz Hessen-Rassau einschliehlich des Kreises Wctz - I a r erstreckt. Angeschlossen sind bisher etwa 40 Untergcnofsenschaftcn. deren gesamter Anfall an Eiern, soweit sie nicht im eigenen Bezirk untergebracht werden können, der Zentrale zur Verwertung zuflieht. Zweck dieser Organisation ist die Hebung der inländischen Cier- erzeugung, insbesondere die Schaffung einer hochwertigen einheitlichen Ware, mit der die stärker werdende ausländische Konkurrenz auf den Hauptabsahmärkten verdrängt werden soll. Die Gewinnung und Verwertung der Eier steht unter ständiger Kontrolle der Landwirtschasts- kammern, wie sie vom Deutschen Landwirtschaftsrat für das „deutsche Frischei" vorgeschrieben ist. Der Verbraucher hat demnach Gelegenheit, die besonders gekennzeichneten Eier, deren Stempel die Gewähr für vollfrische deutsche Ware gibt, zu kaufen und kann hierdurch nicht nur den Interessen der Landwirtschaft dienen, sondern auch durch Einschränkung der Auslandeinsuhr zur Besserung der deutschen Handelsbilanz beitragen. Für die Landwirte ergibt sich aber die Rotwendigkeit, durch wirtschaftliche Umstellung ihrer Geflügelzucht und -Haltung dafür Sorge zu.tragen, dah die Abnehmer ständig, das heißt das ganze Jahr hindurch, mit einwandfreier hochwertiger Ware beliefert werden können.
Borriotizen.
— Tageskalender für Montag. Lichtspielhaus, Bahnhofstrahe: „Der Berg des Schicksals" und „Larry in der Sägemühlc".
— Stadttheater Giehen (Wald- bühne). Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die Aufführung der Wildeschen Tragödie in einem Akt, „Salome", aus der Waldbühne, die als einzige Wiederholung dieses Stückes von der Intendanz in Aussicht genommen ist, beginnt diesmal bereits um 20.30 Uhr. Durch diesen früher angesehten Beginn der Freilichtaufführung werden auch die auswärtigen Besucher Gelegenheit erhalten, diese Inszenierung zu sehen. Die Titelrolle spielt Trude Hch; sie tanzt auch den von Frau Dr. Rosenberg einstudierten berühmten Siebenschleier-Tanz. Herodes und Herodias sind Walter-Ebcrt-Grassow und Lieselotte Fuhrmann, Jochanaon Hans Hais. Der junge Syrier: Eduard Wesener: Page der Herodias: Ilse Jahn. 3n den übrigen Rollen wirkt das gesamte Solopcrsonal des Stadttheaters nebst zahlreichen Statisten mit. Die musikalische Leitung hat Kapellmeister Franz Bauer jun. Die Preise der Plätze betragen 50 Pf. bis 2Mk. Bei schlechtem Wetter findet die Vorstellung im Stadttheater statt. Spieldauer knapp V/2 Stunden. Vor und nach der Vorstellung verstärkter Straßenbahnverkehr. -- Paul Franks neuestes Lustspiel „Grand Hotel" wurde von Intendant Dr. Rolf P r a s ch für Bad-Rauheim zur gleichzeitigen Uraufführung mit Berlin (Lust» spielhaus), Stuttgart (Landestheater) und Chemnitz erworben. Das Werk wird zu Beginn der wanderte zu dem Feuer im Kamin zurück und ihre Gedanken zu Larry. Sie wunderte sich mehr und mehr, welch wichtige Angelegenheiten er zu besprechen hatte, was wohl Die Erklärung sein konnte, die der Doktor gegeben hatte. Wieder blickte sie nach der Uhr. Halb elf! Sie legte die Zeitung fort und begann unruhig in dem prachtvollen Gemach auf und ab zu gehen. Jetzt hörte sie das Schnappen einer Türklinke, und Dr. Judd kam von ”6er Halle herein.
„Hoffentlich haben Sie sich nicht zu einsam gefühlt," sagte er. „Er kommt sofort."
Sie zweifelte nicht einen Augenblick, dah „er", von dem der Doktor sprach, Larry Holl war.
„Ich fing schon an unruhig zu werden," sagte sie lächelnd. „Was ist das für ein wunderbarer Raum!"
„Ja," sagte er gleichgültig, „er ist sehr schön, aber später werden wir Ihnen einen Salon zeigen können, gegen den dieser hier ärmlich erscheint."
„Da ist er ja," sagte der Doktor: aber es war nicht Larry, der hereinkam. Mit einem Ausruf des Schreckens sprang sie auf die Füße. Cs war John Dearborn. Die Maske des Blinden war verschwunden, wie seine Drille, und seine klaren Augen betrachteten sie mit spöttischer Belustigung.
„Wo ist Mr. Holt?" fragte fie.
Dearborn lachte leise.
„Sie wollen doch sicherlich etwas genießen," Tagte er, schob an der Seite des Kamins ein Paneel zur Seite und nahm eine silberne Platte heraus, auf der eine Mahlzeit für eine Person » angerichtet war.
„Wir essen fo spät am Abend nicht mehr," et fetzte die Platte auf den Tisch, über den er eine weiße Spitzen decke gelegt hatte.
Diana war leichenblaß geworden. Sie war in tödlicher Gefahr, aber üyre Stimme schwankte nicht.
„Wo ist Wr. Holl?" fragte sie von neuem.
„Mr. Holl ist glücklich und zufrieden." Es war der Doktor, der antwortete. „Sie werden ihn später zu sehen bekommen."
Die eigenartigen Worte und der merkwürdige Ton erschreckten sie. Diane stand auf und nahm ihren Schal. (Fortsetzung folgt.)


