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Nr. 4 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 5. Januar 1929

Oie europäischen Ausgaben für 1929.

Außenpolitische Umschau.

DonDr.OttoHoehsch, o.professor bei Geschichte an t»r Universität Berlin, M. b. 3t

Deutschland ist in das zehnte Jahr nach Kriegsende und Revolution einget.elen. Es wird ein Jahr schwerer außenpolltifcher Kample und Entscheidungen sein! Denn in ihm sollen und müßen die Fragen der Rheinlandräumung und d:r neuen Re/a.ationsordnung zur Entscheidung kommen. Mit tieiem Ernst hat in seiner Reu» jahrsansprache der Reichspräsident das nachdrück.ich untors.^ichen und so auch mahnend an das deutsche Volk ihm den Ausblick aus diese schweren Kämpfe erössnet.

Mit Rächt hat er gesagt, das; es gelte, a u s der Grundlage des Kellogg -Paktes weiterzuarbeiten. Am 31.Dezeml«c hat Lit­winow. der stellvertretende russische Außen­minister, Polen (und auch Litauen) in einer Rote dorgeschlagen, durch ein S o n d e r p r o t o k o l l drn Kellogg-Patt zwischen Rußland und Polen in Äuflit totten zu lassen, ehe ihn die anderen Staaten ratifiziert haben. Das kommt praktisch im Verhältnis zwischen Rußland und Polen auf drn Aichtangrisssvertrag hinaus, den Rußland schon längst Polen vorgeschlagen^ hat und über den die Verhand.ungen nicht vvrwärts- grkommen sind. Für die Welt im allgemeinen aber ist nachdenklicher Litwinows Hinweis, daß der Kellogg-Palt noch nicht in Kraft getreten s-ri, daß noch nicht ein einziger dec d er- zehn Staaten, die ihn am 27. August 1928 unter- schri-rben haben, ihn rati.iziert haben! Der rus­sische Minister hat ganz Recht mit diesem Hin- wris, und wir fragen: warum bat Deutsch­land diesen Pall bis heute noch nicht rati­fiziert? Warum England und Frankreich damit zögern, ist ohne weiteres klar. Aber warum Deutschland, das an der Zusammenarbeit mit Rordamerika auss höchste interessiert ist, dies« Gelegenheit bisher hat Vorbeigehen lassen, das können wir nicht begrei.en und erklärt sich nur auS -einem Mangel an Gesamtübersicht über die Wrltpolitik, den man der außenpolitischen Füh­rung eines Landes eigentlich nicht sollte vor- we r en dürfen. Ist der Hinweis des Reichs­präsidenten, mit dem dieser ein« Demcrkung des Runtius ausnahm, zugleich auch ein Wink an die Adorf e der deutschen Außenpolitik? Wir hoffen es und erwarten, daß nun Deutschland das im eigensten Interesse baldigst nachholt! 8

Man wird auch drm russischen Minister nicht bestreiten können, daß «r mit Recht in dieser Ver­zögerung durch die unterzeichnenden Staaten wie­der den Mangel an Bereitwilligkeit erkennt und betont, eine wirkliche Friedensord- nung in Europa zu begründen. Er hat am 6. De­zember in einem Briese an den Vorsitzenden der Abru st ungskom Mission des Völkerbundes in dieser Frage gedrängt. Darauf hat Herr Loudon ihm geantwortet, daß nunmehr di« nächst« Tagung di-:ser voi;, ereitenden Kommission auf den 15. April «rinberufen worden fei. Für die abermalige Hinausschiebung führt man in Genf an. daß der am 4. März sein Amt antretende n-eue Präsident Hoover erst die Möglichkeit haben müsse, die amerikanischen Delegierten zu ernennen. Das läßt sich hören, ist aber doch nicht viel mehr als eine Redensart. Denn die Genfer Abrüstungssragen bewegen sich um die Land­abrüstung, an der Amerika so gut wie nicht inler- essiert ist, und seine Delegierten hätten vor und nach dem 4. März genau das gleiche in dieser Konferenz getan. Aber wollte man nicht zum vollen Gespött werden, mußte man sich einen Stoß geben und immerhin hat man auf der an­deren Seite, die die Abrüstung nicht wollen, 7wch -ein Vierteljahr bis dahin Zeit.

Weder die Abrüstungs- noch die Räumungs- frag-e werden in diesem Vierteljahr im Vorder­grund st-ehen. Da herrscht durchaus vor die R e - parations-erörterung. Die ersten Sach­verständigen (Englands und soweit wir orientiert sind, auch Japans) sind bereits ernannt, die anderen werden bald folgen. Man kann rechnen, daß -etwa im Februar die Konferenz komplett sÄn wird. Was auf ihr für Deutschland auf dem Spiele steht, ist bekannt und wird noch oft genug hervorzuheben sein.

Am 2. ist der Jahresbericht des R « - parationSag-rnten als letzter vor der Kon­serenz erschienen. Auch über ihn. von dem natür­lich die Sachverständigen ausgehen, ohne an ihn gebunden zu sein, wird noch oft zu sprechen sein. Gr kvrist um zwei Punkte. Einmal kommt nun (für uns persönlich gar keine äleberraschung und längst von uns erwartet) sein« Mahnung, den sogenannten Finanzausgleich zwischen dem Reich und den Ländern durch,zuführen und damit, wie er glaubt, außerordentliche Ersparnisse zu gewinnen. Welche Versäumnisse liegen auf diesem Gebiete von feiten der deutschen Politik vor, wo­bei wir viel weniger im Auge haben, daß die Arbeit an sich, die wahrhaft höchst verwickelt und schwierig ist, nicht weiter gekommen ist, als viel­mehr die Versäumnis, daß man so lange Zeit sich beim Reparationsagenten diese Vorstellung kstsetzen ließ, die deutsch« Verwaltungs- konstruktlon in Reich, Ländern und Ge­meinden sei unerlaubt kostspielig und verschwende­risch. Der andere Punkt ist sein Hinweis, der in dieser optimistischen Schärfe von ihm so noch nicht ausgesprochen wurde und der darum befrem­det, daß die deutsche wirtschaftliche Leistungs­fäh i g k -r i t ausreiche, die Lasten des jetzigen Planes quasi als normal zu tragen. Sind wir wirklich gerüstet, personell und materiell, gegen dies« Ausfassung mit dem Erfolg aufzutreten, der uns vor einer unmöglichen und unerträglichen Lösung schützen kann? Mit großer Sorge blicken wir gerade auf diese Situation hin!

Auf der anderen Seite, bei Frankreich, sind Wir nun gespannt, wie sich Poincare zu seinem Schuldenabkommen mit Amerika und England stellen wird. Frankreich, Poincare tritt in den ReparationsVerhandlungen als ein unerbittlicher Gläubiger Deutschlands' auf, der sich unbedingt an den Buchstaben des sogenannten Rechts hängt und seine Forderungen bekanntlich auch sehr genau angemeldet hat. Aber dasselbe Frankreich ist ein säumiger Schuldner Amerika gegenüber! Das heißt: den Zinsendienst leistet ja Frankreich für seine Schulden an Amerika schon seit über einem Jahr. Aber es sträubt sich immer noch gegen Amerikas Forderung, formell

seine Schuld an das letztere in dem bekannten Abkommen anzuerkennen.

Es ist bekannt, warum es sich sträubt. Es ist weiter bekannt, daß es im nächsten August 400 Millionen Dollar an Amerika zahlen muß. Cs wünscht diese Summe nicht, obwohl es das könnte, aus seinen Barbeständen zu nehm.n, und wünscht eben dafür die sogenannteKommer­zialisierung" eines Teiles der deutschen Reparationsschuld, der bekannten Cisen- bahnobligafionen. Das heißt wieder, daß Ame­rika, um zunächst für diese Forderung sein Geld von Frankreich zu bekommen, seinerseits Deutsch­land eine Anleihe geben soll, aus der und mit der Frankreichs Schuld an Amerika beglichen werden könne. So soll Amerika sich selber aus seiner Tasche für einen Schuldner b zahlen, der nicht einmal seine Schuld an diesen Cl ubiger anerkennen will! Entschlösse sich nun aber Poin­care, das Mellon-Dc renger-Aokommen §u_ rati­fizieren, so fällt der dringlichste Grund, nämlich die Bezahlung der nächsten Schuld, im Au zust weg, weil sich das dann in die Gefamtregelung ein ordnet. So ist Poincare allerdings in einer Klemme. Spricht das auch bei seiner Steigung mit, fortwährend die Dinge auf die Vertrauens­krise zu treiben und gegeben.nsalls zurückzu­treten?

In einem Aufruf für einepaneuro- pärsche Konferenz" im Jahre 1929 sagt der bekannte Graf Coudenhove, daß vor 40 Jahren die erste panamerikanisch« Konferenz zusammengetreten, aus der die panamerikanische Union hervorging, und daß der letzteren es zu verdanken sei, daß Amerika seinen Frieden be­wahrt«. wahrend Europa. Asien und Afrika von schwersten Kriegen heim'efucht worden seien. Daran ist jedensalls soviel richttg, daß die ame­rikanischen Kriege dieser Zeitspanne sich nicht entfernt mit den anderen vergl ichen lassen, an die Coudenhove denkt, und daß. trotz etwa jetzt eben des Konflikts zwischen Bolivien und Para­guay. der ganze amerikanische Konttnent, vom Rorden Kanadas bis zum Kap Hoorn, in ge­sicherterem Frieden lebt als unser Europa. Auch wcnn man die Erfolge der panamerikanischen Organisation nicht überschätzt, sie ist doch da. Sie arbeitet unb sie hat gewisse Erfolge.

Wir sind durchaus nicht gleicher Meinung mit dem Grasen Coudenhove in bezug darauf, wie

er sich die Gcsamtorganisation eines Europas für den Frieden denkt. Aber Recht hat er ohne Zweifel mit dem unermüdlichen Hinweise, daß Europa ohne eine solche Ordnung unweigerlich neuen Kriegen und neuem Unheil entgegengeht. Recht hat er wiederum darin nicht, wenn er glaubt, daß diese europäische Ordnung sich un­abhängig von Amerika vollziehen könne. Beides gehört zusammen, aufeinander- wirkend und einander befördernd: Der Wille und die Aufrichtigkeit in Europa, eine Ordnung des Friedens zu schaffen, und die Mttarbeit Amerikas daran.

Vergleicht man nun, was dafür die beiden Kontinente in den letzten Jahren geleistet haben, so ist di« a k t i v e D i i a n 5 auf feiten Amerikas: die finanzielle Hilfe, die Rüstungsbindung in bezug auf die Linienschiffe, der Kelloggpatt. Aus der europäischen Seit« aber: das Fiasko der Abrüstungsverhandlung, das System der Ver­träge. in dem immer ein Staat mi: dem Rachbar seines Rachbarn gegen den Rachbam sich zu­sammenfindet. Zuletzt das neue englisch-franzö­sische Bündnis, die zahllosen Reibungs- und Gefahrenstellen der Friedensverträge und der völlige Mangel einer Hilfe und Revision dafür.

Unter diesen Verhältnissen geht nun der Kreis der europäischen Staatsmänner an die Aufgabe, die beiden Spannungen zu losen, die nicht nur deutsche Interessen betreffen, sondern europäische Spannungen sind. Denn die Frage der Rhein- lan-bräumung und die Reuordnung der Repa­ration sind europäische Fragen im wei­testen Sinne des Wortes. Ohne ihre wirkliche Lösung kommt Europa nicht zum wahren Frie­den, und ohne den aufrichtigen Willen, sie zu lösen, wird es auch nicht die Mitarbeit Amerikas dafür finden, die Europa brauche. So stellt sich uns die Ausgabe, allerdings c1- :ers als etwa dem Grafen Coudenhove, und von einerpan- europäifchen Konferenz" erwarten mir Dafür sehr wenig oder nichts.

Tiesemst ist der Ausblick auf die Aufgaben und Entscheidungen des neuen Jahres für unser deutsches Volk. Es muß sich und seine Führung auf das äußerste zu einheitlicher Willens­und Krastentfallung zusammennehmen, wenn «S überhaupt hoffen soll, daß das kom­mend« Jahr in den beiden Zentralfragen seiner Außenpolitik ihm erträgliche Lösungen bringe!

Chinesenstädie im Abendland.

In den Chinesenvierteln von Berlin, Paris, London, Aeuyork und San Franzisco. Z Millionen Söhne des Himmels auf der Wanderschaft. Oer Kampf der Geheimgesellschafien.

Don Richard Tlie&urg.

Schüchtern, beinahe demütig, gewissermaßen sich entschuldigend, daß sie überhaupt leben, so huschen schmächtige Gestalten mit gelblichen Ge- sichtern, Platten Rasen und kleinen geschlitzten Augen durch die Straßen der europäischen Grvtz- stäktte. Rur wenigen scharfen Beobachtern gelingt es, fie voneinander zu unterscheiden: es sind Chinesen, die fern von ihrer Heimat studieren oder im Kleinhairdel bescheiden ihren Lebens­unterhalt verdienen. Mit etwas Mitleid und vielleicht mit einiger Geringschätzung blicken die meisten Europäer auf diese fremden Gäste. Ver­geblich versuchen sie einige Laute ihrer unver­ständlichen Sprache aufzufangen, doch bald läßt die Aufmerksamkeit des Beobachters nach, da es fast unmöglich ist. über die Lebensführung dieser Fremden etwas Authentisches zu erfahren.

Wer einen Chinesen witcklich kennenlernen will, muß sich in das chinesische Viertel begeben, das heute nicht nur London, Reuyork und San Fran­zisko, sondern auch Berlin und Paris aufweifen. Dort legen die gelben Einwanderer die Maske der Höflichkeit und der Verschlossenheit ab. dort entspinnen sich lebhafte Diskussionen zwischen den Leuten, die der äüneingew-ihte sonst für wort­karg hält, und dort kommt ein Gefühl zum Durchbruch, das fast jeden der sieben Millionen chinesischen Auswanderer bewegt: die Sehnsucht nach der Heimat. Mag es ihnen in, ihrem un­glücklichen, seit langer Zeit von Bürgerkriegen zerrissenen Vaterland noch so schlecht ge-angen sein, stets wird ihnen ihre Heimat in der Fremde als «in Paradies erscheinen, nach dem sie sich sehnen, und auch der ärmste chinesische Kuli spart Pfennig auf Pfennig, um in China wenig­stens begraben zu werden. Wer aber gär keine Aussicht hat, die Summe zusammenzubringen, die zur Erfüllung dieses letzten Wunsches not­wendig ift, der kaust sich ein Deutelchen mit chinesischer Erde, damit sein Kopf im fremden Land auf dem Boden der Heimat ruhen fann.

Eine Welt für sich bilden bi« kleinen chine­sischen Händler, die in einer der schmutzigsten Gegenden Berlins, imSchlesischen Viertel", wohnen. Eng zusammengedrängt hausen sie in unsauberen, dunklen Zimmern, und ein Teil dieser elenden Behausungen dient ihnen nebenbei noch als Lagerraum. In ihren Zimmern lagert der chinesische Tee, mit dem sie hausieren, und ihre Wohnung beherbergt auch all die kleinen Kunst- gegenstände, die si« abzusehen trachten. Im Westen Berlins wohnen die chinesischen Stu­denten, die eigene Klubs besitzen und durch ihre umherreisenden Landsleute die Fühlung mit der Heimat bewahren. Besonders im letzten Jahre haben bedeutende chinesische Politiker in Berlin geweilt, und ihre Anhänger haben die Anwesen­heit dieser Führer dazu benutzt, polittsche Mee­tings zu veranstalten. Im westlichen Stadtteil Berlins liegen die drei chinesischen Restaurants, in denen man auch viele Europäer trifft, die dort die chinesische Küche EennenLmen wollen. Chine­sische Eier, Haifischflossen und Suppe aus Vogel­nestern kann man dort genießen, oder ein Ragout aus verschiedenen Gemüsen und Fleischstückchen, dessen Zusammensetzung auch der erfahrenste Fein­schmecker nicht herausfinden kann.

In einer häßlichen Arbeitervorstadt im Rord- westen von Paris befindet sich das chinesische Viertel der Seinestadt. In Straßen mit niedrigen, ärmlichen Häusern, die mit chinesischen Kreide­aufschriften bedeckt sind, wohnen die chinesischen Proletarier, die in den Fabriken ihr Brot ver­dienen. Man kann nicht behaupten, daß sie in Paris freundlich behandelt werden: die Polizei Ifie&t sie nicht gern, und auch die übrigen Be­hörden legen keinen besonderen Wert auf ihre Anwesenheit. Roch enger als in Berlin schließen

sich die Chinesen in Paris von der Außenwelt ab; fie haben sogar eine eigene medizinische Klinik. Da si« sich in Paris nur aufhalten dürfen, wenn sie eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers bringen, sind die stellungslosen Chinesen ständig auf der Flucht vor der französischen Fremden­polizei. Ihre Erbitterung gegen die französischen Behörden ist nicht grundlos; man hat den 60 000 chinesischen Arbeitern, die während des Krieges nach Frankreich verschickt wurden, goldene Berge versprochen, möchte jetzt jedoch nicht an diese Zeit erinnert werden. 50 000 Chinesen wurden nach fünf Jahren auf Staatskosten in ihre Heimat zurückbefördert, aber den 10 000, die in Frankreich zurückgeblieben sind, geht es sehr schlecht.

Ein elendes Leben führen auch die Bewohner des Londoner chinesischen Viertels, das nahe dem berüchtigten Whitechapel liegt. Tafeln mit chinesischen Schriftzeichen bedecken die ärmlichen Häuser, vor den Türen lungern Chinesen herum; fie hocken auf den Fußsteigen, sie schau.n aus den schmierigen Fenstern der Häuser. Kleine schmutzige Läden, in denen man Tee, gebackene Fische und Reis erhall, tragen ebenfalls Schiller mit chine­sischen Aufschriften, daneben gibt es Geschäfte, die kleine Dernstei rgöhen, Schirm« aus Bambus, Papierfächer und lackierte Dosen verkaufen. Der größte Teil der in London lebenden Chinesen hält sich nur furAe Zeit in der englischen Haupt­stadt aus; es sind Heiner, die in London bleiben, solange ihr Dampfer in den Docks liegt. Reben den chinesischen Restaurants gibt es dort noch Opiumstuben, in denen viele Chinesen ihre Er­sparnisse für dieses Rauschgill ausgeben.

Chinatown heißt das chinesische Viertel in Reuyork; in drei kleinen, häßlichen Straßen hau­sen dort etwa 5000 Chinesen. Auch hier sieht man schmutzige Läden mit unverständlichen Schrift­zeichen. Charakteristisch sind in diesen Straßen di« tiefen, dunklen Keller!uken, zu denen steile Treppen hto.unterführen. Eia Gewirr von unter­irdischen Gängen verlindet die Häuser dieser Viertels, und jahrzentelang war Chinatown die Zentrale des internationalen Ovimnschmuggels. Vergebens bemühte sich die Polizei, diesen Zu­ständen ein Ende zu machen; nie konnten die Hauptbeteiligten gefaßt werden. Wurde doch einmal ein richtiger Chinese verhaftet, so er­klärte der Dolmetscher sofort, daß er den Dialekt der Zeugen nicht verstehen könne, und wenn gar ein Chinese gegen feinen Landsmann aus- sagt«, so wurde er schon am nächsten Tag er­mordet. Erst durch den erbitterten Kampf zwischen zwei chinesischen Geheimgesellschasten,Tongs" genannt, den sich die Polizeibehörden zunutze machten, gelang es, im Chinesenviertel einiger­maßen Ordnung zu schaffen.

Roch unheimlicher ist das Chinesenviertel von San Franzisko, ileberall auf den Straßen sieht man die Stände der Tee- und Seidenhändler, chinesische Barbiere rasieren auf o'fener Straße die Köpfe und Deine ihrer Kunden, und die Driefschrciben, die zugleich ihre Klienten juristisch beraten, find stets von einem Kreis ti:n Rat­suchenden umgeben. Wahrsager sitzen auf der Straße und lesen aus dicken Dächern Zauber­formeln. Tischler und Holzschnitzer üben eben­falls ihr Gewerbe öffentlich aus. Chinesen han­deln auch mit getrocknetem Geflügel, gedörrten Fischen und konservierten Enteneiern, und in den Händen von Chinesen liegt der Schweinebande! dieser großen Stadt In San Franzisko gibt es auch elegante chinesische Restaurants, in denen die rafii i -rieften Leckerbissen her gestellt werden, und chinesische Theater erfreuen mit alten chine­sischen Stücken die Dcwohner dieses Viertels. SechsTongs", d. h. sechs chinesische Organisatio­nen kontrollieren die Chinesenviertel Rordameri-

kas; sie sorgen für die chinesischen Auswanderer, die sie mit unerbittlicher Strenge regieren, ziehen dafür eine Art von Steuern ein. Sie bilden einen Staat im Staat, und kein Chinese wird es wagen, vor amerila.fischen Gerichten arrszusogen, wenn fein Song es ihm nicht erlaubt.

Am freiesten leben di« chinesischen Auswanderer Wohl in Moskau, denn die Sowjetunion hat stets besonderen Wert daraus gelegt, ihre freund­schaftlichen Gefühle gegen das chinesische Volk besonders zu betonen. Air einer chinefischen ilni- versität, der bis vor einiger Zell Karl Radek Vorstand und die sichSun-Vat-Sen-älniversität der chinesischen Arbeiter" nannte, werden 620 besonders begabte chinesische Studenten ausge­bildet. Selbstverständlich legt man dabei beson­deren Wert darauf, die Chinesen politisch zu beeinflussen.

Während sich früher ein Strom chinesischer Auswanderer nach Australien ergoß, da dieses dünnbesi.delle Land den Einwanderern d ic gute Zukunft bot, hat das übervölkerte Ci;i a di ses Abfluß gebiet ei.rgebüßt, denn die australischen Behörden bekamen Angst vor der gelben Ftut, die sich über ihr Land ergoß; sie sperrten die Gre zen gegen die Einwanderer. Die grö" :td Erfolge haben die Chinesen bisher aus Jaecr zu verzeichnen gehabt; dort ist es ihnen all­mählich gelungen, sich eine führende Stellung im Wirtschaftsleben zu sichern. Fast alle diese C',i- nefen haben als Hausierer angefan.icn, und all­mählich ist es tonen gelungen, last den gesamten Handel an sich zu reißen. Daneben gibt es frei­lich auch dort ein chinesisches Proletarrat, das in bitterster Armut lebt.

Wirtschaft.

AdLerwerke vorm. Heinrich Meyer A.-G., Frankfurt a. M.

Die Verwaltung teilt mit: In der gestrigen Auffichtsratssitzung erftatictc die Direktion Be­richt über den Verlauf des Geschäftsjahres 1927/28, sowie über die augenblickliche geschäft­liche Lage des Werkes.

Der Umsatz hat sich im abgelaufenen Ve- schäftsjahr gegenüber dem Vorjahr« um rund 20 Proz. auf rund 57 Mill. Mark gesteigert. D.s Produkte des Werkes haben in zunehmen er Weise Anklang gefunden, insbesondere e reut s ch der von der Gesellschaft im großen Stil h: :s- gebrachte Standard 6 Wagen be.onder r Belle t- yeit und erobert sich sowohl im Inland« wie auch in befriedigendem Matze im Ausland« imu.ee mehr den Markt. Auch der neuerdings heraus- gebrachte 8°Zylinder-Wagen findet großen An­klang. Die Gesellschaft hat diesen beiden Tyben seit der Automobilausstellung in Berlin einen weiteren Wagentyp, den 8/35 Favorit zugesügt. Für diesen Wagen liegen, ebenso wie für den 8-Zylinder, sowie ganz besonders für den Stan­dard 6-Wagen, erhebliche Bestellungen vor. so dah mit einer nennenswerten Erhöhung des Ilm» sahes zu rechnen ift Die Geschäftslage in der Fahrrad-Abteilung war im aubgelaufenen Ge­schäftsjahr nicht befriedigend. Der Umsatz tonnte nicht gesteigert werden, liegt auch im Augenblick noch nicht günstig. Dagegen hat die Schreib­maschinenabteilung ihre älmsätze nennensw .rt er­höht und ist auch laufend stark beschäfttgt.

Das Programm der technischen Amge - staltung der Gesellschaft ist im wesent­lichen durchgeführt. Die technisch« und fabritaio- rische Grundlage des Unternehmend steht heute auf hoher Stufe; auch im Vergleich mit aus^ ländischen, speziell amerikanischen Verhältnissen. Diesem Umstande verdanken die Adlerwerke, daß ihre Fabrikate infolge ihrer Qualität und der relativ niedrigen Preise in seiner steigenden Ab­satzentwicklung begriffen sind. Das umfassende Programm der technischen Umgestaltung hat über Erwarten hohe Geldmittel in Anspruch genommen» und zwar insgesamt 14 Millionen Mark, wo^ durch die Bankschulden auf 15 Millionen Mark angewachsen sind. In den hohen Aufwendungen für die beschleunigte technische älmstellung liegen in Verbindung mit der nur allmählichen Ent­wicklung des Konsums die Schwierigkeiten der deutschen Auwmobilindustrie begründet, die na­turgemäß auch an den Adlerwerlen nicht spurlos vorübergegangen sind.

Die Durchführung der kaufmännischen Organisation ist im Gang«. Mit der finan­ziellen Orbnung muß das Bestreben verbunden fein, die dauernde Rentabilität des Untemehn ens zu sichern. Denn es muh erreicht werden, -.af) ein auch vom internationalen Standpunkt aus konkurrenzfähiges Llntemehmen gewinnbringend arbeitet

Erst nach Fertigstellung der Jnventuraufnahme und der dann vorliegenden vollständigen Heber- sicht über die geschäftlichen Verhältnisse werden Vorstand und Aufsichtsrat in der Lage sein, das Finanzprogramm in kaufmännisch klarer Weise zur Erledigung zu bringen. Schon heute muh gesagt werden, daß die Jnventur- berechnungen unter vorsichtigsten Gesichts­punkten erfolgen werden, wodurch der Abschluß maßgebend beeinflußt werden dürfte. Die Ver­waltung ist bestrebt, mit der Durchführung dieses Programmes den Aktionären eine weitsichtige und rentable Entwicklung zu sichern.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

Wenn auch eine Belebung des Geschäftes nicht eintreten konnte, so vollzog sich an der Effetten- borfe der liebergang vorn alten zum neuen 3a n-e doch in freundlicherer Stimmung. Die Spekulation ließ zunächst den Ultimo vorüber­gehen, der, wie man es erwartet hatte, infolge der meist nur kleinen Posi.tonen keine sehr starke Belastung für den Markt bedeutete, und schritt danach, allerdings nur zögernd, zu neuen Enga­gements. Verschiedentlich hatte man gehofft, daß das Publikum zu den Anlagetern'llnen sich etwas reger am Geschäft beteiligen werde. Der Order­eingang bei den Danken blieb jedoch nach wie vor außerordentlich gering. Auch das Ausland trat nur gelegentlich auf einigen bevorzugten Marktgebieten als Käufer auf. Die herrschende Zurückhaltung wurde erheblich verstärkt durch ben Reparationsbericht Parker Gil­berts. Die Ansichten darüber waren zunächst nicht elichlltlich, doch konnte man meist die Mei­nung höre.,, daß infolge der günstigen Beurtei­lung ber deutschen Wirtschaftslage durch Parker Gilbert Deutschland bei den kommenden Repara­tionsverhandlungen nur sehr schwer eine neu*