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werden immer großer und einige Augenblicke später gleiten wir auf Rädern über die Fläche des Flughafens. Eben überlege ich, ob es für meine Fliege nicht das beste wäre, sie in eine Schachtel zu sperren und wieder nach Wien mit» zunehmen, zu ihrer heimatlichen Sippe. Da wird die Türe geöffnet, ein höflicher Beamter er­muntert mich zum Aussteigen. Ich springe gerne hinaus, lasse mich über das Flugfeld fuhren, wo viele Apparate, darunter gewaltig große, des Abslugs harren, und habe ganz vergessen, achtzugeben, ob auch meine Fliege den Aeroplan verlassen hat. Die Wirklichkeit hat, trotzdem ich wieder auf festem Grund wandle, noch viel Aehn- lichkeit mit Geträumtem, und während ich mich schon auf die Fahrt durch Berlin freue, geistert durch mein Slnterbewußtsein schattenhaft die Er­innerung an die Fliege, die ich im Stiche ge­lassen habe.

Deutsche Waffenversieigerung in Amerika.

In Neuyork wird eine bedeutsame Auktion in diesen Tagen in den American Art Galleries abge­halten. Man versteigert dort eine Waffen- und Rüstungssammlung aus verschiedenstem Besitz. Das Schloß des Fürsten R a d z i w i l l, das Dres­dener Iohanneum, und viele andere Insti­tute, die ihre Namen nicht genannt wissen wollen, haben Stücke aus ihrem Bestände beigesteuert. Im Katalog ist eine deutsche gotische Turnieraus­rüstung des späten 15. Jahrhunderts aus dem Be­sitz des Fürsten Radziwill besonders erwähnt, in helfen Rüstkammer das Werk hochgeschätzt war, fer­ner ein sächsisches Schwert, das reich ornamentiert aus dem Jahre 1580 stammt. Früher gehörte es dem Kurfürsten Christian I. Durch einen sehr wich- tigen Stempel dokumentiert es sich als Werk des Waffenschmieds von Philipp IV. von Spanien, wäh­rend die vorher erwähnte Rüstung sich als Wert des Augsburger Schmiedes Anton Pfeffenhauser ausweist. Nicht unerwähnt bleiben darf eine wei­tere deutsche Rüstung, die dem späten 15. Jahrhun­dert angehört. Sie war ursprünglich für Portugal geschaffen und stammte aus der königlichen Rüst­kammer in Lissabon.

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Samstag, 5. Zanuar 1920

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 4 Zweites Blatt

Shaw weiß es wieder besser.

Er sagt seine Meinung über SprechfilmFernsehenKrieg der Angelsachsen Spiritismus - und seine literarischen plane.

gesicht zu bringen.

Copyright by United Press. Nachdruck, auch im Auszug, verboten.

Drr Bühne wirb wahrscheinlich nicht so diel Abt'.ag g?tan werben durch sprechende Filme, für deren Dorführung ja auch ein Theater er­forderlich ist, als durch drahtlose Fern­sicht. Man bars nicht außer acht lassen, daß ein Theater weit weniger Bequemlichkeit bietet, als das Syeim einer Familie von mäßigem Wohl­stand. Zudem gelangt man besonders an feuchten Ab-enden nur auf umständliche und kostspielige Drise ins Theater. Gegenwärtig kann ein Thea- drr mit niedrigen Preisen, in dem die besten Sitz; nicht mehr als etwa vier Mark kosten, und das seinen Besuchern wenigstens ein drei- einhalbstündiges solides Programm bietet, stets aus ein Publikum rechnen, das sich aus Unter­mietern und Leuten zusainmenfeht, deren Wohn- Ratten überfüllt und unbequem sind. Setzt man Bi? Preise aber so weit herauf daß sie nur Leuten erschwinglich sind, die über ein kom­fortables Heim verfügen, so ist bas Publikum futsch.

Ich gehe nur widerwillig ins Theater und tpürb? nie wieder meinen Fuß über die Schwelle eines Theaters sehen, wenn man mir bas Stück zu Haus'! vorführen könnte. Wer, bet sich einen guten Radio-Apparat leisten kann, würde noch in Kon'.erte gehen, wenn sein Bedarf an Musik durch Rundfunk verbreitet wurde? Daraus er­gibt sich, aus welcher Richtung die wichtigsten Veränderungen zu erwarten find. Man muß fein Augenmerk auf zwei Entwicklungslinien richten, nämlich das R.'Produktionsverfahren, mit dessen Hilfe eine Aufführung fo oft wiederholt werden kann, als sich nur Zuhöver anlocken lassen, und den Rundfunk, bei dem Millionen von Menschen an einer einzigen Ausführung teilnehmen. Beide tv'irl-en daraus hin, künstlerische Aufführmrgen fo überaus lukrativ zu machen, daß man die ge­waltigen und bisher unerschwinglichen Kosten autz-er acht lassen kann, die erforderlich sind, um sie so vollendet zu gestalten, wie es sich nur mit D'ld. Mühe und käuflichem Talent erreichen laßt.

- Ist -eine Bücherzensur vommoralischen" Gesichtspunkte aus berechtigt? und wo sollte man öi'2 Grenze ziehen? Was fruchtet es. Grenzen zu ziehen, wenn die ©rennen in stetem Fluß sind? Wo fi-gt die Grenze, die man bei Shelleys

, George Dernard Shaw tft dies für alle, bw es noch nicht wissen sollten der berühmteste und vielleicht sogar bedeutendste, sicherlich der pellametüchtigste und ohne alle Zweifel der frechste unb»r den englischen Dichtern der Gegenwart: er schwört auf den Sozialismus und weigert sich, je in seinem Leben den Boden der Bereinigten Staaten zu betreten. Er schlägt sich mit allen nur -einigermaßen aktuellen Problemen der Zeit herum, ist bald für, bald gegen den Film, lebt vom Paradox wie Oscar Wilde, ist ein aus­gezeichneter Kenner der Bühne, wird in Deutsch­land fast m-chr (und sicher besser) gesprelt als in England, wo ->t durch allerlei Anzapfungen noch gestellter Persönlichkeiten nicht zum Besten üt sich geworben hat. Sein deutscher Sieberseher

st Siegfried Trebitsch, sein Verleger S. Fischer n Berlin, sein bekanntestes StückDie heilige Johanna", s-ein phantastischstesMethusalem", fein neuestes BuchFührer zum Sozialismus für dir intelligente Frau". G. D. S. in England ist -er mit diesen drei Buchstaben vollauf be­zeichnet ist. obwohl schon über 70, ein eifriger Anhänger moderner Körperkultur. Deshalb sieht man ihn in den illustrierten Blättern fast nur im Wass-rr plätschernd, oder jedenfalls im Bade­anzug abg-?bildet. Darauf hält er ebensosehr wie auf den Dollbart, den er sich noch immer picht hat abn-ehrnen lassen. Der folgende Ar- tik-rl ist die Frucht eines Interviews mit einem Pressevertreter, der es wagte, bis vor sein An»

Eine Kliege fliegt von Wien nach Berlin.

Von Robert Michel.

Es gibt große Fliegen, die in brummendem Zickzack so rasch vorwärtslommen. daß ihnen das Auge kaum zu folgen vermag: aber die kleinen, hie streichen langsamer durch die Lust, und man geht kaum fehl, wenn man annimmt, daß ein solches Insekt wohl nicht mehr als zehn Kilo­meter In der Stunde zurückzulegen vermöchte, irgendeinen Zwang nach einem fernen Ziele re folgend. Wien -Der in ist eine Distanz von mehr als fünfhundert Ki ometer, also brauch e eine Fliege, würde sie ,ich zu einem solchen Flug ent­schließen, rund fünfzig Stunden. Aber die F tage, ym die es sich hier handelt, wird die Strecke etwa in einem Zehntel dieser Zeit hinter sich ge­bracht haben. Sie ist das Erste, was mir be­sonders auffüllt, als ich im Flugzeug Platz nehme. Eie ist kleiner als eine gewöhnliche Zimmerfliege, und wenn ich für ihr Aeuße^eZ einen bezcichnen- ten Ausdruck suchen soll, möchte ich am ehesten sagen, daß sie unelegant ist. Es gibt ja auch unter den Tieren elegante und unelegante Er­scheinungen. Ein eng'i.ches Reitpferd, eine Schwalbt, ein russisches Wind pie , eine Schlange, die teilten wohl immer elegant. Dann gibt es Tiere, die zu manchen Zeiten durchaus als elegant bezeichnet werden tonnen, wogegen sie unter an­deren Modebegrif en als plump und unbehol en gelten müßen, wie etwa daS Schaf. Diese Fliege hat nichts Schnittiges, sie hat die Flügel nicht glatt angrschmiegt, sondern eher zerzaust, und der Kopf ist stumpf und zu groß: sie hat sozusagen ein vollkommen unsportliches Ausfeh.n. Wie sie ja auf dem Fensterglas neben mir umherkriecht. re£e ich dahinter durch die Scheibe, wie die Windstöße an der Tragfläche des Aeroplans Leihen und wie sich an die Stande, an der sonst nur ein einzelner bei Start nachMt, eine ganze Staube von Menschen klammert. Der Sturm, der draußen tobt, hält mich davon ab, den unge­ladenen Mitpaß agier, der meine Aufmerksamkeit

Cenci", TolstoisMacht der Finsternis". Ibsens Gespenstern", beiFrau Warrens Gewerbe" und Der Entlarvung von Blanco Posnet" zog? Slnb wie sollte man Altersgrenzen festfehen?

Man kann j-rdes Buch einem Kind in die Hand geben. Cs wird in ihm nur das entdecken, was feine Unschuld hineinlegt. Mit einundzwanzig Iahven müssen die jungen Leute bereits genügend Charakt-rrsestigkcit besitzen, um ungebetenen Rat­gebern zu erwidern, sie sollten vor der eigenen Tüve kehren. Wenn man Erwachsenen überhaupt Schranken sehen will, so sollte das durch das G-e s e tz und nicht durch 3enur,-ef)örben geschehen. Wenn man mich fragt, ob ich für eine ab gestufte Zensur eintrete, so habe ich die gleiche Empfin­dung, als habe man mich gefragt, ob ich eine abgestuste Inquisition befürworte. Wozu wollt ihr überhaupt eine Zensur? Seid ihr denn ge­rade bei der Auswahl eurer Lektüre geschäfts­unfähig?

Ob die Dereinigten Staaten unter einer Monarchie besser führen, wurde davon abhängen, wie weit man diesen Gedanken durch- führte. Wenn jeder Cinzelstaat der Union einen König, einen Hof und eine Dynastie besähe, dann Gnade Gott den Dereinigten Staaten! Ich würde nicht einmal Vorschlägen, einen Dundes- tonig ins Weihe Haus zu sehen. Wenn jedoch Amerika in den Verband des britischen Reiches als ein Dominium nach dem Muster von Kanada ober Australien wieder eintreten wollte, so würden die Amerikaner überrascht sein, wie viel bequemer es wäre, eine gekrönte Republik statt einer tyrannisch präsidierten zu fein. Wenn Amerika gegen uns in den Krieg zöge und uns schlüge, so wurde das eine ganz annehmbare Form fein, an das britische Reich wieder angeschlossen zu werden. Aber abgesehen von einer solchen Riederlage kann ich mir nichts denken, das England veranlassen könnte, den Verlorenen Sohn" wieder aufzunehmen.

Man muh sich klar machen, daß England früher gern Kolonien hatte, weil England der Hund war und die Kolonien den Schwanz bildeten. Gegenwärtig beginnt der Schwanz den Hund so heftig zu wedeln, dah England demnächst den Schwanz wird ab beiß en müssen, wenn es künftighin auch nur seine Seele noch sein eigen wird nennen wollen. Wenn sich d'.e Vereinigten Staaten uns anschlössen, so würde diese Kombi­nation großartig, beispiellos, unwiderstehlich fein, kurz, in jeder Hinsicht der amerikanischen Groß­macht schmeicheln. Aber was würde aus dieser armen kleinen Insel, auf der ich l-rbe? Rur noch ein übervölkerteres und unbeque- meres Irland? Ich fürchte deshalb, die Ameri­kaner werden sich wie bisher behelfen und sich mit einem gelegentlichen Besuch des Prince of Wales zufriedengeben müssen.

Ist ein Krieg zwischen den Ver­einigten Staaten und Grohbritan« nien denkbar? Ratürlich ist ein solcher Krieg denkbar. Es gibt keine schwierigere Ausgabe in der Welt, als Männer von englischer Abstam­mung daran zu verhindern, miteinander zu streiten!

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine große Versammlung, die im Mansin-Hause abgehalten wurde, um die hundert Jahre 'Frieden zwischen Großbritannien und den Vereinig en Staaten zu feiern. Der damalige Mr. Asqu.th (der spätere Lord Oxford), der Erzbischof von Canterbury und der amerikanische Botschafter hielten beredte An­sprachen, in denen sie alle drei sagten, wie wun­dervoll es sei, daß zwischen den beiden ver­wandten Völkern ein ganzes Jahrhundert lang keine Feindseligkeit stattgefunden habe. Tatsache ist es indessen, dah es während des genannten Zeitraumes kaum zehn Minuten gegeben hat, in denen die beiden Völker nicht mehr oder weniger auf dem Sprunge standen, einander an die Kehle zu fahren.

so ungebührlich in Anspruch nimmt, in das Unwetter hinauszuiagen. Schon g eilen wir über die grüne Fläche hin, und als wir uns von der Erde wegheben, seht sich die Fliege a'uf meine Brust, als wollte sie bei mir, dem einzigen lebenden Wesen in der Kabine, Schuh suchen. Dieses Gehaben hat etwas Bedrückendes für mich, und ich stelle mit einer gewi/sen Zerstreutheit fest, dah, während wir uns immer hi her heöen, das Rad unten seitwärts ich immer langsamer dreht und schließlich ganz still hält. Aber das Flug­zeug ist ständig voll Unruhe. Da ist dieses un­entwegte Zittern im Takte des Motors, da ist ab und zu das Schwanlen nach seitwärts, durch einen Windstoß verursacht, und da ist vor allem und immer wieder in unregelmäßigen Abständen em kleines oder ein größeres Hinabsinken in den Luftlöchern.

Die Fliege bleibt nicht lange auf meiner Brust. Sie schwirrt in gerader Dichtung nach vorwärts und seht sich an die Wand, die uns von den Piloten trennt. Sie hat mit diesem Flug, wenn man es recht betrachtet, die Schnelligkeit des Aeroplans noch Überboten. Aber der Aufentyall so nahe beim Motor scheint ihr Behagen zu beeinträchtigen, denn nun kriecht sie der Langs- wand zu und bleibt auf einer Fensterschetbe sitzen. Offenbar blickt sie ins Weite, und ich tue unwillkürlich das gleiche. Da muh ,ch allmählich feststellen, dah ich mich nicht des Dewußllctns erfreuen kann, hoch und frei und schnell durch die Lüfte zu schweben. Die Welt liegt )o Elein da unten, sieht fo eintönig flächig aus, daß der Flug schier unerlrag ich langsam erscheint: wenn man bei Sonnenschein den Schalten des Aero­plans verfolgen kann, ist es, als kröche ein wm- ziaer Wurm ganz langsam fiber eine Landkarte. Man sollte die Möglichfeit haben, sich durch den Kabinenboden an einem Seil, etwa in emem kleinen Korbfitz, um einige Meter tieferzukur­beln. Da käme man vielleicht zum richtigen Genuß des Fliegens.

Run ist die Fliege wieder ganz nahe neben mir und ich bemerke n.cht ohne Reid, dah fie auf die heftigsten Schwankungen des Apparats nur mit kaum merklichen lässigen Bewegungen rea-

Wenn wir nur unseren Hah offen bekennen und uns über die Hintergründe klar werden wollten, würden wir vielleicht Aussicht haben, unsere Seelen von dem Hah zu reinigen. Aber all das Getue, als seien wir liebevolle Vettern, ist reines Gift und führt nur dazu, das; wir voll Eifersucht unsere Flotten weiter vergrößern. Wer daran zweifelt, der braucht nur die Zeitungen über die englisch-französischen FlollenverHand­lungen und die Ausnahme, die sie bei ihrem Dekanntwerden in Amerika sanden, nachzulesen.

Als Liebesaffäre kann man alles Mög­liche bezeichnen, alles was zum Beispiel zwischen einem jahrelangen Briefwechsel von Leuten liegt, die einander kaum je zu Gesicht bekommen haben, und den Weiterungen, die ein Trinkgelage nach sich gezogen hat. In Wirklichkeit sind-alle Fälle, die überhaupt erwähnenswert sind, verschie­den gelagert Ich konnte versichern, dah ich nie verliebt gewesen sei. Ich könnte aber auch versichern, daß ich immer verliebt gewesen bin. Ihr würdet dadurch nicht klüger sein als zuvor. Deshalb werde ich euch darüber lieber gar nichts sagen.

Leben wir als Individuen in Ewig­keit weiter? Wenn ihr ewig leben wollt, wenn ihr die Erinnerung an eure Mißgriffe und Unzulänglichkeiten, Schwächen und Fehlgriffe, Er­niedrigungen, Sünden und Krankheiten bis ans Ende aller Zeiten mit euch schleppen wollt, so müht ihr zu euch selbst in einem besseren Der- hältnis stehen, als es mir je gelungen ist, zwi­schen meiner Person und Dernard Shaw her­zustellen. Folgt meinem Rat und dem Dorschlag Dogberrys: Stirb wie ein Gentleman und danke Gott, dah du einen Schelm los bi ft! Alles was in dir wert war, erhalten zu werden, wird wieder Derwendung finden bei dem Versuch, einen Menschen zu schaffen, der besser ist als du.

Alle meine Bekannten, die an ein ewiges Fortbestehen ihrer Persönlichkeit glauben, machen zur Bedingung, daß sie in der nächsten Welt Engel fein werden. Da fie aber in einen solchen Falle sich sicherlich weder selbst wiedererkennen werden, noch von ihren Freunden wiedereekannt werden werden, so könnten sie eigentlich ebenso gut ohne Murren den Weg alles Fleisches gehen und an ein künftiges Leben glauben, ohne darauf zu bestehen, dah ihre Ramen und Adressen beibehalten werden. Tennyson riet ihnen, ihr to.es Selbst alsVorstufezuhöherenDingen zu betrachten: auch ich gebe ihnen denselben Rat. Sie aber wünschen, daß ihre tote Persön­lichkeit aufbewahrt wird, wie meine ®robmutter Kerzenstummel aufzuheben pflegte. _ Für solche Ueberheblichkeit fehlt mir das Verständnis.

Spiritismus? Ich lernte den Spiri­tismus zuerst kennen, als ich noch ein kleiner Zunge war. Meine Mutter vertrieb sich im Alter die Zeit damit, dah sie, wie sie es nannte, Geisterzeichnungen machte (ich besitze davon noch irgendwo ein ganzes Bündel), und dah sie mit den Toten Zwiesprache hielt. Sie war genau so gesund und vernünftig, wie Sir Oliver Lodge: daraus geht hervor, dah der Glaube an den Spiritismus, wenn er eine Starrheit ist, doch ein Fimmel ist, den ein völlig gesunder Mensch in einer gedankendichten Kammer in sich tragen kann, ohne dah seine allgemeine geistige Gesund­heit darunter zu leiden braucht. Ich bemerkte, daß meine Mutter bald der Geister ihrer Be­kannten, einschliehlich der verstorbenen Ver­wandten, derentwegen sie sich dem Spirillsmus zugewandt hatte, überdrüssig wurde. Seither stand sie fast ausschließlich nur noch mit einem Weisen aus dem 6. Jahrtausend vor Christus in Ver­bindung.

Sieber dieses Thema habe ich mich nie zuvor in der Oeffentlichkeit geäußert. Ich habe den Mund gehalten, weil ich nicht gerne etwas sagen wollte, an dem meine Mutter hätte Anstoh neh-

giert, wogegen ich immer wieder erschrocken nach den Lehncn fasse. Freilich gehört das Fliegen zu ihren Lebensgewohnh.iten und es ist begreiflich, daß sie sich im Flugzeug rascher zurechtsindet als ich, der ich mich zum erstenmal in meinem Leben durch die Luft tragen lasse. Immerhin ist diese Läss:gkeit ein wenig ärgerlich und ich sage zu ihr, obschon ich die Worte nicht laut werden lasse, etwa folgendes: .Run, meine Liebe, wie wäre es. wenn ich dich beim Fenster hinaus- liehe? Der Lustdruck wäre nicht übel und könnte deine kleine Seele vielleicht aus dir hinaus- pressen. Sind toenn du ihn auch überstanden hättest, wie wäre es in diesen Höhen in solchem Sturm? Kämst du jemals wieder hinunter zur Erde, du, die du beinahe leichter bist als Luft? Und wenn es dir gelänge, tiefer zu ko.nmen, du kämst in recht ungemütliche Zonen, etwa in die Regionen, in denen Schwalben nach Deute jagen!"

Hier endigt mein imaginäres Gespräch, denn plötzlich wird es dunkel und gleich darauf trom­meln Schlohen auf die Tragflächen und gegen die Fenster. Dichter Hagel, ein Gewebe von wagrechten weihen Strichen, umschließt uns von allen Seiten. Gin einziges solches Eisgeschoh könnte der Fliege den Garaus machen. Diese Gewißheit hat etwas Versöhnliches und ich lasse von dein Vorhaben ab, das Insekt in den Welten­raum yinauszujagen.

Stunden vergehen. Sieber den böhmischen Ge­birgen tobt der Sturm mit verdreifachter Kraft aber die Fliege ist da. 2n Dresden will die Landung nicht gelingen; mehrmals müssen wir, von Windstößen abgetrieben, steil hochgehen ehe es nach neuÄichen Versuchen glückt, auf festen Dvden zu kommen aber die Fliege ist da. Weiter fliegen wir über flaches Sandland und der Sturm spielt wieder sein beängstigendes Spiel mit uns aber die Fliege ist da. Sie kriecht über meine Hände, sie kriecht über mein Gesicht, ist hier, ist dort, geschäftig und unbeirrbar, ruhig und beruhigend. Endlich heben sich uns die Häuser von Berlin, wie aus dem Steinbaukasten hingestellt, mit zierlichen Alleen dazwischen, ent­gegen. Wie auf einem Fächer schwanken sie bald auf der linken, bald auf der rechten Seite,

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men können. Von dieser Regel bin ich auch nach ihrem Tode nicht abgewichen, weil ich mit Oliver Lodge und Conan Doyle befreundet bin. Es gibt auch in meiner Vergangenheit eine Tat­sache. die es uns unmöglich macht, in dieser Frage zu einer Siebereinstimmung zu gelangen. Keiner von beiden hat nach meiner festen Sieberzeugung je bei einer Seance gemogelt. Aber ich habe es getan. Ich pflegte zu sagen, daß spiritistische Seancen nur Wert haben könnten, wenn ihre Resultate alles, was man in Versuchen, bei denen jeder Beteiligte nach Kräften mogelte, in den Schatten stellen würden. Demgemäß mogelte ich und war von meinem Erfolg (ich bin durchaus kein Zauberkünstler) überrascht. Roch mehr war ich überrascht durch die Eirtdeckung, dah es um so leichter war, meine Opfer zu täuschen, oder viel­mehr zur Selbsttäuschung zu veranlassen, je kulti­vierter, klüger und phantasiebegabter sie waren. Selbst als ich alles eingestand, wollten sie mir kaum glauben. So ging meine Einfalt dahin, und ich konnte die Versuche von Lodge und Doyle nicht mit denselben Augen ansehen wie sie.

Man wird finden, daß dir Hauptschwierigkeit darin liegt, dah fast alle Spirittsten, so weit es sich nicht um wunderselige Einfaltspinsel handelt, einen Menschen verloren haben, der ihnen ü.b war. Man kann auch einen Trost und eine Hoffnung nicht mit denselben Mi kein zunichte machen, wie man ein wissenschaftliches Experi­ment kritisiert. Wie sollte es mir in den Sinn kommen Sir Frank Benson mit einem Skeptizis­mus aus dem Gleichgewicht zu bringen, wenn ihn seine Beziehungen zu den Toten glücklich machen?

Die Aufnahme, die mein letztes BuchFüh­rer 3um Sozialismus für die intel­ligente Frau" gefunden hat, tft überwälli- genb gewesen. Daraus hatte ich auch gerechnet! Im Augenblick arbeite ich an keinem neuen Buch oder Theaterstück. Ich beschäftige mich vielmehr mit einer Gesamtausgabe mcl-.er Werke, für die ich schon seit Jahren leider vergeblich Muße suchte. Es gibt eine Menge Schriften von mir, die in der Presse zerstreut und die niemals ge- sammelt worden sind. Sie sind fast unzugänglich und zumeist vergessen. Rur Amateurbiblio-rra- phen haben Rotizen darüber. Sind ohne ihre Hilfe würde ich niemals Im Stande fein, diese Schriften wieder auszufinden. Ich bin nicht der Mann für vorbedachte Pläne: vielmehr habe ich stets zu viele Rückstände aufzuarbeiten, um je das Bedürfnis nach neuen Planen zu empfinden.

Oie Bilanzen

-er Sozialversicherungen.

Zwei Monate früher als im vergangenen Jahrs sind diesmal die Ergebnisse der Gefchäftsgebarung Der Sozialversicherungen des Jahres 1927 fertig- gestellt worden. Im ganzen gesehen, zeigen die Zif­fern für 1927 man braucht also fast ein Jahr zur Errechnung der Ergebnisse einen recht be­trächtlichen Anstieg. Allerdings sagen die reinen Zahlen wenig, denn einmal haben Gesetzesände­rungen, wie die Auswertungssregelung der Vor- kriegsbeträge bei der Invalidenversicherung, eine Erweiterung der finanziellen Grundlage der betref- senden Versicherung gebracht und schließlich fehlt uns zur Beurteilung die Möglichkeit eines Ver­gleichs mit der Vorkriegszeit, da sowohl der Kreis der Versicherten wie auch die Höhe der Leistungen inzwischen wesentlich verändert sind. Zudem sind leider die Gewinn- und Verlustrechnungen m vielen Fällen noch etwas undurchsichtig, da nicht ohne weiteres, wie bei der Invalidenversicherung, zu übersehen ist, mit welchen Summen das Reich an der Aufbringung der Lasten beteiligt ist. Und schließlich steht die Soziakversicheruna für das Jahr 1927 unter dem Zeichen einer günstigen Konjunk­tur, also eines guten Arbeitsmarktes, so daß auch der Ueberblicf, der für das Jahr 1928 auf Grund der vorläufigen Ergebnisse gegeben wird, eine