Einzelbild herunterladen

!M Erster Blatt

179. Jahrgang

Samstag, 5. Januar 1929

Erscheint täglich,anher Sonntags und Feiertags.

BeHagen

Die Illustriert« Gießener Familien blätter

Heimat im Bild Die Scholle.

Vezvgrpreir für 2 Wochen: 1 Reichsmark und 16 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Richter« scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechanlchlüffe: 61, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten Anzeiger Gießen. poMdiecftonto:

Frankfurt am Main 11686.

MtzenerAnzeigek

General-Anzeiger für Oberhessen

vrrS vnb Verlag: Vrvhl'sche Universttätr-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Gletzrn. Zchrkftleitung und Geschaftrstelle: Zchulttrahr 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Neichspfcnnig; für Re« Klameanzeigen von 70 nun Brette 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20" , mehr.

Chefredakteur

Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in ©teilen.

Welche Absichten hat Marker Gilbert?

Oer Reparationsagent ist über die Wirkung seines Berichts erstaunt.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeigers".

Berlin, 5. Ian. Wenn es sich nicht um eine so überaus ernste Angelegenheit handelte, könnte man mit einigem Humor die Meldungen entgegennehmen, die heute aus Amerika vorliegen, nachdem dort der Reparationsagent Parker Gilbert mit der Berengaria" eingetroffen ist. Denn der Verfasser des in den letzten Tagen von der ganzen Weltpresse so lebhaft erörterten und zum Teil heftig umstritte­nen Berichts scheint über d i e Enttäuschung sehr e r ft a u n t, die er damit in Deutschland her- oorgerufen hat, und lehnt gleichzeitiv die Inanspruch­nahme durch lie französische Presse als ihrBundes- genösse" ebenso entschieden ab. Zur Begründung beruft er sich merkwürdigerweise darauf, daß der Bericht er st im englischen Text vorliege, und daß man in Deutschland wahrscheinlich andere Kom­mentare schreiben würde, wenn erst der deutsche Tert vorlieae.

Das ist eine sehr sonderbare Ansicht. Denn wenn nicht der deutsche Text von dem englischen dem Inhalt nach abwiche und das wird wohl doch niemand, und am allerwenigsten Parker Gilbert, ernstlich unterstellen dann würde also seine An­sicht bedeuten, daß er den Verbreitern und Erläute- rern seines als Neujahrcgabe veröffentlichten Be­richts ungenügende Kenntnis der eng­lischen Sprache zutraut. Davon kann leider, wie wir aus genauester Kenntnis der Vorgänge feststellen können, nicht die Rede sein; die Ausfüh­rungen des Neparationsagenten sind v o l l k o m - men richtig verstanden worden. Allerdings finden sich in den einzelnen Kapiteln, die sich mit den Detailfragen des deutschen Budgets, derWäh- rungssicherung, der Aus- und Einfuhr des An­leihewesens usw. befassen, noch manche Feststellun­gen und Urteile, die wesentlich skeptischer und zurückhaltender lauten als der Ge­samtüberblick und die Schlußfolgerungen, die als die Hauptteile des Berichts für die Oeffentlichkeit aus diesem herausgezogen worden find.

Wer wenn Porter Gilbert die Heranziehung dieser Einzelfeststellungen als Bestandteile des Bildes wünschte, das er von der deutschen Lei­stungsfähigkeit und der deutschen Finanzlage entworfen hat warum hat er sie dann i n der zusammenfassenden Darstellung nicht entsprechend berücksichtigt? Es kann durchaus sein, daß die Interpellation, die jeM von der Weltöffentlichkeit seinen Gesamt- feststellungen gegeben wird, nicht seinen eigentlichen Absichten entspricht; darauf ist schon Lingedeutet worden, als man den Widerspruch zwischen dem Optimismus Par­ker Gilberts und den erheblich weniger rosigen Berichten der Treuhänder für Eisenbahn» und Industrieobligationen seststellte.

Aber der Gedanke liegt ja nicht fern, daß der Reparationsagent, der bisher vornehmlich für die korrekte Abwicklung des Dawesplanes verantwortlich war, nun eine gewisse Derant- wortung in erster Linie für die Interessen der Gläubiger und gegenüber feinen eigenen Landsleuten empfindet, um auf diesem Wege das Zustandekommen einer ihnen möglichst erwünsch­ten und tragbar^ erscheinenden Gcsamtlösung vor­zubereiten. War das nicht die Absicht und war das rosig gefärbte Gesamtbild von der deutschen Leistungsfäh g eit ein unfreiwillig gewisser­maßen nur im Hinblick auf die dargestellte vier­jährige Dersuchsperiode so erscheinendes, dann wird man allerdings nicht umhin können, der in den abge.'aufenen Jahren so ost und gern an­erkannten Geschicklichl. it des Reparationsagenten eine bedeutend ungünstigere Bote auszustellen.

Dann wäre es freilich erwünscht, wenn er das jetzt klipp und klar erklärte und damit eine nicht gewollte und unheilvolle Beeinflussung der kommenden Sachverständigenarbeit verhinderte.

Wirkungen in Krankreich.

Das Echo desTempS".

Paris, 4. Ian, (TU.) DerTemps" be­schäftigt sich am Freitag mit der Stellungnahme der deutschen Presse zum Gilvertbericht. Aach Meinung des Blattes hat Deutschland vor allem das größte Interesse an einer endgültigen Rege­lung der Reparation. einmal um den Gesamt­betrag seiner Schulden zu kennen, zum anderen aber, weil es nur mit Hilfe einer völligen oder teilweisen Kommerzialisie­rung seiner Schuld eine vorzeitige Aheinland- räumung erwarten könne. Wenn man auch immer wieder wiederhole, daß die Aeparations- und die Aäumungssrage nicht miteinander zusammen­hingen, so bleibe die Lösung der einen Frage doch der Aegelung der anderen untergeordnet. Man werde in Berlin nicht mit Erfolg damit rechnen können, vor ten Augen der Sachverständigen den wunderbaren wirtschaftlichen W i - deraufstieg des Reiches zu verbergen, der e.ne unbestreitbare Tatsache ,ei. Den deutschen Einwand, den Dawesplan bisher nur dank der Auslandkredite erfüllt zu haben,weist derTemps" mit der Begründung zurück, daß der deutsche Haushalt mit überflüssigen Ausgaben angefüllt sei und Deutschland beträchtliche Ersparnisse mach.n könne, ohne In irgendetwas die Entwicklung sein.s Wohl­standes zu verhindern oder die Cxistenzbedürfnisse deS Volkes einzuschränken.

Der Gilbertberichl eine ZemhigimgspM für Amerika.

Schweizer Prcjscstimnien.

Genf, 4. Ian. (2U.) Die schweizerische Presse schildert jetzt in spaltenlangen Berichten die hef­tige Kritik, die der Bericht des Reparations­agenten Parker Gilbert in der gesamten deut­schen Oeffentlichkeit gefunden hat. Die Blätter heben hierbei die seltene Einmütigkeit der gesamten deutschen Presse gegenüber der übertrieben günstigen Darstellung der fi»

Bukarest, 5. Ian. (TU.) Das amtliche Organ der Regierung,L'Jndspcndence Roumcune", be­schäftigt sich in seinem Leitartikel mit der Lit - winow - Rote an Polen über das Inkrafttreten des Kelloggpaktes in Osteuropa und stellt fest, daß die polnische Regierung es für ihre Pflicht gehalten habe, die rumänisch e Negierung über diese Note z u unterrichten. Einige Ver­bündete Rumäniens nähmen den russischen Vor­schlag n i ch t ernst, weil er zu gleicher Zeit an Polen und an Litauen gerichtet worden sei, obwohl die Differenzen zwischen diesen bei­den Staaten bekannt seien. Andere Verbündete Ru­mäniens dagegen betrachten den russischen Vorschlag als ernst, weil Rußland ausländisches K a -

nanziellen Leistungssähigkeit Deutschlands her­vor, wobei besonders auf die Kritik von sozial­demokratischer Seite hingewiesen wird. DieReu» Züricher Zeitung" macht hierbei auf den Be­richt des amerikanischen Handelsattaches in Berlin, Allport, aufmerksam, der von einer un­gewöhnlich schwierigen Wirtschaftslage in Deutsch­land spricht. Hierbei weist das Blatt auf die Zunahme der Arbeitslosigkeit in Deutschland hin. Eine recht bemerkenswerte Auffassung vertritt der auch in Deutschland bekannte Chefredakteur derBaseler Rachrichten", O e r i. Er schreibt: Sehr viel Berechtigung liegt darin, wenn die deutschen Kritiker auf Parker Gilberts Hinweg­gleiten über die Tatsache aufmerksam machen, daß Deutschland seine Reparationszahlungen während der letzten Jahre zum großen Teil nicht aus eigener Kraft, sondern aus fremden, namentlich aus amerikani­schem Kredit geleistet habe. Diese Tat­sache sehe Parker Gilbert nicht, oder er wolle sie nicht sehen, weil er eben letzten Endes doch nicht ein unbefangener Sachverstän­diger, sondern ein befangener CB e r tre­tet der amerikanischen Gläubiger sei. Parker Gilberts Bericht sei eine Beruht- gungspille für die amerikanischen Gläubiger Deutschlands. Im vergangenen Herbst sei aus guter Quelle bekannt geworden, daß eine mäch­tige Gruppe der Reuyorker Hochfinanz daran denke, den nach Deutschland fließenden Kredit­strom abzudämmen. Der Optimismus, den Parker Gilbert jetzt in seinem Bericht zur Schau trage, sei durchaus nicht als Zuckerbrödchen für Poincare zu bewerten, sondern als Kampf­mittel derjenigen amerikanischen Kapitalisten, die auf Gedeih und Ver­derben in Deutschland engagiert seien.

Das Mailänder Somßemtteniat.

Neberraschcnde Entdeckungen.

Berlin, 6. Jan. (Prio.-Tel.) Aus Italien kommt die überraschende Nachricht, daß man jetzt endlich die Urheber des Mailänder Bom­benattentats, das zwanzig Opfer gefordert hatte, entdeckt habe. Es handelt sich aber keines­wegs um Kommunisten oder Feinde des fafzistischen Staates, sondern um Faszisten selbst, die zum Teil sogar an führender Stelle in der Partei

pital brauche und wisse, daß ohne feste Frie« densgarantie dieses Kapital nicht zu haben sein werde. Die rumänische Negierung hat in ihrer Ant­wort an Polen dargelegt, sie freue sich über das friedliche Angebot der Sowjetregierung, das sie aber nur bann als aufrichtig betrachten könne, wenn es an sämtliche Nachbarn Sowjetruß­lands gerichtet werde. Wenn auch Rumänien auf dem Standpunkt stehe, daß es nur bann mit Ruß- (anb in Verhandlungen eintreten könne, wenn Rußlanb bie jetzige Grenze Rumäniens anerkenne, so scheine es doch durchaus möglich, daß auch Ru­mänien durch die polnische Vermittlung in Verhand­lungen eintrete, um dem Abschluß des vorgeschla- genen Protokolls beizutreten.

-It IM lixi mmi rnn ni

Rumänien und der Kesiogg-Maki.

Der Friede in Osteuropa.

Ein schlechter Scherz.

Am Anfang des neuen Jahres steht gleichsam als Symbol für die erste und wichtigste Aufgabe euro­päisier Politik der Jahresbericht des Generalagenten für die Repara­tionen. Fast mutet uns das umfangreiche Elabo­rat des Herrn Parker Gilbert, das wir allerdings vorläufig erst auszugsweise vorgesetzt bekommen haben, als ein verunglückter Silvcsterfcherz an, ist doch in ihm kaum etwas von dem ernsthaften Be­mühen nach strenger Sachlichkeit und wahrhafter Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge zu {puren, das seine früheren Berichte auszeichnete, lieber seine ursprüngliche Rolle als Geschäftsführer der Gläubiger Deutschlands, der die Zahlungen des Schuldners einzieht und unter die Gläubiger ver­teilt, hat sich der Amerikaner allerdings längst her­ausgehoben zu einer Art von Finanzkontrolleur, der bie gesamte beutsche Finanzwirtschaft öffentlicher wie privater Natur seiner Kritik unterwirft, Bean- ftanbungen macht und Ratschläge erteilt, um die den Fremden niemand gebeten hat. Wir haben seine kritischen Aeußerungen früherer Jahre nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern auf ihre Stichhaltig­keit hin ernsthaft geprüft und diskutiert, weil sie uns das Urteil eines erfahrenen und fachkundigen Mannes zu fein schienen, der sich redlich Mühe gab, sich von den ihm im Grunde sehr fremden deutschen innerpolitischen Verhältnissen und von der tatsäch­lichen Lage der deutschen Wirtschaft ein leidlich zu­treffendes Bild zu machen. Der jetzt vorliegende Bericht über das letzte Dawesjahr ist allerdings dazu angetan, diesen immerhin günst gen Eindruck gründlich zu verwischen. Nicht, als ob nicht auch heute noch eine Reihe von Beanstandungen, die Parker Gilbert an der Finanzgebarung unserer öffentlichen Körperfchasten vom Reich angefangen, über den Ländern zu den großen Kommunen übt, im wesentlichen zutreffend wären. O nein, wir wis­sen selbst sehr wohl, daß hier vieles faul und ver­besserungsbedürftig ist, aber wir wissen auch, was der Amerikaner, dem der deutsche Staatsaufbau in seiner geschichtlichen Gewordenheit auch nach vier Jahren eifrigen Studierens noch ein Buch mit sieben Siegeln zu sein scheint, offenbar nicht weiß, daß nämlich eine R e i chs- und Verwaltung s- re form, von der er sich goldene Berge verspricht, einmal nur in langsamer, logischer Entwicklung vor sich gehen kann, wenn sie etwas taugen soll, und daß zum andern diese Reform erst nach gewiß recht kostspieligen Uebergangsjahren sehr allmählich er­heblichere Einsparungen bei den Verwaltungskosten bringen wird. Das darf uns zwar nicht hindern, alles daran zu setzen, unseren Verwaltungsapparat mit der denkbar möglichsten Beschleunigung und in dem dringend notwendigen Maße zu rationali­sieren, aber wir müssen uns gleichzeitig auch weh­ren, wenn der Reparationsagent es so hinzustellen sucht, als ob nur mit der Verwaltungsreform unsere ganze Finanzkalamität in Bausch und Vogen ein Ende hätte. Davon kann doch beim besten Willen keine Rede fein, und Herr Parker Gilbert, der be- sonders gern sich immer wieder den Finanz- Ausgleich vorknöpft, verdient darauf hingewiesen ;u werden, daß Derttschland ohne Kenntnis Oer end­gültigen und unabänderlichen Höhe seiner auswär- :igen Schuld, unmöglich an eine endgültige 23er- .eikung der inneren Lasten denken kann, mit der )och eine Neuregelung des Finanzausgleichs um 'öslich verbunden sein müßte.

Aber diese kritischen Anmerkungen sind ja nicht icu, sie sind schon aus den früheren Berichten des Reparationsagenten bekannt und haben damals chon mir erinnern nur an die Kontroverse mit )em Reichsfinanzminister Köhler zu lebhaften Auseinandersetzungen geführt. Neu dagegen und in hrer Wirkung geradezu gefährlich ist die völlige Bcrtennung der wirtschaftlichenLage, n der Deutschland sich befindet, mit der durchaus rrigen Schlußfolgerung, daß der Dawesplan glän- «nd funktioniere und Deutschland wohl imstande ei, den Verpflichtungen aus dem Dawesplan voll md ganz nachzukommen. Reichskanzler H e r m a n n OZüiler hat offenbar diese falsche Auffassung des Separationsagenten bereits gekannt, jedenfalls war eine Aeuherung, daß die Fortschritt, die wir ge- nacht hätten, übertrieben würden und manche aus- ändifchen Beobachter Deutschland in einem Zustand ähen, der nicht den Tatsachen entspräche, die richtige Introort auf den Bericht Parker Gilberts, und be- onders wirkungsvoll, da sie an so weithin sicht­barer Stelle, wie beim Neujahrsempfang des Staatsoberhaupts vom Leiter der deutschen Gesamt- olilit erfolgte. Der Reparationsagent muß sich en schweren Vorwurf gefallen lassen, einen völlig inseitigen, bewußt schön gefqrbten Bericht über )eutschlands gegenwärtige Wirtschaftslage und die wirtschaftlichen Aussichten der nächsten Zukunft er= tattet zu haben. Er hat die seiner Absicht günsti- en Momente herausgestrichen und die für seine Zwecke unbrauchbaren, weil ungünstigen Momente eifeite geschoben. So ist schon der von ihm be­lebte Vergleich zwischen dem durch Kriegs- und inflationsjahre ruinierten, wirtschaftlich zusammen- ebrochenen Deutschland des Jahres 1924, also vor Inkrafttreten des Daroesplans, mit dem Deutichland on heute völlig irreführend. Denn selbstverständ- ch ist aus diesem tiefsten Tal deutschen Elends ein lufstieg und sogar ein ganz gewaltiger zu ver- sichnen. Wer wollte das leugnen? Aber wer kann 3 andererseits auch bestreiten, daß die günstige lonjunktur, die unserer Wirtschaft den Wiederauf- au aus den Trümmern erleichterte und die heute ingst wieder abzubröckeln begonnen hat, eine g e - orgte Konjunktur war?

Deutschland hat vier Jahre lang von Ausland- nleihen gelebt, im wesentlichen von fremdem Geld -ine Daroeszahlungen geleistet. Wo sind die eberschüsse, aus denen nach der Ansicht der laroessachoerständigen Deutschland die Reparatio-

nen bestreiten sollte? Ganz willkürlich greift Parker Gilbert den günstigen Septtmberabschluß unserer Handelsbilanz heraus, um daran zu demonstrieren, daß es mit der deutschen Wirtschaft stetig aufwärts gehe, und man mit Bestimmtheit annehmen dürfe, daß Deutschland aus seinen Exportüberschüssen sei­nen Verpflichtungen nachkommen könne. Daß davon keine Rede sein kann, zeigt schon die Handelsbilanz des nächsten Monats mit ihrem Passiosaldo von 250 Millionen Mark. Geradezu kindlich mutet der Hinweis des Reparationsagenten auf die sich gleich- gebliebenen Zinssätze an. Das krasse Mißver­hältnis zwischen Kapitalbedarf und Kapitalbildung hat uns mit einem so irrsinnig hohen Zinsfuß be­dacht, der nicht nur jede Rentabilität der deutschen Wirtschaftsunternehmungen unmöglich macht, son­dern bei der enorm wachsenden Auslandverschul­dung die deutsche Wirtschaft in immer steigenderem Maße auch den privaten Auslandgläubigern tribut­pflichtig macht. Heber die katastrophalen Wirkungen, die diese Lage des innerdeutschen Geldmarkts zu­sammen mit einer Reihe anderer Momente, auf bie deutsche Landwirtschaft gehabt hat, verliert der Reparationsagent kaum ein paar Worte. Wie kann man aber von einer widerstandsfähigen und den Ansprüchen des Dawesplanes durchaus gewachse­nen Volksroirtscl)aft sprechen, wenn ihr Fundament, die Landwirtschaft, in schweren Fieberzuckungen liegt, wenn ferner wichtigste Industriezweige, wie z. B. Textil, Kohle, Eisen und Stahl, ernste Krisen durchzukämpfen haben?

Der Rcparationsag.nt begrüßt es, daß die Reigung zu einer übermäßigen Expansion der Wirtschaft, wie sie sich 1927 entwickelte, jetzt eingebämmt ist. Wie ist bicre seltsame Auffassung, wie sie hier zutage tritt, mit der früher immer wieder betonten Rotwendlgleit zu vereinigLN, die deutschen Schuldenzahlungen aus

den Exportüberschüssen zu leisten? Warum fehlt in diesem Bericht gerade der fruh.r ständig wiederkehrende Hinweis an die Gläubiger durch eine protektionistische Zollpolitik nicht diese für das Funktionieren des Dawesplanes unbedingt erforderliche Ausfuhr deutscher Waren zu ver­hindern? Wie reimt sich mit dieser rosigen Auf­fassung des Reparation lagenten der Bericht, den der Handelsattache der amerikani­schen Botschaft in Berlin soeben seiner Be­hörde in Washington erstattet hat, und in dem die ungewöhnlich schwere Wirtfchaftskrisis fest- gestellt wird, die Deutschland jetzt viel empfind­licher treffe, als im Vorjahre? Herr Parker Gilbert, der ja soeben in Amerika eingetroffen ist, wird dort hoffentlich Gelegenheit nehmen, die so sehr von seiner eigenen Meinung ab­weichende Auffassung seines Landsmannes gründ­lich zu studieren, der an seine Beobachtungen die Frage knüpft, ob Deutschland, das bislang die Daweszahlungen durch riesige Ausland­anleihen ermöglicht habe, auch in Zukunft unter anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die im Dawesplan vorgesehenen Höchstzahlungen werde bewerkstelligen können.

Dem Bericht des Reparationsagenten kommt natürlich eine ganz besondere Bedeutung in einem Augenblick zu, wo sich das von den an der Repa­rationsfrage beteiligten Regierungen in Genf in Aussicht genommene Sachverständigen- fomilee rüstet, feine Arbeiten zur Heber - prüfung des Dawesplanes und der deutschen Leistungssähigkeit auszunehmen. Was man durch die Berufung unvoreingenommener Finanz- und Wirtschaftsspezialiften verhindern wollte, die ein­seitige Beeinflussung der öffentlich n Meinung, ist nun doch geschehen, und zwar durch den Be­richt d«s Reparationsagenten selbst, also von

autoritativster Seite. Parker Gilbert hat mit ihm sein Plädoyer als Anwalt der GläuRger- mächte oortoeggenommeiT. Der deutschen Sache ist damit ein kaum wieder gut zu machender Schaden zugefügt worden. Das beweisen schon die be­geisterten Zustimmungskundgebungen, die die Pa­riser Presse dem von ihr früher recht miß­trauisch beobachteten Reparalionsagenten zollt.n. Die Verhandlungen über eine vernünftige End- lösung der Reparatioirsfrage sind durch die ein­seitige und vorzeitige Stellungnahme Parker Gil­berts zweifellos sehr erschwert worden, und wenn sie an der Maßlosigkeit der französischen Forderungen scheitern sollten, so wird man daran der schwer begreiflichen Taktik des Reparations­agenten nicht wenig Schuld beimesfen müssen.

M SüchverstMdWnkoMee.

Tie Einschaltung der Repaiattonskommission.

London, 5. Jan. (MTV. Funkspruch.)Times" berichtet: Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Belgiens find jetzt endgültig aus formalen Gründen übereingekommen, die Ernennung ihrer Sachverständigen für den neuen Reparationsfach- vcrständigenausjchuß durch die Rcpara- tionskommiffion vornehmen zu lassen. Die Methode der Ernennung der amerikanischen Sachverständigen wird in wenigen Tagen b e s 6) l o f f e n werden, wenn der volle Bericht vom britischen Botschafter in Washington eingegangen ist.