Ausgabe 
4.12.1929
 
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Nr. 281 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Mittwoch, 4. Dezember 1929

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Fahrt in den Winter.

Don Siegfried von Vegesack.

Auf der Promenade, am immerblauen Luganer See, brennt die Sonne noch sommerlich heiß. Wasser und Himmel sind vorschriftsmäßig post- tortenhaft blau, die grünen Palmbüschel glänzen frisch lackiert. Die Herren promenieren noch in weihen und hellbraunen, wundervoll gebügel­ten Flanellhosen, und die Damen trippeln in leichten Sommerkostümen. Nur die Kastanien­blätter sind goldgelb, doch das muh wohl ein Irrtum sein, eine optische Täuschung, und Stra­ßenkehrer entfernen eifrig diesen störenden Ana­chronismus.

Aber nicht nur die Herrenhosen, alles an diesem See ist frisch gebügelt: der glatte Wasser­spiegel. die in korrekten Falten herabhängenden Berge, sogar die Gesichter der Vorübergehen­den sehen so unbeschreiblich wohlsoigniert aus, als kämen sie direkt aus dem Schaufenster eines Modehauses. 3ch habe eine armselige ausge­blichene Windjacke auf dem Arm, aber unwill­kürlich trage ich sie wie einen kostbaren, seiden- gefütterten Covercoat, und auch mein Schritt nimmt den sorglos tändelnden Gang aller dieser höheren Wesen an, die wie hinter Glasscheiben in der ewig windstillen, staubfreien, wohltempe­rierten Lust von Zentralheizung und Bankgut­haben leben.

Merkwürdig, da bin ich nun dem Norden, dem Nebel, dem Novemberregen entflohen, habe hier alles, wonach ich mich sehnte: Sonne, blauen Himmel, blauen See, und nun werde ich plötzlich verlegen, vor dieser allzublarcken, allzu» polierten Schönheit des Südens, mich packt ein leises, ganz leises Heimweh nach den rauhen Stürmen, den nordischen Wäldern.

Da hält ein großes graues Auto dicht vor mir auf der sonnenbeschienenen Piazza, ein Herr mit luftiger grüner Kappe und rotem Gesicht winkt mir vergnügt zu:

,Kommen Sie mit, nach Fusio!"

Jetzt erkenne ich den guten Doktor, den Chirur­gen, der hier seinen Urlaub verbringt. Gott segne diesen lieben, nicht nur liebenswürdigen Mann, der mir vom Himmel plötzlich geschickt

Starker Staat - gesunder Staat.

Don Or. K. Hildebrandt.

Wenn sich heute die Augen vieler Menschen sehn­suchtsvoll in die Vergangenheit richten, dann ge­schieht das, weil sie sich dort die Anschauung eines starken, über den Parteien und Berufswesen stehen­den Staates vermitteln können. Die Umwälzung des Jahres 1918 hat eine gewaltige Macht st ärkung der parlamentarischen Bureaukratie mit sich gebracht. Es ist unnötig, die nachteiligen Folgen dieses Systems im einzelnen zu schildern. Die Regierungsgewalt im heutigen Deutschland ist schwach geworden. Sie ist überdies abhängig von den Parteien, die die Mehrheit einer Regierung im Par­lament bilden. Sie ist deshalb gezwungen. Rücksichten zu nehmen, die das sachliche Maß weit überschreiten. Das alles geschieht zum Schaden der sachlichen Arbeit und bedingt einen Niedergang des politischen Lebens in Deutschland, der gepaart ist mit dem steigenden Unwillen großer Teile der Bevölkerung. Die An­klagen richten sich dabei häufig gegen das parlamen­tarische System als solches, und man sucht eine Ab­hilfe dadurch zu erzielen, daß man sich um die Loslösung der Minister vom Parlament bemüht.

Die Reichsverfassung kennt neben dem Parlament noch ein anderes aus der Bolkswahl hervorgegan- genes Organ, nämlich den Reichspräsidcn- t e n. Seine Macht gegenüber dem Parlament zu stärken, hat sich eine Bewegung zur Aufgabe gesetzt, die ihren Niederschlag seinerzeit in dem nicht durch­geführten Volksbegehren des Stahlhelm gefunden hat. Um den richtigen Ausgangspunkt für alle Er­örterungen dieser Art zu gewinnen, erscheint es aber erforderlich, die in der Weimarer Verfassung dem Reichspräsidenten zugebilligten Rechte in klarer Darstellung dem ganzen Volke zum Bewußtsein zu bringen. Dieser Aufgabe hat sich der Bund zur Erneuerung des Reiches in der von ihm vor Monaten bereits angekündigten und nunmehr veröffentlichten SchriftDie Rechte des deutschen Reichspräsidenten nach der Reichsverfassung" unter­zogen. Auf wenig mehr als 100 Seiten wird eine gemeinverständliche, von allem juristischem Beiwerk entkleidete Darstellung des ganzen Fragenkomplexes gegeben, wozu noch eine äußerst lehrreiche Unter» suchung über die Entwicklung des Präsidentenamtes in den Vereinigten Staaten von Amerika gefügt ist. Diese Schrift ist so gefaßt, daß jeder politisch inter­essierte Deutsche sie ohne weiteres zur Hand nehmen kann. Ihre Bedeutung beruht darin, daß sich ein Kreis überparteilicher Persönlichkeiten zu einer Auf­fassung durchgerungen hat, die geeignet erscheint, auch diese wichtige Frage unserer innerpolitischen Zukunft dem Streite der Parteimeinungen zu ent­rücken und auf das sachliche Gebiet zurückzuführen. Die Schrift geht von dem Grundgedanken aus, die Absicht des Gesetzgebers zu erforschen und somit den eigentlichen Sinn der Weimarer Verfassung wieder herzustellen, der durch die parteipolitischen Einflüsse im Laufe der letzten zehn Fahre nur allzu häufig verfälscht worden ist.

Es wäre natürlich völlig abwegig zu behaupten, daß die Rechte des Reichspräsidenten auch in der bisherigen Uebung bedeutungslos seien. Die beiden ersten deutschen Reichspräsidenten, Ebert und Hindenburg, haben mehrfach Beweise des Gegenteils geliefert. Man denke beispielsweise daran, daß Hin­denburg im Interesse der sachlichen Arbeit einmal eine Reichstagsauflösung gegen den Willen des Reichstages hinausgeschoben hat, damit vorher noch eine Reihe wichtiger gesetzgeberischer Arbeiten er­ledigt wurde. Wohl aber hat sich durch den Einfluß der Fraktionen bei der Regierungsbildung eine Uebung herausgebildet, dll dem Sinn der Reichsver- fassung nicht entspricht. Die Weimarer Verfassung hat durch das Recht der Ernennung des Reichs­kanzlers sowie der Beamten und Offiziere dem Reichspräsidenten eine Initiative verliehen, deren sachliche Bedeutung schwerlich überschätzt werden kann. Gewiß ist es richtig, daß der Reichspräsident zu diesen Akten der Gegenzeichnung des Reichskanzlers oder eines verantwortlichen Reichsministers bedarf. Aber es steht nach der ein­helligen Ansicht aller Kommentatoren der Verfassung fest, daß der Reichspräsident ohne weiteres in der Lage ist. sich durch Ernennung einer ihm genehmen Persönlichkeit die erforderliche verantwortliche Gegenzeichnung zu beschaffen. Nimmt man hinzu, daß der Reichspräsident das Recht der Auflösung des Reichstages hat, so begreift man. welchen starken

Einfluß er auf die Gestattung der Dinge zu nehmen in der Lage ist. Selbstverständlich kann ein aus der Volkswahl hervorgegakigener Reichspräsident sein Amt nicht auf die Dauer gegen den Willen der Mehrheit des Volkes führen.'Das würde dem Sinn der demokratischen Verfassung widersprechen. Wohl aber hat er die Möglichkeit, durch seine Stellung und feine Rechte ganz starke Antriebe im politischen Leben der Nation zu geben. Daß diese in der kom­menden Entwicklung gegenüber einer vielfach ent­arteten Parlamentswirtschaft mehr zur (Bettung kommen, ist nicht nyr eine staatspolitische Notwendig­keit, sondern auch eine Erfüllung des gesetzgeberischen Willens.

Dabei darf auch nicht übersehen werden, daß die Reichsverfassung dem Reichskanzler in der Stellung zu seinen Ministerkollegen eine besondere Bedeutung zuweist: Er ist es nämlich, der die Richt­linien der Polttik bestimmt. Er ist ebensosehr der Vertrauensmann des Reichspräsidenten wie der des

Parlaments. Dank der Rechte des Reichspräsidenten hat es der Kanzler in der Hand, im Zusammen­wirken mit der höchsten Spitze des Staates über das Parlament hinaus der Appell an die Wähler zu richten. Diesen Grundgedanken der Weimarer Verfassung gilt es erst einmal zum politischen Leben zu erwecken.

Hierzu ist es aber erforderlich, daß das Bewußt­sein der hohen Stellung des Reichspräsidenten und feiner weitgehenden Einwirkungsmöglichkeiten im ganzen Volke lebendig gemacht wird. Die Autorität Hindenburgs ist auf Grund feiner Persönlichkeit über jeden Zweifel erhaben. Worauf es anfommt, ist. in den breitesten Schichten der Bevölkerung eine Vor- stellung von der Bedeutung des Amtes als solchen und der damit verbundenen Rechte zu er» zeugen. Daß dies geschieht, liegt im Interesse der Gesundung unseres staatlichen Lebens, die nur auf der Grundlage der Schaffung einer starken Staatsgewalt geschehen kann.

MepolitischepWognomie des polentums

Eine Eharakierstudie.

Don unserem v. N.-Berichterstatker.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?)

Warschau, Ende November 1929.

Die Wesensart des polnischen Menschen, soweit sie sich in seinem politischen Gebaren kundtut, kann, summarisch genommen, durch drei Schlag­worte gekennzeichnet werden: Konspirativ, mißtrauisch und egozentrisch. Das klingt wie ein feindseliges Werturteil und soll doch nichts anderes sein als eine Feststellung, die vielleicht zu besserem Derständnis einer für den Mitteleuropäer unbegreiflichen Haltung führt. Nicht subjektive Kritik oder nationales Pharisäer­tum, sondern ein Deutungsversuch ein Versuch, in groben Umrissen historische Belastungen auf­zuzeigen, um heutigen Erscheinungen leichter ge­recht zu werden. Erst wenn wir die Aeuherungen der uns wesensfremden polnischen Mentalität nach ihren und nicht nach unseren Maßen messen (d. h. wenn es uns gelingt, in die p o l i* tische Dorstellungswelt der Polen einzu­dringen), goto innen wir bei Berührung und Ab­wehr den überlegenen Standpunkt. Um so inefjr, als gerade der Pole dazu niemals fähig ist, son­dern selbstgebunden stets nur von sich auf andere schließt und dem Gegenpart unbewußt die eigene Gesinnung unterstellt. Auf dieser verkehrten Grundlage ruht u. a. die Gesamtheit der pol­nischen Minderheitenpolitik womit der Kernpunkt dieser Erörterung bereits ange­deutet sei.

Das ausgesprochenKonspirative" im polni­schen Volkscharakter äußert sich darin, daß die Begriffe Politik und Verschwörung sich nicht nur gelegentlich überschneiden, sondern ein­fach zusammenfallen.Politik machen" be­deutet schlechthin wühlen, anzetteln, aufwiegeln, mit geheimnisvollen Mitteln geheime Ziele ver­folgen. Polnisch gesehen, gehört zu jeder Art Politik Finsternis, oder doch wenigstens geheim­nisvolles Halbdunkel. Klarheit, Eindeutigkeit, Offensichtlichkeit stehen demnach in so krassem Gegensatz zum politischen Grundprinzip, daß sie nur als Gipfel der Verschlagenheit aufgefaht werden können. Der Gedanke, daß eine An­gelegenheit sich tatsächlich so verhalten dürfte wie sie sich darstellt, daß jemand sagen könnte was er meint, oder handeln wie er angibt, liegt außerhalb allervernünftigen" Erwägung. Zeder innerpolitische Kleinkram bis hinauf zu ent­scheidenden Parteikämpfen und parlamentarischen Auseinandersetzungen unterliegt dieser eigen­tümlichen Zwangsvorstellung und wird dadurch ebenso sehr verzerrt wie verdunkelt. Gewiß pfle­gen auch in anderen Ländern Staatsmänner und Parteien ihre Pläne nicht wahllos der Oeffent- lichkeit preiszugeben, doch was dort Zweckver­fahren bleibt, ist hier traditioneller Grundsatz.

Sowohl Voraussetzung wie Folge einer kon­spirativen Mentalität ist das Mißtrauen, lind praktische Auswirkung dieses überspannten Mißtrauens muh wieder Hinterhältigkeit, Reiz­

barkeit, vor allen Dingen aber Furcht sein. Furcht erzeugt Gespensterseherei und unaufhörlichen Kampf gegen eingebildete Ränke. Es gibt Men­schen, die ohne an Verfolgungswahn zu lei­den stets überbereit sind, umzudeuten, übel» zunehmen, sich ihrer Haut zu wehren. Die aus Angst vor Angriffen selber zum Angriff schrei­ten. Der Psychiater erblickt darin den Ausfluß böser Iugendeindrücke oder einer zwiespältigen, unsicheren, an verborgenen Minderwertigkeits­komplexen krankenden Natur. Das Polentum in seiner Gesamtheit zeigt das typische Bild solcher Seelenstörung", und beide psychischen Deutungen treffen zu.

Zum Beleg dieser Behauptung sei vor allen Dingen festgestellt, daß die Polen als West­slawen den Uebergang von östlich - ast­atischer Wesensart zu abendländi­scher Lebensauffassung und Kultur bilben. 3n ihnen wie in der europäisierten russischen Oberschicht bekämpfen und reiben sich zwei von Grund aus verschiedene Welten. Sie befinden sich in einer geographisch gebun­denen Zwitterstellung, aus der es kein restloses Herüber oder Hinüber gibt. Diese Zwitterstel­lung ist es, di»e die Entwicklung einer instinkt­sicheren, innerlich freien und gefestigten Volks­persönlichkeit lähmt. Durch Jahrhunderte der Nachbarschaft und engen Berührung mit dem tatarisch beeinflußten Moskowitertum haben sich Eindrücke und Vorstellungen festgesetzt, die keine Zeit zu tilgen vermag. Als etwa der falsche Demetrius wenige Jahre nach dem Tode 3wans des Schrecklichen mit polnischer Hilfe den Zarenthron erschlich, als die polnisch-russische Grenze in unzähligen Kämpfen und Friedens­schlüssen hin und her verschoben wurde, herrschte in Moskau noch der unverfälschte tatarische Geist: Mißtrauen aller gegen alle, Angeberei, Spitzel- tum und Provokation. EinTschekismus" unter anderem Namen, doch dem heutigen verwandt wie Ahn und Enkel (wobei dieOchrana" des kaiser­lichen Regimes das Zwischenglied bildet). Das Zntrigenspiel im polnischen Königreich, mit allen seinen politisch-parlamentarischen Auswirkungen und Begleiterscheinungen, war, in mancher Be­ziehung eine europäisch übertünchte oder sa­gen wir verfeinerte Abart der russischen Zu­stände. 3n späteren Zeiten der Petersburger Herrschaft über Kongrehpolen erhielt der kon­spirative Zug schärfste Vertiefung und entwickelte sich zur nationalpolitischen Methode. 3n der Konspiration lag die einzige Detäti- gungsmöglichkeit, und die Polen gewannen den nicht unverdienten Ruf, die geistigen Füh­rer und Grundpfeiler jeder politi­schen Verschwörung zu sein. Unter den politisch fanatisierten russischen Studenten standen die Polen in erster Reihe, und auch Marschall Pilsudski, wie sein Bruder, wurden als Hörer der Charkower Universität wegen Geheim­bündelei und revolutionärer Umtriebe nach Sibirien verbannt. Mit den alten Führern hat sich die durch Generationen geübte Tradition auf den jungen polnischen Staat übertragen. Nur mit

wird, um mich für einige Stunden in den Nor­den zu entführen.

Kaum sind wir auf der großen Straße, springt der Kilometerzeiger auf 60, 80, 90. Wir rasen das Vedeggiotal hinaus, überqueren den Ceneripatz, senken uns in Serpentinen zum Ticino. Da leuchtet schon die blanke Spiegelscheibe des Lago Maggiore auf, Locarno rollt vorüber, das wun­dervolle Tal der Maggia öffnet sich.

Wir sind aus dem Sommer in den Herbst an­gelangt. Und welch ein Herbst! In allen Schat­tierungen von Goldgelb bis Bronzebraun und Kupferrot leuchten die Kastanien- und Buchen­wälder, die Kirschbäume und Ebereschen an den steilen Felswänden. Zum Greifen nah in der durchsichtigen Luft, und doch unnahbar, türmt sich das Gebirge in immer gewalt g.ren Formationen, spitzen Zacken und stumpfen Kuppen in den gläsernen Himmel.

Weiße Wasserfälle hängen wie Bänder an nackten dunklen Granitwänden herab: sie stürzen nicht, sie gleiten langsam, zögernd, und, wie es vom keuchenden Auto aus erscheint, fast lautlos in die Tiefe. Dörfer mit engen Straßen, ver­witterten Häuserfassaden, hochgereckten Kirch­türmen und kühn geschwungenen steinernen Brückenbögen ziehen malerisch wie Theaterkulissen vorüber.

3n immer steileren Serpentinen windet sich die Straße hinauf. Bei jeder Kehre muß der lange Wagen ein wenig zurückrollen, um die Kurve zu nehmen, und diese Augenblicke sind nicht ganz gemütlich, weil ich hinten sitze und fast über dem Abgrund hänge. Aber die Hand, die das Operationsmesser sicher zu führen weiß, lenkt auch den Wagen mit Millimeter-Genauig­keit am Rand des Abgrundes vorüber.

Und nun sind wir oben, in Fusio, dem höch­sten Gebirgsdorf. Schiefergrau, mit nackten Stein­mauern, die nur lose zusammengelegt scheinen, und flachen Dächern aus Granitplatten, hängt dieses Gewirr von Häusern, die eher wie Höhlen aussehen, angekrustet am Felsen über dem Tal. Hier endet die Straße, die Welt. Wir lassen das Auto bei der Drücke stehen und wandern die Gasse bergauf.

Schwarze, vertrocknete Weiblein mit riesigen Dlätterhaufen in spitzen Tragkörben auf den ge­beugten Rücken wandeln wie Gespenster zwischen

den zerbröckelnden Mauern. Die Gasse verengt sich zu einem Rinnsal, das Rinnsal mündet auf einen gewaltigen Düngerhaufen, über dem, in ernsthafter Aufschrift an der Hausecke zu lesen steht:

Piazza Helvetia".

3n der schummrigen feuchten Kirche riecht es nach Wachs, nach kaltem Weihrauch, bitterer Armut und inbrünstigem Glauben. Auf der höl­zernen Dank liegen zerlesene, zerfetzte Gebet­bücher. Neben dem braunen Beichtstuhl steht ein heiliger Antonius, ihm zu Füßen hocken zwei rosige Schweinchen, die unbeschreiblich vergnügt zu ihm aufblicken.

Wir wandern aufwärts durch richtigen, wirk­lichen Tannenwald. Eisiger Nordwind weht von den Höhen. Weiße Zacken und schimmernde Fime tauchen über den braunen Bergrücken auf: wie Taschentücher, die man über einen Stock gespießt hat, fallen die Schneehänge im Faltenwurf her­unter.

Und hier, im Schatten einer Tanne, liegt ein Häufchen Schnee, wirklicher Schnee. 3ch presse ihn an mein Gesicht, ich rieche ihn, und es ist mir, als wäre ich heimgekehrt nach langer Wanderung aus den Tropen. Schnee, Schnee, Sonne, bald schnalle ich mir die Bretter wieder an und kehre zu euch zurück!

3eht aber trägt mich das Auto in schneller Fahrt aus dem Winter des Hochgebirges durch den Herbst des goldbraunen Maggiatales zurück an den sommerlichen Luganer See.

Lichter funkeln am Himmel, Lichter funkeln auf dem Salvatore, Sterne und elektrische Lam­pen mischen sich zu einem flimmernden Strahlen­meer, in dem, wie eine ungeheure Lichtreklame oder wie eine erstarkte Rakete die Feuerlinie der Funikulare stell in den Himmel steigt.

Vach dem Kuß gurgeln!

Regeln für die notwendige Hygiene beim Küssen sind von dem Gesundheitsamt des Staa­tes Kansas in Zusammenarbeit mit dem öffent­lichen Gesundheitsdienst der Vereinigten Staaten ausgestellt worden. Allen Anhängern dieser be­liebten Tätigkeit werden zunächst die Gefahren der Uebertragung von Bazillen und die Mög­lichkeiten der Erkaltung beim Erhitzen vor Augen

dem Unterschiede, daß die heute herrschenden Ele­mente bei ihren wirklichen oder eingebildeten Feinden (inner- wie außenpolitisch) die gleichen Kampsmethoden und die gleiche Geisteshaltung voraussehen.

So ist es vor allen Dingen zu erklären, daß daS nach Aufständen, Kämpfen und Intrigen zur Freiheit gelangte polnische Staatsvolk den nationalen Minderheiten mit überspanntem Miß­trauen begegnet und jede harmlose Handlung durch die Brille der eigenen Mentalität in Hochverrat oder doch mindestens verkappte Bös­willigkeit umzufälschen sucht. Dieser Fälschung ist sich der Pole, in der großen Mehrzahl der Fälle, gar nicht bewußt und man tut ihm un­recht, wenn man ihmbesseres Wissen" unter- stellt. E r glaubt fest daran, daß jeder Ukrainer oder Deutsche unermüdlich an der Ver­nichtung Polens arbeitet - - weil er es in der umgekehrten Lage selber tun würde und er glaubt ebenso daran, daß jede Minderheiten­organisation eine Verschwörerzentrale ist. Die Verfolgung, Unterdrückung und Bespitzelung der Fremdstämmigen hält er für zwingend gebotene Abwehrmahnahmen gegen gefährliche Mächte. Haussuchungen, Verhaftungen, Schnüffeleien sol­len dazu dienen, die stets erwartete und doch nirgends gefundene Konspiration gegen den pol­nischen Staat endlich aufzudecken. Daß der Deutsche, seiner ganzen Veranlagung und Er­ziehung nach, zum Verschwörertum unfähig sein könnte, kann ein echter Pole (der überall nur sein eigenes Spiegelbild sieht) njcht fassen. Der verstorbene Reichsauhenininister Dr. Strese- mann war in polnischen Augen ein versteckter ^Imperialist. Militarist und Gewaltpolitiker, der nur zu früh starb, um seine kriegerischen Re­tz anchepläne durchzuführen. Er mußte das fein, weil es jeder Pole an feiner Stelle gewesen wäre. 3eder Deutsche in Polen ist ein heimlicher Pionier und Wegbahner des Vernichtungsfeld­zuges, jede deutsche Siedlung ein Stützpunkt der feindlichen Heerscharen. Als Parallele sei daran erinnert, daß die russischen Behörden im Welt­kriege die Tennisplätze auf den deutschen Guts- Höfen ernstlich für vorbereitete Landungsplätze für deutsche Kampfflugzeuge hielten und ihre unglücklichen Besitzer in die östlichen Gouverne­ments verschickten.

Als man im Reich von der Verhaftung der drei Berliner Studenten und der gegen sie erhobenen Spionageanklage hörte, war man von der Unsinnigkeit des pol­nischen Vorgehens, schon rein gefühlsmäßig, fest überzeugt. Mit Recht natürlich. Doch in Polen glauben gebildete Leute auch heute noch an das Märchen von denKundschaftern des deutschen Generalstabs". Wenn wir nämlich gewohnt sind, Studenten für harmlose junge Leute zu halten, so ist der Pole bei der Ueberpolitisierung feiner eigenen 3ugend ebenso gewohnt, in Hochschüler, Pfadfinder oder Turner geradezu den fleischgewordenen politischen Fana­tismus zu erblicken. Wenn deutsche Studen­ten nach Polen kommen und ihre Volksgenossen besuchen, so ist es nach polnischer Logik ganz selbstverständlich, daß sie geheimen politischen Zielen dienen. Nicht anders verhält es sich etwa mit Winderheiten-Pfadfindern, die Deutschland besuchen. Konspiration!

Wenn man die polnische Einstellung gegenüber Deutschland und die Minoritätenpolitik aus die­sem Gesichtswinkel betrachtet, wird einem vieles deutlich, worauf ein deutscher Verstand von Hause aus gar nicht verfällt. Womit keineswegs gesagt sein soll, daß polnische Politiker und Partei­führer gerade im Kampf gegen die Minder­heiten nicht ganz bewußt aus der Wesensart ihres Volkes Kapital schlagen.

Daten für Donnerstag, 5. Dezember.

Sonnenaufgang 7.47 Uhr, Sonnenuntergang 15.54 Uhr. Mondaufgang 11.41 Uhr, Monduntergang 19.11 Uhr.

1791: Wolfgang Amadeus Mozart in Wien ge­storben (geboren 1756); 1885: der Dichter Graf August von Platen in Syrakus gestorben (geboren 1796); 1825: die Schriftstellerin Eugenie John- Marlitt in Arnstadt geboren (gestorben 1887).

geführt. Als Gegenmaßnahmen wird empfoh­len:Küsse niemals in überfüllten Räumlichkeiten oder in schlecht gelüsteten Zimmern, Nimm dich während des Küssens vor plötzlichen Tem­peraturveränderungen in acht. Wenn man zu­erst in einem dicken Mantel küßt und dann in einem leichteren Kleid, so gerät man in die Ge­fahr, sich zu erkälten. Bei Gesellschaftsspielen, bei denen geküßt wird, soll man nach jedem Kuh gurleln. Das ist überhaupt beim Küssen zu emp­fehlen. Wenn du küssen mußt, nimm ein heißes Senf-Fußbad und vermeide jeden Zug, wenn du dich nachher nicht wohlfühlst." Diese Vorschriften haben selbst in den Kreisen der hygienefreudigsten Aerzte in Amerika einiges Kopfschütteln erregt, und einer von ihnen erklärt, man könne von einer jungen Dame, die irgendein romantisches Liebesabenteuer erwarte, doch nicht verlangen, daß sie vorher immer ein heißes Fußbad nimmt.

Hochschulnachrichten.

Friedrich Karl Roedemeyer, Lektor für Vor- tragskunst an der Frankfurter Universität und Dozent für Spracherziehung an der Staatlichen Pä­dagogischen Akademie daselbst, hat die Berufung, in Mainz ein Hessisches Seminar einzurichten, ange­nommen. Dieses neue Seminar ist angegliedert An die Musikhochschule. Die Leitung des Seminars wird Lektor Roedemeyer unter Ernennung zum Professor vorbehaltlich der Genehmigung des preußischen Kul­tusministers übertragen. Seine Lehrtätigkeit soll der Frankfurter Universität auf diese Weise erhalten bleiben. Durch diese Lösung wird der Fortgang Roedemeyers andere Berufungen schweben vermieden. Die Ernennung des Professors Dr. med. et phil. Paul Diepgen in Freiburg (Baden) zum ordenllichen Professor in der medizi­nischen Fakultät der Universität Berlin ist erfolgt; Professor Diepgen übernimmt den Lehrstuhl für Geschichte der Medizin. Professor Dr. Arnold S ch m i ß in B o n n hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Musikwissenschaft an der Universität Breslau als Nachfolger von Professor Max Schneider an­genommen und bereits seine Ernennung zum Or dinarius an der Breslauer philosophischen Fakultät erhalten.