Kr. 267 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch, 4- September 1929
Danzigs wirtschaftspolitische Lage.
Don Kurt Siebenfreund,
Mitgl. b. Dolketages u. Miigl. b. Handelskammer
Stärker als in großen Wirtschaftsgebieten wirkt sich in der Freien Stadt Danzig mit rund 2000 Quadratkilometern und 390 000 Einwohnern das Darniederliegen auch nur einer bedeutenden Wirtschaftszweiges aus, da die ausgleichende Wirkung weiterer Wirtschastsräumc fehlt. Ein sehr erheblicher Teil der Arbeiter in der Freien Stadt Danzig gehört den metallverarbeitenden Berufen an. Den Kern dieses Bestandes bilden Arbeiter ans den Betrieben, die Preußen und das Reich nach Danzig gelegt hatten (Artillericwerkstatt. Gewehrfabrik, Werst), um die wirtschaftliche Erstarkung der Stadt zu befördern. Diese Maßnahme hat sich solange als richtig erwiesen, als die Aufträge für Rüstungs- zweckc und Schiffahrt in ausreichendem Maße vorhanden waren. Heute bietet es große Schwierigkeiten, diese übernommenen Arbeitermengen, zu denen noch die aus den privaten metallverarbeitenden Betrieben, vor allem den Werften, hinzukommen, voll zu beschäftigen. Wenn die Beschöftigungsmöglichkeit in der metallverarbeitenden Industrie, besonders in den Schiffswerften, in starkem Maße durch weltwirtschaftliche Derhältnisse bedingt wird, so stehen andere Zweige der Danziger Industrie unter den besonderen Auswirkungen der Wirtschaftslage in den benachbarten Staaten. Dor allem sind es die wirtschaftspolitischen Maßnahmen Polens, die sich auf den Danziger Platz unmittelbar auswirken. Alle Waren, die in Polen einem SLaatsmonopol unterliegen, sind dem freien Handel naturgemäß entzogen: Salz, Spiritus, Trink- branntwein (sog. weißer Schnaps), Tabak und Zündhölzer. Die Waren, die der indirekten Besteuerung in Polen unterliegen, können nur in beschränktem Umfange und unter Beachtung zum Teil sehr umständlicher Vorschriften nach Polen gehandelt werden: alle alkoholhaltigen 'Getränke, spiritushaltigen Waren, Weine, Zucker, zuckerhaltigen Waren. Die Rückwirkung auf die Danziger Iirdustric ist sehr einschneidend. Erzeugnisse, die früher einen sehr starken Absatz im Hinterlande fanden, müssen sich jetzt mit sehr bescheidenen Absahmengen begnügen. Die Ausdehnungsmöglichkeit des Geschäfts dieser Industriezweige ist verbaut. Ich erinnere besonders an Likör- sabrikcn und Tabakerzeugnisse. Für die letzteren ist allerdings auch in Danzig ein Staatsmonopol durchgeführt worden, um die in den zwischen Polen und Danzig geschlossenen Derträgen vorgesehene Anpassung der Monopole und indirekten Steuern auf diesem Gebiet durchzuführen.
Die übrigen Industriezweige Danzigs haben eine sehr empfindliche Konkurrenz seitens der polnischen Betriebe auszuhalten, denn Danzig und Polen bilden kein einheitliches Steuer- und Monopolgebiet, wohl aber ein einheitliches Zollgbiet. So sind die nicht monopolisierten oder von indirekten Steuern betroffenen Erzeugnisse des einen Staa- tes ohne weiteres absahbercchtigt im anderen Staat. Wie weit dieser Absatz sich praktisch durchführen läßt, hängt davon ab, ob Preise und Bedingungen wettbewerbsfähig sind. Die Danziger Betriebe haben es dabei sehr schwer. Eie arbeiten mit einer Belegschaft, die in ihren kulturellen und zivilisatorischen Bedürfnissen der Lage in Deutschland entspricht. Auch die sozialen Belastungen sind in der Freien Stadt ungefähr die gleichen wie im Reich. Anders jedoch in Polen. Die polnischen Arbeiter haben durchschnittlich geringere Ansprüche und be- gcnügen sich im allgemeinen mit wesentlich niederen Löhnen als die Dairziger Arbeiterschaft. Zu diesem Dorsprung Polens bei den Gestehungskosten kommt noch die Förderung, die der polnische Staat all den Bestrebungen zuteil werden läßt, die die Industrialisierung Polens zum Ziele haben. 2m Schutze der projektionistisch
Was mir an England gefällt— und was nicht.
Don Liesbet Dill.
Rachdruck verboten.
Daß man so bequem durch London fahren kann, daß man jederzeit einen Sitzplatz in den roten Omnibussen findet mag es Mittagszeit oder Rachmittagszeit fein, mag es „nach dem Theater" oder am Sonntag sein. Sie kommen immer angerollt, wenn wir sie haben wollen, und nehmen uns auf. Das Wort „Besetzt!", die aufs Trittbrett springenden Herren, die unter der Treppe zusammengepserchte Menge, die „Menschentraube", die sich in höchster Rot auf Plattform und Treppe zusammenklammert, gibt es hier nicht. Die Höflichkeit der Schaffner und der Beamten auf den „Bus" — die jedes Trinkgeld ablehnen und jeden Fremden mit einem Auf- die-Schulter-klopsen erinnern, daß er hier aus- steigen muh. Einer, der mit die Fremde anmerkte, antwortete mir sogar französisch.
Das Kaminseuer, das die Wohnungen so behaglich macht und auch an kühlen Sommertagen immer freundlich flackernd begrüßt. Daß die Männer so nüchtern sind und so wenig Alkohol verbrauchen, daß der Tee hier so gut ist und die Obstkuchen. Daß ihre Küche so fad und so — gesund ist, weil alle Gewürze, an denen wir uns den Magen verderben, fehlen... Daß sie so leicht ist und so — mager, daß alle Damen schlank bleiben, ohne sich zu kasteien und Gewaltkuren zu gebrauchen oder Badereisen zu machen, um ihr Körperfett loszuwerden auf Kosten ihrer Rerven und ihrer Schönheit. Daß die Häuser alle einen Garten und wenigstens ein Badezimmer haben, und man sich Zeit nimmt zum Leben. Daß sich niemand abhetzt und atemlos hinter den Stunden herläuft, daß der Tag seine feste Einteilung hat, die Mahlzeiten ihre Stunde und der Lebenszuschnitt seinen Stil. Taß man sich die Wohnung nicht zu Gesell- schafszwecken herrichtet, sondern zu seiner eigenen Bequemlichkeit und seinen täglichen Bedürfnissen angepaßt.
In einigen Theatern fand ich es nicht ange- ! nehm, daß alle Männer rauchten, daß man unter Hunderten von „Schornsteinen" sitzt. Sogar die Damen tarnen schon mit brennenden Zigaretten herein. Daß man die Dorstellungen meist
überhöhten Zollmauern erstarkt die polnische Industrie allmählich, wobei die direkten staatlichen und kommunalen Hilfen der Steuererleichterung oder des Steuererlasses, der billigen lieber- lassung von Gelände — Maßnahmen, wie sie in dem benachbarten Gdingen mit großem Umfang ange wendet werden — eine wesentliche Rolle spielen. Dadurch, daß infolge des deutsch-polnischen Handelskrieges durch Einfuhrverbote, durch Kontingentierung der zugelassenen Einfuhrmengen der Absatz deutscher Ware sehr stark eingeschränkt wird, leidet der Danziger Handel sehr erheblich, den traditionsgemäß und nach den natürlichen Gesehen des Warenverkehrs unzählige Fäden mit der deutschen Wirtschaft verbinden. Ihm sind die Hände sehr eng gebunden. Er ist in seiner Betätigung stark beschränkt.
Zu dieser Beschränkung der zur Derfügung stehenden Waren kommt außerdem noch hemmend hinzu der Mangel an flüssigen Mitteln in der polnischen Wirtschaft. Der Umlauf an Wechseln in Polen hat sich ungeheuer vermehrt. Die Zahl der protestierten Wechsel, auch kleiner Beträge, ist sehr groß. Die polnische Wirtschaft befindet sich in einem Ueber- gangsstadium, in dem der Dorteil aus den umfangreichen Investitionen sich noch nicht in dem Umfang bemerkbar macht, daß die Zahlungsbilanz erleichtert wird. Für den Danziger Handel und die Sandiger Wirtschaft wirkt sich dieser Umstand natürlich auch nachteilig aus.
Ebenso wie die Danziger Industrie unter der Konkurrenz mit'der mit geringeren Unkosten arbeitenden polnischen Industrie zu kämpfen hat, wird die Danziger Landwirtschaft in ihren Erträgen durch die aus den gleichen Ursachen billigeren Preise der polnischen landwirtschaftlichen Erzeugnisse stark gedrückt. Die Ausfuhr ihrer Erzeugnisse wird zum Teil erschwert durch die Bildung polnischer Ausfuhrsyndikate, die allein das Recht zum Export haben. Rot- gedrungen sind auch in Danzig derartige Organisationen aufgezogen, um die Zurückdrängung der Danziger Erzeugung von der Ausfuhr abzuwenden. Mit der Gründung des Eier-Syndikats scheint diese die freie Wirsichaft erheblich einschränkende Entwicklung noch nicht abgeschlossen zu sein.
Etwas anders liegen die Derhältnisse im Einzelhandel und in den industriellen Zweigen, die den örtlichen Bedarf decken und Ruhen ziehen aus dem großen Fremdenverkehr und den zahlreichen Kongressen, deren sich Danzig zu erfreuen hat. Betroffen wird der Einzelhandel unmittelbarer als alle anderen Zweige des wirtschaftlichen Lebens durch die verhältnismäßig sehr hohe Arbeitslosigkeit, die im ersten Halbjahr 1929 zeitweise um mehr als 20 Prozent höher war als in der gleichen Zeit des Dorjahres.
Don entscheidender Bedeutung für das wirtschaftliche Gedeihen der Freien Stadt Danzig ist aber der Verkehr im Danzi ger Hasen, der allen Zweigen der Danziger Wirtschaft Belebung bringt. Zwar ist der Danziger Eigenhandel an dem großen Umschlag des Hafens nicht in entsprechendem Maße beteiligt. Der ihn* schlag an Stückgütern hat sich in viel geringerem Maße entwickelt als der an Massengütern. So bildet die Kohlenausfuhr den Hauptbestandteil des Hafenumschlages. Etwa 40 Prozent der gesamten polnischen Kohlenausfuhr geht über Danzig, Die Menge der ausgeführten Güter ist etwa dreieinhalbmal so groß als die Menge der eingeführten Güter, daraus ergibt sich eine ungünstige Tonnage-Bilanz.
Der Danziger Hafen hat sich mit seinen Lade- vorrichtungen in großzügiger Weise auf den Umschlag von Massengütern eingestellt. Er ist in der Lage, viel mehr zu leisten, als von ihm veranlagt wird. Seine Leistungsfähigkeit läßt sich auch noch erheblich steigern. Hand in Hand mit dem Ausbau des Danziger Hafens müßte der Ausbau der Zufahrtwege, besonders der Eisenbahn, gehen, von deren Leistungsfähigkeit die Ausnutzung des Hafens sehr abhängig ist. Der Ausfall erheblicher Kohlenmengen im Danziger Umschlag würde durch andere Gütermengen nicht
ausgeglichen werden können. Sind doch manche Waren schon ganz von Danzig nach Gdingen abgezogen, z. D. der Handel mit Reis. Auch der Holzhandel, der von jeher einen sehr starken Anteil am Danziger Warenumschlag stellte, ist infolge der Veränderung der Marktlage und infolge des Verlustes bisheriger Absatzgebiete auf etwa die Hälfte des Vorjahres zurückgegangen.
Polen ist es zum Schaden Danzigs gelungen, einen regelmäßigen direkten Dampferverkehr zwischen Gdingen und Reuyork zustande zu bringen, der die Möglichkeit bietet, direkte Frachten von jedem polnischen Ort über Gdingen nach Reuyork abzuschließen. Danzig als Umschlagsplatz wird hiervon sehr nachteilig betroffen werden.
Die Streiflichter, mit denen wir die Lage der Danziger Wirtschaft beleuchtet haben, ergeben deutlich, daß nicht nur einer der bedeutenderen Wirtschaftszweige Danzigs sich in schwieriger Lage befindet, sondern daß Industrie, Landwirtschaft, Handel und Schiffahrt in mehr oder weniger starker Weife von den wirtschaftspolitischen Maßnahmen Polens beeinträchtigt werden, die vielfach ohne Rücksicht auf die besonderen Danziger Belange getroffen sind. Die wirtschaftlichen Ansprüche Polens mit seinen 30 Millionen Einwohnern setzen sich der Freien Stadt gegenüber oft mit unangenehmer Wucht durch, obgleich die Bedarfsinkensi- tät der 390 000 Danziger eine unvergleichlich viel größere ist als die der Polen. Die Danziger Regierung kann aber alle Wünsche, die sie in dieser Beziehung hat, der polnischen Regierung nur zu gehen lassen durch den diplomatischen Vertreter Polens in Danzig, den die Polen als ihren Generalkommissar in Danzig bezeichnen. Der Freien Stadt ist nicht das Recht eingeräumt, in Warschau einen Beamten zu akkreditieren, der unmittelbar mit dem Auswärtigen Amt der polnischen Republik verhandeln könnte. Es ist selbstverständlich, daß die Wirksamkeit der Aeußerung von Forderungen und Wünschen um so schwächer ist, je weiter ab von der Zentrale sie geäußert
werden. Und das Vorhandensein eines offiziellen Danziger Vertreters in Warschau würde möglicherweise manchen Danziger Wünschen größeren Nachdruck verleihen können.
So wie die Dinge heute liegen ist die Lage der Danziger Wirtschaft in ihrer Gesamtheit eine sehr problematische. Das Gedeihen einzelner kleinerer Zweige genügt nicht, um die mangelnde Prosperität gerade anderer bedeutender Zweige des Danziger Wirtschaftslebens auszugleichen. Bon dem Gedeihen der bodenständigen Danziger Wirtschaft hängt es aber ab, ob Danzig seine Ausgabe a l s kultureller Vorposten des Deutschtums, zu dem die Freie Stadt durch den Versailler Vertrag geworden ist, erfüllen zu können in der Lage ist. Nur wenn es möglich ist, den bodenständigen Danziger Betrieben die Beschäftigung zu sichern, sie leistungsfähig zu erhalten und aus- zubauen, um durch rationellere Erzeugung im Wettbewerb bestehen zu können, nur dann wird dis deutsche Kultur der Freien Stadt unerschüttert bleiben. Polnische Arbeitnehmer und polnische Unternehmer haben freien Zuzug nach Dan» z i g. In der Verdrängung der breiten Massen deutscher Arbeiter aus den Danziger Betrieben würde das Fundament der deutschen Kultur der Freien Stadt erschüttert werden. Darum hängt so viel davon ab, daß die bodenständigen Danziger Betriebe mit ihren bodenständigen Danziger Arbeitnehmern lebensfähig und wettbewerbstüchtig bleiben und ihren Platz behaupten.
Das ist der Gesichtspunkt, von dem aus im Reich die wirtschaftspolitische Lage Danzigs betrachtet und ihre Bewegung verfolgt werden sollte. Auf dem Danziger Gebiet überkreuzen sich wirtschaftliche und kulturelle Strömungen aus verschiedenen Richtungen. Untiefen und Strudel entziehen und können mancherlei Gefahren bringen. Die politischen und finanziellen Machtmittel Danzigs sind so beschränkt, daß es eine kraftvolle Stützung, insbesondere auch durch die öffentliche Meinung im Reich braucht, um seine besondere wiertschafts- . politische Aufgabe erfüllen zu können.
Geschichten ans aller Welt.
Kragenknopfrekorde
(aga) Reuyork.
Will Roders, der bekannte amerikanische Cow* boy-Humorsit, erklärte jüngst in seinem täglich in einer Reihe amerikanischer Blätter erscheinenden, durch Witz und Kürze ausgezeichneten Kommentar zu den Ereignissen des Tages, ein soeben von einem Dauerflug niedergegangener Flieger habe kaum Zeit, sich zu rasieren, und schon habe ein anderer seinen Rekord geschlagen. Die Rekord-Seuche grassiert in den Vereinigten Staaten nicht nur unter den Sportsleuten, sie tritt auch epidemisch beim ganz gewöhnlich-bürgerlichen Fußvolk auf. Sobald einer glaubt, etwas zu besitzen, etwas erreicht zu haben, was den „Rekord" eines anderen übertrifft, seht er sich sofort hin und macht durch sein Leibblatt die staunende Mitwelt auf seine Errungenschaft aufmerksam.
Vor ein paar Tagen schrieb ein in der Stadt Linden in Rew Jersey ansässiger Herr Silcox der Reuhorker Herald-Tribune, er habe einen und denselben Kragenknopf seit neunundvierzig Jahren Tag für Tag getragen. Der „Rekord" wurde gebührend protokolliert und bewundert — vielleicht nicht so sehr von den Kragenknopffabrikanten und -Händlern. Es wurde behauptet, der so emsig Antiquitäten s ammelnde Automagnat Henry Ford habe bereits Interesse an diesem Stückchen Altertum bekundet, da erschien ein Herr Andrew Wilson aus Montclair, gleichfalls in Rew Jersey, auf dem Plan mit einem seit einundsünszig Jahren treue Dienste verrichtenden Kragen knöpf. Es ist anzunehmen, daß Mister Ford nun erst abwarten wird, ob nicht doch noch ein neuer Kragenknopf-Rekord auftaucht, ehe er einen Teil seiner sauer erworbenen Dollar
milliarde an die Bereicherung seiner Sammlung mit diesem Museumsstück drangibt.
Die Rekoro-Manie i|t verhältnismäßig jüngeren Datums. Wenn vor 25 Jahren ein Mann mit der Behauptung hervorgetreten wäre, er trage dos längste Rachthemd in seinem Ort, so hätten die Blätter kaum Rotiz davon genommen. Heute ist er augenblicklich der Held des Tages, bis pin anderer den Beweis zu erbringen vermag, daß seine Nachthemden samt und sonders um etliche Zoll länger sind.
Die Kochkönigin von Trinidad.
(a) Trinidad (Colorado).
Auch in Amerika werden, wie in verschiedenen europäischen Ländern, neben den allmählich schon langweilig werdenden Schönheitslonkurren-en auch Wettbewerbe in der Kochkunst veranstaltet. Einen derartigen Wettbewerb veranstaltete kürzlich ein Frauenklub in Trinidad (Colorado), und es meldeten sich auch etwa 120 Kämpferinnen um den gastronomischen oder kulinarischen Preis. Unter der strengen Aufsicht eines scharfäugigen Preisgerichtes fachkundiger Matronen Hub ein eifriges Braten, Kochen und Backen an, und schließlich wurde der e-rste Preis einer hübschen jungen Frau zuerkannt, die die vorgeschriebenen Gerichte am schnellsten und schmackhaftesten zubereitet hatte, und als Fräulein Alice Wewer in der Liste eingetragen war.
Kaum war der jungen Dame der erste Pro s ausgehändigt worden, begann sie sich zum tödlichen Entsetzen der anwesenden frommen Bürgerinnen in aller Gemütsruhe — auszuziehen. Wie es in einem bekannten Borkriegskuplet heißt: „Erst fielen die Blusen, die Kleider..." und bann stand vor der mit einem allgemeinen Ohnmachtsanfall ringenden ehrenwerten Weib-
nur durch einen blauen Rauchschleier sieht und die Herren das Theater als Aschenbecher benutzen und die Asche und Zigarrenstummel auf den Teppich streuen. Daß Schauspieler, die man eben sterben sah, und deren Tod einem natürlich sehr naheging, nach der Szene auferstehen und wieder erscheinen und sich für den Beifall bedanken'.
Es gefällt mir weniger, daß die deutsche Sprache ganz aus dem Verkehr ausgeschaltet ist, daß man auch auf den Reisebureaus keine deutschsprechenden Herren trifft, und auf den Ausflügen mit den Gesellschastsautos die Führer nur englisch erklären. Ferner gefällt es mir nicht, daß bei einer Reise nach Shakespeareland dem Lunch im Hotel überreichlich Zeit gewidmet wird, daß aber, wenn Shakespeares Geburtshaus kommt, uns für dieses nur fünfzehn Minuten bleiben. „15 Minuten Shakespeare?" — „15 Minuten Goethe?" Das finde ich zu wenig ...
Sehr aufmerksam findeich es, daß die dritte Klasse der Züge gepolstert ist und sich kaum von der ersten unterscheidet. Sehr nett ist die stets abrette uniformierte Kleidung der Hausmädchen. Vormittags hellblaue Waschkleider mit weihen Häubchen. Rachmittags das schwarze Kleid, mit Manschetten und Haube. Es gefällt mir, daß die Tafel, auch die bescheidenste, stets mit Blumen geschmückt ist, daß das beste Service, Porzellan und Silber, für den täglichen Gebrauch, nicht nur für Feste und Besuch, da ist.
Die pikante Küche Frankreichs, die kräftige, fette Fleischküche Rußlands, die viel zu reichhaltige Hollands oder gar Skandinaviens und auch unsere gute deutsche Küche sind zu schwer, zu belastend. Man gewöhnt sich rasch an die englische, die konventionell und gewürzlos ist. Dafür find die Obstpasteten, die heiß auf den Tisch kommen, etwas ganz Köstliches und bestehen aus Blätterteig, der, mit frischem Obst gefüllt, im Ofen gebacken wird. Es ist die beste süße Speise, die ich kenne. In dem einfachsten, kleinen Restaurant bekommt man einen prachtvoll erfrischenden Obstsalat aus Ananas, Kirschen, Aepfeln, Bananen und Orangen. Zum Tee gibt es geröstetes Weißbrot und Orangenmarmelade, keine süßen Kuchen.
England ist nicht billig und manche Einrichtungen muten uns etwas überlebt an. Aber daß in der Tagespension der Fünfuhrtee mit einbegriffen
*) Soll auch bei uns vorkommen. — D. Red.
ist — die Stunde, zu der der Fremde gewöhnlich müde und abgespannt von seinen Streifzügen durch die Stadt heimkehrt, um sich auszuruhen und zum Abend umzukleiden — wie hübsch, wenn ihn dann in der Hotelhalle am Kaminfeuer ein gedeckter Teetisch empfängt... Wenn das heiße Wasser bereilsteht auf seinem Zimmer, das dreimal am Sage hingestellt wird, ohne daß man darum schellen muß.
Ich finde es ferner sehr schön, daß man Sonntags im Hhdepark, mitten in London, eine Predigt anhören kann, in frischer Luft, unter dem Himmel und unter Bäumen. An dem englischen Sonntag und erst recht an dem schottischen gefällt mir feine absolute Ruhe. Keine Vereine marschieren auf, man drängt sich nicht in vollen Eifenbahnzügen, braucht sich keinen Platz auf Omnibus und Straßenbahn zu erkämpfen und abends in vollgepfropften Abteilen heimzufahren. Jeder bleibt zu Hause, jeder hat sein Haus, fein Gärtchen. Man schläft fich Sonntags aus, frühstückt in Ruhe und besucht die Kirche. Der Sonntag ist ein wirklicher Feiertag.
Ferner gefällt es mir, daß die Hunde sich nicht den ganzen Sag anbellen. Ich habe während meiner ganzen englischen Reise keinen Hund bellen hören und keine Kinder schreien: ich habe nie ein Grammophon am offenen Fenster lärmen hören, noch Betrunkene gesehen.
Es gefällt mir, daß das Trankgeldwesen dort so gut wie keine Rolle spielt. Man ist höflich, weil man so erzogen ist. Man erwartet für eine Höflichkeit nicht ein Trinkgeld. Bei Gesellschaften, in Häusern, wo sehr gut erzogenes älteres Haus- personal war und in solchen, wo nur ein Mädchen den Tisch deckte, das Essen tadellos servierte und nachher das viele Geschirr reinigte, mit dem man in England so verschwenderisch umgeht, konnte man gar kein Trinkgeld geben. Die Hausfrau verabschiedete sich von den Gästen im Flur, der Hausherr öffnet ihnen selbst die Tür. Auch ist es nicht üblich, jeden Führer, der uns das Sehenswerte erklärt, noch extra für seine gespendete Weisheit zu bezahlen. Der Engländer ist sehr korrekt. Er bezahlt, ohne sich zu beklagen, den geforderten Preis. Er handelt nicht. Aber Trinkgelder sind ihm nicht sympathisch.
Es gefällt mir ferner, daß die Menschen auf Reisen so schweigsam sind. Sie fragen nichts, genieren uns nicht, sind wohlerzogen und höflich. Andere habe ich auf meiner ganzen Reise nicht getroffen. Auch die Kellner sind sehr höflich
drüben, obwohl sie weniger Trinkgeld bekommen. Einer sagte sogar immer, wenn er mir etwas brachte: „Thank you, please...“ (Danke, bitte!) Und in den Geschäften wurde man mit großer Geduld bedient. Das Umtauschen macht dort keine Schwierigkeiten, und es ist sehr angenehm, daß man, stakt an einer Kasse Schlange zu fte^en, die Ware der Verkäuferin selbst bezahlt.
Rett finde ich, daß die Hotelbesitzer den Lese- und Schreibzimmern immer den Anstrich eines Wohnzimmers geben, so daß man nicht wie in einem Wartesaal dort sitzt, sondern sich in tiefen, bequemen Sesseln vor dem Kamin ausstrecken kann. Daß man immer gutgeordnete Schreibtische findet, auf denen alles zu finden ist, was man zum Schreiben braucht... Daß zu jedem Abendessen eine Tasse Kaffee im Salon serviert wird, und um fünf Ilhr der Rachmittagstee.
Sie sind Lebenskünstler, die Engländer, vielleicht nicht ganz in unserem Sinne, aber sicher nach ihrem eigenen. Und darauf kommt es ja schließlich an...
Bad ohne Wasser.
In Salsomaggore zum Beispiel herrscht eine Hitze zum Umfallen, so daß es selbst den Salso- maggoren zuviel wird. Was tut man gegen übergroße Hitze? Man geht baden. Und wenn man kein Bad hat? Geht man in den Fluß. Und wenn kein Fluh fließt? Dann muß man sich eben selber ein Bad bauen. So dachten die Einwohner dieses in der Rähe von Mailand liegenden Dörfchens, das auf dem besten Wege sein möchte, ein Luxusbad ersten Ranges zu werden. Also holten sie sich einen Architekten, der machte ihnen einen Snttourf, und nach diesem Entwurf wurde das Bad auch gebaut. Mit allen Schikanen der Reuzeit, mit künstlichen Wellen und Springbrunnen und weiß Gott was sonst noch. Eines Tages war das Bad auch wirklich fertig geworden und sollte eingeweiht werden. Was aber braucht man in erster Linie zur Einweihung eines Bades? Einen Bürgermeister? Oder Chrenjungsrauen? Oder eine Festrede? Olein! In erster Linie braucht man Wasser, und das gibt es in Salsomaggore nicht. Rur in_ den Wasserleitungen fließt es spärlich, so spärlich, daß alle Einwohner verdursten mühten, wenn man es in das Bad leiten würde. Also steht auch heute noch das Luxusbad ohne Wasser. Bei 50 Grad im Schatten. Honny soi, qui mal y pense!


