Nr. 128 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)Dienstag, 4. Zuni 1929
Die Reparaiionsverpflichtungen der Tschechoslowakei.
Don unserem tl.-Derichterstatter.
Rachdruck auch mit Quellenangabe verboten! Prag, Ende Mai 1929.
Anläßlich der Pariser Tributkonferenz konnte es sich die tschechische Presse nicht versagen, gegen das Deutsche Reich Angriffe und Verdächtigungen zu veröffentlichen, die von dem sonst so gern betonten freundnachbarlichen Verhältnis der Tschechoslowakei zu Deutschland nichts erkennen ließen. Wie unvorsichtig und ungeschickt diese neuerlichen Anfeindungen sind, geht aus der Tatsache hervor, daß die Tschechoslowakei ihr Reparationsproblem überhaupt gar nicht zu lösen versucht hat. Disher wurde über das heikle Thema der tschechoslowakischen Reparations- und Defreiungsschuld beharrlich geschwiegen. Dieses Schweigen hat seinen Grund darin, daß man die ohnehin schon stark übersteuerte Bevölkerung durch Erörterung neuer Steuern und Abgaben, die zur Bezahlung der Reparationen ausgeschrieben werden mühten, nicht kopsscheu machen will. Ab und zu nur wird dieses für die Tschechen unangenehme Thema in kleinen politischen Prager Kreisen erörtert. Die Aussichten, die sich dabei eröffnen, sind nicht rosig. So hat der tschechische Volkswirtschaftler Prosessor Pekar erklärt, daß, falls die Tschechoslowakei bei ihrer großen inneren Staatsschuld auch noch die in die Milliarden von Kronen gehenden Reparationen bezahlen müßte, dies den Anfang vom Ende der tschechischen Selbständigkeit bedeuten würde.
Worauf gründen sich nun die so diskret gehaltenen tschechischen Reparationsverpflichtungen? Das Gesamtproblem der Ersatzleistung für die durch den Krieg verursachten Schäden wurde auf der Friedenskonferenz im Jahre 1919 erörtert. Aus dem von Wilson ausgearbeiteten Entwurf vom Februar 1919 über den materiellen Wiederaufbau wurden die Tschechoslowakei und auch Polen wegen ihrer Sonderstellung ausgeschieden. Rach langwierigen Verhandlungen kam es dann zur endgültigen Textierung des Artikels 232 des Versailler Friedensvertrages, dessen Verfasser behaupten, dieser Artikel besage, daß keines der Gebiete, welche während des Krieges einen Bestandteil der feindlichen -Zentralmächte bildeten (wie z. D. die Tschechoslowakei), Anspruch auf Entschädigungen habe. Das „Recht" auf Wiedergutmachungs- sorderungen der Tschechoslowakei wurde erst nach Gründung der Reparationskommission formell im Jahre 1921 anerkannt. Bereits früher aber, und zwar durch die Verträge vom 10. September 1919 (St. Germain, Artikel 208) wurden die Tschechoslowakei und damit auch die übrigen Rachfolgestaaten verpflichtet, an die gemeinsame Reparationskasse denWert der ehemaligen österreichisch - ungarischen staatlichen Güter und Werte auf den ihnenzugestandenenGebietenzuent- richten. Während der Wert dieser übernommenen Güter bisher nicht genau fixiert wurde, wurde lediglich die Höhe jener Reparations- pfiicht, die als Befreiungstaxe bezeichnet wird, festgesetzt. Diese Summe, die völlig in den Reparationsfonds einzuzahlen ist. beträgt 750 Millionen Goldfrancs, d. i. rund 4,8 Milliarden Tschechenkronen. Andererseits wurde der Tschechoslowakei das Recht zuerkannt, auf Grund des Vertrages vom 10. September 1919 bei Bezahlung des Gegenwertes der übernommenen Güter und der Defreiungstaxe im Betrage von 4,8 Milliarden Kronen die Summe der ihr zugefügten Schäden abzuziehen. Wie hoch sich diese Ersatzforderungen belaufen, ist bisher noch nicht festgesetzt worden. Sie können aber bei noch so optimistischem Voranschlag keine in Betracht kommende Kompensation zu dem ungeheuren
Minusposten der tschechischen Reparationsschuld darstellen, denn sie betragen gegenüber Oesterreich kaum ein Prozent von der Gesamtsumme, gegenüber Deutschland sind sie noch viel geringer. Das und zahlreiche andere Fragen, wie die Valutafrage, verschiedene Abschätzungsangaben usw., sind noch ungelöste Probleme, die eine genaue Bilanz der Schulden und Forderungen erschweren.
3m folgenden sei der Versuch unternommen, die tschechischen Schulden ziffernmäßig zu erfassen Die gesamte Staatsschuld der Tschechoslowakei beträgt rund 36 Milliarden. Auf die innere Schuld entfallen hiervon rund 25 Milliarden, auf die Auslandschuld 6,7 Milliarden und auf die übernommene Dorkriegsschuld 4,4 Milliarden. Als reiner Schuldposten aus den Friedensverträgen figuriert im Budget bloß der Posten Dorkriegsschuld, 4,4 Milliarden. Hinzu kommen nun noch kleinere französische und teilweise italienische Forderungen und der kleine Rest von übernommenen Dorkriegsschulden mit ebenfalls einer Milliarde, und als Hauptposten der Uebernahmepreis für Eisenbahnen,„ Bahnhöfe usw. mit rund 15 Milliarden und für Post, Postgebäude und für die übrigen Staatsgüter von rund 10 Milliarden. Es ergibt sich also für Befreiungstaxe, Dorkriegsschulden, Eisenbahnen, Post und Staatsgüter eine Schuld an die Reparationskasse von rund 35,2 Milliarden Kronen. Diese Berechnung dürfte sich ungefähr den offiziellen tschechoslowali- schen Taxationen, die natürlich möglichst niedrig gehalten sind, nähern. Es kann aber auch der Fall eintreten, daß die Tschechoslowakei einen weit höheren Betrag für die übernommenen Güter zu bezahlen haben wird, eventuell für Eisenbahnen 25 und für die übrigen Staatsgüter 20 Milliarden, so daß sich die gesamte Repara- tionsverschuldung der Tschechoslowakei auf etwa rund 55 Milliarden Kronen belaufen dürfte.
Der Hauptanteil an diesen Reparationen (etwa 40 Prozent) fällt Italien zu. Ein für die Festsetzung des Wertes der übernommenen Güter bei der Reparationskommission errichtetes Eval- vationskomitee arbeitet seit mehreren Jahren an der Aufstellung dieser Wertaufteilung. Die bisherigen Gutachten gehen ziffernmäßig weit auseinander, so daß es noch zu keiner definitiven Beschlußfassung gekommen ist. Die Tschechoslowakei sieht, wie bereits erwähnt, mit Optimismus der Entscheidung über ihre Reparationsverpflichtungen entgegen, da Zusagen von Repräsentanten beteiligter Großmächte vorliegen sollen, daß man der Tschechoslowakei bei den meritorischen Verhandlungen entgegenkommen werde. Am aktuellsten ist die Zahlung der sogenannten Befreiungstaxe, da diese Angelegenheit gewissermaßen ein von den übrigen Reparationssragen unabhängiges Problem bildet. Was die Ersatzleistungen für die übernommenen österreichischen Staatsgüter betrifft, so ist die derzeitige Lage so, daß selbst bei Fixierung der Entschädigungssumme mit der Aufnahme der Zahlungen für eine Reihe von Jahren nicht gerechnet wird, da man in Prag darauf verweist, daß Oesterreich und Ungarn im Zusammenhang mit den Sanierungsarbeiten auf längere Zeit hinaus von den Reparationszahlungen entbunden wurden, und solange diese Staaten ihre Reparationsverpflichtungen nicht erfüllen, auch die Tschechoslowakei die Zahlung ihrer Reparationsverpflichtungen nicht aufzunehmen brauche. In Prager Kreisen gibt man sich der Hoffnung hin, daß der Zahlungsaufschub für Oesterreich und Ungarn eine gewisse Garantie dafür biete, daß die tatsächlichen Reparations
plattdeutsches Theater.
Von Franz Fromme.
Während plattdeutsche Romane und Erzählungen, von Fritz Reuter, von John Brinck» man und ihren Rachfolgern, schon zu unserer Großväter und Väter Zeit aufkamen und Triumphe feierten, ist das plattdeutsche Schauspiel erst in den letzten dreißig Jahren empor- geblüht, ja, erst in der Nachkriegszeit zu seiner vollen Entfaltung gelangt. Wohl hat fich schon Fritz Reuter mehrere Male im Lustspiel versucht; merkwürdigerweise fehlte aber ihm, dem Meister des Humors, die Begabung für die Spannung und Gestaltung des Dramas. Und obwohl Klaus Groths Landsmann und Zeitgenosse Johann Mayer ein ausgesprochenes Talent für die Bühnenschriftstellerei an den Tag legte, ist auch seinen zum Teil recht glücklich erfundenen und ausgesponnenen Lustspielen. Possen und Schwanken nur ein vorübergehender Erfolg zuteil geworden. Die plattdeutsche Bewegung verebbte ja überhaupt im Deutschen Reiche seit 1870/71, in dem der Kamps ums Dasein immer schärfere Formen annahm und immer weniger Menschen die behagliche Muße lieh, sich mit ganzer coeele solchen Bestrebungen hinzugeben, die mit Politik und Wirtschaft nichts zu tun hatten. Was außerhalb der wirtschaftlichen und politischen Forderungen lag, die Pflege der heimatlichen Mundarten und ihrer stillen, der großen Welt entlegenen Dichtung, darnach wurde die Rachfrage in diesem industrialisierten Deutschland immer geringer.
Aber gerade unter diesen wenigen, die dafür noch Sinn hatten, erstanden um so echtere und ernstere Dichter, deren Kraft im niederdeutschen Volkstum wurzelte. In ihrer Einsamkeit hat man sie freilich nicht immer zu Lebzeiten erkannt und gewürdigt, und der erste von ihnen, Fritz S t a - venhagen, wäre noch früher und elender zugrunde gegangen als das Schicksal ihm beschert hat, wenn ihm nicht Hilfe von einer Seite gekommen wäre, von der man es am wenigsten hätte erwarten sollen. Der ihn aus den Riede- rungen eines trostlosen Brotberufes herausriß und durch einen namhaften Zuschuß instand setzte, die paar letzten Jahre seines kurzen Lebens, von Rahrungssorgen ungestört, ganz seinem dichterischen Schaffen zu leben, war kein anderer als der Berliner Theaterdirektor B r a h m , der eigentlich Abraham hieß, derselbe, der den großen Skandinaviern und Gerhart Hauptmann ihre
deutschen Bühnenerfolge ermöglicht hat. Staven- Hagens Schaffen paßte freilich zu der naturalistischen Richtung der Brahmschen Dühnenkunst; er gibt erbarmungslose Bilder der Wirklichkeit, und so kernig sein Plattdeutsch ist und so echt seine Menschen reden — nur selten hat sein Humor den versöhnlichen Klang, der uns bei Fritz Reuter, John Brinckman oder Johann Heinrich Fehrs mit den Härten des Lebens versöhnt. An den trostlosen Reibungen des Alltags geht in „Mud- ber Mews" die junge Frau zugrunde; noch greller und höhnischer klingt der „Rüge Hoff" aus. Von bedeutenderem Ausmaß ist der Dütsche Michel", in dem der Hebermut des Edelmannes mit dem Trotz des Bauerntums zusammenprallt, ein wuchtiger Wurf voll kraftstrotzender Gestalten und packender Szenen, in denen verschiedene Arten von Plattdeutsch treffend zur Kennzeichnung einzelner Personen verwendet werden.
Während Stavenhagen, der Hamburger Sohn mecklenburgischer Eltern, 1906 im 30. Lebensjahre starb, ohne von seinen Landsleuten sonderlich beachtet zu werden, hatte Gorch F 0 ck im Leben und Tode mehr Glück. Auf demselben Eiland, Finkenwärder bei Hamburg, geboren, auf dem Stavenhagen eine trübe Krämerzeit verbrachte, stammt dieser Liebling der Hamburger aus einer Fischerfamilie, die Kinau heißt und noch zwei andere dichterisch begabte Söhne hervvrgebracht hat; Rudl Kinau ist als Verfasser plattdeutscher „Vertelln" nach dem Kriege besonders bekannt geworden. Gorch Fock verbirgt unter seinem derben, oft großspurig auftretenden Hamburgertum eine ernste, heroische Seele, wie man aus seinem hochdeutschen Roman „Seefahrt ist not" und dem plattdeutschen Einakter „Cillh Cohrs" und „Doggerbank" spürt. Am meisten aufgeführt wird seine „Königin von Honolulu", eine feuchtfröhliche Groteske in Hamburger Mundart. Er selbst ist in der Skagerak- schlacht gefallen, den Seemannstod gestorben, den er sich gewünscht hat, und auf einer schwedischen Schäre bestattet, an deren Gestade seine Leiche nach der Schlacht antrieb.
Der Insel Finkenwärder entstammt auch Heinrich W r i e d e , der in unverfälschtem „Fink- warder Platt" einige färben» und gestaltenreiche Bauernkomödien geschrieben hat, darunter eines der besten plattdeutschen Lustspiele „Leege Lüd".
Alle diese keineswegs unbedeutenden Drama- tifer überragt Hermann Boßdorf, bisher der größte unter den plattdeutschen Dichtern der Kriegs- und Rachkriegszeit. Er ist als Rach- komme flämischer Einwanderer im branbenburgi*
cmgelcgenheiten vor Ablauf mehrerer Jahre nicht angeschnitten werden können.
Bei jeder Budgetaufstellung wurde bisher dem tschechoslowakischen Finanzminister vorgehalten, daß der Voranschlag nie geordnet erscheine, solange nicht die Frage der Zahlungen an die Reparationskasse, denen man bis jetzt auszuweichen versuchte, einer Erledigung zugeführt wird. Es ist erstaunlich, daß in einem so durch und durch politisierten Staate wie der Tschechoslowakei dieses heikle Thema noch von keiner Partei zum Gegenstände dringender Interpellationen und parlamentarischer Verhandlungen gemacht wurde. Erst jetzt, wo es um die Lösung der deutschen Reparationen und des gesamten Reparationsproblems geht, erwacht das Interesse der tschechischen Presse für dieses Kapitel tschechischer Finanzwirtschaft, allerdings in dem Sinne, daß die Tschechoslowakei — wie die bisherigen Pressekommentare betonen — die Bezahlung ihrer Reparationsschulden rundweg verweigern will, gleichzeitig aber die Alliierten in Paris auffordert, Deutschland keinen Pfennig nachzulassen. Ramentlich die Presse des Ministerpräsidenten fordert energisch die Verweigerung der Schuldenzahlung mit dem Hinweis, wenn ein „geschlagenes" Deutschland Rein sagen könne, dann habe ein Siegerstaat wie die Tschechoslowakei hierzu um so mehr Grund und Recht.
Diese Prager Blätterstimmen stellen jedoch nur das schwache Echo des Lärms dar, den die Kleine Entente bei Behandlung von eventuellen Abstrichen schlägt. Bekanntlich haben die Vertreter der auf der Pariser Sachverständigenkonferenz nicht- vertretenen kleinen Staaten wie Südslawien und Rumänien (auch Griechenland und Portugal) formell in Paris dagegen Protest erhoben, daß ihr Anteil an den deutschen Reparationszahlungen gekürzt werden soll. Die Londoner Presse meldete sogar vor einigen Tagen, die rumänische und südslawische Regierung hätten eine Erhöhung ihres prozentuellen Anteiles an den deutschen Reparationen gefordert. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß der Wink zu dieser Attacke der Kleinen Entente auf die Finanzkraft Deutschlands, wie immer, auch diesmal von Prag ausgegangen ist und daß die Tschechoslowakei an Südslawien die Auf- sorderung gerichtet hat, die Interessen der übrigen Kleinen-Entente-Staaten generell in Paris zu wahren. Oder mit anderen Worten: man drückt sich um die eigenen Zahlungen an die Reparationskasse und verlangt von Deutschland das Unmöglichste. Wenn man in Paris nach Geld sucht, um den Unterschied zwischen zwei Ziffern auszufüllen, so sollte man nach den anderen Schuldnern der Reparationskasse auch einmal Umschau halten.
Die Ausstellung „Oer Mensch .
Am Samstagvormittag wurde — wie gestern schon kurz berichtet — in der Dolksh alle die von dem Deutschen Hygienemuseum in Gemeinschaft mit dem Volkshalle-Derein hergerichtete Hygiene-Ausstellung „Der Mensch in gesunden und kranken Tagen" eröffnet. Zu der Feier hatten sich zahlreiche geladene Personen unseres öffentlichen Lebens eingefunden.
Beigeordneter Or. Hamm
richtete an den großen Kreis der Erschienenen namens des Hygiene-Museums und des Dolks- halle-Vereins herzliche Degrühungsworte und dankte dann allen Mithelfern an dem Zustandekommen dieser sehenswerten und außerordentlich lehrreichen Schau. Die Stadt Gießen hat die Ausstellung in unseren Mauern durch die Heber» nähme eines Garantiebetrages ermöglicht. Der Dolkshalle-Verein hat die Volishalle kostenlos zur Verfügung gestellt und ist auf dem Gebiete der Werbung tätig gewesen. Die Gießener Zahnärzteschaft beteiligt sich in großzügiger Weise an der Ausstellung mit einer auf eigene Kosten hergerichteten Schau aus dem zahnärztlichen Wirken. Hniversitätsprofessor Dr. Bürk er, der Direktor des Physiologischen Instituts der Landesuniversität, und Medizinalrat Dr. Z i n ß e r vom Kreisgesundheitsamt Gießen haben sich für die Eröffnungsfeier in uneigennütziger Weise mit Ansprachen zur Verfügung gestellt. Die Assistenzärzte der Kliniken haben sich auf Anregung des Dekans der Medizinischen Fakultät uneigennützig zu Führungen während der Ausstellung bereit erklärt, ebenso hat Medizinalrat Dr. Bin sack vom Kreisgesundheitsamt Gießen zu dem gleichen Zwecke in selbstloser Weise sich zur Verfügung gestellt. Diese Führungen sollen täglich stattsinden. Hm möglichst breite Kreise der Bevölkerung in Stadt und Land zum Besuche der lehrreichen Ausstellung zu veranlassen, haben sich die Krankenkassen, die Kreisämter und eine Reihe von Organisationen zur Hilfe bei der Werbearbeit bereit erklärt.
Rach dieser Einführungsansprache des Beigeordneten Dr. Hamm sprach zunächst
Prof. Or. Bürker:
Die Landesuniversität und besonders die Medizinische Fakultät an ihr bringen der Ausstellung
„Der Mensch" das größte Interesse entgegen, ist doch alles, was hier vorgeführt wird und Stadt und Land zu Ruh und Frommen nahegebracht werden soll, Gegenstand ihrer Forschung und ihres Hnterrichts, und es kann ihr daher nur sehr erwünscht fein, daß die Kenntnis vom Bau und den Verrichtungen des menschlichen Körpers in gesunden und kranken Tagen in möglichst weite Kreise dringt.
So begrüße ich denn namens Sr. Magnifizenz des Herrn Rektors der Landesuniversität, Prof. Dr. Rudolf Herzog, und Sr. Spektabilität des Herrn Dekans der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Georg Herzog, — beide Herren sind zu ihrem größten Bedauern verhindert, hier zu erscheinen — die Ausstellung „Der Mensch" am Ort der Landesuniversität mit besonderer Sympathie und hosse und wünsche, daß ihr ein schöner Erfolg beschieden ist, der dem Aufwand von Arbeit und Kosten entspricht, den das Deutsche Hygiene-Museum, die Stadt Gießen und der Dolkshalleverein bestritten haben. Mich persönlich interessiert die Ausstellung um so mehr, als im Physiologischen Institut der Landesuniversität eine ähnliche Ausstellung erstehen wird.
Eine Belehrung weiter Kreise über den menschlichen Körper, seinen anatomen Aufbau, seine physiologischen Verrichtungen und die Störung dieser durch Krankheiten muß im Interesse unseres Volkes geradezu gefordert werden, und zwar in theoretischer wie auch in praktischer Beziehung. In theoretischer Beziehung, weil die Frage nach der Ratur des Lebens, seinem Sinn und Zweck, sich doch jedem denkenden Menschen aufdrängt und weil neben dem bestirnten Himmel über uns und dem moralischen Gesetz in uns das Wunderbarste auf unserem Planeten eben doch das Leben ist, das im Menschen seinen höchsten Ausdruck gefunden hat. Es ist ferner erstaunlich, zu sehen, in welch vielseitiger und man möchte sagen genialer Weise die Ratur ein Lebensproblem, wie z. B. das der Atmung oder der Bewegung, zu lösen vermag und wie aus derselben lebenden Substanz in dem einen Fall eine chemische Fabrik, eine Drüse, im andern Fall ein wunderbarer optischer Apparat, wie das Auge, aufgebaut wird. Aber auch in praktischer Beziehung ist die Beschäftigung mit Lebensvorgängen von größter Bedeutung. Hafer Körper, als ein Zellstaat, ist ein Muster staatlicher Organisation, deren Kennt-
schen Fläming geboren, aber in Hamburg ausgewachsen. Er schreibt auch in seinen leichteren Stücken („Kramer Kreh" usw.) meist Hamburger Platt, hebt aber in seinen besten Dramen und Dal- laden holsteinische Mundarten zu einem geadelten Riederdeutsch, indem er aus dem Plattdeutschen die hochdeutschen Klänge auszuscheiden trachtet und alte, im Gebrauch seltener werdende oder gar ausgestorbene niederdeutsche Wörter und Wendungen wieder zu Leben und Geltung bringt. Seine noch jetzt viel aufgeführten Schauspiele „Fährkroog" und „Bahnmeester Dood" fanden besonders in den ersten Rachkriegsjahren viel Gehör wegen ihres religiösen Hntertons. „Die Saat ihrer dunklen Gedanken muhte auf fruchtbaren Boden fallen, da die Seelen durch das Fronterlebnis, durch die Entbehrungen in der Heimat und den Zusammenbruch erschüttert und für alles enchfänglich waren, was irgendein Tor zum Jenseits zu offnen schien. Man lachte über den Humor, der so manche Figur und Szene drastisch einhüllte, aber wem das Plattdeutsche noch Muttersprache geblieben war, der spürte, daß hier im Grunde mehr verborgen war und seltsam zu Herzen sprach, wenn man auch die Gedanken nicht klar erfaßte. Dieser mystische. Zug nach dem Jenseits, der durch die meisten Werke Hermann Boßdorfs geht, hat eine Verwandtschaft mit dem Geist der mittelalterlichen Totentanzdarstellungen, wenn er auch den Rohstoff für die künstlerische Gestaltung gern dem modernen Leben und seiner Technik entnimmt. Ein unheilbares Leiden, das chn jahrelang ans Zimmer fesselte — Leukämie — hätte er ohne diesen Glauben an eine andere Welt wohl kaum ertragen.“
In den letzten Jahren seines Siechtums konnte er den Widerhall seiner Werke noch erleben, weil die Hamburger „Riederdeutsche Bühne" unter Leitung von Dr. O h n esorg seine Stücke überall aufführte, eine Liebhabertruppe, die ihre plattdeutsche Kunst immer mehr vervollkommnete. Rach ihrem Beispiel bildeten sich nach dem Weltkriege in fast allen niederdeutschen Städten plattdeutsche „Speeldeelen", so in Kiel unter Man - sing, in Flensburg unter Witt und Crus e, in Bremen, Lübeck, Oldenburg usw.
Rach Boßdorfs Tode haben noch andere plattdeutsche Schauspieldichter ihre Erfolge erzielt, darunter auch zwei Frauen, die Schleswig-Holsteinerin Jngeborg- Andresen, die ein ausgezeichnetes Plattdeutsch schreibt und in ihren ernsten „Roop" wie in chren Lustspielen (»Groothuus" usw.) Gestalten von prachtvoller
Hrwüchsigkeit zeichnet, und die Oldenburger-.-; Alma Rogge, die Verfasserin munterer, durch und durch bodenständiger Lustspiele. Die übrigen Schriftsteller schreiben meist Holsteiner oder Hamburger Mundart, ost schon etwas verfeinert, wie Hans E h r k e und Ludwig H i n r i d) f c £ , Karl Prahl, Paul Schurek, Peter Werth (inzwischen verstorben) und Wroost. Aber auch Ostfriesland (Albrecht Jansen) und Mecklenburg (K r i d e b e r g) sind beachtlich vertreten — Westfalen, das seine eigene Sprache und Heberliefeurng pflegt (W agenfeld) nicht zu vergessen. Sogar ein plattdeutsches Singspiel hat sich die Bühne erobert, der „Scherenslieper" von Georg Semper, ein erquickendes, gesundes Stück — das erste auf einer Bahn, über deren weiteren Verlauf heute das letzte Wort noch lange nicht gesprochen werden kann.
Prozeß um eine abgeschnittene Nase.
Ein Grieche namens Argyropulos ist zu Port Pirie in Südaustralien verhaftet worden, weil er einem griechischen Mädchen, Katherina Tin- gara, die Rase abgeschnitten hat. Die junge Dame kam nach Südaustralien, um Argypropulos zu heiraten, der ihr das Geld zur Heberfahrt geschickt hatte. Aber nach ihrer Ankunft löste sie die Verlobung auf und versetzte dadurch den verschmähten Bräutigam in solche Wut, daß er sie mit seinem Messer angriff, um ihr das Gesicht zu entstellen, und ihr dabei die Rase abschnitt. Die Landsleute des Messerhelden haben eine große Summe gesammelt, um ihm für den bevorstehenden Prozeß den besten Anwalt zur Seite zu stellen. Die Australier aber ergreifen für das unglückliche Mädchen Partei und haben soviel zusammengebracht, daß sie sich nach Adelaide begeben konnte, um sich dort der Behandlung durch einen Schönheitsspezialisten zu untertoerfen, der ihr eine neue Rase ansehen soll.
Hochschulnachrichten.
Der Rechtsanwalt und Rotar, Justizrat Dr. jur. Ludwig Wertheimer, der seit Jahren beauftragt ist, Vorlesungen über Bank» und Dörsenrechl, Hrheberrecht, Jndustrierecht, englisches und amerikanisches Privatrecht an der Universität Frankfurt a.M. zu lesen, ist zum Honorarprofessor in der rechtswissenschaftlichen Fakultät der bärtigen Universität ernannt worden. Prof. Werthermer ist 1872 zu Büdingen geboren.


