Roman einer Nacht
Don Paul Rosenhayn.
20 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Marcelle fühlte, wie ihr Herz aussehte. Sie begriff, bas) niemand in diesem Saale von der Tragödie erfahren dürfe, die sich wenige Meilen von diesem lichterfunkelnden Hause erfüllt hatte. Sie begriff bas alles mit einem lähmenden Schauder, der alles um sie herum einhüllte: die Men- fchen — die Musik — das Lachen der Frauen: sie fühlte mit dumpfem Schmerz, fast mit einem irrsinnigen Haß, die Frevelhaftigkeit aller Freude, die das Leben feierte, während unter ihren Fenstern der Tod vorüberging.
Sie sah sich um, wie auf der Suche nach einer Hand, die sie ergreifen könnte.
Sokoloff war verschwunden.
Ihr Blick glitt suchend durch den Saal: wie aus weiter Ferne kam die Stimme der jungen Sängerin zu ihr herüber:
Wenn ich nun tot, kommt er zurück, dann vollbring mein Gebot: tausendmal grüß' von der Seinen, siehst du ihn weinen.
Sie schüttelte, fast ohne cs zu wissen, den Äopf; etwas war in den Beziehungen der Menschen untereinander, in den Dingen des Lebens, in Haß, Liebe, Leid und Freude, was keines Menschen Hirn begreifen konnte. Ein Mensch streckte die Hand aus — aber die Hand des Freundes blieb verschlossen. Ein Mensch spähte um sich. Mitgefühl. Verständnis, Hilfe zu suchen: er schickte seine Stimme über Meer und Land; aber kein Ruf antwortete ihm, nur das Brüllen des Meeres schlug ihm aus der Einsamkeit entgegen. Hunderte Menschen freuten sich ihres Lebens in diesem Hause: aber keiner war. der ihr um eines Haares Breite näher stand als der Fremdeste der Fremden.
Irgend ereignete sich in diesem Augenblick: mit der Sensibilität ihrer überreizten Rcr- ven fühlte sic es. Jemand blickte sie an; sie wußte genau, daß jemand sie anblickte.
Sie wandte, fast gegen ihren Willen, den Kopf.
Dort drüben stand ihr Mann.
Linda Andersen blickte zu Boden, lind indem sie die Hand auf die Messingstange der Glastür legte, sagte sie mit tonloser Stimme:
„Ich will heimfahren."
Fedor Sokoloff schüttelte den Kopf. „Sic werden nicht fahren, Linda."
„Ich bin müde."
„Es ist auch nicht wahr, daß Sic müde sind. Sie sind verstimmt."
Der Wintergarten war leer. Der Gesang hatte geendet; fast wie Totenstille lag es über dem Raum.
„Ich habe Ihnen manches zu sagen, Linda. Sie müssen bleiben."
Sie schüttelte den Kopf; aber chre Hand sank nieder.
„Ich weiß, warum Sie verstimmt sind. Ich könnte Ihnen ein paar Worte sagen — und alle Ihre Zweifel wären behoben."
Sie sah ihn an. „Lind warum sagen Sie sie nicht?"
Er machte eine resignierte, fast verzweifelte Gebärde. „Ich kann es nicht, Linda. Ich kann Ihnen auch nicht einmal sagen, warum nicht. Heute nicht — vielleicht morgen. Vielleicht später. Heute kann ich nur an Ihr Gefühl appellieren, nicht Ihnen mit verstandesmäßigen Beweisen kommen."
„Das sind Redensarten," sagte sie finster.
„Das Leben ist nicht so einfach, Linda, wie es von den Fenstern Ihrer Billa erscheinen mag Vielleicht das Leben einer Frau. Bestimmt nicht das Leben eines Mannes."
„Sie ergehen sich in Theorien," sagte sie ungeduldig. „Ich glaube, das tut man immer, wenn man nicht weiß, was man vorbringen soll."
„Gut," sagte er mit entschlossener Stimme. „Ich will Ihnen ein Geständnis machen: diese Rächt ist die schicksalsschwerste meines Lebens."
Scharf und hell kam aus dem Saal der Rhythmus des Tanzes, den eben die Jazzband begann.
Die Tür ging aus; in ihrem Rahmen stand der Staatsrat Krentz.
Er erblickte die beiden, machte eine tiefe und höfliche Verbeugung und ging auf sie zu. „Ich kann Jahnen eine freudige Mitteilung machen, gnädige Frau: Ihr Gatte wird gleich hier sein!"
Linda neigte den Kopf; Krentz sah mit seinem strahlenden, immer ein wenig müden Lächeln Sokoloff ins Gesicht, der das Lächeln freundlich zurückgab. „Ich wollte eben die gnädige Frau zum Tanze bitten."
Damit nahm er Lindas Arm und ging mit ihr in den Saal.
Im Rahmen der Tür stand der Staatsrat Krentz und sah ihnen aufmerksam nach.
Während sie die Hand auf seinen Arm legte, fühlte sie das Fluidum, das von diesem Manne ausging. Der gleitende Rhythmus teilte sich von selbst ihren Körpern mit; schmeichelnd schienen die Tonwellen ihr Blut zu durchdringen.
Sie tanzten. Sie tanzten vorüber an dem Podium, das sich nun, eine Bühne nach Theaterschluß, unbeachtet im Halbdunkel dehnte — an der kleinen Bar kamen sie vorüber; dort standen wie immer ein Dutzend Herren, die ihr mit diskreter und heimlicher Huldigung entgegenblickten. Sie sah verstohlen auf Sokoloff, der mit unberührtem Gesichtsausdruck dies alles an sich vorüberziehen ließ; sie wußte plötzlich, ohne daß irgendein Zeichen dafür ergangen wäre: daß dieser Mann sie liebte. Sie hatte seine Gespräche mit Marcelle beobachtet; mit dem Unter- bewußtsein hatte sie begriffen, daß hier geheime, vielleicht gefährliche Beziehungen lagen; ihr Instinkt hatte aus unbekannten Tiefen heraus erfühlt, daß um diesen Mann, der sie im Arm hielt, eine drohende und vielleicht schulderfüllte Gefahr kreiste. Aber, seltsam genug: ohne in die greifbare Rähe der Dinge zu kommen, nur mit dem lebenssichcren Instinkt der Frau, hatte sie in diesen wenigen Stunden gelernt, die Ruancen der Dinge ahnungsvoll zu unterscheiden.
Die Rähe dieses einen Mannes — dieses Aus- erwählten unter vielen — hatte genügt, sie in
einer einzigen Rächt reifen zu lassen. Sie kannte das stille und heimliche Glück der verstohlenen Händedrücke; sie wußte von den reizvollen Lleber- raschungen der verbotenen Liebe — und auch der Triumph eines mondänen, aus Erotik und Sinnenrausch erwachsenen Lebens stand ihr, der Frau aus Fleisch und Blut, nicht fern. Aber immer hatten diese Dinge, diese Verliebtheiten, diese kleinen, reizvollen, abenteuerlichen Sehnsüchte eine gewisse Distanz zu ihrer Seele behal- ten: immer war sie sie selbst geblieben, immer Linda Andersen, und nie war die Gefahr auf» getaucht, daß sie ganz in ihren wollüstigen Tiefen versinken könnte. Hier, in dieser Rächt, im Arm dieses Mannes, war alles anders ...
Ein Paar, das hinter ihnen tanzte, wich geschickt im Halbkreis aus, sie zu überholen.
Es war Marcelle mit einem Herrn, den sie nicht kannte.
Sie sah. wie Marcelle mit halbgeschlossenen Augen zu ihnen hinüberblickte, wie ftc den Blick ihres Tänzers suchte. Linda sah forschend in sein Gesicht; es schien, als ob er durch Marcelle hin- durchsähe, und sie hatte in diesem Augenblick das Gefühl, daß das keine Geste war. Keine Maske.
„Ich liebe dich." sagte er plötzlich. Sie schloß die Augen; rieselnd schwebte die Musik auf sie nieder. Alle Schwere schien aufgehoben, alle Hindernisse waren nun wcggespült von der großen Welle, in der sic lächelnd, körperlos, in seliger und gläubiger Hoffnung, dahinglitt. Sie öffnete die Augen wie ein Kind, das sich von dem ungewohnten Bilde überraschen lassen will; Gesichter, Gesichter — heiße, begehrliche Augen, kühl abwägende Blicke, zärtliches Flimmern — alles in den Gehirnen dieser Menschen kreiste um die gleichen Dinge. Werben und Gewähren, Locken und Versagen erfüllte den Raum; sie ober, Linda Andersen, war die Glückliche, die den Preis davontrug.
„Warum lieben Sie mich?" flüsterte sie.
Die Musik wechselte den Rhythmus. Synchron veränderte sich die Farbe des flutenden Lichtes. Run war der Saal in ein purpurnes Rot getaucht, und alle Dinge waren tiefer und leidenschaftlicher.
„Riemand weih, warum er liebt. Wenn er es weiß — so liebt er nicht," flüsterte er zurück.
Wieder tanzten sie schweigend durch den Saal.
Endlich sagte sie:
„Mein Mann wird gleich kommen." „Wünschen Sie, daß ich gehr?"
„Marfa ist gerettet."
Sie schüttelte den Kopf. Mit geschlossenen Augen.
„Ich werde cs nicht ertragen können. Wenn Ihr Mann Sie in den Arm nimmt, wird irgend etwas geschehen."
„Sie sollen bei mir bleiben."
Sie fühlte, wie er sie stärker an sich preßte. iln& sie spürte, wie es ihr glühend durch den Körper rann.
„Wenn dieser Tanz zu Ende ist," sagte er leise, „wenn dieser Tanz zu Ende ist, werde ich gehen."
„Rein, nein!“ fast schrie sie auf.
„Alles wird vorbei fein, wenn dieser Tanz zu Ende ist! Ihr Mann wird seine Frau in ihren Mantel hüllen; er wird fein Auto rufen; Herr
und Frau Andersen werden in ihr Heim zurückkehren. Alnö dieser Abend, diese Rächt wird eine kleine Episode im Leben der Frau Linda Andersen gewesen sein, an die sie mit einem freundlichen Lächeln zurückdenken wird."
Sie preßte feinen Arm. „Rein," sagte sie hastig, mit tiefer, entschlossener Stimme; „diese Rächt wird keine Episode in meinem Leben sein. Dies ist die Wendung."
Die Musik brach ab — übergangslos — Jazz- musik. Ein paar applaudierten energisch; abermals klang der Rhythmus auf. Sokoloff und Linda gingen dem Wintergarten zu.
„Schwöre mir, daß du mich liebst," sagte Lindo, als sie in das Halbdunkel des Wintergartens traten.
„Ich schwöre es dir."
„Daß du mich immer lieben wirst."
„Willst du mich nie verlassen?"
„Ich habe nur eine Furcht: daß du mich verlassen könntest."
Sie nahm seine Hand und legte sie an ihre Wange. „Rein." sagte sie und drückte plötzlich einen Kuß auf feine Hand. „Ich gehöre dir."
Der Staatsrat Krentz winkte in die Fidelitos der älteren Herren zurück, aus der er sich nicht ohne Mühe losriß.
Marcelle kam ihm entgegen.
„Guten Tag, meine liebe Marcelle," sagte er feierlich. „Ich bin wieder da."
„Es scheint fast so," konstatierte sie.
„Und denk' dir: ich habe gar nicht geschlafen." Sie sah ihn betroffen an.
„Jetzt kann ich es dir ja sagen: ich wollte dich nur nicht beunruhigen. Also: ich batte einen Herzanfall. Ja. um es zu gestehen: ich habe eine Viertelstunde lang geglaubt, ich würde diese Rächt nicht überleben. Um das Fest nicht zu stören — und vor ollem, meine liebe Marcelle. um dich nicht zu erschrecken — denn ich weiß ja. wie zärtlich du mich liebst —. habe ich etwas von Zubettgehen gesagt. Statt dessen aber bin ich zu Doktor Ramslond gefahren. Oder, vielmehr: ich bin zu Fuß gegangen; ich hatte Bedürfnis nach frischer Luft."
„ilnb was sagt er?"
„Er hat mich gründlich untersucht. Ganz eingehend. Es ist nichts Schlimmes. Rur: ich muß mich vor Aufregungen hüten."
„In deinem Zimmer brannte die Rachtlampc." sagte Marcelle in einem letzten Argwohn.
„Wirklich?" er schlug sich an die Stirn. „Richtig, ich hatte sie eingeschaltet; ich muß vergessen haben, sie wieder auszuschalten."
Sie sah ihm ins Gesicht, in seine harmlosen, zugekniffenen Acuglein. von denen man nie wußte, wohin sie eigentlich blickten. Ihre Finger glitten in die Tasche, dorthin, wo das Regativ des Sokolofsschen Bildes lag. Llber — sie vermochte sich nicht zu erklären, warum — sie sprach die Frage nicht aus.
„Lind jetzt fühlst du dich besser?"
Sie wartete die Antwort nicht ab. Denn eben traten die beiden Begleiter Vera Ermolieffs in den Saal.
Sie fühlte die furchtbare Aufregung, die ihr jäh durch den Körper fuhr; sic spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug.
lFortsetzung folgt.)
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