Ausgabe 
4.5.1929
 
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Nr. 104 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 4- Mai 1929

Handwerk und deutsche Kultur.

Von Or. Karl Gustav Bittner.

Es wird heute so viel von der Krise des deutschen Mittelstandes gesprochen: meistens aber redet man an dem Kern des Pro­blems vorbei. Der Materialismus unserer Tage läßt es verständlich erscheinen, daß man den Schwerpunkt aller politischen Erwägungen i m Wirtschaftsleben sucht daß unter sol­chen Hmständcn die Hrsache wirtschaftlicher Krisen einzig und allein in der Wirtschaft selbst gesucht werden, ist selbstverständlich. Darum aber ist cs noch immer nicht richtig. Insbesondere die Krise des deutschen Mittelstandes, zumal des Hand­werks, hat ihre tiefsten Ursachen nicht in der Wirtschaft, sondern im kulturellen Tief­stand unserer Zeit.

Die Wirtschaftspolitiker, denen die Hebung des Handwerks am Herzen liegt, sind vor ein bei­nahe unlösliches Problem gestellt: einerseits darf das rcalpolitische Denken nicht an der Tat­sache vorübergehen, daß die Entwicklung der modernen Industrie einen unaufhalt­samen Weg geht, der anscheinend über den Ruin des deutschen Handwerks führt. Anderseits aber ist die hervorragende Bedeutung des Handwerks, wie des Mittelstandes überhaupt, in nationaler und kultureller Hinsicht nicht zu leugnen. Auch die schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen, von denen die Vernichtung des Handwerks begleitet wäre, dürfen nicht übersehen werden.

Mit Schlagworten ist dieser Zwiespalt nicht ans der Welt 511 schaffen. Auch die Versuche einer mittelständischen Selbsthilfe im Wege des Klasscnkampfes sind praktisch wertlos: denn einer­seits leidet das deutsche Volk unter solchen inne­ren Kämpfen mehr, als seine ohnehin schwierige politische und wirtschaftliche Lage tragen kann, anderseits ist der Kampf des Handwerks gegen die Industrie der hoffnungslose Kampf des wirt­schaftlich Schwächeren gegen den wirtschaft­lich Stärkeren. Rein wirtschaftlich gesehen, scheint also die Lage des Handwerks verzweifelt. Man mag was immer für eine Einstellung zu der in­dustriellen Entwicklung haben leugnen läßt sie sich nicht. Und selbst ein siegreicher Kampf, der mit einer entscheidenden Riederlage der Industrie enden würde, hätte für unsere Wirtschaft ge­radezu katastrophale Folgen.

So bleibt den, deutschen Handwerk, wenn es im rein Wirtschaftlichen sein Heil sucht, nur die Wahl, entweder vor der Industrie zu kapitulie­ren, oder aber eine neue Front des Klassen­kampfes in dem ohnehin schon zerrissenen, zer­klüfteten deutschen Volkskörper aufzurichten. Bei­des aber müßte notwendig zu weiterem nationalen und kulturellen Riedergang unseres Volkes führen.

Es ist daher eine nationale Pflicht des deut­schen Handwerks, sich nach einer Methode der Selbstbehauptung umzusehen, die national wert­voll ist. Und diese Methode kann nur dadurch gefunden werden, daß das deutsche Handwerk sich auf seine kulturelle Ausgabe besinnt. Blicken wir zurück ins deutsche Mittelalter, in die Zeiten des ehrwürdigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Ration. Da war es das deutsche Handwerk, das neben der Idee der Schirmherrschaft über die Christenheit Trä­ger der deutschen Weltgeltung war. Der deutsche Dom, das Wahrzeichen des deutschen Mittelalters ist Handwerksarbeit. -- Wer könnte die fulturefte Bedeutung solcher Arbeit bestrei­ten? Wohin wir blicken, überall in den Museen leuchtet uns aus den Erzeugnissen mittelalterlichen Handwerks ein kultureller Geist entgegen, den wir in der Gegenwart so schmerzlich vermissen. Unsere Zeit wird beherrscht von dem Geist der Technik, vom Geist der Zivilisation. Und im Zei­chen dieses Geistes hat deutsche Erfindungskraft, hat deutscher Tatendrang wahrhaft Großes ge­leistet. Aber wir dürfen darüber nicht vergessen, daß dieser Geist der Technik nicht zum Be­herrscher der Seele werden darf. Man hat über den großen Leistungen der Zivilisation zu sehr die Kultur vergessen. Man hat der Zivilisation und ihren Erfindungen einen größe­ren Raum eingeräumt, als ihr im menschlichen Leben eigentlich zukommen sollte. In geradezu beängstigendem Maße hat der Gedanke der Sachlichkeit" alle Freude am Schönen über­wuchert. Gewiß, unsere Rot zwingt uns dazu, auf manches zu verzichten, was vom Schicksal be­günstigte Völker sich leisten können. Aber wir sollten auch daran denken, daß die menschliche Phantasie begrenzt ist, daß einmal der Zeit­punkt kommen könnte, an dem wir überhaupt die Erinnerung an das Schöne verlieren. Kein Volk ist so arm, daß es auf Kultur verzichten müßte. Und ein Volk, das materielle Werte über die ideellen stellt, verzichtet damit auf seine sitt­liche Existenzberechtigung. Denn des Menschen Würde und Wert liegt nicht in der Anhäufung materieller Güter, sondern in seiner kulturellen Höhe Kultur aber ist nicht etwa eine rem geistige Angelegenheit. Jeder Mensch hat Anspruch auch auf ein Minimum von materieller Kultur, lind Aufgabe des Handwerks, insonderheit aber des deutschen Handwerks, ist es, Erzeugnisse von materiellem Kulturwert zu ^Hnd"'hier ist der Punkt, von dem aus das Problem der Mittelstandskrise allein gelost wer- den kann. Die Zeit, in der Hufeisen als Hand­arbeit angefertigt werden konnten, ist unwider­ruflich vorbei. Aber noch immer gwt es Gott sei Dank Menschen, die dort, wo es auf all Ye ­ti sche Werte ankommt, die Arbeit des Hand­werks über die der Maschine stellen. Wie wir m der Physik Körper nach ihrer positiven und nega­tiven elektrischen Ladung unterscheiden, so können wir die Erzeugnisse der Menschen in solche mit zivilisatorischer und solche mit kultureller Ladung einteUen. Wenn nun das Handwerk sich bemüht, der Maschine auf dem Gebiet der Zivilisation Konkurrenz zu machen, m u ß es unterliegen. Rie- mals aber wird die Maschine imstande sein, kulturell hochwertige Güter herzustellen. Denn Kultur ist mit verantwortungsbewußtem Men­schentum untrennbar verbunden. Es wird die Zu­kunftsaufgabe des deutschen Handwerks sein, in der Verwirklichung solchen verantwortungs­bewußten Menschentums den höchsten Ausdruck seiner Standesehre zu sehen. Dann wird sich das Handwerk behaupten, auch gegen die übermächtige Maschine. ,

Wie aber das deutsche Handwerk erkennen muh, daß sein wirtschaftlicher Wohlstand mit seinem kulturellen Hochstand untrennbar verbunden ist, so muß der deutsche Konsument, wel­

chem Stande er immer angehört, sich seiner natio­nalen Schicksalverbundenheit mit dem Handwerk bewußt werden. Jeder einzelne muh sich zu dem Bewußtsein erziehen: die Hnterstützung des deut­schen Handwerks ist eine nationale, eine kulturelle Tat. Wir empfinden es wie einen Hauch verlore­ner Kultur, wenn wir an die liebevolle Sorgfalt denken, mit der unsere Großmütter ihr hand­gesponnenes Leinen, ihr handgetriebenes Silber verwahrt haben sollte uns nicht möglich fein, was unseren Großeltern selbstverständlich war? Oder glauben wir, daß äußere Armut eine Ent­schuldigung für innere Armseligkeit ist? Wohl sind viele heute zu arm, um teuere Handwerks­arbeit an die Stelle von Massenartikeln setzen zu

können. Es soll auch gar nicht verlangt werden, daß alle Gebrauchsartikel, die heute von der Maschine billig und serienweise hergestellt wer­den, ans der Werkstatt des Handwerkers hervor- gehen sollen. Aber wenn wenigstens ein Teil der ungeheueren Summen, die heute für leere, sinnlose Vergnügungen ansgegeben werden, zur Anschaffung kulturell wertvoller Dinge verwendet würde, die auf die Dauer das Auge erfreuen und eine kulturatmende Umgebung schaffen, es würde dadurch gewiß die Sorge manches braven Hand­werksmeisters gelindert werden können.

Zudem dürien wir die große Wirkung nicht übersehen, die von den Dingen, die scheinbar leblos sind, aus die Menschen ausgeht. Man ver­

gleiche doch die Umgebung, in der Goethe groß geworden ist. mit einem modernen Bürgerhaus und cs wird klar werden, daß die heutige Dichter­generation, die unter dem stillen, aber stetigen Einfluß der Kulturgreuel der Gründerzeit aus­gewachsen ist, feinen Goethe hervorgebracht hat. Ebensowenig aber können wir uns denken, daß das kubistische Milieu derneuen Sachlichkeit" zu dem lebendigen Denken der Großen unseres Volkes hinführen wird.

Die Kultur des deutschen Handwerks ist ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil unserer geistigen Kultur. Darum ist jede Förderung des deutschen Handwerks in materieller und kultu­reller Hinsicht eine deutsche Tat.

Der Gießener Haushaltsvoranschlag für 1929.

Eine Denkschrift des Oberbürgermeisters an den Gtadtrat.

Die Stadtverwaltung hat gestern den Mitgliedern I des Stadtrates den Haushaltsvoranschlag der Stadt Gießen für das Rechnungs­jahr 1 9 2 9 zugehen lassen. In einer erläuternden Begleitschrist zu dem Etat führt Oberbürgermeister Dr. ft e 11 e r folgendes aus:

I.

Der gegenwärtige Voranschlag ist seiner Form nach völlig umgestaltet, nach den einzelnen Verwaltungs­gebieten systematisch gruppiert, im wesentlichen nach den Vorschlägen des Deutschen Städtetages, denen sich die meisten Städte angeschlossen haben.

Der Voranschlag für das Rechnungsjahr 1929 schließt in der

Betriebsrechnung

ab mit 5 647 444 RM., gegen 5 103 260 RM im Rech­nungsjahr 1928.

Eine Betrachtung des Zuschußbcdarfs und des Ucberschusfes ergibt folgendes Bild:

Znschutzbedarf

RM.

Wohlfahrts- und Gesundheitswesen 907 870,

Allgemeine Verwaltung 532 997,09

Bauverwaltung 494 976,73

Schulverwaltung 487 069,73

Polizeiverwaltung 155 255,46

Kunst und Wissenschaft 125 666,97

Zuschußbedarf 2 703 835,98

Neberschutz

RM.

Betriebsverwaltung 611 369,54

Grundbesitz, Land- und Forst­wirtschaft 186 888,74

798 258,28

Der Gesamtzuschutzbedarf

beträgt demnach 2703835,98 RM. 798258,28 RM.

= 1905577,70 RM. In dieser Höhe ist der Gcsamt- zuschußbcdarf von der Finanzverwaltung zu decken.

Bei der Finanzverwaltung sind vorgesehen:

RM.

Einnahmen 3 149 145,55

Ausgaben 1 243 567,85

Ueberschuß der Finanzverwaltung 1 905 577,70 Somit wird der Gesamtzuschußbedarf der übrigen Verwaltungsgebiete in voller Höhe durch den Ueber­schuß der Finanzverwaltung gedeckt, der Voranschlag gleicht sich aus, ein Fehlbetrag entsteht nicht.

II.

An dem Mehrbedarf gegenüber dem Rech­nungsjahr 1928 ist zum erheblichsten Teile die Fi­nanzverwaltung beteiligt, da durch die gewachsene Kapitalschuld der Zuschuß zu den Kapitalzinsen sich von 178 649,45 RM. auf 294 460,53 RM., also um 115 811,08 RM. erhöht. (Vgl. IX Titel 2: Kapital­zinsen.) Die Kapitalschuld der Stadt betrug am 1. April 1929 10 042 561 RM., davon 6 104 715 RM. langfristig, 3 937 846 RM. kurzfristig.

In zweiter Linie ist der Mehrbedarf gegenüber dem Rechnungsjahr 1928 verursacht durch den Mehrzuschuß zu den Schulen im Betrage von rund 80 000 RM. Von dieser Summe entfallen 32 956 RM. auf Volks- und Fortbildungsschule, hauptsächlich durch höhere Zinsraten der Kapitalien für Schulneubauten, und 35 506 RM. auf höhere Schulen. Der Mehraufwand von 15 000 RM. für die Gewerbeschule ist namentlich durch die neue ge­setzliche Regelung der Schulkosten bedingt (vgl. VI Titel 2, 4, 5, 6, 7).

Endlich sind an dem weiter entstandenen Mehr­bedarf durch Mehrzuschüsse beteiligt die B a u Ver­waltung (vgl. IV) mit 29 346 RM., ft u n st und Wissenschaft (vgl.VII) mit 24 905 RM., die Polizeiverwalkung (vgl. II) mit 7643 RM., die allgemeine Verwaltung (vgl. I) mit 6443 Reichsmark.

III.

Der Ausgleich des Voranschlags für das Rech­nungsjahr 1928 konnte, im gesamten betrachtet, weniger durch eine Verringerung der Ausgaben, als durch Erhöhung der Einnahmen erreicht werden. Die Stadtverwaltung hat bereits in den letzten vier Jahren die Ausgaben derartig herabgedrückt, daß es den Anschein hat, als sei in dem Bestreben nach Sparsamkeit etwas zu weit gegangen worden. Jeden­falls hat sich bei Abwicklung des Voranschlags für das Jahr 1928 gezeigt, daß einzelne Etatanfätze beim besten Willen nicht eingehalten werden konnten.

Somit mußte der Ausgleich des Voranschlags wesentlich auf der

Einnahmeseite

bewirkt werden. Da ist zunächst eine Erhöhung der Einnahmen dadurch eingetreten, daß die Ueberwei- kunqen an Reichseinkommen - und Reichs- umsatzsteuer um 114 4 75 RM. (- 82000 4- 32475 Reichsmark) gestiegen sind. Auch bei der Ver­gnügungssteuer und der B i e r st e u e r kann mit höheren Einnahmen gerechnet werden.

Eine weitere Vcrmehnmg der Einnahmen wird dadurch erzielt, daß die Stadtverwaltung ihren bereits bei dem vorjährigen Voranschlag gestellten Antrag wiederholt, den

Wasserpreis

auf 28 Pfennig für den Kubikmeter zu erhöhen, wo­durch der Ueberschuß des Wasserwerks sich um

100 000 RM. gegenüber dem Vorjahre steigert. Die Stadtratmitglieder-Versammlung hatte dem Antrag der Stadtverwaltung auf Erhöhung des Wasser­preises im Vorjahre nur teilweise entsprochen, in­dem sie den Preis von 15 Pfennig auf 20 Pfennig erhöhte, wodurch noch nicht einmal der in der Vor­kriegszeit und bis 1919 bestandene Preis von 25 Rpf. erzielt wurde. Die Finanzlage und die Notwendigkeit des Ausgleichs des Voranschlags ohne Fehlbetrag zwingt nunmehr unbedingt dazu, durch Festsetzung des Wafferpreisess auf 28 Rpf. die vorgesehene Mehreinnahme herbeizuführen.

Die städtische Grundsteuer,

deren Steuerwerte gegenüber dem Vorjahre fast un­verändert sind, sollte nach den Anträgen der Stadt­verwaltung im Vorjahre bei der Grundsteuer »von bebauten Grundstücken und Bauplätzen von 22 Rpf. auf 30 Rpf. und bei der Grundsteuer von land- und forstwirtschaftlich genutzten Grundstücken von 32 Rpf. auf 40 Rpf. erhöht werden. Leider hat die Stadtrat­mitglieder-Versammlung bei Verabschiedung des Voranschlags 1928 diese Anträge abgelehnt und es bei den früheren Steuersätzen belassen, so daß hier ein Einnahmeausfall von rund 100 000 NM. ent­standen ist. Nunmehr ist die Stadtverwaltung ver­anlaßt, ihre vorjährigen Anträge zu wiederholen und die Hoffnung auszusprechen, daß der Stadtrat diesen Anträgen diesmal zustimmt. Es würde da­durch die Gebäudesteuer bei einem Steuerwerk von 109 664 400, Mk. einen Ertrag von 329 000 RM., die landwirtschaftliche Grundsteuer bei einem «teuer­wert von 18 054 700 Mark einen Ertrag von 73 000 Reichsmark, die gesamte Grundsteuer also eine Ein­nahme von 402 000 RM. liefern.

Die städtische Gewerbesteuer

sollte nach den Anträgen der Stadtverwaltung zum Voranschlag 1928 ein Steueraufkommen von insgesamt 339 000 Mk., und zwar 156 000 Mk. vom Gewerbekapital und 183 000 Mk. vom Ge­werbeertrag erbringen. Die Stadtverordnetcn- Versammlung hat jedoch die entsprechenden Steueranträge der Stadtverwaltung abgelehnt und bei Verabschiedung des Voranschlags 1928 ein um 68 000 Mk. niedrigeres Steueraufkommen festgesetzt, nämlich 271 000 Mk. (125 000 Mk. vom Gewerbekapital und 146 000 Mk. vom Gcwerbe- ertrag). Rachdem zufolge ministerieller 2[nOrd­nung in Hessen nachträglich für das Rechnungs­jahr 1928 eine endgültige Veranlagung aller Ge- werbesteuerpfckchtigen stottgefunden hat und dabei für die Stadt Gießen sich ein Steuerwert des Anlage- und Betriebslapitals von 30 745 203 Mk. und ein Steuerwert des Gewetbeertrags von 8198 800 Rik. ergab, beschloß der Stadtrat am

30. April 1929. das von ihm 1928 festgesetzte Gesamtsteueraufkommen von 271 000 Mk. für das Rechnungsjahr 1928 zu erheben mit 40 Pf. von je 100 Mk. Steuerwert vom Anlage- und Be­triebskapital und mit 1,80 Mk. von je 100 Mk. Steuerwert vom Gewerbeertrag. Würden vor­stehende Ausschlags!ätze auch für das Rechnungs­jahr 1929 beibehalten, so würde in dem Vor­anschlag 1929 hierdurch ein Fehlbetrag von 127 000 Mk. entstehen, der anderweitig nicht ge­deckt werden kann. Die Stadtverwaltung hatte im Vorjahre ein Gesamtsteueraufkommen an Ge­werbesteuer von 339 000 Mk. beantragt. Hm den Voranschlag 1929 ausgleichen zu können, bean­tragt die Stadtverwaltung nunmehr, das Ge­samtaufkommen an Gewerbesteuer auf 398 000 Ml. festzusehen, wovon 183 000 Mk. auf das Anlage- und Betriebskapital und 215 000 Mk. auf den Ertrag entfallen. Hm dieses Steueraufkommen zu erreichen, wird von der Stadtverwaltung be­antragt, an Gewerbesteuer für das Rechnungs­jahr 1929 zu erheben: 63 Pf. von je 100 Mk. Steuer wert des Anlage- und Betriebskapitals mit Ausnahme des land- und forstwirtschaftlichen und 270 Pf. von je 100 Mk. Steuerwerk des Gcwcrbcertrages. Diese Ausschlagssähc ent­sprechen denjenigen des hessischen Staates. Die Steuerausschlagssähe für die Gewerbesteuer sind in den letzten Jahren in Gießen wesentlich nied­riger gewesen, wie in den übrigen größeren Städten des Landes. Bleibt die Stadt Gießen in ihren Steuersätzen auch künftig hinter den anderen Städten wesentlich zurück, so werden ihr zur Erfüllung ihrer Aufgaben weniger Mittel zur Verfügung stehen, wie den übrigen Städten. Die notwendige Folge davon wird sein, daß Gießen auch in der Entwicklung hinter den übrigen hessischen Städten zurückbleiben wird. Dem Stadtrat liegt ob, soweit nicht gesetzliche Verpflichtungen vorliegen, den Voranschlag in Einnahme und Ausgabe nach freiem Ermessen festzustellen. Er muß dieser Aufgabe gerecht wer­den mit dem festen Willen völliger Ausgleichung des Voranschlags und Bereitstellung derjenigen Mittel, die zur gefunden Weiterentwicklung der Stadt Gießen erforderlich sind.

Oie Vermögensrechnung

schließt für das Jahr 1929 in Einnahme und Ausgabe mit 3 020 567 Mk. ab. Sie bietet zu besonderen Bemerkungen keinen Anlaß.

Indem die Stadtverwaltung sich auf diele Erläuterungen beschränkt, verweist sie im übri­gen auf den Voranschlag selbst, der die städtische Finanzgebarung in eingehendster Weise barlegt. Dr. Keller.

Wirtschaft.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

Die neue Woche wurde anfangs von einer starken Rervofität und Hnsicherheit beherrscht. Die unruhige Lage am Devisenmarkt wirkte katastrophal, und das starke Ansteigen des Dollarkurses auf 4,2375, nach 4,21780 wirkte so deprimierend, daß ganz beträchtliche Kurseinbuhen einlraten, die oft ein Aus­maß von mehr als 15 Prozent annahmen. Auch war man hinsichtlich der Weiterführung der Reparationsverhandlungen sehr pessimistisch gestimmt, so daß von dieser Seite ebenfalls ein starker Einfluß auf die Stimmung ausgeübt wurde. Dies alles war nicht angetan, eine Ge- schästsbelcbung herbeizuführen. Die Erhöhung des Diskontsatzes machte dagegen nur wenig Eindruck, da man hinsichtlich der niedrigen Kurse mit einer stärkeren Hinaufsehung der Diskontrate gerechnet hatte. Die Aüfnahmelust blieb gering, und es traten später weitere Abschläge ein, da die Baissepartei, unterstützt von all diesen ungünstigen Momenten, in größerem Hmfange mit Leerabgaben an den Markt kam. Rur Farbenwerte, die gut ge­halten blieben, hatten zeitweise etwas lebhafteren Geschäftsumfang zu verzeichnen, da die Er f as- Jung unserer Interessengebiete im Auslande hier eine stimulierende Wirkung hinterliehen. Doch konnte sich auch dieser Markt bald nicht mehr auf der Höhe halten und mußte sich der allgemeinen Lage anpassen. Besonders angeboten waren bei der lustlosen Haltung vor allem die alten Favoriten, und bei diesen Werten nahmen die Rückgänge größere Ausdehnung an. Doch trat bald ein Tendenzumschwung ein. Die Lage in Paris wurde wieder günstiger beurteilt, und die damit verbundene optimistischere Stim­mung blieb nicht ohne Einfluß. Auch die wieder ein getretene Beruhigung am De­visenmarkt war in der Hauptsache der Grund für die wieder allgemein bessere Börsensituation. Die großen Käufe von fremden Valuten, die be­sonders von Börsenkreisen und daneben auch verschiedentlich vom Publikum vorgenommen wur­den, hatten aufgehört, und der Dollarkurs konnte wieder auf alter Basis festgesetzt werden. Die Stimmung war zuversichtlich, und in Verbindung mit der allgemein besseren Lage hat man ein« gesehen, daß die Befürchtungen eines eventuellen Verfalles der deutschen Währung oder einer internationalen Wirtschaftskrise überhaupt nicht

in Frage kommen konnte. Das Geschäft nahm i n Spezialwerten wieder lebhaftere Formen an, so daß die anfänglichen Verluste wieder eingeholt werden konnten und teilweise sogar noch überschritten wurden. Auch die neueren Meldungen, in denen zum Ausdruck kam, daß sich die Amerikaner und sogar die Eng­länder zwecks Weiterführung der Re­parationsverhandlungen große Mühe geben, hinterließ einen günstigen Eindruck, und in Dörsenkreifen war man wieder fester gestimmt. Auch traten noch andere günstige Momente hinzu, die aber nur für Spezialwerte einen besonderen Anklang boten. Auf der anderen Seite mahnte jedoch der Liquidationstag verschiedentlich zur Zurückhaltung, doch wurden keine nennenswerte Schwierigkeiten erwartet, da man hinsichtlich der geringen Engagements mit Vertrauen derWeiter- enttoidlung des Marktes entgegensehen konnte. Rur unter dem Druck der angespannteren Geldmarktverhältnisse hatte die Börse verschiedentlich zu leiden, und das Geschäft erfuhr aus diesem Grunde oftmals eine stärkere Einbuße. Die Stimmung blieb aber im großen und ganzen immer zuversichtlich und freundlich, da man jetzt der Ansicht war. daß man oft den voreiligen Befürchtungen ui.*j den vagen Gerüchten nicht immer Glauben schenken darf. Die Börse unterlag wohl Schwankungen, aber die geringen Verluste wurden bei der wieder stärkeren Beteiligung des Auslandes am Börsengeschäft bald wieder aus­geglichen. Diese Tatsache bewies schon, daß man auch im Auslande wieder ruhiger und optimisti­scher gestimmt ist. Besonderes Geschäft entwickelte sich vor allem in Reichsbankanteilen, Elektrower- ten, Kaliaktien und Glanzstoffpapieren. Hier waren Gewinne von 5 bis zu 19 Prozent gegen­über der Vorwoche zu verzeichnen. Auch am Anleihemarkt entwickelte sich regeres Ge- schäft, und die anfangs gedrückten deutschen Ren­ten konnten bis 1,35 Prozent zurückgewinnen. Zum Wochenschluß war es jedoch wieder stiller und etwas nervöser. Der langsame Fortgang der Pariser Verhandlungen störte die Geschäftsent­wicklung. Teilweise wurden Realisationen vor­genommen, und cs ergaben sich f einere Rückgänge bis 2,5 Prozent, da die Aufnahmclust sehr gering wurde. Auch der immer noch sehr ange­spannte Geldmarkt wurde peinlich emp­funden, trotzdem war man nicht unfreundlich gestimmt und men sieht in Dörsenkrcisen der Zu­kunft mit einer gewissen Zuversicht entgegen und erhofft, wenn auch nur eine provisorische, doch befriedigende Lösung der Reparationsfrage.