Donnerstag, 3. Oktober 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 232 Zweites Blatt
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koo- iliiiiL lsang. n den beten.
der Erhaltung. Erziehung und sanitären Hebung der Eingeborenen unter allgemeiner Billigung der deutschen Oesfentlichkeit weiter verfechten. Damit kehrte Deutschland sofort wieder zu jener Politik zurück, die Wihmann schon in den 80er Jahren vertreten und Leutwein seit 1894 in die Tat umgeseht hatte. Der letztere hatte in Deutschland gerade zur Zeit Kitcheners die größte Anerkennung gefunden. Während also das alte Kolonialvolk der Engländer den uns heute als haarsträubend anmutenden Grausamkeiten eines Kitchener vollen Beifall zollte, sah das junge Kolonialvolk der Deutschen nur in einer Politik der Gerechtigkeit und Milde sein Heil. Diese Tatsache sollten olle Kolonialfreunde wieder und wieder ins Treffen führen.
Das kann freilich nur dann etwas helfen, wenn die große deutsche Presse aller Richtungen endlich deutsche Erinnerungstage wie die südwestafrikanischen, deren falsche Auswertung dem Reiche zum Schaden gereichen muh, in den Begriff der Aktualität hineinzieht. Sie befiht die besten Mitarbeiter. So konnte man in diesen Tagen in der großen Presse wahrhaft erleuchtete Artikel über Palästina lesen. Wann werden wir endlich erleuchtete Artikel über unsere Kolonien lesen, die uns doch wohl noch etwas wichtiger sind?
der Pharmakologie und Pharmakognosie an der deutschen Universität in Prag ist als Nachfolger des verstorbenen Professors Wiechowski der a. o. Professor Dr. med. Emil Starken st ein ebenda ernannt worden. Dr. Starkenstein, der bereits mit der Vertretung des pharmakologisch-pharmakognostischen Lehrstuhls an der Prager Hochschule betraut war, ist durch seine zahlreichen Veröffentlichungen über physiologisch-chemische und pharmakologische Themen, besonders über anorganische Arzneistoffe (Kalk, Eisen) sowie durch erfolgreiche Präparate, durch das schmerzstillende Mittel Veramon und das Seekrankheitsmittel Vasano bekannt geworden.
Gießener Gtabttheater.
Franz von Supps: „Boccaccio".
Die dreiaktige Operette (eigentlich komische Oper) vom alten Suppe — Libretto von Zell und Genee — aus dem Jahre 1879 hat sich seit langem als unverwüstlich erwiesen; jedesmal, wenn man sie wieder hört, ist man aufs neue davon überzeugt, daß sie viele zeitgenössische Operetten und Spielopern überdauern und noch ein dankbares Repertoirestück sein wird, wenn jene längst vergessen sind.
lind es ist, wenn nicht der nächste, so doch auch nicht der schlechteste Weg, der viel beredeten Operettenkrise zu begegnen, wenn man dergestalt auf die guten alten Stücke -rückgreift. (Auf die guten; es gab auch früher welche, die heute nicht mehr genießbar sind und in die Mottenkiste gehören.)
Der immer wieder zu beobachtende Erfolg des Werkes ist begründet in der einfallsreichen und liebenswürdigen Melodik Suppes und in der dezenten und von harmlosem Humor getragenen Art, den immerhin nicht ganz unverfänglichen Stoff der italienischen Renaissance anzufasfen und vorzutragen.
Das Ganze wirkt wie eine lustige, in Musik aufgelöste Illustration zum „Decamerone", zu einer geschickten Auswahl und Zusammenstellung von Motiven aus der berühmten klassischen Ro- vellensammlung; und auch wie ein zu neuem Leben erwecktes, galantes Abenteuer des jungen Giovanni, welcher bald offen, bald in allerlei Vermummung wie weiland Harun al Raschid durch die Straßen von Florenz wandert und dort sich Stoff und vielfältige Anregung holt für seine frechen Geschichten und auch selber dabei nicht zu kurz kommt.
3n der gestrigen Aufführung stellte sich der neue Operettendirektor Hans Baars mit eigenem Ensemble vor und hinterließ einen gediegenen Eindruck; Baars hatte selbst inszeniert: er spielt das alte Stück nicht aufs Opemhafte hin, sondern etwa im Stil der modernen Operette, mit populären Akzenten, erfreulich lebhaft im Tempo, bei fließendem Ensemblespiel und einer soliden Ausstattung, die der „Boccaccio" immer haben muß.
Die Regie wurde durch die saubere und disziplinierte Stabführung von Kapellmeister Max
Es sind nur 50 Kilogramm Kampfer jährlich oder 14 Gramm täglich, die in den Magazinen jenes großen Gebäudes verdampfen, das, jedem Besucher von Potsdam wohlbekannt, den Brauhausberg in nächster Rähe des Bahnhofs und damit das Bild dieser Stadt beherrscht. Lind doch riecht es ganz atembeklemmend in diesen Kammern, die, entsprechend den feuerpolizeilichen Vorschriften, im Staatsarchiv der Aufbewahrung von etwa 1400 bis 1500 historisch wichtigen Filmen dienen. Die Muse der Geschichte hält bedeutsame historische Tatsachen jetzt nicht mehr mit dem Griffel allein fest; sie bedient sich der Schreibmaschine und auch des Kurbelkastens. Wie Oberregierungsrat Ruppert, der Leiter des Filmarchivs, dem Besucher mitteilt, wird hier ein neues Verfahren zur Aufbewahrung der Filme ausprobiert, auf dessen Ausgang die ganze Filmindustrie gespannt ist. Man hält die Filme nicht mehr in den bekannten Blechdosen gefangen, sondern gibt ihnen durch lose Lagerung in Pappschachteln Gelegenheit zum Atmen. Das Zelluloid würde allmählich den ganzen Kampfer durch Verdampfen verlieren; darum gibt man in jede Schachtel eins kleine Menge Kampferkristalle hinein, die die Luft mit ihren Gasen füllen und so nach den Gesehen der Physik und Chemie die Selbstverdampfung der Filme eindämmen. Freilich ist dieses Lager noch immer sehr feuergefährlich.
Das Filmarchiv Hut sich aus den ursprünglichen Beständen des militärischen Bild- und Filmarchivs, einer Dienststelle des Auswärtigen Amtes und des Stellvertretenden Generalstabs, entwickelt, die während des Krieges geschaffen wurde, mit dem Zweck, Aufnahmen an der Front und in den besetzten Gebieten vorzunehmen. Zu diesem Zweck wurden bei den Feldheeren eigene Filmtrupps auf gestellt, die unter Lebensgefahr bei Kämpfen Aufnahmen in der vordersten Front machen mußten. Dabei kamen mehrere Operateure ums Leben. Einer der Operateure war der bekannte Stahlhelmführer S e l d t e , der die Kemmelschlacht im Bild festhielt und dabei seinen Arm verlor. Auch während der Sommeschlacht, der Flandemoffensive und der großen Kämpfe 1918 wurden Aufnahmen gemacht. Die wenigen Aufnahmen von Seeschlachten sind aber auf unerklärliche Weise ver-
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eigenen Brutalitäten so vollständig, daß es den Völkern Europas als das „edle Albion" erscheinen konnte. Das will und wird es auch heute wieder, woraus sich logisch ergibt, daß England am kolonialwürdigsten und berufen ist, die den Deutschen geraubten Kolonien nach wie vor zu behalten. Die hierin liegende Gefahr wird verstärkt durch die vielen 25jähngen Erinnerungstage der deutschen Kolonialgeschichte in diesem und in dem nächsten Jahre, die im Ausland vielmehr beachtet werden, als. in Deutschland, und leider leicht in für Deutschland ungünstigem Sinne umgedeutet werden können.
Gewiß die erste Erregung über die Erhebung Witbohs, die das deutsche Volk als Verrat empfinden mutzte, ließ diejenigen in den Vordergrund treten, die im eigenen Interesse die Entrechtung der Eingeborenen predigten, um ihr Land in Besitz nehmen zu können. Aber gerade in jener Zeit bewies das deutsche Volk das in ihm wohnende Gerechtigkeitsgefühl. Obwohl der Krieg noch lange dauerte und immer neue Opfer erforderte, verstand das deutsche Volk bald die Lage des um seine vermeintliche Existenz kämpfenden tapferen Gegners zu würdigen. Roch ehe der Krieg zu Ende war, konnte der inzwischen verabschiedete Gouverneur Leutwein seine unter dem (Kamen „System Leutwein" bekannte Politik
Wenn du bei Tische stehst, um dein Gebet zu verrichten, so gaffe nicht umher, suche nicht inzwischen mit den Händen unbemerkt etwas von den Speisen zu erhaschen, um es in den Mund zu stopfen. ,
Den Teller rücke beim Essen dicht vor dich hm, damit du den Mund über dem Teller habest, ober lege dein Gesicht nicht über den Teller! Sperre auch das Maul nicht allzusehr auf, das ist nicht schicklich!
Wenn du einen Bissen in den Mund steckst, so lege zuvor das Messer nieder, gebrauche bloß die Gabel mit der rechten Hand, das geht leichter. Fahre nicht unnütz auf dem Teller herum, strecke den Stiel der Gabel nicht in die Höhe.
Bleibe vor deinem Platz bei der Schüfsel und fische nicht nach dem größten Stück, halte den Mund nicht in die Schüssel, damit dir aus ihm nichts herausfalle.
Iß nicht zu gierig, auch nicht zu langsam, auch nicht za viel!
Versuche durch Blasen, ob die Suppe nicht zu heiß ist, damit du dir nicht den Mund verbrennst und nichts aus ihm wieder herauszunehmen brauchst.
Iß nicht unflätig, lecke nicht die beschmutzte Hand ab, sondern wasche dir lieber die Hände, wische sie nicht an den Kleidern ab. Sei zufrieden mit dem, was du vorgesetzt erhältst, fordere nicht zu viel, sondern nur das, was du nötig hast.
Findest du ein Haar oder sonst was Ekelhaftes, tue es unbemerkt zur Seite.
Vergiß nicht, Brot zum Fleisch zu nehmen, iß nicht mehr Fleisch als Brot, lecke nicht die Butter oder den Muß vom Brote ab, das sieht grob aus.
Rolle die Zunge nicht im Minide herum, strecke sie auch nicht aus, lecke nicht an den Lippen, schmatze nicht wie ein Ferkel, schnaube nicht wie ein Pferd!
Knochen schmeiße, wenn sie abgenagt sind, nicht auf den Tisch, lege sie auf das Tischtuch dicht bei deinem Teller!
Brot beiße nicht mit den Zähnen ab, sondern schneide es mit dem Messer herunter, schneide nicht bloß die Rinde, sondern iß auch die Krumen!
Putze das Licht, ohne Gestnnk zu machen!
Trinke nicht zu viel auf einmal, daß du nicht aufstöhest oder um dich sprudelst und stochere auch nicht mit den Rägeln in den Zähnen!
A. L, St
mente aufbewahrt werden. Es dient als Illu - st rationsmaterial für Werte historischen und kulturhistorischen Inhalts, es hält auch das Aussehen historischer Persönlichkeiten für die Rachwelt fest.
Aber auch noch eine andere Einrichtung, die dem Weltkrieg ihre Entstehung verdankt, wird künftigen Geschichtsforschern und Ethnologen ihre Aufgabe sehr erleichtern. Es ist dies das bekannte L a u t a r ch i v des Professors Wilhelm D o e g e n*), das jetzt im Gebäude der Preußischen Staatsbibliothek ein bescheidenes Heim gefunden hat. Der trotz seinem weißen Haar noch sehr jugendliche Gelehrte erkannte als Gymnasiallehrer für die englische Sprache schon früh die Bedeutung des Grammophons für die Phonetik und den Sprachunterricht und widmete sich diesem Gebiet mit großem Eifer. Aber erst der Weltkrieg erschloß ihm hier ein großes Arbeitsfeld. Während des Weltkriegs wurde er auf feine Initiative hin beauftragt, mit einer vom preußischen Kultusministerium eingesetzten wissenschaftlichen Kommission die Gefangenenlager zu besuchen und alle dort vertretenen Sprachen aus der Wachsplatte sestzuhalten. Cs wurden dabei alle erreichbaren Dialekte ausgenommen, die gesprochenen Texte und Lieder von den Sprechern und Sängern niedergeschrieben und von Spezialgelehrten in phonetischer Um* schrist dargestellt. Die Versuchspersonen wurden auch photographiert, 4a sogar Röntgenaufnahmen von den stimmbildenden Organen angefertigt und Personalbogen über sie angelegt. Die bei dieser Arbeit gewonnenen Erfahrungen legte Doegen auch in einem Werk über „Kriegsgefangene Völker" nieder. In dieser Gruppe der Aufnahmen finden sich solche von schottischen Dudelsackpfeifern, die ein altes Kriegslied spielen, ein Sikh erzählt eine Fabel in seiner Sprache, ein Muezzin ruft das Abendgebet der Mohammedaner, ein Russenchor mit seinem Vorsänger singt ein Abendlied mit Glockenmotiv, ein Kanadier spricht die Parabel vom verlorenen Sohn. Man kann die klagenden Stimmen orientalischer Völker, Gebete der Brahminen, Lieder der Llpa- nishaden, der tibetanischen Lamas, Sprüche aus dem Koran und Musik aus dem Kaukasus hören. Englisch ist allein in 32 Dialekten vertreten, alle französischen und italienischen Mundarten sind vorhanden; 87 verschiedene Regerrassen wurden so sprachlich verewigt. Die vokalreichste Sprache in Afrika haben die Madagassen, die mit einem Abschiedschor vertreten sind, Kongoleute wieder durch ein Arbeitslied. Interessant ist die Wiedergabe des Jiddischen. Die Sänger sprechen noch genau so, wie die Zeitgenossen der Verfasser des Ribelungenliedes. Die Armenier bedienen sich beim Gesang der Viertcl- und Achteltöne, die in der modernen Musik eine große Rolle spielen. Natürlich sind auch deutsche Dialekte in sehr großer Zahl vertreten.
Reben diesen Aufnahmen von ethnologischer Bedeutung wurden viele solche von berühmten Persönlichkeiten gemacht. Professor Doegen ist immer bemüht, die Stimmen berühmter Männer, die durch Berlin kommen, fest- zuhaltcn. Auch viele hier Ansässige haben schon in Vorkriegszeiten für ihn gesprochen. Er schuf so in Verbindung und mit materieller Unter- stühung von Prof. Darmstaedter die Stimmen- fammlung führender Persönlichkeiten. Man findet hier eine bedeutsame Rede Wilhelms H., seine Ansprache an das Volk bei Kriegsausbruch, Reichspräsident Ebert in seinem Treuegelöbnis, Scheidemann in seinen Reichstagsreden, Rabindranath T a g o r e , der in englischer Sprache, und Sanskrit aus eigenen Werken rezitiert. Eine der interessantesten Aufnahmen aus der letzten Zeit ist die. von Mussolini. Schließlich sind auch noch Aufnahmen von Tierstimmen zu erwähnen.
Heute umfaßt die Sammlung etwa 5000 Kupfermatrizen, .die, in Stahlkästen aufbewahrt, eine
*) Zahlreiche Leser dürften sich des ungemein interessanten Cxperimentalvortrages erinnern, den Prof. Doegen vor längerer Zeit in Gießen gehalten hat. D. Red.
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Klio mit Kurbrlkaslen und Grammophon
Llnsere Kinder werden es in der Geschichtsstunde leichter haben!
Von Ludwig Naurath.
Oer „gute Ton" von 1712.
Unsere Kultur steckte bis vor nicht allzulanger Zeit in den Kinderschuhen und heutzutage, wo kultiviertes und manierliches Essen Lei allen Ständen des deutschen Volkes zur Selbstverständlichkeit wurde, ist es nicht ganz leicht faßlich, vor wie verhältnismäßig kurzer Zeit dies noch nicht der Fall war. Man aß in der Tat noch bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts Hinern ziemlich primitiv, wie man denn auch auf die denkbar einfachste Art, ja geradezu ärmlich wohnte, sich kleidete, kurz seinen ganzen Lebenszuschnitt einrichtete. Dies ist auch zu verstehen, wenn man sich die primitiven Häuser, die elenden Beleuchtungs- und Deheizungsvorrichtungen. die schlecht gepflasterten Straßen, die Rachtwächterbewachung der einzelnen Ortschaften, die Unmöglichkeit, im Winter spazieren zugehen, vorstellt, wundert man sich nicht, daß die damaligen Dichter um so begeisterter den Frühling besangen, je eher er es den Menschen nach langer Gefangenschaft wieder ermöglichte, das primitive Wohnhaus zu verlassen. __
Rach diesem kurzen Ucberblid werden die Ehregeln, die sich in einem im Jahre 1772 in Hamburg und Leipzig beim Verleger Hechtei erschienenen Merkbüchlein für die Jugend, das fich „Wie werde ich liebenswerth" nennt und einen Herrn „ Commercienrath" namens David Christian zum Verfasser hat, befinden, leichter verstanden werden können.
Cs heißt da unter anderem:
Kämme dich vor dem Essen. Wenn du etwas Unreines ißt, so wasche dich nachher.
Lerne es, Messer, Gabel, Löffel und Mundtuch ordentlich in der Tasche unterzubringen, ohne daß du mit Messer und Gabel Schaden anrichtest.
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Stadftheater
Der 3. Oktober 1904.
Von Dr. Paul Leutwein.
Am 3. Oktober 1904 erklärte der fast achtzigjährige Hendrik Witboy der deutschen Regierung den Krieg. Damit erst gelangte der große Eingeborenenaufstand in Südwest zu seiner vollen Entfaltung, denn der Kriegserklärung Hendrik Witboys schloffen sich fast alle Hotten- tottenstämme an. Zwei Jahre heißer Kämpfe folgten, bis endlich der Frieden von Kalkfontein dem Ringen zwischen Eingeborenen und Weihen in Südwestafrika ein Ziel setzte.
Die Erhebung Witboys untergrub das Ansehen des Gouverneurs L e u t w e i n vollständig. 10 Jahre lang hatte der Kapitän Witboy nach seiner Riederwerfung in der Raukluft dem Gouverneur die Treue gehalten. Auf allen Kriegszügen des Gouverneurs hatte er ihm getreulich Waffenhilfe und außerdem als Mittler zwischen Farbig und Weiß die besten Sienjte geleistet. Das Band zwischen diesen beiden Mannern schien unzerreißbar. So hatte es dem Gou- vorneur Leutwein selbst geschienen. Wohl hatte er die drohenden Vorzeichen beachtet. Er hatte immer wieder seinen Beamten und der weißen Bevölkerung des Ramalandes Vorsicht im Verkehr mit den Hottentotten eingeschärst. Als nach dem Kampf am Waterberg im August 20 Krieger der von Witboy gestellten Hilfstruppe fahnenflüchtig geworden waren, hatte er sich trotz eines beruhigenden Heliogramms des Kapitäns entschlossen, Witboy selbst einen Besuch abzu- ftatten. Aber die Ereignisse waren nicht mehr aufzuhalten. .
Der Gouverneur konnte bei allem Verständnis seiner Beamten und der deutschen Bevölkerung des Ramalandes nicht hindern, daß die im Süden der Kolonie lebenden Kapengländer dauernd unter Hinweis auf das Schicksal der Hereros, zum Kriege hetzten. Er konnte auch nicht hindern, daß die durch den Hererokrieg notwendig gewordene ständige Verstärkung der deutscl)en Truppen die Hottentotten mißtrauisch machten. Am allerwenigsten konnte er aber verhindern, daß durch die Ernennung des neuen Oberbefehlshabers v. Trotha die Hottentotten zu der Erkenntnis kommen mußten, daß ihr alter Gouverneur, mit dem sie ihre Verträge geschlossen hatten, gar nicht mehr Herr im eigenen Hause war, und seine Tage gezählt seien.
Ich will an diesem Orte nicht auf die Frage eingehen, ob der Gouverneur lediglich aus Optimismus auf seinem Posten blieb. Sicher ist nur, daß mit dem Verbleiben des Gouverneurs eine leise Hoffnung auf Erhaltung des Friedens blieb, während sein Rücktritt bestimmt den Krieg bedeutete. Wäre z. B. der Gouverneur nach Llebernahme des Kommandos der Truppen durch Trotha im Juli 1904 zurückgetreten, so hätten wir den Hottentottenkrieg drei Monate früher unter für die Deutschen wesentlich ungünstigeren Verhältnissen gehabt.
Es kommt mir hier indessen darauf an, zu zeigen, wieweit die milde Eingeborenenpolitik des Gouverneurs Leutwein durch die ganz Deutschland in Erregung versetzenden Ereignisse in Südwest ausgeschaltet wurde oder nicht. Das ist m. E. gerade jetzt aktuell, nachdem die neue englische Arbeiterregierung mit einem versöhnlichen Kolonialprogramm auf allen Gebieten ausgetreten ist. Daß dieses Programm nicht parteipolitischen Charakters ist, ist leicht zu ersehen. Es würde sonst nicht die Zustimmung der Konservativen sinden, die mit Rücksicht auf ihre Vergangenheit ein solches Programm nicht hätten auf stellen können. Aber England hat wieder.einmal rechtzeitig erkannt, daß die Zeiten brutaler politischer Maßnahmen fürs erste vorüber sind, und zieht nun die Folgerungen. England wiederholt damit ein altes Spiel. Rach dem Sturze Napoleons und später wieder nach dem Krimkrieg, wandte es sich rechtzeitig von seinen bisherigen Hauptverbündeten «ab, übernahm die Führung einer Politik der Versöhnung und Gerechtigkeit und verwischte die Spuren seiner
lorengegangen. Dagegen sind solche von Minensuchers lotillen erhalten. Auch im Hinterland wurden kriegswichtige Betriebe photographiert. Die Tätigkeit der Frauen an der Drehbank, am Stand des Straßenbahnschaffners und in anderen männlichen Berufen, selbst das Leben und Treiben in der Etappe wurde aus Filmen festgehalten. Dies war der ursprüngliche Grundstock der Sammlung. Dieser wurde 1920 dem Reichsarchiv überwiesen mit der Aufgabe, dieses Material durch sorgfältige Pflege der Nachwelt aufzubewahren. Diele Filme müssen umkopiert werden, da namentlich die in Kriegszeiten aus minderwertigem Material hergestellten Filme allmählich bei der Lagerung unbrauchbar werden.
In der Zeit nach dem Krieg beschäftigte sich das Archiv mit der Sammlung historisch wichtiger Begebenheiten. Die Filme, die solche dar- stellen, werden nicht in eigener Regie hergestellt, sondern von den großen Filmgesellschaften angekauft, die dem Archiv sehr entgegenkommen, indem sie nur die Selbstkosten dafür berechnen. So wurden Filme beschafft von berühmten Persönlichkeiten und Ereignissen, von der Nationalversammlung in Weimar, der Beerdigung des ersten Reichspräsidenten Ebert, dem Amtsantritt Hindenburgs, den Ver- fassungsfeiem, der Locarnokonserenz, dem We11- flug des „Graf Zeppelin", dem Stapellauf der „Bremen" und zahlreichen anderen Begebenheiten, die für die politische und kulturelle Geschichte Deutschlands von Wichtigkeit sind. Dagegen werden wichtige Ereignisse im Ausland nur dann ausgenommen, wenn auch Deutsche dazu irgendwie in Beziehung stehen. So wurden feindliche Kriegsfilme auf dem Umweg über Südamerika noch während des Krieges beschafft. Eine der letzten Aufnahmen ist die von der Haager Konferenz. Die Sammlung dieser Filme, die von ganz verschiedener Länge, zwischen ICO und 1800 Meter, sind, geschieht so, daß im Schoß der Reichsfilmprusstelle eine Kommission zeitweilig zusammentritt, um aus der Reihe der zuletzt durchgesehenen Filme die wichtigsten herauszusuchen. Der Wert dieses Archivs und seine Benühungsmöglichkeit entsprechen als wichtige Quelle für historische Forschungen vollkommen dem der anderen Archivabteilungen, wo schriftliche Doku-
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K l ier vorteilhaft unterstützt und ergänzt; der Dirigent verfügte über das gut geschulte Frankfurter Harmonie-Orchester, sowie eine Reihe von Solisten mit gepflegtem und leistungsfähigem Material.
Die traditionelle Hosenrolle des Boccaccio hatte Meta Liebermann: geschickte Maske; routiniertes Spiel; organisch zunächst ein wenig verhalten, dann aber mit schöner Entfaltung und Steigerung; ein Höhepunkt war das sehr hübsche italienische Duett des Schlußaktes mit Anneliese K ü stn e r, die einen sympathischen, schlanken Sopran einzusetzen hat und in ihrer blonden Jugendlichkeit als Fiametta eine ausgezeichnete Figur machte.
Ein wichtiger Träger des Publikumserfolges im „Boccaccio" ist von altersher das komische Terzett biederer Bürger aus der Blüte des slo- rentinischen Handwerks: der Barbier (Willi Hartmann), der Gewürzkrämer (Franz Meli ar), der sich im Schlußakt den üblichen Sonder- applaus holte, und als Faßbinder Emmerich Müller-Marten, von seriöserer Haltung, als man ihn in der Regel sieht, und mit einer frischen Naturstimme begabt.
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Aus der übrigen Besetzung: Gifa Wa Idvw, eine stattliche (Beatrice; Hanni Go l z, Isabella; Marie Wellig-Bertram, die komische Alte Peronella; Hans Schneider (Pietro), der textlich nicht immer ganz sicher war.
Dewegungschöre: Laban-Schule Frankfurt. — Beifall: sehr freundlich und durchaus verdient. — Nur der Besuch ließ wieder zu wünschen übrig. Dr- lh.
Hochschulnachrichten.
Als Nachfolger des Geh. Rats Pros. Jakob Beckenkamp ist der Landesgeologe und Privatdozent an der Technischen Hochschule in München Dr. Adolf Wurm zum etatsmäßigen ordentlichen Professor der Mineralogie und Geologie an der LIniversität Würzburg ernannt worden.
Für das Fach der romanischen fßbilologie habilitierte sich an der M a r b u r g e r Universität Dr. jur. et phil. Erich Auerbach, Bibliotheksrat an der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin. Seine Habilitationsschrift trägt den Titel „Dante als Dichter der irdischen Well". — Zum ordentlichen Professor


