Nr. 206 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Dienstag, 3. September 1929
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Die Illustrierte Gießener Familienblätter
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Von Locarno zum Haag.
Von Friedrich Wilhelm Wulfmeyer.
Don konservativer Seite sind die Haager Verhandlungen bereits als Konferenz der verpaßten Gelegenheiten bezeichnet worden, und es ist sicher viel Wahres in dieser Beurteilung. Denn es ist ja nun einmal leider nicht zu leugnen, daß die deutsche Delegation es versäumt hat, sich die gleiche Freiheit des Handelns zu nehmen wie etwa di^ englische, die sich absolut nicht genierte, den TZoungplan direkt anzugreifen und ihn entsprechend den britischen Interessen umzumodeln. Ebenso steht leider auch fest, daß unsere Unterhändler sich durch das Verhandeln der sogenannten Opfermächte über ihre Köpfe hinweg, gegen das sie keinen Einspruch erhoben, in eine Zwangslage hineinmanövrieren ließen, in der sie schließlich genötigt waren, entweder das Odium für das Scheitern der Konferenz auf sich zu nehmen, oder aber weitgehende finanzielle und politische Zugeständnisse zu machen, um überhaupt den Fortgang der Verhandlungen zu sichern. Dur so ist es ja auch verständlich, daß Henderson, der britische Außenminister, in den letzten Tagen auf die Frage eines deutschen Delegierten, ob man denn auf Seiten der Gläubigermächte so ohne weiteres mit bedingungsloser Zustimmung Deutschland zu dem französisch-englischen Finanz- kompromih — das bekanntlich zum allergrößten Teil auf unsere Kosten geht — gerechnet habe, in ehrlichem Erstaunen über den schwachen Versuch eines deutschen Widerstandes erklären konnte, daß das allerdings der Fall gewesen sei.
Erschwerend kam in der «letzten Konferenzphase noch hinzu, daß Dr. Hilf er ding mit erschreckender Klarheit zu erkennen gegeben hatte, wieviel ihm an dem Inkraftsehen des Boung- Plans um jeden Preis gelegen sei. Die Gläubigermächte, die sich soeben geeinigt hatten, konnten sich also ihr Einverständnis mit dem neuen Reparationsarrangement von Deutschland getrost sehr hoch honorieren lassen, obwohl mindestens Briand das allerstärkste Interesse an einem reibungslosen gesicherten Fortgang der deutschen Tributzahlungen hatte. So sind die Dinge im Haag denn leider genau umgekehrt verlaufen, wie sie hätten verlaufen müssen: Statt daß Deutschland sich seine Zustimmung zu einem verbesserten oder doch mindestens unveränderten Vvungplan durch sehr angemessene politische Konzessionen abtaufen ließ, mußten wir die Räumung mit einer wesentlichen Verschlechterung des Pariser Sachverständigengutachtens bezahlen, wobei gleichzeitig die Saar^age völlig in der Schwebe blieb, obwohl ihr mindestens die gleiche politische Bedeutung zukommt wie die Befreiung der besetzten Gebiete.
Es wäre allerdings irrig, zu glauben, daß schon die Haager Konferenz uns die Möglichkeit geboten hätte, an der Seite und unter dem Schutz Englands den diplomatischen und politischen Kampf gegen Frankreich aufzunehmen. In dieser Hinsicht sind ganz gewiß von der deutschen Delegation keine Gelegenheiten versäumt worden. Auch die loyale Räumungserklärung des englischen Außenministers war nicht einen Augenblick etwa in dem Sinne aufzufassen, daß sie eine Unterstützung der deutschen Politik hätte bedeuten sollen. Die Engländer denken selbstverständlich gar nicht daran, sich aus dem Kielwasser der fraikzösischen Kontinentalpolitik, in dem sie während der Aera Chamberlain segelten, nun an das Schlepptau Deutschlands zu begeben. Sie sind vielmehr ausschließlich darum bemüht, die Freiheit des außenpolitischen Handelns, die Chamberlain weitgehend an Frankreich verloren hatte, zurückzugewinnen. Gerade die britische Arbeiterpartei hat sich — man darf sie in dieser Hinsicht getrost unseren deutschen Sozialisten als vortreffliches Vorbild präsentieren — mit bemerkenswertem Geschick und großer Tatkraft die Parolen einer rein national b e st i m m t e n Interessenpolitik zu eigen gemacht, nachdem sie zur Herrschaft gelangt war. Sie hat sich dabei herzlich wenig durch eine internationale Solidaritätsduselei beirren lassen, wie das die Haltung Snowdens klar beweist, der sich nicht gescheut hat, von einer sozialistisch geführten deutschen Regierung, von einem sozialdemokratischen Reichsfinanzminister eben die Millionen zu nehmen, die ihm in England zu beispielloser Popularität verhalfen haben. Die Regierung Macdonald macht Politik ohne alle Sentimentalitäten, und wenn sie sich Deutschland gegenüber zu der freundlichen Geste bedingungsloser Rheinlandräumung entschloß, so war das eben nichts anderes als ein Mittel mehr, sich von der engen Bindung Chamberlains an den französischen Kurs freizumachen. Hieraus den Schluß ziehen zu wollen, daß England seinen „Degen auf dem Kontinent" zu wechseln, Frankreich gegen Deutschland auszutauschen gedenke, wäre ein schwerer Irrtum. Und es wäre geradezu verhängnisvoll gewesen, wenn die deutsche Delegation im Haag den vielen kluge» Stammtischpolitikern gefolgt wäre und sich während der Konferenzverhandlungen mit schönem, aber falschem Pathos an den Busen Snowdens oder Hendersons geworfen hätte. Bei dem sicheren Instinkt des ganzen britischen Volkes für nationale Haltung und nationale Wurde hatten wir dadurch in England nur Abneigung, in Frankreich aber selbstverständlich ein unbegrenztes Mißtrauen ausgelöst, und beides wäre unseren Interessen ganz gewiß nicht förderlich gewesen.
Zudem ist zu bedenken, daß der englisch-fran- zösische Gegensatz im Haag lediglich aus finanziellen Meinungsverschiedenheiten beruhte und daß die alte Solidarität zwischen beiden Mächten sofort wiederhergestellt war, als man sich auf unsere Kosten geeinigt hatte. Möglich, ja wahrscheinlich, daß bet Haag den Anfang einer
Das Bombenattentat auf den Reichstag.
Die Bombenseuche.
Zum zehntenmal innerhalb weniger Wochen ist auf deutschem Boden ein Dombenattentat erfolgt, das sich diesmal gegen, das Reichstags- gebäude richtete. Aus Hannover, Schleswig- Holstein, Oldenburg hat die Seuche jetzt nach Berlin herübergegrifsen und dadurch einen ganz anderen Charakter angenommen. Konnte man sich zunächst diese Attentate mit Höllenmaschinen als den Ausfluß einer lokalen Erregung vielleicht noch erklären, so ist die Tatsache eines Angriffs auf den Reichstag wohl der stärkste Beweis dafür, daß hier nach einem vorbe stimmten Plan von geheimen Kräften zielbewußt gearbeitet wird. Wieder das Eigenartige, daß mit bewußter Schonung von Menschenleben vorgegangen wurde. Der Schauplatz im Reichstag war so ausgesucht, daß normaler Weife Personen nicht verletzt werden konnten. Die Sprengmasse wieder war so gering, daß sie den Mauern des Reichstags nicht gefährlich werden konnte, das ganze also lediglich eine Demonstration, eine Propaganda, die als Warnungssignal gedacht ist, die aber in gan- anderer Richtung wirken mühte, als die Urheber sich das vorstellen.
Von rechts her ist bei den früheren Attentaten der Verdacht geäußert worden, daß sie künstlich gestellt seien; wofür sich anführen ließ, daß es wiederholt rechtzeitig gelang, die Höllenmaschinen vor der Explosion unschädlich zu machen. Und seit die Berliner Polizei es fertig bekommen hat, ein Bild der Organisation der „Feme" künstlich zu stellen, ist ja auch immerhin begreiflich, daß ein solcher Verdacht entstehen konnte. Von links her wieder ist man felsenfest davon überzeugt, daß die ganzen Terrorakte nur von rechts kommen können, wofür als Verdacht auch angeführt wurde, daß unmittelbar neben der Attentatsstelle an einem Laternenpfahl eine rechtsradikale Beitragsmarke gefunden wurde.
Das ist natürlich kein Beweismoment, wenn man will, sogar eher das Gegenteil. So töricht würden die faszlstischen Elemente Wohl kaum sein, ihre Visitenkarte unmittelbar neben die Bombe zu legen. Man könnte mit demselben Recht darauf schließen, wenn man diese Beitragsmarke überhaupt mit dem Fall in Zusammenhang bringen will, daß die Täter auf der äußersten Linken zu suchen wären, die gerade durch solch ein handgreifliches Zeugnis sich ein Alibi schaffen möchte. Cs wird Aufgabe der Polizei sein, jetzt möglichst schleunigst die Zusammenhänge zu klären und auf die Zelle durch- zustoßen, von der aus die Attentate organisiert werden.
Denn man sollte sich doch darüber klar sein, daß ein Geheimbund, wie er hier an der Arbeit ist, in seinem Wesen und in seinem Wirken gemeingefährlich ist, ganz gleichgültig, ob er von rechts oder von links her aufgezogen wird. Eine solche Verhöhnung der Staatsautorität, wie sie in einer Uebcrijäufung derartiger Bombenattentate liegt, fordert zur schärfsten Gegenwehr heraus. Der Staat muh sich sagen, daß es um seine eigene Existenz geht, wenn es ihm nicht gelingt, rechtzeitig den Fieberherd zu entdecken und unschädlich zu machen. Richt etwa des Terrors wegen, der dadurch ausgeübt wird, fon# dern wegen der unvermeidlichen Vergiftung der öffentlichen Meinung und des Argwohns aller gegen alle. Das politische Gleichgewicht ist auch heute noch recht mühsam ausbalanciert. Die Erhitzung und Verhetzung der politischen Leidenschaften schafft immer neuen Zünd
stoff, der auch durch solche Höllenmaschinen sehr leicht zur Explosion gebracht werden kann. Da hat der Staat die Pflicht der Rotwehr, die Pflicht der Einsetzung aller Machtmittel.
ilnb darin sollten alle vernünftigen Parteien ihn unterstützen. Der politische Kampf, der mit Dynamit geführt wird, ist der Anfang vom Ende, die Propaganda der Tat hat, wie ihre lange Leidensgeschichte von der berühmten eng- lischen Pulververschwörung aus dem Jahre 1605 über den Nihilismus bis in die jüngste Gegenwart zeigt, noch niemals etwas Gutes geschaffen. Sie ist doppelt bedenklich, wenn sie skrupellos in eine ohnehin schon überhitzte Atmosphäre hineinschlägl. Dagegen kann es nur eine Einheitsfront aller derjenigen geben, die nicht in der Gewalt, sondern in der geistigen Idee die Entwicklung sehen. Auch Parteien, die sonst grundsätzlich in der Opposition stehen, sollten sich darüber klar werden, daß es ums Ganze geht, denn wichtiger als die Staatsform ist doch der Staat, und diesen Staat wollen wir uns erhalten gegen jene unsichtbaren Kräfte, die nur mit Höllenmaschinen zu arbeiten verstehen.
Oie Untersuchung.
Gleichartigkeit des Anschlags mit den norddeutschen Attentaten.
Berlin, 2. Sept. (WB.) 3m preußischen Ministerium des 3nnern ist man zu der Ansicht gelangt, daß die Täter mit dem Anschlag die Absicht verfolgten, eine politische Demonstration zu veranstalten, nicht jedoch dem Parlamentsge- bäude einen ernstlichen Schaden zuzufügen. Die Bombe war nämlich so konstruiert, daß ihre Wirkung in erster Linie in die höhe gehen muhte, wie
dies tatsächlich geschehen ist, so daß der Druck der Gase nur einige Fensterscheiben zertrümmerte. Rach dem Gang der Untersuchung wird angenommen, daß mehrere Personen bei dem Attentat mitwirkten, daß eine von ihnen in der Rächt von Samstag auf Sonntag zwischen 1 und 3 Uhr i n den Lichtschacht st i e g, um den Platz für die Tat zu erkunden, während aus der gegenüberliegenden Straßenseite die heiser mit der Höllenmaschine warteten. Die in der Umgebung des Tatortes gefundenen S p r e n g st ü ck e der Höllenmaschine wurden in der Chemisch-technischen Reichsanstalt genau untersucht. Die Einzelergebnisse dieser Untersuchung werden bis auf weiteres geheimgehalten, immerhin hat die Prüfung der beiden Höllenmaschinen in Lüneburg und im Reichstag ergeben, daß die Konstruktion beider überraschend gleichartig ist. Die Reste der Maschinen, kleine Rädchen, Blechteile, Taschenlampenbalterlen usw., sind photographiert worden. Diese Ausnahmen sollen der Presse zur Verfügung gestellt und auch im Polizeipräsidium ausgehängt werden.
Auch in Hamburg besteht bei den zuständigen Stellen, denen die Ermittelung der letzten Spreng- stofsanschläge in Lüneburg und Schleswig obliegt, kaum ein Zweifel, daß es sich bei dem Anschlag auf das Reichstagsgebäude um die gleichen Täter handelt, die auch ihre Höllenmaschine nach genau demselben Rezept angefertigt haben. Es ist festgestellt, daß die Täter an der Wasserkante über schnellsahrende Automobile verfügen und so in der Lage sind, überraschend an den verschiedensten Orten aufzutauchen. Der verdacht hat sich bereits auf bestimmte
Der Aufstand in Palästina.
Forderungen der Araber.
London, 2. Sept. (WTD.) Der Emir El Hussein, Groß-Mufti und Präsident des obersten mohammedanischen Rates, erklärte dem Korrespondenten des „Daily Expreß": Wir stehen augenblicklich einem ernsten nationalen Aufstand gegenüber, in dem wir die Sympathie und Unterstützung nicht nur der mohammedanischen Araber Syriens, Aegyptens und Rordafrikas haben, sondern ganz Arabiens mit seinen 60 Millionen Menschen. Es wird Friede in der unmittelbaren Zukunft herrschen, soweit wir ihn aufrechterhalten können. Wir werden uns den britischen Bajonetten nicht widersehen, was aber Großbritannien verstehen muß, ist, daß die ernsten Ereignisse in Palästina in Wirklichkeit wenig mit der Klagemauer zu tun haben. Sie gehen bis auf die Balfour-Erklärung vom Jahre 1917 zurück. Der Emir fuhr fort: „Ihr könnt die augenblicklichen Unruhen unterdrücken und durch' die Macht der britischen Waffen die Ruhe f ü r den Augenblick wiederherstellen, aber endgültiger Friede in Palästina und Arabien wird niemals mehr hergestellt werden, solange Großbritannien weiterhin die Politik der Balfour-Deklaration verfolgt. Ganz Arabien ist in großer Aufregung."
Der arabische Vollzugsausschuß erklärt, Verstümmelungen seien an jüdischen Opfern selbst in Hebron nicht festzustellen. Jüdische Horden hätten dagegen einzelne arabische Frauen und Kinder
getötet und sogar britische Truppen hätten Araber in ihren Hütten erschossen. Die Unruhen in Palästina seien die Folge der britischen zionistischen Politik, die darauf hinziele, die arabische Ration in ihrem Lande zugunsten einen Wiederbelebung der nicht vorhandenen jüdischen RaNon zu vernichten. Zum Schlüsse wird eine unparteiische Untersuchung von Außen stehenden, deren Gerechtigkeitsgefühl nicht durch zionistischen Einfluß beeinträchtigt ist, gefordert.
Eine Protestkundgebung der Londoner Juden.
London, 2. Sept. (WB.) Tausende von Juden aus allen Teilen Londons nahmen an einer vom englischen Zionistenbund in der Albert Hall veranstalteten P r otestkundgebung gegen die Judenverfolgungen in Palästina teil. Es wurde eine Entschließung angenommen, die der Empörung über die kürzlichen Ereignisse in Palästina und der Hoffnung Ausdruck verleiht, daß die von der britischen Regierung getroffenen Maßnahmen bald dazu führen werden, der Vernichtung von Leben und Eigentum in Palästina ein Ende zu machen. Außerdem wird eine unverzügliche und direkte Regelung der Frage gefordert, ob die Juden berechtigt sind, an der Klagemauer ihre Gebete zu verrichten. In der Entschließung heißt es weiter: Die Juden werden, ohne sich durch die Angriffe einschüchtern zu lassen, mit dem Aufbau der jüdisch-nationalen Heimat fortfahren«
grundsätzlichen Neuorientierung Englands offenbart hat. Diese Vorgänge stehen selbstverständlich durchaus im Zusammenhang mit der britisch-amerikanischen Annäherung, durch die vielleicht neue Kräftegruppierungen und neue Machtkonstellationen geschaffen werden. Auch die Haltung, die Macdonald in der Abrüstungsfrage während der Genfer Döl- kerbundsarbeiten einnimmt, wird hierfür bedeutungsvoll sein. Und so gesehen kann auf lange Sicht der von Snowden mit so großartiger Rücksichtslosigkeit vertretene neue außenpolitische Kurs Englands für uns vielleicht einmal zum stärksten Aktivposten dieser Haager Konferenz werden, wenn unsere eigene Außenpolitik dies Faktum als Anlaß zu vorsichtiger Neuorientierung bewertet. In den letzten Jahren seit Locarno ließen wir uns außenpolitisch wesentlich von der Auffassung bestimmen, daß ein freundnachbarliches Verhältnis zwischen Frankreich und England auch für uns als dem dritten großen Lo- carnokontrahenten letzten Endes das beste sei. Wir haben aber allzusehr übersehen, daß dadurch die Rolle Englands als Garant des L o c a r n o a bk o m m e n s verfälscht wurde. Tatsächlich war Chamberlain in den letzten drei Jahren ja nicht mehr der ehrliche Makler und Mittler zwischen Frankreich und uns, sondern er hat sich gerade in den für uns so wichtigen Fragen von Saar, Pfalz und Rhein durchaus an die Kandare Frankreichs nehmen lassen. Es unterliegt also gar feinem Zweifel, daß das heutige England, dessen europäische Politik sich von der Frankreichs unabhängig zu machen sucht, 5 um Locarno-Schiedsrichter zwischen Deutschland und Fraickreich weit besser geeignet sein kann als das England Chamberlains. Ob es einmal hierzu kommt, das hängt nicht nur von der Weiterführung der jetzigen
englischen Außenpolitik, sondern mindestens in gleichem Maße von Deutschland selbst ab, das erst den Nachweis führen muß, daß es im Rahmen der europäischen Konstellationen einen eigenen politischen Wert besitzt. Steht man den Verlaus der Haager Konferenz unter diesem Gesichtswinkel, dann wird man zwar davon noch immer herzlich wenig erbaut sein können. Es zeichnen sich aber doch wenigstens hierbei gewisse Möglichkeiten ab, die es zu nutzen gilt.
Nie zehnte Vötkerbundsversammlung.
Die Eröffnungssitzung in Genf.
Genf, 2. Sept. (WTB.) Vor vollem Haufe und dicht besetzten Tribünen wurde die 10. Völkerbundsversammlung vom amtierenden Ratspräsidenten Forughi Khan feierlich eröffnet. Der stattlichen Versammlung gehören diesmal nicht weniger als 24 Außenminister und 5 Ministerpräsidenten an, darunter Briand und Macdonald, welch letzterer bei der Begrüßung unter den Delegierten Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit war. Durch ihre Außenminister vertreten sind u. a.: Deutschland, England, Frankreich, Belgien, Polen, Griechenland, die Staaten der Kleinen Entente, ferner Holland, Finnland, Schweden, die Schweiz, Ungarn und Bulgarien. Don Interesse ist auch das erstmalige Erscheinen eines Vertreters einer deutschen Minderheit in der Völkerbundsversammlung. Es handelt sich um Dr. Schiemann, der als stellvertretender Dele- Igierter der lettischen Delegation angehört.
In seiner Eröffnungsansprache behandelt der Präsident besonders die neuen Fort
schritte in der Organisierung des Friedens. Sei auch nicht aller Anlaß zur Beunruhigung verschwunden, so dürfe man doch in wachsendem Maße die Hoffnung haben, daß die unablässigen Bemühungen für das internationale Einvernehmen ihre Früchte tragen. Mit dem Inkrafttreten des Kriegsäch tungspaktes, um dessen Idee der Völkerbund in den zehn Jahren seines Bestehens in konstruktiver Weise gerungen habe, sei nunmehr der wichtige Grundsatz, die Gewalt aus jeden Fall aus den Beziehungen der Völker verschwinden und an ihre Stelle die souveräne Macht der Gerechtigkeit treten zu lassen, in ehernen Buchstaben über das internationale Recht eingeschrieben worden. Die Folgen dieser Tatsache würden auf allen Gebieten der Tätigkeit des Völkerbundes spürbar werden. Der Redner begrüßte sodann die Delegationen von Bolivien, Honduras und Peru, die nach langjährigem Fernbleiben wieder an der Völkerbundsvers ammlung tätigen Anteil nehmen, und sprach sich über die Möglichkeit eines baldigen Beitritts Aegyptens besonders erfreut aus. Die Vorarbeiten für die Lösung des Abrüstungsproblems hätten in der letzten Zeit eine sehr wertvolle Förderung erfahren, und man habe heute die Gewißheit, daß in den meist interessierten Ländern mit aufrichtigem Bemühen an der Erzielung einer Verständigung gearbeitet werde, die die Herabsetzung der Rüstungen zur See ermöglicht und damit auch für den Völkerbund neue Möglichkeiten zur allgemeinen Losung des Abrüstungsproblems eröffne. — Zum Präsiden- ten der 10. Völkerbundsversammlung wurde der langjährige Völkerbundsdelegierte von San Salvador Guerrero mit 43 von 51 Stimmen gewählt.


