Zreitag. 2. August 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 179 Zweiter Blatt
Oie vereitelte Amnestie.
Don unserem ständigen Berichterstatter.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Straßburg, Ende 3ult.
Die französische Kammer ist in die Fernen gegangen, vielmehr in die Ferien geschickt worden durch eine Regierung, die sich nicht mehr anders *u helfen wußte, und unerledigt blieb neben anderen wichtigen Vorlagen auch diejenige Uber die elsässische Amnestie. Als im Prozeß von Besanevn die Grundlage der bisherigen Regierungspolitik im Elsaß, die These von der Strafwürdigkeit der autonomistischen Bewegung, zusammenbrach, zog Poincare, widerwillig genug — denn er hatte sich ein ganzes Jahr lang trotz wiederholter Aufforderungen gegen diesen Schritt gesträubt und alles getan, was ihn unmöglich machen konnte — aber äußerlich elegant die Konsequenzen aus dem Urteil gegen Dr. Roos und brachte die Amnestievorlage ein. Amnestie für die Opfer des Komplottprozesses und der sonstigen autonomistischen Verfolgung. Leute, die es wissen konnten, hatten Poincarä schon geraume Zeit vorher die Auffassung zugcschrieben, er würde zwar den Autonomisten allein die Amnestie (gern oder ungern) geben, um die Agitation im Elsaß lahmzulegen, aber er wolle lieber diese Agitation dulden, als die Amnestie auf die Kommunisten ausgedehnt sehen. Run legte er doch die elsässische Amnestie vor, und sie wurde von vielen, auch denjenigen, die jenes wußten, ernst genommen und mit Erleichterung begrüßt. Rlon sah die Schwierigkeiten, die Vorlage durchzusehen, aber man vertraute auf die schon oft bewiefene Kraft Poincares, der Kammer auch gegen ihr Widerstreben die Dinge abzuringen, die er zur Durchführung seiner Politik wünschte. ,. , ,,
Die erste Wirkung der Amnestievorlage schon zeigte deutlich den politischen Vorteil einer Befriedung der Gemüter und die Bereitwilligkeit des Volkes, dem Versprechen einer neuen Politik zu glauben. Eine Störung brachten nur die fran- zösisch-nationalistischen Blätter herein, die un- entwegt in dem Sinne schrieben, daß nun tfront- reich den Autonomisten „noch einmal* die Hand reiche, aber zum letztenmal. Riemand konnte die vorhergehenden Male finden, wo die Qlutono- mislen angeblich die Milde der Regierung verspürt hätten. Auf jeden Akt der Bewegung hatte die Regierung im Gegenteil mit Gewalthandlungen geantwortet. Wenn man darum nun die autonomistischen Führer fragte, ob sie bei Gewährung der Amnestie für die Verurteilten ihre Propaganda einstellen und die Bewegung stilllegen würden, dann konnte die Antwort nur heißen, daß für persönliches Entgegenkommen, für die Wiederher st ellung der schwer verletzten Gerechtigkeit gegenüber Personen die sachlichen Heimatforderungen nicht feil seien. Wieberher- herstellung der Gerechtigkeit und dann Re- formen im Sinne der Autonomie! Anders konnte die Antwort nicht lauten.
Sie hieß auch so. Dr. Ricklin hat sich als Zeuge in Besan^on schon vor der Einbringung der Amnestievorlage in diesem Sinne ausgesprochen. Dr. Roos desgleichen, und die anderen haben nicht gezögert, es ihrerseits ,n der Oesfentlichkeit großer Massenversammlungen m Stadt und Land zu bestätigen. (Denn Versammlungen gab Ls wieder an diesem Wendepunkt der Bewegung', die autonomistische Agitation ist folgerichtig und unerbittlich, und der Zusammenhang mit dem Volte scheint ihr nie eng genug zu sein.) Dann sah man die Entwicklung der Dinge m der Kammerkommission, der die Arnnestievor- laqc überantwortet war. Ein Sozialist, ilf) rl), wurde Berichterstatter. Das bedeutete ein Votum für die Erweiterung der Amnestie auf emen -Umfang. dessen Ablehnung durch Poincarö unb be- sonders durch Tardieu zu erwarten war Wurde Poincare sich diese Gefährdung der Vorlage gefallen lassen?, das war die Frage. Einen Moment
lang schien es. als ob er feinen Willen und damit diesmal die Befriedung des Elsaß durch- etzen wolle. Damals als Ähry zur Rieder- legung der Funktion als Berichterstatter genötigt und der Abgeordnete Pernot dazu ernannt wurde. Aber schon am nächsten Tage kehrte Uhry, gestützt auf einen neuen Kommissions- beschluh, zurück. Poincars lieh es sich gefallen. Ob schon der Krankheit wegen, oder ob aus anderen Ursachen, das weiß man nicht. Zugleich aber wurde unter der Hand in Paris mit den Aeuherungen der Autonomisten, daß der Kampf um die Autonomie selbstverständlich unabhängig von der Amnestie weitergehe, eine nachhaltige Propaganda getrieben, um nachzuweisen, daß die Amnestie ja doch politisch nichts nutzen werde.
Run ist das Ende gekommen. Die Kammer- k o m m i s s i o n hat die Vorlage u m g e ft a 11 e t, die Regierung hat die Umgestaltung abge» lehnt. Und schließlich ist man in die Ferien gegangen, ohne d ie Vorlage überhaupt zu behandeln. Und Briand, der neue Mann, hat auf absehbare Zeit gar nicht die Möglichkeit, nun die Frage der Amnestie
ohne Kammer zu regeln. Cs ist wieder einmal nichts geworden mit dem Regierungsversprechen. Das durch die erste Ankündigung für einen Augenblick wieder belebte Vertrauen ist von neuem dem Mißtrauen gewichen, und das Mißtrauen sagt: es war in der Kammer ein abgekartetes Spiel zwischen Regierung und Kommission. Sie schufen mit vereinten Kräften ein Loch im Boden, durch das die Amnestievorlage fang- und klanglos verschwinden mußte. Und hin ist hin. Auch das Vertrauen ist hin. „Am Rarrenseil herumgeführtI“ überschreibt die „Lothringische Volkszeitung" ihren Bericht über dieses unrühmliche Ende der Amnestievorlage. Aber die Sache ist nicht aus! 3n den Generalräten und Gemeinderäten fitzen als Gewählte, trotz ihrer Unwählbarkeit, die Verurteilten von Colmar. Will die Regierung sie fitzen lassen, obwohl das Urteil noch gilt? Will sie sie durch den Staatsrat ihres Mandats für verlustig erklären lassen, obwohl ein französisches Schwurgericht erkannte, daß das „Verbrechen", wegen dessen sie verurteilt wurden, niemals begangen wurde?
Turnen, Sport und Spiel.
Gießener Ruder-Gesellschast 1877.
Dir Vorarbeiten für die am kommenden Samstag und Sonntag stattfindende Regatta sind in vollem Gange. Der Regattaplah hat durch Ausfüllung und Planierung eine wesentliche Verbesserung erfahren und steht — wie man uns mitteilt — in feiner ganzen Ausdehnung den Regattabesuchern gegen ein mäßiges Eintrittsgeld zur Verfügung. Rur für die numerierten Terrassenplähe ist ein etwas erhöhter Preis festgesetzt, dafür bietet aber auch der Blick von der Terrasse auf die Regattastrecke ein prächtiges Bild landschaftlicher Schönheit und ermöglicht eine ungehinderte Beobachtung der sportlichen Wettkämpfe, an denen in diesem Jahre erstklassige Mannschaften beteiligt sind. Die Ehrenpreise. Wander- und Herausforderungspreise sind im Schaufenster des Teppichhauses Hochstätter. Mäusburg 5. ausgestellt. Der Wanderpreis der Stadt Gießen, Erster Vierer, wird von R.-V. Kassel, R.-G. Dortmund und R.-G. Frankfurt-Sachsen- hausen bestritten, der Grohherzogs-Wan- b er preis, Großer Achter, von R.-G. Kassel unb R.-G. Mainz-Kastel. Zum Ersten Einer, Preis des Deutschen Ruder-Verbandes, sind 7 Meldungen eingegangen, der Zweite Einer hat 9, der Iungmann-Vierer hat 4 und der Zweite Iungmann-Vierer sogar 10 Meldungen auf zuweisen. Der Dootslagerplatz für die auswärtigen Vereine befindet sich, wie in früheren Jahren. wieder dem Regattaplah direkt gegenüber, neben dem Bootshaus des Ruderklubs „Hassia", was im Interesse einer glatten Abwicklung des Regattabetriebes sich als notwendig erwiesen hat. Weitere Mitteilungen über die Regatta sind im heutigen Anzeigenteil enthalten.
Turngau Lahn-Oünsberg.
Der L a hn - D ü ns be r g - G au hielt am vergangenen Sonntag sein diesjähriges Gauwettschwimmen in Garbenheim ab. Trotz des nicht gerade freundlichen Wetters stellten sich dem Starter, Gausportwart Winter, Launsbach. 80 Turner aus allen Vereinen des Gaues zum Absprung. 3m freien Wässer der Lahn trat zuerst die Jugend in 50 Meter Brust an. Sieger wurde Deibel, Lollar. Alsdann traten die Senioren über 50 Meter Brust an, in welchem Hch. Lämmer, Lollar, als Sieger hervorging. Der zweimalige Sieger Schmidt, Garbenheim, konnte hier überraschenderweise nur den 6. Platz belegen. 22 3ugendliche maßen ko- dann ihre Kräfte im 50-Meter»Freistil, bei welchem Reinstädler, Dorlar, der Beste war.
Den Iahten und schönsten Kampf bildete das 50» Meter-Freistilschwimmen für Senioren, bei welchem überraschender Weise Löw. Ahbach. als Sieger hervorging. 3n den darauf folgenden Staffeln konnte Lollar bei der Jugend sowie den Senioren den Sieg an sich bringen. Die Prüfung für das Turn» und Sportabzeichen bildete den Schluß der Veranstaltung.
Aus der Sieger liste geben wir auszugsweise die ersten Sieger bekannt:
Senioren. 50 Meter Brust: 1. Hch Lämmer, Lollar, 47,3 Sek.: 2. W. Rupp, Garbenheim. 50,4; 3 K Goubeaud, Garbenheim, 50,6; 4. F. Geier, Ahbach. 50,9; 5. H. Röhl, Wieseck, 51,5.
Jugend. 50 Meter Brust: 1. S. Deibel, Lollar. 50 Sek.; 2. H. Muskat, Ahbach, 50.9; 3. A. Klinkel. Lollar, 52.9; 4. E. Win - ter, Launsbach; 5. QL Georg, Garbenheim.
Senioren, 50 Meter Freistil: 1. O. Löw, Ahbach. 46,4 Sek.; 2. H. Lämmer, Lollar, 48.6; 3. H. Bo des, Lollar. 50,2; 4. H. Röhl, Wieseck. 51,5; 5. E. Velte. Dorlar. 52,0.
Jugend, 50 Meter Freistil: 1. K. Reinstädler, Dorlar. 51 Sek.; 2. O. Teising. Ahbach, 53,9; 3. H. Will, Lollar; 4. H. Krämer, Ruttershausen; 5. H. Roth, Ruttershausen.
Altersstufe, 50 Meter Freistil:!. Ch. Ahbach, Garbenheim, 59,1 Sek.; 2. K. Ebertz, Garbenheim.
4X50-Meter-Freistil-Staffel, Jugend: 1. Tv. Lollar, 3,25 Min.; 2. T.-Dgg. Ruttershausen, 3,36,6; 3. Tv. Garbenheim; 4. Tv. Wieseck.
4x50-Meter-Freistil-Staffel, Senioren: 1. Tv. Lollar, 3,12,5 Min.; 2. Tv. Atz- bach, 3,15.3; 3. Tv. Wieseck; 4. Tv. Garbenheim; 5. T.-Vgg. Ruttershausen.
Tleue Segelflug Weltrekorde.
Der 10. Rhön-Segelflug-Wettbe- werb brachte noch kurz vor seinem Abschluß eine ganze Reihe von Weltrekorden. Eine ganz vorzügliche Geiftung vollbrachte der Oester- reicher K r o n f e l d, der eine Höhe von 3000 Meter erreichte und mit einem Streckenflug von 170 Kilometer neben seinerHöhen-Weltbestleistung auch einen neuen Distanz-Weltrekord aufstellte. Auch der Rhön-Dauer-Rekord von 7:35 Stunden wurde verbessert. Dem Darmstädter R e i n i n - ge r gelang es. 8:26 Stunden in der Luft zu bleiben. Der Frankfurter Gr oenhof f schlug den alten Rekord im ileberlanbflug mit Passagier, der 10 Kilometer betrug, um mehr als das
Vierfache. <Sr landete in der Rähe von Mel» ningen und hat damit 45 Kilometer zuruckgelegt,
Spielvereinigung 1900 Gießen.
o. Die Fußballsperre ist beendet. 1900 beginnt die neue Saison mit einem Fußball treff en der Ligamannschaft in Groß-Auheim bei Hanau, während alle anderen Mannschaften (1., 2., 3. und 4.) am kommenden Sonntag wegen der großen Re» gatta und einer internen Feier nochmals pausieren. Man wird im Lager der Dlauweihen bemüht sein, trotz der jetzigen Studentenferien eine recht spielstarke Vertretung in das süddeutsche Verbandsgebiet zu entsenden. Bei den Gesellschaftsspielen des Monats August werden in der Aufstellung der Ligamannschaft mehrfach Experimente gemacht werden, um für die im September beginnenden Meisterschaftsspiele gewappnet zu sein. d. h. die beste Aufttellung erwählt zu haben, da die diesjährigen Spiele, die 1900 in der ersten Dezirksklasse bestreitet, größere Anforderungen an die Ligamannschaft stellen werden als im vergangenen Jahr.
Der Gegner am Sonntag, der V.f.D. Groh- Auheim. gehört zur Ostmain-Kreisliga des Süddeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes und hat dort immer eine beachtliche Rolle gespielt, schon wegen seines flachen Kombinations- Spieles. in dem ihm kein Verein vom Ostmain gleichkam. Auf eigenem Platz sind die Groh» Auheimer besonders zu fürchten, da auf dem Sandplah die Gegner leicht ermüden. Man seht in die Vertretung der Gießener trotz dieser Um» stände das Vertrauen, daß sie ehrenvoll be». stehen wird.
Fußball in Großen-Buseck.
Die neue Spielperiode wird durch ein Jugend- spiel zwischen der ersten Iugendelf des FC. 1926 Großen-Buseck und der gleichen Mannschaft des Vereins für Rasenspiele L i ch eingeleitet, das am kommenden Sonntag stattfindet. Die Großen« Busecker Mannschaft hat durch fleißiges Training viel hinzugelernt, auch ist durch Umgruppierung eine Besserung in der Besetzung eingetreten. D.f.R. Lich hat bekanntlich immer eine gute und spielstarke Jugend auf die Beine gebracht; über ihre jetzige Spielstärke ist allerdings nichts näheres bekannt.
Arbeiter-Turu- und Sporibund.
Kommenden Sonntag findet in Großen-Linden das diesjährige Vezirkskinderturnen statt. Etwa 300 Kinder beiderlei Geschlechts werden daran teilnehmen. Bereits vormittags 9 llhr beginnen die volkstümlichen Wettkämpfe, welche aus Lauf. Sprung und Wurf bestehen. Rach einer Mittagspause wird ein Propagandaumzug auf die Veranstaltung Hinweisen. 3hm folgen die Massenübungen. Anschließend sendet ein Ge- rätcwettkampf der älteren Jahrgänge statt, dem Stafetten, 27ed- und Singspiele folgen. Den Abschluß bildet die Bekanntgabe der Rangliste.
Oberheffen.
Oie postkrastlinien in Hessen.
Rachdem zu Beginn des Jahres 1928 die Ober* Postdirektion Darmstadt eine Versuchs-Landkraftpostlinie vom Leitpostamt Offenbach aus eingerichtet hatte, geht man mit dem 1. Aug. dazu über, in Oberheffen drei Linien von Friedberg aus und in Starkenburg zwei weitere Linien von Beerfelden aus einzurichten. Betrachtet man die Leistungen der von der Post bisher vorgesehenen Reueinrichtungen, so ergeben sich für die drei Friedberger Linien ein Ge» famttoeg von 176 Kilometer und die Erfassung von etwa 35 000 Einwohnern. Eine Linie, die von Büdingen aus eingerichtet werden soll, befährt 123 Kilometer und berührt dabei Orte mit insgesamt 16 726 Einwohnern. Dazu kommen für die beiden Starkenburger Linien von Beerfelden aus 82 Kilometer mit 4709 erfaßten Ein-
Knallsilber.
Eine Liebig-Anekdote.
Kurz nachdem die ersten Exemplare der ..Chemischen Briese" des genialen Chemikers Justas von Liebig erschienen waren und den Ruhm des Gießener Llniversitätsprofessors weit über die Grenzen Deutschlands hinaustrugen, trat einer feiner Schüler mit diesem Werke unter dem Arm in das Laboratorium und bat den verehrten Lehrer um eine Eintragung, da er soeben einen □Brief von feinem Vater erhalten habe, der seine sofortige Heimkehr nötig mache.
Liebig bedauerte den Fortgang des ihm sehr werten Mitarbeiters bei allerlei neuen Versuchen im Laboratorium und meinte, diese Plötzlichkeit des Abschieds habe etwas von dem Ex- plosiv-Charakter- des Knallsilbers. Dann nahm er die ..Chemischen Briefe*' aus der Hand des Schülers, setzte sich an den Schreibtisch und schrieb aus das große Blatt: ..Man kann nicht hoch genug von den positiven Leistungen chemischer Kräfte denken; felbft das Knallsilber kann auf- bauende Kräfte entwickeln."
Der scheidende junge Chemiker las die Worte, dann sah er seinen Lehrer erstaunt an, senkte wieder die Augen auf das Buch und las die Eintragung nochmals.
Justus Liebig lächelte. „Es scheint, als überraschte Sie der Sah. lieber Freund. Dann bitte ich Sie. kommen Sie doch heute abend zu einer Flasche Wein zu mir, falls Sie noch soviel Zeit haben. Da werde ich Ihnen und vielleicht noch zweien oder dreien Ihrer Freunde meine Behauptung erläutern.“
Am Abend saß Justus Liebig im Kreise seiner Liedlingsschüler und jungen Assistenten behaglich beim Glase Wein und erzählte:
Das Knallsilber habe in seinem Leben eine besondere Rolle gespielt. Der Vater habe es in dem kleinen Laboratorium zur Anfertigung von Knallerbsen verwandt, aber niemals gestattet, haß fein Sohn an dieser Arbeit teilgenommen. So habe er einem reifenden Chemiker auf einem Jahrmarkt diese Fabrikation abzugucken gesucht. Und als er dann zu einem Apotheker m die Lehre gekommen, habe er seine junge Wissen, schäft auszuprobieren gesucht, allerdings mit dem betrüblichen Erfolg, daß ein Teil des Apothekendaches in die Luft geflogen und er selbst von dem empörten Apotheker an die Luft gesetzt worden sei. Und nun berichtete Liebig weiter, wie ihn die Liebe zum Knallsilber auf die
Universitäten Bonn und Erlangen gebracht, ihn dann nach Paris begleitet und dort für ihn das Sprungbrett zu seinem Glück geworden sei. Denn als seine Studien und Untersuchungen so weit gediehen waren, daß er ihre Resultate zu Papier bringen konnte, fand er unter den Pariser Chemikern einen Gönner, der sich bereit erklärte, seine Arbeit über „Knallsäure-Salze" in der Akademie vorzulesen. Sein gutes Glück führte Alexander von Humboldt in die Sitzung; der aber war von dem Reuen und Ueber. raschenben der Ergebnisse, die der junge Deutsche gefunden, so gefesselt worden, daß er den Pariser Chemiker, Gah L u f f a c . der auf verwandten Gebieten arbeitete, veranlaßte, sich mit dem Reuling zusammenzutun. Und nun gingen der Franzose unb der Deutsche dem Problem des Knallsilbers gemeinsam zu Leibe. Und der Erfolg? Als kaum ein Jahr vergangen war. erschien ihre gemeinsame Arbeit über Knallsäure und erregte, da die Laboratorien bisher dem gefährlichen Explosivstoff etwas ängstlich aus dem Wege gegangen, in den Kreisen der Chemiker großes Aufsehen. Humboldt aber, der sich des Erfolgs seiner Arbeit freute, bot nun feinen Einfluß auf, dem erst 21jährigen eine außerordentliche Professur an der Gießener Universität zu verschaffen. „Sehen Sie. mein lieber, junger Freund", so schloß Liebig dies Kapitel aus seiner Lebensgeschichte, „so hat das Knallsilber, das den anderen nur seine zerstörenden Kräfte gezeigt hatte, für mich aufbauende Kräfte gehabt. Und diese Erinnerung war es. die mir die Worte für Sie in die Feder diktierte."
Vo.
Analyse der Tränen.
Von Sigismund von jRadecfi.
Ununterbrochen rinnen zwei Tränenströme durch die Welt: der eine über glatte Wangen. Kinderwangen. Frauenwangen, der andere über durchfurchte Gesichter. Aber Tränen brauchen Furchen, um gut laufen zu können, und auch die glatten "Gesichter verziehen sich zur komplizierten Weingrimasse, die tausend Runzeln improvisiert. Die anderen, die schon voller Furchen stehen, verziehen sich nicht — mögen die Tropfen die Leidenslinien entlang rollen.
Die Tränen der glatten Wangen find eine Zuflucht der Hilflosigkeit; sie find unsere Sprache vor der Sprache; sie kommen weniger aus Rührung als aus Angst, Aerger, Derven oder
Schmerz; ihre Funktion ist es, den Krampf des Lebens zu losen. Diese Tränen find naiv und tierhaft, panisch und sympathetisch: sie entstehen aus unmittelbarem Anlaß — wenn man keine Schokolade oder fein neues Kleid kriegt — und übertragen sich durch Ansteckung. Sie rühren die Massenseele auf, sie steigern sich zum Geheul der Klageweiber, sie kommen instinktiv, sie sind uralte Sitte und Institution. Leicht stehen sie zu Gebote: mit der noch trockenen Weingrimasse kann das Kind die Tränen jederzeit heraufpumpen, die Frau reibt sie sich mit Datisttuch oder Schürzenzipfel ins Auge, und die Klageweiber werden engagiert — jene Klageweiber, die auf ein stets vorrätiges Reservoir von Welt- weh zurückgreifen. Sie find Frauen, sie sind alt, und das ist ihnen Grund genug, zu weinen.
In unserer Zeit der eisernen Maschinengötter werden die vielen Tränen nur heimlich vergossen. 5He einzigen, die man öffentlich weinen sieht, find eben die der glatten Wangen: das Kind auf dem Sandhaufen heult; der Goal» keeper, der den Fußball durchgelassen hat, wirst sich zu Boden und weint; der disqualifizierte Sechstagerenner reibt sich mit der Faust die Tränen weg; der besiegte Doxchampion schluchzt in den Armen seines Managers. Diese Sport- tränen sehen sehr naiv und homerisch aus. Aber sie sind im Grunde ein Flennen. Sie find unmännlich.
Aus einem tieferen Brunnen quillt jener andere Tränenstrom, der dem Manne eignet, wenn auch Frauen und Kinder oft genug aus ihm schöpfen mögen. Diese Träne wird nicht von außen angesprüht, sondern sie steigt von innen herauf. Zum unmittelbaren Anlaß — unb sei es selbst der Tod eines geliebten Wesens — hat sie keine Beziehung, denn die Träne stammt aus der geistigen Sphäre der Phantasie, und der Anlaß mutz in diese erst eingegangen sein: wir weinen nur über das, was uns nichts angebt, Petrus weint nicht gleich nach seinem Verrat, sondern erst beim Hahnenschrei, — erst da, wo er sich erinnert. Ja, es ist im Grund gleichgültig, ob der Anlaß zu dieser Träne Gram ist, oder Entzücken: denn sie selber stammt aus jenen schöpferischen Tiefen, wo Lust und Geld noch ungetrennt wohnen, und das Wasser über der Feste und das Wasser unter der Feste noch grenzenlos ineinander wogt. Diese Träne ist im Augenblicke des Aus-den-Wimperntretens immer höchstes Glück — im Weinen liegt der Mann hilflos wie ein Adam, wie feuchter Ton in des Schöpfers Hand, und fühlt sich von allem, was
die Welt schuf, durchwaltet. Diese Träne ist nicht sympathetisch: sie scheut ihren eigenen Anblick, sie sucht die Einsamkeit. Wenn das Kino hell wird, schnauben sich die Menschen verlegen die Rase.
Die beiden Tränenströme erleben nach ihrem verschiedenen Wesen auch ‘ein verschiedenes Schicksal. Die unmittelbare, die unschuldige Träne gehört nicht der Zeit, sondern wie alles Tierhafte, der immer wiederkehrenden Jahreszeit an. Die andere Träne aber geht, als ein geistiges Phänomen, in die nie wiederkehrende Geschichte ein. Man hat sie zuzeiten als Kulturfaktor erkannt unb verreichlicht. O, bamals weinte man schon, wepn man auf brei Tage fortfuhr, unb ließ bis „Tränchen" mit Vorliebe aufs Briefpapier fallen. So ist sie, wie alles Geistige, historisch geworben, die berühmte Wertherträne im Zeitalter des Verstandes, während bas Weinen der Klageweiber — z. B. um Rudolf Valentins — immer war unb immer sein wirb, aber_ nie geschichtlich werden kann. Die Männerträne war zu Zeiten Mode, die Frauenträne immer instinktive Sitte.
Grotesk wirb bie Situation, wenn sich die beiden Tränenströme treffen. Ein Jüngling umarmt ein Mädchen und weint im Uebermafj deS Entzückens. Run sieht er zwei große Tropfen von ihren Wimpern herunterrollen. Er fragt sie freudig, warum sie weine? Sie schluchzt: ..... Ach... das Hundeleben — —!" Das ist in der Tat entzückend. Sie hat natürlich nur kindhaft, nur sympathetisch mitgeweint, weil... weil halt der andere weinte; als Rymphe Echo. Befragt, sucht sie in aller Unschuld schnell nach etwas, worüber sie gemeint haben könnte, unb sie findet ihn, den Allerweltsgrund: „ ... Ach... das Hundeleben--!"
Demgemäß wechselt auch bie Wertung bet Träne. Der Frau können Männertränen nichts anhaben, weil sie sie nach ihren eigenen taxiert. Der Mann ist Frauentränen gegenüber wehrlos — aus einem ähnlichen Grunde. Je weniger eine Frau weint, um so wertvoller ist sie. 3e mehr ein Mann weint, um so wertvoller ist er.
Die ästhetische Einschätzung der Träne ist durchaus fließend. Tritt bie Träne bei unbeweglichem Gesicht langsam aus bem Auge, so steht sie auf ihrem ästhetischen Höhepunkt: sie ist schön. Aber bann kommt sie ins Rollen, unb bas ist bas Gefährliche. Unb landet die Träne endlich als hängender Tropfen an der Rasenspitze, so ist sie — bei unverändertem Salzgehalt — bereits durch unb durch komisch geworben,


