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Donnerstag, 2. Mai 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. (02 Zweites Blatt

Aus -sm Gießener Giadirai

Erhebung einer Fiiialsleuer in Gießen.

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Momentan ist eine Bewegung im Gange, sämt­liche Diplomaten zu einer Zusammenkunft unter Vorsitz ihres Doyens, des englischen Bot­schafters Sir Esme Howard zusammenzurufen, um über etwaige Schritte schlüssig zu werden. Man hort in diesem Zusammenhänge allerlei Vorschläge, die zum Teil des humoristischen Einschlages nicht entbehren. So wurde angeregt, daß die Diplomaten sich gemeinsam ein eigenes Lastauto von so imposanter Aufmachung eine Art Zirkus­wagen daß selbst der trockenste Trockene die Augen vor Staunen aufreißen würde, anschaffen sollten. Aber ein Wagen, dessen Aeußeres seinen geistigen Gehalt" in so auffälliger Weise verkündet, müßte auf dem Wege von Baltimore noch Neu« york schon von einer starken Abteilung Panzerauto­mobile begleitet werden, sonst wäre er vor den alle Häfen und Hafenstraßen belauernden Wegelagerern, die der Volksmund mit dem NamenHijackers" be­legt hat, nicht sicher. Denn aus sechzig Kisten reiner, unvcrschnittener Spirituosen macht man hier mit Hilfe von Zuckerwasser und Holzspiritus annähernd zehnmal soviel, die unter Brüdern ihre dreißig bis vierzigtausend Dollar wert sind. Alsechte Bot- schastsware" sogar noch mehr.

Oie endgültige Seweebesteuer für

Der Gießener Stadtrat beschäftigte sich in seiner Sitzung vom Dienstag, 30. April, über deren wichtigsten Punkt (Schwarzlachprojelt), wie wir gestern schon ausführlich berichteten, noch mit folgenden Angelegenheiten:

Endgültige Veranlagung der Gewerbesteuer für das Rj. 1928.

Gemäß Antrag des Finanzausschusses wurde einstimmig beschlossen: Das laut Beschluß der Stadtverordneten-Dersammlung vom 29. 3uni 1928 gelegentlich der Verabschiedung des Vor­anschlags für das Rechnungsjahr 1928 auf 271 000 Mark festgesetzte Aufkommen an Gewerbesteuer, und zwar 125 000 Mark vom Anlage- und Be­triebskapital und 146 000 Mk. vom Gewerbe- ertrag, wird bei Veranlagung zur endgültigen Gewerbesteuer für das Rechnungsjahr 1928 wie folgt erhoben: a) mit 40 Pf. von je 100 Mk. Steuerwert vom Anlage- und Betriebskapital mit Ausnahme des land- und forstwirtschaft­lichen Anlage- und Betriebskapitals: b) mit 1 80 Mk. von je 100 Mk. Steuerwert vom Ge-

vergebung von Arbeiten und Lieferungen.

Für die Verlegung, sowie für den Neubail einer Transformatoren st ation in Wieseck wurde ein Betrag von 7100 Mark unter der Vor-

Rachdruck auch mit Quellenangabe verboten! Washington, April 1929.

Die rücksichtslose Beschießung von mehr oder weniger verdächtigen Schiffen durch die aus Alkoholschmuggler jagenden amerikani­schen Zollboote ist nicht die einzige merkwür­dige Folge des Alkoholkrieges der U.S. A. Es dürfte interessieren, wie die Prohibitions- polizei mit den Diplomaten umspringt.

Den enragierten Trockenheits-Aposteln ist die Immunität der diplomatischen Ver­treter des Au slandes in Washington auch vor dem Prohibitionsgesetze von jeher ein Dorn im Auge gewesen, und es vergeht selten ein Tag, an dem man nicht in einer amerikanischen Zeitung eine Anrempelung der Botschafter und Gesandten lesen konnte, die anderwärts ein Auswärtiges Amt mindestens zum warnenden Ausdruck seinesBe­fremdens" an die Schriftleitung veranlassen würde, auch ohne daß die Diplomaten diese Amtsstelle erst daraus aufmerksam machten. Es steht nicht fest, ob Neuyork, Chikago oder Washington Anspruch darauf erheben kann, als dienasseste" Stadt in den Vereinigten Staaten zu gelten, aber auf jeden Fall wird die Bundeshauptstadt mit in die erste Reihe gestellt. Die Schnapsschieber, die Whiskyschleichhänd­ler und Konsorten machen sich die Anwesenheit des diplomatischen Korps insofern zunutze, als sie auch den scheußlichsten Fusel alsBotschafter- Schnaps" verkaufen, den siedirekt vom Be­dienungspersonal" dieser oder jenerEmbassy" ober Legation" gekauft haben wollen. Wenn an dem Zeug überhaupt etwas echter Import ist, so ist es in ganz seltenen Fällen nur die Flasche mit dem Klebezettel, die man aus dem Mülleimer herans- gefischt hat. Gewöhnlich ist nicht einmal sie echt, denn Flaschen, Etiketten und Verpackung lassen sich überall nachahmen, wo es Glasbläsereien und Druckereien gibt.

Zur Zeit wird dieTrockenlegung" Washingtons mit ganz besonderem Eifer betrieben. Namentlich seitdem Präsident Hoover in seiner Antrittsrede so entschieden für strengere Beobachtung aller Ge­setze, besonders des Alkoholverbots, eingetreten ist. Die Polizei der Hauptstadt hat schon vor einigen Wochen die fremden Diplomaten darauf aufmerksam gemacht, daß sie in Zukunft jedes mit für Botschaften und Gesandtschaften bestimmten Getränken beladene Lastauto, das nicht von einem mit den nötigen Jmmunitäts-Kreditiven bewaffneten Attache be­gleitet ist, anhalten, die Fahrer verhaften und die Getränke beschlagnahmen wurde. Daß der Beauf­tragte der Botschaft in einem Privatauto hinterher fahre, genüge nicht, er müsse selbst mit auf dem Lastwagen sitzen.

Die erste unter diplomatischem Geleit in Washing­ton einziehende Schnapsfuhre kam letzte Woche un­gefährdet an ihr Ziel, zwei Tage später ober wurde eine andere, von einem Sekretär der siamesischen Gesandtschaft begleitete, von einem Motorrad-Poli­zisten angehalten und nach der nächsten Revier­wache dirigiert. Der Gesandtschaftssekretär wies zwar seine Papiere vor, aber wer sich auch nur flüchtiger Bekanntschaft mit der Washingtoner Schutzmannschaftrühmen" kann, der weiß, daß man diesen Herrschaften mit Diplomaten-Ausweisen nicht zu imponieren vermag. Der Lenker des Kraft­wagens, ein Amerikaner nebenbei, und fein Gehilfe wurden auf die Anklage der Verletzung der Bundes- Verfassung, dieHerstellung, Verkauf und Trans­port" von Spirituosen verbietet, unter je fünfhun­dert Dollar Verhörsbürgschaft gestellt.*

Die Getränke konnte man nicht gut mit Beschlag belegen. Ein Beamter der Prohibitionsabteilung des Schatzamtes versuchte dann, den leeren Wagen, der bei dem Verhör der Fahrer als corpus delicti vorgeführt werden muß, eigenhändig nach einem Regierungsschuppen zu steuern, blieb

Werbeertrag. x

Die Stadtratsmitglieder Ricolaus (W.Vg.) und Kreiling (Dt.Vp.) erklärten sich trotz mancher Bedenken mit der Vorlage einverstan­den, behalten sich aber vor, Abänderungsantrüge auf Milderung der Steuer zu stellen, sobald sich bei der Durchführung der Veranlagung - billige Härten für das ohnehin schon schwer Steuern belastete Handwerk ergeben.

Dem Entwurf einer Ortsfahung über die Hebung einer Filialsteuer in Gießen wurde bei Stimmenthaltung der Soziatdemoiratie zuge­stimmt. Rach dem Entwurf sind zur Zahlung einer besonderen Gewerbesteuer (Filialsteuer­verpflichtet die Ver"Drangs-, Bank-, Kredit- und Warenhandelsu. .eenehmen, die im Ge­meindebezirk, ohne in ihm ihren Hauptbetriebs- fitz zu haben, Detriebsstätten unterhalten. Die Filialsteuer wird in der Form eines Zuschlags zur gemeindlichen Gewerbesteuer erhoben und beträgt: a) für Versicherungsunternehmungen, b) für Bankunternehmungen, c) für Kreditunter­nehmungen. d) für Warenhandelsunternehmun­gen je 100 v. H. der allgemeinen Gewerbesteuer. Mehrere Filialgefchäste eines Gewerbetreibenden in der Gemeinde gelten als ein Ganzes. Die Ortsfahung soll mit dem Tage ihrer Veröffent­lichung in Kraft treten, mit dem gleicheir Tage wird die Ortsfahung vom 5. Dezember 1927

Oer Schnaps der Diplomaten.

Ein Kapitel zur Verschärfung des Alkoholkrieges in Ll. G. A

Von unserem A. G. A.-Berichterstatter.

Ausstellung

in gesunden und kranken Tagen".

Juni 1929 beabsichtigte Vorführung der AusstellungDer Mensch" in der Dolkshalle wurde eine Garantiesumme von 1000 Mark bewil­ligt. Die Mittel sollen, wenn sie überhaupt zu zah­len sind, je zur Hälfte aus der Stabt taffe und der Kasse des Wohlfahrtsamts entnommen werden.

Das Kasperle-Theater lebt noch!

Von Franz Hessel.

Das beste und dankbarste Publikum hat der Kasperle. Richt nur. daß esmitgeht", es spielt mit, es greift in die Handlung ein. Selbst die winzigsten unter den kleinen Leuten, bei denen ich als zugelassener Erwachsener in der Aula eines Berliner Gymnasiums sah, scheinen mit der Kasperleliteratur so vertraut zu sein, wie das Volk von Athen mit der Sagenwelt, aus der ihm ie- weils ein Stück vorgeführt wurde. Sie wissen, wie es weitergeht, und freuen sich doch festlich. Das Warten schon ist schön. Immer wieder zuckt und ruckt der rote Vorhang der kleinen Bretter­bühne, hinter der die Pfeifen der Schulorgel rechts und links vorschauen. Da gibt es alle for­men der seligen Aufregung. Kleine Mädchen sitzen still und heiß mit ihren Zöpfchen und Schleifen, manche Jungen fangen an zu raufen, freche rufen. Kasperle, Kasperle!, schüchterne nagen geduckt an den Rägeln. UnD ein blasser Altkluger erzählt einem Herrn Lehrer, was er von Kasperle weiß, hat Locken wie eine Frau", sagt er.

Als endlich der Vorhang aufgeht, singen alle erst geduldig das Volkslied mit, das Meister und Meisterin des Spiels, zwei junge, liebenswürdige Menschenkinder mit Mandolinenbegleitung an­stimmen. Dann erscheint wie tn Goethes ..Faust" als erster der Theaterdirektor und fragt die Kinder, was heut gespielt werden soll. Man entscheidet sich für das sinnreiche Spiel von von der Zauberflasche, die man immer billiger verkaufen muß, als man sie gekauft hat, und deren letzten Besitzer der Teufel holt.

Kasperle, so strudellockig und übermütig er da­herkommt, ist doch ein vernünftiger Berliner. Rachdem er die Flasche gekauft und mit Hilfe der Kinder für seine Gretl und sich Haus und Hof und Malzbonbons gezaubert hat, bringt er das gefährliche Objekt mit Hilfe der Kinder, die ihm schon einen Käufer wissen, wieder an den Mann. Ms ihn dann Gretl Pilze suchen schickt und er fragt: ,Wo ist denn hier ein Wald?', überzeugen sie ihn mit siegreicher Illusion, daß das grüne Tuch Wald fei. Er will einen Pilz kosten. Die Kinder warnen: .Giftig, giftig 1' Ach. nun hat er schon gegessen. Sie rufen: .GretlI" Und als sie kommt: .Den Doktor holend Aber der ist im Kino. ,Die Zauberflasche voni Zirkusdirektor zu­rückkaufen'. Gretl und die Kinder zaubern mit .Hopdi, Popdi! Eins, zwei, drei!' Kasperle wieder

1928. - (Sine neue Filialsteuer.

Die Stadtratsmitalieder Horn (Dt.Vp./und Balzer (Wirtfch. Vgg.) begrüßten die Vorlage als gerechten Ausgleich gegenüber dem einheimi­schen Gewerbe, das durch die Filialbctriebe^ der großen auswärtigen Unternehmungen geschädigt werde. Stadtratsmitgl. Mann (Cda.) wies darauf hin, daß feine Fraktion früher diese Steuer ab- gelehnt habe, weil sie eine ungleichmäßige Be­lastung darstelle. Auf diesem Standpunkt werde feine Fraktton beharren und Sttmmenthaltung üben.

volkshalle und Sfabt.

Auf Antrag des Finanzausschusses wurde der Fehlbetrag des Volkshallevereins für da« Ge­schäftsjahr 1928 mit 11202,14 Mk. auf die Stadtkasse übernommen, und zwar der Betrag von 3128,82 Mk. endgültig, und der Betrag von 8073,32 Mk. zunächst vorlagsweise.

Der Berichterstatter, Stadtratsmitgl. R i c o - laus, betonte, daß Der Volkshalleverein im verflossenen Iahre nicht soviel eigene Veran­staltungen wie früher veranstalten konnte und daher Der Cinnahrneaussall entstanden fei. ob­wohl Vereine die Volkshalle rege benutzt hätten. Qlber der Ruhen, den die Volkshalle bisher der Stadt Gießen gebracht habe, rechtfertige die ilebernabme dieses Zuschusses. Von ihrem Be­stehen bis heute seien durch Veranstaltungen in der Dolkshalle Der Stadt an Vergnügung^, steuer 8356,95 Mk., der elektrischen Straßenbahn durch gesteigerte Freguenz an Fahrgästen 51 871 Mark zugeführt worden. Dazu komme noch der Vorteil, Den Die Gießener Geschäftswelt durch Den großen Zustrom von Fremden in direkter und indirekter Form erzielt habe, Denn die Zahl der Ortssremden bei Veranstaltungen in Der Volkshalle werde ganz vorsichtig auf mindestens 120 000 Personen geschäht.

Der Vorlage wurde debattelos und einhellig zugestimmt.

aber im weichen Grund im Hof hinter Der siamesi- schen Gesandtschaft stecken. Was ihn nicht gerade in gehobene Stimmung versetzte. Denn er und ein Polizist hatten vorher die sechzig Kisten abladen und in Den Keller tragen müssen, weil das Bedienungs- personal der Gesandtschaft dies mit dem Bemerken, Ablieferung ins Haus sei mit dem Baltimore«: Fuhrunternehmer, Der Die SenDung herübergeschafft, vereinbart, höflich aber bestimmt ablehnte.

Mit Diesem Vorfall ist das Diplomatenschnaps­problem in Washington so akut geworben, Daß Das Staatsdepartement nicht länger bei seiner Politik des Nichldranrührens bleiben konnte. Nun mußte sich der nervöse Papa Kellogg noch kurz vor seinem endgültigen Ausscheiden aus dem Amt Des Staatssekretärs mit so was abplagen. Aber, was tut man nicht um des lieben Friedens willen! Daß die Diplomaten über den Geniestreich der Washingtoner Polizei entrüstet sind, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Ihr Aerger wird nur von dem Interesse daran übertroffen, was das Endergebnis Der Angelegenheit fein, ob die Frage der Berechtigung des diplomatischen Korps auf ungehinderte Ein- und Zufuhr ihrer Wein-, Schaum- wein- und Likörsendungen endlich und endgültig klargestellt werden wird.

Amtlicherseits wird natürlich aufs bestimmteste in Abrede gestellt, daß irgendein hoher Beamter es auf einen Vorstoß gegen die Immunität der diplo­matischen Vertreter des Auslandes abgesehen habe, aber so ganz ohne scheint die Sache denn Doch nicht zu sein, denn es wurde gleich nach Bekanntwerden der Affäre behauptet, der Vorstoß gegen Das Ge- setz liege Darin, Daß Der siamesische GesanDtschafts- sekretär das Auto es handelte sich um einen großen, geschlossenen Möbelwagen nicht s e l b st g e ft e u e r t habe! Es wird sich für die Auswär­tigen Aemter außerhalb Der Vereinigten Staaten in Zukunft empfehlen, ihren Diplomatischen Nach­wuchs auch als Lastwagenkutscher auszubilden für einen Washingtoner Posten Dürften solche Fähigkeiten mit der Zeit unentbehrlich werden. Prohibitionskommissar James M. Dor an wusch seine Hände in Unschuld, er erklärte, seine Agenten seien an dem siamesischen Fall nicht beteiligt und in der Haltung seines Bureaus gegenüber dem Spiritus" Der Diplomaten sei keine AenDerung eingetreten.

Im StaatsDepartement war man ob Des Zolles ganz konfus geworden. Herr Kellogg war abwesend: seine Beamten erklärten, es sei selbstverständlich ihre Aufgabe, Die Rechte Der Diplomaten wahrzuneh­men, man wisse aber momentan leibet nicht, wie man sich in Dieser Angelegenheit zu verhalten habe. Man machte sich auch Sorgen, Daß Das Aus­land Uebergriffe dieser Art mit Gegenmaß­nahmen vergelten, daß da und Dort ameri­kanischen Konsulatsbeamten Das Privilegium Der untersuchungslosen und zollfreien Einfuhr von Ge­päck, Lebensmitteln usw. entzogen werden konnte. Da die siamesische Gesandtschaft ihre Sendung schließlich doch noch erhalten hatte, ward sie nicht beim Staatsdepartement vorstellig. Als Herr Kel­logg aus Neuyork, wo er das Wochenende in Pri­vatgeschäften verbracht hatte, zurückkehrte, wurde er natürlich sofort von den Pressevertretern ausge­sucht. Er ließ ihnen Mitteilen, daß er eine allge­meine Untersuchung des Diplomatenschnapsproblems angeorDnet habe, um einen Ausweg zu finden, aus Dem sich weitere Zusammenstöße mit Der Polizei und Den Prohibitionsagenten vermeiden ließen. Man faßte diese Erklärung dahin auf, daß er mog Uchen Vorstellungen der Siamesen zuvorkommen will. Es dürfte ihm hinterbracht worden fein, daß die Diplomaten diese Schikaniererei und all der unangenehmen Abenteuer mit Den Trockenheits­schergen nachgeraDe müde sind und in die siame­sische Gesandtschaft bränaen, es endlich mal auf eine Probe ankommen zu lasten.

Oie Wafferspiele.

Von Anton Schnack.

Die Wajserspiele in den Städten springen nun wieder zum ersten Male mit ihren hohen schlanken Silberfäulen. Hinauf zu Den Wolken. Hinauf zu Den Fetzen junger Himmelsbläue. Hinauf in das Un­endliche.

Wenn die Wafserfpiele steigen, kommt fröhlicher Glanz in die Stadt.

Wenn Die Wasserspiele rauschen, weht eine zarte unD schöne Musik durch Die Straßen.

Große und kleine Städte haben ihre Wasserspiele. Wasserspiele der Welt, seit gegrüßt. Ihr herrlich blauen und blitzenden Wasserspiele des Südens, in Genua, Nizza, Monte Carla, in Marseille und Lissabon, in Barcelona und Neapel, göttliche Brun­nen voll Schönheit und Silber, seid gegrüßt.

Wasserspiele der Gärten, der Märkte, der Höfe und Plätze, der Alleen und Parks, Wasserspiele im Wind, in Sonne, zur Mitternacht und im Abend, ich liebe euch. Euch lieben mit mir die Sehnsüchtigen und die Unruhigen, die Wanderlustigen und die Träumeri­schen, die Kinder und die Müden.

Sehe ich Wasserspiele, so möchte ich Fürst des acht­zehnten Jahrhunderts gewesen sein. In meinen Lust gärten hätten hunderte von Röhren Silber gespien. Sie wären gesprungen Tag und Nacht. 'Nachts hätte ich sie vom Monde beleuchten lassen ober von roter und wilber Fackelglul.

Meine gelockte Geliebte, Mabemoiselle Florine, hätte barob sich herrlich gefreut und klingend gc lacht

Waren wir Menschen manchmal wie Wasserspiele so leicht und hoch, so rein und silbern. Immer in dem Wufftieg nach Wolken, Sternen und Unend kichern.

Aber wir sind dumpf und schwer. Verstrickt an die Gewalt und Niedertracht der Sorge, der Arbeit und des Bösen.

Ich möchte vor meinem Fenster eine blaue und silbersprühende Fontäne haben.

Aber ich schaue nur gegen verschlossene finstere Häuser.

Finstere verschlossene Häuser mit müden Men­schen schauen mich an.

Und ich denke heiß und sehnsüchtig: oh, wenn nur morgen wieder das Wasserspiel gegen die Him­melsbläue spränge ...

lebendig. Aber wie jetzt die Flasche loswerden? »Seeräuber, Seeräuber' schreien die Kinder, die aUes wissen.

Run kommt eine bemerkenswerte Ruance: Die Flasche kostet nur noch einen Pfennig. »Soll ich dem Seeräuber das vom Teuselholen sagen? fragt Kasperle die Kinder beiseite. Einige rufen: Rein, sag's ihnr nicht," andre und Kasperle selbst haben moralische Bedenken. Wir sind alle ver­legen und besorgt. Als dann Kasperle dem See­räuber die Wahrheit sagt, löst der zu unser aller Freude den Knoten mit der Erklärung:Ach, ich komme sowieso in die Hölle. Ich habe schon soviel seegeräubert!" Und nun kann Kasperle mit seiner Gretl tanzen und die Kinder singen dazu. Und dann wirft er den Kopf zurück und ruft:Auf --- und als er ihn vorschleudert, rufen die Kinder:Wiedersehn!" Und noch draußen die nasse Koppenstraße entlang zaubert die kleine Gesellschaft weiter: »Hopdi, Popdi, eins, zwei drei!'

Wenn die auswärtigen Diplomaten in Washing ton auch Diesmal nicht auf Klärung Der Situation bestehen, so wird Die Sache wahrscheinlich im Sande verlaufen. Natürlich sehen sie sich in einer etwas heiklen Lage, sie können nicht ohne weiteres Dem StaatsDepartement Vorschlägen, baß es ben unaus- hörlichen Scherereien damit ein Enbe madje, baß es Die Einsperrung unb Arntsentsenbung Der PoU giften unb Prohibitionsagenten, bie sich Uebergriffe zuschulben kommen lassen, veranlasse. Der mexi kanische Botschafter, Don Manuel C. Te11ez, er klärte ben Pressevertretern, er habe erst vor Drei Tagen eine Sendung Getränkeauf Dem gewöhn­lichen Wege" erhalten, in Zukunft roerDc es aber vielleicht ratsam fein, s i ch eines Flugzeuges zu beDienen. Ein anderer angesehener Diplomat jagte, wenn er bie nächste Sendung aus der Hei­mat erwarte, werde er sich sofort an Das Staats Departement um Den nötigen Schutz wenden. Wenn Die amerikanische Regierung nicht wünsche, Daß Die Vertreter Des AuslanDes ihren Gästen zum Diner ein Glas Wein vorsetzen, so möge sie bas Den Diplomaten mitteilen, er zuminbest werbe sich Dann Daran halten.

Vogelkot, zieht in die Rase, und schon erhebt sich brausend ein Riesenschwarm von schweren Vögeln in die Luft. Roch ein paar Schritte und ich stehe vor einer Kolonie, die etwa einen Durch­messer von 30 bis 40 Meter haben dürfte. In der Luft kreisen Hunderte von alten Reihern, und in den zahlreichen Restern wimmelt es durch­einander. Wie ich sehe, wird überall genistet, auf Weiden wie auf geknicktem Röhricht und auf dem Boden, je nach dec Artzugehörigkeit und auch manchmal nach Bedarf und Raum­möglichkeit. Aus einem der Bäume sehe ich in Augenhöhe die Rester vom Löffler und Rächt« reiher. Schopf-, Purpur- und Fischreihernester werden sichtbar, und wenn man noch tiefer in den Sumpf eindringt, hat man das seltene Glück, des geradezu königlichen Reihers, des herrlichen Silberreihers, ansichtig zu werden. Zu Füßen der Rester fand ich nicht selten eine^roße An­zahl kleiner Fische, welche die OUten Toren halb­flüggen Iungen fürsorglich hingelegt hatten." Professor Schmid brachte eine Anzahl von Iun­gen nach der Station: sie waren noch stark wärmebedürftig, legten aber bald alle Scheu ab und saßen später, als sie flügge geworden waren, oft auf seiner Schulter. Sie ließen sich auch ruhig gefallen, wenn sie zur Gewichtbestimmung auf die Waage gebracht wurden. Der tägliche Fraß der kleinen Tiere machte einen erheb­lichen Bruchteil des Gesamtgewichtes aus. und schließlich nahmen «nanche Arten innerhalb von 24 Stunden soviel Fischnahrung zu sich, wie das eigene Körpergewicht betrug. Die Reiher, die allgemein als scheu gelten, gewöhnten sich so vollständig an den Gelehrten, daß sie jegliche Rahrung nur von ihm erwarteten und ihn bei der Verteilung wie kleine Hühnerküken umstanden: gegen Fremde blieben sie weiter scheu. Von ihren Sinnesorganen sind besonders Auge und Ohr entwickelt: sie, vernehmen leiseste Geräusche und können im Dunkeln die Stimme ihres Herrn von der jeder andern Person unterscheiden. Auf den Zuruf Schmids antworten sie in ihrer Sprache. Geringste Bewegungen von kriechenden und laufenden Tieren werden unmittelbar wahr­genommen, Gestalten von bekannten und unbe­kannten Personen auf größere Entfernung unter­schieden. Die Reiher haben im Gegensatz zu der bisherigen Annahme verschiedene Töne in ihrer Stimme, freilich sind einzelne Arten lauter als andere.

Eine berühmte Reiher-Kolonie.

Der Plattensee in Ungarn, der größte aller mittel- und südeuropäischen Seen, birgt noch so manches naturgeschichtliche Geheimnis, besonders in seiner reichen Dogelwelt. Die hier vorhandene Reiherkolonie hat seit dem Iahre 1835, in dem sie der berühmte deutsche Vogelkenner R a u nt a n n besuchte, einen Weltruf. Seit drei Iahren besteht am Plattensee zu Füßen der tausendjährigen Benediktiner-Abtei auf der Halb­insel Tihany ein biologisches Forschungsinstitut, und mit Unterstützung dieser Anstalt hat jetzt der bekannte Münchner Tierpsychologe Professor Bastian Schmid die jungen Reiher studiert und der Kolonie einen Besuch abgestattet, von dem er in der LeipzigerIllustrirten Zeitung" erzählt.Das Ziel ist nicht gerade einfach zu erreichen," schreibt er.Wenn man vom Süd­ende des Sees aus mit dem Kahn gegen zwei Stunden lang aufwärts gerudert und in die Seitenkanäle vorgedrungen ist, dann heißt es, den pfadlosen Weg durch den riesigen Sumpf anzutreten und, bis zu den Knien, mitunter bis zu Den Hüften im Wasser stehend, sich fortzu- schleppen. Immer deutlicher werden Warn- und Lockrufe der alten Reiher, allerlei Freß- und Angstlaute der Jungen Dringen an unser Ohr. Da lichtet es sich. Ein fauler Geruch nach Der- Dorbencn Fischen, vermischt mit jenem nach