Ausgabe 
2.3.1929
 
Einzelbild herunterladen

MW

ne 15

[Wen

»t 06 tieii

Merkule, Atzr-.

in. Bll

UW Hüt

MV

5fr DoM

t Wgnung. 'Ug-Sövi, Diskill lag. den 5. Mär,, Holz zur Brrfieige-

. RI. N.« 3,671m . , N.=13,85 , . N.- 6M h

, , N.= 2,64

i. , N.- 2,18

L , N.- 0,43 ,

la., N.= 8,81 ,b., N.-19.74 la- N. 15,90 n !b- N.« 10,61 !d«, N.= 2,60 jen 1. bis III. ffloik scheitel II. Basse

m. S llhr an bet sNiederkleen tm 1905D

ei £ang>&öni.

M -

Z

Benin« neuer Sutje glnmelbiM iMlnt'. EI.Dia-HandeliSCJiüe IHM, Liiflen.Be.oboli.f'W

Jß5 Eklö

Sfadtthealer ggStSSSS «fas? »Ä-.

SA

DUkllüB ÖH» i -xonnersiaa-^" 7.Ä abend»,

jggsS iisA? LK i»5

SS?

, oaii«51,1"« ssfiss?

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 52 Zweites Blatt

Samstag, 2. März 1929

Zwei Wege.

Don Dr. Paul Rohrbach.

Wer die Pariser Konferenz über die deutschen Tribute etwas aufmerksamer verfolgt hat, wird sich heule schon sagen können, daß eine Lösung des Pro­blems auf einfache und für Deutschland tragbare Art nicht zu erwarten ist. Die Dinge stehen so, dah Frankreich und die übrigen Tribulempfönger nicht unmittelbar genötigt sind, den deutschen Bedürf­nissen entgegenzukommen, und ebensowenig für Deutschland, "sich jedes Zugeständnis abpressen zu lassen, das die anderen von uns zu erreichen wün­schen. Die einzige wirkliche Gefahr, so paradox es klingt, droht Deutschland nicht von der gegnerischen, sondern von der eigenen Seite Worin sie besteht, das wird uns gleich deutlich, sobald wir uns die bei­den Wege vergegenwärtigen, die sich der deutschen Politik unter den gegenwärtigen Verhältnissen bieten.

Es gibt eine Richtung in Deutschland, die möchte so schnell es geht, außenpolitische Erfolge erleben, zunächst in der Befreiung des Rheinlandes, danach im Saargebiet, im Bölkerbund und vielleicht auch in der Minderheitenfrage. Zugeständnisse in der Rheinlandfrage sind aber nur zu erwarten, wenn wir zugunsten Frankreichs große finanzielle Verpflichtungen auf uns nehmen Natürlich wäre Deutschlands Stellung außenpolitisch erleichtert, so­bald die alliierten Besatzungtruppen praktisch find cs ja nur die französischen das Rheinland verlassen haben. Es soll auch nicht unterschätzt wer­den, daß, wenn im Falle eines polnisch-russischen Krieges noch eine starke französische Militärmacht auf deutschem Boden steht, sich daraus Gefahren entwickeln können. Die Ratifizierung des Kellogg- paktes zwischen Polen und Sowjetrutzland, die kürz­lich in Moskau geschah, wird niemand für eine Ge­währ dafür Hallen, daß Polen nicht bei günstiger Gelegenheit unter irgendeinem Vorwande doch los- fchlägt. Trotzdem liegt, sobald wir finanziell mehr unterschrieben haben, als wir eines Tages leisten können, eine zu große Gefahr in der Frage: Was geschieht, wenn eine deutsche Verpflichtung nicht durch feindliches Diktat, sondern durch freiwil­lige Vereinbaruna dasteht, und Deutschland muß nachträglich sein Unvermögen erklären? Was geschieht weiter, wenn der Transferschutz, ganz ober teilweise, aufgegeben ist und Deutschland kann den Koupon seinerkommerzialisierten" Schuld nicht einlösen? Was geschieht namentlich dann, wenn die politische Lage in Europa einem französischen Sanktions"-Bedürfnis gerade günstig sein sollte?

Der zweite Weg, der sich uns bietet, bedeutet den praltischen Verzicht auf augenblickliche, sicht­bare, außenpolitische Erfolge, und er wird be­stimmt durch die Einsicht, daß bis auf weiteres deutsche politische Ziele nur so weit und nur dort verfolgt werden können ehrlicher Weise muß man lagen: in Zukunft werden verfolgt werden können. wo vorher durch die deutsche Wirt­schaft Tatsachen geschaffen worden sind, auf deren (Irund ein politisches Handeln möglich wird. Dies ist der Weg, den wir für den richtigen halten, und es ist zu bedauern, daß in Deutsch­land noch keine einheitliche öffentliche Meinung darüber existiert, was unser wirtschaft­liches Ergehen für unsere kommende Poli­tische Reuaufrichtung bedeutet. Der SahWirt­schaft ist Schicksal" ist anfechtbar, wenn er eine Weltanschauung ausdrücken soll. ®r, hat aber Gewicht, wenn er dahin gewandt wird, daß die gegenwärtige deutsche Wirtfcha't ein Instrument. unD zwar das entscheidende, für die Wiederherstellung unseres nationalen Schwer­gewichts in der Welt ist.

ES ist nötig, daß wir uns an die doppelte Einsicht gewöhnen, daß bis auf weiteres die deutsche Wirtschaft, nicht die dazu aller taug­lichen Mittel beraubte deutsche auswärtige Po­litik. die deutsche Geltung in der Welt au schaffen hat. und dah solche Geltung zunächst nur auf dem Wege erhöhter deut­scher W i r t s ch a f t s l e i st u n g e n zu er­reichen ist.

Ist dem aber so. dann scheint uns nichts ge­fährlicher, als die Verfolgung lockender außen­politischer Ziele um den Preis einer zu hohen Belastung der deut schen Wir t-

f d>a f t Aus eine solche würden jedenfalls, direkt oder indirekt, überhöhte deutsche Zugeständnisse in Paris hinauskommen. Eine ter deutschen Per­sönlichkeiten, die jetzt in Paris tagen, hat einmal auf die Frage, ob es im Auslande Leute gibt, die ein objektives und richtiges Urteil über die deutsche Finanz- und Wirtschaftslage haben, die lapidare Antwort gegeben: Mehr als in Deutschland! Also gibt es draußen auch Leute, die wissen, daß die Dawes-Last selbst dann, wenn sie rnähig reduziert wird, das deutsche Aufbringungsvermögen jetzt und für absehbare Zukunft übersteigt. Das wäre günstig, wenn es in dieser Sache nur auf das Wissen ankäme. Es gibt aber andere Leute, die Deutschlands Lage entweder nicht erkennen, oder sie nicht erkennen wollen, und diese haben vorläufig die Macht, eine Lösung, wie sie der Vernunft der Wissenden entspräche, zu verhindern.

Dies ist die Situation. Don Dr. Schacht wurde berichtet, es habe nach der ersten Sitzung, als niemand auf der Gegenseite recht mit den im Hinterhalt liegenden Forderungen herausgekom- men war, gesagt: Die Pandorabüchse muh erst ausgeleert werden! Die Leerung ist jetzt im Gange, und es ist Unmögliches für Deutschland

herausgekommen. Es gibt Amerikaner, und es gibt auch Engländer, von neutralen Sachverstän­digen abgesehen, die einsehen, wie die beiden Fragen beantwortet werden müssen, die von den deutschen Delegierten der Äonferenj vorgelegt wurden: ob anzunehmen fei, daß die deutsche Wirtschaft unter dem Dawes-Plan bereits zu normalen Verhältnissen gelangt sei, und ob die bisherigen deutschen Zahlungen aus den lieber- schüssen der Wirtschaft oder aus auswärtigen An­leihen beglichen worden feien? Ihre Einsicht aber wird nicht viel Helsen, und Darum wird uns der Entschluß nicht erspart bleiben, lieber auf den außenpolitischen Erfolg der Konferenz zu verzichten, weil er z u teuer erlauft und daher nur ein Scheinerfolg wäre, und jeder Forderung, mit deren Unterzeichnung wir unsrer Wirtschaft eine Schlinge um den Hals legen würden, abzulehnen. Cs bleibt dann eben beim Dawes-Plan, und vermutlich wird es in dem Falle nicht lange dauern, bis auch die Fran­zosen einsehen, dah je länger sie sich gegen ein vernünftiges Abkommen wehren, desto geringer die Zahlungen ausfallen werden, die eine neue Tributkonferenz auf Deutschland legen würde.

Zeugnis ausstellt. Rücksichtslos bekämpft: er den verhängnisvollen, schon lange 'wr dem Kriege üblich gewordenen Grundsatz, daß sämtliche, auch die geringfügigsten ©taatsftellcn. jeweils der sieg reichen politischen Partei zufallen sollten; dafür schlug er ein gerechtes, von der Parteizugehörig­keit unabhängige« System des Befähigungsnach­weises vor. Freilich war damals die amerika­nische Politik für eine grundlegende Reform noch nicht reif; aber in späteren Jahren wurde die Reform des Zivildienstes" wesentlich nach den ursprünglichen Anregungen Schürzens durch­geführt. Inzwischen war er das anerkannte Haupt der Linksrepublikaner geworden, die sich von allen rein taktisch-polfschen Bindungen möglichst freizuhalten suchten; wenn immer impericllisti.che oder kapitalistische Uebermacht bad Recht zu beugen suchte, trat er als Verfechter der staat lichen Moral, als Verteidiger freiheitlicher Grundsätze auf den Plan. Den krönenden Ab­schluß fand Schürzens politische Laufbahn mit feiner Wahl zum Minister des Innern im Ka- bür' des republikanischen Präsidenten Hayes (187. 1881); seine Verwaltung war ein Muster gerechten, unabhängigen Ausgllichens.

Seinen Lebensabend verbrachte Schurz er starb am 14. Mai 1906 zu Reuyork in eifriger journalistischer Tätigkeit. Die reifste Frucht seines großen schriftstellerischen Talents sind seine leider unvollendet gebliebenenLebenserinne- rungen". In ungemein bewegten, farbigen Bil­dern rollen hier die Ereignisse dieses erfolg­reichen Lebens vor und ab, und mit abgeklärter Ruhe beurteilt er sein Wirken im Lichte feiner unbeirrbaren demokratischen ileberjeugungen. Mit gleicher Lebendigkeit aber ersteht vor uns ein Ausschnitt aus /inem der wichtigsten Kapitel der amerikanischen Geschichte, in dem das deutsch- amerikanische Element eine bedeutende, stellen­weise sogar ausschlaggebende Rolle gespielt hat.

Aus her provinzialhaupistadi.

Gießen, den 2. März 1929.

Das Schwerste.

Der Schüler fitzt vor seinem Heft und müht sich mit seinen Gleichungen ab; das Mädchen am Kla­vier übt die Sonatine und kriegt den Triller nicht heraus; der Buchhalter ist an seiner Bilanz und fin­det den Fehler nicht. Jeder glaubt, ihm sei das Schwerste aufgegeben worden. Und doch gibt es etwas, das noch viel schwerer ist: das ist unsere liebe Muttersprache und ihre Rechtschrei­bung.

Wer erkühnt sich, zu behaupten, daß er Herr der deutschen Orthographie sei? Wohl niemand. Sie ist eben nicht restlos zu erlernen. Dabei streift ein liebevoller Blick unfernDuden". Und wer behaup­tet weiter, daß er noch keinen stilistischen Schnitzer gemacht habe? Man braucht gar nicht an die Ent­gleisungen von Rednern zu denken, oder gar an einige amtliche Verlautbarungen. Wer ein wenig in der Eisenbahn, auf der Straße, im Cafe, oder wo es auch sei, acht gibt, kann die feltsamsten Dinge hören.

Nach einer längerenwichtigen" Rede sagte mir einmal ein tüchtiger Gemeindebeamte:Ja, das ist des Pudels Karren!" Ich war verblüfft. Des Pudels Kern? Endlich dämmerte es mir. Der gute Mann meinte, Kern fei mundartlich, etwa wie Schubkern (Schubkarren!), dementsprechend der klassische Aus­spruch!

Oder steigen wir erst zu unfern lieben Kindern herab. Da merken wir, wie schwer die deutsche Sprache ist. Mein kleines Mädchen hat in der Schule das Lied gelernt: Winter, ade, scheiden tut weh! (Etwas voreilig von dem Lehrer.) Ich frage so nebenbei:Weißt du denn auch, was Scheiden ist?"S cher, im Schuppen liegen sie ja; Wilhelm hat mir im Sommer eins an den Kopf geworfen, das tat sehr weh." So stellt sie sich also das Schei­den vor!

Das kleine Liedchen: ,^Das Schäfchen auf der Weide, hat Wolle weich wie Seide", sind ein Junge so:Das Schäfchen auf der Weide hat Wolle auf der Seit e". Die Geschichte von den Kartoffeln, die all mehlig (allmählich!) find, ist ja alt, vielleicht auch

Earl Schurz.

Zu seinem 1OO« Geburtstag.

Von Dr. Walther Fischer, o. ö. Professor der englischen Sprache an der Universität Gießen.

In diesen Tagen ist es das Vorrecht aller Deutschamerikaner, sich freudigen und stolzen Ge­fühlen hinzugeben; denn es gilt, das Gedächtnis des Größten unter ihnen zu feiern, der nicht nur das Wohl des deutschamerikanischen Volksteils sondern der ganzen amerikanischen Ration mit Einsetzung all seiner Kräfte gefördert hat. Stets war er sich der Tatsache bewußt, dah dieser deutschamerikanische Dolksteil ein Glied des Gan­zen bilde und dah deutsch-staatliches Eigenleben auf amerikanischem Boden eine politische Un­möglichkeit sei, fo sehr er auch den kulturellen Zusammenhang mit der alten Heimat gewahrt wissen wollte: .Unser deutscher Stolz soll uns hier nur zu dem Entschlüsse begeistern, zu den besten amerikanischen Bürgern zu zählen. Wir haben keine Sonderinteressen hier, wir sollen hier keine Sonderzwecke haben. Unsere Inter­essen sind keine anderen, als die der Allgemein­heit; unsere Zwecke sollen keine anderen sein als die des öffentlichen Wohles." In diesem Geiste wirkte er auf seine deutschamerikanischen Landsleute ein, und immer haben diese feinem Geiste nach gehandelt. Aber heute, da man sich anschickt, den hundertsten Geburtstag Schürzens festlich zu begehen, mag sich doch auch manch bittere Erinnerung in die Festesstimmung mischen, wenn die Deutschamerikaner sich all der Unbilden und all der Verleumdungen erinnern, denen sie in der Katastrophe des Weltkrieges ausgesetzt waren, wo sie loyal ihrem Adoptivvaterlande zur Seite ftanDen. aber gleichwohl von einer ver­hetzten Dolksmeinung als Bürger zweiter und dritter Klasse behandelt wurden.

Carl Schurz, der Rheinländer, der deutsche Re­publikaner von 1848, der Befreier des revo­lutionären Dichters Gottfried Kinkel aus dem Spandauer Gefängnis, erblickte am 2. März 1829 zu Lieblar bei Köln das Licht der Welt. Rach den politischen Rückschlägen in der Heimat wanderte der junge Feuerkopf 1852 nach Amerika aus, begleitet von feiner tapferen Frau, die ihm zeit­lebens wacker zur Seite stand, und gründet: sich in Wisconsin, einem Mittelpunkt der deutschen Ein­wanderung, eine Existenz als geachteter Rechts­anwalt. Mit Begeisterung stürzte er sich in das politische Geben des Vaterlandes feiner Wahl, dessen staatliche Entwicklung eben der großen Krise des Bürgerkrieges zutrieb. Der Gedanke allgemeiner Menschenliebe, die Ideen des po- litischen Liberalismus, nicht zuletzt auch die Vor­stellung, dah der südliche Landesteil, in alter, feudalistischer Ueberliesemng verharrend, den Geist der Verfassung mit Füßen trete, ließen

den Rord- und Weststaaten das Eklavereisystem des Südens als eine Gefahr für die fortschrittliche Entwicklung des Landes erscheinen. Andererseits betrachteten die Südstaaten die Sklaverei als Grundlage ihres großagrarischen Systems, und jeden Angriff auf diese ihrebesondere Einrich­tung" als eine Bedrohung ihrer materiellen Existenz, als eine Verletzung des durch die Ver­fassung gewährleisteten Grundrechts innerpoli­tischer Unabhängigkeit. Die Wahl Lincolns, des Republikaners und Sllavereigegners, zum Prä­sidentschaftskandidaten (1860) brachte die Ereig­nisse zu einer überstürzten Entwicklung. Die Südstaaten trennten sich vom Bunde und eröff­neten alsbald die kriegerischen Handlungen.

In den kritischen Iahren, die der Wahl Lin­colns vorhergingcn, hatte Schurz es verstanden, durch glänzende Rednergabe und überragende Geistigkeit die Deutschamerikaner, deren freiheit­lichem Sinn die Sklaverei von jeher verhaßt ge­wesen, geschlossen für die Sache der Rordstaaten zu begeistern. Lincoln hatte ihn in Anerkennung seiner Verdienste um die Präsidentschastswahl als amerikanischen Gesandten nach Madrid ge­schickt; aber sofort bei Ausbruch des Krieges eilte Schurz zu Den Waffen, beteiligte sich mit großer Tatkraft an der Organisation der deutsch- amerikanischen Truppenteile, und nahm als Bri­gadegeneral am ganzen Feldzug teil. Richt weniger als 180 000 deutschamerikanische Frei- willige hatten sich anwerben lassen ein glän­zender Beweis für die ernste Hingebung, mit der die deutschamcrikanische Bevölkerung ihre Bürger­pflichten auffaßte.

Und als der Krieg beendet war. als es galt, die Wunden des geschlagenen Südens zu Hellen, da wurde Carl Schurz dazu ausersehen, nach einer eingehenden Informationsreise über die wahre Lage des Südens nach Washington zu berichten. Der unabhängige Mann ent ebigte sich dieser heiklen Aufgabe mit solchem Freimut und enthüllte die Schäden des von der Regierung ge­duldeten unseligenRekonstruktionslystems" so schonungslos, daß er sich bei den korrupten Poli­tikern, die durch ungesetzliche Zugeständnisse an die Südstaaten und durch erneute Unterdrückung des Regerelements sich Einfluß und Gewinn ver­schafften. aufs höchste unbeliebt machte. Gle ich - wohl war sein Ansehen bei den Deutschamerika­nern des Mittelwestens so sehr gestiegen, dah er 1868 als Senator für Missouri in den amerika­nischen Kongreß einziehen konnte. Und wiederum setzte er sich für eine Sache ein. Die seinem Emp­finden für politische Reinlichkeit das ehrendste

Gießener Konzertverein.

IX Konzert: BeethovensMissa solemnis.

Mit Der Aufführung der Missa solemnis von Beethoven schwang sich Der Gießener Konzertwinter zu einer Gipfelleistung aus, wie sie chorisch in den letzten Iahren noch nicht erreicht wurde. Die eminenten Schwierigkeiten. Deren Be­herrschung Die Partitur von Den Gesangskräften forDcrt und auf die schon in Der Vorbesprechung verwiesen wurde, wurden hiermit überraschender Selbstverständlichkeit überwunden. Ia, bei den kühnsten Anforderungen an Höhe und Stimm­stärke. hatte man bei der Aufführung nie den Eindruck, daß auch nur im geringsten Falle Die durch die Rücksicht auf einen schönen Stimmklang gesetzte Grenze jemals überschritten wurde. Stets war der Chorklang edel, ausgeglichen und rund, markant in der Thematik, voller wuchtiger Ak­zente im Forte und Fortissimo durch feine über­wältigende Fülle, weich im Piano und von be­sonderer Ausgeglichenheit und Wirksamkeit un Dekrescendo, Dem sich gerade sonst in Der Chortech- nik viele Schwierigkeiten entgegenftel'en unD Dem man selbst bei prominenten Chören in solcher Diszi- plinierung nicht häufig begegnen wirb. Und so mußte die Ausführung über Die geleistete Arbeit des Dirigenten das vollkommenste Lob künden. Angesichts der Chorleistungen konnte hier der Kritiker schweigen und ohne Die geringste Trü­bung miterleben.

Unter Den Solisten, Die für eine solche quali­tativ hochstehenDe Aufführung in Betracht tarnen, hatte man Die ersten Vertreter jedes Faches aus- gewählt, und sie erfüllten durchweg die von ihnen erhofften Erwartungen. Da, wo Ria Ginster (Sopran), Frankfurt, als Solostimme nur einem kleinen Begleitkörper gegenüberftanD, vermochte sie jedem Wunsch gerecht zu werden. Am er­giebigsten erschien ihr Organ in der oberen Wit­tellage; nach der Höhe zu war es nicht frei von einer gewissen Enge. Wo sie sich mit einem Swßeren Ensemble vereinigte, trat ihr Stimm- ang nicht immer plastisch genug hervor, wie D. in Der auffteigenDen Tonleiter zum hohen B am Schluß des Credo. Ruth Arndts fülliger AU entfaltete sich namentlich auch in Der Hohe mit seltener Weichheit und angenehmem Wohl­laut. Ihre ausgiebigen Stimmittel verstand sie,

ihrem starken, musikalischen Willen untertan zu machen. Louis van Suitier aus Haag muh man für einen der bedeutendsten Oratorien- tenöre ansehem Man weih nicht, was man bei ihm mehr bewundern soll: den Wohlklang seines prachtvoll durchgebildeten Organs oder die durch­geistigte Art, mit der er die ihm gestellten Aus­gaben restlos erfüllte; ergreifend war er im Incarnatus. Hermann Scheys hohe Kunst ist hier in Gießen genugfam bekannt. Auch er hat unter den Oratoriumbäffen kaum seinesgleichen. Seinen Höhepunkt gab er imAgnus dei .

Der symphonische Orchesterstil DeethovenS stellt dem Instrumentallörper hochverantwortungs­volle Ausgaben: Stets war das Orchester dem Dirigenten ein bis zum äußersten ergebener Or­ganismus, besonders sei des ersten Hornes im Sanctus1- gedacht und der Bratschen im Prä­ludium zum Benedictus. Die Solovioline (Gustav Lenzewski, Frankfurt) führte chren Part mit feiner, schwebend-weicher Tongebung durch in starker musikalischer Durchdringung. Unter Den Holzbläsern, Die insgesamt Ausgezeichnetes leiste­ten, traten besondere Die Flöten hervor. An Der Orgel gab Iohannes Rebeling, Frank­furt, dem Ganzen {länglichen Halt und starke Akzente.

Universitätsmusikdircktor Dr. Stefan Temes- vary gebührt das Verdienst, eine künstlerische Großtat vollbracht zu haben, wie sie ein Außen­stehender von Gießen kaum hätte erwarten mögen. Ihm werden alle Hörer für Die Stun­den der Erhebung und geistigen religiösen Schauens von Herzen innerlich verbunden fein.

Dr. H.

Oie Kahe sieht Gespenster.

Don Witt Scheller.

Zuerst ist nicht« vorhanden als Ruhe Der FrieDen eines Winternachmittags, außen von Frost umgittert, innen von unsichtbarem Wärme­strom durchwebt. Und der Lichtkegel, Der vom Mittelpunkt Der farbig abgehackten Lampe her sanft ins Zimmer sich verbreitet. Und auf dem mit violettem Rips bezogenen Sofa ein schnee­weiß ausgebauschter Kringel: Hans, Der Käfer, prinzlichem Angorablut entstammend, mit ge­

schlossenen Augen. Das überhelle Rosa von Ohren, Rase und hem im Schlaf ein wenig ge­öffneten Mund (Katzen haben nie eine Schnauze, selten ein Maul) schimmert wie Marzipan. Die Lampe summt. Leise knistert ein Buch.

Aber hie Tür zum Rebenzimmer ist geöffnet, ilnh im Rebenzimmer brennt kein Licht. Rur ein schwacher Schein bringt Durch Die offene Tür in Die Dunkelheit ha Drinnen, in her hie Möbel undeutlich, schemenhaft verdämmern.

Plötzlich hebt Hans den Kopf mit Der mächti­gen weißen Halskrause und dem unheimlichen Schnurrbart. Seine großen blauen Augen sind auf einmal weit geöffnet. Sie starren durch.die offene Tür in die Dunkelheit da Drinnen mitten in Die Dunkelheit hinein . . .

Run ringelt er sich vollends heraus aus Dem Behagen seines Schlummers im Winternachmit­tag unD kriecht bis an den Bord des Sofas. Er senkt den Kopf, und den Blick der offenbar schreck­haft geweiteten blauen Augen starr auf einen für menschliche Wahrnehmung unerkennbaren Punkt im dunklen Zimmer Da Drinnen gerichtet, (aßt er sich langsam zur Erde hinab. Dort bleibt er liegen, einige Minuten, lauernd . . .

Dann aber scheint etwas unmittelbar ihn em­porzureihen. Er steht auf und schreitet, in atem- beklemmender Langsamkeit, während fein langes weißes Haar sich sträubt und der buschige weiße Schweif ^u zittern beginnt, geradeswegs in das dunkle Zimmer hinein, mit beinahe bis zur Erde geducktem Kops, langsam, Die wolligen. Lallen- bewehrten Pfoten in Pausen hebend, beugend, senkend, zögernden Schrittes, doch, so scheint es, unwiderstehlich angezogen.

Der Frieden des nahen Abends ist entwichen. Zwar Die Stille blieb, aber sie ist von einer selt­samen, beinahe beängstigenden Spannung erfüllt. Was sieht das Tier, daß es wie unter einem Zwang, dem es widerwillig, mit einer Art star­rer. wiewohl ohnmächtiger Auflehnung folgt, ins Dunkel schleicht, wie zu einem Kampf mit bös­artigem. gefährlichem Widersacher? . . .

Unvermutet ist alles vorüber. Ohne Uebergang ist die Starrheit abgefallen von dem Körper des Tieres, das wie erschöpft niedersinkt und sich lofort ausstrcckt aus dem Teppich, im dunklen Zimmer da drinnen. Den blauen Blick blinzelnd zurück ins Licht gehoben, das von der Lampe her noch über die Schwelle der Türe sintert. An­

mutig erschlafft liegt er da, her Prinz mit dem weißen Löwenhaupt, und leise Hopft fein schöner, buschiger Schweif Den Boden, als wäre nichts ge­schehen.

Und dennoch ist etwas vorgegangen aber was vermag ein Mensch zu ahnen von dem, was ein Tier schon in der nächsten Minute ver­gessen hat? Was ändert indessen dieses Unver- mögen, diese Unmöglichkeit, einen Vorgang auf- zuAllen, Daran, daß er in Der Tat sich zu- getragen hat? Ist ein Geheimnis toeniger wirk­lich unD bedeutsam, weil es, die Sinne nur eines Tieres berührend, äußerlich geringer erscheint als Das Erlebnis eines Menschen?

Ernstliche Beobachtung hat längst ergeben unD unwiderleglich erhärtet, daß Katzen, wie auch andere Tiere, manches zu sehen vermögen, was menschlichem Auge entrückt ist Gegenwärtiges wie Vergangenes und Zukünftiges von den Menschen gern, aus Verlegenheit nämlich, als Gespensterspuk abgetan. Hat es auch diesmal gespukt, den gröberen fünf Sinnen des Menschen unzugänglich, von der feineren Witterung Des prmzlichen Katers jedoch erspürt und zwangs­läufig verfolgt, bis es verschwand, das 'Phan­tom, in der Finsternis des nun allmählich herein- gesunkenen Abends? Und sitzt er Denn nicht auch sonst oft da, der Kater, minutenlang, Den Blick Der großen blauen Augen starr in eine Ferne gerückt, dahin ihm niemand zu folgen vermag ober in eine Rähe, dahin zu folgen niemandem ratsam erscheint?

Fragen über Fragen! Die Welt ist an Rät­seln reich genug, um es auch dem plattesten Verstände nicht gänzlich undenkbar erscheinen zu lassen, daß sie. die Weit' von solcher Ueberfülle her Geheimnisse auch Den Tieren ihr alleiniges Teil gegeben, wie sie ein alleiniges Teil den Menschen überantwortet hat; von Den Pflanzen schon gar zu schweigen. 3n welcher von diesen Drei Dimensionen Des organischen Lebens die Rätsel der Welt am deutlichsten sich enthüllen wer wäre so vermessen, an dieses Geheimnis der Geheimnisse auch nur rühren zu wollen?

Der weiße Kater hat sich wieder zusammen- geredt. Er schläft, ungeängstet von Gespenstern. Sein.Atem wird zuweilen von einem Seufzer des Behagens unterbrochen. Sonst ist alles still. Rur hie Lampe summt verstohlen. Und leise, in kurzen Zeitabstäntien, knistert ein Buch.